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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Drittes Kapitel.

Auf jene Höhen, den gepries'nen Sitz
Des fleiß'gen Friedens, der Philosophie,
Entsendet dennoch Zorn gar oft den Blitz.

      West.

 

Herr Cleveland wollte einen seiner Briefe mit einem Citat aus Ariost bereichern, dessen er sich nur unvollkommen erinnerte. Er hatte das Buch, welches er nachzuschlagen wünschte, im kleinen Studirzimmer am Tage zuvor gesehen, und er verließ die Bibliothek, um es zu suchen.

Als er die Bücher durchsuchte, die auf dem Schreibtische lagen, empfand er die Neugier eines Gelehrten, um die Lieblingslektüre seines Wirthes zu entdecken. Zu seiner Ueberraschung bemerkte er, daß der größere Theil der Bücher, die durch eingeschlagene Blätter und Randbemerkungen bezeichneten, daß sie am meisten gebraucht wurden, nicht literarischer Art, sondern wissenschaftliche Werke waren. Astronomie schien das hauptsächlichste Studium zu sein. Er erinnerte sich, daß er Maltravers neulich mit einem Baumeister habe sprechen hören, der bei den Ausbesserungen beschäftigt war, und zwar in Bezug auf die Errichtung einer Sternwarte. »Sonderbar,« dachte Cleveland, »Literatur gibt er auf, deren Preis er erreichen kann, und wendet sich in einem Alter zu einer Wissenschaft, an deren anstrengendes Studium sich sein Geist doch nicht mehr gewöhnen läßt.«

Ach! Cleveland bedachte nicht, daß es Zeiten im Leben gibt, wo Menschen mit lebhafter Einbildungskraft dieselbe zu betäuben und abzustumpfen suchen; noch weniger empfand er, daß unsere thätigen Fähigkeiten, wenn wir sie vergeblich den allgemeinen Interessen der Welt entziehen, sich krankhaft zu Kanälen der Untersuchung wenden, die dem wirklichen Genius am wenigsten verwandt sind. Nur im Umgang mit Anderen findet der Geist das passende Benehmen. Bleiben wir uns selber überlassen, so wenden sich unsere Talente intellektuellen Excentricitäten zu.

Einige zerstreute Papiere mit Maltravers' Handschrift fielen aus den Büchern; einige davon enthielten algebraische Berechnungen oder kurze wissenschaftliche Angaben, deren Werth zu bestimmen Herrn Clevelands Studien ihm nicht erlaubten. Auf anderen befanden sich Bruchstücke von trauriger, leidenschaftlicher Poesie, welche erwiesen, daß die alte Quelle noch immer floß, wenn auch nicht mehr im Tageslichte. Cleveland hielt sich für berechtigt, diese Verse durchzulesen. Sie schienen einen Zustand der Seele zu schildern, der sowohl sein tiefes Interesse, als seinen großen Kummer erweckte. Sie sprachen allerdings den festen Entschluß aus, gegen die Erinnerung und die Furcht des Schlimmen anzukämpfen. Geheimnißvolle Anspielungen und Winke hier und dort schienen aber einen neuen und noch vorhandenen Kampf anzudeuten, den das Herz nur vor dem Genie ausgoß.

In diesen theilweisen und unvollkommenen Selbstmittheilungen und Geständnissen lag das Zeugniß trauernder Neigung, verschwendeten Lebens, des einsamen Herdes; so ruhig aber zeigte sich Maltravers sogar gegen den Freund seiner Jugend, daß Cleveland nicht wußte, ob er an die Wirklichkeit der gemalten Gefühle glauben sollte. War der glühende und romantische Geist wieder durch einen lebenden Gegenstand erweckt worden? Wen aber hatte Maltravers gesehen? Clevelands Gedanken wandten sich auf Caroline Merton und Eveline, als er aber von Beiden gesprochen hatte, verrieth Nichts im Gesicht und Benehmen von Maltravers eine Aufregung. Einst hatte sich das Herz von Maltravers so schnell verrathen! Cleveland wußte nicht, wie der Stolz die Jahre, und Leiden die Gesichtszüge meistern und die äußeren Zeichen innerer Regung unterdrücken. Als er so beschäftigt war, öffnete sich plötzlich die Thür des Studirzimmers und der Bediente meldete Herrn Merton.

»Bitte tausendmal um Verzeihung,« sprach der höfliche Pfarrer, »ich besorge, Sie zu stören, allein Admiral Legard und Lord Doltimore, die mich diesen Morgen besuchten, wünschten so sehr, Burleigh zu sehen; deßhalb dachte ich, ich dürfe mir wohl die Freiheit nehmen. Wir sind in großer Gesellschaft hierher gekommen und haben den Ort mit Sturm genommen. Herr Maltravers ist, wie ich höre, ausgegangen. Sie werden uns aber gewiß das Haus zeigen; meine Alliirten sind schon in der Halle und besehen die Rüstungen.«

Cleveland, immer gesellig und höflich, antwortete artig und ging mit Herrn Merton in die Halle, wo Caroline mit ihren Schwestern, Eveline Lord Doltimore, Admiral Legard und sein Neffe versammelt waren.

»Ich bin stolz, der Repräsentant meines Wirthes und Ihr Führer zu sein,« sprach Cleveland. »Ihr Besuch, Lord Doltimore, ist wirklich eine angenehme Ueberraschung. Lord Vargrave hat uns vor ungefähr einer Stunde verlassen, um Sie beim Admiral Legard aufzusuchen; wir kaufen unser Vergnügen mit seiner Täuschung.«

»Es trifft sich sehr unglücklich,« sagte der Admiral, ein etwas barsch und grob aussehender Herr; »wir wußten aber, bis wir Herrn Merton sahen, nichts von der Ehre, welche uns Lord Vargrave erweisen wollte; ich kann mir nicht vorstellen, wie wir ihn unterwegs verfehlen konnten.«

»Mein theurer Onkel,« sagte Colonel Legard mit wohlklingender und angenehmer Stimme. »Sie vergessen, daß wir einen Umweg von drei Meilen auf der Heerstraße gemacht haben, und Herr Merton sagte, Lord Vargrave habe einen kürzeren Weg eingeschlagen. Mein Oheim, Herr Cleveland, fühlt sich zu Lande nie in Sicherheit, wenn der Weg nicht so breit ist, wie der britische Kanal, und die Pferde vor dem Winde im schnellen Schritt von zwei Knoten die halbe Stunde laufen.«

»Na, ich wollte, ich hätte Sie zur See, Sie Springinsfeld!« erwiderte der Admiral, indem er grimmig seinen hübschen Neffen anblickte und ihm mit dem Spazierrohre drohte.

Der Neffe lächelte, wandte sich fort und sprach mit Eveline. Die Gesellschaft wurde jetzt im Hause umhergeführt, und Lord Doltimore war besonders laut im Anpreisen desselben. Es glich einem Schloß, das er einst in der Normandie gemiethet hatte; es zeigte einen französischen Charakter; diese alten Lehnstühle waren von ausgezeichnetem Geschmack, ganz im Style Franz I.

»Ich kenne keinen Mann, den ich mehr als diesen Herrn Maltravers achte,« sagte der Admiral. »Seit er unter uns lebt, hat er sich als das Muster eines Landedelmannes gezeigt. Er böte einen trefflichen Collegen für Sir John. Wir müssen ihn wirklich bewegen, gegen jene junge Puppe aufzutreten, der Mitglied des Hauses der Gemeinen allein deßhalb ist, weil sein Vater zur Pairie gehört und welcher nur zweimal in einer Session seine Stimme abgibt.«

Herr Merton nahm einen ernsten Blick an.

»Ich wünschte, Sie könnten ihn bereden, daß er hier bliebe,« sagte Cleveland. »er hat sich in den Kopf gesetzt, sich von Burleigh zu trennen.«

»Sich von Burleigh trennen,« rief Eveline aus, indem sie sich plötzlich vom hübschen Oberst wegwandte, in dessen Gespräch sie versunken schien.

»Mein werthes Fräulein, dasselbe habe ich ausgerufen, als ich ihn davon sprechen hörte.«

»Ich wünschte, daß er es verkaufte,« sagte Lord Doltimore hastig, indem er auf Caroline blickte. »es wäre mir lieb, es zu kaufen. – Wie hoch, glauben Sie, wird sich das Kaufgeld belaufen?«

»Sprechen Sie nicht so kaltblütig,« sagte der Admiral, indem er die Spitze seines Spazierrohrs mit großem Nachdruck auf den Boden stieß. »Ich kann es nicht ertragen, sehe ich alte Familien ihre alten Landsitze verkaufen – durchaus gottlos! Sie wollten Burleigh kaufen! Haben Sie nicht selbst einen Landsitz, Mylord? Wohnen Sie dort und nehmen Sie Herrn Maltravers zum Muster! Sie können kein besseres vorfinden.«

Lord Doltimore blickte spöttisch, erröthete, zupfte an seiner Halsbinde, sah höchst beleidigt aus, wandte sich zu Oberst Legard und flüsterte:

»Legard, Ihr guter Onkel ist ein Flegel.«

Legard sah ein wenig beleidigt aus, gab aber keine Antwort.

»Aber,« sagte Caroline, indem sie ihrem Bewunderer zu Hülfe kam, »wenn Herr Maltravers den Ort verkaufen will, so könnte er sicherlich keinen besseren Nachfolger finden.«

»Er soll aber den Ort nicht verkaufen, Madame, beim Teufel,« erwiderte der Admiral, »die ganze Grafschaft soll eine Vorstellung erlassen »ein Rundschreiben unterzeichnen«. Anm.d.Hrsg., um ihm die Schande zu erklären, und wenn Jemand es zu kaufen wagt, so spielen wir ihm einen Streich.«

Miß Merton lachte; sie sah sich die alten, getäfelten Wände mit ungewöhnlichem Interesse an; sie glaubte, daß es für sie doch etwas Schönes sein wurde, könnte sie später in Burleigh walten.

»Was ist das für ein sorgfältig verhülltes Portrait?« fragte der Admiral, als sie in der Bibliothek standen.

»Die verstorbene Frau Maltravers, die Mutter von Ernst,« erwiderte Cleveland langsam«. »Er zeigt es Fremden nicht gerne, das andere Portrait ist ein Digby.«

Eveline besah sich das verschleierte Portrait und dachte an ihre erste Unterredung mit Maltravers, indeß die sanfte Stimme des Oberst Legard murmelte in ihr Ohr und ihre Träumerei ward unterbrochen.

Cleveland sah ihn wieder an und murmelte vor sich hin:

»Vargrave sollte auf seiner Hut sein.«

Sie hatten jetzt ihre Runde in den Prunkzimmern vollbracht, die wirklich wenig mehr, als ihr Alterthum und ihre alten Porträts zum Besehen hatten, und befanden sich jetzt in einem kleinen Saal hinten im Hause, der mit einem Hof in Verbindung stand, an welchem zwei Seiten mit Ställen besetzt waren. Die Ansicht der Ställe erinnerte Caroline an die arabischen Pferde; bei dem Worte »Pferde« ergriff Lord Doltimore Legards Arm und führte ihn fort, die Thiere zu besehen; Caroline, ihr Vater und der Admiral folgten. Herr Cleveland hatte keine Ausgehstiefeln an, und der Boden des Hofes war feucht; er fürchtete, sich zu erkälten, entschuldigte sich und blieb zurück. Er sprach mit Eveline über die Digby's, war voll von Anekdoten über Sir Kenelm im Augenblick, als die Uebrigen so abgebrochen und plötzlich fortgingen; Eveline fand daran Interesse und bestand darauf, ihm Gesellschaft zu leisten. Der alte Herr fühlte sich geschmeichelt; er war der Meinung, Miß Cameron habe eine treffliche Erziehung. Die Kinder liefen heraus, um die Bekanntschaft mit dem Pfau zu erneuen, welcher, auf einem alten Steine stehend, sein buntes Gefieder im Mittagsstrahle sonnte.

»Es ist erstaunenswerth!« sagte Cleveland, »wie gewisse Familienzüge von Geschlecht zu Geschlecht sich überliefern. Maltravers hat noch die Stirn und die Brauen der Digby's, jene eigenthümliche, brütende, nachsinnende Stirn, die Sie am Bilde von Sir Kenelm bemerken. Einst auch besaß er denselben träumenden Charakter der Seele; jenen aber hat er etwas verloren. Er besitzt schöne Eigenschaften, Miß Cameron; – ich habe ihn seit seiner Geburt gekannt. – Ich hoffe, seine Laufbahn ist noch nicht geschlossen; könnte er nur eine Verbindung eingehen, die ihn an England fesselte, so würde ich mich höheren Erwartungen hingeben, wie damals, als der wilde Knabe die Hälfte der Köpfe in Göttingen verdrehte! Da wir aber von Familienporträts sprachen, so befindet sich auch eines auf der Flur, das Sie wohl kaum bemerkt haben werden. Es ist durch Rauch und Zeit halb verdunkelt – dennoch ist dieß eine merkwürdige, mit Maltravers durch Ehen seiner Vorfahren verwandte Person – Lord Falkland, der Falkland Clarendons, ein Mann, schwach im Charakter, aber durch die Geschichte höchst interessant. Gänzlich ungeeignet für den Ernst jener stürmischen Kämpfe, nach Frieden seufzend zu einer Zeit, wo seine ganze Seele im Kriege hätte sein sollen, gleicherweise ruhig, ob er mit dem Parlament oder dem König kämpfte, aber immerhin ein Mann, an den sich angenehme und theure Erinnerungen knüpfen; ein gelehrter Krieger – hohen Herzens und ritterlichen Geistes. Kommen Sie, blicken Sie auf diese Züge – einfach und beinahe vergangen, aber mit einem charakteristischen Ausdruck von Feinheit und von melancholischen Gedanken.«

In solchem Gespräch zog der freundliche, alte Herr Evelinen in die äußere Flur. Als sie durch einen kleinen Gang dorthin gelangt waren, erstaunten sie, die alte Haushälterin und eine andere Magd an einer Art rohen Lagers zu finden, worauf die Gestalt der im letzten Kapitel beschriebenen Frau lag. Maltravers und zwei andere Leute waren ebenfalls dort. Maltravers gab seinen Dienern Befehle, während er sich über die Leidende lehnte, die jetzt sowohl ihrer Schmerzen als des ihr erwiesenen Dienstes sich bewußt war. Als Eveline plötzlich und erstaunt am Fuße der einfachen Bahre stand, erhob sich die Frau auf einen Arm, schaute ihr wild ins Gesicht, murmelte alsdann einige unverständliche Worte, welche Wahnsinn zu bezeugen schienen, sank auf ihr Lager zurück und war wieder bewußtlos.

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