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Alfanzereien

Georg Bötticher: Alfanzereien - Kapitel 47
Quellenangabe
typepoem
booktitleAlfanzereien
authorGeorg Bötticher
firstpub1899
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAlfanzereien
created20050303
sendergerd.bouillon
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Humoresken.

Nicht mehr Trumpf.

Der Maler Hasenmüller gehörte der »alten Schule« an. Er war kein lumen mundi, kein Rubens oder Dürer, aber er malte nette, freundliche Bilder, die seiner Ansicht entsprachen, daß gemalte Menschen wirkliche Gesichter und ordentliche Gliedmaßen, Bäume aber die ihnen von der Natur zukommende Form und Farbe haben müßten.

Wie erstaunt war er deshalb, als eines schönen Tages – bei Gelegenheit der Eröffnung der großen Kunstausstellung – unversehens die »moderne Malerschule« sich entpuppte und auf allen Wänden des Ausstellungspalastes und fortan in allen Kunstläden Bilder auftauchten, auf denen die Formen und Farben wahre Orgien feierten. Hasenmüller rieb sich wiederholt über Stirn und Augen; da es hierdurch aber nicht anders ward, holte er von seinen Bekannten einen nach den andern herbei und stellte fest, daß es nicht an ihm, sondern an den Bildern liege, wenn ihm der Kopf wirbele, weil ja offenbar ihnen allen diese Malweise unbegreiflich, ja verdreht erschien.

Als aber in den nächsten Jahren der Bilder mit grünen Menschen, feuerroten Bäumen und blauen Wolken immer mehr wurden, dann die »Punktierer« auftraten, die alles Unpunktierte für Blödsinn erklärten, und schließlich die Symbolisten, Allegoristen und Mystiker mit Bildern anrückten, auf denen besonders jede Verzeichnung von tiefster symbolischer, allegorischer oder mystischer Bedeutung war – da fing unsern Freund Hasenmüller an zu schwindeln und er mußte in Ausflugslokalen von guten Freunden gehalten werden, weil er sonst sich auf diese Art Bilder gestürzt und sie als niederträchtige Ursache seiner Beklemmungen vernichtet haben würde. Nach und nach aber wurden diese neuen Bilder mehr und mehr und schließlich Bilder der »alten Schule« gar nicht mehr gekauft, wie ja die Kunstbegeisterung und das Kunstverständnis der Menge stets von einigen »Vorgeschrittenen« suggeriert zu werden pflegt. So kam's, daß Freund Hasenmüller keins seiner netten, freundlichen Bilder mehr los werden konnte und zuguterletzt unter einer stattlichen Anzahl derselben feiernd in seinem Atelier saß. Dies war ihm als Familienvater denn doch außerm Spaß. Und da erwachte in ihm das bisher nie verspürte Verlangen, auch so zu malen, wie die »Neuen,« die ihre Bilder im Handumdrehen verkauften. Es konnte schließlich doch nicht eben schwer sein. Man brauchte es ja nur möglichst umgekehrt zu machen wie bisher – bei rechtem Willen war das sicher eine Kleinigkeit. Aber siehe da! Jetzt, da er's versuchte, wollte sich das Ding durchaus nicht machen, und Freund Hasenmüller mußte sich gestehen, daß auch die Verdrehtheit gelernt werden müsse, wenn sie nicht eben, wie bei manchen Malern, ein Geschenk des Himmels, eine höhere Eingebung war. Und Hasenmüller fing an, sich eingehend mit dem Studium derselben zu befassen; denn sein Familienvatergewissen hielt ihm dies als eine unerläßliche Notwendigkeit vor.

Nach einigen Wochen angestrengter Arbeit konnte er denn auch in seinem Klub, der nur aus Leuten der »alten Schule« bestand, eine Anzahl Entwürfe vorlegen, die ihm die Äußerung des Präsidenten eintrugen: »Hasenmüller scheint nun auch verrückt zu werden.« O, wie ihn das freute! Denn nun schien er ja endlich auf dem richtigen Wege zu sein. Von den Entwürfen wählte er die drei verzwicktesten aus und machte sich alsbald eifrig darüber, sie für die nahende große Kunstausstellung auszuführen.

Alles ging nach Wunsch. Die drei Bilder wurden rechtzeitig fertig und erhielten einen ganz vortrefflichen Platz. Aber, o der Enttäuschung! Weder ein Preis fiel ihnen zu, noch stellte sich ein Käufer oder auch nur ein Liebhaber für sie ein. Hasenmüller war wie vom Donner gerührt. Er stand vor einem Unbegreiflichen. Und eines Tages konnte er sich nicht enthalten, den ihm zwar nur von Ansehen bekannten Dr. Schripps, den einflußreichsten Kunstkritiker der Residenz, dem er gerade vor seinen Bildern begegnete, anzusprechen und über die höchst unbegreifliche Gleichgültigkeit der Kritik und des Publikums zur Rede zu stellen. »Fehlt's diesen Bildern in Stoff wie Behandlung an Originalität?« rief er in Verzweiflung. »Sagen Sie selbst: Haben Sie solche violette Gesichter, solchen eidottergelben Bach in solch blauen Wiesen jemals in Kunst und Natur gesehen? Wenn überhaupt, so hätte ich gedacht, hier wäre das Seltsamste und Neueste geleistet. Ich habe fast rein komplementäre Farben angewandt und alle Werte – so sagt man ja wohl? – total ›umgewertet‹. Und nun dieser Mißerfolg. Die Bilder scheinen gar nicht aufzufallen?«

Der Dr. Schripps betrachtete den erregten Maler mitleidsvoll. »Es ist wahr – diese Bilder sind phänomenal-verrückt! Ich sage das natürlich im lobenden Sinne – für Eigenart! Aber das ist eben Ihr Pech, lieber Meister. Nämlich: Verrückt ist nicht mehr Trumpf!«

»So –« stotterte Hasenmüller erbleichend – »und seit wann denn?«

»Eben seit der Eröffnung dieser Ausstellung. Ich bin erstaunt, daß Ihnen dies entgangen sein sollte. Der große Luggi, einer der ›Führer‹ der Modernen, auf dessen Menschendarstellungen bisher immer einige Beine oder Arme entweder fehlten oder zu viel waren, hat diesmal die – unleugbar glückliche – Idee gehabt, einen Menschen mit zwei Beinen und zwei Armen zu malen, an denen sogar alle zehn Finger (und nicht mehr) zu erkennen sind. Natürlich sprach sich das bald in den Ateliers herum, und so kam es, daß gleichzeitig hunderte von Malern die diesmalige Ausstellung mit sogenannten ›Normalmenschen‹ beschickten. Dadurch erhielt die bisherige Richtung den Todesstoß. Verrückt ist nicht mehr Trumpf – wie gesagt. Schade, lieber Meister, denn sonst hätte Ihnen ein Hauptpreis allerdings nicht entgehen können.«

So sprach der Dr. Schripps. Hasenmüller aber wanderte verstört nach Hause und – hing sich auf. Auf einem am Boden liegenden Zettel war die Selbstmordursache angegeben. Am Schlusse hieß es: ». . . Da es mir doch unmöglich wäre, die Bäume wieder grün zu malen, nachdem ich einmal ins Rote übergegangen . . .«

Armer Hasenmüller! Wenn er noch gewartet hätte, würde er gesehen haben, daß die Herren noch gar oft rot mit grün und grün mit rot zu tauschen unternahmen und dies sicherlich noch manchmal thun werden, ohne sich dadurch im mindesten bedrückt zu fühlen.

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