Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

»Oublié de Tullie, et bravé du Sénat.« Von Tullius vergessen, gepiesackt vom Senat. Anm.d.Hrsg.

      Voltaire: Brutus.

 

An jenem Abend war die Verhandlung im Oberhause lebhaft und lang; es war die letzte Parteidebatte der Session. Die schlaue Opposition unterließ nichts, um die Frage, worüber, wie es hieß, eine Meinungsverschiedenheit im Kabinet sich vorfand, in auffallender, wenn auch scheinbar nur in zufälliger Weise zur Sprache zu bringen.

Lord Vargrave erhob sich erst gegen Ende der Sitzung; seine Stimmung war durch den glücklichen Ausweg seines Privatgeschäftes an jenem Tage gesteigert; er fühlte seine Wichtigkeit erhöht, so wie es bei bedürftigen Leuten der Fall ist, wenn eine große Summe bei einem Bankier ihnen zur Verfügung steht; außerdem war er durch einige persönliche Anspielungen gereizt, die ein alter Lord mit einer aus der Arche Noahs sich herschreibenden Familie und reich wie Crösus sich gegen ihn erlaubt hatte. Somit sprach Vargrave mit größerer Kraft, als gewöhnlich.

Seine ersten Sätze wurden mit lautem Beifall begrüßt; er ward warm, hitzig und sprach die bestimmtesten, nicht anders auszulegenden Sätze über die damals verhandelte Frage aus, so daß er bei weitem die Besonnenheit überschritt, welche die Parteihäupter zu bewahren strebten. Anstatt die Opposition zu beruhigen, ärgerte er dieselbe und stellte sich selbst bloß. Der zornige Lärm der Opposition fand Wiederhall in dem lauten Beifall seiner hitzigsten Anhänger.

Der Premierminister jedoch und einige seiner Collegen beobachteten ein mürrisches Schweigen. Der Premierminister notirte einmal etwas in sein Taschenbuch und zog den Hut tiefer über die Stirn. Dieß war für Lumley ein Zeichen böser Vorbedeutung; indeß er hatte nur die Opposition im Auge und bemerkte somit nicht jene Aeußerung des Mißvergnügens.

Der Führer der Opposition antwortete mit ruhiger Bitterkeit und fragte, als er einige von Lumley's scharfen Sätzen wiederholt hatte, den Premierminister: »Sind diese Meinungen auch die des edlen Lords? ich verlange eine Antwort, ich besitze darauf ein Recht!« – Lumley stutzte bei dem Ton, womit das Haupt der Regierung die bezeichnenden Worte: »Hört, hört!« ausrief.

Gegen Mitternacht schloß der Premierminister die Debatte. Seine Rede war kurz und sehr gemäßigt. Er kam auf die ihm vorgelegte Frage. Im Hause herrschte eine solche Stille, daß man das Niederfallen einer Nadel hätte vernehmen können. Die Unterhausmitglieder hinter dem Throne drängten sich mit dem Ausdruck der Gespanntheit auf ihren Gesichtern eifrig vorwärts.

»Man hat mich aufgefordert,« sprach der Minister, »zu erklären, ob jene Gedanken, die mein edler Freund aussprach, auch die meinigen, als des ersten Rathgebers der Krone, sind, – Mylords, in der Hitze der Debatte ist nicht jedes Wort so genau abzuwägen und so streng auszulegen! (Hört! Hört! ironisch von der Opposition, billigend von den Ministerialbänken.) Mein edler Freund wird ohne Zweifel, was er sagen wollte, näher erklären. Ich hoffe, oder vielmehr ich bezweifle nicht, daß seine Erklärung den edlen Lords, dem Hause und der Nation genügend sein werde. Da ich aber zu einer bestimmten Antwort auf eine bestimmte Frage aufgefordert wurde, so erkläre ich hier ein für allemal, daß diese Gedanken, wenn sie von dem zuletzt redenden edlen Lord richtig ausgelegt wurden, nicht die meinigen sind, und niemals das Verfahren eines Kabinets leiten können, dessen Mitglied ich bin.« – (Langer Beifall von der Opposition.) »Zugleich bin ich überzeugt, daß der Ausspruch meines edlen Freundes nicht richtig ausgelegt wurde; so lange ich nicht von ihm selbst höre, daß er das Gegentheil bestimmt ausspricht, glaube ich auch, daß er nur meinen Gedanken Euren Lordschaften hat darlegen wollen.« – So entzog der Premierminister mit einem Takt, durch den Niemand getäuscht werden konnte, und den Jedermann bewundern mußte, Lord Vargrave's unglücklichen Sätzen jede Silbe, welche bei irgend Jemand Anstoß erregen konnte, und übergab die spitzigen Epigramme und heftigen Anklagen einer durchaus harmlosen alltäglichen Erklärung. –

Das Haus war sehr aufgeregt. – Man rief allgemein nach Lord Vargrave und dieser erhob sich schnell. Er befand sich in einer jener Verlegenheiten, aus denen nur er sich mit Geschicklichkeit herausziehen konnte. In seinem Wesen lag so viel männlicher Freimuth, so viel seine Schlauheit in seiner Seele! Er beklagte sich mit stolzer und ehrlich scheinender Bitterkeit über die Auslegung, die man seinen Worten aufgezwungen habe. »Wenn jeder Satz,« fügte er hinzu, (Niemand kannte besser die rhetorische Wirkung, sich an seinen Gegner persönlich zu wenden) »wenn jeder Satz, den der edle Lord in seinem Eifer für Freiheit aussprach, in vergangenen Tagen mit derselben Strenge ausgelegt oder mit gleicher Willkür verkehrt worden wäre, so hätte jener edle Lord schon längst als Brandstifter angeklagt und vielleicht als Verräther enthauptet werden müssen!« Heftiger Beifall von den Ministerialbänken, der Ruf: »Ordnung!« von der Opposition. Ein militärischer Lord erhob sich, um zur Ordnung zu rufen und appellirte an den Lordkanzler.

Lumley setzte sich, als sei er über die Unterbrechung ärgerlich; er hatte die erwünschte Wirkung hervorgebracht, er hatte die vorliegende, öffentliche Frage in einen Privatzank verwandelt; eine neue Aufregung war erweckt worden; er hatte den Lords Sand in die Augen gestreut. Mehrere Sprecher erhoben sich, um die Sache beizulegen. Nach einer halben Stunde verschwendeter Zeit gab der edle Lord auf der einen, und der edle Lord auf der andern Seite gehörige Erklärungen. Beide richteten an sich die höchsten Complimente, und Lumley beschloß seine Rechtfertigung, welche jetzt nach der kurz vorhergegangenen Explosion etwas nur Unbedeutendes zu sein schien, Er erreichte seinen Zweck, so daß er scheinbar alle Parteien befriedigte, denn alle Parteien waren jetzt der Sache müde und wollten zu Bette.

Am nächsten Morgen aber gab es Geflüster in der Stadt, Artikel in den verschiedenen Zeitungen, die offenbar denselben von den Parteihäuptern zugeschickt waren; die Opposition war erfreut, und ein Gefühl allgemein, daß die Uneinigkeit unter den Ministern vor der nächsten Session ausbrechen würde, wenn auch die Regierung für jetzt noch zusammen halten möchte.

Als Lumley sich nach dieser stürmischen Debatte in seinen Mantel hüllte, kam der Marquis von Raby, ein Pair mit großem Grundeigenthum, und ein Mann, welcher mit Lumley's Ansichten gänzlich übereinstimmte, zu demselben hin und machte ihm den Vorschlag, daß Beide in Lord Raby's Wagen zusammen heimkehren sollten., Vargrave willigte ein und entließ seine Diener.

»Sie haben bewunderungswürdig gesprochen, theurer Vargrave,« sprach Lord Raby, als Beide im Wagen saßen, »ich stimme mit allen Ihren Gedanken überein; ich erkläre Ihnen, mein Blut kochte, als ich hörte, daß der Premierminister geneigt ist, Sie über Bord zu werfen. Ihre Anspielung auf *** war vortrefflich; er wird einen Monat lang daran zu thun haben. Sie selbst haben sich gut aus der Sache geholfen.«

»Es ist mir lieb, daß Sie mein Verfahren billigen, dieß gibt mir Trost,« sprach Vargrave mit Gefühl; »ich sehe zwar alle Folgen, kann denselben aber auch mit Rücksicht auf meinen Charakter und mein Gewissen trotzen.«

»Ich hege dasselbe Gefühl,« erwiderte Lord Raby mit einiger Wärme, »und sollte ich glauben, daß der Premierminister hier in dieser Frage nachgeben würde, so würde ich seiner Regierung opponiren.«

Vargrave schüttelte sein Haupt und sagte Nichts, so daß Lord Raby eine hohe Idee von seiner Discretion bekam.

Nach einigen anderen Bemerkungen über Politik lud Lord Raby Lumley ein, ihn auf seinem Landsitze zu besuchen.

»Ich reise nächsten Montag nach Knaresdean; wie Sie wissen, haben wir Wettrennen im Park, und diese sind bisweilen sehr angenehm; zum wenigsten sind sie auch hübsch zuzusehen. Im Oberhause kömmt jetzt doch Nichts mehr vor. Die Schließung der Session ist nahe, und können Sie Zeit sparen, so wird Lady Raby, so wie ich, sehr erfreut sein, Sie zu sehen.«

»Gewiß kann ich, mein theurer Lord, Ihre Einladung nicht abweisen; auch hatte ich die Absicht. Ihre Grafschaft nächste Woche zu besuchen. Sie kennen vielleicht Herrn Merton?«

»Carl Merton? Gewiß! Ein sehr achtungswerther Mann, ein ausgezeichneter Herr, der beste Pfarrer der Grafschaft, kein Schreier und doch durchaus orthodox. Haben Sie Merton schon lang gekannt?«

»Ich kenne ihn überhaupt noch nicht. Meine Bekanntschaft dehnt sich nur auf seine Frau und seine Tochter aus. Beiläufig gesagt, ein sehr hübsches Mädchen. Meine Mündel, Miß Cameron, ist bei ihnen.«

»Miß Cameron! Ha, ich verstehe; ich glaube gehört zu haben; – aber was man hört, ist nicht immer die Wahrheit.«

Lumley lächelte bedeutsam, und der Wagen stand jetzt an seiner Thür.

»Vielleicht wollen Sie uns am Montag in unserem Wagen begleiten,« fragte Lord Raby?

»Unglücklicherweise bin ich Montag beschäftigt, aber am Dienstag können mich Ew. Lordschaft erwarten.«

»Gut, das Wettrennen beginnt am Mittwoch; wir werden ein volles Haus haben. Gute Nacht!« –

 << Kapitel 25  Kapitel 27 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.