Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jakob Wassermann >

Alexander in Babylon

Jakob Wassermann: Alexander in Babylon - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleAlexander in Babylon
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
year1986
isbn3-373-00056-4
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060426
projectid757641c2
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel

Babylon

Durch die regnichte Finsternis der Rabenstraße, ganz im Westen der rechtsufrigen Stadt, ging langsam Arrhidäos und wandte sich nach manchem unschlüssigen Stillstehen in die Richtung gegen den Euphrat. Kein einziges Haus war beleuchtet, aus keinem Tor schimmerte Licht. Sonst waren auch in tiefer Nacht hier immer viele Leute zu treffen, heute war kein Mensch zu sehen.

Nach einer Weile hörte er durcheinanderredende Stimmen. Eine lärmende Schar näherte sich auf der andern Seite der breiten Straße. Es waren böotische Söldner, sie rannten wie gejagt, ihre Schuhe klapperten auf dem Pflaster, ihre Schwerter klirrten beim Lauf gegen die Beinschienen.

»Rhibton hat sein Pferd zuschanden geritten«, sagte einer von ihnen keuchend.

»Wann soll es gewesen sein?« ein anderer.

»Was wird nun werden!« rief ein dritter.

Und vorüber waren sie wie der Sturmwind.

Arrhidäos blickte ihnen nach. Er schüttelte den Kopf. Er glaubte es nicht, daß Alexander gestorben sei. Mißtrauisch hatte er die allgemeine Erregung der letzten Tage an sich vorübergehen lassen. Er hielt alles für eine geheimnisvolle Finte. Vielleicht wollte Alexander die Treue seiner Freunde und Soldaten auf die Probe stellen oder das Maß ihrer Trauer kennenlernen.

Und doch, wenn es wahr wäre! Arrhidäos blieb stehen und griff mit allen zehn Fingern in sein lang herabhängendes Haar. Wenn es wahr wäre! Dann konnte es vielleicht geschehen, daß das Unaussprechliche, das Unausträumbare Wort und Form gewänne. Vor dieser Schwelle standen die Gedanken still. Eine rätselhafte Bangigkeit kam über Arrhidäos. Zweifel und Zuversicht bekämpften sich in seinem Innern, und chaotische Visionen lösten sich los, aber wie sonderbar, daß er sich in ihnen nur als Verfolgten und Beleidigten sah und daß er das Bewußtsein der Kraft und des Genius immer als Wunde in der Brust trug.

Er ging über die Euphratbrücke und durch die Königstraße. Beim großen Sonnenobelisk begegneten ihm königliche Edelknaben, etwa zwanzig oder fünfundzwanzig. Stumm, langsam, dumpf, barhäuptig, gespensterhaft wandelten sie vorbei. Ein paar hundert Schritte, und die Mauern des Palastes tauchten auf. Arrhidäos sah nichts als eine schwarze Masse zahlloser Menschen. Vollständige Dunkelheit herrschte, keine Fackel, kein Flammenhaufen brannte. Nur ostwärts am Kanal loderten ein paar trübe Lichter, die den herunterrieselnden Regen aufblitzen ließen.

Unbekümmert drängte sich Arrhidäos durch die Haufen der Söldner. Ihre bleierne Ruhe hatte etwas Herzzusammenschnürendes. Viele hatten die Lanze aufgestützt und den Kopf zwischen die Arme gewühlt. Viele kauerten auf der Erde und achteten der Regennässe nicht.

Nach langem Bemühen kam Arrhidäos in den ersten Palasthof. Hier standen makedonische Hauptleute in lautlosem Schweigen. Hallen, Gänge, Vorgemächer und Treppen, alles war voll von Männern, alle unbeweglich und schweigend. So wirkte das Ereignis auf die Menschen, daß ihr Gemüt nicht fähig war, es auf einmal zu erfassen; sie mußten Gedanken, Ahnungen, Erinnerungen und die dumpfe Tiernatur zu Hilfe nehmen, um es ganz zu begreifen.

Da er eine Zeitlang weder vorwärts- noch zurückgehen konnte, mußte Arrhidäos, eingekeilt in die Masse, der furchtbaren Stille lauschen, die eine Art Schwirren in der Luft hervorbrachte. Der warme Atem der hinter ihm Stehenden berührte seinen Nacken.

In diesem Augenblick begann er, durch irgend etwas Ungreifbares überzeugt, an Alexanders Tod zu glauben. Er lächelte wild in sich hinein. Zugleich erhob sich sein Geist wie auf Flügeln, und ein Rausch des Selbstvertrauens trieb Tränen der Beseligung in seine Augen.

Aber wohin nun? Wem sich zeigen? Wem eröffnen? Schweigen! Schweigen und warten! Er, der jedes fremde Verdienst auf den Nacken des Zufalls lud, erwartete alles eigene Glück von einem Ungefähr.

Alsbald ergriff ihn eine abergläubische Furcht vor dem Gedanken, Alexanders Leiche sehen zu müssen. Es gelang ihm, einen mit Teppichen verhängten Seitenausgang zu erreichen, und er kam zu einer hölzernen Treppe. Auf allen vieren, mit den Beinen voraus, kroch er Stufe um Stufe hinab und befand sich alsbald in einem schmalen Gang, der in die Nebenhöfe und in die Gärten führte.

Es war schon Tag, trüber, regnerischer Tag. Unter einem Säulenbogen legte er sich ermattet auf eine Bank und schlief ein. Als er erwachte, begann er sein zweckloses, aber von einer tiefen Erregung beschwingtes Herumstreifen aufs neue. Park und Höfe, alles war voll Soldaten. Er wollte in den Palast zurückkehren, aber die Wachen stießen ihn beiseite. Es durfte niemand mehr hinein. Eine Abteilung der Edelscharen hatte den Auftrag, alle andern Söldner aus den Vorhöfen zu vertreiben. Die Führer des Fußvolks traten den Edelscharen entgegen und hielten ihnen in leidenschaftlichen Worten ihre überflüssige Feindseligkeit vor. Die Rundschildner bereiteten sich zum Kampf.

»Alles Blut auf Perdikkas!« schrie eine Stimme.

Kriegerische Gesänge ertönten. Die neu anmarschierenden Truppen waren bis an die Zähne bewaffnet.

Halb erschreckt, halb entflammt, nicht wissend, wohin er sich wenden sollte, wanderte Arrhidäos am hohen Kanalufer entlang, kehrte wieder um und ging, ohne es zu bemerken, denselben Weg drei- oder viermal. Ein Reitertrupp sprengte vorüber. Vor dem Nergaltempel standen vornehme junge Babylonier und flüsterten. Aus ihrem friedlichen Müßiggang aufgeschreckt, beobachteten sie mit Spannung das unheimliche Treiben in der Stadt. Die Häuser waren verschlossen und verrammelt. Ein Wagen, mit Frauen und Kindern beladen, von langgehörnten Ochsen gezogen, fuhr gegen Borsippa. Am jenseitigen Ufer des Kanals tauchte ein griechischer Soldat auf und rief irgend jemand zu, daß im Susaviertel eine Feuersbrunst ausgebrochen sei, chorasmische Söldner hätten den Brand gelegt.

In seiner fieberhaften Träumerei gelangte Arrhidäos zu einem weitgestreckten Gebäude, aus dessen Innern ein schwermütiger Gesang von Frauenstimmen erschallte; es war eine Teppichfabrik, die Sklavinnen sangen zur Webearbeit. Unten im Wasser wuschen Frauen weiße Gewänder.

Arrhidäos lehnte sich an den Sockel einer verwitterten Statue. Mit welcher Tat beginnen? dachte er. Allzu groß erschien ihm die Welt, allzu viele Wege hatte sie. Welchen wählen? Er wäre fähig gewesen, sein Leben zu opfern, aber wann, bei welcher Gelegenheit? Sollte er durch die Stadt rennen, um sich anzupreisen? Er hatte keinen Freund, keinen Gefährten, keinen Anhänger.

Der Abend senkte sich herab. Meereswind hatte den Himmel rein gefegt, und der Halbmond trat aus zarter Nebelhülle hervor. Es erschallte Lärm und Geschrei. Fackelschein überflutete die Straße. Es waren Söldner, die vor den Mauern wohnten. Dicht an Arrhidäos stürmten die ersten vorbei. Da ergriff es ihn. Ohne sich zu besinnen, stürzte er sich in die Schar und eilte mit ihnen weiter und zog das Schwert und schrie mit ihnen drauflos: »Nieder mit Perdikkas! Tod den Edelscharen!«

Ein kleiner dicker Mensch mit gedunsenem bartlosem Gesicht fragte ihn, wer er sei. »Ich bin Arrhidäos, Philipps Sohn, Alexanders Bruder«, erwiderte er mit blitzenden Augen.

Der Soldat erstarrte vor Staunen. »Philipps Sohn!« heulte er. »Hört, Kameraden, hört doch, Jason! Iphrikates! Thrasondas! Hört nur, dies ist Philipps Sohn, König Philipps Sohn!«

Ein betäubender Tumult entstand. Arrhidäos vergingen die Sinne. Zwanzig Fäuste packten ihn, hoben ihn empor. Unter fortwährendem Freudengebrüll wurde er weitergetragen. Andere Makedonier kamen. Philipps Sohn! Das Wort war unwiderstehlich. Viele hörten zum erstenmal, daß es im Heer, in Babylon einen Sohn Philipps gäbe. Sie fragten nicht lang, sie begnügten sich mit der Tatsache, mit ihrer Begeisterung, mit dem Jubel der andern. Sie waren froh, einen Namen zu haben. Die Silberschildner zogen Arrhidäos in ihre Mitte. Unter tosendem Triumphgeheul wurde beschlossen, den Palast noch in der Nacht zu stürmen.

Arrhidäos vermochte nichts mehr zu unterscheiden, keine Stimme, kein Gesicht. Er nahm wahr, daß sich etwas Ungeheures mit ihm ereignet habe. Er zitterte unaufhörlich.

Es entstand eine vorwärts drängende Bewegung. Flammenschein durchzuckte die Nacht. Ein donnerähnliches Dröhnen erschallte; mit gefällten Baumstämmen stießen die Fußsoldaten gegen die Palasttore. Perdikkas kam auf die Mauer und wollte sprechen. Er wurde überschrien, der Name Arrhidäos wurde ihm entgegengebrüllt. Durch ein zerschmettertes Tor stürzten die Silberschildner in den Palast. Die Edelscharen stellten sich ihnen entgegen, es kam zum Kampf, es floß Blut, man hörte das Röcheln der Sterbenden. Perdikkas sah ein, daß er der Übermacht nicht gewachsen war, und gab den Befehl zum Rückzug. Die Edelscharen räumten den Palast. Nun stürmten die Silberschildner in das Sterbezimmer Alexanders, um das Diadem für Arrhidäos zu holen. Seleukos verweigerte es ihnen, er warf sich ihnen mit der Schar der königlichen Knaben entgegen und verschaffte damit dem Perdikkas Zeit zur Flucht. Bald war der Raum, wo Alexander lag, mit Blut bespritzt. Die Leichen schöner Knaben kauerten ihm zu Füßen, und ein Sonnenstrahl beschien seine ausgestreckte gelbe Hand.

In der Nacht schickte Eumenes, der die Besonnenen und Gemäßigten um sich versammelt hatte, Boten in den Palast. Sie wurden von den wütenden Silberschildnern niedergemacht. Perdikkas hatte sich nach Borsippa geworfen, Ptolemäos war mit viertausend Mann, die nur ihm allein folgen wollten, vor das Ischtartor gezogen. Jede Stunde kam es in den Straßen zu erbitterten Kämpfen. Aus den Gefängnissen Babylons brachen die Sträflinge aus, die zum Frondienst bestimmten Arbeiter versagten den Gehorsam, die unermeßliche Menge von Sklaven, die das Heer mit sich führte, wurde vom Geist des Aufruhrs ergriffen. Geheimnisvolle Mordtaten ereigneten sich, und den Kühnsten befiel die Angst vor einem schmählichen Tod aus Meuchlerhand. Feindschaften brachen aus, deren Wut ansteckend war wie die Hundskrankheit. Jetzt erst schien Babylon aus tückischem Schlaf zu erwachen; aus seinen Schlupfwinkeln spie es den Auswurf der Menschheit hervor: Flüchtlinge, ausgewiesene Verbrecher, Abenteurer und Schwindler; entlaufene Sklaven, die ihre Herren bestohlen hatten und, was sie besaßen, in einer einzigen Nacht mit den Söldnern verpraßten, Leute, die keine Heimat auf dem bewohnten Erdkreis hatten und die für jede Schurkerei um wenig Geld zu erkaufen waren. Im Tempel der Astarte wurden unzüchtige Feste gefeiert, und über hingeschlachteten Menschenopfern erhob sich der scheußliche Taumel. Priester zogen durch die Straßen und verkündeten das Ende der Welt.

Arrhidäos fand keinen Schlaf und keine Ruhe mehr. Oft verlangte ihn nach einer Stunde des Alleinseins, aber immer neue Menschen kamen mit immer neuen Nachrichten. Leute, deren Namen und Gesichter er noch vor wenigen Tagen gekannt, schienen ihm jetzt fremd. Er mißtraute ihrem Tun und Denken, er beargwöhnte sie, wenn sie sprachen und wenn sie schwiegen, es zwang ihn, den Horcher zu machen, wenn sie flüsternd in den Ecken standen. Wenn ein Perser ehrfürchtig vor ihm niederkniete, kitzelte es ihn, über seinen Körper hinwegzuschreiten oder sich über seine andächtige Miene lustig zu machen. Die Fülle der Geschäfte benahm ihm Atem und Besinnung. Es wurde ihm schwer, Freundeswort und Feindeswort zu unterscheiden. Mit wachen Augen träumte er blutige Träume. Die Zeit ist aus der Bahn gelaufen, seufzte er vor sich hin, und er fürchtete um seinen Verstand, wenn all die Unheilsbotschaften eintrafen, Aufstand und Verrat und Mord und dumpfe Gärung in allen Teilen der Welt, wenn er auf die Straße sah und unvermutet eine Leiche zu seinen Füßen sah. Der ganze Erdkreis schien zu fiebern. Alle Gemüter waren entbrannt in Haß, Gram, Sorge und Zwietracht. Wenn er des Nachts auf die Terrasse trat, war der Himmel purpurrot von Feuersbrünsten. Auf seine Fragen erhielt er ungenügenden Bescheid. Man brachte geschickte Schmeichler in seine Nähe, die sein Urteil abstumpfen sollten, man verheimlichte ihm wichtige Ereignisse und verstrickte ihn in bedeutungslose. Seine Befehle wurden umgangen, und wenn sie ausgeführt wurden, demütigte man ihn durch seine Irrtümer. Er hatte nicht die Kraft, das hinterlistige Gewebe zu lösen, in dem sie ihn fingen, er hatte nicht den Mut, ohne ihren Rat zu handeln, verlor den Zusammenhang des Geschehens, widersprach sich selbst, war unsicher; gequält, zur falschen Zeit unbeugsam und zur falschen Zeit willfährig. Er verurteilte Perdikkas als Verräter zum Tode und bemerkte bald, daß man ihn darüber auslachte. Seine Vorsätze waren unfruchtbar, seine Tatkraft verrauchte in einem kurzen Anfall. Überall gingen Dinge vor, die ihren eigenen Weg nahmen, und er sah sich unfähig, sie aufzuhalten oder einen anderen Weg zu lenken. Es war ihm zumute, als würde er von einer gewaltigen Wasserwoge fortgespült, ohne daß er Zeit hatte, sich zu besinnen. Oft drängte es ihn, irgend etwas zu befehlen, und schließlich befahl er, daß man ihm zu essen bringe, obwohl er nicht im geringsten hungrig war. Er sagte sich, die ungestüme Flut des neuen Lebens lähme vielleicht seinen Willen, und er vertröstete sich auf andere Tage. Eine seltsame Angst vor den ruhigen, düstern und entschlossenen Gesichtern ringsherum schnürte ihm die Brust zusammen. Die Nähe so vieler Menschen, die ihn beobachteten, war ihm unbequem. Mit verhängten Blicken schritt er zwischen ihnen hindurch. Seine Seele wurde bang und irre. Alles schien entflohen, was er ehedem besessen, verdorrt seine Phantasie, vernichtet die Freudigkeit zur Tat, verschwunden das Selbstvertrauen. Er wagte keinen Schritt mehr zu machen aus Furcht, daß es ein falscher sein könne, kein Wort mehr zu sprechen, aus Furcht vor Mißdeutung und Spott. Die Blicke und Mienen um ihn her wurden immer finsterer und verächtlicher, und als eines Tages Perdikkas als Herr von Babylon und erster Beamter des Reiches in den Palast einzog, war er es, der König, der die Nachricht zuletzt erfuhr und sie verwundert hinnahm.

Nach einem von schmerzlichen Träumen erfüllten Schlaf erhob sich Arrhidäos noch vor Mitternacht, opferte und wandte sich mit einem wünschevollen, endlosen Gebet an die Gottheit. Eine solche Verzweiflung war in ihm, daß er wie ein Kind weinte und schluchzte. Als er dann in den Säulengang hinaustrat, hörte er verworrenes Geschrei und Getöse. Er ging weiter, dem Licht auftauchender Fackeln entgegen, und sah Sklaven und Verschnittene und Söldner und in ihrer Mitte zwei persische Fürsten. Und als er näher kam, gewahrte er noch ein am Boden kauerndes Weib. Sie hatte flehentlich die Hände erhoben und bettelte um ihr Leben. Es war Stateira. Der Schleier war ihr vom Gesicht gerissen worden, die Gewänder vom Leib. Ihre Augen schwammen in Tränen. Die persischen Fürsten standen mit bloßen Schwertern neben ihr, um sie zu verteidigen. »Sie muß sterben, Roxane hat es befohlen«, sagte einer der Söldner. Und im Nu, schnell wie ein Dämon, sprang einer der Verschnittenen hinzu, packte die unglückliche Frau bei den Haaren, riß den Kopf zurück und durchschnitt ihr mit einem Messer die Kehle. Lautlos brach sie zusammen, der weit spritzende Blutstrahl kam bis zu Arrhidäos und benetzte seinen Fuß.

Im selben Augenblick erschien Roxane. Sie trug selbst eine Fackel. Ihre hohe Gestalt, der Anblick ihrer Schwangerschaft, ihr grauenhaft finsteres und unbewegliches Gesicht verursachten ein jähes Schweigen, das erst durch einen langen Weheschrei unterbrochen wurde. Arrhidäos war es, der schrie, er stürzte nieder, Schaum trat vor seinen Mund, seine Glieder verrenkten sich, zuckten, es war sein Anfall. Man hob ihn auf und trug ihn in das Schlafgemach, wo er sich allmählich beruhigte und in Schlummer sank.

Am Morgen erhob er sich mit schwerem Kopf und schwerem Herzen. Er wies alle Frager von sich ab und ging von Raum zu Raum, bis er kein menschliches Gesicht mehr sah und keine Stimme sein Ohr mehr traf. Er kauerte sich in einen Winkel, zog in plötzlicher Eingebung die Flöte, die er stets bei sich zu tragen pflegte, aus dem Gewand und fing an, selbstvergessen, von allen andern vergessen, vor sich hin zu spielen.

Es klang wie die Stimme eines Vogels, leise und dünn, zikadenhaft vibrierend. Dann schwollen die Töne an und gewannen an Tiefe und Umfang, und es war, als schritte ein Sänger langsam von Wolkenhöhen herab, Stufe für Stufe, und nähme den Schmerz der Erde in sich auf in dem Maß, wie er sich der Erde näherte. Schwer und lallend klang das dunkle Lied, manchmal trillernd wie das erste Lachen eines Kindes, aber bald deckten Wehmut und Trauer alles wieder zu. Aus keinem Menschenmund war je ein so kummervoller Ton gekommen.

Ein echter Künstler spielte das.

Als Arrhidäos aufgehört hatte, blieb er regungslos in der tiefen Stille sitzen. Ein nie gekanntes Gefühl erwachte in ihm und rang sich aus dem widerwilligen Innern los: Bewunderung für Alexander. Gereinigt und feierlich gestimmt durch die Einsamkeit und die Hingebung seiner Seele an die Musik, ahnte er jetzt, welch ein Mensch mit Alexander hingegangen sei. Gleich darauf schlug er erschrocken die Hände zusammen und starrte auf einen einzigen Punkt in der Luft, als ob er dort das Schauspiel seines eigenen Untergangs erblickte.

 << Kapitel 14 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.