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Alexander in Babylon

Jakob Wassermann: Alexander in Babylon - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleAlexander in Babylon
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
year1986
isbn3-373-00056-4
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060426
projectid757641c2
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Zwölftes Kapitel

Der Ring

Alexander schlief. Sein Gesicht war weiß. Bald zog es ihn tiefer hinab in den Bereich des Schlafes und Traumes, bald riß es ihn wieder hinauf an die Grenze des Wachens. Der Anblick selbst des unheimlichsten Bildes wäre Trost gewesen im Vergleich mit dieser dunklen Qual. Er schlug die Augen auf. Ringsum standen die Freunde. Er sah farblose Gesichter, undeutlich durch den vorübergleitenden Nebel des Schlafes. Er spürte die Beängstigung dieser Menschen. Niemals war er bei einem Gelage eingeschlafen. Kopf an Kopf standen sie gedrängt und waren so still, daß man das Gurren der Tauben vernahm, die auf den Gesimsen der offenen Bogen saßen.

Wie in unermeßlicher Ferne sah Alexander im Säulengang die vorbeigehenden Sklaven; sie trugen gebratene Lämmer, lange Stöcke, an denen gebackene Heuschrecken aufgereiht waren, Töpfe voll duftender Brühe, Büschel reifer Datteln und Körbe, die mit Birnen, Granatäpfeln und Weintrauben gefüllt waren. Die Baumzweige rauschten in ihren Händen, mit denen sie die Insekten verjagten.

Mechanisch griff Alexander an den Nacken, an dem er eine Schwere spürte. Er wollte sich erheben, da fühlte er einen so durchbohrenden Schmerz, als hätte ihn eine Lanze mit aller Gewalt in den Rücken getroffen.

Er schrie laut und lang. Vor seinen Augen wurde es von neuem Nacht, er tastete und schlürfte mit den Füßen auf der Erde herum. Eumenes war mit einem Sprung bei ihm, zwei, drei andere packten ihn ebenfalls, unter der Wandelhalle stürzten die Eunuchen in die Knie und klatschten wehklagend auf ihre Brüste.

Es wurde Abend. Kalte Luft wehte von den Gärten herein. Der graue Kiebitz schrie. Eumenes, Perdikkas und Seleukos führten Alexander in das Schlafgemach, wo sie ihn entkleideten und hinbetteten. Er lag und lag und wälzte sich umher. Er warf die Kissen fort und verlangte sie wieder. Er rief die Wachen, die Ärzte herein und trieb sie, angewidert von ihren ängstlichen Gesichtern, wieder hinaus. Er begehrte Wein zu trinken, und als er den vollen Becher hielt, ekelte ihn, und er schüttete den Inhalt auf den Boden. Er ließ einen Schreiber kommen und diktierte einen Blutbefehl gegen sämtliche Chaldäer, und als er Namen und Siegel daruntergesetzt hatte, zerriß er ihn wieder. Um Mitternacht nahm er ein Bad. Frierend stieg er in das laue Wasser, fiebernd verließ er es. Dann saß ein Knabe an seinem Lager, der ihm vorlesen sollte. Anstatt zuzuhören, starrte er in das Gesicht des Jünglings, und es war ihm, als sehe er die Flamme des Lebens darin zucken, als töne der melodische Gesang des Lebens aus dem sprechenden Mund. Er legte die Hand auf den Kopf des Knaben und wühlte mit den Fingern in den Lockenhaaren, liebkosend, liebesuchend. Die rechte Hand drückte er auf die Brust, und die groß aufgerissenen Augen hatten einen Ausdruck jammervoller Furcht. In einem Kerker glaubte er zu sein, dessen Wände sich langsam um ihn verengten, und niemand hörte seine Rufe, die ganze Welt war still. Er sprang auf und ging umher und murmelte vor sich hin und trat hinaus in die Halle und sah am Himmel den Mond, dessen untergehendes Viertel wie eine goldene Barke in die Weltenruhe hinabschwamm.

Und der Tag kam, einer von denen, wie sie nur dort am Euphrat erscheinen; die Wolken hängen unbeweglicher als Blei unter dem schwülen Himmel, die Vögel wagen nicht mehr zu fliegen und zu singen, die Bäume regen kein Blatt, alle Wasser sind schwarz wie Pech und glatt wie Seide, in einem Zustand zwischen Schlaf und Wachen liegen schweratmend die Menschen in ihren Häusern, ahnungsvoll erwarten sie das Ungeheure: plötzlich tost der Wirbelwind aus den Wüsten Arabiens her, die Lüfte heulen, die Bäume brechen wie Hölzchen, Flüsse und Kanäle schäumen, das Firmament scheint sich vor Qual zu winden, die Natur ist in ihren Tiefen aufgestört.

Er ging an den Wachen vorbei über die Steinfliesen. Seine Füße waren bloß; er trug ein Nachtgewand aus blauer sogdianischer Seide. Er ging wie im Traum. Es war, als riefe ihn eine Stimme und er wisse nicht woher. Er kam zum Saal der grünen Schlange, wo die Statue Hephästions aufgestellt war. Sie stand in der Mitte des Raumes, rötlich überhaucht vom Frühlicht.

Der nackte Marmorkörper war von der Schlankheit eines jungen Baumes. Der rechte Fuß war etwas erhoben, und die Ferse berührte einen rückwärts angelehnten Schild. Der linke Unterarm war in den Nacken gelegt, und die dadurch entstehende Spannung über der Brust gab einen überwältigenden Eindruck ruhiger Kraft. Das emporgerichtete Gesicht war von einer verwunderungsvollen Freudigkeit erfüllt, wie wenn ein Wanderer den besten Weg soeben erkannt hat. Eine leise sinnliche Schwärmerei lag um die Lippen, etwas wie tiefe Befriedigung über den Anblick der Dinge oder Entzücken über den Wohlgeruch von Blumen. Die Augen hatten eine erstaunliche Wahrheit des Lebens, eine hinreißende Macht der Phantasie.

Aber Alexander erschien es wie eine Lüge. Ihm graute vor dieser Schönheit, vor diesem Frieden, vor dieser Freude. Lüge das strahlende Auge, denn die Zeit wird es brechen. Lüge der schreitende Fuß, denn der Tod wird ihn erstarren machen, Lüge die von Hoffnungen geschwellte Brust, denn im Grab muß sie verfaulen und im Feuer versengen, Lüge der kündende Geist auf der Stirn, denn er hat nichts zu sagen, er weiß keine Rettung, er kann die Kerkertür nicht öffnen, er hat keinen Trost, der Anfang ist ihm verborgen, das Ende bedenkt er nicht. Nur eine grinsende Fratze starrte Alexander statt der Marmorschönheit entgegen.

Er ließ sich in die Gärten tragen. Er versuchte zu gehen, doch taumelnd fiel er den Ärzten in die Arme. Man gab ihm Sylphions-Saft zu trinken und rieb seine Brust mit Salben ein. Dann trugen sie ihn in den Platanenwald, aber zu dunkel war der Schatten, zu feierlich das Schweigen, und Alexander drängte fort. Zwischen Azaleengebüsch trat eine Gazelle heraus und schaute feuchtäugig herüber.

Alexander schob die Decken von seinem Körper und warf sie zur Erde. Seine Haut war über und über naß. Man legte ihm ein in kaltes Wasser getauchtes Tuch um die Schläfen und machte zur Kühlung des Herzens einen Umschlag aus Kalbsgalle und Vogelgalle. Und seiner rasenden Unruhe gehorchend, trugen sie ihn von Terrasse zu Terrasse, an den Wohnungen der heiligen Schlangen vorbei, an den Opferaltären vorüber. Es wurde Nacht. Die Dämonenbeschwörer drängten sich heran. Alexander wollte opfern. Eumenes hielt das Becken und bemerkte, wie Alexanders Hände zitterten, als er sie ins Wasser tauchte. Da stürzte er auf die Knie und verbarg sein Gesicht in den Falten der Lagerdecke. Er schluchzte laut.

Unwillig und verwundert stieß ihn Alexander weg. Eumenes erhob sich. Sein sonst so fester Blick war wie entzweigebrochen. Er bat, sich entfernen zu dürfen, und ging in den Hof des Palastes, wo trotz der abendlichen Stunde die Führer versammelt waren. Es wehte ein schwüler, sturmartiger Wind, der den Staub hoch emporwirbelte. Von der Straße her vernahm man die Gesänge der Priester. Das Feuer in den Pechpfannen loderte schräg gegen die Mauern, und die gewaltigen Flügelstiere unter der Pforte, deren Menschengesichter in unerforschlicher Bosheit leuchteten, waren von einem Kranz schwarzen Rauches umhüllt.

Die meisten Makedonier waren nicht imstande zu sprechen. Einige lagen regungslos auf Marmorbänken, das Gesicht nach unten. Die Führer der Edelscharen standen schweigend beisammen und blickten in die von wenigen Fackeln erhellte Torhalle. Von Zeit zu Zeit wurden Sklaven in den Palast geschickt, oder einer der Hauptleute ging selbst. Es hieß, Alexander schlafe und habe mit Appetit gegessen. Eine Stunde später klangen die Berichte nicht mehr so harmlos. Vor den Mauern des Palastes sammelten sich die Söldner.

Unter einem schmalen Säulengang wanderten Perdikkas und Eumenes auf und ab. Ihre sorgenvollen Worte waren wie Gewürm, das aus unterirdischen Höhlungen kriecht, so scheu, so vorsichtig, so geschickt, sich nicht zu verraten. »Den Fall gesetzt, daß das Unheilvolle geschieht«, so drückte sich Perdikkas aus, »wer soll das Diadem tragen?«

»Roxane ist schwanger«, murmelte Eumenes.

Perdikkas zuckte die Achseln. Noch vor Mitternacht wußte er andere in seine Besorgnisse zu ziehen. Es war notwendig, zu handeln. Sie kamen überein, Alexander zu bitten, daß er die Nachfolge bestimmen solle. Perdikkas, Eumenes und Seleukos wurden mit der schwierigen Sendung betraut.

Als der Morgen kam, ließen sie sich durch den Obersten der Wache anmelden. Dieser ging; als er zurückkam, riet er, zu warten; Alexander liege zwar mit offenen Augen, doch sehe er nicht und höre er nicht.

Erregt ging Perdikkas auf und ab. Eumenes blickte mit verschränkten Armen vor sich nieder. Wie ein Gifthauch der Feindseligkeit wehte es um die drei.

»Ich gehe allein«, entschied Perdikkas endlich, indem er mit einem Ruck stehenblieb und die Hände um den Schwertknauf klammerte. »Was zu sagen ist, kann einer am besten sagen. Du, Eumenes, bist Grieche, stehst unsern Angelegenheiten fern, Seleukos ist ohnehin kein Redner. Ich allein muß gehen.«

Er warf den Kopf zurück, und seine Backen zitterten. Er ging.

Eumenes hinderte den entrüsteten Seleukos, Perdikkas zu folgen. »Es nützt nichts«, knirschte er, »in dieser Stunde ist unser Untergang beschlossen. Perdikkas wird den Fuß auf Alexanders Leiche setzen, um Platz für sich zu schaffen. Aber er vergißt, daß dort, wo Alexander stand, nur noch Raum für den Tod ist.«

Als Perdikkas in das Schlafgemach trat, lag Alexander auf dem Rücken, und seine Augen waren weit geöffnet. Scharf hob sich das weiße Gesicht von den dunkelhängenden Haaren ab. Der Mund schien unhörbare Worte zu reden. Ich lasse dich nicht, schien er zu sagen, ich lasse dich nicht; gib mir den Becher leer zu trinken, den du vollgefüllt hast, denn ich lasse dich nicht; eröffne dich mir, unnennbares Wesen, unbekannter Gott, ich lasse dich nicht.

Das Gemach glich dem Innern eines Würfels, in einem Rundnischenausbau war Alexanders Lager. Der Fußboden war von einem fünffingerdicken, blutroten Teppich bedeckt. Auf einem mit Edelsteinen eingelegten Marmortisch neben dem Tisch standen Arzneigefäße, eine silberne Platte mit frischen Feigen und Astragalen zum Spiel.

Perdikkas trat näher. Das Geräusch der Schritte wurde vom Teppich aufgesaugt. »Du weißt, Alexander«, begann er leise mit seiner metallischen Stimme, »wie wir dich alle lieben, mehr als Söhne einen Vater lieben können. Aber die Sorge um dich macht uns verzagt. Raube wenigstens einem einzigen unserer bösen Träume Nahrung und Kraft, Alexander. Ewige Dauer ist dir ja nicht beschieden, deine Mutter ist sterblich geboren. Alle, die für dein Leben zittern, reden durch mich. In ihrem Namen steh ich hier und frage dich, wer nach dir befehlen soll.«

Es schien, als habe Alexander nichts gehört, er lag genauso regungslos wie vorher. Darauf war Perdikkas nicht vorbereitet. Er fürchtete dieses Schweigen wie eine finstere Nacht in den Tälern des Hämon. Er wagte nicht, vorwärts zu gehen, und wagte nicht, das Zimmer zu verlassen.

Da kehrte ihm Alexander mit jäher Wendung das Gesicht zu und heftete einen rätselhaften flammenden Blick auf ihn. Langsam zog er seinen Siegelring vom Daumen und reichte ihn Perdikkas mit weit ausgestrecktem Arm.

Über und über erbebend, nahm Perdikkas den Ring. Das war mehr, als er erwartet hatte. Die Stirn des Mannes zitterte, wie das Leder eines Schildes zittert, wenn ihn der sausende Pfeil durchbohrt. Stumm kniete er an dem Lager nieder, um den Saum der Byssosdecke zu küssen, die Alexanders Körper umhüllte, stumm wollte er sich hierauf entfernen.

Alexander schnellte empor. »Perdikkas!« schrie er.

Bestürzt wandte sich Perdikkas um.

»Du denkst also wirklich, daß ich sterben werde?« fragte Alexander mit einer hohlen, heiseren, angstgepreßten Stimme.

Perdikkas machte eine beschwörende Bewegung.

»Warum hast du dann den Ring genommen?« fragte Alexander weiter, indem er sich höher aufrichtete und die Haare zurückschüttelte wie ein herannahender Löwe.

Perdikkas schwieg.

»Ich bin zweiunddreißig Jahre alt«, fuhr Alexander fort, und sein Gesicht verzerrte sich medusenhaft, »ist es da schon Zeit zu sterben? Wie alt bist du? Vierundsechzig, also doppelt soviel, denkst du etwa daran, zu sterben? Riecht ihr denn schon das Aas, ihr makedonischen Geier, geht es euch nicht schnell genug? Wollt ihr den Stuhl zerbrechen, auf dem ich sitze? Hab ich euch das Haus gebaut und das Bett gerichtet und verliert ihr nun die Geduld zu warten, bis der Baumeister seiner Wege geht? Alexander, Alexander, verlassenster Mensch auf Erden!« Keuchend, aufstöhnend, fiel er aufs Lager zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Perdikkas schwieg.

Da hob sich Alexanders Brust, der Leib bäumte sich, wie der Wüstenglutwind kam das Fieber. Perdikkas schrie die Wachen herein. Diese holten die Ärzte, und in jedem Gesicht lag, klar bis zur Schamlosigkeit, die Erwartung des Todes. Alle Dinge sprachen vom Tod. Aufgereckt schritt er, der königliche Tod, durch die Palasthallen und -höfe, und die weitgebauschte Schleppe seines Mantels schleifte lautlos über die Marmorfliesen. Man sah schwarze Vögel aus dem Schoß feurig geränderter Wolken sinken, und sie flogen ratlos hin und her, als ob sie eine Zuflucht suchten. Es wandte sich die Zeit zurück, ja, sie stand stille, um ihre Toten noch einmal zu überzählen. Das Bild der Sonne zeigte einen Zug der Verwesung. Es erhoben sich die Schatten aller Junggestorbenen, an denen sich das Schicksal nicht so erfüllt hatte, wie ihr stürmendes Herz gewollt. Kinder spielten arglos in einer Straße, wo man einen Mörder verfolgte. Ein Schleier und Druck von Müdigkeit breitete sich über die Länder.

Fünf Stunden lang lag Alexander bewußtlos. Als er erwachte, riß er die nassen Tücher ab, mit denen seine Stirn umwunden war. »Wo ist Perdikkas?« fragte er sogleich. Niemand hatte Perdikkas gesehen. War es nur ein Schrecktraum? fuhr es Alexander durch den Kopf, und er betrachtete seine Hand. Der Ring war nicht mehr da. »Wo ist Perdikkas?« wiederholte er angstvoll. Er erhob sich, lief zu den Türen und rief nach Perdikkas. Kämmerer, Schreiber und Aufseher rannten herzu. Boten verließen den Palast in größter Eile. Indessen befahl Alexander, daß man ihn ankleide. Die Diener zögerten erstaunt. Er griff nach dem Schwert, um die Ungehorsamen niederzustechen. Sie brachten das persische Kleid, er wollte das makedonische. Die Boten kamen mit der Nachricht zurück, Perdikkas sei nicht zu finden. »Verraten! Verraten!« stöhnte Alexander. Seine Sinne umdunkelten sich. Fliegende Hitze lähmte jede Bewegung. Perdikkas ist zum Gelage des Larissäers Medios, hieß es plötzlich. »Zu Medios! Zu Medios!« lallte Alexander. Er wollte fort, nach wenigen Schritten wankte er und drohte zu fallen. Man legte ihn auf ein Tragbett, und so verließ er den Palast.

Dieser Medios war erst vor einigen Tagen in Babylon angekommen. Sein Reichtum, sein Geist und seine Heiterkeit hatten ihn schnell zum Liebling der Makedonier gemacht. Er wohnte in einem palastähnlichen Kaufmannshaus am Sternenkanal. Eine zahlreiche Gesellschaft hatte sich bei ihm versammelt. Sie waren nicht in der glücklichsten Laune. Stundenlang warteten sie schon auf Perdikkas, um zu erfahren, was er mit Alexander gesprochen und wie seine Bitte aufgenommen worden. Eumenes und Seleukos hatten sie sehr beunruhigt.

Es war schon Abend, da kam ein Mann, verlangte Medios zu sprechen, wurde in den Saal geführt und übergab dem Larissäer einen versiegelten Brief. Medios las, die Umsitzenden verfolgten gespannt das Hinundherlaufen seiner Blicke auf den Zeilen. Sie sahen ihn erbleichen, er biß die Zähne in die Lippen, schlug die Hand vor die Stirn, ballte den Papyros zusammen und warf ihn in die Flamme des Feuerbeckens.

»Was ist es? Was ist geschehen? Sprich, Medios!« so riefen die Stimmen durcheinander. Die Männer sprangen auf, Verwirrung und Ängstlichkeit malte sich auf den Gesichtern.

Eumenes war zu Medios getreten. »Perdikkas schreibt dir?« fragte er ruhig und ernst, mit einer Miene, als sei ihm alles, was geschah, längst durch Ahnung vertraut. Medios erwiderte nichts. Sein schönes Gesicht, dem man eine seltsame Ähnlichkeit mit dem des großen Perikles zuerkannte, wurde immer fahler. Auf einmal stürzten die Sklaven aufgeregt herein und riefen: »Der König kommt!«

Die Gäste drängten zur Tür. In der Erregung fielen Becher zu Boden und wurden Fackeln ausgelöscht. Als Alexander hereingetragen wurde, konnten viele Makedonier ihrer Erschütterung nicht Herr werden. Sie drückten sich gegen die Wände und lehnten die Stirn an die Mauer. Eine unendliche, unbestimmbare, selbstsüchtige Angst schnürte ihnen das Herz zusammen.

Medios ging Alexander begrüßend entgegen. Er hob die Hände ein wenig empor. Man sah an gewissen Zuckungen des Körpers, daß Alexander Schmerzen litt. Sein Gesicht war bleigrau und überzog sich bisweilen mit hektischer Röte. Seine Augen forschten in dem Gedränge der makedonischen Edlen, liefen von Gesicht zu Gesicht und fanden dasjenige nicht, das sie suchten.

»Wo ist Perdikkas?« fragte er mit erstickter Stimme.

Medios senkte den Kopf, er zitterte an Armen und Beinen.

»Wo? Wo?« drängte Alexander und richtete sich mühselig auf.

Weinend stürzte Medios auf die Knie und legte den Kopf auf den Rand des Tragbettes. Ein furchtbares Schweigen entstand.

»Sprich, Verdammter!« brach Alexander aus und packte Medios mit beiden Händen an den Haaren.

Medios erhob sich. Er war wachsgelb. »Perdikkas ist nach Borsippa geflohen«, flüsterte er.

»Nach Borsippa?« Alexander beugte sich gierig vor, um besser zu hören.

»Er ist zu den Chaldäern nach Borsippa gegangen, mein Alexander«, sagte Medios, die Finger an die Wangen gelegt und stumpf vor sich hin blickend. »Er erwartet dort ...«

Und alle wußten, was Perdikkas hinter den siebenfachen Mauern von Borsippa erwartete. Nur Alexander schien es noch nicht zu begreifen. Er schüttelte verwundert und besinnend den Kopf. »Was erwartet er?« fragte er. »Wann glaubst du, daß er zurückkehren wird?«

Jetzt verhüllten Eumenes und Demetrios und Seleukos und Ismenias und noch einige andere das Haupt. Da hauchte Alexander ein langes, langsames, herzzerreißendes Ah! aus der Brust, und dann brach er in ein entsetzliches Gelächter aus. Er schüttelte sich hastig, raffte die Decken über den Knien zusammen, versuchte mehrmals zu reden, ohne daß es gelang, und stieß endlich hervor: »Nach Borsippa! Auf nach Borsippa!«

Eine träge, traurige Bewegung entstand. Man trug Alexander hinaus. Alle folgten, stiegen die Terrasse hinab zum Ufer des Kanals, an dem die Barken bereitlagen. Alexander wurde ins Boot geschafft, Medios, Eumenes und Peithon folgten. Die am Ufer Zurückbleibenden nahmen ihre Helme ab und grüßten die Fortziehenden in tiefem Schweigen.

Es war eine Sternennacht. Die Sterne lagen fast so rein in der schwarzen Fläche des Kanals, wie sie rein am Himmel blinkten. Melodisch tönte das von den Ruderstangen aufbewegte Wasser. Die dunklen Häuser glitten vorüber. Die Kronen von Palmen und Pinien waren wie finstere Gefieder riesengroßer Vögel gegen den lichtschimmernden Himmel gemalt. Bisweilen senkte der Schein der Fackeln, die in jedem Boot brannten, ein am Ufer auftauchendes Gesicht in purpurme Glut. Von einem oder dem andern Stufenturm schallte der Ruf eines Sternenwächters, oder aus einer Schenke kam Geschrei und Frauenzimmerlachen.

Aus dem Sternenkanal ging es in einen kleineren, der das Wasser der Färber hieß, von da aus über ein langes Stück des Biberkanals in einen weiten See, an dessen südlichem Rand die Mauern von Borsippa auftauchten.

Sie kamen hin. Die Bootsknechte klopften an das Tor. Eine Stimme von oben antwortete. »Aufmachen! Aufmachen!« riefen die Begleiter Alexanders.

«»Es ist Befehl, die Tore geschlossen zu halten«, entgegnete die Stimme.

»Der König ist da! Alexander selbst will nach Borsippa!« riefen Medios und Eumenes zugleich, wild und entsetzt.

Kurzes Schweigen, dann die Stimme von neuem: »Es ist ein Befehl von Alexander ergangen und mit seinem Ring gesiegelt, die Tore verschlossen zu halten.«

Alexander schrie auf. In ohnmächtigem Zorn rissen seine Begleiter die Schwerter heraus. Die Sklaven und Bootsleute pochten mit Stangen und Rudern an die ehernen, unbezwinglichen Tore. Die schweigende Nacht widerhallte von dem Getöse. Fassungslos gebot Eumenes endlich die Rückfahrt. »Alles Blut, das fließen wird, über Perdikkas und die Chaldäer!« rief er unheildrohend hinauf. »Morgen flammt vielleicht das Feuer dort, wo ihr heute das Haupt zum Schlaf hinlegt.«

Da antwortete die Stimme von oben voll und dumpf: »Siebenfacher Mord will Sühne.« Dann war es wieder still.

Alexander hörte es nicht mehr. Ihm schmerzte die Haut des ganzen Körpers, als ob sie versengt wäre. Leise wimmernd wälzte er sich hin und her. Er wollte die Arme ins Wasser tauchen, um irgendwie Kühlung zu erhalten, doch er war unfähig, sich zu bewegen. Mit verglasten, gräßlich erweiterten Augen blickte er auf das schwarze Spiegelbild der Mauern im Wasser. Seine Knie waren ihm schwer wie Eisen. Als sie zurückfuhren, war es ihm, als gleite das Boot inmitten der Sterne. Alles gehört mir, dachte er mit wirren, heißen Sinnen, mir der Himmel, mir die Luft, mir die Steine, mir Babylon, ich bin der Herr. Der Fischer dort, der in der Stille der Nacht sein Netz auswirft, ist mein Eigentum, durch mich läuft alles seinen Gang.

Er hatte brennenden Durst. Doch die Ärzte hatten verboten, ihm Wasser zu geben; Wasser greift das Herz an, sagten sie. Er warf sich auf und fuchtelte mit den Armen durch die Luft. Dann fing er an zu schreien, es war markerschütternd. »Mein Ring! Mein Ring!« schrie er immer wieder. Hohlgesichtig und stumm vor Angst saßen die Begleiter um ihn her. Mit Gebärden trieben sie die Bootsleute zur Eile an. Bald wurde Alexander etwas ruhiger. Seine Haut war so heiß wie glühendes Metall. Das Gesicht zog sich oft so zusammen, daß es dem eines uralten Mannes glich. Seine Augen entzündeten sich, an Hals und Armen zeigten sich Geschwüre. »Nicht sterben«, ächzte er, »nicht sterben«; eine siedende Angst brach in seine Brust. Er fuhr mit den Fingern in die nassen Haare, und es war ihm, als lösten sie sich morsch vom Schädel wie welkes Gras vom Boden. Er schauderte ins innerste Herz vor dem Nichts, in das er treten sollte, vor dem Weg in die Finsternis, der sich gefährtenlos auftat. Mit beiden Armen klammerte er sich an die Kissen, als stellten sie das Leben dar, aus dem er fortgerissen werden sollte. Er streckte die Hände nach den Menschen aus, die um ihn waren; keiner regte sich. Vergiftete Dämpfe erfüllten die Luft.

Er sah sich selbst in Zeit- und Raumferne. Es war vor der Schlacht. Die Herolde riefen. Er ritt die Reihen entlang. Das Pferd, das ihn trug, war schwarz mit einem kreisrunden weißen Fleck auf der Stirn. Es schritt leicht und hüpfend. Es hatte eine Satteldecke, deren Enden durch eine zierliche Agraffe über der Brust verbunden waren, und Rosetten schmückten das Zaumzeug. Die Sonne strahlte über die Gefilde. Tau blitzte auf den Gräsern, Kampfrufe durchschmetterten die Luft, die Waffen klirrten melodisch. Ein zerfressender Neid erfüllte ihn gegen den Alexander von damals, der das Leben noch besaß und es nicht wußte, den Tag nicht genug an sich preßte, die Nacht nicht genug liebte, nicht das Vorübergleiten der Zeit begriff, nicht die Unwiederbringlichkeit der gelebten Stunde. Auf dem Meer sah er Schiffe; plötzlich lag das Meer vor ihm; es waren makedonische Schiffe, sie wurden vom Sturm zerschlagen, der Sturm hatte ein Antlitz, der ganze Weltraum verdichtete sich zu einem Antlitz.

Eine Stimme sprach neben ihm. Es war Eumenes. Feierlich beschwor ihn der Grieche, er möge den Namen dessen nennen, der nach ihm herrschen sollte, und Medios und Peithon flehten gleichfalls. Er preßte trotzig die Lippen aufeinander. Der Haß gegen diese Lebenden ließ seinen Atem stocken. Gleichgültig war es, was sie ohne ihn beginnen würden. Nichts ist es mit der Flucht der Seele aus dem gestorbenen Leib. Er fühlte die Zerstörung des Körpers, er fühlte das Schweigen des Todes; schon verweste das Gehirn in seinem Kopf, schon verfaulte das Herz. Jammer, Grauen und Entsetzen verzerrten sein Gesicht. Er suchte Eumenes' Schulter zu ergreifen. Eumenes wich zurück.

Jetzt landete das Boot an der Euphratseite des Palastes. Eine lange Allee dunkler Zypressen führte zu beiden Seiten der steilen Treppen empor. Der Morgen dämmerte. Reich mit Quasten und Federbüschen geschmückte Pferde standen oben. Die Wände bewegten sich, Schlangen quollen aus ihnen hervor. Zwölf Löwen, an der Kette geführt, schritten majestätisch vorüber.

»Wohin bringt ihr mich? Wohin? Wohin?« Alexander fuhr vom Lager auf und starrte in die bleichen Gesichter. Er sah am nahen Ufer einen Zug von Zechern, die mit Blüten und Baumzweigen bekränzt waren. In bacchantischem Tosen unter dem Lärm von Blechklappen liefen sie dahin. Alexander glaubte, sie stürmten kopfabwärts davon. Ihre fliegenden Gewänder sahen im Zwielicht der Fackeln und der Dämmerung wie Flammen aus. Er erhob sich auf die Knie und rief unverständliche Worte hinüber. Er drohte ihnen mit dem Tod, und sie eilten weiter. Ehe die Freunde ihn zurückhalten konnten – sie wagten es auch nicht recht, sie fürchteten von der Krankheit angesteckt zu werden, wenn sie ihn berührten –, hatte er das Diadem vom Kopf gerissen und zurückgeschleudert, war mit einem Satz ans Ufer gesprungen und folgte der trunkenen Schar. Jene lachten und riefen etwas zurück, denn sie erkannten ihn nicht. Alexander lief rasch, und er erstaunte, daß ihn seine Beine trugen, und er wollte nicht aufhören zu laufen aus Angst, daß es dann auf einmal zu Ende sein könne mit der wunderbaren neuen Lebenskraft. Medios und Eumenes und die andern folgten ihm. Er, wie ein Flüchtling, suchte zu entkommen. Längst waren die lachenden Zecher in irgendeiner Torhalle verschwunden. Dunkle Gestalten tauchten auf, suchten ihn zu halten, führten drohende Reden. Ich brauche nur einen lächerlichen Schmuck von der Stirn zu reißen, fuhr es Alexander durch den Kopf, um so zu sein wie die andern, und meine Stimme verklingt.

In einer Halle sah er eine Tänzerin. Sie drehte sich langsam um sich selbst, ihr Gesicht zeigte eine Verzweiflung, wie sie nur der Anblick tödlicher Visionen gibt, aber die schweigenden Zuschauer lächelten. Es begann zu regnen.

Durch seltsam düstere Gassen ging's, die rückwärts um den Palast sich wanden und schlängelten. Jetzt sah man ängstliches Volk. Die Tore des Palastes tauchten auf. Sie waren von Söldnerscharen belagert. Die Ärzte hatten den Führern, die Führer den Soldaten zweifelhafte und zweideutige Botschaften geschickt. Der Oberste der Palasttruppen hatte vor dem Andrang die Tore sperren lassen. Die Edelscharen erschienen auf den Mauern, als ob ein Schutz gegen die draußen Wartenden nötig wäre. Es verbreitete sich das Gerücht, Alexander sei vergiftet worden. Perdikkas hat ihn vergiften lassen, hieß es. Zufällig wurde Alketas, der Bruder Perdikkas', sichtbar. Eine Horde von Makedoniern ergriff ihn, sie stellten ihn zur Rede, sie hätten ihn umgebracht, wenn nicht Ptolemäos erschienen wäre und sie mit einer Notlüge hingehalten hätte; Alexander ist im Palast, sagte er, er schläft, der Lärm stört ihn. Das geschah um Mitternacht. Zwei Stunden später, und die leidenschaftliche Bewegung erhob sich von neuem, unerklärlich, woher sie stammte, wie sie Nahrung fand. Viele Makedonier eilten nach Hause, um ihre Waffen zu holen. Andere stürmten über die Brücken der Wassergräben und verlangten tobend Einlaß. Leonnatos kam, um sie zu beruhigen. Er war weiß bis in die Lippen, sein Gesicht war übernächtig. Er wollte reden und wurde überbrüllt. Dann kamen nacheinander Apollodor, Stamenes und Seleukos.

Und da, auf einmal, es war schon Tag, gellte eine eherne Stimme den Namen Alexanders mit einem Ausdruck des Staunens und der größten Angst. In seinem entsetzlichen Lauf war Alexander bis vor den Palast gekommen. Die meisten, die ihn so sahen, erkannten ihn nicht, bis jene Stimme sich erhob. Zum Überfluß gewahrten sie noch die ihm nachrennenden Männer: Medios, Peithon, Eumenes, die sich vor Erschöpfung und Grauen kaum noch auf den Beinen halten konnten. Erst wichen die Soldaten in weitem Bogen zurück. Alexander stand im dichtgeschlossenen Kreis und konnte nicht weiter. Er taumelte und griff mit den Händen in die Luft. Sein Gesicht war blaß wie Schwefel. Die Augen loderten so, daß man glauben konnte, sie würden in kurzer Frist den ganzen Körper aufzehren und verbrennen. Da stürzten die Makedonier auf ihn zu. Sie stießen tierische Schreie aus.

War es Liebe und Schmerz? Oder Haß und Wut? Wurden sie der Demütigungen bewußt, die sie durch ihn erlitten? Dachten sie an die hingemetzelten Freunde, an das beste Herzblut Makedoniens, das er vergossen, oder an das Leben voll phantastischer Pracht und abenteuerlicher Größe, das er ihnen eröffnet? Glaubten sie den Augenblick gekommen, wo sie sich rächen konnten dafür, daß er sie an Asien verraten hatte? Ertrugen sie es nicht, ihn in seiner Schwäche zu sehen, ihn, Alexander, den sie für einen Sohn Gottes gehalten? Überwältigte sie die Furcht vor seinem Ende, der Zorn, daß er sterben wollte, um sie in Babylon sich selbst zu überlassen?

Sie waren nicht mehr Menschen. Sie stürzten auf ihn los. Einige schlangen die Arme um ihn, als ob sie ihn küssen wollten. Aber sie preßten ihn an sich, daß ihm der Atem verging. Sie kamen mit ihm zu Fall. Andere, von den wild Nachdrängenden geschoben, traten auf seinen Leib, auf seine Brust. Immer mehr entfesselt, packten sie ihn bei den Armen, bei den Schultern, bei den Haaren, schon blutete er aus hundert Wunden, als das Wehgeheul eines aus dem Taumel Erwachenden sie wieder zur Besinnung brachte.

Eine Totenstille entstand. Langsam spaltete sich die Masse, öffnete sich der Kreis.

Da lag Alexander. Da lag er, da lag der Herr der Welt, da lag er ...

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