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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Siebentes Kapitel.

Ziehe die Segel dir ein
Daß zu dem Ufer dich fahre der Kahn.

      Seneca.

 

» Hat nicht Miß Cameron schöne Gesichtszüge?« fragte Herr Merton Maltravers, während Eveline, des Complimentes unbewußt, in einiger Entfernung saß, indem sie ihre Augen auf Sophie niederrichtete, welche auf einem Schemel Gänseblümchenkränze machte. Sie sagte derselben, nicht laut zu sprechen, denn Merton ertheilte Maltravers einige nützliche Belehrung hinsichtlich der Verwaltung seines Gutes, und Eveline war schon an Allem interessirt, was ihren Freund interessiren konnte. Eveline Cameron besaß eine, beim weiblichen Geschlecht ausgezeichnete Eigenschaft; ungeachtet ihrer Heiterkeit war sie ruhig! Unter dem Dach ihrer sinnenden und schweigenden Mutter hatte sie sich die Gewohnheit, niemals Andere zu stören, angeeignet. Welch ein glückliches Geheimniß liegt in dem Verkehr des häuslichen Lebens!

»Hat nicht Miß Cameron schöne Gesichtszüge?«

Maltravers fuhr bei der Frage auf; sie war in dem Augenblick eine Uebersetzung seiner eigenen Gedanken; er unterdrückte den Enthusiasmus, welcher sich zu seiner Lippe erhob, und sagte ruhig: »Wirklich, sehr schön.«

»Und so sanft und unaffektirt – sie ist auf bewunderungswürdige Weise erzogen worden; ich glaube, Lady Vargrave ist eine exemplarische Dame; Miß Cameron wird wirklich ihrem Verlobten ein Schatz sein; er ist zu beneiden.«

»Ihr Verlobter!« sagte Maltravers, indem er sehr blaß wurde. »Ja, Lord Vargrave. Wissen Sie nicht, daß Sie ihm von ihrer Kindheit an verlobt gewesen ist? Es war der Wunsch, oder vielmehr der Befehl des verstorbenen Lords, welcher ihr sein ungeheures Vermögen, wo nicht unter der als unumgänglich ausgesprochenen, doch als stillschweigend verstandenen Bedingung hinterließ. Haben Sie nie davon gehört?«

Während Herr Merton dieß sagte, kam die Erinnerung plötzlich über Maltravers. Er hatte ja selbst gehört, wie Lumley dieses Verhältniß erwähnte; dieß aber geschah in der Krankenstube der Florence, war damals wenig von ihm beachtet worden, und aus seiner Seele durch tausend andere Gedanken und Scenen verschwunden.

Herr Merton fuhr fort: »Wir erwarten Lord Vargrave hier in Kurzem; wie ich vermuthe, ist er ein heißer Liebhaber; allein das öffentliche Leben kettet ihn so sehr an London. Neulich hielt er eine bewunderungswürdige Rede im Oberhause, wenigstens scheint unsere Partei dieß zu glauben. Beide sollen verheirathet werden, wenn Miß Cameron das achtzehnte Jahr erreicht hat.«

An Erdulden gewöhnt, und in der stolzen Kunst, Erregung zu verbergen, geschickt, verrieth Maltravers dem Blicke des Herrn Merton kein Symptom der Ueberraschung oder des Kummers bei dieser Nachricht. Hatte der Pfarrer früher Verdacht gefaßt, daß Maltravers durch mehr als durch Bewunderung der Schönheit gerührt sei, so wäre der Verdacht verschwunden, als er von seinem Gaste die kalte Antwort vernahm: »Ich hoffe, Lord Vargrave wird sein Glück verdienen. Um jedoch zu Herrn Justis zurückzukehren, so bestätigen Sie meine Meinung von jenem glattzüngigen Herrn.«

Das Gespräch wandte sich wieder zum Geschäft. Zuletzt erhob sich Maltravers um zu gehen.

»Wollen Sie heute nicht mit uns speisen?« fragte der gastfreie Pfarrer.

»Vielen Dank, nein; ich habe auf einige Tage sehr viele Geschäfte zu Haus.«

»Geben Sie mir einen Kuß, Ihrer kleinen Sophie, Herr Ernst. Ich war heute lieb und ließ den hübschen Schmetterling fort, weil Eveline sagte, es sei grausam, ihn in dem Kartenfutteral einzuschließen. Geben Sie mir einen Kuß.«

Maltravers nahm das Kind, dessen Herz er vollkommen gewonnen hatte, auf den Arm, küßte es zärtlich, trat zu Eveline und hielt ihr die Hand hin, während sein Auge mit tiefer und trauriger Theilnahme, die sie verstehen konnte, auf sie geheftet war.

»Gott segne Sie, Miß Cameron,« sagte er, und seine Lippe zitterte.

 

Tage vergingen, und die Mertons sahen Maltravers nicht mehr; er entschuldigte sich bei allen Einladungen des Pfarrers bald unter dem Vorwand von Geschäften, bald von anderen Einladungen. Herr Merton nahm ohne Argwohn die Entschuldigung an, denn er wußte; daß Maltravers natürlich sehr beschäftigt sein mußte.

Die Nachricht seiner Ankunft hatte sich jetzt in der Grafschaft verbreitet, und die übrigen Gutsbesitzer, welche in B–shire wohnten, eilten herbei; um ihre Glückwünsche anzubringen und Maltravers ihre Gastfreundschaft aufzunötigen. Vielleicht war es der Wunsch, bei Merton gültige Entschuldigungen vorzubringen, welche den Herrn von Burleigh bewogen, die anderen Einladungen, womit er überhäuft wurde, anzunehmen. Dieß war aber noch nicht Alles; Maltravers erlangte in der Nachbarschaft den Ruf eines Geschäftsmannes. Herr Justis ward plötzlich entlassen; mit Hülfe des Rentmeisters ward Maltravers sein eigener Verwalter. Seine Abschiedsrede an jene Person war charakteristisch für Maltravers durch ein Gemisch von Härte und Gerechtigkeit.

»Herr,« sagte er, als sie ihre Rechnung abgeschlossen hatten, »ich entlasse Sie, weil Sie ein Schuft sind; das ist festgestellt. Sie haben Ihren Grundeigenthümer geplündert, und dennoch seine Pächter gedrückt und die Armen vernachlässigt. Meine Dörfer sind mit Armen gefüllt, meine Einkünfte um ein Viertel vermindert; und dennoch, während einige meiner Wächter nur dem Namen nach Zins zu zahlen scheinen (weßhalb, wissen Sie am besten), sind andere höher geschraubt, wie auf irgend einem Gute in der Grafschaft. Sie sind ein Schuft, Herr Justis. Ihr Rechnungsbuch zeigt das; schickte ich dasselbe an einen Advokaten, so würden Sie mir eine Summe erstatten müssen, die ich sehr vortheilhaft auf die Ausgleichung Ihrer Fehler würde verwenden können.«

»Ich hoffe, Herr.« sprach der Verwalter, seiner Schuld sich bewußt und bestürzt, »daß Sie mich nicht zu Grunde richten werden; müßte ich Ihnen Summen erstatten, so würde ich in's Schuldgefängniß kommen.«

»Sein Sie unbesorgt, Herr; es ist gerecht, daß ich eben so wohl leide, wie Sie. Die Vernachlässigung meiner Pflichten führte Sie in Versuchung, ein Schelm zu werden. Sie waren ehrlich unter dem wachsamen Auge von Herrn Cleveland, Sie mögen sich mit Ihrem Gewinn zurückziehen; sind Sie gänzlich verhärtet, so kann Sie keine Strafe berühren; ist dieß nicht der Fall, so ist Ihre Strafe genügend, daß Sie dort grauhaarig, und mit einem Fuße im Grabe stehend, sich einen Schurken nennen hören, und sehr wohl wissen, daß Sie sich nicht vertheidigen können. Gehen Sie.«

Maltravers beschäftigte sich zunächst mit allen Angelegenheiten, die ein schlecht verwaltetes Gut ihm aufbürdete. Er schaffte sich einige Pächter vom Halse, ließ andern nach Billigkeit in der Pacht nach, nahm Arbeiter für eine Menge Verbesserungen in Anspruch, achtete sorgfältig auf die Armen, nicht aber mit der Schwäche eines sorglosen, nicht unterscheidenden Mitleids, wodurch man Popularität so leicht erwirbt und die Unabhängigkeit so leicht entwürdigt. Den Ehrgeiz und die Nacheiferung, die er sich so vergeblich selbst abläugnete, erkannte er als die nützlichsten Hebel bei den armen Taglöhnern, deren Charaktere er studirte und bei denen er den Wunsch, daß sie ihren Zustand zu bessern strebten, zu erwecken suchte.

Ohne selbst es zu ahnen, widerlegte er durch seine Handlungsweise seine Theorien, die Mißbräuche des alten Armengesetzes waren in seiner Grafschaft gereift; sein schneller Blick und vielleicht seine befehlshaberische Gewohnheit, schnell zu entscheiden, gab ihm mehrere der besten Verfahrungsweisen des jetzt geltenden Gesetzes an die Hand; er war jedoch zu weise, um als bloßer Philosoph ein System durchführen zu wollen. Er versuchte nicht zu viel; er erkannte einen Grundsatz, den die vom neuen Armengesetz geschaffene Verwaltung noch nicht genug entdeckt hat. Ein Hauptzweck des neuen Armengesetzes war der, durch Niederhaltung öffentlicher Mildthätigkeit die Thätigkeit individuellen Wohlwollens desto mehr anzuregen. Wenn der Grundeigenthümer oder der Geistliche bei einem allgemeinen und heilsamen Gesetz einzelne Beispiele von strenger Unterdrückung oder Härte auffindet, so sollte er für diese einzelnen Fälle handeln, anstatt gegen das Gesetz zu schmähen; Privatmildthätigkeit sollte die Wagschalen gleichhalten und stets die Ausgleichung darbieten, wo ein gerechter Mangel von nationaler Mildthätigkeit sich zeigt. Hierauf achtete hauptsächlich Maltravers in den veränderten und klugen Anordnungen, die er auf seinen Gütern zu treffen gedachte. Alter, Schwäche, augenblickliche Verlegenheit, unverdienter Mangel fand an ihm einen standhaften, wachsamen, unermüdeten Freund.

In diesen Arbeiten, die er mit ungewöhnlicher Schnelle und mit der Kraft eines einzigen Hauptzweckes und einer strengen Seele begann, kam Maltravers nothwendig in Berührung mit den benachbarten Friedensrichtern und Landedelleuten. Er bekämpfte Uebel und beförderte Zwecke, worin Alle gleich interessirt waren; sein kräftiger Verstand und sein früherer parlamentarischer Ruhm, verbunden mit der Achtung, welche in der Provinz stets mit alter Geburt verknüpft ist, gewannen ihm ungemeine und unerwartete Gunst für seine Ansichten.

In der Pfarrei hörte man fortwährend von ihm nicht allein von gelegentlichen Besuchern, sondern von Herrn Merton selbst, mit dem er stets zusammentraf. Er hielt sich aber bleibend vom Hause entfernt. Jedermann, nur nicht Herr Merton, vermißte ihn dort, sogar Caroline, deren fähige, obgleich weltlich gesinnte Seele sein Gespräch zu würdigen wußte. Die Kinder beklagten ihren Gespielen, welcher weit freundlicher gewesen war, als jemals ihre steifen Brüder; Eveline war wenigstens ernster und nachdenklicher wie je zuvor, und das Geschwätz Anderer erschien ihr ermüdend, langweilig und albern.

 

War Maltravers in seinen neuen Bestrebungen glücklich? Sein Seelenzustand ließ sich damals nicht wohl erkennen. Sein männlicher Geist kämpfte hart gegen ein Gefühl, das zur Leidenschaft geworden war. Allein des Nachts drängte sich in seinem einsamen, freudelosen Hause ein Gebild auf, zu schön, als daß er sich ihm hätte hingeben sollen. Dann fuhr er aus seiner Träumerei empor und sagte zu seinem rebellischen Herzen: »Noch wenige Jahre und du wirst still sein. Was gilt in diesem kurzen Leben ein Schmerz mehr oder weniger? Besser, daß du dich um nichts zu bekümmern hast! So kannst du das Schicksal täuschen, deinen betrügerischen Feind! Sei zufrieden, daß du allein bist!«

Somit war es ein Glück für Maltravers, daß er sich in seinem Geburtslande befand, und nicht in Klimaten, wo Vergnügen eher in der Aufsuchung von Aufregungen als in der Befolgung von Pflichten besteht! In der rauhen Luft des freisinnigen Englands stärkte und veredelte er seinen Charakter und seine Bestrebungen, ohne daß er es selbst wußte.

Unsre Insel rühmt sich der Gabe, daß der Sklave frei werde, sobald sein Fuß ihren Boden berührt. Dieser Ruhm läßt sich noch erweitern; wo das Leben der Civilisation durch die Tyrannei des centralisirenden Despotismus nicht gehemmt, sich belebend, rastlos, blühend, durch jede Ader eines gesunden Körpers ergießt, erhebt die entfernteste Provinz, das unbedeutendste Dorf uns zur Kraftäußerung und zum Bürgerthum. Der Geist der Freiheit, welcher vom Sklaven die Kette streift, fesselt den Freien an seinen Nebenmenschen. Dieß ist die Religion der Freiheit. Deßhalb geschieht es, daß die stürmischen Kämpfe freier Staaten mit den Resultaten der Jugend, der Weisheit und des Genius gesegnet sind. – So fügte es der Höchste, der uns einander zu lieben gebot – nicht allein, weil Liebe an sich vorzüglich ist, sondern weil auch aus der Liebe (im weiteren Sinne nur ein geistiger Ausdruck für Freiheit) Alles entspringt, was in unserer Natur das Werthvollste bleibt.

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