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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Neuntes Kapitel.

Die Meisten der Gesellschaft schienen
über seine Gegenwart entzückt.

     Mackenzie.

 

Mit der größten Schwierigkeit ließ sich Eveline zuletzt zu der Einwilligung überreden, daß sie sich von ihrer Mutter trenne; sie weinte bitterlich bei dem Gedanken. Allein Lady Vargrave, obgleich gerührt, war fest, und ihre Festigkeit war von der sanften, flehenden Art, welcher Eveline niemals widerstehen konnte. Aller dings sollte dieser Besuch einige Monate dauern, allein sie konnte ja zur Hütte Richtig: »Landhaus«. Anm.d.Hrsg. zurückkehren, sie konnte ja auch – und hierdurch ward sie unbewußt vielleicht mehr als durch irgend sonst etwas mit der Reise ausgesöhnt – den periodischen Besuchen des Lord Vargrave so entgehen. Gegen Ende Juli, wenn die Parlamentssession in jener Zeit vor der Reform beendigt war, kam Lord Vargrave gewöhnlich nach Brook-Green auf einen Monat. Sein letzter Besuch war Evelinen sehr unwillkommen gewesen, und seinen nächsten fürchtete sie mehr wie irgend einen der früheren. Sonderbarerweise betrachtete sie die Bewerbungen ihres Verlobten mit dem höchsten Widerwillen, sie, deren Herz noch so jungfräulich war, sie, welche niemals einen Mann gesehen hatte, der in Gestalt, Wesen und Macht zu gefallen sich mit dem munteren Lord Vargrave vergleichen ließ. Dennoch bekämpfte ein Gefühl der Ehre, und dessen, was sie ihrem verstorbenen Wohlthäter schuldig sei, welcher ihr mehr als Vater gewesen war, jenen ihren Widerwillen und ließ sie in Ungewißheit, welches Verfahren sie einschlagen sollte, ohne daß sie an die Zukunft dachte. In der glücklichsten Elasticität ihrer Stimmung, bei einer Sorglosigkeit, die beinahe an Leichtsinn streifte, welcher, um die Wahrheit zu sagen, ihr natürlich war, dachte sie nicht oft an die feierliche Verpflichtung, welche bald erfüllt oder vernichtet werden mußte. Kam ihr aber der Gedanke in den Sinn, so ward sie stundenlang betrübt und blieb gedankenvoll und niedergeschlagen.

Der Besuch zu Frau Merton ward angeordnet, der Tag der Abreise festgesetzt, als eines Morgens folgender Brief von Lord Vargrave anlangte:

»Meine theure Freundin!

Ich finde jetzt, daß wir eine Woche Feiertag in unserer nichtsthuenden Kammer haben: das Wetter ist so schön daß ich es mit denen, die ich am meisten liebe, zu genießen gedenke. Sie werden mich deßhalb beinahe ebenso bald sehen, als Sie diesen Brief empfangen; das heißt, ich werde mit Ihnen an demselben Tag zu Mittag speisen. Was kann ich Eveline sagen? Wollen Sie, theuerste Lady Vargrave, sie veranlassen, alle die Huldigungen anzunehmen, die Sie zu verwerfen halb geneigt scheint, sobald ich dieselben selbst vorbringe?

In Eile Ihr Sie hochverehrender

Vargrave

Hamilton-Place, 30. April. 18–«

 

Dieser Brief war weder Frau Leslie noch Eveline willkommen. Erstere besorgte, daß Lord Vargrave einen Besuch nicht billigen würde, dessen wahrer Zweck ihm doch kaum eingestanden werden durfte; letztere ward an Alles wieder erinnert, was sie zu vergessen wünschte. Indeß Lady Vargrave selbst war eher erfreut über den Gedanken an Lumley's Ankunft. Bis dahin hatte sie im Geiste ihres duldenden und sanften Charakters das Verlöbniß zwischen Eveline und Lord Vargrave beinah als eine Sache, die sich von selbst verstand, betrachtet. Der Wille und der Wunsch ihres verstorbenen Gatten übte auf ihre Seele den bedeutendsten Einfluß; so lange Eveline noch Kind war, wurde Lumley's Besuch immer gern gesehen und das gern spielende Mädchen sah den heiteren, gut gelaunten Lord immer mit Vergnügen, der ihr alle Arten von Geschenken brachte und sie ebenso wie ihre Hunde zu lieben schien. Jedoch der kürzeste Wechsel im Benehmen Evelinens, ihre häufig niedergeschlagene und nachdenkliche Stimmung, worauf Lady Vargrave von Frau Leslie aufmerksam gemacht worden war, erweckte alle ihre liebevolle, mütterliche Aengstlichkeit. Sie war entschlossen, zu überwachen, zu untersuchen und zu erforschen, nicht allein die Art, wie Eveline Vargrave aufnahm, sondern, soweit es ihr möglich sei, auch das Wesen und die Stimmung von Vargrave selbst. Sie empfand, welch eine feierliche Pflicht hinsichtlich des Glückes eines ganzen Lebens ihr übertragen war; sie hatte die Romantik des Herzens von der Natur, nicht von Büchern gelernt, und glaubte, es könne kein Glück in einer Ehe ohne Liebe sich vorfinden.

Die ganze Familie befand sich auf dem Rasenplatz, als der Reisewagen von Lord Vargrave eine Stunde früher wie man erwartet hatte, die schmale Straße herabrollte, die von der Hütte des Parkhüters zum Wohnhause führte. Vargrave, als er die Gesellschaft sah, warf mit der Hand einen Kuß aus dem Wagenfenster ihr zu, sprang aus dem Wagen, als er am Hauseingange hielt, und eilte zur Wirthin.

»Meine theure Lady Vargrave, ich bin erfreut, Sie zu sehen, Ihr Aussehen ist entzückend. Wo ist Eveline? Ah, dort ist sie, die theure Kokette, wie liebenswürdig sie ist. Wie ist sie verschönert! Aber wer,« fragte er, indem er seine Stimme senkte, »wer sind die Damen dort?«

»Gäste von uns, Frau Leslie, die Sie oft haben erwähnen hören, aber noch niemals getroffen haben.«

»Und die Andern?«

»Ihre Tochter und Enkelin.«

»Es wird mir lieb sein, sie kennen zu lernen.«

Ein einnehmenderes Wesen, wie das von Lord Vargrave läßt sich kaum denken. Schon so freimüthig und einnehmend bei dem armen und sorglosen Herrn Ferrers ohne Rang und Namen, war sein Lächeln, der Ton seiner Stimme, seine vertrauliche Höflichkeit offenbar so kunstlos und sich beinah der knabenartigen Offenheit guter Laune nähernd, daß dieß Alles unwiderstehlich bei dem steigenden Staatsmann und dem begünstigten Höfling sein mußte.

Frau Merton war über ihn entzückt; Caroline hielt ihn beim ersten Blick für den einnehmendsten Mann, den sie jemals gesehen habe; sogar Frau Leslie, ernster, vorsichtiger und durchdringender, war beinah auf gleiche Weise beim ersten Eindruck von ihm eingenommen; erst wenn seine Züge bei gelegentlichem Schweigen ihren natürlichen Ausdruck annahmen, glaubte sie in dem schnellen, argwöhnischen Blick und in dem Zusammendrücken der Lippen das Zeichen des listigen, flauen und selbstsüchtigen Charakters zu sehen, den sogar seine eigene Partei einem ihrer ausgezeichnetsten Führer mit Widerstreben und gewissermaßen heimlich zuschrieb, im Verhältniß wie derselbe in seiner Laufbahn gestiegen war.

Als Vargrave Evelinens Hand ergriff und dieselbe mit vielsagender Galanterie zu seinen Lippen erhob, erröthete das Mädchen zuerst und wurde alsdann blaß wie der Tod; auch kehrte ihre so verscheuchte natürliche Farbe nicht sobald zu der schönen Wange zurück. Lumley gab auf die Zeichen nicht Acht, die sich zwiefach auslegen ließen, schien in besser Laune, schwatzte über tausend Dinge, pries die Aussicht, das Wetter, die Reise, brachte hier einen Scherz, dort ein Compliment an und vollendete seine Eroberung der Frau Merton und Carolinens.

»Sie haben London in der muntersten Zeit verlassen, Lord Vargrave« sagte Caroline, als sie sich nach Tisch miteinander unterhielten.

»Allerdings, Miß Merton, aber das Land befindet sich ebenfalls in seiner muntersten Zeit.«

»Lieben Sie denn das Land?«

»Hin und wieder. Ich führe ein künstliches Leben, jedoch ich hoffe, es ist ein nützliches; ich brauche nur Häuslichkeit, um es zum glücklichen zu machen.«

»Was sind die letzten Neuigkeiten? Das theure London! Ich habe Ursache zur Betrübniß; meine Großmutter, Lady Elisabeth, kommt dieß Jahr nicht hin; somit bin ich gezwungen, auf dem Lande zu leben. Wird Lady D*** sich endlich verheirathen?«

»Wahrhaftig, die Ideen einer jungen Dame von Neuigkeiten betreffen immer Heirathen. Lady D***! Ja, sie wird sich, wie Sie sagten, endlich verheirathen. So lange sie eine Schönheit war, war unser kaltes Geschlecht zu blöde hinsichtlich ihrer; aber jetzt ist sie zur Häßlichkeit verwelkt, zum passenden Colorit einer Hausfrau.«

»Ein schönes Compliment!«

»So ist es. Euch schöne Frauen lieben wir zu sehr für unser eigenes Glück. Eine klug eingegangene Heirath erheischt freund schaftliche Gleichgültigkeit, keine Entzückung und Verzweiflung. Aber gebt mir Schönheit und Liebe; ich war nie besonders klug; das ist nicht meine Schwäche.«

Obgleich Caroline sich allein mit Lord Vargrave unterhielt, versuchten seine Blicke mit Eveline zu verkehren, die ungewöhnlich schweigend und zerstreut dasaß. Plötzlich schien Lord Vargrave zu bemerken, daß er für seine Zuhörer ein nicht genug allgemeines Gespräch führte. Er wandte sich deßhalb an Frau Leslie und schlüpfte gleichsam in eine frühere Generation zurück. Er sprach von verstorbenen Personen und vergessenen Dingen; er machte den Gegenstand auch den Jüngeren durch eine Folge von mannigfachen und witzigen Anekdoten anziehend. Niemand konnte angenehmer sein; sogar Eveline horchte auf ihn jetzt mit Vergnügen, denn Witz und Verstand besitzen Reiz für alle Weiber. Indeß lag im Tone des Mannes der großen Welt eine kalte und scharfe Leichtfertigkeit, welche verhinderte, daß der Zauber tiefer ging. Der Frau Leslie schien er unbewußt lockere Grundsätze zu verrathen, Evelinen Mangel an Gefühl und Herz. Lady Vargrave; die keinen Charakter dieser Art verstand, horchte aufmerksam und sagte zu sich selbst: »Eveline mag ihn bewundern, aber ich fürchte, sie kann ihn nicht lieben.« Jedoch die Zeit ging schnell in Lumley's Gegenwart vorüber und Caroline dachte; sie habe nie einen so angenehmen Abend zugebracht.

Als Lord Vargrave sich auf sein Zimmer zurückgezogen hatte, warf er sich in einen Lehnstuhl und gähnte mit großem Eifer. Sein Kammerdiener brachte seinen Schlafrock in Ordnung und legte seine Brieftaschen auf den Tisch.

»Wie viel Uhr?« fragte Lumley.

»Sehr früh, Mylord, erst elf.«

»Der Teufel! Die Landluft ist wunderbar erschöpfend; ich bin schläfrig; Ihr könnt gehen.«

»Dieß kleine Mädchen,« dachte Lumley, als er sich ausstreckte, »ist ungewöhnlich blöde; doch ist noch alles in Sicherheit. Sie ist außerordentlich hübsch geworden. Das andere Mädchen aber ist amüsanter; mehr nach meinem Geschmack und wie ich glaube, auch leichter zu erobern. Ihre großem dunklen Augen schienen voll Bewunderung meiner Lordschaft. – Die kluge; junge Dame! Sie kann mir von Nutzen sein, Eveline anzuspornen.«

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