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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Sechstes Kapitel.

» La santé de l' Ame n' est pas plus assuré e que celle du corps; et quoique l' on paraisse é loigné des passions, on n' est pas moins en danger de s' y laisser emporter, que de tober malade, quand on se porte bien.« Seelische Gesundheit ist nicht sicherer als körperliche; und wie fern man den Leidenschaften auch zu stehen scheint: man ist ebenso gefährdet, sich von ihnen hinreißen zu lassen, wie krank zu werden, wenn man gesund ist. Anm.d.Hrsg.

      La Rochefoucauld.

 

Ungeachtet der Bemühungen des Maltravers, eine Begegnung mit Evelinen zu vermeiden, trafen Beide in der Runde provinzieller Gastfreundschaft nothwendig zusammen. Wenn Herr Merton oder Caroline (eine schärfere Beobachterin, wie ihr Vater) jemals Verdacht gehegt hatten, daß Eveline eine Eroberung an Maltravers gemacht habe, so mußte sein Benehmen bei solchen Gelegenheiten, denselben nothwendig entfernen.

Maltravers war ein Mann von tiefem Gefühl, aber nicht mehr Kind genug, um dem ersten Antriebe der Versuchung sich hinzugeben. Ich sagte, Tapferkeit sei seine Lieblingstugend gewesen; Tapferkeit ist aber nur eine Tugend großer und seltener Augenblicke; noch eine andere Tugend, die auf gleiche Weise wenig Lohn und Glanz verschafft, hielt er für die Hauptform seiner thätigen und täglichen Pflichten; diese Tugend war Gerechtigkeit. In seiner Jugend war er in die conventionelle Formel verliebt gewesen, die wir Ehre nennen, ein wechselndes und schattenhaftes Phantom, welches nur den Reflex der Meinung, der Zeiten und Klimate bildet. Die Gerechtigkeit aber enthält etwas Bleibendes und Festes; aus Gerechtigkeit entspringt die wahre, nicht die falsche Ehre.

»Die Ehre,« sagte Maltravers, »verhält sich zur Gerechtigkeit, wie die Blume zur Pflanze; sie ist deren höchster Lebenspunkt! Die Ehre aber, welche nicht aus Gerechtigkeit entspringt, gleicht einem bemalten Lumpen, einer künstlichen Rose, welche die männlichen Putzmacherinnen uns als natürlicher, wie die wahre, pflanzen wollen.«

Diesen Grundsatz der Gerechtigkeit suchte Maltravers in allen Dingen durchzuführen – vielleicht nicht mit fortwährendem Erfolg, denn welche Praxis kann je durchgehends eine Theorie zur Wirklichkeit erheben? Aber dennoch ward sein Bemühen nach Erfolg nie unterbrochen. Dieß vielleicht hatte ihn von den Excessen zurückgehalten, zu welchen überschwengliche und freisinnige Naturen wohl geneigt sind – von genialen Maßlosigkeiten.

»Niemand,« pflegte er zu sagen, »kann in seinen Umständen verstört sein, ohne Andern Verlegenheit zu verursachen. Wer kann gerecht sein ohne Sparsamkeit? Und was ist Mildthätigkeit – Freigebigkeit – was anders, als die Poesie – die Schönheit der Gerechtigkeit.«

Niemand forderte Maltravers zweimal eine gerechte Schuld ab; Niemand forderte ihn je zur Erfüllung eines Versprechens auf. Man fühlte, daß man sich jedenfalls auf sein Wort verlassen konnte; auf ihn ließ sich die witzige Lobrede Johnsons auf einen gewissen Edelmann anwenden: »Wenn er Euch eine Eichel versprochen hätte, und wenn die Eichelernte in England mißrieth, so hätte er eine solche aus Norwegen holen lassen.« Deßhalb war es nicht der bloße normannische und ritterliche Geist der Ehre, welchen er in seiner Jugend als einen Theil des Schönen und Geziemenden verehrt hatte, der aber damals der Versuchung nachgab, wie ein Gefühl stets der Leidenschaft nachgeben muß – sondern es war vielmehr der härtere, hartnäckige, auf Nachsinnen beruhende Grundsatz, ein späteres Erzeugniß tieferer und edlerer Weisheit, welcher das Verfahren des Maltravers in dieser Krisis seines Lebens leitete.

Gewiß hatte er niemals so geliebt, wie jetzt Eveline; dennoch hatte er sich nie so wenig der Leidenschaft überlassen. »Ist sie mit einem Andern verlobt,« dachte er, »so geziemt keiner dritten Person ein Versuch, das Verlöbniß aufzulösen. Ich bin der Letzte, der ein richtiges Urtheil von der Kraft oder Schwäche der Bande zu bilden vermag, welche sie an Lord Vargrave knüpfen. Meine Aufregung würde mich ungeachtet meines Willens auf Abwege leiten. Ich kann mir denken, daß ihr Verlobter ihrer nicht würdig ist; darüber muß sie selbst entscheiden, So lange die Bande halten, besitzt Niemand das Recht, sie zu zerreißen.«

Diesen Begriffen gemäß, welche die Welt vielleicht für übertrieben hält, verschanzte sich Maltravers in eine starre und erkaltende Förmlichkeit. Wie schwierig war dieß Verfahren bei einem so einfachen und natürlichen Mädchen! Die arme Eveline dachte, sie habe ihn beleidigt; sie wünschte ihn nach der Ursache, weßhalb er gereizt sei, zu fragen; vielleicht hatte sie in ihrem Bestreben, seinen Genius zu erwecken, eine geheime und schmerzende, eine verborgene Wunde der Erinnerung berührt; sie rief sich alle ihre Gespräche wieder in's Gedächtniß. Ach, weßhalb ließen sich dieselben nicht erneuen! Maltravers hatte auf ihre Phantasie und ihre Gedanken einen nicht zu verwischenden Eindruck hervorgebracht. Sie schrieb häufiger wie jemals an Lady Vargrave, und der Name Maltravers fand sich auf jeder Seite ihrer Briefe.

Eines Abends trat Miß Cameron nebst den Mertons beinahe in demselben Augenblick in's Zimmer, wie Maltravers. Die Gesellschaft war klein, und so Wenige waren noch angelangt, daß es für Maltravers unmöglich war, ohne auffallende Unhöflichkeit seine Bekannten aus dem Pfarrhause zu vermeiden. Frau Merton setzte sich zu Evelinen und machte Herrn Maltravers anmuthig den Vorschlag, den dritten leeren Sitz auf dem Sopha einzunehmen, auf welchem sie in der Mitte saß.

»Wir grollen Ihnen wegen der Verbesserungen auf Ihren Gütern, Herr Maltravers, da dieselben uns Ihre Gesellschaft kosten. Wir wissen aber, daß unser kleiner langweiliger Kreis Jemandem nicht gefallen kann, der schon so viel gesehen hat. Wir erwarten jedoch, Ihnen bald eine Anlockung in Lord Vargrave bieten zu können. Er ist ein so lebhafter, angenehmer Mann.«

Maltravers erhob ruhig und durchdringend seine Augen zu Evelinen bei dem letzteren Theil dieser Rede. Er bemerkte, daß sie blaß ward; er seufzte unwillkürlich.

»Er besaß einen heitern Geist, als ich ihn kannte,« sagte er, »und damals nicht soviel Ursache, sich glücklich zu fühlen.«

Frau Merton lächelte und wandte sich etwas spitzig zu Evelinen.

Maltravers fuhr fort: »Ich habe niemals den verstorbenen Lord gesehen. Wie ich glaube, besaß er nicht die Lebhaftigkeit seines Neffen.«

»Ich habe gehört, daß er sehr streng war,« sprach Frau Merton, indem sie ihr Augenglas auf eine Gesellschaft, die eintrat, richtete.

»Streng!« rief Eveline aus, »ach, Sie hätten ihn noch kennen sollen! Der gütigste und nachsichtigste Mann; Niemand liebte mich wie er.« Sie schwieg, denn sie empfand, wie ihre Lippe bebte.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, meine Theure,« sagte Frau Merton ruhig. Frau Merton hatte keinen Begriff von der Pein verletzter Gefühle.

Maltravers ward gerührt, und Frau Merton setzte das Gespräch fort, mit den Worten: »Kein Wunder, daß er gegen Sie gütig war, Eveline; ein roher Mensch würde dieses sein; allgemein hielt man ihn aber für einen strengen Mann.«

»Ich habe niemals einen strengen Blick von ihm gesehen, ich hörte niemals ein strenges Wort von ihm; ich erinnere mich sogar niemals, daß er das Wort ›Befehl‹ gebrauchte,« sagte Eveline beinahe ärgerlich.

Frau Merton war im Begriff zu antworten, als ihre mütterlichen Gedanken durch den Anblick einer Dame, deren kleine Tochter die Masern gehabt hatte, in einen neuen Kanal geleitet wurden; sie schlüpfte mit jener Sympathie hinweg, welche alle Häupter einer heranwachsenden Familie vereinigt.

Eveline und Maltravers blieben allein.

»Sie erinnern sich noch wohl Ihres Vaters?« fragte Maltravers.«

»Keines Vaters, als des Lord Vargrave; so lange er lebte, kannte ich niemals den Verlust eines Vaters.«

»Aehnelt Ihnen Ihre Mutter?«

»Ach, ich wünschte, dieß wäre der Fall; sie hat die sanftesten Züge.«

»Haben Sie kein Bild von ihr?«

»Nein, sie wollte sich niemals porträtiren lassen.«

»Ihr Vater war ein Cameron; ich habe viele dieses Namens gekannt.«

»Wir haben keine Verwandte; meine Mutter sagt, keiner derselben sei am Leben.«

»Werden wir nicht vielleicht Lady Vargrave in B–shire sehen?«

»Sie verläßt nie ihr Haus, ich hoffe jedoch, bald nach Brook-Green zurückzukehren.«

Maltravers seufzte, und die Unterredung nahm eine neue Wendung.

»Ich habe Ursache, Ihnen für die Bücher zu danken, die Sie so gütig waren, mir zu senden. Ich hätte sie Ihnen schon längst zurückschicken sollen,« sprach Eveline.

»Ich brauche dieselben nicht; Poesie hat für mich den Reiz verloren, hauptsächlich solche, welche mit der Methode und Symmetrie der Kunst etwas von deren Kälte verbindet. Wie gefiel Ihnen Alfieri?«

»Seine Sprache ist eine Art von spartanischem Französisch.,« erwiderte Eveline mit einem jener glücklichen Ausdrücke, womit sie dann und wann die schnelle Fassungsgabe ihres natürlichen Talentes erwies.

»Ja,« sagte Maltravers lächelnd, »die Kritik ist treffend. Armer Alfieri! Er verschwendete all seinen überströmenden Genius auf sein wildes Leben und auf seine stürmischen Leidenschaften; seine Poesie ist nur die Darstellung seiner Gedanken, nicht seiner Regungen. Glücklicher ist der Mann von Geist, welcher allein nach seiner Vernunft lebt, und Gefühl auf seine Verse allein verschwendet!«

»Sie glauben doch nicht, daß wir Gefühl auf menschliche Wesen verschwenden,« sagte Eveline mit lieblichem Lächeln.

»Legen Sie mir die Frage vor, wenn Sie meine Jahre erreicht haben und auf die Felder schauen können, worauf Sie Ihre wärmsten Hoffnungen, Ihre edelsten Bestrebungen, Ihre zärtlichsten Neigungen verschwendeten, und wenn Sie dann den Boden unfruchtbar und nutzlos erblicken. ›Sehet Euer Herz nicht auf Dinge dieser Erde!‹ spricht der Prediger.«

Eveline ward durch den Ton, die Worte und den schwermüthigen Gesichtsausdruck des Redenden gerührt.

»Sie sollten unter allen Menschen am wenigsten so denken,« sprach sie mit liebenswürdigem Eifer – »Sie, die Sie so viel gethan haben, um die Herzen Anderer zu erwecken und zu mildern.« – Sie hielt an und fügte ernster hinzu: »Ach, Herr Maltravers, ich kann mit Ihnen nicht disputiren, jedoch ich hoffe, daß Sie Ihre eigenen Ansichten an sich widerlegen werden.«

»Würde Ihr Wunsch erfüllt,« erwiederte Maltravers beinahe finster und mit dem Ausdruck großen Kummers an seinen zusammengepreßten Lippen, »so würde ich Ihnen viel Unglück zu verdanken haben.« –

Er stand plötzlich auf und wandte sich fort.

»Wie, habe ich ihn beleidigt?« dachte Eveline betrübt. »ich spreche nie, ohne daß ich ihn verwunde.«

Sie hätte in ihrer einfachen Güte gewünscht, ihm zu folgen und ihn zu beruhigen; allein er befand sich jetzt in einer Gesellschaft Fremder und verließ bald darauf das Zimmer. Sie sah ihn mehrere Wochen nicht wieder.

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