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Alfanzereien

Georg Bötticher: Alfanzereien - Kapitel 22
Quellenangabe
typepoem
booktitleAlfanzereien
authorGeorg Bötticher
firstpub1899
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAlfanzereien
created20050303
sendergerd.bouillon
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Karlsbader Salz.

1. Die Ärzte.
               

Motto:
Die älteste Wissenschaft.

Den Titel hat die Medizin erworben,
Denn seit es Menschen giebt, sind sie – gestorben.
Unbillig.
Der du vom Arzt verlangst, er soll dein Leiden
Beseit'gen ganz – du handelst unbedacht:
Er ist kein Gott! Sei auch nicht unbescheiden.
Schon viel ist's, wenn er dich – nicht kränker macht.
Konsultationen.
Ist deine Leber, wie der Arzt vermeint,
Zu groß – verzweifle nicht, du bist zu retten:
Du findest – zehn ist gegen eins zu wetten –
'nen andern Arzt, dem sie zu klein erscheint.
Kurexcesse.
Exzesse, lieber Sohn, das merke fein:
Die werden nicht nur nie zu meiden sein,
Sie sind auch, wie der Arzt – zwar nicht erklärt – –
Zur Fortsetzung der Kur höchst wünschenswert.
Ärztliche Hilfe.
Wenn ihr nur etwas flau, nicht eben krank seid,
Nur schnell zum Arzt, verehrte Herrn und Damen:
Er hilft – euch zu 'ner ordentlichen Krankheit
Und der zu einem neuen hübschen Namen.
Reunion.
Dem Arzte wirst du leicht, o Karlsbad, überdrüssig!
Es heilt der Quell, es heilt die gute Speise,
Die Luft, sie heilt – der Arzt scheint überflüssig:
Da kommt die Reunion – und alles ist im Gleise
Buttergenuß.
Was man für unvorsicht'ge Leute trifft!
Ein jeder Kurgast weiß, daß Butter – Gift.
Heut' starb ein Mann, der eben noch gelesen.
Ein Butterfleck war im Journal gewesen!

 
2. Die Kurgäste.

Motto:

Ohne Arzt gesunden – mit Vergunst –
Ist gemein, denn das ist keine Kunst.
Kreislauf.
Es weckt die Kur horrenden Appetit uns,
Man schwelgt in Kipfeln und dies nötigt leider
Zu neuer Kur und deren Wirkung zieht uns
Zu »Mannl« wied'rum und – so geht es weiter!
Karlsbader Gebäck.

1.

Die Quellen könnten wir zur Not entbehren.
Wenn aber Mannl und Pittroff nicht wären!
2.
Ja, göttlich ist der Sprudel. Doch der Gipfel
Des Göttlichsten in Karlsbad ist – der Kipfel.
Kurgasts Appetit.

1.

Böt' Gott 'nem Kurgast vor dem Frühstück mal
»Die ew'ge Seligkeit« und eine »rote Düte«
Mit dem Beding: für immer gilt die Wahl
Mir wär' nicht zweifelhaft, wofür sich der entschiede!
2.
Man glaubt dir, daß du einen Leu bezwungen,
'nen Tiger, dessen Tatzen dich umkrallten –
Eins aber glaubt man nicht: daß dir's gelungen,
'nen Kurgast je vom Frühstück abzuhalten!
3.
Der Kurgast wird hier sichtbarlich gesund,
Die Heilkunst treibt hier eine Wunderblüte:
Ich, als ich kam, wog sechsundneunzig Pfund,
Tags drauf schon hundert (mit der Frühstücksdüte!).
Kurgasts Abendphantasie.
Halb zehn Uhr strebt der Gast dem Hause zu,
Beschaut ein letztes Mal der Berge Gipfel.
Dann legt er sich erwartungsfroh zur Ruh'
Und träumt von – einer Düte frischer Kipfel.
Die »roten Düten«.

1.

Ganz kleine giebt's, die sich verschämt verstecken,
Und andre riesengroß, gleich Maltersäcken.
In zehn Minuten sind sie all' geleert
Ist jemals eine voll zurückgekehrt?!
2.
O diese Düte! Wie ein Kind man hegt
Und zärtlich-liebevoll im Arme trägt,
So hält man sie mit rührend-ernstem Anteil –
Ist sie doch von der Kur der Hauptbestandteil!
3.
Mit der geliebten »Roten« auf dem Arm
Wandelnden Blumen gleicht der Gäste Schwarm.
Und wundersam: die zartesten der Blüten
Sie tragen meist die umfangreichsten Düten!
4.
Begegne solcher Riesendüte ich
Auf einer Dame Arm – stets frag' ich mich:
Wie klein, wie niedlich ist ein solcher Magen –
Und wieviel Kilo kann er doch vertragen!

 
3. Das Dienstpersonal.

Die Kellner.

1.

Die Frage wird wohl ewig offen bleiben,
Wie weit sie immer das Ergründen treiben:
Schuf Gott die Kellner auf der »alten Wiese«
Des Gastes wegen? Oder den für diese?
2.
Wie sie sich zärtlich an den Fremden hängen,
Um kleine Angedenken von ihm drängen –
Die Liebe zu dem Gast ist ungeheuer.
Und auch dem Gaste werden sie – so teuer!
Karlsbader Trinkgelder.
Wer hier stirbt, dem passiert es, glaub' ich, leicht,
Daß er, wenn ihm der Engel der Versöhnung
Den Himmel öffnet, dem ein Trinkgeld reicht –
Aus purer, lieber, guter Angewöhnung.
Die Kellnerinnen.

1.

Die Wirte leitete nur der Gedanke,
Zu sorgen, daß der leicht erregte Kranke
Verführungsmöglichkeiten sei entrückt.
O Gott – wie sehr ist ihnen das geglückt!
2.
Mir bangte erst vor Karlsbads Kellnerinnen.
Den Aufruhr sah ich schon von meinen Sinnen.
Wie unrecht that ich doch euch guten Mädchen:
Nein, ihr könnt keines Menschen Frieden schäd'gen.
3.
Ihr Trefflichen, von Schönheit unbeirrt,
Mit keinem Reiz sucht ihr uns anzuketten.
Der Sünder, der bei euch kein Heil'ger wird,
Der Unglückselige ist nicht zu retten!
Gasthauspreise.

1.

Scheck und Erregung schaden sehr,
Besonders während dem Speisen.
Drum iß erst gut und trink noch mehr
Und dann erst – sieh nach den Preisen!
2.
Und scheidest du aus 'nem Hotel,
Vorher 'ne Flasche Weins bestell':
Du möchtest bei nüchternem Magen
Die Rechnung nicht ertragen!

 
4. Örtliches.

Vor dem Goethe-Denkmal.

Du, der erschlossen uns der Schönheit Pforten,
Verhängnisvoll ist Karlsbad dir geworden:
Einst hat manch Weib hier dir den Kopf verrückt.
Nun ist dies Kunststück auch der Kunst geglückt.
Zweierlei Lesarten.
Ward geist'ge Anregung in Karlsbad dir,
So lies'st du stolz: Auch Goethe war einst hier.
Langweiltest du dich aber, wirst du lesen:
Der große Goethe, er ist hier gewesen.
Am Quell.
Was manche Leute unverfroren lügen!
Jüngst zeigte mir ein Herr mit weißen Haaren
Der Brunnenmädchen eins, und Wehmut in den Zügen
Sprach er: die kenn' ich nun seit 45 Jahren!
Der alte Badegeck.
Ein Kunstprodukt bis auf die Haut und Rippen,
Ein süßlich Lächeln auf geschminkten Lippen,
So tänzelt er, als wandelnde Pomade
Die Luft verpestend, auf der Promenade.
Die ewigen »Gelben.«.
Gleichwie das Beefsteak Nord- und Mitteldeutschlands
Die unvermeidliche Kartoffel ziert,
So wird der Gigerl hier zum ersten Frühstück
Nie ohne »gelbe Rose« uns serviert.
Bei 0 Grad.

1.

Aus der Natur strebt jeder heut' zu flüchten:
Der ins Café, ein anderer nach Hause.
Der Dichter auch, er eilt in seine Klause,
Um sich vor allem etwas warm zu dichten.
2.
Die Damen tragen Schleier an den Hüten
Und Pelze auf den Musselines und Gazen,
Die Herren aber größre Frühstücksdüten
Und statt der Rosen – rosenrote Nasen.
Die Tombola bei Nullpunkt im Freien.
Höchst sinnreich wirklich ist der Mechanismus
Von diesem Spiel. Ganz leer geht keiner aus.
Für jeden kommt etwas dabei heraus:
Wenn kein Gewinst – so doch ein Rheumatismus!
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