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Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Alexander als Herr Asiens

Das erste Kriegsjahr in Asien (334 v. Chr.)

Wer im Automobil staubwirbelnd an Städten und Dörfern vorüber durch die Länder und über die Gebirge rast, der denkt: es gibt nichts, so schnell und so hemmungslos als dies. Schneller aber noch ist die Zeit; die Zeit ist der Selbstbeweger, der ohne Benzin und Benzol dahinrollt aus einem Tag in den andern und nirgends rastet. So kennt auch die Weltgeschichte keine Rast; sie kennt nur Arbeitstage und keinen Sabbat.

Während wir in der Vergangenheit blätterten und bei Kyros, bei Babyloniern und Assyrern uns aufhielten, ist Alexander schon längst in Kleinasien eingerückt, hat schon am Granikus gesiegt und rückt schon gegen Halikarnaß. Ada, die karische Fürstin, harrt dort schon auf ihn, um ihn mütterlich zu begrüßen. Hören wir, was inzwischen geschehen. »Sein Schwert hing gegürtet an seiner Hüfte; das ging in der Scheide gern aus und ein.« Aber er war nicht nur der Mann der Tatkraft, der klug und blitzschnell handelt; auch das Glück liebte ihn. Das »Gott mit uns« hat er selbst gesprochenArrian II 7, 3..

König Darius, ja, schon sein Vorgänger König Ochus wußten genau, daß Mazedonien den Angriff rüste. Eine starke, überlegene Flotte hatte Darius auf dem Meer, mit der er versuchen mußte, die Dardanellen zu gewinnen, auch nur das Inselchen Tenedos, das dort bei Troja in der Nähe der Einfahrt liegt, zu besetzen; er hätte den Störenfried gleich bei der Gurgel gefaßt. Aber es geschah nicht, und Alexander kam mit seinem Heer von etwa 40 000 Mann und seinem Belagerungspark und Train völlig ungestört über die Dardanellen, von Sestos nach Abydos; es ist die Strecke, die Leander durchschwamm, als er seine Hero suchte.

Er kam übrigens nicht nur mit 40 000 Mann, sondern auch mit Schulden. Seine Finanzen waren äußerst schwach bestellt. Er nahm Gelder auf von den Städten oder auch von seinen Offizieren (wir wissen das nähere nicht), um seine Soldaten 97 und Troßknechte vorläufig zu bezahlen. Er wußte, er würde bald die Hände voll Geld haben.

Große Körper sind langsam; das Perserreich lag schwerfällig still und zuckte nicht einmal auf, als Alexander nun wirklich Asiens Boden unter seinen Füßen fühlte. In Babylon unterschätzte man den fernen Eindringling; für Darius war er der an Größenwahn leidende Zwerg.

Es ist der Frühling des Jahres 334. Friede ringsum; die Landbevölkerung flieht gar nicht vor den Mazedonen; jeder lebt da unter seinem Weinstock und Feigenbaum und läßt den Krieg Krieg sein. Und auch Alexander bezähmte seine Hast. Ließ der Feind ihm Muße, so wollte er sein großes Werk mit einer heiligen Handlung beginnen. In der Nähe Trojas, der Stadt der Ilias, war er gelandet, wo erinnerungsvoll die Leichenhügel des Achill und Patroklos ragten. Eine kleine Stadt, die Trojas Namen trug, lag da immer noch auf dem Hügel. Heute streifen die Archäologen das Schlachtfeld der Ilias ab, wo Achill den Hektor um die Stadtmauer hetzte, und Schliemanns Wühlarbeit hat gar Troja um- und umgekehrt. Alexander war weniger neugierig. Ihm war dies vielmehr eine heilige Stätte; denn seine Mutter Olympias rühmte sich, von Achill herzustammen. So war Alexander Achills Enkel, und er beging ein Werk der Frömmigkeit, indem er dem Achill und Patroklos in feierlichem Aufzug, mit Hymnensängern und Orchestermusik Totenopfer brachte. Die besten griechischen Artisten hatte er in seinem Gefolge; während des ganzen Kriegs blieben sie sein Geleit. Hephästion war Alexanders intimer Jugendfreund; er war sein Patroklos; Hephästion mußte die Leichenhügel des Achill und Patroklos schmückenDaß Hephästion von vornherein zu Alexanders sog. Leibwachen gehört hat, versteht sich wohl schon darum, weil er dem Alexander durch Freundschaft am allernächsten stand; er hätte ihn vor andern nicht zurücksetzen können. Daher wird bei Arrian seine Ernennung zum Somatophylax auch nie erwähnt, anders als die des Leonnatus (III 5, 5). Alle sieben oder acht Männer dieses Amtes werden VI 28, 4 aufgezählt; die Reihenfolge der Namen ist da sicher keine zeitliche; Leonnatus steht da voran; aber er kann nicht früher ernannt worden sein als die andern. Daß Hephästion am Granikos, bei Issus, vor Tyrus und Gaza noch nicht im Kampf erscheint, erklärt sich daraus, daß jenes Amt ein Ehrenamt war; sie waren wie die Adjutanten zu den verschiedensten Zwecken verwendbar. Erst nachdem Alexander viel Personal verbraucht hat, nachdem er für Kleinasien, Syrien, Ägypten alle hohen Beamtenstellen mit Mazedonen besetzt hat, wird Hephästion der Gefahr der Schlachten nicht mehr entzogen und erhält nun gleich das angesehenste Reiterkommando. Wo er kann aber, schont ihn Alexander und beauftragt ihn mit der Vertretung seiner eigenen Person in politischen, baulichen, sakralen Angelegenheiten: Schmückung der Grabhügel, Einsetzung eines Vasallenkönigs, Neubau von Städten und Brücken. Alexander gründete persönlich viele wichtige Städte; oft aber tritt sein alter ego dabei an seine Stelle (z. B. Arrian IV 16, 3; VI 18, 1 u. sonst). In Indien erhält Hephästion ein selbständiges Kommando, während Leonnatus unter der Führung Alexanders bleibt (VI 20); hernach aber, als Alexander Indien verläßt, wird Leonnatus in Indien stationiert und zurückgelassen, während Alexander sich von Hephästion nicht trennen will; dieser macht den Rückmarsch durch die Wüste mit (VI 22, 3). Zum Satrapen macht er den Freund offenbar nicht, weil er sich nicht dauernd von ihm trennen will. Daß Hephästion eine ganz besondere Figur im Heer, die Hauptperson neben Alexander war, verrät sich einmal in dem αὐτός (III 15, 2), wo Arrian Verwundete nennt, von Hephästion aber sagt, auch er »selbst« wurde verwundet.

Warum wird nie eine Heldentat des Hephästion erwähnt? Warum erscheint er nie unter den Verteidigern Alexanders im Kampf, in Gaza oder bei den Mallern in Indien? Ich glaube, seine Gestalt ist in der Geschichtschreibung absichtlich verdunkelt, weil Neid gegen ihn bestand; diesen φϑόνος bezeugt Arrian VII 4,42 ausdrücklich. Ptolemäus sowohl wie Aristobul waren ἑταῖροι Alexanders; aus Neid haben sie in ihren Geschichtswerken über Hephästion nur das Nötigste berichtet. Hephästion starb früh und konnte sich darüber nicht beschweren. Als Ersatz dafür konnte damals Kallisthenes gelten; dessen Geschichtsbuch aber reichte nur bis zum Jahr 327; sodann Eumenes' Briefe (Lucian, Totengespräche 8).

Kallisthenes ist es, der die Figur des Aristander in seinem Werk öfter auftreten ließ, des Sehers, der nach dem Jahr 327 aus den Berichten ganz verschwindet. Derselbe Kallisthenes interessierte sich auch ohne Frage persönlich für den Leibarzt Philippus und hat uns die Erzählung über ihn gegeben; denn Kallisthenes stand dem Aristoteles nahe, der seinerseits wieder zu den Hofärzten in Pella in persönlich naher Beziehung gestanden haben muß; auch des Aristoteles Vater war ja Leibarzt; hernach verschwindet daher auch der Arzt Philippus gänzlich; insbesondere fehlt er bei Alexanders Todeskrankheit. So verschwindet nun auch jede Schilderung des Verkehrs zwischen Alexander und Hephästion aus den Berichten über die Jahre 330 bis 324. Insbesondere würde man in den erregten Szenen beim Trinkgelage, in den Gerichtsszenen Hephästion als Versöhner, Tröster, ausgleichende Person oder sonst irgendwie erwarten. Wozu sonst war er der intime Freund, der den König durch Mahnung zu beschwichtigen pflegte, wie es bei Curtius III 12, 16 heißt?

Was Hephästion im Hauptquartier bedeutet hat, ersehen wir zufällig aus Marsyas Pellaeus Περὶ Ἀλεξάνδρου Fr. 8 Müller, der uns sagt, daß der Athener Demosthenes, um sich mit Alexander auszusöhnen, einen Vermittler an Hephästion schickte. Das »et hic Alexander est« traf also wirklich zu. Und nun Sidon. Dort, heißt es, bewirkte Hephästion die Absetzung des Vasallenkönigs Strato und setzte den Abdalonymus an die Stelle. Diese Geschichte wird deshalb bezweifelt, weil Arrian sie II 15, 6 ausläßt. Sie paßt aber sehr gut zur Stellung, die Hephästion einnahm, aber auch zu dem, was Arrian dort sagt. Er sagt kurzweg, daß Sidons Bevölkerung Alexander in die Stadt einließ aus Haß gegen die Perser. Um so selbstverständlicher aber war, daß Strato, nachdem dies geschehen, des Königtums beraubt wurde. Denn Strato war eben bei der Perserflotte im Agäischen Meer gewesen, er war ausgesprochen persisch gesonnen, eine Kreatur Persiens, und gab der Volksstimmung, die Alexanders Einzug begünstigte, nur widerwillig nach; letzteres sagt Curtius IV 1, 16. Curtius ergänzt nur den Arrian, er widerspricht ihm nicht. Auslassungen bei Arrian erklären sich vielfach gewiß daraus, daß er nur den Strabo, nicht die vollen Originalquellen benutzt hat.

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An diesen Aufenthalt Alexanders knüpfte alsbald die Topographie dieses so erinnerungsreichen Bodens, die Ortskunde Alt-Trojas an, die man schon damals im Altertum mit Eifer betriebZu nennen ist vor allem Demetrius von Skepsis; s. A. Schulten in Neue Jahrbücher, 37 (1916), S. 154..

Was dachte Alexander? Glich er nicht wirklich dem Achill? Der rasche Zorn war derselbe; auch die Schnelligkeit; denn 98 Achill war der Renner; aber auch die Noblesse. Unvergeßlich ist Achill als Gabenspender beim Wettkampf, wie Homer ihn schildert. So großdenkend war auch Alexander im Geben. Nur eins fehlte: Achill wußte, daß er früh sterben werde; denn die Parzen hatten es seiner Mutter verkündet; dem Alexander dagegen schwiegen die Orakel. Er sollte auch darin dem Achill gleichen, daß der Tod zu früh kam; aber er wähnte es anders, träumte sich ein Leben von unzähligen Tagen und ahnte nicht, wie früh ihm der Hammer, mit dem er sein Werk aufbaute, aus den Händen fallen würde.

Auch eine Waffenweihung im Tempel zu Troja vollzog er nochDie Auszeichnungen, mit denen Alexander damals auch noch sonst Troja und das Andenken des Priamus behandelte, erklären sich daraus, daß er mütterlicherseits nicht nur Abkomme des Äakus, sondern auch des Dardanus war; vgl. C. von Holtzinger, Lykophons Alexandra S. 56 u. 60.. Auf dem Berg Ida wuchsen Lorbeerwälder. Von diesem Lorbeer hatte Alexander sich ohne Frage Zweige gebrochen; denn die Anwohner nannten ihn hinfort den AlexanderlorbeerTheophrast hist. plant. III 17, 4: δάφνη ἀλεξάνδρεια. Das Adjektiv ἀλεξάνδρειος leitet sich von Ἀλέξανδρος, nicht etwa vom Stadtnamen Ἀλεξάνδρεια her (Alexander benannte so auch in der Troas in der Nähe des Ida eine Stadt mit diesem Namen). Die Sache verhält sich genau so, wie die Νικολᾷοι φοίνικες nach Nikolaus von Damaskus benannt sind (Athenäus p. 652 A). Verglichen sei noch der Ἀλεξάνδρειον benannte Hain bei Teos (Strabo p. 644) sowie die von Alexander geprägten Statere, die ἀλεξάνδρειοι hießen (Pollux 9, 59). Gab es nun auch »Alexandrischen Weizen« (Theophrast VIII 4, 3), so muß diese Benennung sich ebenso erklären; Theophrast nennt ihn neben dem ägyptischen Weizen und von ihm gesondert. Vielleicht war dies eine Sorte, die der König für die Verpflegung des Heeres bevorzugte, und es stand damit ähnlich wie mit unserer Kaisertinte, Bismarckfedern u. a. Wenn Stephanus von Byzanz sagt, die ἀλεξάνδρεια βοτάνη führe davon ihren Namen, daß der König in den ἀγῶνες mit ihr bekränzt wurde, so scheint dies unsinnig.. Dann sah er sich voll Ungeduld nach den Feinden um, aber kühl und lauernd; er kannte keine Schwüle vor dem Gewitter. Sollte er nach Süden vorbrechen, die wundervolle Küste entlang, wo Ephesus und Milet und all die andern Griechenstädte seiner harrten, von Fruchtparadiesen umgeben, aufklimmend über blauen Meeresbuchten wie ein prunkendes Perlengeschmeide um den Nacken der Felsenküste? Es waren die Städte, um die einst Athen den Perserkrieg gewagt hatte. Wo stand der Feind?

Die beiden persischen Satrapen hielten Kriegsrat. Auch der griechische Stratege Memnon, der in des Darius Diensten stand, war dabei zugegen und hatte den großartigsten Verteidigungsplan; er riet alles Land ringsum völlig zu verwüsten, alles Fruchtfeld niederzubrennen; »geht dem Mazedonen die Fourage aus, muß er umkehren, wir aber umstellen ihn. Unsere Flotte geht gleichzeitig in die Dardanellen, und er kann nicht vorwärts und nicht zurück. Ja, wir bewirken, daß Athen und Sparta sich wieder gegen Alexander erheben. Wir brauchen da nur mit Geld zu streuen.«

In der Tat grollte Sparta immer noch in seinem Winkel, und Demosthenes war gegen Alexander mit Gift geladen. Mochte Alexander noch so laut verkünden, daß er den 99 Vergeltungskrieg der Griechen gegen Persien führe. Wir wissen, daß Demosthenes damals Gelder von Darius empfing; in Sardes fand Alexander im königlichen Archiv des Demosthenes Briefwechsel mit dem PerserkönigPlutarch, Demosthenes 20.. Der erste Mißerfolg des verhaßten Mazedonen hätte Athen mit in den Kampf gerissen.

Memnons Plan war gut. Es war ein Meisterstratege, der da gegen Alexander stand. Hätte Darius ihm nur sogleich die nötigen Vollmachten gegeben! Es herrschte auf persischer Seite immer das Zuspät. Der Mann stammte aus Rhodus, seine Mutter aber war eine vornehme PerserinMemnon war ἀδελφιδοῦς des Persers Pharnabazos.. Um so freudiger war er in des Persers Dienst gegangen, da es damals doch nur noch die Wahl zwischen zwei Gewaltherrschaften gab, der des Persers und des Mazedonen.

Die Satrapen aber verwarfen brüsk Memnons Vorschläge. Sie wollten ihre schöne Provinz nicht verwüstet sehen und zogen ihre Truppen zusammen. Sie stellten sich. Es galt vielmehr eine Schlacht zu wagen. Eine Schlacht: das war es, was auch Alexander wollte. Er fieberte danach. Er bedurfte eines glänzenden Auftaktes. Das sollte ihm werden. Übrigens hatte er in Mazedonien seinen bewährten Heermeister Antipater als Statthalter mit genügenden Truppen zurückgelassen, um Athen und die andern griechischen Kantone in Respekt zu halten.

Nahe genug, hinter dem Granikus, stand der Feind. Alexanders Vorhut stellte das alsbald fest zu seiner Freude. Ins nahe Marmarameer, (damals Propontis genannt) fließt der Granikus. Da Frühling war, führte er reichlich Wasser vom Gebirge. Die Ufer waren abschüssig. Parmenio, der Vertrauensmann und Senior unter Alexanders Generälen, riet von dem Wagnis ab, im Frontalangriff durch den Strom zu setzen. Der Perser war überdies mit angeblich 100 000 Mann numerisch überlegen, verfügte vor allem auch über eine gutgeschulte griechische Söldnertruppe. Alexander aber rief: »Über die Dardanellen bin ich gegangen und sollte nicht über den Granikus gehen?«, als existierte der Feind nicht.

Und es begann eine frisch-fröhliche Schlacht in rücksichtslosem 100 Anlauf, aber ganz anders als alle früheren Schlachten des Altertums, von denen ich weiß. Zwar wurde die übliche Schlachtordnung hergestellt, ein Zentrum zwischen zwei Flügeln; hier Infanterie, dort Kavallerie; die Entscheidung aber blieb ausschließlich der Reiterei: eine Reiterschlacht hoch zu Roß, und der König selbst stob voran, Feldherr und Fechter zugleich. Das war noch nicht dagewesen. Damit beginnt das Rittertum, das hernach auch die Folgezeit unter den Seleuciden beherrscht, die Romantik des Rittertums, die bei den Germanen im Kampf mit den Mauren und Sarazenen wieder auflebt; man denke an Kaiser Karls Tafelrunde, Gawein, Parzival und Ariosts rasenden Roland. So war auch Alexander auf seinem Streitroß Bukephalos.

Trompetenstöße, HalaligeschreiGriechisch ἀλαλάζειν.! Eine Abteilung Reiter setzt über den Fluß; die persischen Reiter werfen sich entgegen, das steile Ufer hinab, und drücken sie zurück. Aber der Angriff steigert sich, und die Mazedonen gewinnen Raum, gewinnen das flache Feld. Alexander selbst mit seinen »Genossen«, der Königsgarde, sprengt herein, und er sucht persönlich den feindlichen Feldherrn. Die Bataille wird zu lauter Zweikämpfen, Roß gegen Roß, ein blutiges Massenturnier mit Lanzenstoß, Speerstechen: die thessalischen und epirotischen Gäule gegen die edlen Pferde Asiens, die der heutigen arabischen Rasse entsprechen. Man ritt nur auf Hengsten. Man halte sich gegenwärtig, daß das Lanzenstechen enorm schwer ist, wo der Steigbügel fehlt. Es gab damals noch keine Steigbügel. Das setzt also gewaltig festen Schenkelschluß voraus.

Alexanders Stoßwaffe ist schon im Kampf gebrochen; vom nächsten Mann (er heißt Aretis) fordert er die LanzeDaß dieser Aretis Page war, wie O. Hoffmann, Die Mazedonen S. 179 ansetzt, erhellt nicht; jedenfalls war Aretis Kämpfer, da seine Waffe beschädigt. Die Pagen hatten übrigens die Pflicht, dem König aufs Pferd zu helfen, ἀναβάλλειν.; aber auch die ist schon unbrauchbar; ein anderer Mann aus Korinth gibt ihm die seine. Damit stürzt sich Alexander auf Mithridat, des Darius Schwiegersohn. Beide Fürsten sind Vorkämpfer ihrer Schwadronen, beide durch erlesenen Waffenschmuck kenntlich vor allen. Alexander traf die Stirn des Mithridates; der fällt vom Roß. Da saust der Perser Rhösakes heran, und sein 101 Stoß trifft Alexanders Helm. Aber das gut geschmiedete Eisen schützte, und Alexander durchsticht dem Gegner die Brust, als schon von hinten einer der beiden Satrapen (er hieß Spithridates) gegen ihn zum Schlag ansetzt; da haut Klitus, einer der älteren mazedonischen Offiziere, dem Satrapen den Arm ab. Dieser Klitus war Alexanders Retter.

Indes rückten immer mehr mazedonische Reiter über den Fluß, auch leichtbewaffnete Infanterie, die aufgelöst sich unter die Reiter mischt und im Getümmel die Pferde verwundet. Das feindliche Zentrum ist schon durchbrochen; die persischen Reiter werfen sich schon in die Flucht, so rasch, daß nur Tausend von ihnen im ganzen fielen. Untätig stand indes im Perserheer der Block der 20 000 griechischen SöldnerSie konnten sich in das Reitergefecht nicht mischen, sondern nur gegen Fußtruppen kämpfen; dies übersieht Kaerst I² S. 340.. Alexander führt jetzt Reiter und Fußvolk, die Phalanx seiner Schwerbewaffneten, gegen sie, und sie werden sämtlich zusammengehauen, ein Rest von 2000 gefangen.

Der Sieg war entschieden, rasch erfochten und so glänzend wie möglich. Der Feind wagte nicht einmal, um seine Verwundeten und Toten zu bitten. Gefallen waren nicht nur Mithridat und der eine der Satrapen, den ich nannte, sondern auch Arbupales und Pharnakes, zwei nahe Verwandte des Großkönigs selber. Der andere der Satrapen entkam in seine phrygische Provinz und nahm sich dort selbst das Leben wie jener Ahitophel in der Bibel, der dem Königssohn Absalon den falschen Rat gegebenII Samuelis 17, 23..

Die Aasgeier, die Leichenbestatter des Orients, die da freßgierig über jedem Schlachtfeld schweben, warfen sich schon auf die Gefallenen. Aber Alexander schmälerte ihnen die Mahlzeit, indem er sogleich das Massenbegräbnis anordnete und dabei auch für die ehrenvolle Bestattung der vornehmen Perser sorgte. Im Lazarett ging er persönlich von einem zum andern und fragte freundlich nach den Wunden seiner tapferen Leute. Das ist die schöne Pflicht des Kriegsherrn geblieben. Von seiner Leibgarde waren 25 gefallen; Lysipp, der große Bildmeister, der Alexander selbst so oft dargestellt hat, erhielt den Auftrag, 102 die Statuen dieser jungen Adligen in Bronze zu arbeiten. Man wird bemerken, daß diese Statuen gewiß nicht porträtähnlich ausfallen konntenObwohl dies Vellejus I II, 3 behauptet!; die Toten saßen dem Künstler nicht mehr; sondern ein Idealgesicht mit Namensbeischrift mußte genügen. Aber auch die andern Gefallenen, Offiziere und Gemeine, ehrte er; ihre Verwandten und Angehörigen sollten hinfort abgabenfrei sein. Die gefangenen griechischen Söldner dagegen (es waren auch Athener darunter) ließ er gefesselt nach Mazedonien schaffen; da mochten sie in den Bergwerken arbeiten, weil sie Verräter, als Hellenen gegen Hellenen gekämpft hatten.

Gleichwohl beschloß Alexander die Stadt Athen besonders zu ehren; 300 erbeutete persische Waffenrüstungen ließ er nicht etwa in Pella, sondern in Athen als Weihung im Tempel aufstellen. In der dazugehörigen Weihinschrift vermied er es feinfühlig, die Mazedonen zu nennen, deren Name dort immer noch mißliebig, sondern nannte nur »Alexander und die Griechen« als Sieger der Granikusschlacht. Er kämpfte eben unter dem Programm und wollte es deutlich machen, daß dieser Krieg kein mazedonischer, sondern ein Hellenenkrieg sei, und er selbst wollte sich damit das Recht erkämpfen, endlich als Vollhellene zu gelten, während Demosthenes in seiner berühmten Philippika vom Mazedonen so sprach, als sei er nichts als der verachtete Barbar. In diesem Geist ging Alexanders ganze Politik vorläufig planvoll weiter.

Daß er selbst im Kampfgewühl unverwundet blieb, war wie ein Wunder. Aber es war nicht nur der Rauftrieb, der ihn zum Vorfechter seiner Truppe machte; er tat es aus Überlegung; da er den Charakter der Orientalen kannte. In den Schlachten der Orientalen ist Sieg und Niederlage entschieden mit dem Fall des Königs und Feldherrn. So war es mit Mardonius, dem Schwiegersohn des Xerxes, bei Platää, so jetzt mit Mithridat und dem Satrapen. So lesen wir's auch im Alten Testament: der feindliche König, der auf seinem Wagen steht, wird vom Gegner in der Schlacht gesucht und erlegt und der Sieg ist entschiedenSiehe I. Chronika 18, 30.. Nicht anders verläuft die Schlacht des Judas 103 Makkabäus gegen den Syrer ApolloniusMakkab. I 3, 11; vgl. J. Wellhausen, Israelitische und jüdische Geschichte S. 209.. Auch aus dem Alexanderfeldzug lesen wir bei Arrian weitere BeispieleMan lese Arrian III 27, 3; IV 24, 4 und 27, 2. Schon Herodot V 111 begründet übrigens, warum ein Zweikampf der Feldherren erwünscht sei. So wird auch verständlich, daß Mark Anton den Octavian zu solchem Zweikampf aufforderte., und auch noch später war es so, als die Araber unter Muhammeds Namen Persien unterjochten; ein Zweikampf der Feldherren genügte; der Perserfürst fiel; sein Heer lief auseinanderVgl. Helmolt Weltgeschichte III S. 297 aus dem Jahr 633 n. Chr.. Beklagenswert, daß Darius, der Großkönig, nicht am Granikus unter den Reitern war. Alexander hätte sich auf ihn geworfen: du oder ich!

Die Früchte seines Sieges fielen ihm jetzt in den Schoß, und es ging rasch. Der Erfolg ist wie Benzin auf dem Motor; die Fahrgeschwindigkeit wächst. Er besetzte Sardes, die Residenz des persischen Vizekönigs, einst die Stadt des Krösus; dann ritt er die Küste südwärts entlang, und eine der Griechenstädte nach der andern öffnete ihm fröhlich die Tore, vor allem Ephesus, mit dem einst schon Alexanders Vater Geheimverträge geschlossen hatte.

Die Bevölkerung von Sardes war nicht griechisch, sondern lydisch; Alexander gestattete der Stadt, sich hinfort frei nach eigenen Landessitten zu verwalten»Frei« sagt Arrian; das geht darauf, daß Sardes bisher als Residenz des Satrapen wie unter einer Tyrannis gelebt hatte; jetzt erst konnte sich die Stadt nach eigenem Ermessen konstituieren.. Auf der Burg von Sardes aber befahl er einen Zeustempel zu bauen; es war die einzige religiöse Propaganda, die er betrieb, und in der Tat wurde die Stadt des Krösus rasch der griechischen Kultur gewonnen. Zeus aber, was er für Alexander bedeutete, werden wir später sehen.

Den Griechenstädten legte er sodann durchgängig demokratische Selbstverwaltung auf; auch das war wieder eine Huldigung für Athen, die Mutterstadt aller Demokratien. Alle Griechenstädte der Levante sollten so frei wie Athen dastehen; also auch frei von Tributzahlungen; der König nur ihr Schützer. Die einzige wichtige Einschränkung war: sie durften keine auswärtige Politik mehr treiben, waren gezwungen Frieden zu halten mit den Nachbarn. Auch sonst tat er vieles, um die Städte in ihrer Blüte zu heben. Die Ausgrabungen in Priene bezeugen es. Auch Smyrna, das seit langem zerstört lag, wollte er wiederherstellen, an der Küste bei Kolophon mittels Kanaldurchstich zwei Meeresbuchten miteinander verbinden, um die Hafenverhältnisse günstiger zu gestaltenSiehe Plinius hist. nat. 5, 116; Pausanias 7, 5, 1., u. a. m.Die Stadt Klazomenä lag auf einer Insel an der Küste; Alexander schuf einen Damm, der sie mit dem Festland verband, so daß sie Raum gewann: Plinius hist. nat. 5, 116.. In 104 Ephesus umrauschte ihn der Jubel am lautesten, wo er, als die Demokraten soweit gingen, über die vornehmen Familien herzufallen, dem Greuel Einhalt gebot und sodann der berühmten Stadtgöttin, der Diana von Ephesus, huldigte. Der Tempel der Göttin lag damals zerstört, durch Frevlerhand in Brand gesteckt. »Ich verzichte auf Tributzahlung«, erklärte er; »es soll statt dessen der Tempel herrlicher erstehen.« Alexander selbst war offenbar noch nicht bei Gelde; sonst hätte er unbedingt die Kosten selbst bestritten. Ein ungewohntes Schauspiel folgte: sein ganzes Heer zog in Parade durch die Stadt zur heiligen Stätte hinan; eine Prozession in Waffen; das war noch nicht dagewesenAuch die Soldaten des Agesilaos machten in Ephesus zur Artemis einen ähnlichen Aufzug, aber anscheinend ohne Waffen und mit Kränzen: Xenophon Hell. III 4, 18.. Alexander wollte, die Gunst der mächtigen Göttin sollte hinfort mit seinen Waffen sein. Der katholische Christ kann nicht Heilige genug anrufen; so konnte der fromme Grieche nicht genug Götter sich günstig stimmen.

Denn Alexander wußte: der Kampf ging weiter. Memnon, der Gegner, lebte noch. Es galt zunächst zwei Griffe zu tun, Milet und Halikarnaß zu nehmen.

Memnon hatte am Granikus mitgekämpft. Da beide Satrapen tot, war er nun endlich von Darius zum Generalissimus in Vorderasien gemacht wordenSiehe Arrian I 20, 3. Geschah die Ernennung Memnons erst etwas später, so war er es doch, der jetzt die Verteidigung organisierte. Auch in Milet war er zeitweilig anwesend; s. Arrian I 17, 11.. Memnon gedachte mit der gewaltigen Perserflotte (es waren 400 zumeist phönizische Kampfschiffe) nach dem gleich anfangs entworfenen Plane gegen Griechenland in Alexanders Rücken vorzugehen; als Stützpunkte für seine Flotte brauchte er die befestigten Häfen Milet und Halikarnaß. Aber Alexander durchschaute den Plan und zog daher weiter an der Küste entlang, um dem Perser alle Häfen bis auf den letzten wegzunehmen, so daß Memnons Flotte nirgends mehr einlaufen und sich neu rekrutieren konnte.

Alexander selbst hatte eine Kampfflotte von nur 120 Galeeren, die bei Milet vereinigt lagen. Parmenio riet, eine Seeschlacht zu wagen; Alexander aber weigerte sich; er konnte eine Niederlage nicht brauchen. Er löste vielmehr, großartig folgerichtig, seine ganze Flotte auf. Das Schiffsmaterial wurde an Land gezogen und blieb unverloren; die Leute mochten sehen, 105 wo sie blieben, sie kosteten ihn nur Geld und konnten ihm nichts nützen. »Dieser Krieg wird zu Lande entschieden«, war sein Diktum. Dabei spielte der Aberglaube in für uns erstaunlicher Weise mit. Man muß auch solche Dinge sich erzählen lassen, um jene fernen Zeiten zu verstehen. Auf eins der nur halb ans Land gezogenen Schiffe hatte sich ein Adler gesetzt. Parmenio sah es und sagte: »das bedeutet, daß du in der Seeschlacht siegen wirst.« Aber der Adler saß auf dem Heck, d. h. just auf dem Teil des Schiffs, der auf dem Trockenen lag, und Alexander erwiderte: »du irrst; zu Lande soll ich siegen, denn der Vogel sitzt da, wo das Schiff nicht im Wasser liegt.« Alexander hatte auch seine Wahrsager von Beruf mit im Gefolge; aber die benutzte er nur, wenn es die Stimmung des Heeres durch Omina zu beeinflussen galt. Im vorliegenden Fall genügte ihm seine eigene Zeichendeutung.

Milet fiel nach kurzem Kampf in Alexanders Hände. Seine Artillerie trat hier zum erstenmal in Tätigkeit. Die persische Flotte, die drohend vor Milet stationierte, zog ab, da Alexander ihr die Möglichkeit, Trinkwasser zu holen, entzog.

Milet befreit! Ging nicht ein Jubelschrei durch die ganze griechische Welt? Der alte Sehnsuchtswunsch war erfüllt; es war die Stadt, um die einst zuerst die Perserkriege entbrannten, bei deren Niederlage und Einäscherung einst ganz Athen sich in Tränen ergoß, die Stadt des Thales und Anaximander, die schönste der Seestädte, die es gab, wo Meereszauber, groteskes Gebirge, berauschende Vegetation, hochgestellte Prachtbauten und buntes Menschenleben am Strand und auf dem Wasser zusammenwirkten zu dem Schönsten, was Menschenaugen sehen konnten? Aber aus Griechenland scholl immer noch kein Echo der Freude herüber. Kein patriotischer Dichter hat diese Dinge je besungen, und Alexander eilte schon weiter. Wir wissen nicht, ob er für die Schönheiten des Landes, das er jetzt zum erstenmal betrat, um es nie wieder zu sehen, ein Auge hatte.

Ernster wurde der Kampf um Halikarnaß. Hochgelegen, mit den stärksten Bastionen, die jene Zeit kannte, gesichert; und 106 Memnon selbst stand in der Stadt. Die Bezwingung dieser Festung war neben der Schlacht am Granikus die zweite Großtat, die dem Alexander in seinem ersten Kriegsjahre gelang.

Das kleine Vasallenkönigreich Karien lag im Südwestwinkel Kleinasiens. Halikarnaß war Kariens Hauptstadt. Schon als Geburtsstadt des lieben Historikers Herodot ist sie uns denkwürdig, und Artemisia, das amazonenhafte Weib, war dort einst Königin, die zu Schiff in der Schlacht bei Salamis auf der Perserseite für Xerxes focht. Der König Mausolos hatte die Stadt dann mit seinen frommen Prachtbauten geschmückt. Nach ihm war das Kleinkönigtum in verschiedene Hände gelangt; die Königin Ada war dort unlängst durch ihren Bruder und hernach durch andere Machthaber aus ihrer herrschenden Stellung verdrängt worden und residierte schmollend in einer der abgelegenen Landstädte. Sie sah mit Spannung den Ereignissen zu. Mußte sie diesem Alexander nicht Erfolg wünschen?

Alexander leitete den Kampf persönlich, und die ganze Belagerungskunst der griechischen Techniker entfaltete sich hier. Den breiten Graben, der um die Stadt lief, ließ er zuschütten, bewegliche Holztürme an die Mauern rücken, die Geschütze ihre schweren Steinblöcke werfen. Aber der Kampf dauerte Wochen und Wochen. Die Verteidigung war glänzend: persische und griechische Krieger unter Memnons Leitung. Ihre Brandfackeln flogen von der Stadtmauer in die Holztürme; Ausfälle störten immer wieder Alexanders Werk; war irgendwo schmale Bresche geschlagen, entstand nachts sogleich eine zweite Mauer, die den Verteidigern Deckung gab. Schließlich aber erlahmte die Verteidigung doch. Alexander sah es mit Frohlocken. Memnon räumte endlich die Stadt, indem er die Mannschaften und alles Wertvolle auf seine Flotte nahm, die im Hafen lag. In seine aus Holz gebauten Verteidigungswerke warf er zum Abschied Feuerbrand, der, vom Wind getragen, die Stadt selbst zu erfassen drohte. Es war Mitternacht; Alexander sah es und eilte selbst herbei, um zu löschen und zu retten.

Das Land Karien war sein, das letzte Perserheer 107 verschwunden. Ganz Kleinasien lag jetzt wehrlos vor ihm. So war es, wennschon Memnon, sein zäher Gegner, die Zitadelle von Halikarnaß ihm nicht ausgeliefert hatte. Dort oben auf der höchsten Bastion trotzte noch, gut verproviantiert, eine kleine Mannschaft unter persischem Befehl. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie sich ergeben würdeAuch einige andere festen Plätze in Karien widerstanden zunächst noch, wie Myndos. Daß Alexander Halikarnaß damals zerstörte, glaube ich nicht. Wozu rettete er es sonst vor der Feuersbrunst? Vielmehr hinderte er ja die Eroberung im letzten Ansturm und brachte es dahin, daß die Stadt sich freiwillig ergab, um sie schonen zu können. Auch brauchte sie Alexander als Quartier für seine Soldaten, die die Zitadelle belagern sollten. Das εἰς ἔδαφος κατασκάψας bei Arrian I 23, 6 kann nur bedeuten, daß er die Befestigungen niederlegte. Von einem Wiederaufbau der Stadt Halikarnaß hören wir deshalb auch nichts. Vgl. Bürchner bei Pauly-Wissowa R. E. VII 2 S. 2262.. Zu Alexander aber war schon Ada gekommen, die entrechtete Königin. Er empfing sie voll Freundlichkeit und setzte sie als Königin von Karien und als seine Vasallin wieder in ihre vollen Herrscherrechte ein. Die alte Fürstin war gleich verliebt in ihn und nannte ihn zärtlich: »mein Sohn«. Alexander ließ es sich gern gefallen; es blieb die offizielle Anrede. Er hatte für ein paar Tage eine zweite Mutter gefunden.

Es war jetzt Herbst und Zeit zum Rasten. Aber Siegesfeiern beging er nicht. All diese Städte der Levante waren damals Heimstätten des größten Wohllebens und des ausgesuchtesten Tafelluxus. Lukull, der Römer, hat seine lukullischen Schwelgereien eben hier gelernt. Daß Alexander sich dem hingab, hören wir mit keinem Wort, auch nichts von Zechgelagen. Im Gegenteil, er lehnte sie ausdrücklich ab, als die Königin Ada sie ihm anbot: »das Frühstück schmeckt mir wegen des Nachtmarsches, das Mittagsmahl, weil ich wenig frühstücke«Siehe Plutarch, Non posse suaviter vivi sec. Epicurum c. 17. Alexanders Mutter Olympias schrieb ihm: »Laß unsern Hauskoch zu dir kommen; der versteht die häusliche Küche, wie ich sie geführt habe, und was man der Aphrodite und dem Bacchus zu opfern hat«; s. Athenäus p. 659 F, wo. τὰ ἀφροδισιαστικὰ καὶ τὰ βακχικά (nämlich ἱερὰ) zu lesen ist..

Die Begeisterung aber für Alexander, den endlichen Befreier, ging in diesen Städten über alles Maß; sie gingen schon damals so weit, ihn zum Gott zu erklären. Die Zeit für das Außerordentliche war gekommen. Dort gefundene Inschriftensteine nennen Alexander offiziell tatsächlich den Gott.

Alexander ein Gott auf Erden: für das kühle Hirn des modernen Europäers ist das unendlich fremdartig; denn es sind Abgründe der Selbsterkenntnis, die für uns Menschentum und Gottheit trennen. Und doch war es nicht nur exaltierter Knechtssinn, es war auch exaltierte Religiosität, die dahin führte, und lag ganz folgerichtig in der Richtung griechischen DenkensWegweisend dafür sind Äußerungen wie in Platos Menon p. 99 D: Die Staatsmänner, die Gutes vollbringen nicht aus Einsicht, sondern nur nach richtiger Vorstellung, als gäbe ein Gott es ihnen ein, sind darum ϑεῖοι zu nennen. So nennen auch die Weiber brave Männer göttlich, und ebenso sagen die Lakonen, wenn sie einen solchen Mann lobpreisen: er ist ein ϑεῖος ἀνήρ. Dazu Menon p. 81 B, wo Plato von der Seelenwanderung ausgeht und an alte Dichteraussprüche anknüpfend sagt: Die, die ihre Strafe im Hades beendet haben, deren Seelen kehren im neunten Jahr zur oberen Sonne zurück, und aus ihnen gehen dann die ruhmvollen Könige und die Weisen hervor, die von da an als heilige Heroen gelten. Übrigens sahen wir S. 45, daß schon Alexanders Vater bei Lebzeiten sein Bild mit unter den Götterbildern einhertragen ließ.. Ich werde hierauf zurückzukommen haben. Denn jene Städte waren Republiken, die sich mit Ehrgeiz als 108 Freistaaten fühlten; einen König konnten sie also über sich nicht anerkennen. Stand gleichwohl ein allmächtiger Patron über ihnen, dessen Wohltaten sie annahmen, so durfte und konnte es nur ein Gott sein; denn die Herrschaft eines Gottes duldete auch der äußerste Freiheitssinn jener DemokratenDaß die Vergöttlichung Alexanders mit ägyptischen oder persisch-orientalischen Religionsvorstellungen nichts zu tun hat, beweist schon der Ort ihrer Entstehung. Übrigens waren die Großkönige Assyriens und Persiens auch nicht Götter, sondern nur zeitweilige Stellvertreter oder Inkarnationen ihres Reichsgottes.. Aber diese Vergöttlichung geschah nur in den Städten, die Alexander jetzt hinter sich ließGleichwohl hat Kallisthenes, wie wir sehen werden, sie mitgemacht., um sie nie wieder zu betreten. Er ließ auch die neue Würde hinter sich und hat von ihr nie Gebrauch gemachtEtwas ganz anderes ist die Gottessohnschaft, die Alexander bald hernach allerdings für sich in Anspruch nahm. Hinlänglich beweisend ist die Tatsache, daß er nie sein Bildnis auf seine Münzen prägen ließ. Dies taten erst die Könige der Diadochen- und Epigonenzeit, die die griechische Vergottung des Königstums, von der ich S. 107 f. sprach, aufnahmen. Bei Hyperides I col. 30 (p. 19 ed. Jensen) ist nur von Alexanders Gottessohnschaft die Rede, und auch die Worte bei Dinarch I 94 beweisen keineswegs, daß er selbst göttliche Ehren forderte, sondern nur, daß die mazedonisch gesinnte Partei in Athen sie ihm erweisen wollte, Leute, denen Demosthenes gelegentlich nachgab. Daß Alexander als Dionys in Athen aufgefaßt wurde, ist bezeugt. Verfehlt sind die Ausführungen P. Schnabels in der Klio, Bd. 19 (1924), S. 113 ff., der trotz alledem darzutun sucht, daß Alexander schon bei Lebzeiten göttliche Verehrung verlangt habe. Die entscheidenden Gründe, die dagegen sprechen, zieht er kaum in Erwägung – ich könnte noch anführen, daß Alexander von sich gesagt haben soll μάλιστα ϑνητὸν καὶ φϑαρτὸν ἐπιγιγνώσκειν ἑαυτὸν ἐν τῷ συγγένεσϑαι γυναιξὶ καὶ καδεύδειν (Plutarch Symposiaca VIII 1, 3) –, er stützt sich aber vornehmlich nur auf die Szene, die sich bei einem Symposion abspielt und die von Chares bei Plutarch Alex. 54 f. geschildert wird. Chares aber ist ein unzuverlässiger Plauderer, vgl. denselben bei Plutarch c. 20 und 24, und darum habe ich S. 187 von seinem Bericht abgesehen. Schnabel hat aber, was Chares erzählt, nicht einmal richtig verstanden.

Es handelt sich nur um die Forderung der Proskynese, die ich S. 187 f. nach Arrian 4, 10, 5–12 dargestellt habe. Derselbe Arrian gibt 4, 12, 3–5 mit Vorbehalt über dieselbe Forderung einen zweiten und wesentlich abweichenden Bericht, der verkürzt das wiedergibt, was wir bei Plutarch a. a. O. aus Chares erfahren. Bei Arrian lesen wir aber auch hier von dem Anspruch auf Göttlichkeit nichts, sondern nur die Forderung der Huldigung, wie sie in Persien bisher üblich war. Dagegen interpretiert der genannte Gelehrte die erwähnte Plutarchstelle c. 54 dahin, beim Symposion habe ein Altar gestanden, der dem Alexander geweiht war, und vor diesem Altar sei auf Alexanders Verlangen der Fußfall der anwesenden Freunde geschehen; der König habe sich also da feierlich selbst als Gott verehren lassen.

Es ist nun schon an und für sich, meine ich, lächerlich genug, vor einem Altar statt vor dem Gott zu knien, wenn der Gott selbst persönlich im Lokal anwesend ist, oder man zeige mir irgendein Beispiel aus den Zeiten des Gottkönigtums für solche Farce. Aber bei Plutarch steht das auch gar nicht. Die Worte sind: Χάρης δὲ ὁ Μιτυληναῖός φησι τὸν Ἀλέξανδρον ἐν τῷ συμποσίῳ πιόντα φιάλην προτεῖναί τινι τῶν φίλων, τὸν δὲ δεξάμενον πρὸς ἑστίαν ἀναστῆναι καὶ πιόντα προσκυνῆσαι πρῶτον, εἶτα φιλῆσαι τὸν Ἀλέξανδρον [ἐν τῷ συμποσίῳ] καὶ κατακλιϑῆναι κτλ. Hiernach befand sich im Männersaal also eineἑστία, ein Herd, in dessen Nähe die Huldigung vor sich gegangen sein soll. Solcher Herd wird zum Altar nur durch Verehrung der Hausgötter. Wollte Chares sagen, daß dies ein dem Alexander geweihter Altar war, so hätte er sich bei der alsdann ganz außerordentlichen Sachlage mit dem bloßen πρὸς ἑστίαν keinesfalls begnügen können. Im Parallelbericht des Arrian fehlt nun dies πρὸς ἑστίαν. Arrian hat aber niemals sinnlos exzerpiert; die Erwähnung des Herdes war hier also zum mindesten für das Verständnis gleichgültig.

Was heißen nun aber die Worte πρὸς ἑστίαν ἀναστῆναι? Schnabel übersetzt fälschlich: »er sei zum Altar getreten«. Damit wird die vorliegende Schwierigkeit umgangen. Beim Symposion liegt man; Alexander lag auf der Kline; der Freund lag ihm zunächst; jetzt steht der Freund auf, ihm zu huldigen; die Worte besagen also vielmehr: »er sei aufgestanden in der Richtung auf den Herd zu«. Man wird bemerken, daß diese Wortverbindung anstößig ist, und es hilft nicht, die Schwierigkeit zu vertuschen. Denn die Mitteilung, daß jemand vom Lager irgendwohin (!) aufsteht, ist mehr als sonderbar und ein ἀναστῆναι πρός τι in so räumlichem Sinne gewiß sonst nicht belegbar. Das πρὸς ἑστίαν kann also gar nicht richtig sein, und es fehlt daher auch bei Arrian nicht ohne Grund. Die Frage bleibt nur: ist es interpolatorischer Zusatz wie das zwei Zeilen darauf folgende ἐν τῷ συμποσίῳ? Ich glaube vielmehr, daß eine Verschreibung vorliegt. Denn der Sprachgebrauch lehrt, daß Plutarch schrieb: τὸν δὲ δεξάμενον φιλοτησίαν ἀναστῆναι. Wegweisend ist Lucian, Toxaris 25: τὴν φιάλην προτείνας δέδεξο, εἶπεν, ὦ Μενέκρατες, παρὰ τοῦ γαμβροῦ τὴν φιλοτησίαν. Man trinkt mit der vollen Schale zu; der Freundschaftstrunk wird angenommen. Sonst heißt dies Annehmen auch λαμβάνειν, μεταλαμβάνειν τὴν φιλοτησίαν; vgl. Aristoph Acharner 985 und weiteres bei Albert Müller zu dieser Stelle. Der Artikel aber kann bei φιλοτησίαν auch fehlen; vgl. Athenäus p. 122 F: προπίνω σοι φιλοτησίαν. Den Comment selbst, der gilt, wenn es der Gastgeber ist, der vortrinkt, illustriert uns schon das Kritiasfragment bei Athenäus p. 432 AA; auch Lucian im Somnium 12; dazu Nonius p. 33, 3: propinare: post potum tradere. Alexander folgte προπίνων dem Herkommen und der Freund ebenso δεχόμενος φιλοτησίαν.

Daß die Proskynese endlich aber nach dem Bericht des Chares von den Anwesenden vor Alexander selbst und nicht vor einem Altar ausgeführt wurde, beweist obendrein das Folgende, wo wir lesen, Demetrius Pheidon habe den Kallisthenes bei Alexander mit den Worten verklagt: οὗτος γάρ σε μόνος οὐ προσεκύνησε. Hier steht ja das σε. Deutlicher kann man nicht sein. Es wurde also tatsächlich nur die persische Zeremonie nachgeahmt, wie es nicht anders sein konnte, und auch an der vorhin zitierten Stelle ist in den Worten προσκυνῆσαι πρῶτον, εἶτα φιλῆσαι τὸν Ἀλέξανδρον selbstverständlicherweise τὸν Ἀλέξανδρον das Objekt zu beiden Verben.

Daß ich übrigens auf den Bericht des Chares keinen Wert legen kann, ist schon zu Anfang gesagt. (Ein Versuch, die von mir ausführlich behandelten Plutarchworte ohne Textänderung verständlich zu machen, findet sich in der »Klio« Bd. 20.)

. Man sah ihm staunend nach: er zog in der Tat so sicher seine Bahn wie die Sonne am Himmel.

Der Sommer ging schon zu Ende; da entließ Alexander alle jungen Offiziere und Mannschaften, die in Mazedonien vor Beginn des Feldzuges geheiratet hatten, in die Heimat auf Winterurlaub, damit sie mit ihren Frauen leben könnten. Die Bewunderung für diese humane Maßnahme war wieder groß. Heute würden unsere Tageblätter gewiß die Sache mit Fettdruck verkünden. Aber es war nicht nur Humanität, sondern die Staatsraison; der sexuelle Gesichtspunkt sprach mit. Die Leute sollten nicht den Freudenhäusern verfallen. Alexander war nicht nur Haudegen, nicht nur Stratege, er war auch Staatsmann erster Ordnung. Das zeigte sich schon hier.

Der Winter war da. In früheren Zeiten ruhten alsdann alle Waffen; so war es auch noch in Hannibals Zeiten und später; denn in den winterlichen Regenperioden des Südens kann niemand sich dauernd im Freien halten. Alexander dachte anders. Es galt rasch weiter zu greifen. König Darius regte zur Winterzeit sich nicht; um so ungestörter konnte Alexander jetzt große Teile Kleinasiens besetzen. Er fand fast überall nur geringen und zersplitterten Widerstand. Dabei teilte er das Heer. Seinen Parmenio sandte er ins Innere, auf das Hochplateau Phrygiens; er selbst zog an der buchtenreichen Südküste weiter, um dem Feind weitere Hafenplätze wegzunehmen, die meist rasch kapitulierten. Es waren wohl über dreißig. Drohen und Locken, Verhandeln und Kämpfen wechseln ab, ein rastloses Treiben. Es waren auch dies alles noch 109 Griechenstädte, aber in Sprache und Wesen stark barbarisiert; erst seit Alexander gewannen sie ihr griechisches Wesen zurück, und unsere Reisenden finden dort heut überall großartige Baureste aus der Folgezeit, die das überraschend bezeugen. Um diese wertvollen Städte zu sichern, stieß Alexander auch noch ins gebirgige Hinterland (Pisidien) vor und bezwang das wilde Gebirgsvolk, das da hauste und das die nachlässigen persischen Satrapen hatten gewähren lassen. Er hatte jetzt geübte Bergkraxler aus dem Balkan in seiner TruppeDie Agrianer., die für solche Kämpfe auch im Winter taugten.

Dann geschah ein Wunder. An einem Küstenstrich, den er passieren wollte, erhob sich das schroff ansteigende Gebirge unmittelbar aus der Meeresbrandung, den Weg hemmend. Aber siehe da, die Flut trat zurück, und Alexander konnte mit seiner Reiterei unter dem Gebirge her am Strand entlang ungefährdet ziehen. Es war wie der Durchzug der Juden durchs Rote Meer. Man erwähnte zur Erklärung, daß das Meer unter den Einfluß des eingetretenen Nordwinds zurückgetreten sei; aber der Nimbus besonderer Gottesgunst steigerte sich jetzt, der Alexanders Haupt umschwebte.

Erst nach diesen Erfolgen bog er, um endlich Winterquartiere zu suchen, nach Norden ab; er suchte Parmenio, der im inneren Hochland, in Gordium, am Sangariusfluß, schon Standquartier gemacht hatte. Dabei aber mußte Alexander bis hoch in die Schneeregionen die Pässe des Taurus, des Kolossalgebirges, überschreiten, das dort parallel der Südküste läuft, und zwar im Winter. Es ist das Gebirge, dessen Pässe heute die anatolische Bahn, die Konstantinopel mit Damaskus verbindet, über Abgründe, zwischen tosenden Wasserfällen und schroffen Schutthalden erklimmt. Der wilde Steinbock, der dort in der Einsamkeit haust, springt erschreckt über Schluchten davon vor dem Stampfen der Lokomotive. Man denke zum Vergleich an den Albulapaß oder die Viamala unserer Alpen. Für diesen König gab es keine Terrainschwierigkeiten; sein Wille war unbeugsam wie der Kolben aus Stahl, der die Maschine treibt.

110 Die Historiker, die der Nachwelt über Alexander berichteten (und sie befanden sich in seinem eigenen Hauptquartier), interessieren sich leider immer nur für das Strategische und unterbrechen die einförmige Darstellung nur mitunter durch belebte Szenen, die auf des Königs Charakter Licht zu werfen bestimmt sind und die interneren Regungen seines Geistes offenbaren. Der oft so großartige landschaftliche Hintergrund dagegen, vor dem sich alles abspielte, fehlt bei ihnen fast ganz; man müßte in dem Lande dort leben, Milet, den Taurus selbst mit Augen sehen, den Wechsel von tropischer Sommerhitze und dem Frost des Hochgebirges miterleben, um ein wirkliches Bild zu gewinnen. Es ist schwer für das Fehlende Ersatz zu schaffen.

Gordium war die Hauptstadt der kleinasiatischen Landschaft PhrygienSpäter gehörte Gordium zu Galatien, nach dem Einbruch der Galater.. Dort ist Alexander eben jetzt angelangt, und es folgt nun die Geschichte vom gordischen Knoten, eine der charakteristischen Szenen, die uns den Mann in der Tat menschlich näher bringen, lebendig machenVgl. R. Schubert, Beiträge zur Kritik der Alexanderhistoriker, Leipzig 1922.. Überall, wohin er kam, hat er offenbar in seiner impulsiven Weise die Sehenswürdigkeiten aufgesucht, so hier den alten, unscheinbaren Bauernwagen, der auf der Burg stand und an dessen Joch sich der unlösbar verknotete Strick befand, durch den das Joch an der Deichsel befestigt war. Man berichtet, daß der Strick aus Bast vom Kornelkirschbaum bestanden habe. Die Historiker waren also genau unterrichtetNach Scholien zu Euripid. Hippol. 666 geschah die Knotung freilich κλήματι ἀμπελίῳ. Diese Mitteilung kommt gegen die besseren Zeugen nicht auf.. Der erste König dieses phrygischen Gebiets, so ging die Sage, sei ursprünglich schlichter Landwirt gewesen und auf diesem Wagen durch wunderbare Fügung als König in Gordium eingefahren. Das Königtum war inzwischen längst eingegangen, und das Orakel sagte nun, wer den Knoten löse, dem sollte das Königtum Phrygiens wieder zufallen. Das Land hatte die Hoffnung auf einen, der käme und es wahr machte, längst aufgegeben. Niemand hatte sich bisher gefunden. Nun stand Alexander da. Stadtvolk, auch seine eigenen Soldaten umdrängten ihn, und er las in ihren Augen: es mußte etwas geschehen; ein Achselzucken genügte nicht. Aber er war unverlegen. Sollte er wie ein Stallknecht 111 sich an dem Strick versuchen? Ein Hieb mit dem Schwert, und alles war erledigt.

Die Sache ist so berühmt geworden wie das Ei des Kolumbus, aber sie ist zum Glück besser verbürgt. Eine geniale Auskunft. Ob er nicht auflachte? Wir hören es nicht; alles aber glaubte nun, er sei der Berufene. Jedoch genügte natürlich das Königtum des kleinen Phrygien nicht; bald setzte die Überlieferung dafür das Königtum ganz Asiens ein. Das Ungeheure, was bevorstand, sollte durch das Omen schon damals verkündet sein. Aber auch Alexander selbst dachte ähnlich: der Schwerthieb hatte für ihn seinen besonderen Sinn. Der Knoten bedeutet Verwickelung. Er ist Symbol. Alle Verwickelungen der Zukunft war er gewillt, so mit dem Schwert zu lösen.

Des Aristoteles Neffe Kallisthenes war mit im Hauptquartier. Er schrieb damals alles derartige auf. Leider ist zu wenig davon erhalten. Einen Moritz Busch aber hat er nicht erreicht, der, wie man sich erinnert, in Bismarcks Gefolge reiste; sonst hätte auch dieser Kallisthenes der Welt ein Buch »Alexander und seine Leute« gegeben und uns vielleicht erzählt, wie Alexander z. B., weil ein Löffel fehlte, mit dem Degengriff ein paar rohe Eier zerschlug oder daß ihm ein Huhn schlecht bekam, weil es zu zäh war. Auch das Lächerliche würden wir freudig hinnehmen, könnten wir dadurch das Gefühl gewinnen, dem Mann näher zu kommen, von dem wir sonst nur das Außerordentliche hören.

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