Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
Schließen

Navigation:

Fünftes Buch.

Blinde Narren! Sie begreifen nicht,
wie viel besser die Hälfte mit Recht,
als das Ganze mit Unrecht ist.

      Hesiod.

 

Erstes Kapitel.

Verfahre wie der Himmel auch verfuhr,
Vergiß dein Unheil; aber auch dich selbst.
– – – – – – – – – – – – –
Die lieblichste Genossin, worauf je
Ein Mann die Hoffnung baute.

      Shakespeare.

 

Der Pfarrer von Brook-Green saß vor seiner Thür, sein Haus war ein einsam liegendes, unregelmäßiges, aber malerisches Gebäude, bescheiden genug eingerichtet, um sich für den Pfarrer zu eignen, aber auch groß genug, um für einen höheren Geistlichen zu passen. Es war zu einer Zeit erbaut, worin die Indegentes et Pauperes Bedürftige und Arme., für welche die Universitäten gegründet wurden, mehr die Quellen des schriftlichen Hirtenamtes darreichten – als der Hirt und die Heerde sich noch ähnlich waren.

Ein roher und gewölbter Eingang, mit einem eichenen Sitz an beiden Seiten für die armen Besucher, führte plötzlich in das altmodische Besuchzimmer, einen schlichten, aber angenehmen Raum, mit einem breiten, aber niedrigen Fenster, und darunter mit dem dunklen Tisch, worauf die große, in grünem Tuch eingebundene Bibel, die Concordanz und die Predigt des letzten Sonntags, in einem Rahmen von Ebenholz lag. Am Kamin stand des Junggesellen runder Lehnstuhl, mit einem gestickten Kissen auf der Rücklehne, ein Schrank von Wallnußholz und noch ein oder zwei Tische; ein halb Dutzend Stühle bildeten das übrige Mobiliar; zwei oder dreihundert Bücher waren auf nettem Gestell an der reinlichen, weiß angestrichenen Wand aufgestellt. Es befand sich noch ein anderes Zimmer im Hause, worauf man auf zwei Stufen stieg, welches mit diesem Besuchzimmer in Verbindung stand; es war kleiner und schöner und wurde allein an Festtagen bewohnt, wenn Lady Vargrave oder ein anderer stiller Nachbar mit dem guten Pfarrer Thee trank. Die Haushaltung des bescheidenen Pfarrers bestand ferner aus einer alten Magd mit ihrem Enkel von ungefähr zweiundzwanzig Jahren, welcher den Garten wartete, die Kuh melkte und Geschäfte, die man sonst in der Haushaltung von ihm brauchte, ausführte.

Wir haben uns aber eine Abschweifung von Herrn Aubrey selbst erlaubt.

Der Pfarrer also, saß an einem schönen Sommermorgen auf der Bank links an seinem Eingang, vor der Sonne durch die kühlenden Zweige eines Kastanienbaumes geschützt, dessen Schatten einen kleinen Rasenplatz bedeckte, welcher den Bereich des Hauses von dem des schweigenden Todes und der ewigen Hoffnung trennte. Hinter dem unregelmäßigen und moosbewachsenen Pfahlwerk erhob sich die Dorfkirche; durch die Oeffnung von den Bäumen jenseits des Kirchhofes schimmerte zum Theil die weiße Mauer von Lady Vargrave's Landhaus, und im fernsten Hintergrunde erblickte man die Segel auf den rollenden Meereswogen.

Der alte Mann genoß ruhig die Schönheit des Morgens, die Frische der Luft, die Wärme des tanzenden Sonnenstrahles und vielleicht nicht weniger seine eigenen friedlichen Gedanken, die Kinder eines nachdenklichen Geistes und ruhigen Gewissens. Er befand sich in dem Alter, wo wir mit tiefem Gefühl die bloße Empfindung des Seins genießen, wo der Anblick der Natur und eine gleichsam duldende Ueberzeugung von Wohlwollen unseres Vaters genügend ist, um ein heiteres und unaussprechliches Glück zu erwecken, welches uns selten eher zu Theil wird, als bis alle unsere Leidenschaften schweigen, bis das Gedächtniß, wenn auch lebhafter als früher, durch die Farben der Zeit besänftigt ist, und bis das Schicksal deren Rauhheiten und Härte zur Harmonie mildert, bis nichts in uns bleibt, einen Schatten auf äußere Dinge zu werfen – am letzten Rande des Lebens, wenn die Engel uns näher sind, als früher. Es gibt ein Greisenalter, welches mehr Jugend des Herzens als die Jugend selbst enthält.

Als der alte Mann so dasaß, öffnete sich leise das kleine Thor, wodurch er aus seiner demüthigen Wohnung zur Kirche am Sonntage zu gehen pflegte, und Lady Vargrave kam zum Vorschein.

Der Pfarrer stand auf, als er sie erblickte; die schönen Züge der Dame leuchteten von sanftem Vergnügen, als er ihr die Hand drückte und den Gruß zurückgab. Lady Vargrave's Gesichtszüge waren von einer Eigenthümlichkeit, die man selten antrifft. Ihr ungewöhnlich ausdrucksvolles Lächeln lag weniger in den Lippen, als in den Augen, die Stirn schien gleichsam zu lächeln; es war, als ob die trübsinnige, auf ihren gefälligen Zügen gewöhnlich ruhende Wolke für den Augenblick plötzlich verschwinde.

Beide setzten sich auf die ländliche Bank, und der Seewind spielte unter den zitternden Blättern des Kastanienbaumes, der ihren Sitz überragte.

»Ich bin, wie gewöhnlich, gekommen, meinen gütigen Freund um Rath zu fragen; wie gewöhnlich, ist wieder Eveline die Ursache meines Besuches.«

»Haben Sie heute Morgen von ihr wieder einen Brief bekommen?«

»Ja, und der Brief vermehrt die Besorgniß, welche Ihre tiefer dringende Beobachtung zuerst erweckte.«

»Schreibt sie viel von Lord Vargrave?«

»Nein, das Wenige aber, was sie schreibt, verräth mir ihren Schauder vor einer Verbindung, welche mein armer Gatte wünschte; dieß Gefühl ist jetzt bei ihr größer, als jemals. Aber, dieß ist noch nicht das Schlimmste. Sie wissen, daß der verstorbene Lord gegen diesen möglichen Fall Vorkehrung getroffen hat (er liebte sie so zärtlich, sein Ehrgeiz hinsichtlich ihrer entstand nur aus seiner Liebe); der Brief, den er zurückließ, verzeiht ihr und entlastet sie der Verpflichtung, wenn ihr Herz sich gegen die von ihm selbst bestimmte Wahl empört.«

»Lord Vargrave ist vielleicht eben so edelmüthig, als er aufrichtig ist, und er muß erkennen, daß sein Onkel schon Alles für ihn gethan hat, was die Billigkeit verlangt.«

»Ich glaube das; aber dieß; wie ich sagte, ist nicht Alles; ich habe Ihnen den Brief mitgebracht. Alles scheint sich so zu verhalten, wie Sie es besorgten. Dieser Herr Maltravers hat sich mehr in ihre Gedanken verschlungen, als sie es selbst sich einbildet; Sie sehen, wie sie bei Allem verweilt, was ihn betrifft, und wie sie, wenn sie auch ihren Antrieb zurückgehalten hat, immer wieder auf den Gegenstand zurückkömmt.«

Der Pfarrer setzte die Brille auf und nahm den Brief. Wie sonderbar, daß jener grauhaarige Pfarrer solch ernstes Interesse an den Geheimnissen jener jungen Dame nahm. Diejenigen aber, welche die Verantwortung für eine Seele übernehmen, dürfen nie zu weise sein, um nicht auch das Herz zu berücksichtigen.

Lady Vargrave blickte ihm über die Schulter, als er sich zum Lesen niederbeugte, und ihr Finger zeigte bisweilen auf solche Stellen, worauf sie ihn aufmerksam zu machen suchte. Alsdann nickte der alte Pfarrer mit dem Kopfe, sagte aber kein Wort, bis der Brief beendet war; dann faltete er ihn zusammen, nahm seine Brille ab, hustete und sah sehr ernst aus.

»Nun?« fragte Lady Vargrave ängstlich.

»Meine werthe Freundin; der Brief braucht Ueberlegung. Erstens ist es mir klar, daß Lord Vargrave, ungeachtet er in der Pfarrei gegenwärtig ist, die Sache so zu führen versteht, daß jenes arme Kind allein die Angelegenheit nicht zum Schluß bringen kann, und sicherlich ist es keine leichte Aufgabe für einen so zarten und ehrbaren Charakter.«

»Soll ich Lord Vargrave schreiben?«

»Lassen Sie uns dieß bedenken; indessen dieser Herr Maltravers –«

»Nun, was ist mit Herrn Maltravers?«

»Das Kind zeigt uns mehr von ihrem Herzen, als sie glaubt; ich selbst komme in Verlegenheit. Bewerten Sie nur, wie sie nur ein- oder zweimal von Oberst Legard spricht, dessen Bekanntschaft sie gemacht hat, während sie weitläufig von Herrn Maltravers handelt und den Eindruck eingesteht, den er auf ihre Seele hervorgebracht hat. Nun aber besorge ich mehr wegen ihrer Zurückhaltung hinsichtlich des Ersteren, als wegen alles Einflusses, den sie hinsichtlich des Letzteren eingesteht; es liegt ein großer Unterschied zwischen der Aufregung der ersten Phantasie und der ersten Liebe.«

»Ist das der Fall?« fragte die Dame zerstreut.

»Alsdann ist Niemand von uns mit diesem eigenthümlichen Manne bekannt – ich meine Herrn Maltravers – mit seinem Charakter, Temperament und Grundsätzen. Eveline ist noch zu jung und arglos, um für sich selbst zu urtheilen; Etwas spricht aus diesem Briefe zu seinen Gunsten.«

»Was ist das?«

»Er hält sich von ihr entfernt; dieß Verfahren, wenn er ihr Geheimniß entdeckt hat, oder wenn er selbst einen zu großen Zauber in ihrer Gegenwart empfindet, ist das natürliche Verfahren eines ehrenwerthen und starken Charakters.«

»Was? Wenn er sie liebt!«

»Ja, so lange er glaubt, daß ihre Hand einem Andern versagt ist.«

»Allerdings; was sollen wir thun, wenn Eveline lieben sollte und vergeblich liebte? – Ach, dieß ist das Unglück eines ganzen Lebens!«

»Vielleicht wäre es besser, wenn sie zu uns zurückkehrt,« sagte Herr Aubrey; »und doch, wenn es schon zu spät ist und ihre Neigung schon gewonnen wurde: so würden wir in Unwissenheit über die Beweggründe und den Charakter jenes von ihr geliebten Herrn bleiben, und auch er würde vielleicht die wahre Natur des Hindernisses nicht kennen, welches mit Lord Vargrave's Ansprüchen verbunden ist.«

»Soll ich zu ihr reisen? Sie wissen, wie ich vor Fremden mich scheue, wie ich Neugier, Zweifel und Fragen fürchte – wie –« Lady Vargrave's Stimme stockte – »wie unpassend ich bin, um –«

Sie hielt an und eine schwache Röthe verbreitete sich über ihre Wangen. Der Pfarrer verstand sie und ward gerührt.

»Theure Freundin,« sagte er, »wollen Sie diesen Auftrag mir übergeben? Sie wissen, wie Eveline mir durch gewisse Erinnerungen theuer ist. Vielleicht bin ich besser als Sie befähigt, schweigend zu untersuchen, ob dieser Mann ihrer würdig ist und ihr Glück zu sichern vermag; vielleicht auch vermag ich besser als Sie die Art ihrer Gefühle hinsichtlich seiner zu erforschen; vielleicht auch kann ich besser wie Sie ein Verständniß mit Lord Vargrave herbeiführen.«

»Sie waren immer mein gütigster Freund,« sagte die Dame mit Rührung, »wie viel verdanke ich Ihnen schon! Welche Hoffnung jenseits des Grabes –«

»Still,« unterbrach sanft der Pfarrer; »Ihr eigenes gutes Herz und Ihre reinen Ansichten haben schon Ihre Sühne bewirkt; dürfte ich auch hoffen, daß Ihre Zufriedenheit wieder hergestellt sei! Doch kehren wir zu Eveline zurück. Das arme Kind! Wie ungleich ist dieser Brief voll Niedergeschlagenheit gegen ihren heiteren, leichten Geist, als sie noch bei uns war. Wir haben mit guten Zwecken gehandelt, vielleicht aber haben wir Unrecht, daß wir sie Fremden übergaben. Und dieser Maltravers! – Bei ihrem Enthusiasmus und ihrer schnellen Empfänglichkeit für die Eindrücke des Genius war sie schon zur Hälfte vorbereitet, an ihm sich Alles zu denken, was sie an ihm schildert. Es muß in seinen Werken ein Zauber liegen, den ich noch nicht entdeckt habe; bei Zeiten sogar scheint er auch auf Sie Einfluß zu üben.«

»Weil,« sagte Lady Vargrave, »jene mich an sein Gespräch, seine Denkungsweise erinnern; wenn er ihm in anderen Dingen gleicht, so kann Eveline wirklich glücklich sein!«

»Und wenn,« sagte der Pfarrer neugierig. »wenn Sie jetzt, wo Sie frei sind, ihn wiederträfen und wenn sein Gedächtniß eben so treu wäre, wie das Ihrige – und wenn er den einzigen Ersatz, der in seiner Gewalt steht, für Alles, was sein Jugendirrthum Sie kostete, Ihnen anböte, wenn solch' ein Zufall in den Wechselfällen des Lebens sich ereignete, – würden Sie dann –«

Der Pfarrer schwieg plötzlich, denn er stutzte wegen der außergewöhnlichen Blässe seiner Freundin und wegen des Zitterns ihrer zarten Glieder.

»Sollte sich das ereignen,« sagte sie mit sehr leiser Stimme, »sollten wir uns wieder treffen, und wäre er, wie Sie und Frau Leslie zu denken scheinen, arm und, wie ich, selbst, von niedriger Geburt – wenn mein Vermögen ihm beistehen könnte, wenn ihn meine Liebe, so verändert als ich bin, noch entzückte – ach, sprechen Sie davon nicht, ich kann den Gedanken des Glückes nicht ertragen. Und dennoch, bevor ich sterbe, möchte ich ihn noch einmal sehen!«

Sie faltete die Hände bei diesen Worten und die Röthe auf ihrem Antlitz verbreitete darüber solche Blüthe und Frische, daß selbst Eveline in dem Augenblick kaum jünger hätte erscheinen können. »Genug,« fügte sie nach einer Pause hinzu, als die Röthe entschwand, »die Hoffnung ist thöricht, alle irdische Liebe ist begraben und mein Herz ist dort!«

Sie zeigte auf den Himmel und Beide schwiegen!

 << Kapitel 41  Kapitel 43 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.