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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Sechstes Kapitel.

Ich bin zu ewiger Schande verurtheilt, wenn
Sie mich nicht bemitleiden.
– – – – – – – – – – – –
So gehen Sie denn und erheben Sie sich.

      Ben Johnson.

 

Am nächsten Morgen unterhielt sich Admiral Legard mit seinem Neffen in einem kleinen, kajütenartigen Kabinet, welches des Admirals »eigenes Zimmer« hieß.

»Ja,« sagte der Veteran, »es wäre Mondsucht und Tollheit, Vargrave's Anerbieten nicht anzunehmen, obgleich man durch solchen Mühlstein mit halbem Auge sehen kann. Seine Lordschaft ist eifersüchtig auf einen so hübschen, jungen Kerl, wie Sie, und das mit Recht. So lange er sich aber mit Miß Cameron unter demselben Dache befindet, haben Sie keine Gelegenheit, ihr den Hof zu machen. Wenn er fort ist, können Sie es immer so einrichten, daß Sie in der Nähe sind; dann wissen Sie ja – Affe, der Sie sind – Ihre Geschäft bald abzumachen.«

Der Admiral betrachtete den hübschen Oberst mit grimmiger Zärtlichkeit. Legard seufzte.

»Haben Sie in *** etwas zu bestellen?« fragte er, »ich will hinüber reiten, bevor Doltimore aufgestanden ist.«

»Ein fauler Hund, Ihr Freund!«

»Um zwölf Uhr bin ich wieder zurück!«

»Weßhalb wollen Sie nah ***«?«

»Brookes, der Hufschmied, hat einen kleinen Wachtelhund – König Karls Rasse; Miß Cameron hat gerne Hunde. Ich kann ihr denselben mit meinen Empfehlungen zusenden. Dieß kann als eine Art Abschied gelten.«

»Schlauer Schelm! Ha, ha! Verdammt schlau, ha ha!«

Der Admiral stieß mit der Faust auf den schlanken Leib seines Neffen und lachte, bis die Thränen ihm über die Wange flossen.

»Adieu, Sir!«

»Halt, Georg! Ich vergaß, Ihnen eine Frage vorzulegen; Sie sagten mir nie, daß Sie Herrn Maltravers kannten. Weßhalb setzen Sie seine Bekanntschaft nicht fort?«

»Wir trafen uns zufällig in Venedig; ich wußte seinen Namen damals nicht. Sie haben Recht; ich muß die Bekanntschaft fortsetzen.«

»Ein trefflicher Charakter!«

»Gewiß,« sagte Legard mit Nachdruck, indem er rasch das Zimmer verließ.

 

Georg Legard war eine Waise. Sein Vater, des Admirals älterer Bruder, war ein modischer Verschwender der guten Gesellschaft mit einem ziemlich großen, schuldenfreien Gute gewesen. Er heirathete eine Herzogstochter ohne einen Pfennig Vermögen. Güterbesitz bringt Mühe mit sich. Deßhalb ward Herrn Legards Gut verkauft. Das glückliche Paar lebte einige Jahre lang von dem Kaufgelde in großem Glanze, als Herr Legard an einer Hirnentzündung starb; seine trostlose Wittwe hatte einen schönen, lockenköpfigen Knaben und eine Rente von tausend Pfund, wogegen ihr Witthum vertauscht war; das übrige Vermögen war verschwunden; eine Entdeckung, die erst bei Herrn Legards Tode gemacht ward.

Lady Louisa überlebte nicht lange den Verlust ihres Gatten und ihrer Stellung in der großen Welt; somit ging auch das Einkommen mit ihrem Tode aus. Der einzige Sohn ward im Hause seines Großvaters, des Herzogs, erzogen, bis er alt genug war, unter die Pagen des Königs treten zu können. Nachher erhielt er, wie solches gewöhnlich der Fall ist, eine Offiziersstelle in der Garde. Die herzogliche Familie fügte zu seinem hohen Solde eine jährliche Zulage von zweihundert Pfund hinzu; bei diesem Einkommen war es dem Cornet Legard nicht schwer, beträchtliche Schulden zu machen. Die ungewöhnliche Schönheit seiner Person, seine Verbindungen und sein Benehmen verschafften ihm alle Berühmtheit, welche die Mode ertheilen kann; aber die Armuth ist eine schlimme Sache. Glücklicherweise war der Admiral, sein Oheim, vom Meere zurückgekehrt, um den Rest seines Lebens in England zuzubringen.

Bis dahin hatte der Admiral sich um Georg nicht bekümmert; er selbst hatte die Tochter eines Kaufmanns mit schöner Mitgift geheirathet und war mit zwei Kindern gesegnet, die alle seine Liebe in Anspruch nahmen. Indeß, ein Jahr nach seiner Rückkehr nach England und nach seiner Niederlassung in B–shire fand sich der Admiral ohne Frau und Kinder. Erst dann wandte er sich zu seinem verwaisten Neffen; er liebte ihn bald mehr, als er seine eigenen Kinder geliebt hatte. Der Admiral, obgleich wohlhabend, war nicht reich; nichts desto weniger schoß er die Summen her, welche zu Georgs Vorrücken in der Armee erheischt wurden, und verdoppelte das vom Herzog gewährte Einkommen. Der Herzog hörte von dieser Großmuth und entdeckte, daß er jetzt selbst eine große Familie habe, daß der älteste Sohn sich verheirathen werde und deßhalb ein erhöhtes Einkommen haben müsse; ferner auch, daß er ja schon sehr viel für seinen Enkel gethan habe. Das Resultat der Entdeckung bestand darin, daß der Herzog dem jungen Manne die zweihundert Pfund entzog. Legard jedoch, welcher seinen Oheim als eine unerschöpfliche Goldmine betrachtete, fuhr fort, Herzen zu brechen und Schulden zu machen, bis er eines Morgens im Schuldgefängniß erwachte. Der Admiral ward hastig nach London berufen; er kam an, bezahlte die Gläubiger - eine Güte, die ihn sehr ernstlich in Verlegenheit setzte, schwur, fluchte, schmälte und schrie; zuletzt bestand er darauf, Legard sollte das verdammte alberne Regiment aufgeben, worin er jetzt Kapitän war, sich mit Halbsold zurückziehen und Sparsamkeit, so wie eine Aenderung der Lebensart auf dem Kontinent erlernen.

Der Admiral, im Ganzen ein rauher und gutmüthiger Mann, hatte zwei oder drei Eigenthümlichkeiten. Erstlich that er sich auf eine Art John Bull-Unabhängigkeit etwas zu Gute; er war eine Art Radikaler – eine sonderbare Anomalie in einem Admiral, vielleicht deßhalb, weil zwei oder drei junge Lords im Beginn seiner Laufbahn ihm vorgezogen worden waren; er machte es deßhalb zu einem Ehrenpunkt bei seinem Neffen, auf welchen er eifersüchtig war, daß dieser mit seinen vornehmen Bekanntschaften brechen sollte, die ihn in eine Fluth von Verschwendung versenkten, und ihm niemals ein Tau hinwarfen, um ihn vom Ertrinken zu retten.

Zweitens besaß der Admiral, ohne gerade geizig zu sein, in seinem Charakter Neigung zur Sparsamkeit. Er hatte nicht im Geringsten die Absicht, sich von seinem Neffen ruiniren zu lassen. Er hegte außerordentlichen Abscheu vor dem Spiel, einer der feinen Gewohnheit Georgs; er erklärte bestimmt, sein Neffe müsse, so lange er Junggeselle sei, jährlich von siebenhundert Pfund leben lernen.

Drittens konnte der Admiral ein sehr finsterer, hartnäckiger und leidenschaftlicher Grobian sein, und als er ganz kalt zu Georg sagte: »Hören Sie, junger Kerl, wenn Sie wieder Schulden machen und das hübsche Einkommen, das ich Ihnen gebe, überschreiten, so will ich Ihr Erbe auf einen Schilling reduziren« – wußte Georg auch sehr wohl, sein Onkel sei der Mann, streng sein Wort zu halten. Indeß, es war immerhin viel, einer der hübschesten Männer seines Alters und dabei schuldenfrei zu sein. Georg Legard, dessen Rang in der Garde ihn zum Oberst in der Linie machte, verließ England, sehr zufrieden mit dem Stand der Angelegenheiten.

Er hatte ungeachtet seiner Jugendschwächen manche hohe und großmüthige Eigenschaften. Die gute Gesellschaft hatte ihr Möglichstes gethan, um einen schönen und aufrichtigen Charakter mit mehr als mittelmäßigen Gaben zu verderben; dieß war der guten Gesellschaft jedoch nur zum Theil gelungen. Unglücklicherweise aber war Verschwendung bei ihm zur Gewohnheit geworden, und alle seine Talente machten ihn zum Rückfall geneigt. In seinem Alter hatte das Lob der Salons noch alle Süße für ihn.

Zu den Eigenschaften, welche dem sanfteren Geschlecht gefallen; kamen noch andere. Legard war ein guter Whistspieler, ausgezeichnet im Billard, berühmt als Schütze, ohne Gleichen als Reiter; kurzum; ein gewandter Mann, der alle Dinge »verdammt gut« verstand. Diese Gaben halfen ihm aber nicht viel in Italien; obgleich mit Widerstreben und Gewissensbissen, ließ er sich dennoch wieder in's Spiel ein – er wußte nicht, was er sonst anfangen sollte.

In Venedig befand sich einst eine Gesellschaft nach Art der Salons von Paris. Einige reiche Venezianer gehörten dazu; sie bestand jedoch hauptsächlich nur für Fremde, Franzosen, Engländer, Oesterreicher. In einem Zimmer wurde gespielt, während ein anderes zum Club diente. Viele, die niemals spielten, gehörten zu dieser Gesellschaft, waren aber nicht die täglichen habitués.

Legard spielte; zuerst gewann er, dann verlor er, dann gewann er wieder; die Aufregung war angenehm. Eines Abends; nachdem er viel im Roulet gewonnen hatte; setzte er sich zum Ecarté und spielte mit einem Franzosen hohen Ranges. Legard verstand dieß Spiel vortrefflich, wie alle anderen, wobei Berechnung erheischt wird. Er glaubte, vom Franzosen ein Vermögen gewinnen zu können. Das Spiel erregte viel Interesse; eine Versammlung bildete sich am Tische, man wettete hoch; Legards Eitelkeit wie sein Interesse ward in Anspruch genommen; es wurde bald offenbar, daß der Franzose eben so gut als der Engländer spielte.

Der Einsatz, zuerst hoch, ward verdoppelt; Legard wettete viel; die Karten waren gegen ihn; er verlor viel, verlor Alles, was er hatte, mehr, als er hatte; mehrere hundert Pfund; die er am nächsten Morgen zu bezahlen versprach.

Das Spiel war zu Ende; die Zuschauer trennten sich. Unter den Letzteren befand sich ein Engländer, welcher an jenem Abend zum erstenmal in den Club eingeführt war. Er hatte weder gespielt, noch gewettet, sondern nur das Spiel mit ruhigem und wachem Interesse beobachtet.

Dieser Engländer wohnte in demselben Hotel mit Legard; er hielt sich in Venedig nur einen Tag auf; die englischen Zeitungen hatten ihn zu dem Club gezogen, die allgemeine Aufregung ihn an den Tisch gelockt; dort erweckte noch einmal das Schauspiel menschlicher Aufregung den gewohnten Reiz; als er die Treppe; die zu seinem Zimmer führte, hinaufstieg, vernahm jener Engländer ein tiefes Seufzen in einem Zimmer, dessen Thür etwas aufstand; er hielt an, der Schall ward wiederholt. Er stieß leise die Thür auf und sah Legard an einem Tische sitzen, während ein Spiegel an der ihm gegenüber stehenden Wand dessen aufgeregte und von Zuckungen zerrissenen Gesichtszüge zeigte; die Hände zitterten, als sie ein Paar Pistolen aus der Kiste nahmen.

Der Engländer erkannte den Verlierenden im Club und errieth sogleich die Handlung, wozu Tollheit und Verzweiflung ihn bestürmten. Zweimal nahm Legard eine der Pistolen auf und legte sie zweimal unentschlossen nieder. Das dritte Mal sprang er plötzlich auf und erhob die Waffe an seinen Kopf; im nächsten Augenblicke war sie ihm entrissen.

»Setzen Sie sich, Sir,« sprach der Fremde mit lauter und befehlender Stimme.

Legard, erstaunt und beschämt, sank wieder auf seinen Sitz und blickte finster und halb bewußtlos seinen Landsmann an.

»Sie haben Ihr Geld verloren,« sagte der Engländer, nachdem er ruhig die Pistolen wieder in die Kiste gelegt hatte, die er verschloß und deren Schlüssel er in die Tasche steckte; »dieß ist Unglück genug für einen Abend. Hätten Sie gewonnen und Ihren Mitspieler zu Grunde gerichtet, so würden Sie jetzt außerordentlich glücklich sein und mit dem Gedanken zu Bette gehen, das Glück, der Repräsentant der Vorsehung, habe über Sie gewacht. Was mich betrifft, so glaube ich, daß Sie sehr dankbar sein müssen, daß Sie der Gewinner nicht gewesen sind.«

»Herr,« sagte Legard, indem er sich von seiner Ueberraschung wieder erholte und einigen Aerger zu fühlen begann, »ich kann nicht begreifen, weßhalb Sie sich in mein Zimmer eingedrängt haben. Allerdings haben Sie mich vom Tode errettet, aber das Leben ist für mich ein ärgerer Fluch.«

»Junger Mann, nein! Augenblicke im Leben sind schmerzhaft, aber das Leben selbst ist ein Glück. Das Leben ist ein Geheimniß, welches aller Berechnung Trotz bietet. Sie können niemals sagen, das Heute ist unglücklich, deßhalb muß es auch das Morgen sein! Und Sie, in der Kraft der Jugend, mit der Zukunft vor Ihren Blicken, wollen um den Verlust von wenig Gold sich in die Ewigkeit stürzen, Sie, der Sie vielleicht niemals bedacht haben, was Ewigkeit ist! Jedoch,« fügte der Fremde in sanfter und schwermüthiger Stimmung hinzu, »sind Sie jung und schön, vielleicht der Stolz und die Hoffnung Anderer; haben Sie kein Band, keine Neigung, keine Verwandte? Sind Sie Herr Ihrer selbst?«

Legard ward durch den Ton und die Stimme des Fremden eben sowohl, wie durch dessen Worte gerührt.

»Es ist nicht der Verlust des Goldes,« sagte er finster, »sondern der Verlust der Ehre – morgen bin ich ein gemiedener und verachteter Mann; ich, ein Gentleman und Soldat! Man darf mich beleidigen, und ich habe keine Erwiderung!«

Der Engländer schien nachzusinnen, denn seine Stirn senkte sich, und er gab keine Antwort. Legard lehnte sich auf seinen Stuhl zurück und weinte wie ein Kind, von seiner Aufregung übermannt.

Der Fremde, welcher sich über alle Aufregung erhaben glaubte (der eitle Mann!), erwachte bei diesem Ausbruch der Leidenschaft aus seiner Träumerei. Zuerst (ich bedaure, dieß berichten zu müssen) zeigten seine stolzen Lippen den Zug der Verachtung, allein dieser ging schnell vorüber, und der harte Mann erinnerte sich, daß auch er jung und schwach, und sein eigener Irrthum vielleicht größer gewesen war, als der des jungen Mannes, den er zu verachten wagte. Er ging, ohne ein Wort zu sagen, im Zimmer auf und ab; zuletzt trat er zum Spieler und ergriff seine Hand.

»Wie hoch beläuft sich Ihre Schuld?« fragte er gütig.

»Was ist daran gelegen? Mehr, als ich bezahlen kann.«

»Leben und Reichthum sind anvertraute Güter, das erstere steht zu Ihrer, das zweite, vielleicht zu meiner Verfügung; wie hoch ist die Schuld?«

Legard stutzte, er kämpfte zwischen Hoffnung und Scham.

»Wenn ich das Geld borgen könnte, so könnte ich es später bezahlen. Ich weiß das gewiß, sonst würde ich nicht daran denken.«

»Schon gut, ich will Ihnen das Geld unter einer Bedingung leihen. Versprechen Sie mir feierlich auf Ihr Wort als Soldat und Ehrenmann, daß Sie nicht in zehn Jahren, selbst wenn Sie reich werden sollten und Andere zu Grunde richten könnten, Karten oder Würfel berühren zu wollen. Versprechen Sie mir, daß Sie alles Spielen um Gewinn, unter welcher Benennung es auch sein mag, vermeiden wollen. Ich will Ihr Wort als Schuldschein annehmen.«

Legard, in höchster Freude und kaum seinen Sinnen trauend, gab die Versprechung.

»So schlafen Sie denn heute Nacht in Hoffnung und Trost auf morgen,« sagte der Engländer. »Mag dieses Ereigniß Ihnen eine Vorbedeutung sein, daß man nicht verzweifeln darf, so lange es eine Zukunft gibt. Noch ein Wort! – Ich brauche Ihren Dank nicht. – Edelmuth auf Kosten der Gerechtigkeit ist leicht. Vielleicht habe ich mich jetzt nicht gerecht benommen. – Diese Summe, welche Ihr Leben zu retten bestimmt ist, das Sie so wenig schätzen, hätte fünfzig menschliche Wesen beglücken können, die besser sind, als der Geber oder der Beschenkte. Was man dem Irrthum gibt, entzieht man vielleicht der Tugend. Wenn Sie Andere bitten wollen, eine Laufbahn blinder und selbstsüchtiger Ausschweifung zu unterstützen, so denken Sie an die brodlosen Lippen, welche dieß verschwendete Gold gefüllt, an die trostlosen Herzen, die es getröstet haben würde. Sie sprechen davon, mich zu bezahlen; bietet sich die Gelegenheit, so thun Sie dieß – treffen wir uns niemals nieder und vermögen Sie jenes, so bezahlen Sie die Summe den Armen. Jetzt leben Sie wohl!«

»Bleiben Sie! Nennen Sie den Namen meines Erretters! Meiner ist –«

»Stille! Was ist an Namen gelegen? Dieses Opfer haben wir Beide der Ehre gebracht. Sie werden eher Ihre Selbstachtung wieder erlangen (und ohne Selbstachtung gibt es weder Treue, noch Ehre), wenn Sie bedenken, daß Ihrer eigenen Familie, Ihren Verwandten jede Ideenverbindung mit Ihrem Irrthum entzogen bleibt, damit ich deren Namen höre und mit denselben verkehren kann, ohne mir einzubilden, daß Sie mir Dankbarkeit schuldig sind.«

»Wohlan denn, Ihren Namen,« sagte Legard, tief durchdrungen von der zarten Großmuth seines Wohlthäters.

»Stille!« murmelte der Fremde ungeduldig, als er die Thür verschloß.

Als Legard am nächsten Morgen erwachte, sah er auf seinem Tische ein kleines Paket. Dasselbe enthielt eine Summe, welche die genannte Schuld noch überstieg. Auf dem Umschlag stand: Gedenken Sie Ihr es Versprechens!

Der Fremde hatte Venedig schon verlassen. Er war durch die italienischen Städte nicht unter seinem eigenen Namen gereist. Aus den Wüsten des Orients zurückgekehrt, war er noch nicht an die Oeffentlichkeit der Klatscherei gewöhnt, welche in den von seinen Landsleuten besuchten Städten einen wohlbekannten Namen erwartete. Der Name, welchen der Wirth des Hotels, durch italienische Aussprache verstümmelt, Legard sagte, war von demselben noch nie gehört und bald vergessen. Er bezahlte seine Schulden und hielt gewissenhaft sein Wort. Das Abenteuer jener Nacht besserte und veredelte die Gesinnung und Gewohnheit von Georg Legard. Die Zeit verschwand und er sah nie mehr seinen Wohlthäter wieder, bis er in den Hallen von Burleigh den Fremden als Maltravers wieder erkannte.

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