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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Drittes Kapitel.

Bald theilt dieses, bald jenes den schnell
   zu erregenden Geist dir.

      Virgil.

 

Der verstorbene Hr. Templeton war ein Bankier in einer Provinzialstadt gewesen, welche ein Centralpunkt großer Unternehmungen in Handel und Ackerbau war. Er hatte den Grund zu seinem Vermögen in den hiezu günstigen Tagen des Krieges und des Papiergeldes gelegt. Außer seiner Bank auf dem Lande besaß er einen beträchtlichen Antheil an einer ziemlich bedeutenden Bank in der Hauptstadt. Zur Zeit seiner Verheirathung mit Lady Vargrave zog er sich gänzlich aus dem Geschäft zurück, und kam seitdem nie wieder an den Ort, wo er sein Vermögen angehäuft hatte. Er hatte jedoch eine vertraute Bekanntschaft mit dem hauptsächlichsten und ältesten Theilhaber an der erwähnten Bank in der Hauptstadt erhalten, da er ein Mann war, der stets gern über Geldangelegenheiten mit denjenigen, welche dieselben verstanden, sprach. Dieser Herr, Gustav Douce, war mit Lumley zum Curator des Vermögens ernannt worden. Beide besaßen Vollmacht, das Vermögen der Eveline so anzulegen, wie sie es am vortheilhaftesten erachteten. Die Curatoren schienen trefflich gewählt zu sein, da der Eine, welcher bestimmt war, das Vermögen zu theilen, an der sicheren Anlegung desselben ein bedeutendes Interesse haben mußte, und da von dem Andern erwartet werden konnte, daß er nach seiner Gewohnheit und nach seinem Geschäft ein vortrefflicher Rathgeber sei.

Lord Vargrave hatte Herrn Douce nur selten gesehen; die Umstände hatten sie nicht zusammengeführt. Allein Lord Vargrave, welcher der Meinung war, jeder reiche Mann könne ihm, bei einer oder der andern Gelegenheit eine wünschenswerthe Bekanntschaft werden, bat ihn regelmäßig einmal jährlich zum Mittagessen. Dafür hatte er zweimal bei Herrn Douce in einem der glänzendsten Landhäuser und auf dem prächtigsten Silbergeschirr gespeist, das er jemals zu sehen und zu beneiden das Glück gehabt hatte, so daß die kleine Gefälligkeit, um welche Lord Vargrave ihn jetzt ersuchen wollte, nur eine unbedeutende Erwiderung für Lord Vargrave's Herablassung war.

Er fand den Bankier in seinem Heiligthum; sein Wagen stand an der Thür, denn es war gerade vier Uhr, um welche Zelt Herr Douce regelmäßig nach Caserta fuhr – dieß war der etwas affektirte Name des erwähnten Landhauses.

Herr Douce war ein kleiner, nervöser Mann: er schien seiner Glieder nicht gänzlich Herr zu sein; wenn er sich verbeugte, schien er zu beabsichtigen, ein Geschenk mit seinen Beinen zu machen; wenn er sich setzte, zupfte er sich zuerst an der einen, dann an der anderen Seite; dann steckte er die Hand in die Tasche und sah sie, als er sie dann wieder zum Vorschein brachte, mit dem größten Erstaunen an; dann ergriff er eine Feder, womit er glücklicherweise seiner Hand bleibende Beschäftigung gab. Dabei zeigte er ein beständiges Spiel mit seinen Gesichtszügen; zuerst lächelte er, dann blickte er ernsthaft, dann erhob er die Brauen wie einen Regenbogen zu dem Horizont seines blassen, strohfarbenen Haares; dann ließ er sie wie eine Lawine über die blinzelnden, rastlosen, unruhig hin und herrollenden kleinen blauen Augen herniederschießen, welche dann kaum sichtbar wurden. Herr Douce hatte das Aeußere eines peinlich blöden Menschen, dieß aber war um so sonderbarer, da er den Ruf eines unternehmenden und sogar kühnen Mannes in seinem Geschäft besaß, und die Gesellschaft der Großen liebte.

»Mein theurer Herr.« sprach Lord Vargrave nach den vorausgegangenen Begrüßungen, »ich habe Sie besucht, um Sie um eine kleine Gefälligkeit zu ersuchen, die Sie mir ohne Bedenken verweigern können, wenn dieselbe Ihnen die geringste Verdrießlichkeit verursacht. Sie kennen mein Verhältniß zu meinem Mündel, Miß Cameron; – in wenig Monaten, hoffe ich, wird sie Lady Vargrave sein.«

Herr Douce zeigte dreimal seine kleinen Zähne, die einzigen, welche das Schicksal ihm vorn im Munde gelassen hatte; alsdann gleichsam beschämt über die Unzartheit eines Lächelns bei solchem Gegenstand, schob er seinen Stuhl zurück und zupfte seine löschpapierfarbenen Hosen herauf.

»Ja, in wenigen Monaten, hoffe ich, wird sie Lady Vargrave sein, und alsdann, Herr Douce, wie Sie ja wissen, bin ich nicht mehr des Geldes bedürftig.«

»Ich hoffe – das heißt – ich bin überzeugt – ich glaube – daß dieß überhaupt nie der Fa-Fa-Fall bei Eurer Lordschaft sein wird,« fiel Herr Douce mit ängstlicher Zurückhaltung ein. Herr Douce fügte zu seinen übrigen trefflichen Eigenschaften auch noch das Stottern, wenn er sich seiner Sätze entledigte, hinzu.

»Sie sind sehr freundlich; indeß das ist doch gerade jetzt der Fall; ich brauche einige tausend Pfund auf meine persönliche Sicherheit. Mein Gut ist schon etwas verpfändet, und ich wünsche es nicht noch mehr zu belasten. Außerdem wäre das Anlehen nur auf einige Zeit; wie Sie wissen, verwirkt Miß Cameron, wenn sie meine Hand ausschlägt (eine Voraussetzung, die zwar hier nicht zur Frage gehört, allein im Geschäft muß man auch Unwahrscheinlichkeiten berechnen) gegen mich die Summe von 30 000 Pfd.«

»O ja – das heißt – auf mein Wort, ich weiß es nicht mehr genau – aber Eure Lord-L-L-Lordschaft weiß das am besten; ich habe – so viele Geschäfte – ich vergaß die Summe … Hm, hm!«

»Schlagen Sie das Testament nach und Sie werden meine Angabe bestätigt finden. Würde es Sie nicht geniren, mir einige tausend Pfund auf kurze Zeit zu leihen? Ich sehe, Sie mögen es nicht. Einerlei, ich kann die Summe sonst erlangen, da Sie aber meines armen Oheims Freund waren –«

»Eure Lor-L-L-ordschaft irrt sich,« sagte Herr Douce, indem er in Aufregung zitterte, »auf mein Wort – ja, ja einige t-t-tausend Pfund – gewiß – Euer Lordschaft Bankier ist –«

»Drummond, ein unangenehmer Mann, gar nicht gefällig; ich werde Sie zum Bankier nehmen, sobald mein Vermögen der Verwaltung werth ist.«

»Sie erweisen mir – große Ehre; ich will nur so eben herausgehen – und – und – und – mit H. Dobs sprechen! Sie mögen sich darauf verlassen, entschuldigen Sie mich – Mo-Mo-Morning-Chronicle, Mylord!«

Herr Douce stand auf, als sei er durch Galvanismus in Bewegung gesetzt und lief aus dem Zimmer, wobei er sich noch bei der Erklärung umdrehte, daß er nicht einen Augenblick entfernt sein würde.

»Ein guter kleiner Kerl, wie ein galvanisirter Frosch,« murmelte Lord Vargrave, als er die Morning-Chronicle aufnahm, welche auf so besondere Weise seiner Aufmerksamkeit empfohlen war; als er auf den Hauptartikel blickte, bemerkte er einen sehr beredten Angriff auf sich selbst. Lumley war in solchen Dingen dickhäutig; er sah es gern, daß man ihn angriff; dieß erwies seine Wichtigkeit.

Herr Douce kehrte zurück. Lord Vargrave erstaunte und war entzückt, als er erfuhr, daß 10 000 Pfd. sogleich bei dem Herrn Drummond auf ihn angewiesen seien. Sein Handschein, in drei Monaten mit fünf Prozent Zinsen zu bezahlen, war genügend. Drei Monate boten zwar einen kurzen Termin; allein jener ließ sich ja von Zeit zu Zeit verlängern, bis es seiner Lordschaft zu bezahlen belieben würde. Würde auch Lord Vargrave ihm nicht die Ehre erweisen, nächsten Montag bei ihm in Caserta zu speisen?

Lord Vargrave bemühte sich, bei diesem Anerbieten von baar Geld kalt zu bleiben; allein die Freude verdrehte ihm beinahe den Kopf; er ergriff Herrn Douce's dünne, kleine, bebende Hand, und war sprachlos aus Dankbarkeit und Entzücken. Die Summe, welche die erwartete beinahe um das Doppelte überstieg, konnte ihm aus aller augenblicklichen Verlegenheit, helfen; als er seine Stimme wieder erlangte, dankte er seinem theuren Herrn Douce mit solcher Wärme, daß der kleine Mann gänzlich vor derselben zusammenschrumpfte; er gab ihm die Versicherung, daß er jeden Montag bei ihm speisen wolle, wenn Herr Douce ihn einladen würde! Darauf wäre er gern fortgegangen, allein er überlegte mit Recht, daß es selbstsüchtig erscheinen müßte, wenn er sogleich fortginge, sobald er dasjenige, was er wünschte, erlangt hätte. Somit setzte er sich wieder und Herr Douce ebenfalls; das Gespräch wandte sich auf Politik und Neuigkeiten; Herr Douce, welcher alle Dinge wie ein Handelsmann betrachtete, brachte es dahin (Vargrave wußte selbst nicht wie), daß er vom Wechsel im französischen Ministerium auf den englischen Geldmarkt gelangte.

»Wahrhaftig – es ist, Mylord – ganz gewiß – ich sage es mit Bedauern – schlechte Z-Z-Zeit für Geschäftsleute – ja, für alle Leute – ärmliche Zinsen in den englischen Fonds – Spekulationen und Schwindel. – Ich empfahl meinem Freund Sir Giles Grimsby, etwas Geld in die amerikanischen Pa-Pa-Papiere anzulegen – eine sehr große Ve-Ve-Ve-Verantwortlichkeit für mich – ich bin vorsichtig – vorsichtig im Empfehlen – aber Sir Giles, ein alter Freund – schlug es glücklicherweise aus – das heißt, fiel es aus Richtig: » aber Sir Giles war ein alter Freund – es schlug glücklicherweise aus – das heißt, es fiel aus« – Anm.d.Hrsg. – ja, wie ich gewiß wußte – dreißig Prozent, und die Aktien stiegen um das Doppelte! Aber so etwas ist sehr selten! – Ein Geschenk vom Himmel!«

»Gut, Herr Douce, wenn ich Geld anzulegen habe, so will ich Sie um Rath fragen.«

»Ich werde mich stets sehr glücklich fühlen – Euer Lordschaft zu rathen – thue es aber nicht gern – da bleibt Miß Camerons Vermögen in den Fonds angelegt – nur drei Prozent! – Jetzt wäre es eine Mi-Mi-Million – wenn der alte Herr – bitte um Verzeihung, der verstorbene Lo-Lo-Lord – mein armer Freund, noch am Leben wäre.«

»Wahrhaftig« sagte Lumley gierig, indem er die Ohren spitzte, »mein Oheim war ein guter Haushälter.«

»Niemand besser. Niemand besser – ich darf wohl sagen, ein Genie für's Geschäft – hm! hm!– Versteht Miß Cameron das Geschäft?« –

»Ich besorge nein – eine Million sagten Sie?«

»Wenigstens! – wahrhaftig – wenigstens – Geld so rar – Spekulation so sicher in Amerika! – Großes Volk die Amerikaner! sich erhebendes Volk! Rie-Rie-Riesen!«

»Ich nehme alle Ihre Zeit vor dem Mittagessen in Anspruch! das ist unrecht von mir!« sagte Vargrave, als die Glocke fünf schlug, »heute Abend kommen die Lords zusammen; wir haben wichtige Geschäfte – noch einmal tausend Dank – guten Tag!«

»Guten Tag, Mylord – kei-keinen Dank – erfreut, Ihnen stets zu d-dienen,« sprach Herr Douce, unruhig um Lord Vargrave hüpfend und stolzirend, als Letzterer aus dem Comtoire zum Wagen ging. –

»Kein Schritt weiter! Sie erkälten sich; guten Tag, also Montag um sieben Uhr. – Zum Oberhause!«

Lumley legte sich mit bester Laune in seinem Wagen zurecht.

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