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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Achtes Kapitel.

Freund nach Freund geht hin.
Wer hat nicht schon verloren einen?
Es gibt kein Herzensbündniß hier.
Das dann sein End' nicht findet.

     Montgomery.

 

An jenem Abend ging Frau Leslie zu Lady Vargrave auf deren Zimmer. Als sie sanft eintrat, bemerkte sie, daß Lady Vargrave, obgleich es schon spät war, am offenen Fenster stand und aufmerksam auf die Aussicht zu blicken schien, Frau Leslie ging unbemerkt zu ihr hin. Das Mondlicht war außerordentlich hell; jenseits des Gartens, nur durch eine kleine Umzäunung getrennt, lag der einsame Kirchhof des Dorfes; der spitze Thurm des heiligen Gebäudes erhob sich hoch und schlank in die erleuchtete Luft. Die Scene war still und beruhigend; Lady Vargrave's zerstreuter Blick war so aufmerksam darauf gerichtet, daß Frau Leslie ihre Träumerei nicht stören wollte.

Zuletzt wandte sich Lady Vargrave um; über ihre Züge hatte sich die geduldige und rührende Ergebung verbreitet, welche nur Menschen eigen ist, die in dieser Welt keine Täuschung mehr finden können, und die ihr Herz auf das Leben jenseits gerichtet haben. Frau Leslie, was sie auch denken oder fühlen mochte, sagte nichts weiter, als daß sie ihr einige gütige Vorstellungen über den Unbedacht machte, womit sie sich der Nachtluft aussetzte. Das Fenster ward geschlossen und Beide setzten sich, um sich mit einander zu unterhalten.

Frau Leslie wiederholte die Einladung betreffs Evelinen, und legte die Gründe dar, weßhalb die Annahme derselben rathsam war. »Allerdings,« sagte sie. »ist es grausam, Sie Beide zu trennen; ich fühle dieß sehr wohl. Weßhalb wollen Sie also nicht mit Eveline kommen? Sie schütteln den Kopf – weßhalb wollen Sie die Gesellschaft immer vermeiden? Sie sind noch so jung, und überlassen sich gänzlich dem Schmerz der Vergangenheit!«

Lady Vargrave stand auf, trat zu einem Schrank am Ende des Zimmers, schloß denselben auf und bat Frau Leslie hinzukommen. In einer Schublade lagen, sorgfältig zusammengefaltet, Theile einer weiblichen Kleidung – grob, einfach und zerlumpt. Es war die Kleidung, eines Bauernmädchens.

»Erinnern Sie sich hiebei ihrer ersten mir erwiesenen Mildthätigkeit?« fragte Lady Vargrave mit rührendem Ton. »Diese Kleider verkünden mir, daß ich nichts mit der Welt zu schaffen habe, worin Sie, die Ihrigen und Eveline selbst sich bewegen sollen.«

»Ein zu zartes Gewissen! Ihre Fehltritte waren die der Umstände und der Jugend; wie haben Sie dieselben wieder ausgeglichen? Niemand hat Sie in Verdacht. Ihre frühere Geschichte ist allein dem guten alten Aubrey und mir bekannt. Nicht einmal der Hauch eines Gerüchtes verdunkelt den Namen der Lady Vargrave.«

»Frau Leslie,« sagte Lady Vargrave, indem sie den Schrank wieder verschloß und sich setzte, »meine Welt liegt hier in meiner Umgebung, ich kann sie nicht verlassen. Könnte ich Evelinen von Nutzen sein, so würde ich Alles opfern und Allem trotzen; ich verdunkle aber allein ihre Heiterkeit; ich kann ihr keinen Rath geben, keine Belehrung ertheilen. Als sie noch ein Kind war, konnte ich sie überwachen; jetzt aber erheischt sie eine Rathgeberin, eine Führerin, und ich hege ein zu bestimmtes Gefühl, daß ich dieser Aufgabe nicht gewachsen bin. Ich eine Führerin der Unschuld! ich! – Nein, ich kann ihr nichts mehr darbringen, dem theuren Kinde, als meine Liebe und mein Gebet. Ihre Tochter mag sie übernehmen, sie überwachen, führen und ihr rathen. Was mich betrifft, so unfreundlich und undankbar es auch scheinen mag, ich würde es ertragen können allein zu leben, wenn sie nur glücklich würde.«

»Aber wird Eveline, welche Sie so sehr liebt, sich dieser Trennung aussetzen wollen?«

»Diese wird nicht lange dauern, und es wäre zweckmäßig,« fügte Lady Vargrave mit sanftem, aber ernstem Lächeln hinzu, »daß sie sich auch für diejenige Trennung vorbereite, welche zuletzt eintreffen muß. Da Jahr um Jahr meine letzte Hoffnung verschwindet, ihn noch einmal wieder zu sehen, so empfinde ich, daß mir mein Leben immer schwächer wird, und ich betrachte jenen ruhigen Kirchhof als eine Heimath, zu welcher ich bald zurückkehren werde. Jedenfalls wird Eveline zu neuen Banden berufen werden, die mich ihr entfremden müssen; sie muß sich jetzt und allmählig meiner entwöhnen, die ich ihr so nutzlos sein werde, wie ich es der ganzen Welt bin.«

»Reden Sie nicht so,« sagte Mrs. Leslie gerührt, »noch manche Jahre des Glücks sind Ihnen aufbewahrt; je mehr Sie sich von der Jugend entfernen, desto schöner wird Ihnen das Leben werden.«

»Gott ist gütig gegen mich,« sprach die sanfte Dame, indem sie ihre sanften Augen erhob; »ich habe dieß schon erkannt, ich bin zufrieden.«

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