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Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Alexanders Jugend

Seinen Sohn Alexander hatte Philipp zu seinem Nachfolger bestimmt und erzogen; denn dies war sein einziger legitimer Sohn. Nur ein Bastard, von dem wir wenig hören, stand daneben.

So begleitete Alexander den Vater denn auch demonstrativ auf dessen letztem Gang; er schritt vor allem Volk neben ihm, als der Vater sich zum Festakt im Theater zeigen wollte. Der Mörder kam. Philipp fiel. Alexander stand über seiner Leiche. Was nun? Der Sohn hatte des Vaters Asche kaum gesammelt und in den Königsgräbern beigesetzt, da schlug schon das Chaos über ihm zusammen: Thronwirren und Aufstand von allen Seiten, wie einst, als sein Vater die Herrschaft begann. Es schien so, als müßte Alexander dessen Werk noch einmal tun.

Pausanias, der Mörder Philipps, war zu dem Entschluß, sich an seinem Herrn und Gönner zu vergreifen, von hochgestellten Verschwörern aufgehetzt worden; denn Amyntas, Alexanders älterer Vetter, dem Philipp dereinst in der Rolle des Vormundes das Königtum weggenommen hatte, sollte jetzt endlich zu seinem Recht gelangen; Lokalfürsten aus dem gebirgigen Obermazedonien, die Philipp einst gleichfalls ihrer Souveränität beraubt hatteEs waren die damaligen Vertreter der Fürstenfamilie der Lynkesten., unterstützten des Amyntas Ansprüche augenscheinlich in der Hoffnung, unter diesem Herrscher, der wenig Willenskraft verriet, wieder zur Macht zu gelangen. Sie waren darum auch die Mitverschworenen des Pausanias gewesen. Was kümmerten diese Leute die großen imperialistischen Ziele, die der Ermordete seinem Volk gesteckt, die persischen Pläne, für die eben jetzt alles gerüstet war? Mochte Mazedonien wieder Winkelstaat werden, wenn nur ihr Weizen blühte.

Alexander überblickte, durchschaute alles. Er war, wie es heißt, melancholisch und blutgewohntμελαγχολικός und φονικός, nach Athenäus p. 538 A., das eine von Natur, das andere durch Erziehung, wobei »melancholisch« nicht etwa das, was wir heute darunter verstehen, sondern den Menschen mit schwarzer Galle bedeutet, der sich leicht bis zur Wut erbittert. Wehe dem, der ihm widerstand! Rasch ging er mit Blut und 51 Eisen vor. Er konnte sich im Land auf die Tradition, die sein Vater hinterlassen, stützen (die besten Generäle und auch sonst breite Massen hielten zu ihm), und so beseitigte er rasch – das war das Erste – durch Hinrichtung oder durch Mordbefehl alle Widersacher. Radikal war er, wie sich schon hier zeigte, in allem. Das Unerläßliche tat er ohne Freude, aber gründlich.

Natur und Erziehung machen den Mann. Auch Alexander wuchs nicht frei heran wie der Baum auf dem Felde. Wie war der Hergang? Wir fragen nicht, wie man nach dem Alltäglichen frägt. Es gilt ein Phänomen zu erklären, das nicht seinesgleichen hat.

Man fabelte sonst, daß Wunderkinder bei der Geburt mit Lachen das Licht der Welt begrüßenVgl. Philolog. Wochenschrift 1918 S. 186 f. und 1923 S. 678.. Held Herkules tötete sogar Schlangen schon in der Wiege. Aus Alexanders Kindheit teilt man uns keine Wunder mit; man könnte fast sagen, sie ist für uns zugedeckt wie die unentdeckten Quellen des Nil, der plötzlich stark und breit über die Katarakte sich stürzt und ein großes Wüstenland befruchtet, bis er sich im Meer verliert. Und doch ist einiges zu berichten. Die Schriftsteller jener Zeit gaben sich noch nicht die Mühe, auf das Treiben von Kindern achtzugebenDies ist »Aus dem Leben der Antike«³ S. 139 ff. im Hinblick auf die bildende Kunst dargelegt.; zum erstenmal wurde im Hinblick auf dieses Kind eine Ausnahme gemacht, und wir erhalten ein paar dürftige NotizenMarsyas aus Pella, der mit Alexander erzogen wurde, schrieb Ἀλεξάνδρου ἀγωγήν (Suidas s. n.). Darnach wird auch der Titel des Werkes des Onesikritus πῶς Ἀλέξανδρος ἤχϑη (Diog. Laert. IV 84) zu beurteilen sein..

Das Kind der Olympias hat überhaupt im Leben wenig gelachtDaß Alexander lacht, finde ich nur einmal erwähnt, ein Hohnlachen: Plut. Alex. 74. Ein Witz, den er macht, wird mitgeteilt bei Plut. Agesilaos 15, aber auch der verrät keine heitere Seele.; Gewaltsamkeiten genug aber mag es schon im Spiel verübt haben, gutartig, aber trotzig und in brennendem Ehrgeiz auffahrend. Erinnern wir uns, daß unter dem hocherhabenen Gottesberg Olymp Alexanders Wiege stand; sein Auge war weit offen für das Größte. Olympias, die Epirotin, war seine Mutter, und Waffenlärm, das Triumphgeschrei der siegreichen Soldateska seines Vaters scholl fast täglich in seine Knabenspiele. So schleppten sich seine kleinen Hände gewiß schon früh mit Spieß und Säbel, und Reitergefechte waren seine Träume, wir mögen es glauben.

52 Olympias hatte ihn erst spät geborenSie war anfangs sterilis: Gellius VI 1.. Sie selbst war schwerlich echt griechischen Blutes, vielmehr den heutigen Albanesen artverwandt, nicht hervorragend klug, aber großzügig stark, heftig, gewaltsam, leidenschaftlich wie Kriemhilde, ein echter Barbarentyp, eine Wölfin, die ihr Gebiß zeigte, wenn sie haßte. Durch Erziehung aber wurde des Knaben Natur gebändigt; seine Seele zeigte sich außerordentlich bildsam und eindrucksfähig, und die ideale griechische Sittlichkeit durchdrang ihn ganz und prägte sich gleichsam in ihm ab, wie das Gemmenbild in heißer Siegelerde sich abprägt. Die Seele, so lehrte Plato, ist ein Gespann; die Intelligenz soll aufrecht im Wagenstuhl stehen und die zwei Rosse, die durchs Leben jagen, den Mut und die Begier, unter der Peitsche halten. Alexander war ein Menschenexemplar, das sich nach diesem Vorbild bildete, schon als Junge. Die Rosse seiner Seele waren stark bis zur Unbändigkeit; aber die Intelligenz hielt sie dauernd fest im Zügel und war und blieb die überlegene. Der rechte Rosselenker gibt nach; er gibt den Tieren Raum, so oft es nützlich ist; so tat auch er. Um so ergreifender wirken die Fälle, wo Wagemut oder Sinnengier ihn einmal wirklich schmählich übermannten; er verging dann selbst in Reue. Er war eine im Grunde intensiv moralische, eine hoch pathetische Natur.

Als kleines Kind hatte er eine vornehme Frau als Wärterin, sie hieß Lanike, deren er auch noch nach dreißig Jahren, als er im fernsten Asien focht, in Verehrung gedachte. Dann waren seine Zuchtmeister und Aufseher möglichst strenge Leute, keine glatten Großstädter; der eine ein Grieche aus den Gebirgen, der andere ein Verwandter der Königin selbstDer erstere Lysimachus, der Akarnane, der andere Leonidas; s. Plutarch, Alexander, c. 5. Der Einfluß des Leonidas schien ungünstig: Quintilian I. 1, 9.. Die mochten mit Leidenschaft mit ihm klettern und reiten; aber sie gebrauchten gewiß auch den Stock oder die Rute; denn die fehlte in der Pädagogik des Altertums nie. Nur von einer Unart des Bübchens wird uns erzählt: er durfte oder sollte beim Hausgottesdienst die üblichen Weihrauchkörner aus dem Kästchen in die Herd oder Altarflamme werfen; aber er griff zu tief hinein und vergeudete den kostbaren Weihrauch ungebührlich, ja, grenzenlos. Er 53 kannte keine Grenzen. Das war symbolisch. Später, als er der große Sieger war, schickte Alexander dann dem Pädagogen seiner Kindheit ein ganzes Lastschiff voll Weihrauch zu beliebiger VerwendungSiehe Plinius, nat. hist. 12, 62..

Für den Unterricht im Schreiben und Buchstabieren gab man ihm einen blutjungen Lehrer; der aber mußte natürlich ein Anfänger der cynischen Weltweisheit sein, von der ich früher gesprochen; wir kennen seinen Namen: PhiliskusÜberliefert wird, daß der Cyniker Philiskos dem Knaben Alexander den ersten Lese und Schreibunterricht gab (Suidas s. n.). Man zweifelte diese Nachricht aus chronologischen Gründen an; ich denke aber, sie läßt sich doch halten und wir können von ihr Gebrauch machen. Denn zu welchem Zweck sollte man sie erfunden haben? Setzen wir an, daß dieser Philiskos im Jahre 350, als er den Unterricht des 6jährigen Knaben übernahm, 20–25 Jahre alt war, so brauchte sein Vater, der Cyniker Onesikritus, damals erst 40–45 Jahre alt zu sein, und derselbe Onesikritus zählte, als ihn im Jahr 325 Alexander in Indien zu seinem Obersteuermann machte, 65–70 Jahre. Wir hören genug von der Rüstigkeit der Greise im Altertum, um das nicht unglaublich zu finden. Aber auch daß Philiskos schon 20jährig jene Aufgabe übernahm, scheint gar nicht so befremdlich. Ich brauche dabei nicht an die Frühreife begabter Jünglinge, wie des Terenz, noch daran zu erinnern, daß auch bei uns Studenten gleichen Alters mit Leichtigkeit solchen Hausunterricht und Elementarunterricht übernehmen: man kann sogar sagen, daß Philiskos späterhin als gereifterer Mann und obendrein als Philosoph für solche primitive Aufgabe zu gut gewesen wäre. Nehmen wir dies alles an, so lohnt es sich doch, dabei zu verweilen. Denn sowohl der Vater Onesikritus wie der Sohn Philiskus waren Schüler des Diogenes von Sinope. Da die Könige sich nun, wenn sie nach Lehrkräften verlangten, an die Schulhäupter zu wenden pflegten, so liegt der Ansatz nahe, daß Diogenes es war, der dem König Philipp für den Elementarunterricht Alexanders seinen jungen Schüler Philiskus empfohlen hatte. Damit stellt sich eine Beziehung des Diogenes auch schon zu König Philipp her, und wie König Archelaos mit Antisthenes (oben S. 15), so stand hernach also auch Philipp mit einem Führer des Cynismus in Fühlung. Dabei darf man sich vielleicht noch an das überlegen sorglose Verhalten erinnern, das Diogenes zeigte, als Korinth von Philipp bedroht wurde, nach der Anekdote bei Lucian, Quomodo historia conscribenda sit, 3. Sie setzt offenbar voraus, daß Diogenes über Philipps Pläne und seine Macht, sie durchzusetzen, sehr gut orientiert war. Das Interesse an dieser kosmopolitisch denkenden Sekte war und blieb also am mazedonischen Hof lebendig, und um so begreiflicher wird nun, daß auch der junge Alexander von cynischen Ideen von früh an beeinflußt gewesen ist und daß er darum endlich auch mit Diogenes, dem Lehrer seines Lehrers, in Korinth ein Gespräch gesucht hat. Insbesondere soll Philiskus dem Knaben Alexander gepredigt haben, daß der rechte Ruhm der Könige sei, für die Segnungen des Friedens zu sorgen (Aelian, Var. hist. 14, 11). Vielleicht hat der Vater Onesikritus in seinem Buch πῶς Ἀλέξανδρος ἤχϑη diese Dinge der Nachwelt mitgeteilt. Auch kann man sich denken, daß eben dieser Onesikritus hernach als Schiffsgenosse Alexanders auf dem Indus, den Gesinnungen seiner Schule getreu, den König gleichfalls zu solcher Friedensarbeit anzuregen suchte, wie Alexander denn in der Tat die Kriegsführung mit jener Indusfahrt abzuschließen und für die Segnungen des Friedens zu sorgen begann..

So wuchs er vielversprechend heran. Der Vater gab acht. Das Genie des Vaters schien sich in ihm zu wiederholen, die Kunst, mit Menschen umzugehen, die Kunst zu herrschen. »Schaffe dir Freunde«, hatte der Vater schon früh gemahntPlutarch, Praecepta ger. reipublicae p. 806 B.. Er tat es. Es ist dies einer der seltenen Fälle, daß in der erblichen Monarchie auf einen solchen Vater ein solcher Sohn folgt, der dem Vater ebenbürtig ist, ja, ihn noch überbietet. Nur die Heldensage kennt ähnliches: Hadubrand überbietet den Hildebrand bei den Germanen, Suhrab den Rostem bei den Indern.

Daß aber der Vater sich das Zutrauen des Sohnes gewann, ist gleichwohl schwer zu glauben. Denn er war so anders! Philipp der Täuscher, glattfreundlich und tückisch, für den Psychologen in seiner Verworfenheit, in der biegsamen Vielseitigkeit seines Wesens interessant genug; Alexander im Grunde ganz uninteressant. Er fährt wie ein Pfeil immer nur auf gerader Linie dahin, offen und ohne alle List, und bleibt sich in jeder Lage, in seinem Handeln, in den Wallungen des Herzens gleich und stets derselbe. Philipp würde in jedem Roman oder Theaterstück eine abenteuerlich fesselnde Figur machen; Alexander hat sich nie wirksam auf die Bühne bringen lassen.

Hephästion hieß sein Jugendfreund, ein MenschDer Name ist attisch zurechtgemacht; mazedonisch muß er Haphaistion gelautet haben., in der Erscheinung stattlicher als Alexander, im Temperament friedfertig und von einer wohltätig gleichmäßigen Ruhe. Es war ein in der Knabenzeit schwärmerisch geschlossener Freundschaftsbund, der bis zu ihrem Tod fast ohne jede Trübung und Irrung 54 bestanden hat. Das Schicksal wollte, daß beide Freunde und Zeltgenossen schließlich im selben Jahre starben. Achill und Patroklos nahmen sie sich zum Vorbild. Denn schon als Junge las Alexander Homers große Heldendichtung, die Ilias, mit Gier und streckte seine Seele, um Achill zu gleichen, dem ritterlichen, aber dem Mann des Zorns. Darauf hat gewiß die Mutter Olympias Einfluß gehabt, die nach der offiziellen Legende von Achill selbst ihr Königsgeschlecht herleitete. Achill sollte sich in Alexander wiederholen, Hephästion aber sollte der Patroklos sein.

Alexander war Muttersohn. Gewisse Gemeinheiten, die am Hof, im Verkehrskreis des Vaters, gang und gäbe und in die er wohl früh Einblick bekam, lagen ihm nicht, waren seinem reineren Naturell zuwider. Die Frauen standen ihm hoch, und er ist zeitlebens ein ritterlicher Mensch, Kavalier im edlen Sinn des Wortes, gewesen. Auch das muß seine Mutter in ihn gelegt haben. Er konnte zu ihr aufblicken; denn ihr Ruf als Ehefrau war tadellos und unbeflecktWas Plutarch, Alex. c. 2, von ihrem bacchantischen Treiben erzählt, ist gewiß, wie dort der Zusammenhang verrät, Erfindung..

Daher tat Philipp den Sohn, als dieser 14 oder 15 Jahre zählte, vom Hofe weg, aufs Land, nach Mïeza, einer Landstelle, die in einem stillen Bergtal lag, wie eingebettet in Einsamkeit. Ein schönes Brunnenhaus, das den Nymphen heiligNymphaeum genannt., befand sich da. Dort mochte Alexander jagen, reiten, baden, aber auch dem Studium sich widmen. Denn der Elementarunterricht lag nun hinter ihm; die höhere Bildung mußte folgen. Da wurde ihm Aristoteles, der berühmte Philosoph und Schüler Platos, zum Lehrer gegeben.

Man hat immer viel Aufhebens davon gemacht, daß so Aristoteles, der größte Wissenschaftler jener Zeit, dessen Namen alle Jahrhunderte im Munde führen, den größten Praktiker des öffentlichen Lebens, von dessen Ruhm gleichfalls der Erdkreis widerhallt, unterrichtet, ja, erzogen habe. Man zeigte hernach in Mïeza den Durchreisenden noch lange die steinerne Bank, auf der da Alexander neben Aristoteles gesessen habe. Und König Philipp glaubte auch gewiß damit etwas Großes zu tun. Er 55 war gleißnerisch freundlich. Wir haben eine Stelle aus dem Brief, den er damals an Aristoteles schrieb. Es stand darin: »Ich freue mich nicht so sehr, daß Alexander geboren ist, als daß er zu deinen Lebzeiten geboren ist.« Eine klotzige SchmeicheleiGellius VIII 3. Der Brief braucht durchaus nicht zur Zeit der Geburt Alexanders geschrieben zu sein. W. Jäger sucht in seinem »Aristoteles« S. 121 die Berufung des Philosophen durch Philipp aus der politischen Situation des betreffenden Jahres 342 zu erklären und macht Aristoteles dabei zum Träger einer politischen Mission, im Interesse des Geheimbündnisses, das Philipp mit Hermias von Atarneus damals gegen Persien schloß. Aber Aristoteles ist doch der, der dem Philipp hernach vom Kampf gegen Persien abriet (oben S. 44 Anm. "Vgl. Polybius III 6. ..."); er war also für eine solche politische Mission gar nicht der geeignete; und was würde diese überdies mit der Übernahme des Schulunterrichts eines Knaben zu tun haben? Nichts sonderbarer also als Jägers Aufstellung. Daß die Wahl Philipps auf Aristoteles fiel, als er nach einem Hauslehrer für Alexander suchte, erklärt sich vollkommen genügend daraus, daß des Aristoteles Vater Nikomachus Hofarzt in Pella war oder gewesen war, also von vornherein auch eine nähere persönliche Beziehung des mazedonischen Hofes zu dem hochbegabten Sohn dieses Hofarztes bestand, der damals noch reiner Platoniker war und, was das wichtigste, gerade als Rhetoriklehrer damals seine Tätigkeit entfaltete. Nach dem gleich anzuführenden Cicerozeugnis aber war es gerade auf Rhetorikunterricht abgesehen.; als ob Philipp überhaupt in der Lage gewesen wäre, die Bedeutung des Aristoteles zu ermessen.

In Wirklichkeit ist von diesem Unterricht nicht allzuviel Aufhebens zu machen; denn er währte höchstens zwei oder drei JahreWenn Dionys von Halikarnaß Epist. ad Amm. c. 5 für diesen Unterricht acht Jahre ansetzt, so wird das durch die weiter zu erzählenden Ereignisse widerlegt. Von seinem 17. Jahre an hatte Alexander für Unterrichtsstunden keine Zeit mehr. Tatsache ist nur, daß der Philosoph damals acht Jahre von Philipp in Mazedonien festgehalten wurde. Die Könige hatten eben gern einen Hofphilosophen zur Hand wie die modernen Monarchen einen Hofgeistlichen., und Aristoteles hatte lediglich den Auftrag, Alexander in die Redekunst einzuführenZeuge ist Cicero, De oratore III 141, wo es heißt, die Rednerkunst des Aristoteles erregte Philipps Achtsamkeit, so daß er ihn zum Erzieher seines Sohnes machte. Also nur auf sie kam es an. So hatte auch Seneca als Erzieher Neros nur den Auftrag des rhetorischen Unterrichts; s. Aus dem Leben der Antike³ S. 178; dazu Plinius Epist. III 3, 7., was mit Lektüre der besten Schriftsteller verbunden war. Von Philosophie kann nicht die Rede gewesen sein; denn der Lehrauftrag ging nicht dahin; auch war ja der Knabe dafür noch nicht reif. Übrigens nahmen auch andere junge Mazedonen, Söhne des Landadels, mit an den Lehrstunden teilIch denke an Hephästion; bezeugt ist es für Marsyas (s. Suidas s. v.); der condiscipulus Kallisthenes (Justin 12, 6) ist wegen der Altersverhältnisse zweifelhaft. Die ganze Iliade ließ damals Aristoteles für Alexander neu ins Reine schreiben, wobei er den vielfach schwankenden Text nach seinem Gutdünken gestaltete. Das dankte ihm sein Schüler gewiß. Er dankte ihm auch die Einfühlung in alles, was damals sonst die Dichter darboten und wovon Alexanders Seele durchtränkt warIch erinnere hier nur an seine Verehrung Pindars, dessen Geburtshaus er bei Thebens Zerstörung schonen ließ. Auch Kriegsgeschichte las Alexander; Xenophons Anabasis kannte er genau; s. Arrian II 7, 8.. Aber Alexanders Charakter hat Aristoteles nicht gebildet; er hat seinem Schüler schwerlich imponiert.

Nehmen wir diesen unbändig verehrten Weltphilosophen, wie er damals wirklich war. Aristoteles war erst etwa 38 Jahre alt und hatte von den wissenschaftlichen Leistungen, die ihn heute mit allem Recht so groß erscheinen lassen, noch nichts aufzuweisen. Seine Schriftstellerei, wie er sie damals betrieb, behandelte allerlei populärphilosophische Themen, wie über Recht und Unrecht, über den Wert der Redekunst, gemeinverständlich, überdies in elegantem Stil, ja, wohl oft prickelnd im Ton. Die Schriften waren z. T. Gespräche; er führte sich darin aber sogar selbst als Hauptsprecher dramatisch ein und widerlegte sarkastisch die Toren, die er gleichfalls reden ließ und die anders dachten als er. Das war eine starke Selbstbetonung; es nahm sich aus wie Selbstreklame (man wird Steine auf mich werfen, 56 wenn ich dies sage; aber die Sache ist so). Als eleganter Mensch trat Aristoteles auch äußerlich auf, wohlgepflegt und leckerAelian Var. hist. 3, 19. Auch der Komiker Ephippos schildert im Fragment 14 (II S. 257 K.) die Platoschüler, und zwar viele, die damals elegant als Gecken herumliefen. Aristoteles galt als berühmtester unter diesen Schülern., berüchtigt durch seine scharfe ZungeDiese scharfe Zunge zeigte sich offenbar in seinen Populärschriften, die ich erwähnte, z. T. Dialogen, in denen er selbst beherrschend das Wort führte; das wird dem stolzbescheidenen Plato, der in seinen berühmten Dialogen nie sich selbst nennt, gewiß wenig sympathisch gewesen sein. Es war, wie gesagt, Selbstreklame. Aristoteles widerlegte seine Gegner in den Gesprächen nachweislich mit Spott, ja, mit Grobheiten (von desipere sprach er; s. Cicero Acad. priora 119); stultissimi und gloriosissimi nannte er die früheren Philosophen und berühmte sich, jetzt werde die Philosophie bald ihre Aufgabe vollendet haben, d. h. durch ihn: Cic. Tusc. III 68. Vgl. noch J. Bernays, Die Dialoge des Aristoteles S. 98 über die Verspottung des Parmenides und Melissos. Wie bescheiden zeigt sich dagegen Cicero in den meisten seiner Dialoge, die in der Form und Anlage die des Aristoteles nachahmen!, ein echter Höfling, der Wert darauf legte, mit Königen und Tyrannen befreundet zu seinBekannt sind seine intimen Beziehungen zum Hermias, dem Tyrannen von Atarneus, beiläufig einem Kastraten; so aber auch zu dem kyprischen König Themison (Bernays S. 116) und dem reichen Mnason, dem Tyrannen von Elatea (s. A. Schäfer, Demosthenes III² S. 39), für den der Maler Aristides seine Perserschlacht malte (Plin. n. hit. 35, 99).. Sein Vater war Hofarzt am mazedonischen Königshof gewesen; also lag es für König Philipp äußerst nahe, gerade ihn zu berufen, und Aristoteles kam wirklich, obschon er von Geburt doch Grieche warViele halten Aristoteles für einen Halbgriechen, als fließe halbwegs mazedonisches Blut in ihm. Das widerspricht aber der Überlieferung, die sowohl für seinen Vater als seine Mutter Phästis das Griechentum bezeugt, und die Unrichtigkeit dieser Überlieferung ist, wie schon Grote ausführte, durch nichts zu beweisen. Stagira war eben Griechenstadt. Daß der Vater Nikomachus Hofarzt in Pella war, läßt sich nicht geltend machen; auch Hippokrates und seine Nachkommen, die Vollgriechen, waren in Pella Hofärzte (s. oben), und ich möchte überhaupt Ärzte nachgewiesen sehen, die nicht Griechen waren. Die Sache liegt genau ebenso wie mit des Aristoteles Neffen Kallisthenes, von dem es bei Curtius VIII 8, 19 heißt: si Macedo esset usf.; da er aus Olynth stamme, unterliege er nicht dem mazedonischen Strafrecht. Als Alexander gestorben, mußte sich Aristoteles allerdings aus Athen fortbegeben; denn der aufflammende Mazedonenhaß traf auch ihn; aber das beweist nur, daß er, der Nicht-Athener, Parteigänger der mazedonischen Regierung war, nicht, daß er mazedonisches Blut hatte. Sonst müßte ja damals für viele ebenso Gesonnene, wie für Demetrius Phalereus, den echten Athener, dasselbe gegolten haben. und eben erst erlebt hatte, wie schmählich dieser Philipp seine Griechenheimat verwüstet hatte. Denn Aristoteles stammte von jener Halbinsel Chalkidike, die vor der mazedonischen Küste lag und auf der Philipp, wie wir sahen, alle Griechenstädte, über dreißig an der Zahl, darunter Olynth, zerstörte, die Bewohner kaltherzig vertrieb, verkaufte; ein Akt planmäßiger Ausrottung. Ein Schrei der Entrüstung, des namenlosen Jammers muß damals durch die Griechenwelt gegangen sein. Würde heute ein Mensch aus unsrem Ruhrgebiet, das die Franzosen mißhandelten, sich dazu hergegeben haben, in Paris Hauslehrer im Palais des Präsidenten der französischen Republik zu werden?

Um Aristoteles zu begütigen, ließ Philipp des Aristoteles Heimatnest, die Kleinstadt Stagira, dortselbst notdürftig wieder aufbauen. Genügend Lehmziegel waren dazu wohl vorhandenIn der Tat gab es später wieder Einwohner von Stagira; Theophrast zitiert sie als Zeugen für Pflanzenkunde, hist plant. III 11.. Sein Gemüt aber hätte das nicht beruhigen dürfen. Er hatte kein RückgratWie sehr die andern Platoniker dem Aristoteles diese Übersiedelung nach Pella verdachten, zeigt das Epigramm des Theocritus Chius, Anthol. Pal. ed. Didot III cp. II Nr. 46.. Als er später dem Alexander nach Persien seinen Schüler und Neffen Kallisthenes zum Begleiter mitgab, riet er diesem, dem Alexander nie zu widersprechenDiogenes Laertius V 5; Alexander war damals 15jährig nach demselben V 10. Diese Angabe scheint nicht zuverlässig.. Er wird es selbst schwerlich besser gemacht haben.

Es lohnt, da es sich um diese Personen handelt, noch etwas länger hierbei zu verweilen. Blicken wir in des Philosophen Moralschriften hinein, die er erst in späterer Zeit abgefaßt hat. Bekannt ist, daß Aristoteles in seiner »Ethik« alle menschlichen Tugenden als das günstige Mittlere zwischen zwei ungünstigen Beanlagungen bezeichnet. Als erstes Beispiel für diesen Satz führt er da gleich die Tapferkeit an und verbraucht einige Seiten, um ihr Wesen wissenschaftlich zu bestimmen. Das hätte einen 57 Alexander gewiß interessiert; denn die Tapferkeit konnte er immerhin für sich in Anspruch nehmen. Da hören wir nun, daß diese Tugend zwischen Furchtsamkeit und Kühnheit in der Mitte steht; nur sie ist lobenswert, tadelnswert also die andern beiden. Eine Fülle von Überlegungen folgen: ist z. B. auch derjenige tapfer, der sich vor Krankheit nicht bangt oder vor Verarmung? Das sei nur im übertragenen Sinn des Wortes zutreffend, usf. Wer gepeitscht werden soll und sich dann noch frech zeigt, sei gleichfalls nicht tapfer; aber auch wer kühn ist, so heißt es da, ist tadelnswert, um so mehr, da der Kühne zugleich Renommist zu sein pflegt. Auch wen der Zorn zur Bravour hinreißt, macht es noch nicht richtig; ebensowenig der, der zuviel Selbstvertrauen hat und sich wegen früherer Erfolge selbst überschätzt; ein solcher Mensch gleicht vielmehr dem BezechtenEthik. Nikom. III 8–10.. Merkt man die Spitze nicht? Alles das klingt wie eine philisterhafte Zensur über Alexander selbst und seine Siegeslaufbahn; denn Alexander war tapfer und kühn zugleich, ob im Zorn oder nicht; er stützte sich dabei auf seine früheren Erfolge, und er berühmte sich auch gern in aller Naivität dessen, was er vollbracht hatteDie polemische Tendenz wird noch deutlicher, wenn man das Kapitel über Tapferkeit in der Eudemischen Ethik III 1 vergleicht, die sicher früher geschrieben ist; da findet sich nichts, was auf Alexander hinweist.. Ob kühn oder tapfer: nur am Schreibtisch kann der Büchermensch solch tiftelige Unterscheidungen machen. Hätte der Lehrer das alles dem jungen Alexander in der Brunnenhalle zu Mïeza vorgetragen, der Junge wäre ihm davongelaufen oder hätte dem weisen Mann ins Gesicht gelachtSeneca folgt dann dem Aristoteles, wenn er abschätzig von Alexander sagt: er hatte eine mit Glück verbundene Verwegenheit (De benef. I 13, 3)..

Befremdend ist noch, wenn wir bei Aristoteles den Satz lesen: »Junge Leute sind noch nicht geeignet, etwas von Politik oder Staatskunde zu hörenEthik. Nikom. I 3: τῆς πολιτικῆς οὐκ ἔστιν οἰκεῖος ἀκροατὴς ὁ νέος, da ihnen noch alle Erfahrung abgeht.« Wird man hiernach glauben, daß Aristoteles seinem Schüler damals von Politik vortrug, die sonst sein Lieblingsthema warDie dem Alexander gewidmeten Dialoge über Königtum und über Pflanzstädte (Bernays a. a. O. S. 53–57) kann Aristoteles also gewiß nicht schon damals geschrieben haben; s. unten S. 60 Anm. "Dies ist an sich schon wahrscheinlich...".? Auch taugte seine ganze rückständige Weisheit nicht für Alexander; denn Aristoteles blieb erstlich zeitlebens noch auf dem Standpunkt stehen, als seien die Griechen das einzige erlesene, für das Staatsleben geeignete Volk; er blieb zweitens Kleinstädter, d. h. seine Theorien betrafen immer nur Kleinstaaten, Stadtstaaten, und waren auf Weltreiche, wie Philipp 58 und Alexander sie im Gedanken trugen, gar nicht zugeschnitten. Der Horizont des Schülers war damals schon unendlich viel weiter als der seines Lehrmeisters.

Auf diesem wichtigsten Gebiet sind die mazedonischen Könige seit Archelaos und unbedingt so auch der junge Alexander vielmehr Schüler und Anhänger der cynischen Menschheitslehre gewesen, die schon Antisthenes vortrug und nach Mazedonien brachteSiehe oben S. 28 u. S. 15., der Lehre, daß alle Rassen gleichwertig und daß der Mensch Mensch und somit nicht Staatsbürger, sondern Weltbürger sei. Dadurch wurde eben der Mazedone dem Griechen gleichgestellt. Es scheint, Aristoteles hielt sich die Ohren zu, wenn er davon hörte.

Es war eben bedeutsam, daß Alexander einst zum Elementarlehrer für das Buchstabieren einen Cyniker, den jungen Philiskus erhalten hatte. In dem lebte die kosmopolitische Propaganda. Die mit Ideen belasteten Menschen sprudeln nur zu leicht über, und der Knabe wurde an solche Ideen früh gewöhnt und lernte sie nachzusprechen. Aber noch mehr: überdies hörte Alexander da auch schon die Lehre von der Frauenemanzipation, das »Ehret die Frauen«: das Weib steht dem Manne gleich und fordert gleiche Rechte. Auch das war cynische Weisheit, und auch sie blieb haften in der Seele des Zöglings.

Gleichwohl hat sich Aristoteles damals um Alexander ohne Frage ein Verdienst, das gewaltig bedeutsam und unvergeßlich ist, erworben; er erschloß ihm das All und übte ihn in der Beobachtung der Erscheinungen der physischen Welt, vor allem im Dienste der Erdkunde und der Naturwissenschaft. In den Einsamkeiten der großen Natur wanderten die beiden, Lehrer und Schüler, Sommer und Winter, zur Nacht die Sternenwelten über sich, tags von der Bergeshöhe des Weitblicks froh zum Olymp, zum Athos und über den Rücken des Meeres nach Asien hinüber. Wo sind die Grenzen dieser Erde? Suche! suche! Bahnbrechend sind bald hernach des Aristoteles Arbeiten zum Kosmos und zur Naturkunde gewesen. Er regte den Prinzen an zum Forschen und Entdecken. Alexanders Siegeszüge waren 59 zugleich Entdeckungsreisen im Dienst der Wissenschaft, und zwar mit bewußter AbsichtVgl. z. B. das πόϑος γὰρ εἶχεν αὐτὸν bei Arrian 7, 16, wo es sich darum handelt, das Kaspische Meer kennen zu lernen, dessen nördlicher Teil den Alten nie bekannt wurde; vgl. H. Berger, Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde bei den Griechen III S. 5.. Alexander suchte das Ende der Welt. In der Brunnenhalle zu Mïeza festete sich zuerst der Gedanke, der ihn nie losließ.

Bei wem Alexander Geometrie oder Landmessung lernte, steht dahin. Der Prinz war in diesem Fall ungeduldig und verlangte: »gib mir leichtere Aufgaben als den andern«, worauf der Lehrer zurückgab: »Unmöglich! sie sind alle gleich schwer.« Ob man bei diesen Worten des Jünglings nicht aufhorchte? Landmessung! Erdmessung! Er war es ja, der die ganze Erde, die Gê, ausmessen sollte und kein Ende fandSeneca Epist. 91 17..

Auch seiner Musikstunden sei hier noch gedacht. Alle griechischen Jungen mußten auf der Leier klimpern lernen, so auch er. Aber er war offenbar nicht allzu musikalisch und fragte den Lehrmeister: »Ist es für die Melodie nicht einerlei, ob ich an dieser oder der andern Saite zupfe?« »Für einen König gewiß«, sagte darauf der Lehrer, »nicht aber für einen MusikantenAelian, var. hist. 3, 32.

Was Aristoteles betrifft, so gab er seinem Schüler beiläufig auch allerlei medizinische WinkePlutarch, Alex. c. 8. (wie der Kentaur Chiron dem Achill), die für den Gesundheitszustand seines Heeres dem König später zugute kamen. Denn das Sanitätswesen im Heeresdienst war noch wenig ausgebildet.

Aristoteles war die große Verstandeskapsel, die leidenschaftslos in ihr leeres Gefach die Welt aufnahm, wohlgeordnet und registriert nach Qualitäten und Quantitäten, Kategorien und Energien ihrer Teile, ob Tiere, Meteore, Denkgesetze oder Tugenden. Alexander dagegen war das Leben selbst; in seiner werdenden Person pulsierte der treibende Zeitgeist, der Lebenstrieb der Zeit, vulkanisch heiß aufsprudelnd und unberechenbar. Aristoteles hat für Alexander nie eine Formel gefunden. Dieser aber war seinerseits viel zu klug und großherzig, um an dem für ihn so fremdartigen Gelehrten das Hochbedeutsame nicht zu würdigen und sich nicht dankbar zu zeigen. Beide waren Eroberer; der jüngere hat dem älteren seinen Respekt stets bewahrt. Ja, er tat mehr; er trieb ihn an, als Wissenschaftler 60 hinfort von schriftstellerischen Erfolgen bei der großen Masse abzusehen und vielmehr sich forschend in systematisch strenger Arbeit ganz nur seinen Schülern und Mitforschern zu widmenDies ist an sich schon wahrscheinlich, und der Brief Alexanders an Aristoteles kann darauf hinführen, den Plutarch Alex. 7 und Gellius XX 5 überliefern und an dessen Echtheit zu zweifeln wir keinen Grund haben. Gellius teilt dazu auch die Antwort des Aristoteles mit; diese Antwort könnte immerhin auch wohl von einem klugen Fälscher zurechtgemacht worden sein; jedenfalls verlangt auch sie eine Interpretation. Vor allem gilt es aber Alexanders Brief zu erklären, und das Richtige scheint mir darüber noch nicht gesagt zu sein. Alexander schreibt: οὐκ ὀρϑῶς ἐποίησας ἐκδοὺς τοὺς ἀκροατικοὺς τῶν λόγων. τίνι γὰρ διοίσομεν ἡμεῖς τῶν ἄλλων, εἰ καϑ᾽ οὓς ἐπαιδεύϑημεν λόγους, οὗτοι πάντων ἔσονται κοινοί; ἐγὼ δὲ βουλοίμην ἂν ταῖς περὶ τὰ ἄριστα ἐμπειρίαις ἢ ταῖς δυνάμεσιν διαφέρειν. Darauf Aristoteles: ἔγραψάς μοι περὶ τῶν ἀκροατικῶν λόγων οἰόμενος δεῖν αὐτοὺς φυλάττειν ἐν ἀπορρήτοις. ἰσϑι οὖν αὐτοὺς καὶ ἐκδεδομένους καὶ μὴ ἐκδεδομένους. ξυνετοὶ γάρ εἰσιν μόνοις τοῖς ἡμῶν ἀκούσασιν. Der König tadelt also, daß Aristoteles seine mündlich vor Alexander gehaltenen Vorträge veröffentlicht hat; er, Alexander, unterscheide sich infolge dessen nicht vom übrigen Publikum, wenn die Lehre, die zu seinem Unterricht gedient habe, allen zuteil werde; er möchte sich lieber durch Kenntnisse, die das Beste (des Staats) betreffen, als durch Macht vor allen hervortun.

Dieser Brief war nach Plutarch i. J. 334 von dem König, als er schon in Kleinasien stand und den Perserkrieg begann, geschrieben. Worauf geht nun das Gesagte? Fälschlich deutet Plutarch es auf die Metaphysik. Unmöglich kann Alexander hier schon an die sog. esoterischen Schriften des Aristoteles, die man Pragmatien oder Akroasen nannte, gedacht haben. Aristoteles hat ja auch in Wirklichkeit seine Akroasen nie publiziert; sie bildeten vielmehr den ausdrücklichen Gegensatz zu seinen ἐξωτερικοὶ oder ἐκδεδομένοι λόγοι, d. h. zu den publizierten Schriften, den Dialogen (s. Das antike Buchwesen S. 436; 437, 2; 458; irrig hierüber H. Diels in d. Abhandl. d. Berl. Akad. 1883). Eine Erklärung findet die Sache also nur, wenn wir speziell an des Aristoteles Schriften Ἀλέξανδρος ἢ περὶ βασιλείας und περὶ ἀποικιῶν denken. Es ist anzusetzen, daß Aristoteles dem Alexander, bevor dieser gegen Persien auszog, auf Wunsch in Pella Lehrvorträge über Monarchie und über Neugründung von Städten gehalten hatte. Auch das letztere war ein höchst aktuelles Thema. Diese Lehrvorträge gestaltete Aristoteles darauf zu Dialogen, in welchen er den Alexander hübsch Fragen stellen ließ und er selbst dann tiefgründig belehrende Antworten erteilte. Der Titel der Schrift Ἀλέξανδρος κτλ., der dem platonischen »Alkibiades« und ähnlichen analog ist, macht es sicher, daß, wie ich ansetze, eben solche Gespräche, Unterrichtsszenen, in denen der Titelheld mitsprach, den Inhalt bildeten. Alexander ärgerte sich natürlich über die Veröffentlichung, wahrte aber die Höflichkeit und den Respekt und schrieb nur, er wolle vor den andern doch etwas voraushaben. Das bedeutete die höchste Wertschätzung der aristotelischen Weisheit. Aristoteles aber erwidert darauf: »Du schreibst, ich sollte die betreffenden Ausführungen, die du hörtest, geheim halten. Wisse denn, daß sie zwar von mir veröffentlicht, aber doch nicht Gemeingut geworden sind; denn verstanden werden sie nur von dem, der sie mündlich von mir gehört hat.« Darin liegt eine Huldigung für Alexander, die nicht deutlicher sein kann; aber sie ist zugleich mit starkem Selbstgefühl verbunden. Sein Durchschnittspublikum verachtet der Philosoph.

Nachdem Aristoteles diesen Alexanderbrief erhalten, scheint er tatsächlich keine seiner literarischen Arbeiten mehr veröffentlicht zu haben, und es begann alsbald seine Schultätigkeit im Lyzeum zu Athen. (Daß Aristoteles doch etwa seine Ἀϑηναίων πολιτεία publizierte, glaube ich nicht. Oder er müßte auch all die unzähligen andern Politien veröffentlicht haben, die auf gleichem Boden standen. Wer aber sollte sich diese Massen kaufen? Kein Bibliograph hätte es unternommen, sie in den Handel zu geben. Auch ist jene Schrift des großen Namens des Aristoteles keineswegs würdig. Ihre Minderwertigkeit als Geschichtswerk ist längst nachgewiesen, und er hätte sich damit vor dem Publikum arg bloßgestellt. Daß sie sich glatter liest als die Pragmatien, liegt daran, daß sie eben keine Pragmatie, sondern Erzählung ist; der Gegenstand bringt die Schreibweise mit sich, die ihm angemessen ist. Übrigens möchte ich nicht einmal beschwören, daß Aristoteles eigenhändig der Verfasser war. Die Schrift ist Institutsfabrikat, ging als solches aber selbstverständlich unter dem Namen des Chefs.)

. Danach erst erhob sich Aristoteles in der Tat zu seiner wahren Größe, die ihn unsterblich machte. Der erstaunliche Wandel im Leben und Wirken des Aristoteles kann nur auf eine entscheidend einwirkende äußere Ursache zurückgeführt werden. Alexander war es; er hat nicht nur Heere kommandiert, sondern liebte es auch, den Gelehrten und Künstlern ihre Aufgaben zu stellen.

Es bleibt noch übrig zu sagen, daß der Jüngling schon früh auch Geschichtslektüre trieb, insbesondere Herodot und Xenophon, die mit ihrem Blick beide weit über Griechenlands Grenzen hinausschauten, las. Aus Herodot entnahm er die genauere Kenntnis Ägyptens und des Perserreichs, auch die Bewunderung für die Herrschergröße der sagenhaften SemiramisSiehe Curtius VII 6, 20., aus Xenophon die Begeisterung für Kyros, den Gründer des PerserreichsSiehe Curtius VII 6, 20.. Xenophons Buch von der Art, wie Kyros zum Muster aller Könige erzogen wurde, war wie für ihn geschrieben; es ist ihm unbedingt ein Vorbild gewesen.

Schon aber begann eine andere Erziehung: die Praxis des Lebens. Der Vater Philipp bemächtigte sich seines Sohnes. Für den König wurde der nun etwa 17jährige Prinz schon zu einer wichtigen Größe, und er fand ihn frühreif und brauchbar. In jenen Tagen mag es geschehen sein, daß Alexander dem Vater den Bukephalos vorritt. Wegen seines großen Kopfes führte das Pferd den NamenEs kann also nicht richtig sein, was Plutarch Alex. c. 61 meldet, der Bukephalos sei im Jahre 326 dreißigjährig gestorben. Dann wäre er schon im Geburtsjahr Alexanders geboren und ein 12 oder gar 16 Jahre alter Gaul gewesen, als Alexander ihn zuerst bändigte. Jene dreißig Jahre sind offenbar ersonnen, weil das Leibroß so alt sein sollte wie sein Reiter. Nicht an Altersschwäche wird der Bukephalos in Indien gestorben sein, sondern weil er in der Schlacht verwundet war. Zweifellos heißt Bukephalas (dies ist die richtige Namensform) der Großkopf. Ich wundere mich, daß zur Erklärung des Namens so verschiedene Ansichten aufgestellt sind. Thessalische Pferde hießen öfter βουκέφαλοι (Aristophanes frg. 41). Übrigens lehrt Theophrast, hist. plant. III 11, 4 f., daß die Mazedonen die glatte Esche Melia, die rauhe Esche Bumelios nannten und daß die letztere die größere war; also diente das Präfix »Bu« zur Hervorhebung der Größe (dies fehlt bei O. Hoffmann »Die Makedonen, ihre Sprache und ihr Volkstum«). Bei Homer heißt βουγάϊος der Stolze, der sich büffelhaft freut. Etwas anderes ist es, wenn bei Lucian Menschen mit Hörnern βουκέφαλοι heißen, Vera historia II 44.. Niemand sonst in diesem Reitervolk konnte das Tier reiten. Es war ein ganz junger Hengst aus thessalischen Gestüten, der noch scheute vor seinem eigenen Schatten. Alexander warf den Mantel ab, schwang sich auf und ritt ihn in losem Galopp gleich ohne Sattel, Peitsche und Sporen vor. Großes Staunen! Das Tier wurde hernach der Begleiter seines Lebens und fand erst am fernen Indus sein Grab. Es gehört dies zu den bekanntesten Alexanderanekdoten, die wir schon auf der Schulbank hörten. Man weiß: 61 der Vater Philipp weinte dann Tränen der Rührung, küßte den Sohn und schwang sich zu den Worten auf: »Suche dir ein Königreich, das dir gleich, mein Knabe; Mazedonien ist für dich zu klein.« Die Worte sind hübsch ersonnen; das Tier aber ist echt, echt gewiß auch der Proberitt.

Der junge Mensch wurde aber noch ganz anders in den Sattel gehoben. Er mußte jetzt schon als Statthalter das Land regieren. Er war immer noch 17jährig. Philipp warf sich damals ausgreifend in den langwierigen thrakischen Krieg, der mit der vergeblichen Belagerung von Byzanz anhob. Drei Jahre lang hat Philipp da an der Maritza bis zur Küste des Schwarzen Meeres gekämpft, um sich das wichtige weite Land zu sichern, und drei Jahre hat Alexander indes selbständig Mazedonien verwaltet, ohne Anstoß, die Autorität im Land, am Hof, bei der Truppe gewahrt, auch schon einen kleinen Bergkrieg geführt, und, während Philipp im Lande Thrazien die Festung Philippopel gründete, die er nach seinem Namen nannteFrüher schon hatte er die Stadt Philippi in der Nähe von Amphipolis gegründet. Der Name des Stadtgründers Philippos, dem heroische Ehrung zukam, wurde also im Stadtnamen Philippoi pluralisiert, und hiernach werden wir auch andre Städtenamen, die den Plural zeigen, wie Aigai, Golgoi, Soloi zu beurteilen haben; so heißt vor allem die Stadt Athenai nach Athene. Philippi ist übrigens der Ort, wo später das Geschick der römischen Freiheit sich entscheiden sollte. Brutus und Cassius wurden dort von Mark Anton besiegt., erlaubte er, daß gleichzeitig Alexander in den Bergen ein Alexandropel baute. Der Sohn hatte damit, noch nicht im Studentenalter, seine »Staatsprüfung« zu des Vaters Befriedigung bestanden; sein Frühling war schon Erntezeit, mochte Aristoteles sagen, was er wollte.

Die politischen Ereignisse gingen weiter. Es folgte der Entscheidungskampf in Hellas. In der Schlacht bei Chäronea führte da Alexander auf dem Rücken seines Bukephalos die Reiterei zum Sieg. Der Vater hatte seine Truppe in Defensivstellung zurückgehalten; seine Absicht war, den Feind zu ermüden; Alexander jedoch sprengte ungeduldig vor und beschleunigte die Entscheidung. Die Zufriedenheit Philipps steigerte sich noch; aber sie hielt nicht an, und es sollte doch noch zu einem ernsten Konflikt zwischen Sohn und Vater kommen. Es kam dahin, daß Alexander zwischen Mutter und Vater wählen mußte.

Philipp, der Weiberfreund, hatte, wenn ich nicht irre, sechs Frauen, die Kebsweiber nicht gerechnet. Königin war auf alle 62 Fälle nur Olympias. Er hatte Olympias aber nicht ans Liebe geheiratetWas bei Plutarch von ihrer Jugendliebe auf Samothrake steht, ist Fabelei., sondern aus politischen Gründen; denn sie war Prinzessin und Erbtochter im Königshaus von Epirus, und auf die Heirat mit ihr gründete sich der Machteinfluß, den Philipp im Land Epirus alsbald gewann. Jetzt verfiel er in Liebe zu einer vornehmen jungen Mazedonin, Kleopatra. Kleopatras Vater hieß Attalos, ein Mann hoher Stellung. Unverlegen, ja hochgemut, als Herr von Hellas und Thrazien und im Begriff gegen Persien den Weltkrieg zu beginnen, feierte Philipp mit dem jungen schönen Weibe die Hochzeit im Angesicht der Olympias in Saus und Braus. Bei dem Bankett sprach Attalos in der Trunkenheit herausfordernde Worte: »Hoffentlich wird dir, Philipp, nunmehr endlich ein würdiger Thronfolger geboren.« Der Wein schäumte in den Gemütern. Alexander fuhr auf: »Ich wäre ein Bastard?« und schmiß den Becher nach dem Beleidiger. Philipp wollte den Sohn schlagen, fiel aber kläglich zu Boden; da höhnte Alexander den Vater: »Nicht einmal von einem Stuhl zum andern kannst du gelangen? wie willst du von Europa nach Asien kommen?« Das warf Philipp in helle Wut. Olympias entwich in ihr Stammland Epirus und nahm ihren Sohn mit sich. Auch Alexanders Freunde wurden aus dem Land gejagt. Attalos wollte Alexander enterbt wissen, seinen Einfluß im Land untergraben. Alexander selbst aber glaubte sich nicht einmal in Epirus vor Nachstellungen sicher und flüchtete nach Illyrien, nahezu dem einzigen Winkel der Balkanhalbinsel, der noch nicht in Philipps Händen war. Dort konnte kein Dolch ihn erreichenDaß Alexander den illyrischen Herrscher zum Kampf gegen Philipp aufhetzte, ist ganz unwahrscheinlich und durch nichts angedeutet; er wollte nur selbst sich bis auf weiteres persönlich sichern.. Aber Philipps Zorn schwoll ab; Kleopatra kam nieder und gebar nur eine TochterSo Beloch. Die Überlieferung schwankt; einige berichten, es sei ein Sohn geboren. Wäre dies aber der Fall gewesen, würden wir von dem Schicksal dieses Sohnes unbedingt etwas hören müssen.. Die Aussöhnung zwischen Vater und Sohn geschah; auch Olympias kehrte nach Pella zurück, und Philipp gedachte nun endlich mit dem Sohn zusammen den Angriff auf die Macht des Perserkönigs in Kleinasien zu beginnen. Noch dreißig, ja, vierzig Jahre hätte er ja leben und mit seinem Sohn vereint die großen Gebiete Asiens erst erobern und dann in Verwaltung nehmen können. Denn der Orient hatte für zwei Herrscher, die 63 gemeinsam wirkten, Raum genugMan denke an das Verhältnis des Antigonos und Demetrios Poliorketes; auch da arbeiteten sich Vater und Sohn, zwei gleich ausgezeichnete Militärs, auf das beste in die Hände.; ja, man kann sagen, er brauchte sie. Da erlag Philipp dem Mordstahl, und das Königtum Alexanders begann. Er zählte jetzt 20 Jahre.

Es war kein jubelnder Anfang; die Heiterkeit fehlte, und die Huldigungen, die er fand, fielen spärlich aus. Das Frauengemach im Palast war leer; während sonst die Jünglinge so früh heirateten, war es mit ihm so anders; und er hatte vor allem in heißem Ringen um seine Existenz zu kämpfen. Dabei wurden seine Jugendgespielen seine Helfer; auch Parmenion und Antipater, des Vaters bewährte Heermeister, standen dienstbereit zu ihm. Aber wir sahen schon, wie bedroht seine Stellung war. Die schwarze Galle regte sich in ihm, und er mußte mit Blut und Eisen vorgehen, rücksichtslos. Todfeindschaft bestand zwischen jenem Attalos und ihm. Jetzt bewarb sich Attalos, um Alexander wegzuräumen, um Athens, um Persiens Hilfe. Alexander ließ den Mann niederstechen, es war Notwehr. Dann ging es um das väterliche Erbe.

Denn in allen Griechenstädten gärte es; man wollte wieder von Mazedonien los. »Dies Jüngelchen, dieser Milchbart«, »dieser Tapps«»Margites«., hatte Demosthenes von Alexander gesagt. Aber der Milchbart rückte rasch heran, an Athens Mauern vorüber (ob er damals etwa auch Athen selbst betreten hat, wissen wir nicht) nach Korinth, dem Sitz des griechischen Bundesrats. Leutselig, aber in entschiedenem Ton verpflichtete er sich im Kongreß zu Korinth den Bundesrat aufs neue zur Heeresfolge und Gehorsam, wobei die Eidesleistung genügen mußte. Besatzungen legte er – außer in Theben – in keine der Städte. Der Bundesrat sank alsbald zur bloßen Publikationsstelle für die Befehle Alexanders herabAuch Vertreter der kleinasiatischen Griechenstädte ließ Alexander hernach in diesen Bundesrat aufnehmen; s. Wilcken in Sitzungsberichten d. Berl. Akademie 1922, 9. Februar (Philol. Wochenschrift 1922 S. 1213)..

Es war ein Hin und Her. Er mußte sich tummeln; denn die Balkanvölker standen aufAuffallend ist, daß Alexander in den Komödien des Ephippos Fr. 5 (II S. 253 K.) zur Abwehr der Kelten aufgefordert wird. Es kann sich wohl nur um keltische Söldner handeln; solche wurden den Spartanern von Syrakus zur Hilfe geschickt. Bemerkenswert, daß Philipp mit einem Keltenschwert ermordet wurde. Ich erinnere noch an die Keltengesandtschaft, die Alexander im Anfang seiner Regierung empfing.. Der junge Löwe brüllte nicht; er schlug nur mit der Tatze. Es galt durchzugreifen, sich gründlich in Respekt zu setzen, das Erbe des Vaters zu sichern, und so begann nun seine Siegeslaufbahn, zunächst in Europa, die fortan ohne Unterbrechung weiterging. Sogar jenseits der 64 Donau warf er im heutigen Rumänien die Geten nieder, da sie seine Grenzen bedrohten. Gefährlich und mühsam ward der Kampf mit den Illyriern in den fern abgelegenen Bergen des nördlichen Albanien, beim Bergsee Ochrida. Ein Überfall bei Nacht brachte glücklich die Entscheidung. Übrigens dankte er diesen Erfolg zugleich der Treue des starken Bergvolkes der Agrianer, die er sich sicherte, indem er ihren Fürsten Longaros reich beschenkte, ja, ihm seine eigene Schwester Kynna zur Ehe versprach.

In Griechenland aber, Athen und Theben, gärte es noch immer. Die Lage wurde kritisch. Der Nachrichtendienst hatte ausgesetzt. Alexander war so fern und offenbar in Not: über den Ausgang des Kriegsgangs in jenen Bergen fehlte, so scheint es, in Griechenland jede Meldung. Ob er noch lebte? Die Nachricht kam auf: Alexander sei tot. Man glaubte, was man hoffte. Man schwor darauf. Ein König ohne Erben! Das war wie der Funke im Pulverfaß. Nun konnte alles gut werden. In Wut über die mazedonische Besatzung, die noch immer in der Stadtburg (der Kadmea) lag, erhob sich Theben zum Freiheitskampf. Es warb Bundesgenossen. Demosthenes war bereit; Athen wollte schon Hilfstruppen schicken. Berge und Täler hallten wider von Mazedonenhaß. Gewiß, es würde jetzt anders gehen als bei Chäronea. Da stand Alexander vor Theben; er war da; er lebte; ganz plötzlich war er erschienen; in Rapidmärschen war er gekommen. Der Schreck war unaussprechlich. Noch furchtbarer der Eindruck, als Theben fiel. Die sagenreiche Stadt des Ödipus, die seit den Zeiten Homers und der »Sieben gegen Theben« kein Feindesfuß je betreten hatte, lag in Asche.

König Philipp hatte jüngst Byzanz nicht nehmen können; Alexander nahm Theben in zwei Tagen. Niemand wollte es glauben. Er selbst freilich hatte zurückgehalten. Er wollte den Thebanern Frist zum Ausgleich geben, eine Versöhnung ermöglichen. Aber sein Feldherr Perdikkas griff an, der Ungeduld der Truppe gehorchend, und gleichzeitig mit den weichenden Thebanern drangen die mazedonischen Speermänner durch das Tor. Ein Morden in den Stadtgassen folgte; Verzweiflungskampf.

65 Was sollte hiernach aus Theben werden? Alexander wälzte die Entscheidung von sich ab und ließ die lokalen Leidenschaften spielen, den Haß, mit dem Griechen Griechen verfolgten. Die Meinung der führenden Männer der umliegenden griechisch-böotischen Kleinstädte, die alle Theben, das mächtige, seit Jahrhunderten haßten, holte er ein. »Zerstören!« hieß es. Und Theben verschwand; es wurde dem Erdboden gleichgemacht. So hatte einst Xerxes Athen zerstört. Es war schlimmer als die Zerstörung Magdeburgs durch Tilly, als der Brand Moskaus zu Napoleons Zeiten, da nach der Gewaltpolitik jener alten Zeiten die Weiber und Kinder verkauft, zahllose Männer massakriert wurden. Wir hören, daß auch die Spartaner als Käufer auftraten; auch sie freuten sich über den Ausgang und sättigten so ihren ThebanerhaßBei Hermogenes S. 169 ed. Rabe lesen wir gar, daß die Spartaner damals 300 thebanische Gefangene kauften und auf dem Schlachtfeld von Leuktra schlachten ließen..

Athen und Theben waren damals die zwei Augen Griechenlands, oder, wie die Griechen sagten, Athen war die Sonne, Theben der Mond von HellasHegesias von Magnes Frg. 2.. Das eine Auge war nun ausgestochen, der Mond aus dem Himmel gerissen, der da machte, daß selbst die Nacht noch hell war. Das Ereignis wirkte wie ein jäher Schlag ins Genick, und so ergab sich Griechenland dem Sieger, dem Mann der Schrecken, in völliger BetäubungEs gilt hier der Satz, den wir bei Curtius VII 6, 16 lesen: urbs diruta est ut ceteri cladis eius exemplo continerentur. Es war dies auch wieder Alexanders Verfahren bei der Eroberung Baktriens und Sogdianas.. Vor allem zitterte Athen, da es die Rebellion Thebens offenkundig unterstützt hatte. Aber Alexander dachte nicht daran, Athen zu kränken. Er forderte von der Stadt nur die Auslieferung der Hetzer, vor allem die Auslieferung des Demosthenes, und als Athen sich weigerte – der alte Athenerstolz regte sich doch noch, und der Name des Demosthenes bedeutete ein Programm –, da gab Alexander gutwillig nach. Er bestand nicht auf seiner Forderung. Hatte er doch jetzt die Balkanhalbinsel fest in der Hand, ungleich fester als sein Vater, und er konnte an anderes denken; das große Abenteuer konnte beginnen, für das schon sein Vater gerüstet hatte, die Eroberung Asiens. Er wollte nicht zaudern, als ahnte ihm, daß er wie Achill jung sterben würde. Im Jahre 335 fiel Theben. Schon im folgenden Jahre ging Alexander über die Dardanellen. Er ging, um nie wiederzukehren.

66 Er war keineswegs eine Reckengestalt, zwar muskulösDas dürfen wir der Schilderung im Itinerarium Alexandri c. 13 wohl entnehmen, wo es übrigens heißt: visu arguto naribusque subaquilinis fuit, fronti omni nuda plerumque, quamvis pinguius fimbriata (cf. Titinius v. 112 R.) de exercitio ob vehementiam equitandi . . ., ex qui reclinam comam iacere sibi in contrarium fecerat., aber sein Wuchs noch nicht von Mittelgröße. Als er später auf den Thron der Perserkönige sich setzte, der offenbar sehr hoch war, mußte ihm statt des üblichen Schemels ein Tisch unter die Füße geschoben werden, wobei man aber wiederum wissen muß, daß die Tische in jenen Ländern wie heute in Persien und China sehr niedrig warenSiehe Diodor 17, 66. Wie niedrig die Tische in China, kann man aus den chinesischen Bildwerken, die solche in menschlicher Umgebung zeigen, ersehen. Dasselbe gilt von den Tischen in Japan; s. »Das Japanbuch« von Lafcadio Hearn, 1921, S. 67. Ebenso bezeugt Sven Hedin »Zu Land nach Indien« I S. 189, daß in Persien ein Tisch heute nur so hoch wie ein Schemel, 1 Fuß hoch ist. Eine Tischdecke wird über ihn gebreitet; um ihn lagert man sich auf den Erdboden. Bei Leo Tolstoj in der Erzählung »Chadsi-Murat« (ed. Specht), die im Kaukasus spielt, wird S. 25 von einer Frau »ein niedriges, rundes Tischchen« mit Tee, Mehlklößen und Fladen hereingetragen, und es wird vor die Gäste gestellt. So nun auch bei den alten Griechen selbst; man sehe z. B. den Tisch auf dem Vasenbild, das ein Symposion darstellt, Monum. antichi dei Lincei Bd. 22, Tfl. 43: dazu die sog. Dariusvase, unterster Streifen, wo gleichfalls der Tisch vor dem Geldzähler in der Tat auffallend niedrig ist; der auf dem Klappstuhl sitzende Mann muß sich zu ihm herunterbeugen. Dasselbe Vasenbild zeigt übrigens auch den persischen Herrscherthron, der wesentlich höher ist als die übrigen Sessel des Bildes (v. Monum. d. Inst. IX Tf. 50 f.; Baumeister, Denkmäler Tf. VI Abb. 449).. Dieser Mangel wurde jedoch aufgewogen durch die hinreißende Wucht seines Wesens: sein Gesicht beseelt, seine stahlblauen AugenColor hyacinthinus, nach Polemo in den Physiognomica ed. Förster I S. 144, eigentlich veilchenblau. groß und von wundervollem GlanzPhysiognomica I. p. 328: solche Augen deuten auf τόλμη, μεγαλονοία, ἀργή und μέϑη., etwas Himmelstrebendes im Ausdruck. Tausend Künstlerhände regten sich bald, um seine durchaus ungewöhnliche Erscheinung nachzubilden. Er machte in der Kunst Epoche.

Bisher gehörte der Bart zur Würde des Mannes. Alexander ging bartlos, zeitlebens, wie in ewiger Jugend; ja, er setzte durch, daß auch seine Mazedonen hinfort ohne Bart gingen, angeblich, damit der Gegner im Kampf sie nicht am Bart packen könnePlutarch, Theseus c. 5.. Das wurde Mode, die Mode schlug durch, und alle Griechen und Römer, die etwas auf sich hielten, gingen seitdem mit ausrasiertem Gesicht, Cäsar und Pompejus usw., wie bei uns in der Zeit des Rokoko und Empire Leibniz und Voltaire, Napoleon und Goethe. Das währte damals volle 400 Jahre, und erst Kaiser Hadrian schaffte es ab.

Eine Verkürzung am Halsmuskel bewirkte, daß Alexander den Kopf schräg hielt, nach links geneigt. Das gab seinem Ausdruck eine fesselnde Mischung, und in die gespannte Energie seiner Züge trat etwas elegisch Träumerisches. Auch das war neu; das Sentimentale begann; das Auge in feuchtem Glanz schwimmend und doch mannhaft wild funkelnd wie mit dem Blick des raubenden Löwen; das Haar lockig wallend, mit steilem Haarbüschel über der hohen und fein gewölbten Stirn. So etwa reden die alten Zeugen von ihm. Man beobachtete, wie frauenhaft weiß seine Haut schimmerte, wenn er Arm und Nacken entblößte; nur im Gesicht stand ihm die Wangenröte. Das fiel auf, da sonst alle jungen Griechen durch das Nacktturnen gebräunt waren; Alexander verachtete eben den 67 Turnsport und das AthletentumPlutarch, Alex. 4 fin.. Er war ganz nur Soldat und Jäger. Die Dienerschaft redete auch von dem wundersamen Duft seines Körpers, der an den abgelegten Gewändern haftete, ein Umstand, den die Naturforscher und Ärzte alsbald wissenschaftlich erörterten und aus seinem Heißblut und der Fülle seiner Jugend zu erklären suchten. Dann kamen die Schmeichler dazu, die sagten, wenn ihn die Mücken stachen: »das müssen Mücken bester Rasse werden, die von deinem Blut gekostet«Athenäus p. 249 E..

Einer der schönsten Büstenköpfe, die wir von Alexander erhalten habenDie Büste der Sammlung Graf Erbach bei Bernoulli, Die erhaltenen Darstellungen Alexanders des Großen, 1905, Tfl. II., zeigt uns das Antlitz jünglinghaft, den Ausdruck ernst gesammelt und denkend, den Mund klein und sprechend belebt. Aber auch als halbwüchsiger Ephebe, fast noch Knabe, ist er in Marmor verewigt worden, gewiß von dem berühmten Bildmeister Lysipp, und auch dieser Kopf, das köstliche Originalwerk, ist erhalten; es wirkt noch faszinierender in großer Lieblichkeit und GeisteshelleVgl. Plinius nat. hist. 34, 63. Der erwähnte Alexanderkopf war behelmt; er stammt aus der Insel Kos; Genaueres gibt M. Bieber im Jahrbuch des arch. Inst. 40 (1925) S. 167 f.. Man begreift danach, daß dieser Alexander zugleich Furcht und Liebe erweckte. Der Griffel der Schönheit schrieb den Zorn in seine Mienen. Seine Stimme war mächtigDie μεγάλη φωνή wird mehrfach erwähnt; ich habe mir die Stellen nicht notiert., wenn sie übers Feld schrie, und seine Erscheinung, der jähe Übergang aus Lieblichkeit in das Wilde, den man an ihm erlebte, wirkte faszinierend auf die rohen Massen der Soldaten, die er über Schneegebirge und durch Wüsten führte.

Schon warf er, im Frühling des Jahres 334, seine ersten Truppen über die Dardanellen. Die Rache Europas an Asien sollte beginnen. Seine rasche, stets auf Entscheidung drängende Natur wollte nicht warten, obschon Parmenion und Antipater voll Besorgnis um das Bestehen der Dynastie ihm rieten, noch zu warten; er sollte erst heiraten, durch einen Thronerben ihren Bestand sichern. Sein Trieb aber stand nicht danach. Um ihn zu wecken, hatten seine Eltern den Jüngling schon früh mit einem schönen Weibe zusammengebrachtAthenäus p. 435 A.. Aber wir hören weiter nichts davon. Als er in Athen war, las ihm dort einer der flotten Theaterdichter (er hieß Antiphanes) eins seiner frech-frivolen Lustspiele vor, in denen ohne Frage das Behagen oft 68 den Witz ersetzte, und sah zu seinem Verdruß, daß der Königssohn daran durchaus kein Gefallen fand. »Ja freilich, wer nicht selbst mitmacht,« räsonnierte da der Poet, »wer nicht wie wir um Hetären sich mit andern prügelt und dabei Schläge versetzt und Schläge bezogen hat, der verdient, daß er sich langweilt«Antiphanes bei Athenäus p. 555 A.. Sehr anders war in der Tat Alexanders Kunstgeschmack in den Jugendjahren. In Theben, der Stadt, die er hernach zerstörte, sah er einst allerlei schöne Gemälde moderner Meister, die ihn fesselten, verliebte sich aber nur in eins, das er alsbald nach Pella schaffte. Was stellte es dar? eine tote, junge Frau, die dalag mit blutender Wunde, indes der Säugling, den sie geboren, zu ihr herankrochPlinius nat. hist. 35, 98. Man merkt: es reizte ihn, Blut zu sehen, und ihn rührte zugleich die Hilflosigkeit des Kindes.

Er steckte voll Poesie und wußte auch später, als er im fernen Asien sich umtrieb, noch ganze Partien aus des Euripides Tragödien auswendig zu deklamierenAthenäus p. 537 D. Nur das Pathetische lag ihm. Ob er sich, als er in Athen war, auch den Philosophen der platonischen Richtung persönlich genähert hat, erfahren wir nichtDem Platoniker Xenokrates, der ihm eine Lehrschrift über das Königtum widmete, sandte er später ein großes Geldgeschenk; s. Diog. Laert. IV. 8. Er hat also den Aristoteles nicht etwa einseitig bevorzugt.. Wohl aber fühlte er ein instinktives Interesse für jenen Diogenes, den herben Straßenphilosophen und Sonderling, den so viele belächelten oder mißachteten. Der Grund dafür war gewiß nicht das bloße Behagen am Kontrast, im königlichen Aufzug vor den Mann zu treten, der angeblich nur im abgerissenen Zustand auftrat und programmäßig ein »Hundeleben« führteDaß Diogenes sich übrigens sauber hielt und badete, steht fest; s. Aus dem Leben der Antike4 S. 91.. Beide Männer waren ja im Grunde Gesinnungsgenossen. Dieser Diogenes war sogar der Lehrer seines Jugendlehrers Philiskus gewesen. Es lohnte sich ihn kennen zu lernen.

Alexander traf den Alten in den Gassen Korinths. Da kauerte der Kauz vor seinem Tonfaß, in dem er nachts zur Ruhe ging, beobachtete die Passanten und schalt und tröstete nach Laune die Leute, die ihn ansprachen, immer kurz angebunden und meistens weidlich grob. Er war es, der das Wort »Kosmopolit« erfunden hatteDiogenes Laert. VI 63., ein Wort von großartigem Klang, aber gefährlich, das seitdem nie verklungen ist und noch unser Jahrtausend überdauern wird. Auch Alexander der Große aber war 69 Kosmopolit. Die Sympathie zog ihn, und so plauderten da die beiden Männer auf du und du; das Du-Sagen brachten die noblen griechischen Verkehrsformen mit sich. Der junge Monarch wollte denn doch den Gnädigen spielen und bat den Diogenes, sich etwas von ihm zu wünschen; das gehört zu den bekanntesten Geschichten. »Geh mir aus dem Sonnenlicht«, war die lakonische AntwortDiog. Laert. V 38.. Ebenso bekannt ist auch das Wort Alexanders, das er sprach, als sie sich trennten: »Wäre ich nicht Alexander, ich möchte Diogenes seinDiog. Laert. VI 32..« Warum sollen solche Aussprüche, die man uns überliefert, nicht auch einmal echt seinMan hält dies Gespräch für erfunden. Die Gründe aber, die man für solche Verdächtigung anführt (z. B. W. Hoffmann, Das literarische Porträt Alexanders des Großen S. 12 u. 73 f.), sind gänzlich haltlos. Daß Alexander Gespräche mit Cynikern liebte, beweist Onesikritus genugsam, den er in Indien auf dem Schiff zu seinem nächsten Umgang machte, ebenso Kalanos, der Brahmane, den er aus Indien mit sich nahm. Wer solche Begegnung berühmter Personen deshalb verdächtigt, weil sie sich zu pointierter Darstellung mißbrauchen lassen, schüttet das Kind mit dem Bade aus. Vielleicht wird so auch die Begegnung Napoleons mit Goethe oder Gellerts mit Friedrich dem Großen noch einmal dem Verdacht verfallen. In unserm Fall ist Arrian VII 2, 1 ein guter Zeuge. Chronologische Bedenken bestehen nicht, wenn dies Gespräch, wie auch Arrian weiß, zu der von mir angesetzten Zeit stattfand, und zwar in Korinth. Daß Diogenes oft in Korinth lebte, setzt Dio von Prusa VIII 4 und sonst voraus. Alexander betrat selten, vielleicht nur einmal in seinem Leben Athen. Wenn aber Alexander und Diogenes gleichzeitig in Korinth waren, so wäre es für sie ein Kunststück gewesen, sich nicht zu begegnen; wer das Gassenleben im Süden kennt, wird das einsehen. (Vgl. noch oben S. 53, Anm. "Überliefert wird, daß der Cyniker Philiskos...").? Zuverlässige Kolporteure gab es damals wie heute, wo es sich um erste Größen der Gegenwart handelte; und jene Worte charakterisieren die Männer unübertrefflich; sie verdienen es, echt zu sein.

So zog nun der König aus, um mit dem Schwert den Traum des Mannes in der Tonne zu verwirklichen. Man kann sagen: er wurde der Vollstrecker der Forderungen der griechischen Internationale. Asien sollte in Europa überfließen. Er durchstach den Damm, der Orient und Okzident bisher auseinanderhielt. Aber kein Zweifel: er wird gelächelt haben, als des Diogenes bellende Stimme hinter ihm verklang. Er, Alexander, war denn doch der größere. Sein Stolz und Selbstgefühl reckte sich hoch wie der Regenbogen, der über Bergen und Meeren steht. Seine Mutter konnte von ihm sagen:

In Zedernwipfeln nistet meine Brut
Und tändelt mit dem Wind und trotzt der Sonne. 70

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