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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Achtes Kapitel.

Noch niemals gab es einen so armen Herrn,
dem ein so plötzliches Glück zu Theil wurde.

      Beaumont und Fletcher.

 

» Mylord,« sagte der Pfarrer, als Vargrave sich in den Lehnstuhl geworfen hatte, und über die Form seiner Stiefeln nachzudenken schien, während seine Seitenblicke, und zwar gerade nicht die der Liebe, auf seinen Gesellschafter geheftet waren; »ich brauche wohl kaum mich auf den Wunsch des verstorbenen Lords, Ihres Oheims, in Bezug auf Miß Cameron und Sie selbst zu berufen, auch brauche ich hinsichtlich Ihrer, eines Mannes von edlen Gesinnungen, wohl kaum hinzuzufügen, daß ein solches Verlöbniß nur in so weit bindend sein kann, als beide Theile, deren Glück auf dem Spiele steht, zur passenden Zeit dasselbe zu vollziehen Willens sind.«

»Herr,« sagte Vargrave, indem er ärgerlich die Hand bewegte und in seiner gereizten Erwartung dessen, was noch kommen sollte, seine gewöhnliche Selbstbeherrschung verlor, »ich weiß nicht, was das Alles mit Ihnen zu schaffen hat; Sie drängen sich auf einen Boden, der für Miß Cameron und mich geheiligt ist. Was Sie mir auch zu sagen haben, so muß ich Sie bitten, schnell die Sache abzumachen.«

»Mylord, ich will Ihnen gehorchen; Miß Cameron entsendet mich, ich darf hinzufügen, mit Lady Vargrave's Einwilligung, um Ihnen anzukünden, daß sie genöthigt ist, die Ehre der Verbindung mit Ew. Lordschaft abzulehnen, daß sie jedoch das aufrichtigste Vergnügen empfinden würde, wenn sie durch eine Uebereinkunft hinsichtlich des ihr hinterlassenen Vermögens ihre Achtung und Freundschaft Ihnen bezeugen könnte.«

Lord Vargrave fuhr auf. »Mein Herr,« sagte er, »ich weiß nicht, ob ich Ihnen für diese Mittheilung zu danken habe, deren Ankündigung so sonderbar mit Ihrer Ankunft zusammenfällt; erlauben Sie mir aber zu sagen, daß zwischen Miß Cameron und mir kein Gesandter nothwendig ist. Meine Stellung, meine Verwandtschaft, mein Charakter als Vormund, meine lange und treue Neigung, alle Rücksichten, welche Männer der Welt verstehen, und womit Männer von Gefühl sympathisiren, erheischen es durchaus, daß ich nur von Miß Cameron die Verwerfung meiner Bewerbung vernehme.«

»Ohne Zweifel wird Miß Cameron die Unterredung zugestehen, die Ew. Lordschaft ein Recht zu verlangen besitzt; verzeihen Sie mir jedoch meinen Glauben, daß Ihnen Beiden viel Kummer erspart würde, wenn ein Dritter die Zusammenkunft vorbereitete. Was nun das Geschäft betrifft, so wird jede Vergütung für Ew. Lordschaft –«

»Vergütung! Was kann mir Vergütung geben?« rief Lord Vargrave aus, als er mit großer Verstörung und Aufregung im Zimmer auf und abging; »können Sie mir Jahre Hoffnung und Erwartung, die in einem eitlen Traum verschwendete Mannheit zurückgeben? Hätte ich, dem ein solcher Lohn gezeigt war, jede Gelegenheit, eine passende Heirath zu bilden, entschlüpfen lassen, so lange meine Jugend noch nicht entschwunden, so lange mein Herz noch frei war? Hätte ich mir eine hohe und thätige Laufbahn erwählt, für welche mein eigenes Vermögen durchaus nicht geeignet ist? Vergütung! Sprechen Sie Knaben von Vergütung! Ich stehe vor Ihnen als ein Mann, dessen Privatglück verwelkt ist, dessen Aussichten in seiner öffentlichen Stellung verdunkelt sind – ein Mann, mit verschwendetem Leben, im Vermögen zu Grunde gerichtet – dessen Lebensplan auf eine rechtmäßig gehegte Hoffnung erbaut, jetzt gänzlich gescheitert ist! Und Sie reden mir von Vergütung?«

So selbstsüchtig auch die Art der Klage sein mochte, erkannte Aubrey deren Gerechtigkeit.

»Mylord,« sagte er, ein wenig verlegen, »ich kann nicht läugnen, daß Vieles, was Sie da sagen, ganz richtig ist. Ach! Es beweist allein, wie eitel es ist, die Zukunft zu berechnen, und welchen unglücklichen Irrthum Ihr Oheim beging, als er Bedingungen bestimmte, welche der Zufall des Lebens und der Eigensinn der Neigung zu jeder Zeit auflösen konnte! Allein dieser Tadel trifft nur den Todten; können Sie die Lebenden tadeln?«

»Sir, ich betrachtete mich als verpflichtet, wegen des Wunsches meines Oheims, Hand und Herz mir frei zu erhalten, damit dieser Titel – eine so elende und unfruchtbare Auszeichnung er auch sein mag – wie er dieß so eifrig wünschte, auch auf Eveline übergehen möchte. Ich besaß ein Recht, ein ähnliches Ehrgefühl von ihrer Seite zu erwarten!«

»Gewiß, Mylord, müssen Sie, dem der verstorbene Lord auf seinem Todtenbette alle Beweggründe seines Verfahrens und das Geheimniß seines Lebens anvertraute, sehr wohl erkennen, daß Ihr Oheim, während er Ihr weltliches Wohl zu befördern und seinen Rang, sowie Vermögen in einer Linie zu vereinigen suchte, dennoch Evelinens Glück als seinen wärmsten Wunsch im Herzen hatte; Sie müssen erkennen, daß eine Ehe mit Ihnen, im Fall ihr Glück dadurch verwirkt würde, nur zu einer untergeordneten Rücksicht werden kann; Lord Vargrave's Testament gibt den Beweis. Er schrieb nicht, als unausweichbare Bedingung der Eveline eine Verbindung mit Ihnen vor; er stellte nicht die Verwirkung ihres ganzen Vermögens als die Strafe hin, im Fall sie jene Verbindung verwürfe. Durch die bestimmte Grenze der Verwirkung sprach er einen Unterschied zwischen Befehl und Wunsch aus. Und sicherlich, wenn Sie alle Umstände betrachten; muß Ihre Lordschaft glauben, daß Ihr Oheim mit der Verwirkung und dem mit dem Titel verbundenen Gute Alles gethan hat, was man vom weltlichen Gesichtspunkte aus nach Billigkeit und sogar nah Neigung von ihm heischen konnte.«

Vargrave lächelte bitter, sagte aber nichts.

»Würde hieran noch gezweifelt, so habe ich noch einen bestimmteren Beweis seiner Absichten. Sein Vertrauen auf Lady Vargrave war so groß, daß er in einem vor seinem Tode an sie gerichteten Briefe, den ich hiemit Ew. Lordschaft zeige, wie Sie bemerken werden, es nicht allein der Klugheit der Lady Vargrave überläßt, jene Geschichte Evelinen mitzutheilen, womit sie bis jetzt noch unbekannt ist, sondern daß er auch klar die Verfahrungsweise angibt, die hinsichtlich Evelinens und Ihrer eingeschlagen werden soll. Erlauben Sie mir, Ihnen die Stelle zu zeigen.«

Lord Vargrave's Blicke überliefen schnell den ihm übergebenen Brief bis auf folgende Zeilen:

»Wenn Eveline, sobald sie zum passenden Alter gelangt ist, sich selbst ein Urtheil zu bilden, gegen Lumley's Ansprüche sich entscheidet, so wissen Sie, daß ich um keinen Preis ihr Glück opfern möchte; ich wünsche allein, daß seinen Ansprüchen ehrliches Spiel und dem Entwurfe, welchen ich im Herzen habe, pflichtgemäß Vorschub geleistet werde. Erziehen Sie Eveline in dem Gedanken, Lumley als ihren zukünftigen Gatten zu betrachten; erwecken Sie ihr keine Vorurtheile gegen ihn; sie mag ehrlich selbst urtheilen, wenn die Zeit naht.«

»Sie sehen, Mylord,« sagte Aubrey, als er den Brief zurücknahm, »daß er dasselbe Datum, wie das Testament Ihres Oheims führt. Was er wünschte, ist geschehen, seien Sie gerecht, Mylord, und entbürden Sie uns alles Tadels – wer kann Liebe befehlen?«

»Soll mir angedeutet werden, daß ich weder jetzt noch später, irgend Aussicht besitze, Evelinens Neigung zu erlangen? Gewiß, Herr Aubrey, können Sie in Ihrem Alter nicht die hitzige Romantik ermuthigen, die allen Mädchen in Evelinens Jahren eigen ist. Personen unseres Ranges heirathen nicht wie Corydon und Phyllis in der Idylle. Nie war ich so albern, noch in meinen Jahren zu erwarten, daß ich einem siebenzehnjährigen Mädchen eine leidenschaftliche Anhänglichkeit einflößen würde. Glückliche Ehen beruhen auf passenden Umständen, gegenseitiger Erkenntniß, Nachsicht und Achtung. Kommen Sie, Sir, lassen Sie mich hoffen, daß ich noch eines Tages Ihnen zu Ihrer Beförderung Glück wünsche, und daß zugleich Ihr Glückwunsch mir als Ehemann gilt.«

Vargrave sprach dieß mit heiterem und leichtem Lächeln, und der Ton seiner Stimme war der eines Mannes, der ernsten Sinn in scherzendem Accent einzukleiden sucht. Herr Aubrey, so sanft er auch war, fühlte die Beleidigung der angedeuteten Bestechung und erröthete aus Zorn, der übrigens nicht, sobald sich erhob, wie er auch gehemmt wurde. »Entschuldigen Sie mich, Mylord, ich habe jetzt Alles gesagt; das Uebrige wird Ihr Mündel Ihnen am Besten selbst eröffnen.«

»So sei es; ich will Sie also bitten, Evelinen mein Gesuch zu überbringen, sie möge mich mit einer letzten und zum Scheiden bestimmten Unterredung beehren.«

Vargrave warf sich in den Lehnstuhl, und Aubrey verließ ihn.

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