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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Zweites Kapitel.

Läßt je des Lebens Sturm sich hier vergleichen
Der Heiterkeit?

     Young.

 

Die Fenster waren geschlossen, die Nacht war auf den Abend gefolgt und die kleine Gesellschaft saß in dem Landhause zusammen, Frau Leslie saß ruhig im Lehnstuhl; Lady Vargrave stützte das Haupt und schien in ein Buch versunken, allein ihre Augen ruhten nicht auf den Linien; Eveline war beschäftigt, den Inhalt eines Pakets von Büchern und Noten auseinander zu legen, welches gerade aus der Hütte des Parkhüters angekommen war, wo die Londoner Post es zurückgelassen hatte.

»O liebe Mama!« sagte Eveline, »hier ist etwas, was Sie freuen wird, einige der Gedichte in Musik gesetzt, durch die Sie so gerührt waren.«

Eveline brachte die Gedichte ihrer Mutter, die ihre Träumerei verscheuchte und mit großem Interesse in denselben las.

»Sonderbar,« sagte sie, »daß mich Alles so tief berührt, was dieser Mann schreibt; obgleich,« fügte sie hinzu, indem sie Evelinens üppige Locken aus dem Gesicht strich, »ich nicht so gern lese wie du.«

»Sie lesen in einem seiner Bücher,« sagte Eveline, indem sie auf die aufgeschlagene Seite blickte. »Das ist die schöne Stelle über unsere ersten Eindrücke. Doch sehe ich nicht gern, theure Mutter, daß Sie in seinen Büchern lesen, Sie scheinen immer dadurch so traurig zu werden.«

»Es liegt in den Gedanken, in der Art des Ausdrucks ein Reiz, der mich an einen Jugendfreund erinnert, so daß ich beim Lesen ihn glaube sprechen zu hören. Mir ging es schon so das erstemal, als ich vor Jahren eines seiner Bücher aufschlug.«

»Wer ist denn der Schriftsteller, welcher Ihnen so sehr gefällt?« fragte Frau Leslie mit einiger Ueberraschung, denn Lady Vargrave fand gewöhnlich nur wenig Vergnügen an den größeren und verbreiteten Meisterwerken neuer Schriftsteller.

»Maltravers,« wiederholte Frau Leslie. »der ist beinahe ein gefährlicher Schriftsteller für ein so junges Mädchen. In deinem Alter, liebes Kind, hat man selbst natürliche Romantik und Gefühl genug, so daß man sie in Büchern nicht zu suchen braucht.«

»Aber, theure Madame,« sprach Eveline, indem sie ihren Günstling vertrat, »seine Schriften bestehen nicht allein aus Romantik und Gefühl; es herrscht darin keine Uebertreibung, sie sind so einfach und wahr.«

»Haben Sie ihn je gesehn?« fragte Lady Vargrave.

»Ja,« erwiderte Frau Leslie; »einmal, als er noch ein schöner, lockiger Knabe war. Sein Vater wohnte in der nächsten Grafschaft und wir trafen uns auf einem Landhause. Herr Maltravers selbst hat ein Gut neben dem meiner Tochter in B–shire, allein er wohnt dort nicht. Er ist mehrere Jahre auf Reisen gewesen. Ein sonderbarer Charakter!«

»Warum schreibt er nicht mehr?« sagte Eveline, »ich habe seine Werke so oft gelesen und weiß seine Poesie so auswendig, daß ich etwas Neues von ihm als ein Ereigniß betrachten würde.«

»Wie ich gehört habe, meine Liebe, so hat er sich von der Welt und ihren Zwecken zurückgezogen und ist lange im Orient gewesen. Der Tod einer Dame, die er heirathen wollte, soll seinen Charakter verstört und geändert haben. Seit der Zeit ist er nicht wieder nach England zurückgekehrt. Lord Vargrave kann Ihnen mehr sagen wie ich.«

»Lord Vargrave denkt an Nichts, was sich nicht immer in der großen Welt bewegt,« sagte Eveline.

»Gewiß, Sie thun ihm Unrecht,« sprach Frau Leslie, indem sie aufblickte und ihre Augen auf Evelinens Antlitz heftete; »Sie wenigstens sind nicht in der großen Welt.«

Eveline schmollte leicht mit ihrer hübschen Lippe und schwieg; sie nahm die Noten, setzte sich an das Fortepiano und versuchte die Melodien; Lady Vargrave hörte mit Rührung zu, und als Eveline mit einer ausgezeichnet sanften, obgleich nicht kräftigen. Stimme die Worte fang, wandte ihre Mutter ihr Gesicht fort und ließ halb unbewußt einige Thränen über ihre Wangen fallen.

Als Eveline schwieg – sie selbst war ergriffen, denn die Worte boten eine wilde und tiefe Melancholie – kam sie zu ihrer Mutter und küßte, als sie deren Erregung sah, die Thränen aus den nachdenklichen Blicken. Ihre Heiterkeit hatte sie verlassen, sie rückte ihren Schemel zu den Füßen ihrer Mutter, hing sich an sie, drückte ihr die Hand und verließ sie nicht eher, als bis sie alle zu Bett gingen. Lady Vargrave segnete Eveline und fühlte, daß, wenn auch verlassen, sie nicht allein war.

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