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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Achtes Kapitel.

Arethusa. Schon gut, Mylord, Sie machen
   Damen den Hof –
   – – – – – – – – – – – – –
Clermont. Gewiß, die Dame hat ihr gegen
   ihren Willen einen guten Dienst geleistet.

      Philaster.

 

An demselben Tage und beinahe in derselben Stunde, worin das berichtete Gespräch in der Pfarrei stattfand, saßen Lord Vargrave und Caroline im Frühstückzimmer von Knaresdean allein zusammen. Die Gesellschaft hatte sich, wie gewöhnlich, um Mittag zerstreut; Beide hörten in der Entfernung den Schall der Billardkugeln. Lord Doltimore spielte mit Oberst Legard, einem der besten Spieler in Europa, welcher jedoch zum Glück für Doltimore es sich seit Kurzem zur Regel gemacht hatte, nie um Geld zu spielen. Die meisten Gäste waren Zuschauer im Billardzimmer. Lady Raby schrieb Briefe; Lord Raby ritt über das Gut; Caroline und Lumley waren seit einiger Zeit im ernsten Gespräch; Miß Merton, die in einem großen Armstuhl saß, war sehr aufgeregt, und brachte das Schnupftuch an ihre Augen. Lord Vargrave drehte dem Kamin den Rücken zu, beugte sich zu ihr nieder, und sprach mit sehr leiser Stimme, während sein schnelles Auge von der Dame Gesicht fortwährend zu den Fenstern und der Thüre blickte, als wolle er sich auf jede Unterbrechung vorbereiten.

»Nein, meine theure Freundin,« sagte er. »glauben Sie mir, ich bin aufrichtig. Meine Gefühle für Sie sind solcher Art, daß keine Worte sie malen können.«

»Warum denn wünschen Sie …«

»Daß Sie an einen Andern verheirathet werden? – Warum muß ich selbst eine Andere heirathen? – Caroline, ich habe Ihnen oft schon dargelegt, daß wir hierin die Opfer eines unvermeidlichen Schicksals sind. Es ist durchaus nothwendig, daß ich Miß Cameron heirathe. Ich habe Sie vom ersten Augenblick an nicht betrogen. Ich hätte Jene geliebt; mein Herz hätte meine Hand begleitet, hätte ich Ihre verführerische Schönheit, Ihre überlegene Seele nicht getroffen! Ja, Caroline, Ihre Seele zog mich mehr an, wie Ihre Schönheit. Ihre Seele schien der meinigen verwandt, von dem zweckmäßigen und weisen Ehrgeiz erfüllt, der die Thoren der Welt als Marionetten, als Zahlen, als Schachfiguren betrachtet. Was mich betrifft, so könnte kein Engel vom Himmel mich dem großen Spiele des Lebens entziehen! Meinen Feinden weichen, – von der Leiter fallen, – das von mir gefertigte Gewebe zerstören! Niemals! Mein Herz theilen, meine Freundschaft, meine Entwürfe theilen! – Das ist die wahre und würdige Neigung, die zwischen Seelen, wie den unsrigen, vorhanden sein sollte. – Alles Andere sind kindische Vorurtheile.«

»Vargrave, ich bin ehrgeizig, eigennützig gesinnt, ich gestehe es; aber ich könnte Alles um Ihretwillen aufgeben.«

»Sie glauben das, Sie kennen das Opfer nicht, Sie sehen mich jetzt als scheinbar reich, mächtig und geschmeichelt. Dieß Schicksal wollen Sie theilen; dieß würden Sie theilen, wäre es das wirkliche, das ich Ihnen geben könnte; kehren Sie aber die Medaille um. Des Amtes beraubt, mein Vermögen verschwunden, drängende Schulden, allgemein bekannter Mangel, das Lächerliche der Verlegenheiten, die Schande, die an Armuth und getäuschten Ehrgeiz geknüpft ist. Verbannung in eine fremde Stadt und eine ärmliche Pension, worauf ich allein Anspruch habe. – Denken Sie sich in mir einen Bettler beim Staats-Einkommen, und noch dazu einen solchen, der so sehr durch Schulden bedrängt ist, daß kein Krämer des nächsten Marktfleckens das Einkommen des früheren Ministers theilen möchte! In Zurückgezogenheit, gefallen, verachtet, in der Blüthe des Lebens, auf der Höhe meiner Hoffnungen! Denken Sie sich, daß ich dieß Alles ertragen kann! Können Sie es ertragen? Sie, die dazu geboren sind, einen Hof zu schmücken, können Sie mich so sehen? – Mein Leben verbittert – meine Laufbahn verloren – können Sie, großmüthig wie Sie sind, empfinden, daß Ihre Liebe mir, uns Beiden und unsern Kindern ein so elendes Loos ertheilt hat? – Unmöglich. Caroline! Wir sind zu weise für solche Romantik. Nicht weil wir zu wenig lieben, sondern weil unsere Liebe unserer werth ist, verschmähen wir es, dieselbe uns zum Fluch zu machen. Wir können nicht gegen die Welt ankämpfen, sondern wir müssen ihr die Hand drücken und dem Geizhals seine Schätze entwenden. Mein Herz muß stets das Ihre bleiben, meine Hand muß die der Miß Cameron werden. Geld muß ich haben! Meine ganze Laufbahn hängt davon ab. Mir bleibt buchstäblich nur die Wahl des Räubers: das Geld oder das Leben!«

Vargrave schwieg und ergriff Carolinens Hand. »Ich kann mit Ihnen nicht streiten,« sagte sie. »Sie kennen die sonderbare Gewalt, die Sie über mich erlangten; gewiß ungeachtet Alles dessen, was vorgefallen ist (Caroline erblaßte), könnte ich eher Alles ertragen, als daß Sie mir später eine selbstsüchtige Rücksichtslosigkeit auf Ihre Interessen, auf Ihren gerechten Ehrgeiz zum Vorwurfe machten.«

»Meine theure Freundin, ich sage nicht, daß ich keinen tiefen Schmerz empfinden werde, wenn Sie einen Andern heirathen; ich werde mich aber bei dem Gedanken trösten, daß ich Ihnen eine Stellung verschaffe, welche Ihres Verdienstes würdiger ist, als diejenige, welche ich Ihnen darbieten kann. Lord Doltimore ist reich – Sie werden ihn lehren, seine Reichthümer gut anzuwenden; er ist schwach – Ihr Verstand wird ihn regieren; er ist verliebt – Ihre Schönheit wird genügen, seine Gefühle zu bewahren; wir werden stets Freunde bleiben! –«

Noch mehr redete dieser geschickte und schlaue Schurke zu demselben Zwecke mit Caroline, die er abwechselnd besänftigte, reizte, der er schmeichelte, und die er empörte. Sie liebte ihn sicherlich, so weit sie Liebe empfinden konnte; vielleicht aber hatte sein Rang, sein Ruf dazu gedient, ihre Liebe zu erwerben; da sie seine Verlegenheit nicht kannte, hatte sie eine eigennützige Hoffnung ermuthigt, daß seine Hand ihr angetragen würde, wenn Eveline dieselbe verwerfen sollte. Unter diesem Eindruck hatte sie sich mit ihm eingelassen, kokettirt und mit der Schlange gespielt, bis dieselbe sie umschlungen hielt und bis sie dem Zauber und den Schlingungen derselben sich nicht mehr entreißen konnte. Sie war aufrichtig, sie hätte auf Vieles für Lord Vargrave verzichten können; allein sie stutzte und erschrak bei seiner Schilderung. Auf Verlegenheiten in einem Palast war sie vielleicht vorbereitet; vielleicht sogar auf Entbehrungen, in einem kleinen herausgeputzten Landhause, aber nicht auf den Mangel in einer kleinen Miethwohnung! Sie horchte allmählig mit mehr Aufmerksamkeit auf Vargrave's Beschreibung von der Macht und Huldigung, welche ihr zu Theil werden müßte, wenn sie Lord Doltimore sich sichern könnte; sie horchte auf und ward zum Theil getröstet, allein der Gedanke an Eveline fuhr ihr durch den Sinn; vielleicht war mit natürlicher Eifersucht einige Zerknirschung über das Schicksal verbunden, wozu Lord Vargrave ein so liebenswürdiges und unschuldiges Geschöpf zu verurtheilen schien.

»Vargrave,« sagte sie, »hegen Sie keine sanguinische Hoffnung; Eveline kann Ihre Hand zurückweisen. Sie betrachtet Sie nicht mit meinen Augen. Nur aus Ehrgefühl weist sie nicht offen die Erfüllung eines Verlöbnisses zurück, vor dem ihr Herz zurückschaudert, wie ich dieß aus Erfahrung weiß; und wenn sie Ihre Hand ausschlägt und Sie frei sind, und ich einen Anderen – –«

»Sogar in dem Fall,« unterbrach sie Vargrave, »muß ich mich zum goldenen Götzen wenden; mein Rang und mein Name muß mir eine Erbin erkaufen, welche, wenn auch nicht so begabt, wie Eveline, doch reich genug ist, von meinen Rädern den Hemmschuh unangenehmer Schulden hinweg zu nehmen. Aber ich zweifle nicht an Eveline. Ihr Herz ist noch frei, sie hat Niemand gesehen; in Ihres Vaters Hause kann sie Niemand gesehen haben.«

»Nein, ihre Neigung ist noch nicht gewonnen.«

»Aber Maltravers – sie ist romantisch; wie ich glaube schien er durch ihre Schönheit oder ihr Vermögen gefangen?«

»Nein, ich glaube es nicht, er ist kürzlich wenig bei uns gewesen. Er sprach mit ihr fast nur, wie mit einem Kinde. Und dann auch die Ungleichheit der Jahre.«

»Ich bin aber um mehrere Jahre älter, wie Maltravers,« murmelte Vargrave übelgelaunt.

»Sie? Aber ihr Wesen ist lebhafter und deßhalb jünger.«

»Schöne Schmeichlerin! Maltravers liebt mich nicht! Ich besorge, sein Bericht über meinen Charakter – –«

»Ich hörte ihn nie von Ihnen sprechen, Vargrave, und ich muß Eveline die Gerechtigkeit erweisen, daß sie im Verhältniß, als sie Sie nicht liebt, Sie schätzt und achtet.«

»Schätzt und achtet! das sind Gefühle für eine Vernunft-Heirath,« sprach Lord Vargrave lächelnd. »Aber still! Ich höre die Billardkugeln nicht mehr; man möchte uns hier finden; es ist besser, daß wir uns trennen.«

Lord Vargrave schlenderte in das Billardzimmer. Die jungen Leute hatten soeben ihr Spiel beendigt und wollten den Donnerer besehen, der das Wettrennen gewonnen hatte, und das Eigenthum Lord Doltimore's geworden war. Vargrave begleitete sie in die Ställe, und indem er seine Unwissenheit hinsichtlich der Pferde so gut wie möglich mit zahlreichen Complimenten über Vordertheil und Hintertheil, Race, Knochen, Fleisch und auffallende Theile verdeckt hatte, gelang es ihm, Lord Doltimore in den Hof zu ziehen, während Oberst Legard ein eifriges Gespräch mit dem Stallaufseher anknüpfte.

»Doltimore, ich verlasse morgen Knaresdean; Sie reisen, wie ich glaube, nach London. Wollen Sie ein kleines Paket von mir für das Ministerium des Innern mitnehmen?«

»Gewiß; ich glaube jedoch einige Tage bei Legards Onkel zu bleiben – dem alten Admiral. Er hat Hunde für die Fuchsjagd und hat uns Beide eingeladen.«

»Oh, ich merke wohl, was Sie anzieht – sie ist das hübscheste Mädchen in der ganzen Gegend; schade, daß sie kein Geld hat!«

»Ich kümmere mich nicht um Geld,« sagte Lord Doltimore, indem er erröthete und sein Kinn in seine Halsbinde vergrub; »Sie irren sich, ich denke nicht daran. Miß Merton ist ein sehr hübsches Mädchen. Ich bezweifle jedoch, ob sie sich um mich kümmert. Ich möchte ein Mädchen heirathen, die sehr in mich verliebt ist.« Lord Doltimore lachte närrisch.

»Sie sind mehr bescheiden, wie scharfsichtig,« sagte Vargrave lächelnd; »aber merken Sie sich meine Worte. – Ich prophezeie: die Schönheit der nächsten Saison wird eine gewisse Caroline, Lady Doltimore sein.«

Hiemit brach das Gespräch ab.

»Ich glaube, die Sache ist in der Ordnung,« sagte Vargrave zu sich selbst, als er sich zum Mittagessen ankleidete. »Caroline wird über Doltimore verfügen und ich über eine Stimme bei den Lords und drei bei den Gemeinen. Ich habe ihn schon gehörig in Politik hineingeschwatzt; ich hatte aber sonst Nichts, womit ich mich amüsiren konnte, und man darf nie eine Gelegenheit vorbeilassen. Außerdem ist Doltimore reich, und reiche Freunde sind stets nützlich. Auch habe ich Caroline in meiner Gewalt, und sie kann mir vielleicht von Nutzen sein, in Bezug auf diese Eveline, die ich, anstatt sie zu lieben, beinahe hasse –; sie ist mir früher in die Quere gekommen und hat mir Reichthum geraubt; jetzt, wenn sie mich ausschlägt – aber ich will nicht daran denken.

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