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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Zweites Buch.

Die Stunde kam – und Jahre waren hingegangen –
Wenn seine Rückkehr von den Göttern ward erlaubt;
Doch neues Schicksal jetzt ergreift den Wanderer.

 

Erstes Kapitel.

Dort wo bei Frühling sich die Ernte findet;
   Sich stets begegnend in demselben Reich,
Daß, wenn den Baum der Blüthe Prunk umwindet,
   An frischen Farben und an Düften reich, –
Wenn so sich breitet der geschmückte Zweig
   Er auch sich biegt, von schwerer Frucht belastet.

     Spencer.

 

Des Guten Kraft
Lag schon in ihrer Form.

     Terenz.

 

Schönheit, dein Segen ist doppelt! Du beglückst den Beschauer und den Besitzer, oft bist du zugleich die Wirkung und die Ursache des Guten! Ein sanfter Charakter, eine liebenswürdige Seele, eine liebevolle Natur spricht aus den Augen, der Lippe und der Stirn, und wird die Ursache der Schönheit. Andererseits sind diejenigen, welche eine Gabe besitzen, um Liebe zu erwecken, einen Schlüssel, um die Herzen zu eröffnen, gewöhnlich geneigt, mit glücklichen Augen auf die Welt zu schauen, vergnügt und heiter zu sein, zu hoffen und zu vertrauen. In der Bewunderung eines schönen Antlitzes liegt mehr Weisheit; als der gewöhnliche Mensch sich träumen läßt.

Eveline Cameron war schön; ihre Schönheit kam vom Herzen und ging zum Herzen – eine Schönheit; deren Geist die Liebe war! Liebe lächelte auf ihren Lippen – sie ruhte auf ihrer offenen Stirn – sie spielte in den üppigen und sorglos schwebenden Locken vom dunkelsten und glänzendsten Braun, das der Hauch eines Windes über zarte und jungfräuliche Wangen erheben konnte, Liebe in aller Zärtlichkeit murmelte in ihrer leisen; melodischen Stimme; mit all' ihrer Güte, ihrer arglosen Wahrhaftigkeit färbte sie jeden Gedanken; mit all' ihrer Symmetrie und lieblichen Weiblichkeit schwellte sie den schwanengleichen Nacken und bildete das gerundete Glied.

Eveline war ein Geschöpf, welches das Urtheil mit Sturm einnimmt; mochte sie heiter oder ernst sein, es befand sich an ihr eine entzückende und unwiderstehliche Anmuth. Sie schien nicht allein geschaffen, den Taumelnden zu fangen; sondern selbst den Kopf des Weisen zu verdrehen. Roxolane war nichts gegen sie. Wie sie in dem einsamen Dorfe Brook-Green alle Künste des Gefallens erlernt hatte, läßt sich unmöglich sagen. Bei ihrem schlauen Lächeln, in der hübschen Haltung ihres Kopfes, in ihrem halb durch Blödigkeit, halb durch freies Wesen gewinnenden Benehmen, schien sie ein Mädchen, welches die Natur erschaffen hatte; um ein Herz zu entzücken und alle anderen zu quälen.

Ohne gerade gelehrt zu sein, war Eveline gebildet und unterrichtet. Ihr Herz vielleicht half mit dabei, ihren Verstand zu belehren; durch eine Art innerer Anschauung konnte sie Alles würdigen, was schön und erhaben war. Ihr unverfälschter und argloser Geschmack besaß eine eigenthümliche Logik; kein Gelehrter besaß jemals einen schnelleren Blick, die Wahrheit zu durchdringen; kein Kritiker entdeckte scharfsinniger das Verfälschte und Unwahre. Ein Buch, welches Eveline bewundern konnte, besaß sicher den Stempel des Edlen, Liebenswürdigen und Wahren.

Allein Eveline hatte ihre Fehler – die Fehler ihres Alters, oder vielmehr, sie besaß eine Charakterrichtung, die zum Irrthum hätte führen können. Sie war so edelmüthig, daß schon der Gedanke, sich für einen Andern zu opfern, Reiz für sie besaß. Sie handelte immer aus reinem und gutem Antrieb, oft aber rasch und unbedacht. Sie gab sich der Schwäche hin, ließ sich zu Allem überreden, war so empfindlich, daß ein kalter Blick von Jemand, den sie nur etwas gerne sah, ihr in's Herz drang; bei dem Mitgefühl, welches feinere Empfindung zu begleiten pflegt, war ihr keine Pein so groß, als diejenige, Anderen Pein zu verschaffen. Deßhalb durfte Lord Vargrave vernünftige Hoffnungen über seinen endlichen Erfolg hegen. Ihr Charakter war gefährlich für ihr Glück. Wie manche Ereignisse müssen sich vereinigen, um für den Mittag solcher Charaktere den Sonnenschein des Morgens zu bewahren! Dem Schmetterlinge, welcher das Kind des Sommers und der Blumen scheint, wird durch so manchen Wind die Heiterkeit erstarrt – so manche Berührung wird seine Farben hinwegwischen.

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