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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Drittes Buch.

Rauhes ja mildert er, und besänftigt das Herz.

     Solon, Fragment.

 

Erstes Kapitel.

Sie sind noch ganz wie damals, Sir!
– – – – – – – – – – –
Auch gut verstand er schnell zu gehen und dann
Zurückzukehren, Knoten euch zu schürzen.
Und sie zu lösen, doppelsinn'gen Rath dabei zu geben.

      Volpone, oder der Fuchs.

 

Lumley, Lord Vargrave, saß vor einem großen mit Parlamentspapieren bedeckten Tische. Seine Gesichtsfarbe, obgleich noch gesund, hatte von der Frische, wodurch sie sich während seiner Jugend auszeichnete, Einiges verloren, Seine Züge, stets scharf, waren noch eckiger geworden; seine Brauen schienen sich mit stärkerem Ausdruck des Brütens auf seine Augen zu senken, welche von ihrer schnellen Rastlosigkeit viel verloren hatten. Der Charakter seiner Seele hatte sich seinem Gesicht einzuprägen begonnen; letzteres war durch den Ausdruck schlauer Schärfe und großer Willenskraft auffallend; es stand jedoch Etwas darauf geschrieben, welches »Nehmt Euch in Acht!« auszusprechen schien. Jedermann der viel mit Menschen verkehrt hatte, mußte dabei unbestimmten Verdacht und Mißtrauen empfinden.

Lumley war in der Kleidung stets sorgfältig, obgleich einfach gewesen. Jetzt aber verwandte er auf sein Aeußeres offenbar größere Sorgfalt, wie jemals in seiner Jugend. Auf seiner Stirn fand sich etwas von des Römers berühmter Ziererei in der Geschicklichkeit, womit das Haar auf der Stirn geordnet war, um eine theilweise Kahlheit der Schläfen entweder zu verbergen oder zu mildern. Vielleicht auch hatte sich wegen seiner höheren Stellung oder nur durch die Gewohnheit, unter den ersten Ständen zu leben, eine gewisse Würde über sein ganzes Wesen verbreitet, welches in seiner Jugend an demselben nicht bemerkbar war, worin ein gewisser Ton de garnison mit Leichtigkeit des Benehmens sich vereinigte; dennoch war die äußere Würde auch jetzt nicht seine vorherrschende charakteristische Eigenthümlichkeit; bei gewöhnlichen Gelegenheiten, oder in gemischter Gesellschaft, übte er noch den vertraulichen Freimuth als eine nützlichere Art der Verstellung.

Zu der Zeit; wovon wir jetzt reden, stützte Lord Vargrave seine Wange auf eine Hand, während die andere müßig auf den in großer Ordnung vor ihn hingelegten Papieren ruhete. Er schien seine Arbeiten unterbrochen zu haben und in Nachdenken versunken zu sein. Auch war diese Periode sehr kritisch für die Laufbahn des Lord Vargrave.

Vom Augenblick an, wo Lumley Ferrers zur Pairie gelangte, war sein Steigen weniger schnell und fortschreitend gewesen, als er es vorher gesehen hatte. Zuerst war alles vor ihm Sonnenschein; es war ihm gelungen, sich seiner Partei nützlich zu machen; persönlich auch war er populär geworden. Zur Leichtigkeit und Herzlichkeit seines trefflichen Benehmens fügte er scheinbar eine sorglose Aufrichtigkeit hinzu, die man irrigerweise so häufig für Ehrlichkeit hält; da in seinen Fähigkeiten oder in seiner Rednergabe nichts Prunkendes oder Glänzendes, überhaupt keine Eigenschaft sich vorfand, die sich über die Ansprüche Anderer zu erheben trachtete, und Neid durch Kränkung der Selbstliebe erweckte, so veranlaßte er nicht oft Eifersucht bei Nebenbuhlern, vor denen er den Vorzug erlangte.

Einige Zeit schritt er leise deßhalb vorwärts, indem er fortfuhr, sich im Ansehen bei seiner Partei zu heben und eine gewisse Achtung beim neutralen Publikum sich zu erwerben, da er anerkannte und ausgezeichnete Talente für die Einzelnheiten der Geschäfte besaß. Sein schneller Verstand und seine Gewohnheit logischen Denkens setzten ihn in den Stand, alle Einzelnheiten offizieller Arbeiten, oder der Bestimmungen hinsichtlich der Gesetzgebung mit meisterhaftem Erfolge aufzufassen und unter allgemeine Gesichtspunkte zu bringen.

Als aber der Pfad für seine Schritte ebener wurde, lag auch sein kecker Ehrgeiz mehr am Tage. Von Charakter befehlerisch und anmaßend, hatte er seine frühere Geschmeidigkeit gegen Obere mit eigenwilliger Hartnäckigkeit jetzt vertauscht, welche den stolzen Parteiführern oft mißfiel, und die Eitlen verletzte. Seine Ansprüche wurden jetzt mit eifersüchtigeren und weniger toleranten Blicken wie früher geprüft. Stolze Aristokraten erinnerten sich, daß die neugebackene Pairie nur durch ein kleines Vermögen gehalten ward. Männer von mehr blendenden Geistesgaben begannen über den Kleinigkeitskrämer von Minister zu spotten; er verlor viel von der persönlichen Beliebtheit welche ein Geheimniß seiner Gewalt gewesen war.

Am meisten aber erlitt er in den Augen seiner Partei und des Publikums durch gewisse geheime Umstände Schaden, welche mit einer kurzen Periode in Verbindung standen, worin er selbst und seine Collegen ihre Aemter verloren hatten. Auffallend war es damals, daß die Zeitungen der nachfolgenden Regierung sich besonders höflich gegen Lord Vargrave zeigten, während sie alle seine Collegen mit Schmähung überschütteten. Man hegte einen starken Verdacht, daß geheime Unterhandlungen zwischen ihm und dem neuen Ministerium im Werke wären, als letzteres sich plötzlich auflöste und Lord Vargrave's Partei wieder an's Ruder kam.

Der unbestimmte, mit Lord Vargrave verknüpfte Verdacht ward in der Meinung des Publikums noch durch die Thatsache verstärkt, daß sein Name sich in der Liste des wiedereingesetzten Ministeriums zuerst nicht vorfand; als er hierauf nach einer Rede wieder eingesetzt wurde, worin er bewies, daß er schaden könne, wenn man ihn nicht besänftige, erhielt er allein dasselbe Amt, das er früher bekleidet hatte, zurück – ein Amt, welches ihm keinen Sitz im eigentlichen Kabinet ertheilte. Lumley entbrannte in Zorn und hätte wohl gewünscht, das Amt zurückzuweisen – aber ach, er war arm, und noch schlimmer, verschuldet: »seine Armuth, nicht sein Entschluß willigte ein«. Er ward wieder in sein Amt eingesetzt; obgleich er in den Debatten größere Gewandtheit zeigte, hatte er dennoch als Staatsmann keine Fortschritte gemacht.

Da sein Ehrgeiz durch Unzufriedenheit gesteigert war, hatte er seit seiner Rückkehr in's Ministerium jeden Nerv angestrengt, seine Stellung zu befestigen. Er machte die Spöttereien über seine Armuth verstummen, als er seinen Aufwand noch steigerte, und überall sein Verlöbniß mit einer Erbin verkündete, deren Vermögen, so groß es auch sein mochte, er leicht noch größer erscheinen lassen konnte.

Da sein altes Haus in Great-George-Street, welches für den geschäftigen Gemeinen sich ganz trefflich eignete, für den beamteten und modischen Pair nicht länger paßte, hatte er, als er zu dem Titel gelangte, dasselbe mit einem großen Hause auf Hamilton-Place vertauscht; auf seine einfachen Mittagessen folgten glänzende Feste. Seinem Charakter nach hatte er keine Freude an solchen Dingen; sein Geist war zu nervös und die Stimmung seines Temperamentes zu fühllos, um Vergnügen am Luxus oder am Prunk zu finden. Allein auch jetzt, wie stets früher, handelte er nach einem Systeme. Da er in einem Lande lebte; welches von der mächtigsten und reichsten Aristokratie der Welt regiert wird, wo äußerer Prunk von den höchsten bis zur niedrigsten Klasse sich überall vorfindet (gleichsam als Rückgrat und Mark der Gesellschaft) – so empfand er sehr wohl, daß er seinen Nebenbuhlern, im Fall er ihnen hinsichtlich des Aufwandes nachstand, einen Vortheil in die Hand gab, den er nicht wieder ausgleichen konnte, weder durch den Einfluß seiner Verbindungen, noch durch Charakter und Genie.

Da er in hohes Spiel sich eingelassen hatte und die Augen hinsichtlich aller Folgen stets offen hielt, war es ihm gleichgiltig, sein Privatvermögen in eine Lotterie zu setzen, in welcher er großen Gewinn erwarten konnte. Um Vargrave Gerechtigkeit zu erweisen, so war das Geld ihm nie Zweck, sondern allein Mittel – er war habsüchtig, aber nicht geizig.

Wenn reichere Leute wie Vargrave hohe Staatsämter als sehr kostbar erkennen und sich oft dadurch zu Grunde richten, so kann man sich wohl einbilden, daß sein Gehalt mit dem mäßigen Privatvermögen nicht genügte, um die Ausgaben seiner Lebensweise zu decken. Sein Einkommen war schon bedeutend verpfändet und Schuld auf Schuld gehäuft. Auch besaß dieser Mann, so ausgezeichnet für die Führung öffentlicher Geschäfte, keines der auf Gerechtigkeit begründeten Talente, wodurch der Besitzer derselben zum geschickten Leiter seiner eigenen Angelegenheiten wird. Stets in Intriguen und Entwürfe vertieft, war er viel zu sehr beschäftigt, Andere nach großem Maßstabe zu betrügen, als daß er Zeit gehabt hätte, sich selbst gegen den Betrug Anderer in kleinerem Maßstabe zu schützen. Niemals sah er Rechnungen an, als bis er genötigt war, sie zu bezahlen. Niemals berechnete er den Betrag der Ausgaben, welcher zur Erreichung seiner Zwecke nothwendig schien. Lord Vargrave verließ sich ganz auf seine Heirath mit der reichen Eveline, daß diese ihn aus allen Verlegenheiten erretten würde.

Kam auch wohl über ihn ein Zweifel an der Verwirklichung dieses Phantasiegebildes, so bot ihm das öffentliche Leben noch glänzenden Lohn. Sollte sogar seine Aussicht auf die Hand der Miß Cameron vereitelt werden, so glaubte er durch kluges Verfahren es zuletzt dahin bringen zu können, daß seine Kollegen seine Entfernung um den glänzenden Preis der Generalgouverneurstelle in Indien erkauften.

Da Beredtsamkeit eine Kunst ist, welche durch Uebung und Würde der Stellung wunderbar gesteigert wird, so hatte Lumley kürzlich im Hause der Lords Wirkungen hervorgebracht, deren man ihn früher für unfähig hielt. Allerdings kann keine Uebung und keine Stellung den Menschen Eigenschaften ertheilen, welche denselben gänzlich fehlen; allein diese Vortheile können die Eigenschaften, welche sie besitzen, im günstigsten Lichte herausstellen. Die Gluth einer edlen Begeisterung, der umfassende Blick eines tiefen Staatsmannes, der Enthusiasmus einer edlen Natur ließ sich durch keine Uebung in der Beredtsamkeit des Lumley Lord Vargrave hervorlocken, denn diese Eigenschaften waren ihm gänzlich fremd; allein kecker Witz, fließende und kräftige Sätze, wirksame Darlegung parlamentarischer Logik, immer fertige, plötzliche Antworten, passendes Benehmen, welches durch eine eigenthümliche Art des Ausdrucks und durch Leichtigkeit gehoben wurde, eine helle und durchdringende Stimme (an deren gellendem Ton ohne Leidenschaft, als ihren einzigen Fehler, die Zuhörer sich gewöhnt hatten), Gesichtszüge, welche durch den Ausdruck von Verstand und Muth zu Lord Vargrave's Gunsten einnahmen: Alles dieß hatte dem einst vielversprechenden Redner in seiner gereiften Stellung den Ruhm eines kräftigen und furchtbaren Sprechers erworben.

Je mehr er sich aber in Darlegung seiner Talente erhob, desto mehr erweckte er bis dahin unbekannten Neid und Feindschaft. Auch war Lord Vargrave, ungeachtet seiner List und Kälte, ein sehr gefährlicher und unheilvoller Redner für die Interessen seiner Partei. Seine Kollegen hatten oft Ursache, zu zittern, wenn er sich erhob, sogar wenn die alten Tapeten an den Wänden bei dem lauten Beifallsrufe seiner Partei hin- und herschwebten. Ein Mann, welcher kein Mitgefühl mit dem Publikum hegt, läßt sich manche und unheilvolle Unbedachtsamkeiten entschlüpfen, wenn das Publikum eben sowohl als seine Zuhörer seine Richter sind.

Lord Vargrave's gänzliche Unfähigkeit, politische Moral zu begreifen, seine Verachtung für alle Zwecke socialen Wohlwollens verleiteten ihn häufig zu Geständnissen von Grundsätzen, welche zwar durch die leichte Art des Vortrags geglättet, die Männer der Welt, vor denen er sprach, nicht erschreckten, jedoch tiefen Ekel in denjenigen seiner eigenen Parteigänger hervorriefen, die seine Reden in Zeitungen lasen. Niemals äußerte Lord Vargrave einen jener edlen Gedanken, welche in das Herz des Volkes dringen, mag ein Radikaler oder Tory sie vorbringen, und welche alsdann einen bleibenden Dienst der Sache, welche sie zieren, erweisen. Niemand aber vertheidigte einen noch so auffallenden Mißbrauch mit größerer Keckheit oder trotzte einer populären Forderung mit muthigerem Hohn.

Bisweilen, wenn der Grundsatz, allem Populären Trotz zu bieten, gerade in Kraft ist, mag ein solcher Parteiführer von Nutzen sein; im Augenblick unserer Erzählung war er jedoch ein – sehr zweideutiger Bundesgenosse. Ein beträchtlicher Theil der Minister, und der Premierminister selbst, ein Mann von verständigen Ansichten und unbefleckter Ehre, betrachtete bereits Lord Vargrave nach mannigfacher Erfahrung mit Widerwillen und Mißtrauen; man hätte ihn sich gern vom Halse schaffen mögen, allein Lord Vargrave war nicht der Mann, der aus eigenem Antrieb wegen kleinerer Kränkungen sich zurückzog; noch war auch der witzige und kecke Redner keine Person, dessen Rache und Opposition sich verachten ließ. Er bewegte sich stets in der ersten Gesellschaft, war ein großer Günstling bei weiblichen Diplomaten, deren Stimmen damals großen Einfluß besaßen; mit diesen hatte der höfliche Minister durch tausend Ketten der Galanterie und der Intrigue eine enge Verbindung geschlossen. Was Salons für ihn thun konnten blieb ihm niemals aus. Dazu noch war er persönlich bei seinem königlichen Herrn beliebt; der Hof hegte von ihm eine goldene Meinung; die ärmeren, mehr verdorbenen und bigotteren Minister betrachteten ihn mit offen eingestandener Bewunderung.

Auch im Hause der Gemeinen und in der Bureaukratie besaß er beträchtlichen Anhang. Lumley nahm niemals die Gewohnheit persönlicher Schroffheit und Unhöflichkeit auf, welche Männern der Staatsgewalt gewöhnlich ist, die Bittsteller sich vom Leibe halten wollen. Er war schmeichelnd und versöhnlich gegen Männer jedes Ranges; sein Verstand und seine Selbstgefälligkeit erhob ihn über die kleinliche Eifersucht, welche Männer von hoher Stellung gegen die sich Erhebenden empfinden. So bald ein junges Parlamentsglied »Parlamentsmitglied«. Anm.d.Hrsg. sich irgendwie ausgezeichnet hatte, suchte Niemand so eifrig dessen Bekanntschaft, als Lord Vargrave; Niemand becomplimentirte, ermuthigte und beförderte die neuen Bewerber seiner Partei mit so herzlicher Gutmüthigkeit.

Ein solcher Minister mußte nothwendig Anhänger unter den Fähigen, Ehrgeizigen und Eitlen haben. Auch muß man gestehen, Lord Vargrave brauchte keine niedrigeren und weniger zu rechtfertigenden Mittel, seine Macht zu befestigen, als daß er sie auf dem sicheren Felsen der Selbstsucht begründete. In dieser Hinsicht war aber keine Makelei zu grob für ihn. Er zeigte in der Verwendung seines Schutzes schamlose Bestechlichkeit; keine abschlägige Antworten, keine Rüge seiner Kollegen im Amte konnte ihn zurückhalten, Ansprüche eines seiner Geschöpfe auf die Einkünfte des Staats zudringlich geltend zu machen. Seine Anhänger betrachteten diese barmherzige Selbstsucht als Festigkeit und Eifer der Freundschaft. Der Ehrgeiz von Hunderten ward durch den Ehrgeiz des grundsatzlosen Ministers angespornt.

Abgesehen von seiner allgemein bekannten Bestechlichkeit Bezug auf den Staat, hegten Einige Verdacht über die Unehrlichkeit Lord Vargrave's als Privatmann. Er sollte Staatsgeheimnisse an Spekulanten in Staatspapieren verkauft, und an einigen Ansprüchen, die er mit so großer Hartnäckigkeit vertrat, ebenfalls ein Geldinteresse haben. Obgleich nun auch nicht das kleinste Zeugniß über ein so gänzliches Hintansetzen der Ehre vorhanden war, obgleich das Gerücht nur ein verleumderisches Geflüster zu sein schien, so schärfte doch der bloße Verdacht solcher Schliche die Abneigung seiner Feinde und rechtfertigte den Widerwillen seiner Nebenbuhler.

In dieser Stellung befand sich jetzt Lord Vargrave, von eigennützigen, aber geschickten und mächtigen Anhängern gehalten, vom Volke gehaßt, von einigen seiner Kollegen gefürchtet, von anderen verachtet, von den übrigen als überlegen betrachtet. Die Lage entmuthigte ihn nicht sowohl, als sie ihn entzückte, denn sie schien seine Intriguen, Manöver und Entwürfe nothwendig zu machen, die ihm so eigenthümlich waren. Wie ein alter Grieche, liebte er die Intrigue um der Intrigue willen; selbst, wenn sie zu keinem Zwecke führte, wäre sie ihm dennoch angenehm als Mittel gewesen. Er umgab sich gern mit den verwickeltsten Geweben und Netzen, um in der Mitte von tausend Planen zu sitzen; es kümmerte ihn wenig, ob einige derselben rasch und wild entworfen waren. Er verließ sich auf seine Unerschütterlichkeit, Schnelligkeit und gewöhnliches Glück, um jede Springfeder, die er in Bewegung setzte, auf die Hauptmaschine, sein theures Selbst, zu leiten.

Sein letzter Besuch bei Lady Vargrave und seine Unterhaltung mit Eveline hatte viel Unbehaglichkeit und Besorgniß in seinem Geiste zurückgelassen. In den ersten Jahren seines Verkehrs mit Eveline hatte seine gute Laune, seine Galanterie und seine Geschenke dem Kinde Zuneigung zu ihrem angenehmen und freigebigen Besucher beigebracht und dasselbe gelehrt, ihn als Verwandten zu betrachten. Erst als Eveline zum Weibe heranwuchs und die Natur der Verbindung zu begreifen lernte, war sie vor seiner Vertraulichkeit zurückgewichen; erst damals hatte sich ihm ein Zweifel über die Erfüllung der Wünsche seines Oheims erhoben. Der letzte Besuch hatte seinen Zweifel zur peinlichen Besorgniß erhoben; er erkannte, daß er nicht geliebt wurde, daß große Geschicklichkeit und die Abwesenheit glücklicherer Nebenbuhler erforderlich war, um ihm die Hand Evelinens zu sichern; er verfluchte die Geschäfte und Entwürfe, die ihn von ihr entfernten.

Er hatte geglaubt, Lady Vargrave nach London bringen zu können, wo er stets bei der Hand gewesen wäre, und wo seine Vorstellungen in dieser Hinsicht, da die Saison jetzt begonnen hatte, als verständig und gerecht hätten erscheinen müssen. Aber dann kam er wieder in größere Gefahren, als diejenigen, die er vermeiden wollte. London! – Eine Schönheit und eine Erbin bei ihrem ersten Auf treten in London! Welche gefährliche Bewunderer mußten sich um sie versammeln! Vargrave schauderte bei dem Gedanken; daß die jungen, hübschen; wohlgekleideten, verführerischen Elegants einem jungen Mädchen von sechszehn Jahren bezaubernder erscheinen möchten, als der ältliche Politiker.

Dieß war gefährlich, aber noch nicht Alles! Lord Vargrave wußte; daß Alles; was er vor der jungen Dame vorzugsweise zu verhehlen strebte, in London – im frohen, schwatzenden, rücksichtslosen London – nothwendig an den Tag kommen würde. Er war der Liebhaber nicht von einer, sondern von einem Dutzend Frauen gewesen, um die er sich übrigens nicht im geringsten bekümmerte; die Gunst derselben hatte aber mitgewirkt, ihm in der Gesellschaft eine feste Stellung zu ertheilen; oder ihr Einfluß hatte seinen Mangel an ererbten politischen Verbindungen ausgeglichen. Die Art; wie er sich diese mannigfachen Ariadnen, so bald ihm dieß als rathsam erschien, vom Halse schaffte, gab einen auffallenden Beweis von seinen diplomatischen Fähigkeiten. Wenn er die Damen verließ, machte er sie sich nie zu Feinden. So wie er die Lösung des Geheimnisses gab, nahm er sich in Acht; jemals den Galanten bei Dulcineen unter einem gewissen Alter zu spielen. »Weiber in mittleren Jahren,« pflegte er zu sagen, »sind sehr verschieden von Männern mittleren Alters; sie betrachten die Dinge mit Verstand und fassen dieselben mit Kälte auf.« –

Nun konnte Eveline keine drei Wochen; vielleicht keine drei Tage in London sein, ohne von der einen oder der andern dieser Liaisons etwas zu vernehmen. Welche Entschuldigung; mit ihm zu brechen, wenn sie eine solche suchte!

Uebrigens war Lord Vargrave nur verdrießlich; nicht aber niedergeschlagen. Evelinens Vermögen war ihm nothwendiger, als jemals, und er war entschlossen, Eveline zu erlangen, da dieses Vermögen als unzertrennbar an ihrer Person hing.

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