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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Achtes Kapitel.

… Je mehr er strebt, zu frein,
Wird um so ferner er dem Ziele sein.

      Dryden, »Theodore und Honoria«.

 

Das Verfahren, welches Vargrave jetzt in Bezug auf Eveline annahm, war listig erdacht und wurde sorgfältig verfolgt. Er äußerte keine Sylbe, welche für ihn eine abschlägige Antwort hinsichtlich seiner Ansprüche hätte zur Folge haben können; zugleich aber konnte kein Liebender größere Standhaftigkeit und Ergebenheit in Aufmerksamkeiten beweisen. In Gegenwart Anderer zeigte er ein vertrauliches Wesen, welches ein Recht zu üben schien, das er bei ihr in Anspruch zu nehmen sorgfältig vermied. Nichts, konnte achtungsvoller, sogar blöder wie seine Sprache sein, kein Benehmen konnte ein ruhigeres Vertrauen beweisen; da er weder Eitelkeit, noch große Einbildung auf seine Person besaß, so täuschte er sich nicht mit der Idee, Evelinens Neigung zu gewinnen; er suchte vielmehr ihr Urtheil zu verwirren und sie mit Netzen zu umstricken, welche, weil unsichtbar, um so gefährlicher waren. Das Verlöbniß betrachtete er als etwas sich von selbst Verstehendes, welches durch keinen möglichen Zufall getrennt werden könne. Ihre Hand war sein als sein Recht, nur ihr Herz suchte er so ängstlich zu gewinnen. Allein dieser Unterschied war auf so zarte Weise gezogen und so wenig in berührbarer Form bemerkbar gemacht, daß – wie sehr auch Eveline ein Verständniß wünschen mochte – auch ein erfahreneres Weib im Nachtheile gewesen wäre, um ein solches zur Reife zu bringen. Eveline wünschte Carolinen zu vertrauen, um sie um Rath zu fragen. Caroline, obgleich noch artig, hielt sich in der Entfernung.

»Ich möchte,« sagte Eveline, als sie einst in Carolinens Ankleidezimmer saß, »ich wünschte zu wissen, welchen Ton ich gegen Lord Vargrave annehmen soll; ich fühle immer stärker die Ueberzeugung, daß eine Verbindung zwischen uns unmöglich ist, und gerade, weil er nicht darauf dringt, ist es mir nicht möglich, ihm dieß offen zusagen. Ich wünschte, daß Sie den Auftrag übernähmen; Sie scheinen ihm befreundet.«

»Ich?« sagte Caroline, indem sie erröthete.

»Ja, Sie! erröthen Sie nicht, oder ich glaube, Sie beneiden mich. Können Sie uns nicht Beide von dem Kummer erretten, der sonst früher oder später über uns kommen muß?«

»Lord Vargrave würde mir für eine solche Handlung der Freundschaft keinen Dank wissen. Außerdem bedenken Sie, Eveline, es ist kaum möglich, dieß Verlöbniß jetzt abzubrechen.«

»Jetzt, warum nicht?« fragte Eveline erstaunt.

»Alle Welt denkt daran; bemerken Sie nur, Wer neben, ihnen sitzt, steht auf, wenn Lord Vargrave näher tritt. Die ganze Gegend spricht von Nichts als von Ihrer Heirath; Ihr Schicksal, Eveline, ist nicht zu bemitleiden.«

»Ich will diesen Ort verlassen, ich will zur Mutter zurück, ich kann das nicht ertragen,« sagte Eveline, indem sie leidenschaftlich die Hände rang.

»Sie lieben doch nicht einen Andern? Nicht den jungen Herrn Hare mit seinem grünen Rock und strohfarbenen Backenbart? Nicht den Sir Henry Foxglove mit seinem ›guten Tag‹, das wie ein Jagdhalloh klingt? Vielleicht Oberst Legard? Der ist hübsch! Was? Sie erröthen bei seinem Namen? Nein, Sie sagen ›nicht Legard‹, – aber wer kann es sonst sein?«

»Sie sind grausam. Sie quälen mich,« sagte Eveline vorwurfsvoll und traurig, und sie stand auf, um in ihr Zimmer zu gehen.

»Mein theures Mädchen,« sagte Caroline, durch ihren Kummer gerührt, »erfahren Sie von mir, daß Ehen, wenn ich so sagen darf, nicht im Himmel geschlossen werden; die Ihrige wird so glücklich sein, wie sie die Erde ihnen gewähren kann. Liebesheirathen sind gewöhnlich die am wenigsten glücklichen von allen. Unser thörigtes Geschlecht verlangt so viel von der Liebe, und Liebe ist doch im Ganzen nur ein Glück unter vielen. Reichthum und Rang verbleibt, wenn die Liebe nur ein Haufen Asche ist. Was mich betrifft, so habe ich mein Schicksal und meinen Gatten gewählt.«

»Ihren Gatten?«

»Ja! Sie sehen ihn in Lord Doltimore; ich glaube, wir werden zusammen ebenso glücklich sein, wie irgend ein verliebter Corydon und Phyllis.«

Es lag aber eine Ironie in der Stimme Carolinens, als sie diese Worte sagte; sie seufzte. Eveline aber glaubte, ihre Freundin spreche nicht ernstlich und die beiden Freundinnen trennten sich für den Abend.

»Mein Schicksal ist sonderbar,« sagte Caroline zu sich selbst; »der Mann, welchen ich liebe, und welcher vorgibt, mich wieder zu lieben, bittet mich, daß ich mich einem Andern übergebe und für ihn bei einer jüngeren und schöneren Braut spreche. Gut, in ersterem Auftrage will ich ihm gehorchen, der zweite ist zu bitter und ich kann ihn nicht ernstlich durchführen. Vargrave aber übt sonderbaren Einfluß über mich aus, und wenn ich mich in der Welt umsehe, so erkenne ich, daß er recht hat. In diesen alltäglichen Kunstgriffen liegt dennoch eine wilde Majestät, die mich entzückt und einnimmt. Die Leitung Anderer bietet einen natürlichen Reiz; seine und meine Natur ist dazu gebildet.«

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