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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Erstes Buch.

Dich, die in Wohnung weilt unter laubigem Dach
– – – – – – – – – – – –ruf' ich an.

     Eurip. Hel.

 

Erstes Kapitel.

Wer bist du Schöne, die den Platz genommen
Von Blanca, der reizendsten der Damen.

      Lamb.

 

Am Abend eines Apriltages saßen zwei Damen am offenen Fenster eines kleinen Landhauses in Devonshire. Der freie Platz vor ihnen war mit immergrünen Kräutern bepflanzt und mit den ersten Blumen und dem frischen Rasen des wieder belebten Frühlings geschmückt; in einiger Entfernung beschloß die See, welche man durch eine Oeffnung in den Bäumen erblickte, blau und ruhig die Aussicht und bot einen Gegensatz zu den beschränkten und ländlichen Zügen der Scene. Der Platz lag abgesondert von dem Lärm und dem Vergnügen der Welt entfernt und abgeschlossen; er eignete sich für den Geschmack und den Charakter der Eigenthümerin. Diese war die jüngere der am Fenster sitzenden Damen. Man hätte nach ihrem Aeußeren kaum vermuthen können, daß sie etwas älter als sieben- oder achtundzwanzig Jahre wäre, obgleich sie um vier oder fünf Jahre diese kritische Grenze im Leben der Schönheit schon überschritten hatte. Ihre Gestalt war leicht und zart in den Verhältnissen, und ihr Antlitz nicht weniger liebenswürdig; nur rauhe oder leichtsinnige Männer würden wegen seiner, mit einem gewissen Trübsinn gemischten, Sanftmuth und Ruhe geurtheilt haben, daß es des Ausdrucks ermangle. Es liegt im Antlitze Derer, welche tiefe Empfindungen gehegt haben, eine Stille, die das gewöhnliche Auge täuscht – so sind die Flüsse oft zugleich ruhig und tief im Verhältniß, als sie sich von den Quellen entfernten, die den Beginn ihres Laufes antrieben und anschwollen, und von denen der Fluß auch noch jetzt sein Wasser, obgleich ungesehen, erhält.

Die ältere Frau, der Anderen Gast, war älter als siebenzig; ihr graues Haar war von der Stirn gezogen und unter einer steifen Haube von quäkerartiger Einfachheit geborgen; ihre Kleidung, kostbar, aber einfach und nach älterer Mode, erhöhte das ehrwürdige Ansehen der Dame, die sich ihrer Jahre nicht zu schämen schien.

»Meine theure Frau Leslie,« sprach die Dame des Hauses nach einer nachdenklichen Pause im Gespräch, welches etwa eine Stunde lang schon geführt war, »Sie haben Recht, vielleicht bin ich zu tadeln, daß ich an diesen Ort zog; ich hätte nicht so selbstsüchtig sein sollen.«

»Nein, meine theure Freundin,« erwiderte Frau Leslie sanft; »selbstsüchtig ist ein Wort, das sich nicht auf Sie anwenden läßt; Sie handelten, wie es Ihnen geziemt – Ihrem eigenen Gefühl desjenigen, was in Ihrem Alter das Beste ist, gemäß – unabhängig in Vermögen und Rang und noch so liebenswürdig: Sie verzichteten auf Alles, was Andere anziehen konnte, und weihten sich in Zurückgezogenheit einem Leben der Ruhe und verborgenen Wohlthuns. Sie befinden sich in diesem Dorfe, so klein es auch ist, in Ihrer Sphäre – Sie trösten, erleichtern, heilen die Unglücklichen, Verlassenen, Kranken, und lehren Eveline Ihre bescheidenen und christlichen Tugenden nachahmen.«

Die gute, alte Dame sprach mit Wärme und mit Thränen in den Augen, ihre Gefährtin legte ihre Hand in die der Frau Leslie.

»Sie können mich nicht eitel machen,« sprach sie mit süßem, schwermüthigem Lächeln; »ich erinnere mich noch wohl, was ich war, als Sie zuerst der Armen, Verlassenen, Wandernden und dem vaterlosen Kinde ein Obdach gaben; ich, die ich damals so arm und verlassen war, was würde ich sein, bliebe ich taub bei der Armuth und dem Kummer der Anderem die noch dazu besser sind als ich? Jetzt aber wächst Eveline, wie Sie sagen, heran; die Zeit naht, wo sie sich entschließen muß, ob sie Lord Vargrave's Hand annehmen will oder nicht. Wie aber kann sie ihn in diesem Dorfe mit Andern vergleichen? Wie kann sie eine Wahl sich bilden? Was Sie sagen, ist sehr wahr! ich habe es aber noch nicht genügend überlegt. Was soll ich thun? Ich bin allein besorgt, so zu handeln, wie es sich für ihr Glück am besten eignet.

»Davon bin ich überzeugt,« erwiderte Mrs. Leslie, »und dennoch weiß ich nicht, wie ich Ihnen rathen soll. Einerseits ist man dem Verlangen Ihres verstorbenen Gatten in jeder Hinsicht so viel schuldig, daß es sehr wünschenswerth erscheint, Eveline möge Lord Vargrave allen Andern vorziehen, wenn er ihrer Achtung und Liebe würdig ist. Ist er aber – und ich höre, daß man ihn in der Welt dafür ausgibt – ein listiger, intriguirender, herzloser Mann, mit ehrgeizigen und harten Bestrebungen, so zitiere ich bei dem Gedanken, Evelinens ganzes Lebensglück hinzuopfern. Sie ist sicherlich nicht in ihn verliebt, und doch glaube ich, daß ihr Charakter der Liebe fähig ist. Sie sollte jetzt Andere sehen, ihr eigenes Herz erkennen und nicht blindlings und unerfahren zu einem Schritt, der über ihr ganzes Dasein entscheidet, bestimmt werden. Diese Pflicht sind wir ihr schuldig, auch dem verstorbenen Lord Vargrave, wie sehr er auch jene Ehe wünschte. Sein Zweck war offenbar ihr Glück, und er wäre nicht auf einem Verfahren bestanden, das durch Zeit und Umstände zu dem entgegengesetzten Ziele führen könnte.«

»Sie haben Recht,« erwiderte Lady Vargrave, »als mein armer Gatte auf seinem Todtenbette lag, sagte er mir, ehe er seinen Neffen herbeirief: ›Die Vorsehung kann alle unsere Pläne vereiteln. Wird es je zum wirklichen Glück der Eveline gereichen, daß ihre Vermählung mit Lumley Ferrers nicht erfüllt werde, so muß ich Ihnen das Recht der Entscheidung in dem, was ich nicht vorhersehen kann, überlassen. Ich verlange allein, daß kein Hinderniß meinen Wünschen in den Weg gelegt wird und das Kind bei der Erziehung gewöhnt wird, Lumley als den zukünftigen Gatten zu betrachten.‹ – Unter seinen Papieren befand sich ein an mich gerichteter Brief desselben Inhalts, und wirklich überließ dieser Brief in anderer Hinsicht mehr meinem Urtheil, als ich zu erwarten ein Recht besaß. Ach, der Gedanke macht mich oft unglücklich, daß er keine Andere heirathete, die seine Liebe verdient haben würde, und – allein Kummer ist jetzt nutzlos.«

»Ich wünsche, daß Sie dieß wirklich fühlten,« sagte Frau Leslie, »denn Kummer anderer Art scheint Sie zu quälen. Ich glaube nicht, daß Sie die Schmerzen Ihrer Jugend vergessen haben.«

»Ach, wie das möglich!« sagte Lady Vargrave mit bebender Lippe.«

In diesem Augenblicke verdunkelte ein leichter Schatten den sonnigen, grünen Platz vor dem Fenster, und man vernahm, wie eine liebliche, muntere Stimme in einiger Entfernung sang. Gleich darauf hüpfte ein junges Mädchen in der ersten Blüthe der Jugend über den Rasen und stand den beiden Freundinnen gegenüber still.

Es bot sich ein auffallender Gegensatz zwischen der Ruhe und Stille der beiden beschriebenen Personen, der Ruhe – dem Alter und dem grauen Haare der einen, der schwermüthigen und sanften Ergebung auf den Zügen der Andern, zu dem hüpfenden Schritt, dem lachenden Auge und der strahlenden Blüthe der neuen Erscheinung. Die untergehende Sonne glühte auf ihr üppiges, schönes Haar, ihr liebliches Gesicht, ihre elastische Form »Gestalt«. Anm.d.Hrsg. – die Vision war beinahe zu glänzend für diese plumpe Erde – ein Wesen von Licht und Heil, welches die heiteren Griechen unter die Götter des Olymps versetzt und als Aurora oder Hebe verehrt haben würden.

»Wie können Sie an diesem schönen Abende zu Hause bleiben? Kommen Sie, theuerste Frau Leslie, kommen Sie, Mutter, theure Mutter, Sie haben es mir versprochen. Sie sagten, ich sollte Sie abrufen. Sehen Sie, es wird nicht mehr regnen, und der Schauer hat die Myrthen und das Veilchenbeet so erfrischt.«

»Meine theure Eveline,« sprach Frau Leslie mit einem Lächeln, »ich bin nicht so jung wie du.«

»Nein, aber eben so munter, wenn Sie guter Laune sind – wer wird bei solchem Wetter nicht heiter sein? Ich will Ihnen den Rollstuhl holen lassen, ich will Sie umherrollen, ich kann es gewiß – still, Sultan, hast du mich doch gefunden, still!«

Diese letzte Ermahnung war an einen schönen Hund der Newfoundland-Race gerichtet, dem es jetzt gelang, Evelinens Aufmerksamkeit gänzlich in Anspruch zu nehmen.

Die beiden Freundinnen blickten auf das schöne Mädchen, als sie die ausgelassene Heiterkeit ihres großen Gespielen theilte, obgleich sie dieselbe schalt; die ältere der Beiden schien am meisten in ihre Heiterkeit einzustimmen. Beide blickten mit sanfter Zärtlichkeit auf ein so geliebtes Wesen, allein eine Erinnerung oder Ideenverbindung berührte Lady Vargrave, und sie seufzte, als sie hinschaute.

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