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Alfanzereien

Georg Bötticher: Alfanzereien - Kapitel 49
Quellenangabe
typepoem
booktitleAlfanzereien
authorGeorg Bötticher
firstpub1899
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAlfanzereien
created20050303
sendergerd.bouillon
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Der belebte Vortrag.

»Ins Leben jreifen und den Stoff beleben müssen Sie! Verstehn Sie wohl? Sonst mag ein Vortrag noch so jut sein: wenn der Stoff nich aus dem Leben jejriffen und von Ihnen belebt is, so is er nich jut. Der Vortrag nämlich – und der Stoff auch. Wenn Sie sich das doch einmal merkten, Jrellmann! – Und nun wollen wir schließen.«

Und der Herr Professor Schollmeyer – er war aus der Gegend von Halle und »jöttelte« deshalb – schloß seinen Vortrag, nachdem er sich, wie immer, dreimal mit der Hand über sein glattrasiertes Gesicht gefahren war, als wenn er dadurch all den Ärger der Lehrstunde wegwischen und völlig beseitigen könnte

Das Klassenzimmer der Sekunda leerte sich im Nu. Nur Grellmann, begleitet von zwei feixenden Kommilitonen, verließ anscheinend teils aus Ehrerbietung, teils in seines nichts durchbohrendem Gefühle erst hinter dem Professor das Lokal.

»Am Leben, am Lebendigen jebricht's Ihnen, Jrellmann, das is das Janze!« raunte der eine Grellmann zu. »Ach halt dein Maul!« brummte der verdrossen. »Sie jlauben's wieder nich, Jrellmann, es ist aber janz jewiß so!« flüsterte der andere. »Na, ein andermal, lieber Jrellmann, – ich jebe die Hoffnung nich auf!«

»Und ich werde Euch jleich eine reinlangen, wenn Ihr nun nicht aufhört! Ich habe den echten Schollmeyer schon bis an den Hals hier – und nun kommt Ihr noch mit Euern Imitationen! Laßt uns lieber machen, daß wir in die ›Thüringer‹ kommen und ein Tuchersches stürzen. Dieser Schollmeyer wird immer ›jräßlicher‹ mit seinem ›Ins-Leben-jreifen.‹«

Das Tuchersche war delikat und bei Grellmann hatte sich infolgedessen, als die Freunde nach einem Viertelstündchen voneinander schieden, die für gewöhnlich eigene übermütige Stimmung so ziemlich wieder eingefunden. »Wenn ich nur mal dem Schollmeyer einen Possen spielen könnte. Es müßte aber was aus dem Leben jejriffenes, was belebtes sein!« Und der Sekundaner Grellmann versank, während er mit den Schritten eines Heißhungrigen nach Hause stiefelte, in tiefe Gedanken, die allmählich, nach allerlei Anzeichen zu schließen, sehr unterhaltende und heitere sein mußten: er lachte wiederholt laut auf und schwenkte den Stock mit der riesigen Hirschgeweihzacke auf eine für die ihm Begegnenden gefahrdrohende Weise – fast als wenn er den Takt zu einer heimlichen Musik schlüge . . . »Famos – famos!«

Zu Hause, als die Mama ihm das warmgestellte Essen herbeigetragen, schlang er die sechs ungeheuren Klöße und das Stück Sauerbraten – sonst sein Leibessen – ganz teilnahmslos hinein und wiegte sich dabei fortwährend, wie in äußerst angenehmen Gedanken, auf dem Stuhle hin und her, nur zuweilen »famos, famos!« vor sich hin murmelnd und sogleich nach dem Essen in seine Stube verschwindend. Er hatte seinen Plan! Jetzt nur das Ganze nochmals überdenken und die Einzelheiten feststellen. »Famos, famos!« Und niemand vorher was davon mitteilen – auch den nächsten Freunden nicht! Einen natürlich ausgenommen, Fritzschen, seinen intimsten Freund. Dieser mußte zur Mitwirkung herangezogen und deshalb also vorher unterrichtet werden. Aber weiter auch keinen! Sehr gut traf es sich, daß er noch niemand – Fritzschen wieder ausgenommen – davon gesagt hatte, daß er seit sechs Wochen einen Tanzstundenkursus besuchte. So würde es um so mehr überraschen. Und ganz vortrefflich kam auch das zupaß, daß die Sekunda einen Leierkasten besaß, den er selbst jüngst erst repariert hatte und der zu den Tanzübungen in der Klasse gedreht ward, die neuerdings der gefällige Herr Staps, der Turnlehrer, den Herrn Sekundanern statt des langstieligen Turnens beibrachte. Es traf alles so glücklich zusammen, daß die Sache spielend und wie von selbst sich machte.

Und nun wollte er sogleich an den »Vortrag« gehen, der ihm für nächsten Mittwoch früh zehn Uhr von Schollmeyern aufgegeben worden war. Die Wahl des Themas stand ihm frei – und das war's ja eben, was ihn auf die Idee gebracht: Das Thema, was er diesmal behandeln würde, war »janz aus dem Leben jejriffen« – das sollte selber Schollmeyer zugeben müssen! Und für die »Belebung des Stoffes« sollte gleichfalls gesorgt werden. –

Der Mittwoch und die zehnte Stunde war herangekommen. Vollzählig und summend wie ein Bienenschwarm saß bereits die Sekunda versammelt. Unter der Bank des Primus Fritzsche stand ein dunkler, kastenartiger Gegenstand, nach welchem einigemal die Blicke des etwas nervös dreinschauenden Grellmann hinirrten.

Die Thür öffnete sich mit einem Ruck – eine plötzliche Stille trat ein – in der ihm eigenen hastigen Weise schritt Professor Schollmeyer mit dem üblichen »Juten Morjen!« ins Zimmer, begrüßt vom Gegenruf der ganzen Klasse.

Er schien äußerst gut gelaunt, was sich dadurch zeigte, daß er nicht auf dem Katheder verweilte, sondern vor demselben auf und abwanderte, und, nachdem er sich mit der Hand dreimal übers Gesicht gefahren, im freundlichsten Tone begann: »Jrellmann, wir wollen nun Ihren Vortrag entjegennehmen. Was für ein Thema haben Sie jewählt?«

Unter der Spannung der ganzen Klasse erhob sich Grellmann. Sein Haupt mit dem buschigen Haar voll edlen Anstandes zurückwerfend, erwiderte er in verbindlichem Tone: »Die Tanzstunde!«

»Die Tanzstunde? Ich habe doch richtig gehört?«

»Jawohl, Herr Professor – Die Tanzstunde. Wenn die Novemberstürme und Nebel die Menschheit in die schützenden Häuser treiben, wenn die Spaziergänge der Erwachsenen, die Spiele der Kinder im Freien sich auf die Mittagsstunden zu beschränken anfangen und gegen vier Uhr bereits die künstlichen Lichter allerorts angezündet werden müssen, dann beginnt für die Jugend, die den Kinderschuhen entwachsen, eine schöne, reizvolle Zeit: die Zeit der Tanzstunde! In einem freundlich erhellten Saale versammeln sich um die Abendstunde eine Anzahl jugendlicher Gestalten, – in schwarzen Röcken, in hellen Tüllkleidchen – – –« so entströmten in gefälligem Rhythmus die wohlgefügten Perioden dem Munde Grellmanns, während die Spannung der Klasse bei dem in einem Gymnasium nie erhörten Thema ins Ungeheure wuchs, und der Professor immer schnellere und größere Schritte machte, wobei sein Gesicht immer mehr mit dem Ausdruck höchsten Erstaunens sich auf Grellmann richtete, und er sich immer häufiger mit der Hand übers Antlitz fuhr . . .

Grellmanns Vortrag plätscherte indessen lustig weiter. Der Redner, den ein eigentümliches Feuer zu beseelen schien, war dahin gelangt, unter lebhaften Gesten und höchst eingehend die Anfangsstadien des Tanzunterrichts zu schildern, und währenddessen – wie im Eifer der Rede – aus der Bank hervorgetreten, wobei er sich einen Moment nach dem hinter ihm befindlichen Primus umsah, ohne indessen seinen Vortrag zu unterbrechen.

»Und so bleibt mir denn nach der Schilderung der Figuren und der natürlich nur höchst mangelhaften Beschreibung der Tänze, nur noch übrig – eingedenk der ewiggültigen Worte des Herrn Professors Schollmeyer: › Theorie – ist gar nichts – Praxis alles!‹ Ihnen die drei wichtigsten Tanzarten praktisch vorzuführen. Sie erlauben doch, Herr Professor, da es keiner von den Herren kann?!«

Bei diesen Worten, auf welche unerwartet schrilltönend die Drehorgel einfiel, so daß alle erstaunt sich umwanden, sprang Grellmann auf den wie erstarrt dreinblickenden Schollmeyer zu und ihn schnell und fest gleich einer Dame umfassend, flog er mit dem Ausruf: »Erstens Walzer!« – während die Drehorgel den »Donauwalzer« anstimmte, mit dem Fassungslosen durchs Zimmer, ihn erst nach zweimaligem Umtanz loslassend.

Ein ungeheurer Jubel war nach den ersten Takten losgebrochen. Die schnellbegreifende Klasse sang die Weise des Donauwalzers dröhnend mit.

»Was – unterstehen – Jrellmann, hören Sie,« – keuchte der Professor atemlos. Aber schon hatte ihn Grellmann wieder umfaßt. »Zweitens Polka!« Und von neuem ging, von der Drehorgel und den Brüllstimmen der Sekunda begleitet, trotz allem Sträuben Schollmeyers der Tanz zweimal um das Katheder herum. »Jewalt! – Jrellmann – ich lasse Sie – –«

»Drittens Galopp!« Und wieder flog der Professor unter den Klängen des Düppler-Schanzen-Marsches und vokaler Begleitung seitens der Klasse zweimal die Sekunda entlang! Dann schnappte die Musik plötzlich ab – mit ihr der Gesang und das Gelächter – Grellmann machte eine tiefe Verbeugung und trat in die Bank zurück.

Professor Schollmeyer bot einen beklagenswerten Anblick dar. Die Haare standen ihm buchstäblich zu Berge, er sah sehr rot aus und hielt sich schwindelnd an der Bank fest. »Fritzsche,« wandte er sich nach Atem schnappend, an den Primus, der blitzschnell den Leierkasten weggestellt hatte, »Sie notieren – Jrellmann wejen jroßer Unjebührlichkeit – drei Tage Karzer – drei Tage und das sojleich – – Jrellmann – haben Sie was – zu Ihrer Entschuldijung anzuführen – so sagen Sie es – vielleicht, daß das Unjeheure des Unfugs – etwas gemildert werden möchte – –«

»Allerdings, Herr Professor. Ich beabsichtigte ganz und gar nichts weiter, als erstens mal was ›aus dem Leben zu jreifen‹ und zweitens mal den Stoff gehörig zu ›beleben‹ – weil Sie doch immer sagten – –«

»Fritzsche! Noch drei Tage Karzer! Sechs Tage Karzer!« schrie Schollmeyer. »Fritzsche, schreiben Sie's auf und veranlassen Sie das Nötige jleich – hören Sie, jleich!«

»Jawohl, Herr Professor.«

»Und Sie, Fritzsche, und die Klasse – sollen mit einem Verweis davon kommen. Ich habe es wohl jesehn: Sie haben jeorgelt, Fritzsche – sagen Sie gar nichts! – Jott – was is das für 'ne Jugend heute! Zu meiner Zeit wäre so was nich vorjekommen. Wenigstens is mir kein Fall bekannt, daß ich mit meinem Professor jetanzt hätte! – Und nun lassen Sie uns schließen; mir ist heute die Lust zu Weiterem verjangen . . .«

 

Ende.

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