Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.

Das Große ist nichts Anderes, als vieles Kleine.

      Alter Schriftsteller.

 

Ein ängstlicher Vorfall trübte den ruhigen Strom des heitern Lebens in der Pfarrei Merton. Eines Morgens, als Eveline aus ihrem Zimmer kam, vermißte sie die kleine Sophie, der es gelungen war, ein unbestrittenes Vorrecht auf einen Stuhl bei Miß Cameron während des Frühstücks in Anspruch zu nehmen. Frau Merton erschien mit einem ernsteren Gesicht wie gewöhnlich. Sophie war unwohl und lag im Fieber; das Scharlachfieber herrschte in der Gegend.

»Dieß trifft sich um so unglücklicher, Caroline,« fügte die Mutter hinzu, indem sie sich an Miß Merton wandte, »als wir morgen auf einige Tage nah Knaresdean gehen wollten, um das Wettrennen zu sehen. Wenn die arme Sophie nicht besser wird, so besorge ich, daß Sie und Miß Cameron ohne mich weggehen müssen. Ich kann Frau Hare holen lassen, um Ihre Begleiterin zu sein; diese würde dort sehr gern Ihnen Gesellschaft leisten.«

»Arme Sophie.« sprach Caroline. »es thut mir leid, daß sie unwohl ist; ich glaube jedoch, Taylor wird sie sehr in Acht nehmen; Sie brauchen nicht zu bleiben, wenn sie nicht schlimmer wird.«

Frau Merton, welche, so kalt sie auch schien, eine zärtliche und aufmerksame Mutter war, schüttelte den Kopf und sagte nichts; Sophie aber befand sich schlimmer als am Vormittage. Man ließ den Doktor holen, und dieser erklärte die Krankheit für ein Scharlachfieber.

Jetzt war es nothwendig, sich vor Ansteckung zu schützen. Caroline hatte die Krankheit gehabt und theilte willig die Wache am Krankenbett mit ihrer Mutter, Frau Merton gab die Vergnü gungspartie auf; man erließ an Frau Hare (die Frau eines reichen Grundbesitzers in der Grafschaft) ein Schreiben und jene Dame willigte gern ein, Caroline und ihre Freundin zu begleiten.

Sophie hatte man schlafend verlassen. Als Frau Merton zu deren Bett zurückkehrte, fand sie Eveline dort ruhig sitzen. Sie erschrak, denn Eveline hatte nie das Scharlachfieber gehabt, und man hatte ihr das Krankenzimmer untersagt. Allein die kleine Sophie war erwacht und hatte verdrießlich nah ihrer theuren Eveline gefragt, und Eveline, die in der Nähe des Zimmers hin und herging, hörte die Frage von der geschwätzigen Krankenwärterin und wollte hereinkommen. Das Kind blickte sie so bittend an, als Frau Merton eintrat, und sagte so traurig: »Nehmen Sie doch Eveline nicht fort,« daß Eveline bestimmt erklärte, sie habe nicht die geringste Furcht vor Ansteckung und müsse bleiben. Ihr Antheil an der Pflege würde um so nothwendiger sein, da Caroline am nächsten Tage nah Knaresdean wolle.

»Aber Sie fahren ja dort ebenfalls hin, Miß Cameron?«

»Gewiß, ich mag nicht, ich kümmere mich um Wettrennen nicht; ich wünschte niemals dorthin zu gehen; ich möchte bei weitem lieber zu Hause bleiben. Gewiß wird ohne mich Sophie nicht besser! Nicht wahr, meine Theure?«

»O ja, wenn ich Sie von dem hübschen Wettrennen entfernt halte, wird mir schlimmer bei dem Gedanken.«

»Aber ich liebe nicht die hübschen Wettrennen wie deine Schwester Caroline; sie muß hingehen; man kann ohne sie nicht fertig werden; aber Niemand kennt mich, mich wird man nicht vermissen.«

»Ich kann so etwas nicht hören,« sagte Frau Merton, mit Thränen in den Augen; somit schwieg Eveline. Am nächsten Morgen aber war Sophie kränker und die Mutter zu ängstlich und zu traurig, um an Umstände und Höflichkeit zu denken; demnach blieb Eveline.

Ein augenblicklicher Schmerz durchschoß Evelinens Brust, als Alles verabredet war; sie erdrückte jedoch einen Seufzer bei dem Gedanken, sie habe auf mehrere Wochen die einzige Gelegenheit, Maltravers zu sehen, verloren. Allerdings hatte sie diese Gelegenheit mit Interesse und furchtsamem Vergnügen erwartet; dieselbe war jetzt für sie verloren; allein weßhalb sollte sie sich darum quälen, was ging sie Maltravers an? – Carolinens Herz machte ihr Vorwürfe, als sie mit ihrem Lilahut und neuen Kleide in's Zimmer trat. Die kleine Sophie, als sie ihre matten Augen auf sie richtete, rief mit kindlichem Vergnügen beim Anblick von Putz: »Wie niedlich und hübsch sehen Sie aus, Caroline! Nehmen Sie Evelinen doch mit sich; Eveline sieht auch so hübsch aus!«

Caroline küßte schweigend das Kind und hielt einen Augenblick unentschlossen an; sie blickte auf ihre Kleidung und dann auf Evelinen, welche ohne an Neid zu denken, ihr zulächelte; sie hatte schon halb im Sinne zu bleiben, als ihre Mutter mit einem Briefe von Lord Vargrave eintrat. Derselbe war kurz; Lord Vargrave würde beim Wettrennen sein; er hoffte die Familie dort zu treffen und würde sie nach Hause begleiten. Diese Nachricht bestimmte den Entschluß Carolinens, während sie bereits Evelinen eine Belohnung ertheilte. Nach wenigen Minuten trat Frau Hare in's Zimmer. Caroline, vielleicht froh, ihren Selbstvorwürfen zu entgehen, eilte in den Wagen mit einem hastigen: »Gott schütze euch Alle, macht euch keine Sorgen; gewiß ist sie morgen besser; Eveline, nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht das Fieber bekommen!«

Herr Merton blickte ernst und seufzte, als er sie in den Wagen hob; als sie aber dort sitzend sich umwandte und ihm einen Kuß zuwarf, sah sie so hübsch fein aus, daß ein Gefühl väterlichen Stolzes seinen Aerger über ihren Mangel an Empfindung versüßte. Er selbst gab den Besuch auf; gleich darauf aber, als Sophie in einen ruhigen Schlaf versunken war, glaubte er wohl einen Ritt durch die Grafschaft zum Wettrennen wagen zu dürfen und um Mittag zurückkehren zu können.

 

Mehrere Tage, sogar eine Woche, ging vorüber; das Wettrennen war geschlossen, aber Caroline nicht zurückgekehrt. Mittlerweile war Sophiens Fieber vorübergegangen; sie konnte ihr Bett, ihr Zimmer verlassen, wieder unten sein, und die Familie war glücklich. Es ist erstaunenswerth, wie die geringste Störung in den täglichen Kleinigkeiten die Räder der häuslichen Maschine aufhält! Eveline war glücklicherweise nicht angesteckt worden; sie war blaß und durch Mühe und Stubenluft etwas geschwächt; ihr ward aber reichlich gelohnt durch der Mutter schwimmenden Blick der Dankbarkeit, durch des Vaters Händedruck, durch Sophiens Wiederherstellung und ihr eigenes gutes Herz. Caroline hatte zweimal geschrieben, um ihre Heimkehr aufzuschieben; Lady Raby war so artig, daß sie nicht fort konnte, ehe die Gesellschaft aufbrach; sie war erfreut, gute Nachricht über Sophien zu erfahren.

Lord Vargrave war noch nicht in die Pfarrei gekommen, um dort zu bleiben, er war aber zweimal herübergeritten, und hatte sich einige Stunden dort aufgehalten; er gab sich die äußerste Mühe, um Evelinen zu gefallen; durch sein Benehmen getäuscht und durch die Erinnerung einer langen und vertrauten Bekanntschaft bestimmt, ward sie jetzt hinsichtlich seines wirklichen Charakters verblendet, und machte sich bittrere Vorwürfe wie jemals über ihren Widerwillen gegen seine Bewerbung und ihre undankbare Bedenklichkeit, den Wünschen ihres Stiefvaters zu gehorchen.

Lumley erzählte den Mertons mit gutmüthigem Lob von Carolinen; sie ward so sehr bewundert; sie war die Schönheit in Knaresdean; ein gewisser junger Freund von ihm, Lord Doltimore, war offenbar in sie verliebt. Die Eltern dachten Großes bei den Ideen, welche der letzte Satz heraufbeschwor.

Eines Morgens kam die geschwätzige Frau Hare – die Gevatterin der Nachbarschaft – in die Pfarrei; sie war vor zwei Tagen aus Knaresdean zuückgekehrt und hatte ebenfalls ihren Bericht von Carolinens Eroberung zu erzählen.

»Ich versichere Ihnen, theure Frau Merton, hätten wir nicht Alle gewußt, daß sein Herz bereits eingenommen war, so hätten wir geglaubt, Lord Vargrave sei ihr wärmster Bewunderer. Lord Vargrave ist ein bezaubernder Mann! Was jedoch Lord Doltimore betrifft, so macht er ihr förmlich den Hof. Entschuldigen Sie mich, keine Klatscherei – ein hübscher junger Mann, nur steif und zurückhaltend; nicht mit dem einnehmenden Wesen von Lord Vargrave.«

»Kehrt Lord Raby nach London zurück oder bleibt er den Herbst über in Knaresdean?«

»Er reist am Freitag, wie ich glaube, ab. – Sehr wenig Gäste sind jetzt noch dort. Lady *** und Lord *** und Lord Vargrave und Ihre Tochter und Herr Legard und Lord Doltimore und Frau und Misses Cipher; alle Uebrigen sind am selben Tage mit mir abgereist.«

»Wirklich?« rief Herr Merton etwas erstaunt aus.

»Ha! ich lese in Ihren Gedanken; Sie erstaunen, daß Ihre Tochter noch nicht zurück ist, nicht wahr? – Aber vielleicht hat Lord Doltimore – ha! ha! – aber keine Klatscherei, entschuldigen Sie mich.«

»War Herr Maltravers in Knaresdean?« fragte Frau Merton, besorgt, den Stoff zu wechseln und auf eine andere Frage nicht vorbereitet.

Eveline schnitt ein Pferd aus Papier für Sophie, welche, aller Munterkeit entbehrend, auf dem Sopha lag, und aufmerksam ihren Feenfingern folgte. »Unartige Eveline, Sie haben des Pferdes Kopf abgeschnitten!«

»Herr Maltravers? Nein! ich glaube nicht; nein, er war nicht dort. Lord Raby bat ihn sehr angelegentlich zu kommen, und war, wie ich weiß, sehr in seiner Erwartung getäuscht, daß er nicht kam. Aber, à propos! ich traf ihn vor einer Viertelstunde, als ich zu Ihnen fuhr. Sie wissen, daß er uns erlaubt hat, durch seinen Park zu fahren; und als ich durch den Park kam, ließ ich meinen Wagen halten, um mit ihm ein paar Worte zu sprechen. Ich sagte ihm; daß ich hieher führe; und daß Sie das Scharlachfieber im Hause hätten; weßhalb Sie nicht zu dem Wettrennen gekommen wären. Er wurde blaß und schien beunruhigt; ich sagte ihm, wir besorgten sämmtlich, daß Miß Cameron angesteckt würde, und entschuldigen Sie mich – ha! ha! – keine Klatscherei; ich hoffe aber –«

»Herr Maltravers!« kündigte der Diener an, indem er die Thür öffnete.

Maltravers trat mit schnellem und sogar eiligem Schritte ein; er hielt plötzlich an, als er Evelinen erblickte! sein ganzes Antlitz erglänzte sogleich von einem Ausdruck der Freude; der indeß eben so schnell wieder verschwand.

»Sie sind wirklich gütig,« sagte Frau Merton; »denn wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen!«

»Ich bin sehr beschäftigt gewesen,« murmelte Maltravers beinahe unhörbar und setzte sich neben Eveline. »Ich habe so eben gehört, daß eine Krankheit im Hause sei; Miß Cameron, Sie sehen blaß aus, Sie sind doch nicht krank, hoffe ich? –«

»Nein! ich bin ganz gesund,« sprach Eveline mit einem Lächeln; und sie fühlte sich glücklich, daß ihr Freund noch einmal gegen sie artig war.

»Ich war allein krank; Herr Ernst,« sprach Sophie; »Sie haben mich vergessen.«

Maltravers beeilte sich, eine Rechtfertigung auszusprechen; Sophie und er waren bald wieder Freunde.

Frau Hare, welche aus Ueberraschung bei der plötzlichen Zusammenkunft zuerst geschwiegen hatte, und jetzt wieder elegantes Gespräch ersehnte, eröffnete noch einmal ihre Schätze. Sie schwatzte bald mit dem Einen, bald mit dem Andern; bis sie sich außer Athem geschwatzt hatte, bis die orthodoxe halbe Stunde vorüber war, bis man schellte, den Wagen bestellte, und bis sie sich fortzugehen erhob.

»Kommen Sie doch an die Thüre; Frau Merton; und sehen Sie meinen Pony-Phaëton an! Er ist so hübsch. Lady Raby bewundert ihn so sehr; so sollten Sie sich auch einen anschaffen;« dabei beehrte sie die Frau Merton mit einem bezeichnenden Blick, der so deutlich, wie nur möglich ausdrückte: ich habe Ihnen Etwas mitzutheilen. Frau Merton benutzte den Wink und folgte der guten Dame aus dem Zimmer.

»Wissen Sie, theure Frau Merton,« fragte Frau Hare flüsternd, als Beide zwischen dem Billardzimmer und der Halle in Sicherheit waren, »wissen Sie, ob Lord Vargrave und Herr Maltravers gute Freunde sind?«

»Nein! weßhalb fragen Sie?«

»Oh! als ich Lord Vargrave von ihm erzählte, schüttelte er den Kopf; ich weiß wirklich nicht mehr, was Se. Lordschaft sagte; aber er schien so zu reden; als ob eine kleine Feindschaft zwischen Beiden herrschte, und dann fragte er sehr besorgt; ob Herr Maltravers oft in die Pfarrei käme; und es schien ihm unangenehm, als er hörte, Sie seien so nahe Nachbarn. Sie werden mich entschuldigen – ha! ha! – aber Beide waren ja alte Freunde! und wenn Lord Vargrave hieher kömmt, so möchte es ihm unangenehm sein, Jenen zu treffen – Sie werden mich entschuldigen. Ich nahm mir die Freiheit; ihm zu sagen, er brauche auf Herrn Maltravers nicht eifersüchtig zu sein – ha! ha! – gar kein Mann zum Heirathen. Aber ich dachte, Miß Caroline zöge ihn herbei – Sie werden mich entschuldigen, keine Klatscherei, ha! ha! Aber Lord Doltimore muß der Mann sein. Guten Morgen! Ich habe Ihnen nur den Wink geben wollen. Ist der Phaëton hübsch? Meine Complimente an Herrn Merton!«

Die Dame fuhr davon.

Während dieses Gespräches waren Maltravers und Eveline mit Sophie allein geblieben. Maltravers fuhr fort, sich über das Kind zu beugen und scheinbar auf dessen Geschwätz zu hören, während Eveline, welche sich erhoben hatte, um Frau Hare die Hand zu drücken, sich nicht wieder setzte, sondern an's Fenster ging und sich mit den Blumen vor demselben zu thun machte.

»Sehr schön, Herr Ernst,« sprach Sophie (sie lispelte stets, den Namen beim letzten Buchstaben), »Sie bekümmern sich viel um uns, daß Sie so lange wegbleiben. – Nicht wahr, Eveline? Ich habe keine Lust mit Ihnen zu sprechen, Herr!«

»Das wäre eine schwere Strafe, Miß Sophie; glücklicherweise würde dieß aber eine Strafe für Sie selbst sein; Sie können ja ohne zu schwatzen nicht leben.«

»Aber ich würde nie mehr gesprochen haben, Herr Ernst, wenn Mama und die hübsche Eveline nicht so gütig gegen mich gewesen wären;« das Kind schüttelte dabei den Kopf, als habe es Mitleid mit sich selbst. »Aber Sie müssen nicht so lange fortbleiben, spielen Sie morgen mit Sophie, kommen Sie morgen und schaukeln Sie Sophie; ich habe nicht mehr so angenehm geschaukelt, seit Sie fort sind.«

Während Sophie sprach, wandte sich Eveline halb um, als wolle sie Maltravers Antwort hören. Er trug Bedenken, und Eveline sagte: »Sie müssen Herrn Maltravers nicht so quälen! Herr Maltravers hat zu viele Geschäfte, um uns zu besuchen.«

Eveline sagte dieß etwas empfindlich; ihre Wange glühte bei den Worten, aber ein schlaues, herausforderndes Lächeln ruhte auf ihren Lippen.

»Dieß kann allein mein Nachtheil sein, Miß Cameron,« sagte Maltravers aufstehend, und vergeblich versuchend, dem Antrag zu widerstehen, der ihn zum Fenster zog. Der Vorwurf in Ton und Worten machte ihm sowohl Kummer wie Vergnügen; alsdann auch erinnerte ihn die Scene und das leidende Kind an seine erste Unterredung mit Evelinen. Er vergaß im Augenblick den Verlauf der Zeit, das neue von ihr eingegangene Band und seinen eigenen Entschluß.

»Ein schlechtes Compliment für uns,« erwiderte Eveline ohne Zwang. »Halten Sie uns Ihrer Gesellschaft für so wenig werth, daß wir Sie nicht zu schätzen wußten? – Vielleicht aber,« fügte sie hinzu, indem sie die Stimme senkte. »haben wir Sie beleidigt, vielleicht sagte ich etwas, das Sie verletzte.«

»Sie?« wiederholte Maltravers mit Aufregung.

Sophie, die aufmerksam zugehört hatte, fiel hier ein. »Geben Sie Evelinen die Hand und versöhnen Sie sich mit ihr. Sie haben sich mit ihr gezankt, unartiger Ernst!«

Eveline lachte und schüttelte ihre sonnigen Locken zurück. »Ich glaube,« sagte sie mit bezaubernder Einfalt, »Sophie hat Recht. Söhnen wir uns aus!« Mit diesen Worten hielt sie ihre Hand Maltravers hin.

Maltravers drückte die schöne Hand an seine Lippen. »Ach!« sprach er, von verschiedenen Gefühlen aufgeregt, die seiner tiefen Stimme ein Zittern ertheilten. »Ihr einziger Fehler besteht darin, daß Ihre Gesellschaft mich mit meinem einsamen Hause unzufrieden macht, und da Einsamkeit mein Schicksal im Leben sein muß, so suche ich mich bei Zeiten dagegen abzuhärten.«

Bei den Worten trat Frau Merton in's Zimmer, ob gelegentlich oder nicht, mag der Leser entscheiden, Frau Merton kehrte zum Zimmer zurück. Sie entschuldigte sich wegen ihrer Abwesenheit, sprach von Frau Hare und den kleinen Hares, hübschen unruhigen Knaben; alsdann fragte sie Maltravers, ob er Lord Vargrave gesehen habe, seit Seine Lordschaft in der Grafschaft sei.

Maltravers erwiderte mit Kälte, daß er die Ehre nicht gehabt habe. Lord Vargrave habe bei ihm neulich auf seinem Wege zur Pfarrei eingesprochen, er sei jedoch nicht zu Hause gewesen, und er habe ihn schon viele Jahre nicht gesehen.

»Er ist eine Person von sehr einnehmenden Manieren,« sagte Frau Merton.

»Gewiß, sehr einnehmend und sehr geschickt.«

»Er hat Talente.«

»Er scheint sehr liebenswürdig.«

Maltravers verbeugte sich und blickte auf Evelinen, deren Gesicht jedoch ihm abgewandt war.

Diese Wendung des Gesprächs war dem Besucher peinlich; er erhob sich, um zu gehen.

»Vielleicht,« sagte Frau Merton, »werden Sie morgen Lord Vargrave beim Mittagessen treffen; er wird einige Tage bei uns bleiben, so lange, als man ihn entbehren kann.«

Maltravers Lord Vargrave treffen! Den glücklichen Vargrave! Den Verlobten der Eveline! Maltravers Zeuge der vertraulichen Rechte, der entzückenden Vorrechte eines Andern! Und dieser Andere ein Mann, den er nicht Evelinens würdig hielt! Er empfand heftige Pein bei dem Gemälde, welches die Einladung ihm heraufbeschwor.

»Sie sind sehr gütig, meine liebe Frau Merton, allein ich erwarte einen Besuch in Burleigh, einen alten und theuren Freund, Herrn Cleveland.«

»Herrn Cleveland! Wir werden erfreut sein, auch ihn zu sehen; wir kannten ihn viele Jahre lang, während Ihrer Minderjährigkeit, als er zwei, oder dreimal jährlich Burleigh zu besuchen pflegte.«

»Er hat sich seitdem verändert, er ist öfter kränklich, und ich besorge, daß ich nicht für ihn stehen kann; jedoch wird er Sie besuchen, sobald er ankömmt und selbst seine Entschuldigung anbringen.«

Maltravers erhob sich schnell, um fort zu gehen. Er erlaubte sich nicht mehr, als eine entfernte Verbeugung gegen Eveline; sie blickte ihn mit Vorwurf an. Seine Abwesenheit von der Pfarrei war also vorher überlegt und beschlossen – weßhalb? Sie empfand Gram und war zugleich gekränkt; ersteres war vielleicht noch mehr wie letzteres der Fall, vielleicht weil Achtung, Interesse und Bewunderung toleranter und mitleidiger als Liebe sind.

 << Kapitel 28  Kapitel 30 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.