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Alexander in Babylon

Jakob Wassermann: Alexander in Babylon - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleAlexander in Babylon
publisherVerlag der Nation
addressBerlin
year1986
isbn3-373-00056-4
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060426
projectid757641c2
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Neuntes Kapitel

Arrhidäos

In Babylon feierte man das Sonnenwendefest. Eine zahllose Menschenmenge befand sich auf den Straßen. Aus den mit niedrigen Mauern umgebenen Gärten schallten gellende Stimmen wie von betrunkenen Weibern in die Nacht. An dem erhöhten Ufer des Ostkanals hockten baktrische Söldner um kolossale tönerne Weinbehälter.

Wo der Ostkanal den Euphrat verläßt und sich in weiter Biegung gegen das ausgedehnte Trümmerfeld des Belmarduktempels wendet, hatte vor einer verödeten Gartenterrasse die kleine Makedonierschar ihr Lager aufgeschlagen, die die Wache für Hephästions Leichnam bildete.

Der Sarg befand sich in einem Halbzelt, an dessen geöffneten Seiten fünf Söldner standen. Auf ihre Sarissen gestützt, blickten sie sehnsüchtig und finster in die rötliche Lohe, die sich über den Straßen und Häusern hinzog. Der Lärm des nächtlichen Festgetriebes tönte dumpf bis zu ihren Ohren; bisweilen löste sich ein langgezogener Aufschrei davon los und fiel verklingend wieder in das allgemeine Tosen zurück. Sehen konnten sie nichts, die Böschung des Kanals machte jeden Ausblick unmöglich. Nur gegen Norden erblickten sie wie auf dem Gipfel eines Berges die verschwenderisch erleuchteten Terrassen und Gartenhallen des königlichen Palastes, wo Roxane wohnte.

Unmutig lagen oder standen die übrigen Makedonier herum. Die für diese Nacht vom Wachedienst befreit waren, sannen auf Mittel, in die Stadt zu gelangen. Die Weinmischer hatten nichts zu tun. Die Kette des Dienstes schleppte sich noch schwerer, wenn die Begierden durch den Wein beflügelt wurden.

Rings im Halbkreis gepflanzt, standen hohe Zypressen. Einige Soldaten waren am Stamm emporgeklettert und kauerten und hingen oben unbequem und peinvoll und spähten hinüber in das nahe Land ihrer Träume.

Charippos, ein junger Tetrarch, von Perdikkas zum Befehlshaber der Wache ernannt, ging einsam auf dem Wall auf und ab. Er war vielleicht der einzige, dessen Gedanken nicht der Wollust Babylons entgegenflogen, ihn erfüllte nichts als Ehrgeiz.

Sohn eines Makedoniers und einer Phrygierin, war er durch Glückszufall unter die berittenen Edelscharen aufgenommen worden. Seitdem ließ es ihn nicht mehr ruhen. Der Gedanke an Ruhm und Auszeichnung stachelte ihn aus dem Schlaf. Er war jedem zu Diensten, der ihm nützen konnte, schmeichelte nach oben und nach unten, suchte sich bei jeder Gelegenheit in die Nähe der Leibwächter zu drangen, und ehedem ein harmloser, gutmütiger Mensch, war jetzt sein Wesen zerfressen und verzerrt von der Flamme der Ehrwut. Die älteren Leute verachteten ihn, die jungen machten sich über ihn lustig, den höhergestellten war er ein brauchbares Werkzeug.

Wohl zum hundertstenmal begann Charippos seine eintönige Wanderung. Seine Schuhe klappten hallend auf die Ziegelpflasterung des Ufers, und der pellenische Mantel flatterte im Abendwind. Bisweilen blieb er stehen, lauschte, schüttelte den Kopf, sprach und gestikulierte vor sich hin. Dann blickte er angestrengt über das Bett des Kanals; nur selten und leise klatschte das Wasser gegen die ausgemauerte Uferwand oder die niedrige Treppe, an der die Barken anlegten.

»Charippos! Charippos!« rief da eine Stimme. Der junge Tetrarch wandte sich hastig nach der Richtung, woher sie kam.

Atemlos eilte ein Grieche auf ihn zu. Während er den Helm abnahm und mit dem Ärmel des Gewandes die Stirne trocknete, sagte er, er habe Auftrag von Perdikkas. Charippos solle unverweilt ins Haus des Statthalters am Kanal Pikudu kommen. Den Befehl über die Wache möge er an den Hauptmann Agenor übergeben. »Beeile dich nur, Tetrarch«, sagte der Grieche, »ich führe dich, Babylon ist groß.«

»Was für ein Zeichen hast du von Perdikkas?« forschte Charippos zögernd.

»Ein Zeichen? Warum das?« erwiderte der Grieche und streckte beide Arme mit devoter Ungeduld zur Seite. »Perdikkas war sehr erregt. Es handelt sich um Alexander selbst. Es ist eine Angelegenheit, bei der er nur dir vertrauen will.«

Funkelnde Bilder erhoben sich vor Charippos. Er sah sich an Alexanders Seite, nicht weniger geehrt und geliebt als Hephästion, dessen arme Hülle dort im Sarge lag. Er rief den Roßknecht, doch der Grieche legte abwehrend die Hand auf seinen Arm.

»Wir können keine Pferde brauchen«, sagte er, »es würde uns hindern, die Straßen sind zu voll. Ich führe dich verborgene Wege.«

Charippos ging zum Zeltlager und redete hastig mit Agenor. Dann folgte er dem Griechen, ahnungslos, daß dieser Weg zum Tode führe.

Die beiden waren noch nicht lange in der Richtung nach dem Euphrat verschwunden, als von der Trümmerstätte des Marduktempels her ein Schwärm von Weibern auftauchte. Mit lautem Geschrei kamen sie gegen den Lagerplatz. Dunkelhäutige babylonische Sklaven trugen die Pechfackeln voran.

Mit lodernden Augen fuhren die Söldner aus ihrem verstimmten Hirnbrüten auf. Durstig stierten sie auf die fremdartigen Weiber, die in kurzen Tuniken einhergingen, das Haar aufgelöst über den Schultern.

Der alte Agenor trat den Vordersten entgegen und erhob den Arm. »Geweihter Raum!« rief er. »Fort mit euch!« Eine hagere mänadenhafte Babylonierin warf sich auf ihn, schlang die Arme um seine Schultern, klammerte die Schenkel um seine Knie und heulte wollüstig wie eine Besessene.

Unter den ändern Frauen entstand wirres Geschrei. Auch die Sklaven erhoben ihre übeltönenden Stimmen, und einer fuchtelte mit der Fackel so unvorsichtig herum, daß er einen Zeltvorhang in Brand setzte. Einige Söldner, die sich der tosenden Weiber bemächtigt hatten, stießen ein Freudengebrüll aus. Die Ängstlicheren standen noch starr, die Rottenführer suchten dem Tumult zu steuern, aber bald sahen sie nichts mehr als ein wüstes Bild der Trunkenheit und aufregendsten Lust, so daß sie, mitergriffen, willenlos hineintaumelten und, wie von einem Feuerhauch berührt, die Besinnung verloren. Über die Weingefäße beugten sich Weiber und hielten die Becher hoch über ihre Köpfe. Andere hatten die Gewänder abgeworfen und rannten splitternackt in einer Scheinflucht im Kreis um die lüsternen Verfolger. Betäubend waren ihre sonderbaren Rufe, ihr Girren, wenn sie sich umfangen fühlten, ihr silbernes vogellautartiges Lachen, wenn sie entschlüpften, ihr rasender Gesang bei den Umschlingungen. Eine hatte die ganze Fülle ihres weithängenden bläulichschwarzen Haares in Wein getaucht, und während sie gravitätischen Schritts traumwandelartig sich biegend und drehend jeder Umarmung auswich, tropfte der rote Wein auf ihre Hüften und Schenkel nieder. Zwei Söldner folgten ihr, auf den Knien rutschten sie ihr nach, um den Wein von den kühlen Gliedern zu lecken. Da sprang ein riesig gebauter Makedonier auf sie zu, ergriff sie, hob sie auf die Arme und trug sie davon, während die nassen Haare über die Gesichter und Schultern der ändern schleiften.

Einige tanzten. Sie wirbelten die Glieder herum, als wollten sie sie aus den Gelenken stoßen, dann fielen sie nieder und verharrten in lüsternen Stellungen. Zu alledem ertönte eine eigentümlich einschläfernde Musik. Es war, als ob aus einer Flöte, abgedämpft und sanfter, die Laute der Harfe kämen; schrille Klagetöne wechselten mit seufzenden, und bezaubernd schmolzen die leiseren Klänge dahin. Das war die Stimme der milden und schwermütigen Herbstnacht selbst, die Babylon umfangen hielt.

Da verließ eine von den Frauen, die nur widerwillig und zum Schein die Rasende gespielt hatte, den Kreis des unzüchtigen Tumults, ohne einen Blick für die am Boden verschlungenen Körper.

Es war Drypetis.

Ihr Gesicht war bis zu den Augen verschleiert. Ihr adeliger Gang hatte jene Müdigkeit, die den Frauen aus sehr alten Geschlechtern eigen ist. Von solcher Abkunft zeugte nicht minder die anscheinende Gebrechlichkeit eines mädchenhaft überfeinen Körpers und die sphinxartige Haltung und Neigung des Kopfes auf dem zarten, schlanken Hals.

Die Fackeln waren fast alle verloschen. Sie schritt gegen das Zelt, in dem Hephästions Leiche lag. Es war von den Wachen im Stich gelassen. Sie wußte es, war es doch ihr sorgsam berechnetes Werk, hatte doch sie selbst den ehrgeizigen Charippos fortlocken lassen, den sie einzig fürchten mußte.

Aufseufzend blieb sie stehen. Durch den Kriegs- und Leidenssturm hinausgestoßen aus der tiefen Träumerei ihrer königlichen Einsamkeit, war ihr ganzes Wesen bodenlos, gesetzlos und ruhelos. Nicht im Vergangenen mochte sie weilen, der Gegenwart lebte sie nicht mehr, von der Zukunft erwartete sie nichts. Als Hephästion gestorben war, wurde es ihr bewußt, daß sie ihn geliebt hatte in solchem Maß, daß Speise und Trank, Schlummer und Wachen, die Bedürfnisse des Körpers ihr nicht mehr als eines Traumes Traum waren. Es gab Tage oder Nächte, beides war vor ihren Sinnen kaum geschieden, wo sie vor der furchtbaren Ischtar im Staube gelegen und die Haut blutig geschlagen hatte, und andere, wo sie beim priesterlichen Weihgesang die Glieder in das Grab voll purpurnen Mohns getaucht, das im Tempel des Herrn der Beschwörung gegraben ist.

Sie wollte Hephästions Leib wenigstens im Tode besitzen, dem sie im Leben nichts gewesen war, nicht einmal so viel wie eine Sklavin, die man anschaut, um sie für eine Nachtstunde aufs Lager zu schleppen, nicht einmal so viel wie ein flüchtig blitzender Stein, den man in die Hand nimmt und wieder fortwirft, nicht so viel wie ein rosa Wölkchen, an dem das erdensatte Auge zur Abendzeit Ergötzung findet, nichts, nichts. Sie wollte ihn sehen, ansehen, so lange sie es vermochte, ungeschreckt von der Maske des Todes, sie wollte vor der Behausung knien, in der die lichte Seele geweilt, sie wollte die geliebte Hülle zu Uruk in der Totenstadt begraben, damit sie nicht dem Feuer verfalle und aus dem Himmel Zarathustras ausgeschlossen werde – dann wollte auch sie sterben.

Die Sklaven kamen heran, die hinter den Musikanten wartend auf der Erde gelegen.

Unterdessen wanderte Charippos an der Seite des Griechen unverdrossen durch Gassen und Tore, über Brücken und weite Plätze. Der Bote verfolgte seinen Weg, ohne sich umzuschauen, mit großer Eile. Sie kamen an verschlossenen Tempeln vorüber, vor denen riesige Altäre auf Löwenfüßen standen. Sie überschritten breite Straßen, die so gerade hinliefen, als wären sie mit dem Richtscheit ausgemessen. Der Schein der Laternen, Illuminationen, Fackeln und frei brennenden Feuer widerstrahlte prachtvoll und phantastisch auf den glasierten Tonziegeln hoher Mauern. Sie sahen Türme sich erheben, flammend im unbestimmten Rotlicht, wie aus Dunst erbaut, seltsamer Zierate voll, hochaufstrebend. An Palästen schritten sie vorüber, aus denen kein Laut drang; wie schlafend standen die ungeheuren Bauten auf weiten Terrassen, und menschenköpfige Löwen, sich aufbäumende Bronzeschlangen sahen herab, mit wunderlichem Leben begabt, das ihnen alle Schrecken der Bewegung verlieh. Es tauchten Statuen auf aus schwarzem Stein; in dumpfer Majestät ragten sie, verkörperten die Urnacht, der die Wesen in lautlosem Kampf sich entringen, hatten Augen aus Elfenbein mit goldenen Sternen, und hinter dem starren Lächeln ihrer Lippen schlummerte tückisch die Finsternis des Todes. Sie kamen an hängenden Gärten vorüber, die sich weit emportürmten mit ihrer Palmenpracht, ihren Lorbeerbüschen, ihren vergoldeten Säulen; geheimnisvoller Hauch wehte herab, und schmeichlerisch sang bisweilen eine Nachtigall.

Klopfenden Herzens erlebte Charippos nun doch diese Stadt. Er vergaß sich selbst, und als sie über eine der gewaltigen Brücken gingen, stand er hochatmend still und klatschte in die Hände. »O herrlicher Strom!« rief er aus und schaute befangen hinunter in das dunkelströmende Wasser, auf dem zahllose Boote und Barken mit blauen, grünen oder roten Laternen fuhren. Und noch einmal brach er aus und erhob treuherzig bewundernd die Arme: »O großes Babylon!«

Er wandte sich ab, um seinem Führer weiter zu folgen, aber dieser war verschwunden.

Er lief einige Schritte nach der Richtung, die der Grieche eingeschlagen haben mußte, glaubte da oder dort den weißen Helmbusch des Menschen zu sehen, doch es war Täuschung. »Eho!« schrie er durch die hohle Hand. Zu seinem Ärger wurde er inne, daß er nicht einmal den Namen des Boten wußte. Es blieben Leute stehen, Babylonier und Perser, die sein auffälliges Treiben beobachteten. Er ging hin und fragte, ob sie nicht einen Mann bemerkt hätten, der so und so ausgesehen. Sie verstanden ihn nicht und schüttelten die Köpfe in ihrer leeren, obwohl würdigen Weise. Er hielt andere an, erkundigte sich nach dem Palast des Satrapen, niemand gab Antwort, niemand wollte ihn verstehen. Sie verachteten den aufgeregten Fremdling.

In Charippos entstand der furchtbare Argwohn, daß er betrogen worden sei, ein Gedanke, der seine Glieder lahmte und den Blick erstarren ließ. Was war im Werk? Hatte er mächtige Feinde?

Nun galt es, den Weg zurückzufinden. Er wußte nicht einmal den Namen des Platzes, wo die ihm anvertraute Abteilung lag. Im Brückentor war makedonische Wache. Er kannte den Befehlshaber, einen »gewissen Euktemon, der durch sein von Narben zerfetztes Gesicht berühmt war. Er wagte nicht hinzugehen, aus Furcht, sich zu verraten. Gesenkten Kopfes schlich er rasch vorbei und gab das Losungswort mit verstellter Stimme.

Doch wohin? Nach allen Seiten liefen die unendlichen Straßen, und viele lagen leer und finster. Charippos zog den Mantel fester zusammen, drückte den Helm tiefer in die Stirn, so daß die Nackenschiene steil am Hinterkopf abstand, und eilte aufs Geratewohl in die erste dunkle Gasse hinein.

Mißgestalte Hunde liefen herum und weinten wie Schakale. Immer seltener begegneten ihm Menschen. Das Pflaster dröhnte von seinem Schritt. Die Häuser schienen ausgestorben. Beängstigt irrte er weiter und weiter. Er kam zu einem Zypressenhain. Durch das Dunkel schienen weißliche Gestalten zu schweben und wie Nebel sich an die langen Wipfel festzuklammern. Ein Gebet murmelnd, wollte er hastig vorübergehen, als ihn das Getöse vieler Schritte und der Lärm vieler Stimmen zögern ließ. Er fürchtete Verfolger, und was er getan, war ihm bereits als Verbrechen bewußt. In den Schatten der Bäume tretend, vernahm er deutlich die Stimmen der Nahenden.

Es waren griechische Hauptleute. Sie unterhielten sich laut, fast stürmisch. Sie sprachen vom Tod des Inders Kondanyo; sie hatten mit angesehen, wie er auf den Scheiterhaufen gestiegen war, wie ihn die Flammen erfaßt hatten. Einer von ihnen blieb stehen, und seine Meinung voll Gewicht ausdrückend, sagte er, daß von allen sterblichen Menschen höchstens Sokrates einen gleich schönen und würdigen Tod gestorben sei. Sokrates aber sei gezwungen worden zu sterben, wandte ein anderer ein, der eine tiefe, melodische Stimme hatte, und dieser habe freiwillig auf das Leben verzichtet.

Sie schritten vorbei. Gharippos hörte sie aus größerer Ferne lachen, und ihm ward wehe; er ahnte, daß seine Lippen nie wieder lachen würden. Die Geister des Ehrgeizes flohen aus seiner Brust, und eine schattenvolle Betrübnis senkte sich über ihn. Sie verhinderte ihn, seinen Weg fortzusetzen, und hielt ihn im Dunkel des Haines fest. Ohne klaren Gedanken, ganz in Trübseligkeit versunken, schritt er tiefer in die Finsternis, die er zu fürchten aufgehört hatte und die so dicht war, daß er oft mit der Schulter oder dem Arm an einen Baumstamm stieß. Er beschloß sich niederzulegen und den Tag zu erwarten, als er plötzlich in eine Lichtung trat, in deren Mitte ein kleiner See das milde und schwache Leuchten des nächtlichen Himmels widerspiegelte. Nur traumhaft sichtbar zeigte sich auf dem Wasser eine Insel, auf der ein Tempelchen stand.

Wie hingezogen, schritt Charippos an den Rand des Wassers, das von heiligen Fischen bewohnt war. Einige tauchten aus der Tiefe auf und glitten silbern schimmernd vorbei, als sei ein Zauberlicht hinter ihren Schuppen verborgen. Sie spürten die Nähe des Fremdlings.

Während Charippos befangen und ratlos über die Wasserfläche blickte, hörte er neben sich die Atemzüge eines Schlafenden. Er erschrak und wollte in den Hain zurückkehren, doch sein scharfes Auge gewahrte, daß der Liegende ein makedonisches Kleid trug. Dies verwunderte ihn; er bückte sich und rüttelte den Arm des Schläfers. Der Mann fuhr empor.

»Was machst du hier?« fragte Charippos, der, dem einzelnen gegenüber, seine Haltung wiedergewann. Als der Erwachte die Augen rieb und verstört um sich blickte, fuhr er mit einiger Strenge fort: »Wo kommst du her? Wer bist du?«

»Was schreist du denn und gebärdest dich, als ob du ganz Asien in der Tasche hättest?« lautete die unwirsche Entgegnung. »Ich bin Arrhidäos, Alexanders Bruder.«

Charippos prallte zurück, als habe er einen Stoß erhalten. Alexanders Bruder! Eine Ehrfurcht ergriff ihn, die dem Grauen verwandt war. Er fiel auf die Knie, nannte seinen Namen, erzählte abgerissen das Erlebnis dieser Nacht und verschwieg nicht seine Schuld. Er flehte um Rettung, er bat, daß Arrhidäos den Fürsprecher bei Perdikkas mache, falls sich etwas Schlimmes ereignet haben sollte.

Arrhidäos wandte das Gesicht ab und schwieg. Diese Worte waren Musik in seinen Ohren, vermochten sie ihn doch für einen Augenblick über das Gefühl seiner Ohnmacht und Verlassenheit hinwegzutäuschen. Gewiß hätte er Kameraden, Zech- und Spielkameraden zu finden vermocht, aber sein schwärmerischer Sinn, den schalen Vergnügungen abgewandt, verlangte nach der Freundschaft der Besten. Und so in seiner Einsamkeit überstürzte sich seine Phantasie bald in Vorstellungen der Macht und des Ruhms, bald in denen des Untergangs.

»Fürchte dich nicht vor Perdikkas«, tröstete er den zerknirschten Tetrarchen. »Nur wenn du dich klein machst, wird dir Perdikkas groß erscheinen. Es ist eine Zeit wahrlich, in der alle wie die Hunde in Furcht voreinander leben. In eine schmutzige Glut sind alle Geister versetzt. Mir ekelt, Charippos, mir ekelt bis in Herzensgrund. Es ist eine großartige Kraft in mir, sie macht mich dem höchsten König gleich, und wenn ich nur ein Bettler bin. Aber jetzt ist es so weit gekommen, daß der Schändlichste mit seiner befleckten Hand den göttlichen Funken in der Brust des Reinsten verlöschen darf. Perdikkas! Wer ist Perdikkas? Ein nüchternes Söldnerhirn, ein streberischer böser Greis. Seine Macht ist ein Zufallsgespinst, ein Witz des Schicksals. Und die andern! Ach, die Worte versagen mir.«

Charippos machte große Augen, doch gestattete er dem Befremden keinen Raum in seinem Innern. Er war glücklich, daß sich ihm dieser Mann so rückhaltlos gab.

»Was für eine Stadt ist dieses Babylon!« fuhr Arrhidäos unvermittelt fort. »Wie reich, wie groß, wie bewegt, wie wunderbar in allen Teilen! Sie ist wie ein Tier, wie ein gewaltiges Tier, in der Nacht funkeln seine Augen, und sein Rücken zittert. Erst seit dem Morgen bin ich hier, und schon habe ich einen Gott sterben gesehen. Ich war dabei, als er den Scheiterhaufen bestieg, dieser rätselhafte Inder, ich habe gesehen, wie seine Seele leuchtete. Es war, als ob er die ganze Erde in seiner Hand hielte und sie lächelnd mitverbrennen ließe. Er erschien mir größer als Alexander. Wenn ich Alexander sage, so hast du ein Gefühl, als ob ein Blitz aus meinem Mund führe, ist es nicht so, Charippos? Und warum? Was hat Alexander denn so Ungeheures getan? Er hat Schwächere besiegt, hat unfähige Fürsten verjagt, hat den Ehrgeiz der Ehrgeizigen ausgenützt, die Kraftlosen eingeschüchtert, hat mit vielem Geld Städte gebaut, hat mit dem Blut der Seinen nicht gespart, weil er des Lebens nicht achtete. Aber hat er die Menschen besser oder auch nur klüger gemacht? Hat er ein einziges Mal eine einzige Seele erhoben und erquickt? Hat er einen Müden weitergeführt, einen Stummen redend gemacht, einen Traurigen froh? Nein. Wenn das Geschick einmal weise und sehend handelt und nicht mehr blind die Rollen verteilt, dann wird sich etwas ereignen, wobei ihr staunen sollt, Makedonier«

Jetzt geriet Charippos in Bestürzung. Ihm war wie einem Priester, vor dessen Augen der Altar bespien wird, an dem er soeben gebetet. Es ward ihm unbehaglich in Arrhidäos' Nähe. Beklommen schaute er sich um und sagte: »Der Tag bricht an, ich muß gehen.«

»Gut«, erwiderte Arrhidäos, »gehen wir, ich will dich begleiten. Aber du mußt langsam gehen, ich fühle mich etwas matt. Es ist die weiche süße Luft in Babylon, die den Menschen erschöpft. Wo liegt deine Abteilung?«

Beide hatten sich erhoben. Charippos besann sich. »Es ist ein Kanal da ... gegen Mittag«, stotterte er verlegen, »und gegen Mitternacht sieht man den großen Palast. Jedenfalls ist es weit von hier.«

Sie schritten durch die Dämmerung des Hains. Der Duft wohlriechender Krauter erfüllte die Luft, und es herrschte eine wundervolle Stille. Als sie die Straße erreicht hatten, war sie schon in die sanfte Glut der Morgenröte getaucht. Die Gipfel der Bäume neigten sich unhörbar und schienen bis ins Innerste von purpurnem Licht getränkt. Ein frischer feuchter Wind wehte, und graublaue Wolken zogen in außerordentlicher Höhe über den flachen Dächern. Kein Mensch war zu sehen. Laut schreiend zog ein Schwärm von Kranichen über den erwachten Hain.

Mit Verwunderung beobachtete Charippos die Gestalt des Arrhidäos, der in langen Zügen die Morgenluft durch die geblähten Nüstern sog. Über der schlechten und abgerissenen makedonischen Rüstung trug er einen herrlichen Safranmantel mit Goldsaum und Palmettenstickerei, das einzige Geschenk seiner unglücklichen Mutter. Das schwarze Haar hing in dünnen Strähnen zu beiden Seiten des Gesichts herab. Auf seinem Kopf saß eine Lammfellmütze.

Eine Zeitlang gingen sie wortlos nebeneinanderher. Plötzlich sagte Arrhidäos mit der ihm eigenen kindlichen Leidenschaftlichkeit: »Du gefällst mir, Charippos. Du hast etwas Bescheidenes und Aufrichtiges in deinem Wesen. Das tut mir wohl, denn ich habe in meinem Leben nichts als Hoffart und Falschheit erfahren. Zum Beispiel die Leute, die mit mir nach Asien gekommen sind, haben mich alle verlassen, weil ich sie nicht gleich bezahlen konnte. Und ich war ihnen ein guter Herr, das darfst du mir glauben. Sei mein Freund, Charippos, laß uns Freunde sein.«

Mit schwankender Empfindung vernahm Charippos diese Worte. Auf so unmittelbare Hingebung war er nicht gefaßt, und sie verringerte sein Vertrauen. Zaghaft legte er seine Hand in die sich ihm entgegenstreckende des Arrhidäos.

Karren, mit Gemüsen, Fleisch und Früchten beladen, fuhren vorüber, rollten dumpf über die Steinplatten des Pflasters, und auf den Kanälen glitten ruhig die kleinen Getreideschiffe hin.

»Jetzt erkenn ich den Weg!« rief plötzlich Charippos voll Freude. »Von dieser Brücke aus müssen wir nach links, an dem Obelisk vorbei, da bin ich gestern gegangen.«

Arrhidäos blickte nachdenklich vor sich nieder. »Du bist am Ziel«, sagte er seufzend, »das meine ist noch weit.«

Eine flüchtige, aber schreckliche Ahnung durchzuckte Charippos. Er fing an, schneller zu gehen, so daß ihn Arrhidäos kaum zu folgen vermochte. Sie gelangten zu einem Olivenwäldchen, und da blieb Arrhidäos stehen. Sein Gefühl von Würde sträubte sich gegen diese Hast, die man nur an Sklaven wahrnimmt. Er ließ sich am Fuß eines der grünlichen Stämmchen nieder und rief Charippos zu, daß er in einer kleinen Weile nachkommen werde. Es drängte ihn, hier zu verweilen und zu träumen, ein Trieb, der oft wie ein krankhafter Anfall über ihn kam und dem er nicht widerstehen konnte. Es war ein qualvolles Sinnen, das ihn bewegte und sein Gemüt aufrüttelte.

Er nahm eine Handvoll Datteln und etwas Bäckerei aus der Manteltasche und begann zu essen. Doch jeder Bissen widerte ihn an. Es war, als ob alle Hindernisse, die sein Wollen fand, sich wie Mauern um ihn erhöben und ihn gefangenhielten. Er warf Früchte und Backwerk fort, und die verschlungenen Hände um die Knie gefaßt, schaute er verzweifelt vor sich hin. So war immer sein Alleinsein beschaffen: Seelenkrampf; ein Überschwellen des Kummers um ein unbekanntes, unerreichbares, gestaltloses Ziel; Streit mit den eigenen Träumen, uferlose Trauer. Da versagte ihm die Vernunft jede Hilfe, die Phantasie jeden Trost.

Charippos, an der Uferböschung hinabschreitend, gewahrte bald die Zelte seiner Abteilung. Aber was für ein Anblick bot sich seinen Augen! Es war kein friedliches Lager mehr, es war ein Tumult. Die Söldner rannten durcheinander, schon von weitem war ihr Geschrei zu hören. Mit fuchtelnden Armen schrien sie, und ihre Gesichter waren bleich.

Kaum sahen sie Charippos, als ihm sieben oder acht entgegenstürzten.

Ein unerhörter Frevel war geschehen. Hephästions Leichnam war geraubt.

Mit einem Aufschrei fiel Charippos zu Boden.

Der Hauptmann Agenor kniete neben ihn hin und rüttelte ihn an den Schultern. Die andern tobten und schrien, wie sie vorher getobt und geschrien hatten. Das Schuldbewußtsein würgte sie, erdrückte sie. Das Geständnis ihrer Ausschweifungen an diesem Ort, ihrer Pflichtvergessenheit mußte allen den Tod bringen. Ihre einzige Hoffnung war Charippos gewesen. Die Räuber verfolgen? Wohin? Wer war es? In welchem Teil der unermeßlichen Stadt hielt er sich auf? Die Verwirrung wurde immer größer.

Da erschallte ein erstickter Ruf, und hundert Stimmen flüsterten, stammelten den gefürchteten Namen Perdikkas.

Von Agenor gestützt, richtete sich Charippos langsam empor. Aus seinem Gesicht war jedes Zeichen des Lebens entschwunden. Er riß sich von Agenor los und stürzte mit brüllendem Aufschrei Perdikkas zu Füßen, dessen Knie umklammernd.

Der Leibwächter verfärbte sich und fragte, was geschehen sei. Agenor trat herzu und wollte sprechen. Er konnte nicht, die Worte blieben tonlos im Hals, Sein ausgestreckter Arm wies auf das entweihte Totenzelt. Mit einem Satz, einem Sprung war Perdikkas dort. Die Söldner starrten zur Erde, wo zerbrochene Kannen und zerfetzte Kränze lagen. Jenes Zelt, dessen Türvorhang verbrannt war, schaute wie mit einem hohlen Auge auf die Schweigenden.

Schnell hatte sich Perdikkas gefaßt. Durch kurze Fragen entpreßte er den Zunächststehenden, was er wissen mußte. Alexander gegenüber war er allein verantwortlich. Unabsehbare Folge trug es für ihn, wenn Alexander in Erfahrung brachte, was sich hier ereignet hatte. Mit gewaltiger Anstrengung sammelte Perdikkas alle Besonnenheit, deren er fähig war. Sein gelbliches Gesicht schrumpfte zusammen, die weißen Brauen unter der unschönen Stirn ballten sich wie Wolken, und als er unter die still wartenden Söldner zurückschritt, war sein Entschluß fertig.

»Charippos!« rief er mit metallisch tönender Stimme.

Charippos wankte in die Mitte des schnell gebildeten Kreises. Ein Schauer nach dem ändern huschte über sein jünglinghaft hübsches Gesicht.

»Ein Soldat, der seinen Posten verläßt, muß sterben«, sagte Perdikkas. »Wenn ein Befehlshaber es tut, soll er dreifach sterben. Ich verurteile dich ohne Stimmenabnahme zum Tod, Tetrarch. Isäos, Euthios, Anytos, tut eure Pflicht!«

Charippos hatte bis jetzt so heftig an Armen und Beinen gezittert, daß es aussah, als wolle er von neuem hinstürzen. Doch als er das Urteil vernommen hatte, kehrte eine eigentümliche Ruhe in ihn ein. Die Züge seines wachsbleichen Gesichts versteinerten sich, die blauen Augen erhielten einen dunklen, stählernen Schimmer, sie schienen gefüllt von den gefrorenen Träumen seines einst so ungestümen Ehrgeizes. Er sah und erkannte, daß ihm nichts übrig war, als wie ein Mann zu sterben. So kreuzte er mit heldischer Gebärde die Arme über der Brust, als die drei Makedonier mit gezogenen Sehweiten auf ihn eindrangen. Mechanisch wich er einen einzigen Schritt zurück, mechanisch lächelte er, dann spürte er einen wahnwitzigen Schmerz in der Brust, ein Ding so kalt wie Wasser in seinem Bauch, und ächzend stürzte er vornüber zu Boden. Noch ein Augenblick schwerer Todesangst, und es war aus mit ihm.

Perdikkas trat an die blutbegossene Leiche und winkte den Söldnern, daß sie sich dichter um ihn scharen sollten. Mit unterdrückter Stimme begann er zu reden. Er sagte, daß sie eigentlich alle das Leben verwirkt hätten und daß es nur ein Mittel zu ihrer Rettung gäbe: unverbrüchliches Schweigen über die Ereignisse der Nacht und des Morgens. Er forderte sie zum feierlichen Schwur auf, und die Söldner, von Freude berauscht, daß sie so leichten Kaufs davonkommen sollten, erhoben den Arm. Sie glaubten, einen Beweis der Gnade und Liebe von Perdikkas zu empfangen, denn sein herrschermäßig kühles Wesen ließ sie nicht erkennen, daß er als Schuldiger unter Schuldigen handelte.

Perdikkas sagte ferner, die Nachforschungen um den geraubten Leichnam sollten sogleich beginnen und insgeheim betrieben werden. Indessen gebot er, den Körper des Charippos zu entkleiden, zu waschen, zu salben und ihn einstweilen in den erbrochenen Sarg Hephästions zu legen. Am Abend sollte der Sarg, in den fertiggestellten goldenen Sarkophag eingeschlossen, zum Tempel des Serapis gebracht werden.

Den Soldaten lief es kalt über den Rücken. Sie fanden etwas Grausiges in der Vorstellung, daß der unscheinbare Charippos im Tode das herrliche Haus beziehen solle, das durch die Trauer Alexanders gefeit und geheiligt war. Doch am Gehorsam hing ihr Leben, jeder begriff, daß ein Augenblick des Zauderns alle zugrunde richten würde, und tief in ihrer Brust befestigten sie noch einmal den Entschluß ehernen Stillschweigens.

Während einige Söldner die Leiche davontrugen, drängte sich ein Mensch in den dichtstehenden Kreis, dessen Nahen in der allgemeinen Erregung nicht bemerkt worden war. Die ersten, die ihn als Fremden erkannten, hielten ihn fest. Es war Arrhidäos. Er fragte nach Charippos, man antwortete ihm nicht. Die Söldner suchten ihn vom Vordringen abzuhalten, denn das Blut des Gerichteten floß noch über die Erde, wo er gelegen war.

Arrhidäos ahnte Böses. Er wollte sich losreißen. Da kam Perdikkas auf die bewegte Gruppe zu. Mit finsterer Miene wandte er sich an Arrhidäos und sagte scharf: »Du suchst Charippos? Er hat soeben den Tod eines Verräters erlitten. Sein Körper liegt im Wasser des Kanals.«

Arrhidäos' Augen erweiterten sich und verloren ihren Glanz. Er schlug die Hände zusammen, und sein Kopf fiel gegen die Brust. Ihm war, als ob das Geschick nun wieder eine Brücke in Trümmer geschlagen hätte, die zur Erfüllung seiner Träume führte. Nicht sosehr das Ereignis selbst verwundete sein Herz als die Tücke, mit der es die Stunde gewählt hatte. Mir wird kein Glück, fuhr es ihm durch den Kopf. Wie ein Knabe stand er vor Perdikkas und den Söldnern, fühlte nicht ihre unruhigen, verächtlichen Blicke, wagte nicht zu fragen, nicht aufzublicken. Er betrauerte nicht Charippos, sondern den Freund, den ihm das Schicksal ein für allemal versagte.

Perdikkas beobachtete den jagenden Wechsel des Ausdrucks in Arrhidäos' Gesicht. Seltsam, manches in diesen Zügen erinnerte ihn plötzlich auffallend an Alexander. Er lächelte düster.

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