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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Sechstes Buch.

Dir bring' ich Feuer – um den Ort
   kümmr' ich mich nicht.

     Eurip. Androm. 256.

 

Erstes Kapitel.

…… »Die alte Stadt,
Wie üppig liegt sie zwischen dem Lächeln
   der Natur
…… Viele Nationen treffen sich,
Wie auf der See, doch nicht im Raum
   beschränkt,
Sie strömen frei durch weite Straßen!«

      Young.

 

Er knirschte mit den Zähnen
Im höchsten Grimm, vergeblich Rache
   drohend.

      Spencer.

 

» Paris ist ein entzückender Ort – das gestehen Alle ein; er ist entzückend für die Jungen, die Heiteren, die Müßiggänger, die literarischen Löwen, die geliebkost werden wollen, für den weisen Epikuräer, der sich einem mehr zu rechtfertigenden Genuß überläßt. Er ist entzückend für Damen, welche behaglich leben und schöne Hüte kaufen wollen; er ist entzückend für Menschenfreunde, welche Entwürfe über Kolonisation des Mondes zu vernehmen wünschen; er ist entzückend für Herumstreicher auf Bällen, Balletten, kleinen Theatern und prächtigen Kaffeehäusern, wo Männer mit Bärten von allen Größen die Engländer mit scheelen Blicken betrachten und ihre Geistesgaben in das bezaubernde Dominospiel vertiefen. Für diese und viele Andere ist Paris entzückend; ich habe nichts dagegen; was aber mich betrifft, so möchte ich in London lieber in einer Dachstube als in Paris in einem Palast der Chaussée d'Antin leben. Chacun à son mauvais goût. Jeder nach seinem schlechten Geschmack. Anm.d.Hrsg.«

»Ich liebe nicht die Straßen, worin man in der Gosse spazieren muß; ich liebe nicht die Läden, die nichts enthalten, als was an den Fenstern steht; ich liebe nicht die Häuser, welche Gefängnissen gleichen und auf den Hof ausgehen; ich liebe nicht die beaux jardins, wo keine Pflanzen wachsen, als Liebesgötter von Gyps; ich liebe nicht die Feuer von Holz, welche eben so viel petits soins sorgsame Pflege. Anm.d.Hrsg. als die Weiber erheischen und keinen Körpertheil als das Augenlid wärmen; ich liebe nicht die Sprache mit den starken Phrasen über Nichts, welche wie ein Pendel zwischen Entzückung und Verzweiflung hin und her schweben; ich liebe nicht den Accent, den man nicht bekommen kann, ohne durch die Nase zu sprechen; ich liebe nicht den ewigen Lärm und das Geschwätz über Bücher ohne Natur und Revolutionen ohne Nutzen; ich hege keine Sympathie mit Erzählungen, die einen todten Esel betreffen, noch mit Constitutionen, welche den Repräsentanten die Abstimmung durch Kugelung geben »welche den Repräsentanten die Abstimmung gewähren«. Anm.d.Hrsg. und allgemeines Stimmrecht dem Volk entziehen. Auch habe ich nicht viel Glauben an den Enthusiasmus für die beaux arts, welcher seine Produkte in scheußlicher Musik, verabscheuungswürdigen Gemälden, verfluchenswerther Skulptur und jenem drolligen Dinge zeigt, das die Franzosen, wie ich glaube, Poesie nennen.«

»Tanzen und Kochen, das sind die Künste, worin die Franzosen sich auszeichnen; ich gestehe dieß ein, darin sind sie ausgezeichnet. Aber, o England! o Deutschland! ihr braucht nicht eifersüchtig auf eure Nebenbuhlerin zu sein.«

Dieß sind nicht die Bemerkungen des Verfassers; er erkennt sie nicht als die seinigen an: Es waren die Bemerkungen Herrn Clevelands. Er war ein Mann, voll von Vorurtheilen; Maltravers war freisinniger, er machte aber auch keine Ansprüche, ein Witzling zu sein.

Maltravers war jetzt mehre Wochen in der Stadt der Städte gewesen und bewohnte allein seine Zimmer in der düstern, aber interessanten Vorstadt St. Germain. Cleveland, nachdem er acht Tage eine Auktion besucht und außerdem alle Läden mit Curiositäten geplündert, Bronzen und Schränke und genuesische Seidenzeuge und objets de vertu Kunstgegenstände, Antiquitäten. Anm.d.Hrsg. in, solcher Masse eingeschifft hatte, daß er damit das halbe Font-Hill hätte möbliren können, war mit seiner Sendung fertig, und kehrte auf seine Villa zurück. Bevor der alte Herr abreiste, schmeichelte er sich mit dem Gedanken, daß der Wechsel der Luft und der Scenen seinem Freunde schon von Nutzen gewesen seien, und daß die Zeit eine vollkommene Heilung der gewöhnlichsten aller Krankheiten, einer unerwiderten Leidenschaft oder eines schlecht angebrachten Eigensinnes bewirken würde.

Maltravers, gewohnt seine Regung sowohl zu besiegen, wie zu verbergen, strebte jetzt ernstlich, das Bild zu verdrängen, welches Besitz von seinem Herzen genommen hatte. Eitel auf seine Selbstbeherrschung und seine Lieblingstugend, die Tapferkeit, seine betrügliche Philosophie von der goldenen Mittelstraße verehrend, wollte er nicht schwach der Leidenschaft nachgeben, da er finster vor ihrem Gegenstand geflohen war. Aber dennoch verfolgte ihn das Bild Evelinens; es erschien ihm, es kam unerwartet über ihn, in der Einsamkeit wie im Gedränge. Das so heitere und doch so sanfte Lächeln, welches stets Gewalt besaß, den Schatten von seiner Seele zu bannen; die jugendliche und üppige Blüthe reiner und beredter Gedanken – die Blüthe des Genius, bevor dessen Frucht, die süße wie die bittere, geboren, ist – jene seltene Vereinigung schnellen Gefühls und heiterer Stimmung, welche das Ideal dessen bildet, was wir in der Geliebten erträumen und von der Gattin verlangen – Alles dieß, sogar noch mehr als die ausgezeichnete Gestalt und die zarte Grazie der noch weniger dauerhaften Schönheit, kehrte ihm nach jedem Kampfe mit sich selbst stets wieder zurück. Jene Zeit schien in tieferen, wenn auch mehr verborgenen Falten seines Herzens einen nicht zu entwurzelnden Eindruck zurückgelassen zu haben.

Maltravers erneute seine Bekanntschaft mit Personen, deren sich der Leser wohl noch erinnern wird.

Valerie von St. Ventadour – wie viele Erinnerungen an schöne Tage waren mit diesem Namen verknüpft! Gerade weil sie nie bis zu seiner Liebe gereift war, sondern weil sie nur seine Phantasie erweckte (die Phantasie im zweiundzwanzigsten Jahre!), hatte ihr Bild stets eine liebliche und angenehme Färbung behalten. Es war mit keinem tiefen Kummer, mit keinem finstern Gram, mit keinem düstern Selbstvorwurf, mit keiner stets quälenden Scham verbunden. Die Erinnerung an Valerie befand sich unter denjenigen, die mit Gefühl berührt und nicht durch Leidenschaft verwelkt waren. Beide trafen sich wieder.

Frau von Ventadour war noch schön und bewundert – vielleicht mehr bewundert als jemals, denn den Großen der Welt bringt die Mode und Berühmtheit eine zweite und noch mehr gefeierte Jugend. Maltravers, wenn er sich freute, daß die Zeit die schöne Französin so sehr verschont hatte, las noch mit größerem Vergnügen eine größere Heiterkeit und Zufriedenheit in den lieblichen Gesichtszügen wie früher. Valerie von Ventadour war ihrem jüngeren Bewunderer durch die Mysterien des Lebens vorangegangen; sie hatte die wirklichen Zwecke des Seins erlernt; sie unterschied zwischen dem Vorhandenen und dem Erträumten, dem Schatten und der Substanz; sie hatte sich Zufriedenheit für die Gegenwart erworben, und blickte mit ruhiger Hoffnung in die Zukunft. Ihr Charakter war noch stets fleckenlos, oder vielmehr, jedes Jahr der Versuchung und der Prüfung hatte ihm einen höheren Glanz ertheilt. Die Liebe, welche einst ihren Untergang hätte bewirken können, errettete sie vor Gefahr, als dieselbe überwunden war.

Die erste Begegnung zwischen Maltravers und Valerie zeigte allerdings Verlegenheit und Zurückhaltung, nicht aber die zweite. Nur einmal und nur leichthin berührten sie die Vergangenheit. Von dem Augenblick an aber entstand eine wahre Freundschaft zwischen ihnen, gleichsam durch schweigende Uebereinkunft. Keines von Beiden fühlte Schmerz, daß die Täuschung verschwunden war; sie waren nicht mehr für einander dieselben. Beide mochten sich veredelt haben, sie hatten es auch; die Valerie und der Ernst von Neapel waren verstorbene und verschwundene Personen. Vielleicht war das Herz der Valerie sogar über die Heilung seiner sanften und üppigen Krankheit durch die Erneuerung ihrer Bekanntschaft noch mehr getröstet.

Der gereifte und erfahrene Denker, in welchem der Enthusiasmus seinen gewöhnlichen Wechsel erfahren hatte, mit der ruhigen Stirn und dem befehlenden Aeußeren nüchterner Mannheit, war ein durchaus verschiedenes Wesen vom romantischen Knaben, welcher der wirklichen Welt civilisirter Mühen und Vergnügungen noch gänzlich neu, mit dem frischen Eindruck der Abenteuer des Ostens von den Reisen heimkehrte und in goldenen Träumen der Dichtkunst schwelgte, bevor er als Autor oder öffentlich als handelnd aufgetreten war! Sie vermißte die glänzenden Irrthümer, die kühnen Bestrebungen, sogar die lebhaften Bewegungen und den Eifer der Beredsamkeit, welche ihr Interesse und ihre Liebe zu dem jungen Mann erregten, der an dem Ufer Bajä's, oder unter den grabähnlichen Kammern von Pompeji umherschweifte.

Der Maltravers, welcher jetzt vor ihr stand, war weiser, edler, besser, und sogar schöner wie früher (Maltravers war einer von den Männern, denen die Mannheit besser ziemt als die Jugend), so daß die Französin zu jeder Zeit Freundschaft ohne Gefahr für ihn hätte empfinden können. Dieß schien ihr, wie es auch wirklich der Fall war, die natürliche Entwicklung, jedoch gerade ein Contrast zu dem glühenden, veränderlichen, phantasiereichen Jünglinge, an dessen Seite sie beim Mondlicht auf die Fluth und im Abendroth auf den Himmel des sanften Neapels geblickt hatte!

Wie ruft die Zeit nach langer Abwesenheit uns den Contrast zwischen Demjenigen hervor, den wir sehen, und Demjenigen, dessen wir uns erinnern! Welch ein trübseliger Hohn wird unseren eigenen eitlen Herzen geboten, wenn wir von Eindrücken träumen, die niemals wechseln, und von Neigungen, die niemals erkalten!

Wie freute sich Valerie jetzt, wenn Beide sich mit der Behaglichkeit herzlicher und argloser Freundschaft unterhielten, daß kein Flecken der Scham auf ihrer Freundschaft ruhte, und daß sie nicht die Tröstung einer Häuslichkeit ohne Liebe verwirkt hatte, die zuletzt in heitere und unentweihte Ergebung ausging – Tröstungen, die sich allein im Gewissen und im Stolze finden.

Herr von Ventadour hatte sich nicht verändert, außer daß seine Nase länger geworden war, und daß er jetzt eine gelockte Perücke anstatt seines eigenen schlichten Haares trug. Auf die eine oder andere Weise – vielleicht blos durch die Macht der Gewohnheit – war er in Valeriens Augen liebenswürdiger geworden; die Gewohnheit hatte sie mit seinen Schwächen, Mängeln und Fehlern ausgesöhnt; im Vergleich mit Andern konnte sie seine guten Eigenschaften, so wie sie waren, besser würdigen – seine Großmuth, seine gute Laune, seine Gutmüthigkeit und seine grenzenlose Nachsicht gegen sie selbst. Mann und Frau haben so manches Interesse gemein, daß, wenn sie genügende Zeit auf den holperigen Wegen des Lebens geschüttelt sind, das zuerst beschwerliche Band zuletzt angenehm wird.

Valerie, deren Gefühl und Phantasie jetzt nüchtern geworden waren, konnte ferner an tausend Dingen Vergnügen finden, welche, früher bei ihrer Reizbarkeit übersehen wurden. Sie konnte Dankbarkeit für alle Vortheile ihrer Stellung und ihres Reichthums empfinden; sie konnte die Rosen, welche sie zu erreichen vermochte, sich auslesen, ohne nach den Amaranthen des Elysiums sich zu sehnen.

Wenn den höheren Klassen mehr Versuchung als den mittleren geboten wird, und ihr Sinn des Genusses zur krankhaften Apathie sich leichter ändert, so stehen ihnen wenigstens, wenn sie die, Sättigung zu überleben vermögen, weit mehr Hülfsquellen zu Gebot. Viel Gerechtigkeit liegt in dem alten Spruch: »Reue ist am Besten in einer sechsspännigen Kutsche,« ob derselbe gleich denen mißfallen mag, die von Liebe in einer Hütte träumen. Wenn unter den Adeligen, den Hochgebornen weniger Liebe bei der Ehe und weniger ruhiges Glück zu Hause sich vorfindet, so sind sie auch weniger an einander gekettet, Mann und Weib besitzen mehr Unabhängigkeit; Beschäftigung und Trost außerhalb der Ehe läßt sich so leicht erwerben!

Als Frau von Ventadour sich von der Frivolität der Gesellschaft, von den gedrängten Räumen, von dem leeren Geschwätz und dem hohlen Lächeln der bloßen Bekannten zurückzog, ward sie empfänglicher für die Vergnügungen, die ihr verfeinerter und eleganter Verstand an Kunst und Talent und an der Mittheilung, der Freundschaft ihr darbot. Sie umringte sich mit den gebildetsten Geistern ihrer Zeit und ihres Landes. Ihre Fähigkeiten, ihr Witz und ihre Anmuth im Gespräch, setzte sie nicht allein in den Stand, auf gleichem Fuße mit den ausgezeichnetsten Talenten zu verkehren, sondern auch die Verschiedenheiten des Talents in Harmonie zu bringen. Dieselben Personen, wenn sie sich sonst trafen, schienen ihren Reiz verloren zu haben; unter Valeriens Takt athmeten Alle eine ihnen angemessene Atmosphäre. Musik, Wissenschaften, Alles, was das civilisirte Leben verfeinert und verschönert, trug dazu bei, die inneren Hülfsquellen dieses begabten und schönen Weibes zu steigern.

So erkannte sie, daß der Geist Erregung und Beschäftigung eben so gut finden kann, wie das Herz, und daß ersterer, letzterem ungleich, den Umbau durch eine Ernte lohnt. Wir sprechen von der Erziehung der Armen, vergessen aber, wie sehr die Reichen ihrer bedürfen! Valerie war ein lebendiges Beispiel der Vortheile, welche Frauen mit Kenntniß und Geist besitzen. Dadurch hatte sie ihre Phantasie gereinigt; dadurch hatte sie ihre innere Unzufriedenheit überwunden; dadurch ward sie mit ihrem Leben und mit ihrem Loose wieder ausgesöhnt! Als ihr schweres Herz die eine Wagschale niedersenkte, ward das Gleichgewicht durch ihren Geist wieder hergestellt.

Der Zauber der Frau von Ventadour zog Maltravers in den Kreis des Höchsten, Reinsten und Begabtesten, was die Pariser Gesellschaft darbot. Dort traf er nicht, wie in den Zeiten des ancien régime d. h. der vorrevolutionären Monarchie. Anm.d.Hrsg. witzelnde Abbe's, die in Intriguen lebten; keine alten, verliebten Wittwen, die über Rousseau schwatzten; keine gepuderten Höflinge, die gegen Könige und Religionen Epigramme schleuderten – Stroh, das den nahen Wirbelwind verkündete. Paul Courier hatte Recht. Franzosen sind noch immer Franzosen; sie lieben die schönen Phrasen und ihre Gedanken riechen nach dem Theater; sie halten glänzendes Glas für Diamanten, das Groteske für das Natürliche, das Uebertriebene für das Erhabene – aber dennoch sage ich, Paul Courier hatte Recht! In einem einzigen Salon findet sich jetzt mehr Ehrlichkeit, wie zu Voltaire's Zeiten in ganz Frankreich! Hohe Interessen und niedrige Zwecke werden nicht mehr wie Federbälle auf den Raketen leerer Zungen umhergeschleudert; – durch die Umwandlung aller Verhältnisse in der Revolution sind die Franzosen auf ihre Füße gekommen.

Maltravers; welcher mit Männern von allen Parteien und allen Klassen zusammentraf, erstaunte über den höheren Ton öffentlicher Moral und die ernste Aufrichtigkeit des Gefühls, im Vergleich mit seinen ersten Erinnerungen an die Pariser. Er sah, daß wahre Elemente nationaler Weisheit in Thätigkeit waren, mochte er auch bemerken, daß deren Wirkungen der Unordnung mehr ausgesetzt waren, daß sie langsamer und unregelmäßiger in ihren Resultaten sich zeigten. Die Franzosen gleichen den Israeliten in der Wüste, als sie nach der hebräischen Tradition jeden Morgen an dem Rande von Pisgah zu sein schienen, und an jedem Abend weiter als je davon entfernt waren. Indeß die Ereignisse rollen fort, die Wanderung naht sich dem Schluß und ein Canaan muß zuletzt erreicht werden.

In Valeriens Haus begegnete Maltravers den de Montaigne's. Die Begegnung war peinlich, denn man dachte an Cesarini.

Es ist jetzt wohl Zeit, daß wir zu diesem Unglücklichen zurückkehren. Cesarini war aus England entfernt worden, als Maltravers sein Vaterland nach dem Tode der Florence verließ. Maltravers hatte es für zweckmäßig gehalten, de Montaigne mit allen Umständen bekannt zu machen, wodurch der unglückliche Zustand herbeigeführt worden war; der Stolz und die Ehre des hochgesinnten Franzosen ward durch die Erzählung des Betrugs und der Schuld, so gemildert derselbe auch sein mochte, tief verletzt; allein der Anblick des Schuldigen, die furchtbare Strafe ließ jedes andere Gefühl im Mitleid aufgehen. Zuerst hegte man bedeutende Hoffnung über Cesarini's Wiedergenesung, welcher der Sorgfalt der geschicktesten Aerzte von Paris übergeben wurde. Auch schien er bald gänzlich wiederhergestellt, soweit die Kur äußere und oberflächliche Zeichen der Geistesgesundheit zu zeigen vermochte. Er zeigte vollkommenes Bewußtsein hinsichtlich der Güte seiner Verwandten und deutliche Erinnerung der Vergangenheit; allein auf das unzusammenhängende Rasen des Wahnsinns folgte eine düstere, noch mehr beklagenswerthe Melancholie. In diesem Zustande ward er wieder der Hausgenosse seines Schwagers; obgleich er noch immer alle Gesellschaft mit Ausnahme der von Teresa, vermied, deren liebevolle Natur nie an Sorgfalt ermüdete, nahm er manche seiner früheren Beschäftigungen wieder auf. Wiederum schien er an flüchtigen und nutzlosen Studien Gefallen zu finden, wiederum überließ er sich der Schwelgerei einsam lebender Menschen, »der undankbaren Muse«. Seiner Schwester war es gelungen, die düstere Stunde zu versüßen und sich einigen Einfluß auf den Unglücklichen zu verschaffen, indem sie jeden Gegenstand vermied, welcher mit der düstern Ursache seines Unglücks in Verbindung stand und von den süßen Erinnerungen Italiens, von seiner Kindheit mehr als von neueren Erinnerungen sprach.

Eines Tages jedoch fiel eine englische Zeitung in seine Hand, welche voll vom Lobe des Lord Vargrave war; der Artikel, welcher den Pair lobte, verwies auf dessen Dienste als Mitglied des Unterhauses unter dem Namen Lumley Ferrers. Dieser Vorfall, so unbedeutend er auch schien, brachte auf Cesarini eine sichtbare Wirkung hervor, deren Ursache seine Verwandten unmöglich erforschen konnten. Drei Tage später machte er einen Versuch zum Selbstmord. Auf das Mißlingen des Versuchs folgten die heftigsten Anfälle des Wahnsinns. Seine Krankheit kehrte mit aller furchtbaren Heftigkeit wieder zurück, und es war nothwendig, ihn in einer Irrenanstalt noch mehr bewachen zu lassen wie zuvor. Nach einem Jahre schien sein Befinden besser zu werden und man brachte ihn wieder in de Montaigne's Haus.

Seine Verwandten kannten den Einfluß nicht, den Lord Vargrave's Name auf Cesarini übte; in Maltravers' schwermüthigem Berichte war jener Name nicht erwähnt worden. Hatte Maltravers einmal unbestimmten Verdacht gehegt, daß Lumley eine verrätherische Rolle in Bezug auf Florence gespielt habe, so war dieser Verdacht, weil keine Bestätigung sich ergab, schon lange verschwunden; deßhalb brachte er Lord Vargrave mit Cesarini's Unglück nicht in Verbindung; die Montaigne's eben so wenig wie Maltravers. Als deßhalb de Montaigne einmal beim Mittagessen auf eine Frage fremder Politik anspielte, die gerade in der Kammer debattirt worden war, und wobei er selbst gesprochen hatte, berief er sich zufällig auf eine Rede Vargrave's, welche sowohl im Auslande wie in England Eindruck gemacht hatte. Teresa fragte, ohne Böses zu ahnen, wer Lord Vargrave sei; de Montaigne, mit den Biographien der hauptsächlichsten englischen Staatsmänner wohl bekannt, erwiderte, er habe seine Laufbahn als Herr Ferrers begonnen und erinnerte Teresa daran, daß sie ihm einst in Paris vorgestellt worden wären. Cesarini stand plötzlich auf und verließ das Zimmer; seine Abwesenheit ward nicht bemerkt, denn sein Kommen und Gehen war immer sonderbar und plötzlich. Teresa verließ bald darauf das Zimmer mit ihren Kindern, und de Montaigne, der durch seine Anstrengung und die Aufregung des Morgens etwas ermüdet war, streckte sich in seinen Lehnstuhl, um eine kurze Siesta zu halten.

Er erwachte plötzlich mit einem Gefühle der Pein und der Erstickung; er erwachte noch bei Zeiten, um gegen einen festen Griff an seiner Kehle zu ringen. Das Zimmer war durch die beginnenden Schatten des Abends verdunkelt; Denjenigen, welcher ihn angegriffen hatte, konnte er kaum am Funkeln der auf ihn gehefteten wilden Augen erkennen. Zuletzt gelang es ihm jedoch, sich los zu machen und den Unbekannten, welcher Meuchelmord beabsichtigte, auf den Boden zu werfen. Er rief um Hülfe. Diener stürzten mit Lichtern ins Zimmer, und de Montaigne erkannte das Antlitz seines eigenen Schwagers! Cesarini, obgleich in heftigen Zuckungen, stieß Geschrei und Verwünschungen der Rache aus; er schmähte de Montaigne als einen Verräther und Mörder! In der düsteren Verwirrung seiner Seele hatte er den Vormund für einen entfernten Feind gehalten, dessen Name genügte, um die Gespenster der Todten hinaufzubeschwören und die Vernunft in Wahnsinn zu versenken.

Jetzt war es offenbar, in Cesarini's Krankheit liege Tod und Gefahr; Aerzte erklärten, sein Wahnsinn lasse sich nicht auf bestimmte und fortgesetzte Weise behandeln. Er ward in ein neuerrichtetes Irrenhaus, dessen Aufseher wegen Menschlichkeit und Geschicklichkeit berühmt waren, in einiger Entfernung von Versailles, gebracht, und wurde dort jetzt verwahrt. Seine lichten Zwischenräume waren seit Kurzem häufiger und von längerer Dauer geworden; indeß Kleinigkeiten, die aus seiner eigenen Seele entsprangen, und welche keine Sorgfalt verhindern oder entdecken konnte, genügten, um sein Unglück in aller Heftigkeit zu erneuen. Alsdann erheischte er eine unaufhörliche Wachsamkeit, denn sein Wahnsinn nahm einen sehr wilden Charakter an; hatte man ihn ohne Fesseln gelassen, so mußten die kühnsten und stärksten seiner Wächter sich scheuen, unbewaffnet oder allein in seine Zelle zu treten.

Seine Seelenkrankheit ward noch durch den Umstand bestätigt, daß der Körper an Gesundheit und Kraft zuzunehmen schien. Dieß ist kein ungewöhnlicher Fall beim Wahnsinn und gewöhnlich dessen schlimmstes Symptom. In frühere Jugend war Cesarini zart und beinahe weiblich gebaut; seine Körperverhältnisse nahmen jetzt an Umfang zu; seine Gestalt; obgleich noch schlank, ward muskulös und kräftig, gleichsam als ob sein thierischer Organismus in der Erstarrung, welche auf die Ausbrüche des Wahnsinns folgte, durch die Verstörung des geistigen gewinne. In seinen besseren und ruhigeren Stunden, worin nur der Erfahrene seine Krankheit entdecken konnte, bildeten Bücher sein hauptsächliches Vergnügen. Alsdann aber beklagte er sich bitter, wenn auch kurz, über seine Einschließung und über die Ungerechtigkeit, die er erleide. Wenn er, alle Gefährten vermeidend, finster in dem Park umherging, welcher das Haus des Elends umringte, so sahen seine ihn beobachtenden Wächter, wie er gegen einen gespenstischen Feind die Faust ballte, oder sie vernahmen, wie er ein Phantom seines Gehirns der von ihm erlittenen Qualen anklagte.

Obgleich der Leser in Lumley Ferrers die Ursache seines Wahnsinns und den Gegenstand seiner Verwünschungen entdecken kann, war dieß weder bei den de Montaigne's, noch bei den Aerzten und Wächtern des Kranken der Fall; in seinem Wahnsinn nannte er selten oder niemals die Schatten, die er anrief, nicht einmal den Namen der Florence. Es ist auch keine ungewöhnliche charakteristische Eigenschaft des Wahnsinns, daß der Kranke durch eine Art List alle Erwähnung der Namen von Denjenigen vermeidet, durch welche die Tollheit erregt wurde. Es scheint, als ob die Unglücklichen sich einbilden, ihr Wahnsinn werde nicht entdeckt werden, wenn die damit verbundenen Bilder nicht verrathen würden.

Von solcher Art war damals der unglückliche Zustand des Mannes, dessen Talente einst eine schöne und ehrenvolle Laufbahn versprachen, hätte nicht sein Geist von Kindheit an eine unglückliche Neigung besessen, jedes ungesunde und unheilige Gefühl als ein Zeichen überströmenden Genies zu nähren. De Montaigne, obgleich er so leicht wie möglich dieses düstere häusliche Unglück in seinen ersten Mittheilungen an Maltravers berührte, dessen Verfahren in jener traurigen Geschichte von Verbrechen und Schmerz den Stempel der Großmuth und des Gefühles, wie er einsah, trug, verrieth dennoch Regungen, welche offenbarten, wie sehr sein Frieden verbittert war.

»Ich suche Teresa zu trösten,« sagte er, indem er sein männliches Haupt wegwandte, »und die ihr verbliebenen Segnungen zu zeigen; allein dieser so geliebte Bruder, von welchem so viel vergebens erwartet wurde, – dieser Kummer, obgleich sie ihn vor mir zu verbergen sucht, kehrt ihr stets wieder und vergiftet ihr jeden Gedanken! Tausendmal besser, wäre er gestorben! Wie düster und teuflisch ist das zurückbleibende Leben, wenn Vernunft, Verstand und beinahe die Seele gestorben ist! Und läge es im Blute – wenn Teresa's Kinder – furchtbarer Gedanke!« De Montaigne schwieg, vom Gefühl übermannt.

»Mein theurer Freund, übertreiben Sie nicht so furchtbar Ihr Unglück, so groß es auch sein mag. Cesarini's Krankheit entstand offenbar nicht aus physischem Bau »aus physischer Anlage«. Anm.d.Hrsg., sondern dieselbe war nur die Krise, die Entwicklung eines lang vorhandenen Seelenleidens der Leidenschaften, dem er sich krankhaft hingab, so wie der hartnäckigen Vernachlässigung der natürlichen Vernunft. Und dennoch ist er vielleicht wieder herzustellen. Je weiter die Erinnerung des erlittenen Stoßes entfernt liegt, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, daß seine Seele wieder Gesundheit erlange.«

De Montaigne drückte die Hand seines Freundes.

»Sonderbar, daß von Ihnen Sympathie und Trost kommt, von Ihnen, den er so verletzte! Von Ihnen, welchen seine Thorheit oder sein Verbrechen aus der stolzen Laufbahn und aus dem Vaterlande trieb! Allein die Vorsehung wird sicherlich noch das Böse dieses irrenden Geschöpfes ausgleichen, und ich werde Sie noch der Hoffnung und der Heimath wiedergegeben, als glücklichen Gatten und als geehrten Bürger schauen; bis dahin ist in mir die Empfindung, als ruhe ein Fluch auf meinem Stamm.«

»Reden Sie nicht so, was auch mein Geschick sein mag, so habe ich mich von jener Wunde erholt. Dennoch finde ich, daß im Leben ein Leiden auf das andere, Täuschung auf Täuschung, gleichsam wie Woge auf Woge folgt. Unsere einzige Philosophie ist das Dulden; der Glauben, daß wir in einem glänzenderen Planeten einst wiederum leben werden, ist die einzige Hoffnung, welche unsere Vernunft von unseren Wünschen annehmen sollte.«

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