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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Fünftes Kapitel.

Diejenigen unter uns, welche wie die Kinder werden wollen, wäre es auch nur für eine Stunde, müssen sich der süßen Veränderung hingeben, welche sich dem Geiste einschmeichelt, sobald er sich der Erinnerung frühen und unschuldigen Genusses überläßt,

      Richardson.

 

Beim Mittagessen wurde Carolinens lebhafte Erzählung ihrer Abenteuer mit viel Interesse aufgenommen, nicht allein von der Familie Merton, sondern auch von Herren aus der Nachbarschaft, die des Pfarrers Gastfreundschaft theilten. Die plötzliche Rückkehr eines Grundbesitzers zu seinem alten, ererbten Landsitz nach einer längeren Abwesenheit macht immer einiges Aufsehen bei den Nachbarn auf dem Lande. In diesem Fall, wo der Grundeigenthümer jung, unverheirathet, berühmt und hübsch war, mußte natürlich dieß Aufsehen verhältnißmäßig gesteigert werden. Caroline und Eveline wurden mit Fragen bedrängt, worauf nur die Erstere bestimmte Antwort gab. Carolinens Bericht war im allgemeinen vortheilhaft und günstig, und schien Allen, nur nicht Evelinen, Complimente zu machen, welche glaubte, daß Caroline eine nur sehr unbedeutende Charakterzeichnerin sei.

Selten ereignet es sich, daß ein Mann in seiner Nachbarschaft als Prophet gilt; Maltravers aber war so wenig in der Grafschaft gewesen, und bei seinem früheren Besuch hatte er ein so abgesondertes Leben geführt, daß man ihn als Fremden betrachtete. Er hatte die übrigen Grundbesitzer weder durch den Glanz seines Hauses übertroffen, noch sich in ihre Jagden eingelassen; im Allgemeinen machten jene, wegen seiner Gewohnheit, sich zurückzuhalten, auf ihn keine Ansprüche. Die Zeit und der Umstand, daß er sich von dem lärmenden Leben während eines Zeitraumes zurückzog, der lang genug war, daß man ihn vermißte, und nicht lang genug für neue Günstlinge, um seinen Platz einzunehmen, hatte sehr dazu gedient, seinen Ruf sowohl zu mildern, wie fester zu begründen, so daß alle Herren der Grafschaft stolz waren, ihn als einen Landsmann in Anspruch zu nehmen.

Obgleich Maltravers es nicht geglaubt haben würde, hätte es ihm auch ein Engel vom Himmel verkündet, so sprach man doch nichts Böses hinter seinem Rücken; tausend kleine Anekdoten von seinen persönlichen Gewohnheiten, von seiner Großmuth, von seinem unabhängigen und sonderbaren Charakter waren im Umlauf. Eveline horchte auf Alles mit Entzückung; sie hörte dankbar dem Pfarrer, welcher immer dem Strome folgte, zu, als derselbe mit gütiger Freundlichkeit sagte: »Wir müssen unserm ausgezeichneten Nachbar jede Aufmerksamkeit erweisen; wir müssen gegen seine Sonderbarkeiten nachsichtig sein; ich gehöre sicherlich nicht zu seiner Partei, allein ein Mann, der in der Grafschaft Etwas daran sehen kann, besitzt auch sicherlich das Recht, seine eigene Meinung zu hegen; das war immer mein Grundsatz; dem Himmel sei Dank, ich bin ein gemäßigter Mann! Wir müssen ihn zu uns herziehen; sicherlich ist es unsere Schuld, wenn er nicht in der Pfarrei durchaus heimisch wird.«

»Ja,« sagte ein magerer Pfarrer, indem er sich scheu vor den Damen verbeugte, »wo doch so viel Anziehendes ist.«

»Er gäbe eine hübsche Partie für Miß Caroline ab,« flüsterte eine alte Dame; Caroline hörte dieß und warf ihre hübschen Lippen auf.

Die Whisttische wurden zugerichtet, die Musik begann und Maltravers wurde in Ruhe gelassen.

Am nächsten Tag ritt Herr Merton auf seinem Pony nach Burleigh. Maltravers war nicht zu Haus. Er ließ seine Karte und ein Billet in freundschaftlicher Achtung verfaßt zurück, worin er Herrn Maltravers bat, ohne weitere Complimente bei ihm am nächsten Tage zu speisen.

Der Pfarrer war etwas überrascht, als er bemerkte, daß der thätige Geist des Maltravers bereits sich äußerte; das so lang vernachläßigte Gut war mit Arbeitern gefüllt; Zimmerleute waren an den Umzäunungen beschäftigt; das Haus war lebendig und munter; die Stallknechte übten die Pferde im Park; Alles bezeugte die Wiederkehr des lang Abwesenden. Dieß schien ihm anzudeuten, daß Maltravers gekommen war, um hier zu wohnen; der Pfarrer dachte an Caroline, und er empfand Vergnügen bei dem Gedanken.

Am nächsten Tag war Cäciliens Geburtstag; Geburtstage wurden stets in der Pfarrei Merton gefeiert. Die Kinder der Nachbarschaft waren eingeladen; sie sollten auf dem Rasenplatz an einer langen Tafel speisen und am Abend tanzen. Die Treibhäuser gaben die frühesten Erdbeeren her und die Kühe mit blauen Bändern geschmückt ihre Milch zum Sylabub Getränk aus Milch, Zucker und Rum oder Wein. Anm.d.Hrsg.. Die feine Caroline ward durch diese Art Vergnügen nicht besonders bezaubert; sie erschien anmuthig beim Essen, küßte die niedlichsten Kinder, gab ihnen Suppe und entfernte sich dann, nachdem sie ihre Pflicht gethan hatte, auf ihr Zimmer, um Briefe zu schreiben. Die Kinder waren nicht darüber betrübt, denn diese fürchteten ein wenig die vornehme Caroline; sie lachten bei weitem lauter, und machten weit mehr Geräusch, als sie fort war und als die Kuchen und Stachelbeeren zum Vorschein kamen.

Eveline war in ihrem Elemente; sie hatte als Kind so wenig mit Kindern verkehrt – sie hatte so oft sich Gespielen ersehnt – sie war noch so kindlich; außerdem liebte sie die kleine Cäcilie, und hatte mit unschuldigem Entzücken den Tag erwartet; eine Woche zuvor hatte sie sich einen Wagen nach der nächsten Stadt gemiethet, mit sorgfältig versteckten Körben von Spielzeug, Puppen und Bilderbüchern zurück zu kehren. Was aber auch der Grund sein mochte, an jenem Morgen hegte sie kein so kindliches Gefühl wie gewöhnlich; ihr Herz war dem Vergnügen abgewandt, und ihr Lachen war zuerst matt. Für diejenigen aber, welche Kinder lieben, liegt etwas Ansteckendes in deren Munterkeit; jetzt, als die Gesellschaft sich auf dem Rasen zerstreute, und als Eveline den Korb öffnete und mit vielem Ernst den Kindern befahl, ruhig und artig zu sein, war sie die Glücklichste in der ganzen Gruppe. Sie verstand es aber auch, Vergnügen zu erwecken; der Behälter war Cäcilien geboten, damit die kleine Königin des Tages den Luxus der Großmuth genieße; um Eifersucht zu verhüten, war man auf das ausgezeichnete Hülfsmittel einer Lotterie verfallen.

»Eveline soll Fortuna sein,« rief Cäcilie aus; »Niemand wird Bekümmerniß fühlen, wenn er etwas von Eveline bekömmt; und wenn Jemand unzufrieden ist, so soll Eveline sie nicht küssen.«

Frau Merton, deren mütterliches Herz durch Evelinens Güte gegen ihre Kinder vollkommen gewonnen war, vergaß alle Vorlesungen ihres Gatten, verfertigte die Billets zu den Loosen und schrieb sorgfältig die Zahlen auf Papierschnitzel. Ein großer indischer Krug ward aus dem nächsten Besuchszimmer geholt und zur Schicksalsurne bestimmt; die Zettel wurden hineingelegt und Cäcilie band das Schnupftuch um Evelinens Augen. Während Fortuna sich schlau nicht ganz so blind machen ließ, als sie hätte sollen, und während die Kinder in einem Kreise sitzend voll Freude und Erwartung waren, trat eine plötzliche Pause ein, das Gelächter hielt an und ebenfalls Cäciliens kleine Hände – was konnte die Ursache sein? Eveline nahm den Verband von ihren Augen und ihr Blick fiel auf Maltravers.

»Wahrlich, meine theure Miß Cameron,« sprach der Pfarrer, welcher zur Seite des Eindringlings stand, und welcher ihn hergebracht hatte, »ich weiß nicht, was diese kleinen Leute zunächst mit Ihnen anfangen werden.«

»Ich vielmehr sollte deren Opfer sein,« sprach Maltravers munter; »die Feen strafen uns erwachsene Sterbliche stets, wenn wir in ihr Fest uns eindrängen.«

Während er dieß sagte, ruhte sein Blick, der beredteste aller Menschen, auf Eveline, als diese, um ihr Erröthen zu verdecken, Cäcilien in ihre Arme schloß und auf sonst nichts zu achten schien; sein Blick zeugte dabei von solcher Bewunderung und von solchem Entzücken, wie man dieß wohl bei Sterblichen vermuthen könnte, wenn sie eine schöne Fee erschauten.

Sophie, ein sehr aufgewecktes Kind, lief auf Maltravers zu: »Wie geht es Ihnen,« lispelte sie, indem sie ihr Gesicht zum Küssen darreichte, »und Ihrem hübschen Pfau?«

Diese Keckheit zur guten Gelegenheit angebracht, diente dazu, den gebrochenen Zauber zu erneuen, den Fremden mit den Kindern zu vereinen. In einem Augenblick ward die Bekanntschaft in Anspruch genommen und zugestanden. Im nächsten Augenblick war Maltravers einer im Kreise; er saß wie die Kinder auf dem Rasen; er war wie sie so munter und beinahe eben so lärmend; der harte stolze Mann, welcher die Kleinigkeiten der großen Welt so sehr verachtete.

»Der Herr aber muß auch seinen Gewinn haben,« sagte Sophie, stolz auf ihren großen neuen Freund; »was ist Ihr anderer Name? Weßhalb ist Ihr Name so lang und hart auszusprechen?«

»Nenne mich Ernst,« sagte Maltravers.

»Weßhalb fangen wir nicht an?« schrien die Kinder.

»Eveline, kommen Sie, seien Sie ein gutes Kind,« sagte Sophie, da Eveline verlegen, beschämt und beinahe zum Weinen geneigt, den Verband der Augen nicht annehmen wollte.

Herr Merton trat mit seinem Ansehen dazwischen; allein die Kinder schrien und Eveline gab eilig nach. Es war Fortuna's Pflicht, die Zettel aus der Urne zu nehmen und jedem der Spielenden, dessen Namen gerufen wurde, den Gewinn zu übergeben; als die Reihe an Maltravers kam, verbarg der Verband nicht das Erröthen und Lächeln der entzückenden Göttin; die Hand des Gewinnenden zuckte, als sie die ihrige berührte.

Die Kinder brachen in lautes Gelächter aus, als Cäcilie Maltravers den geringsten Gewinn in der Lotterie, ein blaues Band, zusprach, welches jedoch Sophie jetzt gar zu gern gehabt hätte. Maltravers aber wollte es nicht wieder von sich lassen.

Maltravers blieb den ganzen Tag in der Pfarrei und nahm Theil am Balle – ja er tanzte mit Eveline – Maltravers, der seit dem zweiundzwanzigsten Jahre niemals getanzt hatte. Das Eis war gebrochen, Maltravers war bei den Mertons zu Hause.

Als er seinen Weg nach seinem einsamen Hause einschlug – als er über die kleine Brücke und durch das schattige Wäldchen schritt – vielleicht über sich selbst erstaunt – sprach jeder der Gäste, vom Aeltesten bis zum Jüngsten, sein Urtheil dahin aus, daß er ein entzückender Gesellschafter sei. Caroline hätte sich vielleicht einige Monate früher geärgert, daß er nicht mit ihr getanzt habe, aber jetzt war ihr Herz – in seinem augenblicklichen Zustand – von anderer Seite eingenommen.

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