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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Dreizehntes Kapitel.

Wohl ist dir noch mein Ohr gereicht.
   Ruh' ich auf grüner Flur,
Bis mir die Phantasie erneut
   Der gold'nen Zeiten Spur.

      Wordsworth.

 

Mitternacht war vorüber. Wirthin und Gäste hatten sich zur Ruhe begeben, als Lady Vargrave's Thür sich leise öffnete. Die Dame selbst kniete am Fuße ihres Bettes. Das Mondlicht fiel durch die halb geschlossenen Vorhänge des Fensters; bei dessen Strahl schienen ihre blassen, ruhigen Züge noch blässer, aber auch ruhiger.

Eveline, denn sie war der Eindringling, hielt an der Schwelle, bis ihre Mutter von der Andacht sich erhob; alsdann warf sie sich an die Brust der Lady Vargrave und schluchzte, als sollte ihr Herz brechen; sie war aufgeregt durch die wilden, großmüthigen, unwiderstehlichen Regungen der Jugend. Lady Vargrave hatte dieselben vielleicht einst gekannt und konnte wenigstens jetzt mit ihnen sympathisiren.

Sie drückte ihr Kind an den Busen, strich ihr das Haar zurück, küßte Eveline zärtlich und sprach ihr besänftigend zu.

»Mutter,« schluchzte Eveline, »ich konnte nicht schlafen, ich konnte nicht ruhen. Segnen Sie mich wieder, küssen Sie mich wieder, sagen Sie mir, daß Sie mich lieben! Sie können mich nicht lieben, wie ich Sie liebe, aber sagen Sie mir, daß ich Ihnen theuer bin; sagen Sie mir, daß Sie mich bedauern werden, aber nicht zu sehr! Sagen Sie mir – –« hier schwieg Eveline und konnte nicht mehr reden.

»Meine beste, meine theuerste Eveline,« sagte Lady Vargrave, »ich liebe Niemand auf Erden, als dich. Glaube ja nicht, daß ich undankbar bin.«

»Warum sagen Sie undankbar? – Ihr eigen Kind, Ihr einzig Kind!«

Eveline bedeckte ihrer Mutter Gesicht und Hände mit leidenschaftlichen Thränen und Küssen.

In diesem Augenblicke machte Lady Vargrave's Herz ihr Vorwürfe, daß sie das liebliche Mädchen nicht nach Verdienst geliebt hatte. Gewiß war keine Mutter milder, pflegender, aufmerksamer, ängstlicher für das Wohl ihrer Tochter; allein Eveline hatte Recht! Der Erguß der Zärtlichkeit, das geheimnißvolle Eindringen in alle kleinen Gedanken und Gefühle, welche für die Liebe einer solchen Mutter zu einem solchen Kinde charakteristisch hätten sein sollen, waren wenigstens dem äußeren Anschein nach nicht vorhanden. Sogar bei der jetzigen Trennung hatte sich eine Klugheit, eine Erörterung ergeben, die eher das Gefühl der Pflicht als das der Liebe bezeugte. Lady Vargrave fühlte dieß und machte sich Vorwürfe; sie überließ sich Regungen, die ihr neu waren, wenigstens insoweit sie dieselben zeigte; sie weinte mit Eveline und gab ihr die Liebkosungen mit beinahe gleicher Gluth zurück. Vielleicht auch dachte sie in jenem Augenblick, welcher Liebe eine so warmfühlende Natur fähig sei, und zitterte für ihr zukünftiges Schicksal. Jene betrübte Stunde bot eine vollkommene Aussöhnung der Gefühle von beiden Seiten, welche irgend eine geheime Macht früher gehindert zu haben schien. In jener Nacht trennten sich Mutter und Tochter nicht; dasselbe Lager nahm sie auf, und als Lady Vargrave, ermüdet durch ihre Gefühle, in den Schlaf der Erschöpfung fiel, hielt Evelinens Arm sie umschlungen und ihr Auge überwachte sie mit kindlicher und ängstlicher Liebe, als der Morgen dämmerte.

Sie verließ ihre noch schlafende Mutter, als die Sonne aufging, ging schweigend in ihr geliebtes unteres Zimmer und beschäftigte sich wieder mit tausend kleinen vorkehrenden Sorgen, die sie vorher vergessen zu haben sich wunderte.

Die Wagen standen vor der Thür, bevor die Gesellschaft bei dem schwermüthigen Frühstück sich versammelt hatte. Lord Vargrave kam zuletzt.

»Ich bin,« sagte er, sich setzend, »wie alle Feiglinge gewesen; ich habe ein Uebel so lange als möglich verschoben – eine schlechte Politik, denn sie steigert die schlimmste Pein von allen, die der Unschlüssigkeit.«

Frau Merton hatte die Pflichten des Frühstücktisches übernommen.

»Sie wünschen Kaffee, Lord Vargrave? – Caroline, meine Liebe –«

Caroline reichte Lord Vargrave die Tasse, welcher auf ihre Hand blickte, als er jene empfing; an einem jener schlanken Finger befand sich ein Ring, welcher früher nicht da gewesen war. Ihre Blicke begegneten sich und Caroline erröthete. Lord Vargrave wandte sich an Eveline, die blaß wie der Tod, aber thränen- und sprachlos bei ihrer Mutter saß. Er versuchte vergeblich dieselbe in's Gespräch zu ziehen. Eveline, welche ihre Gefühle zu unterdrücken strebte, wagte nicht zu reden.

Frau Merton, stets unverstört und gelassen, fuhr fort, zu schwatzen, über das Wetter sich Glück zu wünschen – der Tag war so schön – man würde zur rechten Zeit abfahren – Alles sei so gut eingerichtet – man werde zur rechten Zeit in*** zu Mittag speisen – man werde noch drei Stationen nach dem Mittagessen halten – dann werde der Mond aufgegangen sein.

»Aber,« sagte Lord Vargrave, »da ich Sie bis*** begleiten werde, wo sich unsere Wege trennen, so hoffe ich nicht, zur Einsamkeit bei meinem Portefeuille, zwei alten Zeitungen und übler Laune verurtheilt zu sein. Haben Sie Mitleid mit mir.«

»Vielleicht werden Sie die Großmutter in den Wagen nehmen,« flüsterte Caroline schlau.

Lumley zuckte die Achseln und erwiderte in demselben Tone:

»Ja, vorausgesetzt, daß Sie das Sprüchwort wahr machen: › Les extrêmes se touchent‹ und daß die liebenswürdige Enkelin die Großmutter begleitet.«

»Was würde Eveline sagen?« erwiderte Caroline.

Lumley seufzte und gab keine Antwort.

Frau Merton, die hinterher kam, während ihre Tochter dieß ›bei Seite‹ ausführte, fiel jetzt ein:

»Lassen Sie mich und Caroline in Ihrer Kalesche fahren, und fahren Sie in unserer alten Kutsche mit Eveline und Frau Leslie.«

Lumley blickte vergnügt auf die Rednerin und alsdann auf Eveline; allein Frau Leslie sagte sehr ernst:

»Nein, wir werden zu traurige Gefühle haben, wenn wir diesen Ort verlassen, um muntere Gefährten für Lord Vargrave zu sein, oder,« fügte sie nach einer Pause hinzu, »wenn dieß unhöflich gegen Lord Vargrave ist, so will ich mit Eveline in seinem Wagen fahren, und er wird Sie begleiten.«

»Zugegeben,« sprach Frau Merton ruhig; »jetzt will ich gehen und nach den Stachelbeerpflanzen und Reisern sehen; es war sehr gütig, Lady Vargrave, daß Sie mir dieselben gegeben eben.«

 

Eine Stunde war vergangen und Eveline war abgereist; sie hatte das Haus ihrer Jugend verlassen und ihr letztes Lebewohl am Busen ihrer Mutter geweint; der Schall der Wagenräder war erstorben, noch aber weilte Lady Vargrave auf der Schwelle, noch schaute sie auf den Ort, wo der letzte Blick Evelinens von ihr erhascht worden war. Ein Gefühl der Verlassenheit und Einsamkeit kam über ihre Seele; selbst das Sonnenlicht, der Frühling, der Gesang der Vögel machten ihre Einsamkeit nicht weniger öde.

Zuletzt ging sie mechanisch fort und schlug mit langsamen Schritten und gesenkten Augen ihren Lieblingsspaziergang ein, der zu dem ruhigen Kirchhof führte. Das Thor schloß sich hinter ihr; jetzt waren ihr der Rasenplatz, der Garten, die Lieblingsorte Evelinens, so einsam wie die Wüste; – aber das Gänseblümchen öffnete sich der Sonne und die Biene summte unter den Blumen nicht weniger heiter, weil alles menschliche Leben entfernt war. Im Busen der Natur schlägt kein Herz für den Menschen.

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