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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Fünftes Kapitel.

Wenn ich überlege, wie elend
   die Menschen sind. –

      Plautus.

 

Wegen mancher Gründe müssen wir über die politische Laufbahn kurz sein, in welche der intriguirende Geist des Lord Vargrave sich eingelassen hatte. Es wäre uns kaum möglich, das nothwendige Mittel zwischen einer offenen Erklärung und einer zu verwickelten Umschreibung zu halten. Es genüge deßhalb, in kurzen Worten dasjenige zu wiederholen, was der Leser schon aus dem Vorhergehenden erkannt haben wird, daß die zu lösende Frage eine solche war, wie sie oft genug in allen Ministerien vorkommt – eine Frage, worüber das Kabinet getheilt war, und hinsichtlich welcher der schwächere Theil den stärkeren zu überlisten strebte.

Die Unzufriedenen, welche den frühern oder spätern Ausbruch des aufsteigenden Gewitters voraussahen, waren wieder unter sich getheilt, ob sie ihre Stellen niederlegen oder bleiben und ihre Collegen zum Abdanken bringen sollten – die Reicheren und Ehrlicheren waren für das erstere Verfahren; die Aermeren und mehr Abhängigen für das andere. Wir haben gesehen, daß die letztere Politik diejenige war, welche Lord Vargrave annahm und empfahl (obgleich derselbe nicht im Kabinet saß, gelang es ihm doch immer, dessen Geheimnisse herauszubringen); zugleich aber auch ließ er sich freie Hand hinsichtlich des Andern. Wäre es möglich, seine Partei zu discipliniren und zu kräftigen, so daß bei dem Staatsstreich der plötzlichen Resignation eines furchtbaren Körpers die ganze Regierung getrennt würde, und eine neue aus den Zurücktretenden sich bilden ließe, so war dieß offenbar der beste Plan. Aber alsdann zweifelte Lord Vargrave an seiner Kraft, und besorgte, zu Gunsten seiner Collegen zu spielen, die ohne ihn und seine Verbündeten einen festeren Stand erhalten, und durch Aussöhnung der Opposition in politischer Bewegung einen Schritt vorwärts machen würden, durch welchen Vargrave auf lange Jahre ohne Amt und Macht bleiben müßte. –

Er bereute seine Raschheit in der kürzlichen Debatte, die allerdings als voreilige Keckheit aus augenblicklicher Aufregung entsprungen war; – der schlauste Redner ist bisweilen unbedacht. Die nächsten Tage brachte er damit zu, abwechselnd eine Partei durch Erklärungen zu versöhnen und die andere zu erforschen, zu vereinigen und zu befestigen. Sein Versuch in, der ersteren wurde von dem Premier mit der kalten Artigkeit eines beleidigten, aber vorsichtigen Staatsmannes aufgenommen, der gerade so viel glaubte, wie es ihm beliebte, und der es vorzog, seine eigene Gelegenheit zu einem Bruch mit einem ihm Untergeordneten abzuwarten, als sich unbesonnen seinem Aerger hinzugeben. Bei der letztern Partei sah der scharfblickende Abenteurer, daß der Boden, worauf er stand, unsicherer war, wie er vermuthet hatte. –

Er bemerkte zu seiner großen Täuschung und geheimen Wuth, daß Manche derjenigen, welche sich am lautesten zu seinen Gunsten erklärten, so lange er in der Regierung saß, ihn am schnellsten verlassen würden, so bald er herausgeworfen würde. Als ein untergeordneter Minister beliebt, wurde er auf ganz verschiedene Weise in dem Augenblick betrachtet, wo die Frage sich erhob, ob die Menschen sich seiner Leitung überlassen sollten, anstatt seine Aeußerungen günstig aufzunehmen. Einige wünschten nicht die Regierung zu stürzen. Andere suchten sie nur zu schwächen, um sie zu verbessern. Einer seiner aufrichtigsten Anhänger war ein Candidat für die Pairie, ein anderer erinnerte sich plötzlich, er sei ein Vetter des Premier-Ministers; Einige lachten über die Idee einer Marionette als Premier-Minister in Lord Saxingham; Andere gaben Lord Vargrave zu verstehen, er habe kein solches Ansehen im Lande, daß er einer neuen Partei Achtung verschaffen könne, von welcher er, der Sprecher, wenn auch nicht das Haupt sein müsse; sie selbst hegten ja Bewunderung und Vertrauen zu ihm, aber nicht so die verdammten Landedelleute und das dumme Publikum.

Beunruhigt, ermüdet und verdrießlich, sah der Intriguant, wenigstens für jetzt, sich zur Unterwürfigkeit gezwungen; mehr wie jemals fühlte er die Nothwendigkeit, an Evelinens Vermögen einen Rückhalt zu haben, wenn unglückliches Spiel ihn seines Amtes berauben sollte. Es war ihm lieb, auf einige Zeit den Plackereien und dem Aerger, gleichsam um Athem zu schöpfen, zu entgehen; mit dem eifrigen Interesse eines sanguinischen und elastischen Geistes, der stets von einem Entwurf zum andern überging, blickte er auf seine Reise nach B–shire.

 

Auf dem Landhause von Herrn Douce traf Lord Vargrave einen jungen Edelmann, welcher vor kurzem in den Besitz eines nicht nur großen und unverschuldeten, sondern auch in den Augen der Politiker sehr wichtigen Eigenthums gekommen war. Da es in einer sehr kleinen Grafschaft lag, so ward dem Eigenthümer, Lord Doltimore, als dem größten Grundbesitzer, wenigstens die Ernennung eines der Parlamentsglieder für dieselbe gesichert, während ein kleiner Ort, hinter seinem Park gelegen, zwei Mitglieder ins Parlament sandte. Lord Doltimore, erst kürzlich vom Festlande zurückgekehrt, hatte noch nicht einmal seinen Sitz im Oberhause eingenommen; obgleich seine Familienverbindungen ministeriell waren, war seine eigene Partei noch unbekannt. Lord Vargrave richtete auf diesen jungen Edelmann hauptsächlich seine Aufmerksamkeit; er war ganz geeignet, jüngere Leute an sich zu ziehen. Auch gelang es ihm gut, sich Lord Doltimore's Neigung zu verschaffen.

Seine Lordschaft war ein kleiner, blasser Mann mit sehr geringem Verstande, hochmüthig im Wesen, sorgfältig in der Kleidung, im Grunde nicht bösartig, und in seinem Charakter mit manchen Eigenschaften eines englischen Gentleman, d. h. er war ehrenwerth in seinen Gedanken und Handlungen, sobald seine natürliche Dummheit und seine vernachläßigte Erziehung ihn in Stand setzten, ungeachtet seiner Vorurtheile, der Täuschungen Anderer und der falschen Anschauungsweise der leichtsinnigen Gesellschaft, worin er lebte, das Recht und Unrecht zu erkennen. Allein sein Hauptcharakterzug war Eitelkeit und Eigenliebe. Er hatte sich viel mit jüngeren Söhnen abgegeben, die klüger waren, wie er selbst; die ihm sein Geld abborgten, ihm ihre Pferde verkauften und bei ihm im Kartenspiel gewannen. Dafür bezahlten sie ihn mit der Art von Schmeichelei, welche manche junge Männer mit einem so herzlichen Ansehen von freundschaftlicher Bewunderung anzunehmen wissen: »Sie haben sicherlich die besten Pferde in Paris; Sie sind wahrhaftig ein ausgezeichnet guter Kerl, Doltimore; wissen Sie, Doltimore, was die kleine Désiré von Ihnen sagt? Sie haben sicherlich dem Mädchen den Kopf verdreht.«

Diese Art Schmeichelei vom einen Geschlecht wurde nicht durch Härte vom andern wieder gut gemacht. Lord Doltimore war im Alter von zweiundzwanzig Jahren eine sehr gute Partie. Wie mangelhaft sonst auch sein Verstand sein mochte, so besaß er doch genug, um zu bemerken, daß ihm größere Aufmerksamkeit von Operntänzerinnen, die einen Freund suchten, oder von tugendhaften Damen, die einen Gatten suchten, als von einem seiner gewöhnlichen Gesellschafter erwiesen wurde, wie gutmüthig manche derselben auch aussehen mochten.

»Sie werden jetzt nicht mehr in London bleiben, da die Saison vorüber ist?« fragte Lord Vargrave, als er nach Tische bei Lord Doltimore saß, sobald die Damen sich entfernt hatten.

»Nein! Auch in der Saison gefällt mir London nicht besonders; Paris hat mich für jeden andern Ort gleichgültig gemacht.«

»Paris ist sicherlich sehr angenehm: das laissez-allez des französischen Lebens hat einen Zauber, dessen unser förmlicher Prunk entbehrt. Nichtsdestoweniger muß London für einen Mann, wie Sie, manche Anziehung besitzen.«

»Nun, ich habe dort viele Freunde; doch, wenn einmal die Rennen von Ascot vorbei sind, wird mir London langweilig.«

»Halten Sie Pferde zum Wettrennen?«

»Noch nicht, aber Legard (Sie kennen ihn vielleicht, ein sehr guter Kerl) reizt mich an, daß ich mein Glück versuche. Bei dem Wettrennen von Paris war ich sehr glücklich; wie Sie wissen, haben wir dieselben dort eingeführt. Natürlich gefällt es den Franzosen.«

»So? Seit langer Zeit bin ich nicht in Paris gewesen – ein sehr aufregendes Vergnügen! – Apropos das Wettrennen, morgen reise ich nach Lord Raby's Gut. Wie ich glaube, las ich in einer Morgen-Zeitung, daß Sie auf ein Pferd in Knaresdean sehr viel eingesetzt haben.«

»Ja, auf den ›Donnerer‹. Ich gedenke ihn zu kaufen. Legard – Obrist Legard – (er war in der Garde, hat aber seine Stelle verkauft) – ist ein guter Richter und empfiehlt den Ankauf. Wie sonderbar, daß auch Sie nach Knaresdean reisen!«

»Allerdings sonderbar, aber höchst glücklich! – Wir können zusammenreisen, wenn Sie keine bessere Gesellschaft haben.«

Lord Doltimore erröthete und zögerte. Einerseits erschrak er, mit einem so viel klügeren Manne allein zu sein; andererseits wurde ihm eine Ehre erwiesen, und er erhielt Stoff, Legard Etwas zu erzählen; nichtsdestoweniger überwand die Blödigkeit seine Eitelkeit; er entschuldigte sich und besorgte, daß er Legard mitzunehmen verpflichtet sei.

Lumley lächelte und wechselte das Gespräch; er machte sich so angenehm, daß Doltimore, als die Gesellschaft aufbrach und Lumley seinem Gastgeber die Hand geschüttelt hatte, zu ihm hintrat und etwas verlegen sagte: »Wie ich glaube, kann ich mir Legard vom Halse schaffen, wenn Sie –«

»Das ist entzückend! Wann sollen wir fortfahren? Wohl nicht zu frühe vor dem Essen. Um ein Uhr?«

»Ja! nicht zu früh vor dem Essen; ein Uhr ist etwas zu frühe.«

»Also um zwei. Wo wohnen Sie?«

»In Fentons Hotel.«

»Ich will Sie abrufen. Gute Nacht! Wie wünsche ich den Donnerer zu sehen!«

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