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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Zehntes Kapitel.

Unter das Dunkle das Wahre mischend.

      Virgil.

 

Einige Tage nach den Vorgängen des letzten Kapitels ritten Eveline und Caroline mit Lord Vargrave und Herrn Merton spazieren; auf ihrer Rückkehr kamen sie durch das Dorf Burleigh.

»Maltravers, glaube ich, hat einen Parlamentssitz für die Grafschaft im Auge,« sagte Lord Vargrave, welcher die Meinung hegte, die Blicke jedes Mannes seien stets auf Etwas gerichtet, welches sein Interesse oder sein Vorrücken befördere; »sonst gäbe er sich sicherlich nicht die Mühe mit Arbeitshäusern und Armen. Wer hätte jemals gedacht, mein romantischer Freund würde zu einem Landedelmann herabsinken!«

»Es ist erstaunenswerth, welches Talent und welche Kraft er auf Alles, was er unternimmt, verwendet,« sagte der Pfarrer. »Man hätte wirklich nicht glauben sollen, daß ein Mann von Genie einen Geschäftsmann abgeben könne.«

»Sehr schmeichelhaft für Ihren unterthänigsten Diener, welchem alle Welt die letztere Eigenschaft zugesteht und die erstere abspricht. Ihre Bemerkung zeigt aber auch, welch' ein trauriger Besitz das Genie ist – wie alle Welt glauben Sie, daß derselbe ganz unnütz sei. Erklärt man einen Mann für ein Genie, so heißt das so viel, als daß er von allen guten Dingen dieses Lebens aus geschlossen wird; er eignet sich für nichts, als für eine Dachkammer! Bringt ein Genie in Aemter, macht ein Genie zum Bischof; zum Lordkanzler! – Die Welt würde umgekehrt werden! Sie erstaunten jetzt eben selbst, daß ein Genie ein Beamter der Grafschaft sein und den Unterschied zwischen einem Spaten und einem Schüreisen kennen kann! Man setzt voraus; daß ein Genie das unwissendste, unbrauchbarste, nichtsthuendste Wesen »sei« wäre zu ergänzen. Anm.d.Hrsg, welches jemals auf zwei Beinen spazierte. Wohl, als ich das Leben begann, war ich sehr besorgt, daß mich Niemand für ein Genie hielt, und allein während des letzten oder während der zwei letzten Jahre habe ich es gewagt, ein wenig aus meiner Austerschale herauszukriechen. Mir ist es deßhalb nicht besser gegangen; ich bin schneller fortgekommen, während ich ein bloßer Arbeiter war. Der Welt gefällt jene drollige Fabel vom Hasen und der Schildkröte; sie glaubt wirklich, daß, weil einmal eine Schildkröte einen Hasen überholte (ich halte jene Fabel für wahr), alle Schildkröten besser laufen können wie Hasen. Mittelmäßige Männer haben das Monopol der Brode und Fische; selbst wenn ein Talent sich im Leben erhebt, liegt der Grund darin; daß es zufällig energischer und lauter auftritt.«

»Sie sind bitter, Lord Vargrave,« sagte Caroline lachend; » Sie haben jedoch sicherlich keinen Grund, sich über zu geringe Würdigung des Talentes zu beklagen.«

»Hm! Hätte ich nur ein Gran mehr Talent; so würde ich erdrückt worden sein. Eine feine Allegorie liegt in der Geschichte vom mageren Poeten, welcher Blei in die Taschen steckte, um nicht hinweggeblasen zu werden. Mais à nos moutons, um auf Maltravers zurück zu kommen – lassen Sie uns voraussetzen, daß er nur ein geschickter Mann gewesen wäre und nicht im geringsten Genie besessen hätte; – ein fleißiger, geschickter Mann von gutem Ruf und Vermögen; – so hätte er jetzt die Hälfte des Berges erklommen; was ist er aber jetzt? In den Augen des Publikums weniger als in seinem achtundzwanzigsten Jahre – ein unzufriedener Einsiedler, ein denkender Nichtsthuer.«

»Nein, nicht das« sagte Eveline mit Wärme; hielt sich aber alsdann zurück.

Lord Vargrave warf ihr einen forschenden Blick zu, indeß, seine Kenntniß des Lebens sagte ihm, Legard sei ein weit gefährlicherer Nebenbuhler, als Maltravers. Dann und wann durchfuhr ihn zwar ein Verdacht hinsichtlich des Gegentheils, faßte jedoch keine Wurzel und ward keine ernste Besorgniß. Jedoch der Ton der Stimme; worin Eveline ihre bestimmte Verneinung ausgesprochen hatte, war ihm höchst mißfällig; und er sprach mit leichtem Spott: »Wenn er das nicht ist, was ist er denn?«

»Einer, welcher durch die edelste Thätigkeit das Recht, Nichts zu thun, erkaufte;« sprach Eveline mit Heftigkeit; »ein Mann, dessen Genius ihm nicht lange erlauben wird, träge zu sein.«

»Außerdem« sagte Herr Merton; »hat er sich einen hohen Ruf erworben, den er unmöglich verlieren kann, da er ihn nicht zu vermehren sucht.«

»Ruf! – O ja; wir ertheilen Leuten, wie ihm, Männern von höherem Geist, ein großes Eigenthum in den Wolken, damit wir uns selbst rechtfertigen, wenn wir sie aus unserem Wege hienieden fortschaffen. Sind sie mit Ruhm zufrieden, so verdienen sie ihr Schicksal. Zum Henker mit dem Ruhm, gebt mir Macht.«

»Besitzt der Genius keine Macht?« fragte Eveline mit größerer Hitze; »keine Macht über Herzen, Geist und Gedanken? Keine Macht über die eigene Zeit, über die Nachwelt – über noch uncivilisirte Nationen, noch ungeborene Geschlechter?«

Diese Heftigkeit bei einem so einfachen und jungen Mädchen wie Eveline, schien Vargrave so überraschend, daß er sie starr anblickte, ohne ein Wort zu sagen.

»Sie werden über mein Auftreten als Kämpferin lachen,« fügte sie mit Erröthen und Lächeln hinzu; »Sie aber haben das Gefecht veranlaßt.«

»Und Sie haben die Schlacht gewonnen,« sagte Vargrave mit schneller Galanterie. »Mein reizendes Mündel, jeder Tag entwickelt in Ihnen eine neue Naturgabe.«

Caroline, mit einer Bewegung des Aergers, setzte ihr Pferd in kurzen Galopp.

Gerade um diese Zeit kam aus einem Kreuzwege ein Reiter hervor; es war Maltravers. Die Gesellschaft hielt; Begrüßungen wurden ausgetauscht.

»Ich glaube, Sie genießen das süße Geschäft des Grundbesitzes,« sagte Vargrave munter – »Atticus und sein Gut! Classische Ideenverbindungen! Günstiges Wetter für den Ackerbau! Was gibt's Neues über Weizen und Gerste? Ich glaube, unsere englische Gewohnheit, über das Wetter zu schwatzen, ist entstanden, als wir Alle ein gutsherrliches, bäuerliches Volk nach Art Georgs III. waren. Das Wetter ist wirklich eine ernste Angelegenheit für Herren, die an Bohnen und Wicken, Weizen und Heu Interesse haben. Sie hängen ihr Glück an den Mondswechsel.«

»Wie Sie an das Lächeln eines Ministers. Das Wetter eines Hofes ist launenhafter, als das des Himmels; wenigstens sind wir bessere Haushälter wie Sie, die Sie den Wind säen, und nur den Wirbelwind ernten.«

»Gut zurückgegeben, und wirklich, wenn ich mich umsehe, so bin ich beinahe geneigt, Sie zu beneiden; wäre ich nicht Vargrave, so möchte ich Maltravers sein.«

Ruhe und Heiterkeit im ganzen Umkreis boten in der That eine herrliche Scene; das grüne Dorf mit den niedlichen, zerstreuten Hütten, die sich ausbreitenden Felder und Weiden, der Rasen des Parks, im Hintergrunde durch den Schatten des ungleichen Bodens mit seinen Erddämmen, seinen Hohlwegen und ehrwürdigen Hainen unterbrochen, aus welchen die Thürme des alten Hauses sich erhoben, während die Fenster in der Abendsonne glühten – eine Scene, welche Ruhe und Zufriedenheit aussprach, gleich angenehm demüthiger Philosophie, wie angeborenem Stolze.

»Ich habe nie ein Landgut mit so bestimmt ausgesprochenem Charakter, wie Burleigh gesehen,« sagte der Pfarrer; »die alten in England noch übrigen Landsitze sind hauptsächlich die unserer großen Edelleute. Man sieht so selten einen solchen, welcher keine andere Ansprüche macht, als den, der Wohnsitz eines Privatmannes zu sein und der dennoch alle Ueberbleibsel der Tudorzeiten sich erhalten hat.«

»Ich glaube,« sagte Vargrave, indem er sich zu Eveline wandte, »daß wir kein besseres Landgut wie Burleigh finden könnten, da Ihr Vermögen nach dem Willen meines Onkels auf den Ankauf von einem Landgut verwandt werden soll. Wenn Sie, Maltravers, deßhalb zum Verkauf geneigt sind, so glaube ich, müßten wir Doltimore überbieten. Was sagen Sie dazu, mein schönes Mündel?«

»Lassen Sie Burleigh in Ruh, ich bitte Sie,« sagte Maltravers ärgerlich.

»Das heißt wie ein Digby gesprochen,« erwiederte Vargrave. » Allons! Wollen Sie nicht mit uns heimkommen?«

»Ich danke Ihnen, heute nicht.«

»Nächsten Donnerstag treffen wir uns bei Lord Raby; es wird dort ein Ball gegeben, beinahe ausschließlich zu Ehren Ihrer Rückkehr nach Burleigh; wir Alle gehen hin. Meine junge Cousine tritt dort zum erstenmal in Knaresdean auf; wir sämmtlich besitzen ein Interesse an ihren Eroberungen.«

Als Maltravers aufblickte, um zu antworten, begegnete sein Auge dem der Eveline, und seine Stimme stammelte bei den Worten: »Ja, wir werden uns treffen – noch einmal. – Adieu!« Er warf sein Pferd herum und trennte sich von der Gesellschaft.

»Ich kann dieß nicht mehr ertragen,« sprach Maltravers zu sich selbst; »ich habe meine Kraft überschätzt; sie Tag für Tag so zu sehen, und zu wissen, daß sie einem Andern, angehört! – Unter den Schmerzen bei seiner ruhigen, bewußtlosen Behauptung seiner Rechte mich zu winden! Glücklicher Vargrave! Und doch, wird sie glücklich sein? Könnte ich dieß doch glauben!«

Bei diesen Worten ließ er die Zügel des Pferdes über dessen Nacken fallen, welches langsam, gleichsam durch Mechanismus der Gewohnheit an der Thür einer Hütte anhielt, die etwa einen Steinwurf von dem Häuschen des Parkhüters entfernt war. An dieser Thüre hatte Maltravers mehre Tage hinter einander regelmäßig angehalten; es war jetzt von einer armen Frau bewohnt, von welcher früher erzählt wurde, wie Maltravers mit ihr zusammentraf. Sie hatte sich jetzt von der unmittelbaren Wirkung der erlittenen Verletzung erholt, allein ihre Körperkraft, durch früheres Leiden und Erschöpfung schon gebrochen, hatte einen tödtlichen Schlag erhalten. Sie war innerlich verletzt worden; der Wundarzt benachrichtigte Maltravers, daß sie nicht mehr viele Monate zu leben habe. Er hatte sie unter das Dach eines seiner Lieblingsbauern bringen lassen, wo sie allen Beistand und alle Unterstützung erhielt, welche sorgfältige Pflege und ärztlicher Rath ihr ertheilen konnte.

Diese arme Frau, deren Name Sara Elton war, erweckte sehr die Theilnahme von Maltravers; sie hatte bessere Tage gekannt; ihre Worte zeigten eine gewisse Wahl, welche eine, ihren Umständen überlegene Erziehung andeutete; Maltravers ward am meisten dadurch gerührt, daß sie mehr durch den Tod ihres Gatten, wie durch ihre eigenen Leiden zu dulden schien, ein Fall, der bei Wittwen nach vierzig Jahren nicht so häufig ist! Wir sagen zwar, die Jugend tröste sich leicht über den Raub des Grabes; beim mittleren Alter ist dieß noch mehr der Fall.

Als Frau Elton sich in der Hütte fand, blickte sie umher und brach in Thränen aus.

»Und Wilhelm ist nicht hier,« sagte sie; »Freunde! Hätte er nur einen solchen Freund gehabt, bevor er starb.«

Maltravers war erfreut, daß ihr erster Gedanke eher Kummer über die Todten, wie Dankbarkeit für die Lebenden betraf. Dennoch war Frau Elton dankbar, einfach, ehrlich, tieffühlend dank bar! Ihr Wesen, ihre Stimme bezeugten dieß. Sie schien so vergnügt, wenn ihr Wohlthäter gütig sprach und herzlich sich erkundigte, wie dieß Maltravers beharrlich that, zuerst aus Mitleid, dann aus selbstsüchtigem Beweggrund – wer empfindet keine Heiterkeit bei Erweckung von Vergnügen? Maltravers hatte so wenig Menschen auf der Welt, die sich um ihn bekümmerten, daß er sich vielleicht geschmeichelt durch die dankbare Achtung dieser armen Fremden fühlte. Als sein Pferd anhielt, öffnete die Tochter des Pächters die Thüre und knixte; dieß war eine Einladung einzutreten; er warf den Zügel über das Pfahlwerk und trat in die Hütte.

Frau Elton, die am offenen Fenster saß, stand auf, um ihn zu empfangen; Maltravers aber ließ sie wieder niedersitzen, und machte es ihr bald behaglich. Die Bäuerin und ihre Tochter, die in der Hütte waren, gingen in den Garten; Frau Elton, welche, bis jene sich entfernten, gewartet hatte, rief plötzlich aus:

»O Herr, ich habe mich gesehnt. Sie diesen Morgen zu sehen; ich sehne mich, die Kühnheit zu einer Frage zu erlangen, ob ich träumte, oder ob ich, als Sie mich zuerst in Ihr Haus nahmen, sah, wirklich sah –« sie hielt plötzlich an, und obgleich sie ihre Regung zu unterdrücken suchte, war dieselbe zu stark für sie. Sie sank in ihren Lehnstuhl zurück, bleich wie der Tod und schnappte beinahe nach Luft.

Maltravers wartete erstaunt, bis sie wieder zu sich kam.

»Ich bitte um Verzeihung, Herr, ich dachte an längst vergangene Tage und –, und ich möchte fragen, ob damals, als ich beinahe unempfindlich in Ihrem Hause lag, irgend Jemand sonst, wie Sie selbst und ihre Bedienten gegenwärtig waren? Oder war es,« fügte das Weib mit einem Schauder hinzu, »eine Todte?«

»Ich erinnere mich,« sagte Maltravers durch die Frage und das Wesen erstaunt und aufgeregt, »daß eine Dame gegenwärtig war.«

»So ist es, so ist es!« rief die Frau, indem sie zur Hälfte aufstand und ihre Hände faltete; »vor kurzem kam sie bei der Hütte vorüber; ihr Schleier war zurückgeworfen, als sie das schöne junge Gesicht zur Hütte wandte. Ihr Name, Herr? Es war dasselbe Gesicht, welches mir in jener Stunde des Kummers leuchtete; ich habe nicht geträumt; ich war nicht wahnsinnig.«

»Beruhigen Sie sich; wie ich glaube, konnten Sie niemals früher Miß Cameron gesehen haben.«

»Cameron!« Die Frau schüttelte betrübt den Kopf. »Nein, der Name ist mir fremd; ist ihre Mutter todt, Herr?«

»Nein, ihre Mutter lebt.«

Ein Schatten kam über das Gesicht der Leidenden, und sie sagte nach einer Pause: »Dann, Herr, täuschten mich meine Augen; ich fühle wirklich bisweilen, daß es mit meinem Kopfe nicht in Ordnung ist, und meine Gedanken schweifen umher. Indessen die Aehnlichkeit war so groß; nur daß jene junge Dame noch liebenswürdiger war.«

»Aehnlichkeiten sind sehr trügerisch und sehr sonderbar; eine Person entdeckt Aehnlichkeit zwischen durchaus unähnlichen Gesichtern, wo Andere durchaus nichts Aehnliches sehen; wem aber gleicht Miß Cameron?«

»Einer jetzt vor manchen Jahren verstorbenen Frau; allein die Geschichte ist lang, und liegt schwer auf meinem Gewissen. Eines Tages, Herr, will ich es vor Ihnen entlasten, wenn Sie es mir erlauben.«

»Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, so verfügen Sie über mich. Mittlerweile haben Sie keine Freunde, oder Verwandte, oder Kinder, die Sie zu sehen wünschen?«

»Kinder! Nein, Herr. Ich hatte nur ein Kind als mein eigenes,« sprach sie mit Nachdruck auf den letzten Worten, »und dieses starb in einem fremden Lande.«

»Haben Sie keine anderen Verwandten?«

»Nein, Herr; meine Geschichte ist sehr kurz und einfach. Ich wurde sehr gut auferzogen; ich war ein einziges Kind. Mein Vater war ein kleiner Pächter; er starb, als ich sechzehn Jahre alt war, und ich trat bei einer guten alten Dame und ihrer Tochter in Dienst, welche mich mehr als Gesellschafterin, wie als Dienerin behandelten; ich war damals ein eitles, unbesonnenes Mädchen. Ein junger Mann, der Sohn eines benachbarten Pächters, machte mir den Hof, und ich hegte zu ihm große Anhänglichkeit; aber Keines von uns hatte Geld, und seine Eltern wollten die Einwilligung zur Ehe nicht geben. Ich war albern genug, zu glauben, daß Wilhelm, wenn er mich liebte, auch Allem hätte trotzen sollen; seine Klugheit kränkte mich; somit heirathete ich einen Andern, den ich nicht liebte. Ich wurde gerecht bestraft, denn jener mißhandelte mich und ergab sich dem Trunke; ich kehrte in meinen alten Dienst zurück, um ihm zu entgehen, denn ich war in der Hoffnung und mein Leben war durch seine Gewaltthätigkeit bedroht; er starb plötzlich und in Schulden, und alsdann gab mir ein Herr, ein reicher Herr, dem ich einen Dienst erwiesen hatte (Sie müssen mich nicht falsch verstehen, wenn ich Ihnen sage, der Dienst sei von solcher Art gewesen, daß ich ihn bereue), viel Geld, und machte mich so reich, daß ich meinen ersten Liebhaber heirathen konnte; ich reiste darauf mit Wilhelm nach Amerika; wir lebten manche Jahre in New-York behaglich von unserem kleinen Vermögen, und ich war lange Zeit glücklich, denn ich liebte Wilhelm von ganzem Herzen. Mein erstes Unglück bestand in dem Tode des Kindes aus erster Ehe, allein ich wurde bald aus meinem Gram erweckt. Wilhelm machte Entwürfe und Spekulationen wie Jedermann in Amerika, und wir verloren Alles. Wilhelm war schwach und konnte nicht arbeiten. Zuletzt erhielt er die Stelle eines Aufsehers der Lebensmittel auf einem Paketschiff von New-York nach Liverpool, und ich wurde angestellt, um in der Kajüte aufzuwarten. Wir wollten nach London; ich glaubte, mein alter Wohlthäter würde etwas für uns thun, obgleich er die Briefe, die ich ihm schickte, nie beantwortet hatte. Allein mein armer Mann wurde an Bord krank und starb, als wir Land erblickten.«

Frau Elton weinte bitterlich, jedoch mit dem sanfteren Gram derjenigen, die schon mit Thränen vertraut sind: als sie wieder zu sich kam, beendete sie ihre demüthige Erzählung. Sie selbst, zu aller Arbeit durch Kummer und gebrochener Constitution unfähig, befand sich in den Straßen von Liverpool ohne andere Hülfsmittel, als die Almosen der Reisenden und Matrosen am Bord des Schiffs. Mit dieser Summe begab sie sich nach London, wo sie erfuhr, daß ihr alter Beschützer schon längst gestorben war, und daß sie auf dessen Familie keine Ansprüche machen konnte. Als sie England verließ, hatte sie einen Verwandten in einer Stadt des Nordens zurückgelassen; dorthin begab sie sich jetzt, um auch ihre letzte Hoffnung zertrümmert zu sehen; der Verwandte war todt. Ihr Geld war jetzt verbraucht, und sie hatte ihre Reise auf der Landstraße oder auf Nebenwegen bettelnd fortgesetzt und wußte nicht, wohin, bis der Zufall, der ihr Leben verkürzte, ihr einen Freund an dessen Schluß verschaffte.

»Dieß, Herr,« sagte sie schließlich,»ist die Geschichte meines Lebens, mit Ausnahme eines Theiles, den ich besser erzählen kann, wenn ich mich etwas stärker fühle; jetzt aber werden sie mich entschuldigen.«

»Meine arme Freundin, finden Sie sich behaglich und zufrieden? Sind diese Leute gütig gegen Sie?«

»Ah ja! Und jede Nacht beten wir für Sie. Herr; Sie müssen glücklich sein, wenn der Segen der Armen den Reichen etwas hilft.«

Maltravers stieg wieder zu Pferde und kehrte nach Hause; sein Herz war leichter wie zuvor, als er jene Hütte betrat. An jenem Abend aber sprach Cleveland von Vargrave und Eveline, von dem guten Glück des einen und den Reizen der andern; die so gut verborgene Wunde blutete auf's Neue.

»Ich habe gestern einen Brief von de Montaigne erhalten,« sagte Ernst, gerade, als Beide sich auf Ihr Schlafzimmer begeben wollten, »und dieser Brief hat mein Verfahren entschieden. Wollen Sie mich als Reisegefährten annehmen, so will ich Sie nach Paris begleiten. Haben Sie sich jetzt entschlossen, ob Sie Burleigh am Sonnabend verlassen wollen?«

»Ja; so erhalten wir noch einen Tag, um von Lord Raby's Ball auszuruhen. Ich bin über Ihr Anerbieten entzückt; wir werden nur einen oder zwei Tage in London bleiben; die Reise wird Ihnen wohl thun. Ihre Stimmung, theurer Ernst, scheint mir jetzt noch niedergeschlagener wie damals, als Sie zuerst nach England zurückkehrten; Sie leben hier zu sehr allein; bei Ihrer Rückkehr werden Sie Burleigh um so mehr genießen. Vielleicht auch werden Sie dann Ihr altes Haus den Nachbarn und Ihren Freunden mehr eröffnen. Man erwartet dieß; Sie werden bereits als ein Candidat für den Parlamentssitz der Grafschaft betrachtet.«

»Mit Politik bin ich fertig, ich wünsche nur Frieden.«

»Verheirathen Sie sich in Paris, dann werden Sie sehen, daß Frieden ein unmöglicher Besitz ist,« sagte lachend der alte Junggeselle.

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