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Alfanzereien

Georg Bötticher: Alfanzereien - Kapitel 44
Quellenangabe
typepoem
booktitleAlfanzereien
authorGeorg Bötticher
firstpub1899
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAlfanzereien
created20050303
sendergerd.bouillon
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Die Kölner Straßenbahn.

(Auf kurzen Touren dieser Bahn zu singen; für längere reicht es nicht.)

                  O Götterlust zu fahren
Die Kölner Straßenbahnentour:
Ich glaub', nach fünfzig Jahren
Gedenkt's, wer einmal fuhr!

Nach einer ihr verwandten
Schaust du vergeblich um und um:
Sie ist in deutschen Landen
Fürwahr ein Unikum!

Und wird's auch nie gelingen,
Gerecht zu werden völlig ihr:
Versuch' ich's doch zu singen
Von diesem Wundertier!

Nur, wird die Sache länglich,
Bei Gott, dann ist's nicht meine Schuld:
Bewaffne sich, wer bänglich,
Mit heiliger Geduld!

Sonst wohl versprechen Bahnen
Mehr als sie halten – diese nicht:
Sie hält – wer sollt' es ahnen –
Weit mehr als sie verspricht!

Nicht nur in nöt'gen Fällen
Hält sie, wie's andrer Bahnen Art:
Quod non! Aus Haltestellen
Besteht die ganze Fahrt!

Man steigt in ihren Wagen,
Der Schaffner fragt, wohin man will:
Noch eh' du's ihm kannst sagen –
Hält sie schon wieder still!

Kaum ist sie jetzt erbötig
Zur Weiterfahrt, die gute Bahn!
Da – hat das Pferd was nötig . . .
Racks – hält sie wieder an!

Geschehen ist der Wille
Des Pferds. Die Fahrt kann weiter gehn –
Da – hält sie wieder stille:
Die Peitsche, die blieb stehn!

Die Peitsche fand sich glücklich . . .
Da hält sie wieder an im Gang:
Ein Mann steigt auf, der dicklich –
Es dauert gar nicht lang!

Und weiter geht der Wagen . . .
Was hemmt von neuem seinen Lauf?
Drei Weiber stehn und fragen
Und – steigen dann nicht auf!

Halt! – Auf dem Schienenstege
Ist eine Klafter Holz zu sehn.
Man schafft es aus dem Wege . . .
Wie bald ist das geschehn!

Nun heißt sich's aber sputen . . .
Was liegt da wieder? Heil'ger Gott –
Ein Pferd! – Kaum fünf Minuten –
Schon ist man wieder flott!

So schleppt euch das Vehikel
Zu Haltestellen ohne Zahl:
Man hält für seinen Nickel
Wohl mehr wie hundertmal!

Nun, denkt ihr, geht ein Klagen
Und Schimpfen los! Ja, meiner Seel',
Das Gegenteil: im Wagen
Ist alles kreuzfidel!

Da giebt es kein Gegrübel,
Weshalb er und so lange steht,
Und keiner nimmt es übel,
Daß man viel schneller geht!

Nein, alle, sie entschuld'gen
Die Bahn, die freundlichen Gesell'n:
Nie sah ich der Geduld'gen
So viele wie in Köln!

Singt einst man das Tedeum
Der Bahn – noch wird's ja nicht geschehn –
So hoff' ich, das Museum
Läßt sie sich nicht entgehn.

Dann stehn dort – Köln zur Ehre –
Der Wagen zweie oder drei
Und ein'ge Kondukteure,
Wohl ausgestopft, dabei!

Für der Besucher Scharen
Als Aufschrift drüber sich empfiehlt:
»Fuhr in den neunz'ger Jahren,
(Das heißt, wenn sie nicht hielt!!«)

Das zwanzigste Jahrhundert
Staunt Wagen dann und Schaffner an
Und alles fragt verwundert:
Gab's wirklich solche Bahn?

Heut' freilich schwärmt entschieden
Ganz Köln für sie und grollte ihr
Und wäre unzufrieden,
Wenn sie was schneller führ'!

Ja, fährt sie nachts die Strecken
Im Trab, dann bleibt der Kölner stehn
Und murmelt voller Schrecken:
Die rast mal wieder schön!

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