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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Zehntes Kapitel.

Julie: Willst du ihn haben?

     Das Müllermädchen.

 

Lord Vargrave hörte am nächsten Morgen mit geheimem Aerger und Mißvergnügen Evelinens beabsichtigten Besuch bei den Merton. Er konnte nichts offen dagegen einwenden, aber einige Winke über dessen Unzweckmäßigkeit nicht unterdrücken.

»Meine theure Freundin!« sagte er zur Lady Vargrave, »Sie haben darin kaum recht gehandelt; verzeihen Sie mir, daß ich es sage, als Sie Evelinen der Sorgfalt von Leuten überließen, die doch gewissermaßen fremd sind. Sie kennen allerdings Frau Leslie; allein Frau Merton, wie Sie selbst zugestehen, haben Sie zum erstenmal gesehen. Diese ist ohne Zweifel eine sehr achtbare Person; bedenken Sie aber, wie jung Eveline ist; wie reich, welch' eine Prise für jüngere Söhne aus der Merton'schen Familie, wenn es deren gibt, Miß Merton selbst ist ein schlaues, eigennütziges Mädchen; wäre sie von unserem Geschlecht; so würde sie einen ausgezeichneten Glücksjäger abgeben. Halten Sie meine Furcht nicht für selbstsüchtig, ich spreche nicht für mich; wäre ich Evelinens Bruder, so würde ich in meinen Vorstellungen nicht eifriger sein.«

»Aber, Mylord, die arme Eveline wird hier trübsinnig; meine Stimmung wirkt auf sie als ansteckende Krankheit. Sie sollte mehr mit Leuten ihres eigenen Alters verkehren, um mehr von der Welt zu sehen, bevor –«

»Bevor sie mich heirathet. Vergeben Sie mir, ist das nicht meine Angelegenheit? Wenn ich mit ihrer Unschuld zufrieden, sogar wenn ich darüber entzückt bin, wenn ich dieß allen Künsten vorziehe, die sie in der Gesellschaft lernen könnte, so würde Sie sicherlich kein Vorwurf treffen, daß Sie Eveline in jener schönen Einfalt lassen, welche ihren hauptsächlichsten Zauber bildet. Sie wird als Lady Vargrave genug von der Welt sehen.«

»Wenn sie aber niemals Lady Vargrave werden will –«

Lumley stutzte, biß sich auf die Lippe und runzelte die Stirne. Lady Vargrave hatte niemals zuvor auf seinem Antlitz den finsteren Ausdruck gesehen, den es gegenwärtig zeigte. Er faßte sich jedoch, als er beobachtete, daß ihr Auge auf ihn gerichtet war, und sprach mit erzwungenem Lächeln: »Wie können Sie eine Möglichkeit voraussetzen, welche, wie Evelinens Verwerfung meiner jahrelang fortgesetzten Bewerbung, so unvorhergesehen mein ganzes Glück zerstören, den Wünschen meines armen Onkels gerade entgegengesetzt sein würde, – eine Bewerbung; welche ihr schon von Kindheit an so feierlich, ja selbstverständlich vorgestellt wurde?«

»Sie muß für sich selbst entscheiden»sagte Lady Vargrave; »ihr Oheim unterschied zwischen Wunsch und Befehl, Evelinens Herz ist noch nicht durch Sie gerührt worden; mögen Sie ihrer Liebe würdig sein; wenn Eveline Sie lieben kann.«

»Dieß werde ich stets erstreben; weßhalb aber ihre Entfernung aus Ihrem Hause gerade zu einer Zeit; wo wir uns öfter sehen? Sie wollen uns doch nicht etwa trennen?«

»Ich besorge, Mylord, daß wenn Eveline hier bleibt, sie sich gegen Sie entscheiden wird; ich besorge, wenn Sie sie jetzt bedrängen, wird ihr voreiliger Entschluß dieser sein. Vielleicht entsteht diese ihre Stimmung aus einer zu großen Anhänglichkeit an ihre Heimath; vielleicht wird sogar eine kurze Abwesenheit von derselben und von mir sie mit einer bleibenden Trennung mehr aussöhnen.«

Vargrave konnte nicht mehr sagen, denn sie wurden von Caro linen und Frau Merton unterbrochen; sein Benehmen aber war verändert und er konnte die Munterkeit des vorigen Abends nicht wieder erlangen.

Als er jedoch Zeit zur Ueberlegung fand, gelang es ihm, sich mit dem beabsichtigten Besuche wieder auszusöhnen. Er erkannte; wie leicht es sei, sich die Freundschaft der ganzen Familie Merton zu verschaffen; diese Freundschaft konnte ihm von größerem Nutzen sein als die neutrale Rolle, die Lady Vargrave spielte. Er würde natürlich auf den Pfarrsitz eingeladen werden, dieser war London näher als Lady Vargrave's kleiner Landsitz; er konnte sich seinen öffentlichen Sorgen öfter entziehen, um seine Privatinteressen zu verfolgen. Die Nachbarschaft auf dem Lande konnte wahrscheinlich keinen Ueberfluß an gefährlichen Nebenbuhlern, besonders zu dieser Jahreszeit, bieten. Eveline, dachte er, würde von einer eigennützig gesinnten Familie umringt sein, und hierin bot sich ihm ein Vortheil. Es mochte vielleicht dazu dienen, Evelinens romantische Neigung zu zertheilen, ihr die Vergnügungen des Londoner Lebens des offiziellen Ranges, der munteren Gesellschaft fühlbar zu machen, die eine Verbindung mit ihm als Ersatz für ihr Vermögen darbieten könne. Kurzum, nach seiner gewöhnlichen Handlungsweise strebte er, der neuen Wendung der Angelegenheit die beste Richtung zu geben. Obgleich Vormund der Miß Cameron und einer der Curatoren für das Vermögen, welches sie bei ihrer Großjährigkeit erhalten konnte, besaß er kein Recht, hinsichtlich ihres Wohnortes ihr Vorschriften zu geben. Das Testament des verstorbenen Lords hatte ausdrücklich und bestimmt die natürliche und gesetzmäßige Gewalt festgesetzt, welche Lady Vargrave in allen, mit Evelinens häuslicher Erziehung zusammenhängenden Angelegenheiten ertheilt war. Hier mag auch noch hinzugefügt werden, daß der Testator Vargrave und seinem Mitcurator, Herrn Gustav Douce, einem Bankier von Namen und Ansehen, große Gewalt in der Anlegung des Vermögens gelassen hatte. Er hatte es als seinen Wunsch ausgesprochen, daß von 120 bis 130 000 Pfd. auf den Ankauf eines Landguts verwandt werden sollten; er hatte es jedoch dem eigenen Urtheil der Curatoren freigestellt, diese Summe sogar bis zum Betrag des ganzen Kapitals zu vermehren, sollte ein Gut von verhältnißmäßiger Wichtigkeit feil werden. Die Auswahl der Zeit und des Ankaufes war ganz den Curatoren überlassen. Vargrave hatte bis dahin gegen jeden Ankauf Einwendungen gemacht; er war zwar durchaus nicht unempfindlich hinsichtlich der Wichtigkeit und des Ansehens von Grundeigenthum; er hielt es aber bis zu der Zeit, wo er selbst der rechtmäßige Empfänger des Einkommens sein würde, für bequemen das Geld in den Staatspapieren zu lassen, als sich alle die lästigen Einzelheiten der Verwaltung eines Gutes aufzubürden, welches vielleicht niemals das seine werden könnte. Er blickte jedoch mit nicht geringerem Eifer wie sein verstorbener Oheim auf die kommende Zeit, worin der Titel Vargrave auf der ehrwürdigen Grundlage lehensherrlicher Güter erbaut sein würde.

 

»Warum sagten Sie mir nicht, daß Lord Vargrave so entzückend sei?« fragte Caroline ihre neue Freundin, als die beiden Mädchen in vertraulicher Unterredung durch den Garten streiften; »Sie werden mit einem solchen Lebensgefährten sehr glücklich sein.«

Eveline gab einige Augenblicke lang keine Antwort; wandte sich dann plötzlich zu Caroline, hielt den Schritt an und sprach eifrig mit Thränen in den Augen: »Theure Caroline, Sie, die so klug und so gütig sind, rathen Sie mir; sagen Sie mir was das Beste ist; ich bin sehr unglücklich.«

Miß Merton war durch Evelinens Ernst gerührt und überrascht.

»Warum das, theure Eveline« sagte sie, »weßhalb sind Sie unglücklich, Sie, deren Schicksal mir so beneidenswerth scheint?«

»Ich kann Lord Vargrave nicht lieben; ich schaudere bei der Idee, ihn zu heirathen. Soll ich ihm nicht offen sagen, daß ich den Wunsch nicht erfüllen kann, welchen – dieser Gedanke macht mich unsicher – sein Oheim mir hinterließ, mir, die ich keinen Anspruch auf Verwandtschaft habe, zugleich mit dem Vermögen, welches Lord Vargrave erhalten haben würde. Sein Oheim hinterließ mir dasselbe in dem Glauben, daß meine Hand es ihm wieder zurückgebe; es ist beinahe ein Betrug, ihm Letztere zu verweigern. Bin ich nicht zu bemitleiden?«

»Aber weßhalb können Sie Lord Vargrave nicht lieben? Er ist über die erste Jugend hinaus, aber noch immer hübsch; ja er ist mehr wie hübsch. Er besitzt das Aussehen des Ranges – ein Auge, welches bezaubert – ein Lächeln, welches gewinnt – ein Benehmen, welches gefällt, Fähigkeiten, welche herrschen! Hübsch, verständig, bewundert, ausgezeichnet – was kann ein Weib mehr von ihrem Liebhaber, ihrem Gatten wünschen? Haben Sie sich in Ihrer Phantasie ein Ideal Desjenigen, den Sie lieben könnten, gebildet; und scheint Ihnen Lord Vargrave von diesem Luftgebild abweichend?«

»Ob ich mir ein Ideal gebildet habe? Gewiß,« antwortete Eveline; mit einer schönen Begeisterung, welche in ihren Augen strahlte, ihre Wangen röthete und ihren Busen unter dem Kleide hob – »Jemand, den ich auch liebend verehren könnte; eine Seele, welche die meinige erheben, ein Herz welches mit meiner Schwäche; meinen Thorheiten, meiner Romantik, wenn Sie wollen, Mitgefühl empfinden würde, worin ich meine ganze Seele als einen Schatz bergen könnte.«

»Sie malen da einen Schulmeister, nicht einen Liebhaber,« sagte Caroline; »Sie kümmern sich also nicht, ob Ihr Held hübsch oder jung ist?«

»O ja, er sollte Beides sein,« sagte Eveline unschuldig, »und dennoch,« fügte sie nach einer Pause mit kindlicher Lustigkeit im Benehmen und »in ihren« wäre zu ergänzen. Anm.d.Hrsg. Zügen hinzu – »ich weiß; daß Sie mich auslachen werden, aber ich glaube, daß ich zu gleicher Zeit mehr als Einen lieben könnte.«

»Ein gewöhnlicher Fall, aber ein seltenes Bekenntniß.«

»Ja, wenn ich die Jugend und äußere Vortheile, die dem Auge gefallen, mir verlangen möchte, so könnte ich noch tiefere Liebe Demjenigen, welcher meine Phantasie anspricht, weihen! Verstand, Genie, Ruhm – denen sind unsterbliche Jugend und unvergängliche Schönheit zu eigen.«

»Sie sind ein sonderbares Mädchen.«

»Wir sprechen über einen sehr sonderbaren Gegenstand – er ist mir ganz räthselhaft,« sagte Eveline, indem sie ihr kleines Haupt mit niedlichem, halb verstelltem, halb wirklichem Ernste schüttelte. »Ach, wenn doch Lord Vargrave Sie lieben würde! Sie würden ihn lieben; ich wäre frei und glücklich«

Beide standen auf dem Platze vor den Fenstern des kleinen Landhauses; Lumley erhob sein Auge von der Zeitung; die gerade angekommen war und die er mit der Begier eines Politikers ergriffen hatte. Er warf die Zeitung fort, sann einige Augenblicke nach, nahm seinen Hut und schloß sich ihnen an; ehe er aber Letzteres ausführte, hatte er sich im Spiegel besehen und gedacht: Ich glaube; ich sehe noch jung genug aus.«

»Zwei Kirschen an einem Stengel,« sagte Lumley munter; doch dieser Vergleich ist eigentlich unhöflich. Welche Dame möchte eine Kirsche sein? Solch eine uninteressante, gemeine Frucht für Bettelknaben – was mich betrifft; so verbinden meine Ideen die Kirschen immer mit dem Bilde eines jungen Herrn in baumwollenen Beinkleidern und in einer Jacke, mit einer Tasche voll von Marmorkugeln und mit der andern voll von Würmern zum Fischen, mit drei Halbpfennigstücken in der linken Pfote und zwei Kirschen an einem Stengel (Helena und Hermia) in der rechten.«

»Wie komisch Sie sind!« sagte Caroline lachend.

»Sehr verbunden, doch beneiden Sie mich nicht dieses Unterschieds wegen – ich bin doch der Melancholie verfallen. Ihr Damen – ah, für Euch ist das Leben der Lust und des leichten Sinnes; für uns ist nur Geschäft und Politik – Gesetz, Arznei und Mord, durch unsern Beruf – Schmähung – alles unter dem Spottnamen Ruhm; und dazu noch die Erlaubniß sehen zu dürfen, wie unter den Großen und Reichen jenes niedliche Laster – Bettelei – so allgemein ist; und unter dem stolzen Namen: ›Macht und Schutz.‹ Haben wir Ursache, drollig zu sein, wie Sie sagen? O nein, alle unsere gute Laune ist erzwungen; glauben Sie mir das, Miß Cameron, haben Sie niemals jene unglückliche Art histerischer Neigung die man erzwungen gute Laune nennt, gekannt? Gewiß nicht, Ihr heiteres Lächeln, Ihre lachenden Augen bilden das Verzeichniß eines glücklichen und sanguinischen Herzens.«

»Und ich?« fragte Caroline Merton mit leichtem Erröthen.

»Sie, Miß Merton? Ach, ich habe ihren Charakter noch nicht gelesen, die Seite ist schön, aber der Buchstabe noch unbekannt. Sie haben jedoch die Welt gesehen und wissen, daß man gelegentlich eine Maske tragen muß.« Vargrave seufzte, als er dieß sagte, und versank in plötzlichem Schweigen; als er aufblickte, begegneten seine Augen denen von Caroline, die auf ihn geheftet waren; ihr Ausdruck schmeichelte ihm; Caroline wandte sich hinweg und machte sich bei einem Rosenstrauch zu thun. Lumley pflückte eine der Blumen und reichte ihr dieselbe; Eveline war einige Schritte vorangegangen.

»An dieser Rose befindet sich kein Dorn,« sagte er, »mag die Gabe von guter Vorbedeutung sein; jetzt sind Sie Evelinens Freundin; seien Sie auch die meinige. Sie wird Ihr Gast sein, verschmähen Sie es nicht, für mich zu meinem Vortheil zu reden.«

»Bedürfen Sie einer Fürsprecherin?« sprach Caroline mit leichtem Zittern ihrer Stimme.

»Entzückende Miß Merton, die Liebe ist mißtrauisch und besorgt; sie muß jetzt eine Stimme finden, worauf Eveline vielleicht freundlich hört. Was ich nicht sage, mag die Beredsamkeit meiner neuen Freundin ersehen.«

Er verbeugte sich leicht und schloß sich Eveline an. Caroline verstand den Wink und kehrte allein, und gedankenvoll zum Hause zurück.

»Miß Cameron – Eveline, erlauben Sie, daß ich Sie so nenne, wie in den glücklichen und vertraulichen Tagen Ihrer Kindheit. Ich wünschte, Sie könnten in diesem Augenblick in meinem Herzen lesen. Sie sind im Begriff, Ihre Heimath zu verlassen; neue Scenen werden Sie umringen, neue Gesichter Ihnen zulächeln; darf ich hoffen, daß Sie sich meiner erinnern werden?«

Er versuchte bei den Worten ihre Hand zu ergreifen.

»Mylord,« sprach sie in sehr leiser Stimme, »wenn Erinnerung Alles wäre, was Sie von mir verlangen –«

»Ich verlange nicht mehr – günstige Erinnerung, Erinnerung der Liebe, der Vergangenheit, Erinnerung des zukünftigen Bandes.«

Eveline schauderte. »Es ist besser, daß wir offen sprechen,« sagte sie; »ich gebe mich Ihrer Großmuth anheim. Ich bin nicht unempfindlich hinsichtlich Ihrer glänzenden Eigenschaften, ich erkenne die Ehre Ihrer Zuneigung – aber, da jetzt die Zeit naht, worin Sie von mir die Entscheidung fordern werden, so lassen Sie mich Ihnen jetzt sagen, daß ich für Sie nicht diejenigen Empfindungen hegen kann, ohne welche Sie unsere Vereinigung nicht wünschen werden, ohne welche wir Beide ein Unrecht begehen würden, dieselbe einzugehen. Nein, hören Sie mich an. Ich beklage bitterlich den Inhalt des Testamentes von Ihrem zu großmüthigen Oheim; kann ich Ihnen keinen Ersatz gewähren? Gern möchte ich das Vermögen opfern, welches in der That das Ihrige sein müßte. Nehmen Sie es an und bleiben Sie mein Freund.«

»Grausame Eveline! Können Sie vermuthen, daß ich Ihr Vermögen zu erlangen strebe? Sie allein sind mein Ziel. Der Himmel ist mein Zeuge, daß Ihr Herz und Ihre Hand, wenn Sie keine andere Mitgift hätten, ein genügender Schatz für mich sein würde. Sie glauben, daß Sie mich nicht lieben können. Eveline, Sie kennen sich noch nicht. Ach, Ihre Zurückgezogenheit in diesem entfernten Dorfe, mein eigener, unaufhörlicher Beruf, welcher mich wie einen Sklaven an die Galeere der Politik und Macht kettet, halten uns von einander getrennt. Sie kennen mich nicht. Ich bin Willens, den Versuch dieser Kenntniß zu wagen, Ihnen mein Leben zu weihen, Sie zur Theilnehmerin meines Ehrgeizes, meiner Laufbahn zu machen, Sie zu der höchsten Stelle der Damen von England zu erheben, meinen Stolz auf Sie zu übertragen, Sie zu lieben, zu ehren und zu schützen: Alles dieß wird mein höchster Ruhm sein, und alles dieß wird mir zuletzt Liebe gewinnen. Hegen Sie keine Besorgniß, Eveline, für Ihr Glück. Bei mir sollen Sie niemals Kummer erfahren. Es erwartet Sie Liebe zu Haus und Glanz in der Welt. Ich habe den rauhen und steilen Theil meiner Laufbahn überschritten; der Gipfel, zu dem ich emporklimme, ist mit Sonnenschein umringt, keine Stellung in England ist zu hoch, als daß ich sie nicht erlangen könnte. Wie glänzend ist die Aussicht mit Ihnen, wie dunkel ohne Sie! Ach, Eveline, schenken Sie mir diese Hand, das Herz wird bald folgen!«

Vargrave's Worte waren listig und beredt; die Worte waren darauf berechnet, ihr Ziel zu erreichen; allein das Wesen, der Ton der Stimme entbehrte des Ernstes und der Wahrheit. Dieß war Lord Vargrave's Mangel – dieß charakterisirte alle seine Versuche, Andere im öffentlichen oder Privatleben zu leiten. Er besaß kein Herz, keine Tiefe der Leidenschaft in Allem, was er unternahm. Er konnte die Ueberzeugung seiner Fähigkeit erwecken, ließ aber stets die Ueberzeugung unvollkommen, weil er den Glauben an seine Aufrichtigkeit nicht hervorzurufen vermochte. Die beste Gabe der Geistesgewalt, die Aufrichtigkeit, fehlte ihm; der Mangel an Herz bei Lord Vargrave war die wahre Ursache, weßhalb er kein großer Mann war. Nichtsdestoweniger wurde Eveline von seinen Worten ergriffen und sagte schüchtern:

»Da Sie so edelmüthige und vertrauensvolle Gefühle hegen, warum lieben Sie mich, da ich Ihre Neigung doch nicht auf würdige Weise erwidern kann? Nein, Lord Vargrave, es gibt Viele, die Sie mit gerechteren Augen wie ich betrachten, Schönere und sogar Reichere. Wirklich, es kann nicht sein; werden Sie nicht durch den Gedanken beleidigt, das mir hinterlassene Vermögen sei an eine Bedingung geknüpft, die ich nicht erfüllen kann und darf? Wird die Bedingung nicht erfüllt, so fällt es, nach Billigkeit und Ehre Ihnen anheim.«

»Reden Sie nicht so, ich bitte Sie, Eveline; halten Sie mich nicht für den eigennützigen Rechner, wofür mich meine Feinde ausgeben. Um jedoch auf einmal den Gedanken an die Möglichkeit zwischen Ihrer Ehre und Ihrem Widerwillen zu entfernen (ah, daß ich leben mußte, dieß Wort auszusprechen!) so erfahren Sie, daß Ihr Vermögen Ihnen nicht zur Verfügung steht. Außer der kleinen Verwirkung, welche die Folge Ihrer Nichterfüllung des Gebotes von meinem sterbenden Onkel ist, wurde das Ganze Ihnen und Ihren Kindern unbedingt verschrieben. Es ist Fideikommiß. Sie dürfen es nicht veräußern. Somit kann sich Ihre Großmuth nur Demjenigen äußern, dem sie Ihre Hand reichen. Ach, lassen Sie mich jene schwermüthige Scene in's Gedächtniß zurückrufen, wie Ihr Wohlthäter auf seinem Todtenbett lag, wie Ihre Mutter an seiner Seite kniete, wie Ihre Hand die meinige umschloß, wie jene Lippen zugleich mit ihrem letzten Hauch einen Segen und einen Befehl aussprachen!«

»O hören Sie auf – hören Sie auf, Mylord!« sprach Eveline schluchzend.

»Nein, lassen Sie mich nicht aufhören, bevor Sie mir sagen, daß Sie mein sein wollen. Geliebte Eveline! Ich darf hoffen, daß Sie nicht gegen mich entscheiden werden?«

»Nein,« sprach Eveline, indem sie ihren Blick erhob und im Innern Fassung zu erkämpfen suchte. »Ich fühle wohl, daß dieß meine Pflicht sein sollte, ich will mich bemühen, Sie zu vollbringen; bitten Sie mich nicht mehr; ich will mit mir kämpfen, um Ihnen antworten zu können, wie Sie es später wünschen werden.«

Lord Vargrave, entschlossen, den gewonnenen Vortheil bis zum Aeußersten zu treiben, war im Begriff zu antworten, als er einen Schritt hinter sich vernahm. Aus der Fassung gebracht, wandte er sich schnell um und sah, daß eine ehrwürdige Gestalt sich ihnen näherte. Die Gelegenheit ging verloren; auch Eveline wandte sich um, erkannte den Nahenden und hüpfte demselben beinah mit einem Freudenrufe entgegen.

Der neue Ankömmling war ein Mann, der beinahe sein siebenzigstes Jahr zurückgelegt hatte; indeß sein Aussehen war frisch, sein Schritt leicht und auf seinem gesunden und gütigen Antlitz hatte die Zeit nur wenig Runzeln gezogen. Er war schwarz gekleidet, und seine Locken, weiß wie Schnee, drangen aus dem breiten Hute hervor und berührten beinahe seine Schultern.

Der alte Mann lächelte Evelinen zu und küßte zärtlich Ihre Stirn. Alsdann wandte er sich an Lord Vargrave, der seine gewöhnliche Selbstbeherrschung wiedererlangt hatte, und mit ausgestreckter Hand zu ihm hintrat.

»Mein theurer Herr Aubrey, dieß ist eine angenehme Ueberraschung. Ich hörte, Sie wären nicht in der Pfarrei, sonst würde ich Sie besucht haben.«

»Euer Lordschaft erweist mir viel Ehre,« erwiderte der Pfarrer; »es ist das erstemal seit dreißig Jahren, daß ich längere Zeit von meiner Pfarre abwesend war; jetzt aber hoffe ich zurückgekehrt zu sein, um meine Tage unter meiner Heerde zu beschließen.«

»Und was,« fragte Lord Vargrave, »wenn die Frage nicht anmaßend ist, verursachte Ihre Abwesenheit wider Willen?«

»Mylord« erwiderte der alte Mann mit sanftem Lächeln; »ein neuer Vikar ist eingesetzt worden. Ich ging zu ihm, um eine demüthige Bitte anzubringen, daß ich unter denen bleiben möge, die ich als meine Kinder betrachte. Ich habe eine Generation begraben, eine zweite verheirathet und eine dritte getauft.«

»Sie hätten die Vikarei selbst bekommen sollen; man hätte besser für Sie sorgen sollen, Herr Aubrey; ich werde mit dem Lordkanzler reden.«

Schon fünfmal früher hatte Lord Vargrave dasselbe Versprechen geäußert, und der Pfarrer lächelte, als er die ihm bekannten Worte vernahm.

»Die Vikarei, Mylord, ist eine Familienpfründe und wird jetzt von einem jungen Manne bekleidet, der mehr Reichthum braucht wie ich. Er ist gütig gegen mich gewesen und hat mich in meine Heerde wieder eingesetzt. Mein Kind,« fuhr der Pfarrer fort, indem er sich zu Evelinen wandte, »Sie sind gewiß nicht wohl, Sie sehen blasser aus wie damals, als ich Sie verließ.«

Eveline umschlang zärtlich seinen Arm und lächelte, als sie ihm antwortete, so vergnügt, wie sonst. Sie schlugen den Weg nach Hause ein.

Der Pfarrer blieb ungefähr eine Stunde. In seinem Wesen war Sanftmuth und Würde gemischt; in ihm lag etwas von dem ursprünglichen Charakter, den wir den Hirten der Kirche zuschreiben. Lady Vargrave schien mit Eveline zu wetteifern, wer ihm die meiste Liebe erweisen sollte. Als er sich in seine Wohnung zurückzog, die nicht weit von dem Landhause lag, suchte Eveline, unter dem Vorwande von Kopfschmerz, ihr Zimmer auf, und Lumley, die Kränkung zu versüßen, wandte sich an Caroline, die sich an seine Seite gesetzt hatte. Ihr Gespräch machte ihm Vergnügen, während ihre offenbare Bewunderung ihm schmeichelte. Während Lady Vargrave in mütterlicher Zärtlichkeit sich entfernte, um nach Evelinen zu sehen – während Frau Leslie sich an einem Stickrahmen beschäftigte – während Frau Merton die alte Dame anblickte und ihr schläfrig von Rheumatismus und Predigten, von Kinderkrankheiten und Mägdevergehen erzählte, wurde die Unterhaltung zwischen Lord Vargrave und Caroline zuerst munter und lebhaft, allmählig empfindsam und gedämpft, ihre Stimmen nahmen einen leiseren Ton an und Caroline wandte ihr Haupt bisweilen ab und erröthete.

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