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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Fünftes Kapitel.

» Certes, c' est un grand cas, Icas,
Que toujours tracas ou fracas
Vous faites d' une ou d' autre sorte;
C' est le diable qui vous emporte!« Es ist gewiss eine klare Tatsache, Icas, dass Ihr beständig mit Ränken oder Skandalen jedweder Art beschäftigt seid; Ihr müsst vom Teufel verhext sein! Anm.d.Hrsg.

      Voiture.

 

Lord Vargrave hatte die Ballnacht und den folgenden Morgen in Knaresdean zugebracht. Es war nothwendig, den Rath der politischen Planmacher zu einem vollen und bestimmten Schluß zu bringen. Nachdem sie ihre Kräfte gezählt, Freund und Feind gleicher Weise geprüft und beachtet hatten, nachdem eine gehörige Berechnung der zu Gewinnenden abgeschlossen war, schien es wirklich sogar den am wenigsten Sanguinischen, daß die Saxingham- oder Vargrave-Partei sehr wohl dahin streben könne, der Regierung Gesetze vorzuschreiben, oder dieselbe zu sprengen. Jetzt war nichts mehr zu überlegen, als die zum Handeln günstige Zeit. In besser Laune kehrte Lord Vargrave gegen die Mitte des Tages zur Pfarrei zurück.

»So,« dachte er, als er sich in seinen Wagen zurücklehnte, »so, in der Politik hellt sich die Aussicht auf, da die Sonne hervorbricht. Meine Partei ist offenbar von langer Dauer, denn sie besitzt das größte Grundeigenthum und das hartnäckigste Vorurtheil. Welch' treffliche Elemente für eine Partei! Jetzt brauche ich nur ein genügendes Vermögen, um meinen Ehrgeiz zu unterstützen. Nichts kann meinen Weg hemmen, als diese verfluchten Schulden, dieser Mangel an Geld, der mir Unehre bringt. Und dennoch beunruhigt mich Eveline! Wäre ich jünger, oder hätte ich mir nicht zu bald meine Stellung erworben, so würde ich sie durch Betrug oder Gewalt heirathen; ich ginge mit ihr nach Gretna und machte den dortigen Schmied zum Vulkan, um Plutus zu dienen. In meinen Jahren und bei meinem Rufe, würde das aber nicht angehen. Ein schöner Scandal für die Zeitungen! Verdammt! Wer nichts wagt, gewinnt nichts; ich trotze dem Wagniß! Mittlerweile ist Doltimore mein. Caroline wird ihn beherrschen, und ich beherrsche sie. Seine Stimme und seine Wahlflecken sind etwas; sein Geld wird von größerem unmittelbarem Nutzen sein; ich muß ihm die Ehre erweisen, einige tausend Pfund von ihm zu borgen: Caroline muß die Sache ausführen. Der Tropf ist ein Knicker, obgleich ein Verschwender; er sah verdrießlich aus, als ich ihm neulich einen zarten Wink gab, ich brauche einen Freund, d. h. ein Anlehen. Geld und Freundschaft ist dasselbe, zwei Begriffe ohne wesentlichen Unterschied!« Mit diesen Gedanken vertrieb sich Vargrave die Zeit, bis sein Wagen an Herrn Merton's Thür hielt.

Als er in den Flur trat, begegnete ihm Caroline, welche gerade ihr Zimmer verlassen hatte.

»Wie glücklich sich's trifft, daß Sie Ihren Hut aufhaben! Ich wünsche mit ihnen einen Spaziergang um den Rasenplatz zu machen.«

»Und auch ich bin erfreut, Sie zu sehen,« sagte Caroline, indem sie ihren Arm in den seinen legte.

»Empfangen Sie meinen besten Glückwünsche, meine süße Freundin,« sagte Vargrave, als sie im Garten waren. »Sie haben keinen Begriff, wie glücklich Doltimore ist; er kam gestern nach Knaresdean, um die Neuigkeit mitzutheilen, und seine Halsbinde war noch vollkommener wie gewöhnlich. C' est un bon enfant

»Wie können Sie so reden, fühlen Sie keine Pein bei dem Gedanken, daß ich einem Andern angehöre?«

»Ihr Herz wird stets das meine sein, und dieß ist die wahre Treue. Was war sonst zu thun? Was Lord Doltimore betrifft, so wollen wir uns in ihn theilen. Kommen Sie, m' amie, ich schwatze fort, um Sie bei guter Laune zu erhalten; bilden Sie sich nicht ein, ich sei glücklich.«

Caroline ließ einige Thränen fallen, jedoch durch den Einfluß von Vargrave's Blendwerk und Schmeichelei erlangte sie allmählig ihre gewöhnliche harte und weltliche Stimmung wieder.

»Wo ist Eveline?« fragte Vargrave, »die kleine Hexe schien mir auf dem Balle halb toll. Ihr Kopf war verdreht. Als sie beim Abendessen mir zunächst saß, beantwortete sie nicht allein jede meiner Fragen à tort et à travers, sondern ich glaubte auch jeden Augenblick, sie werde in Thränen ausbrechen. Können Sie mir sagen, was sie im Sinn hatte?«

»Sie grämte sich, daß ich den Mann, den ich nicht liebe, heirathen würde. Vargrave, sie besitzt mehr Herz als Sie.«

»Sie bildet sich doch aber nicht ein, daß Sie mich lieben?« fragte Lumley erschreckt; »ihr Weiber seid so verflucht vertraulich gegen einander.«

»Nein, sie beargwöhnt unser Geheimniß nicht.«

»Dann kann ich mir kaum einbilden, daß Ihre nahe Heirath ein genügender Grund zur Zerstreuung war.«

»Vielleicht hörte sie Einiges von dem impertinenten Geflüster über ihre Mutter: ›Wer war Lady Vargrave, und welcher Cameron war Lady Vargrave's erster Gatte?‹ Ich hörte hundert rohe Fragen, und die Leute in der Provinz flüstern so laut.«

»Ja, diese Lösung des Geheimnisses ist sehr wahrscheinlich. Was mich betrifft, so weiß ich fast ebenso wenig, wie Jemand sonst, wer Lady Vargrave früher war.«

»Sagte Ihr Oheim dieß Ihnen nicht?«

»Er sagte mir, sie sei von keiner hohen Geburt und Stellung, sonst nichts; sie selbst entschlüpft mit ihrer ruhigen, nichtssagenden Weise allen meinen sorglosen Fragen wie ein Aal. Sie ist noch ein schönes Geschöpf, sogar noch regelmäßiger gebildet wie Eveline. Der alte Templeton hatte einen sehr süßen Milchzahn hinten am Kopfe, obgleich er seinen Mund nie weit genug öffnete, um denselben zu zeigen.«

»Sie muß wenigstens immer sehr tadellos gewesen sein, nach dem Ausdruck ihrer Züge zu schließen, der sogar jetzt noch eher dem eines Kindes, wie einer Matrone gleicht.«

»Ja, sie hat nicht viel von der Wittwe an sich, die Arme! Allein ihre Erziehung ist mit Ausnahme der Musik nicht sehr sorgfältig gewesen, und sie weiß von der Welt eben so viel, wie der Bischof von Autun, besser bekannt unter dem Namen Fürst Talleyrand, von der Bibel. Wäre sie nicht so einfach, so wäre sie einfältig. Einfältig ist niemals einfach, sondern immer listig. Indeß liegt doch wohl auch einige List darin, daß sie ihre frühere Cameronische Chronik so geheim heilt; vielleicht erfahre ich nächstens von ihr etwas mehr, denn ich beabsichtige nach C*** zu reisen, wo mein Oheim einst wohnte, um zu sehen, ob ich dort seinen alten Parlamentseinfluß unter der Hand wieder erwecken kann; Pairs dürfen ja Wahlangelegenheiten nur als Schmuggel treiben! Man kann mir dort vielleicht mehr sagen, als ich weiß.«

»Verheirathete sich der verstorbene Lord in C***?«

»Nein, in Devonshire; ich weiß sogar nicht einmal, ob Frau Cameron jemals in C*** wohnte.«

»Sie müssen sehr neugierig sein, zu erfahren, wer der Vater ihrer zukünftigen Frau war.«

»Nein, ich hege durchaus keine Neugier in dieser Hinsicht, und um Ihnen die Wahrheit zu sagen, bin ich mit der Gegenwart zu sehr beschäftigt, um in dem alten Plunder, den wir Vergangenheit nennen, herumzustöbern. Ich glaube, daß Ihre gute Großmutter und der alte artige Pfarrer in Brooke Green über Lady Vargrave mehr wissen, und da Beide sie so sehr schätzen, so nehme ich es für ausgemacht an, daß sie sans tache makellos. Anm.d.Hrsg. ist.«

»Wie konnte ich so albern sein! A propos, der alte Pfarrer; ich vergaß Ihnen zu sagen, daß er hier ist. Er ist vor zwei Stunden angelangt und seitdem mit Evelinen stets im geheimen Gespräch.«

»Zum Henker! Was brachte den alten Mann hieher?«

»Ich weiß nicht. Papa empfing gestern Morgen einen Brief von ihm, worin er ankündigte, daß er heute hier sein würde. Vielleicht glaubte Lady Vargrave, es sei Zeit, daß Eveline nach Hause zurückkehrt.«

»Was soll ich thun?« fragte Vargrave ängstlich; »darf ich ihr schon jetzt einen Antrag machen?«

»Das wird vergeblich sein, Vargrave. Sie müssen sich auf abschlägige Antwort gefaßt machen.«

»Und auf meinen gänzlichen Ruin,« murmelte Vargrave vor sich hin; »hören Sie, Caroline – sie mag mich ausschlagen, wenn es ihr gefällig ist; ein Mann wie ich läßt sich aber nicht prellen. Haben will ich Sie, auf die eine oder andere Weise. Rache drängt mich beinahe ebenso wie Ehrgeiz. Der Lebensfaden dieses Mädchens ist der düstere Streifen in meinem Gewebe; sie hat mir ein Vermögen geraubt, sie hemmt mich in meiner Laufbahn, sie demüthigt mich in meiner Eitelkeit; aber wie ein Jagdhund, der Blut kostete, will ich sie niederrennen, welche Wendung sie auch nehmen wird.«

»Vargrave, Sie erschrecken mich! Bedenken Sie, wir leben nicht in einer Zeit, worin Gewaltthätigkeit –«

»Still,« unterbrach sie Lumley, mit einem jener düsteren Blicke, welcher bisweilen, obgleich selten, den gewöhnlichen Ausdruck der Glätte und List aus seinen Zügen verscheuchte; »still, wir leben in einer Zeit, die für Verstand und Kraft eben so günstig ist, wie solche, die jemals in Romanen geschildert wurde. Ich hege genug Vertrauen auf das Glück und auf mich selbst, um Ihnen mit einer Prophetenstimme zu sagen, daß Eveline den Wunsch meines sterbenden Oheims erfüllen soll. – Die Glocke ruft uns in's Haus.«

Als sie in's Haus traten, überreichte Lord Vargrave's Kammerdiener ihm einen Briefe welcher am Morgen angelangt war. Er war von Herrn Gustav Douce geschrieben und lautete folgendermaßen:

Mylord!

Mit größtem Bedauern benachrichtige ich Sie im Namen meiner selbst und meiner Firma, daß wir bei dem jetzigen Stande des Geldmarktes die Anweisung an Eure Lordschaft von 10 000 Pfd. am 28. dieses nicht erneuen können. Indem ich Ew. Lordschaft dieses mit höchstem Respekt bemerklich mache, habe ich die Ehre zu sein

Ew. Lordschaft gehorsamster und Ihnen
höchst verbundener demüthiger Diener

Gustav Douce.

Dieser Brief erhöhte die Angst und die Entschlossenheit von Lord Vargrave. Seine scharfen Gesichtszüge schienen noch schärfer zu werden, als er verschiedene Flüche gegen die Herren Douce und Comp. ausstieß, während er sein Halstuch am Spiegel in Ordnung brachte.

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