Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Birt >

Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Griechenland und König Philipp

Griechenland im vierten Jahrhundert v. Chr.

Zunächst gilt es, einen Blick auf die Zustände in Hellas zu werfen. Sie sind unendlich verwickelt und an Mißklängen reich, und es ist ermüdend und betrübend, dabei zu verweilen; betrübend in der Tat, der Selbstzersetzung und Dekadenz eines edlen, eines der gottbegnadetsten Völker zuzusehen.

Panhellenismus, Einigung des gesamten zerspaltenen Griechentums mit geschlossener Front gegen äußere Feinde, das war bisher das große Ziel der besten Politiker im Lande gewesen. Nur mit Gewalt war das durchzusetzen. Athen hatte es vor 50 Jahren angestrebt; Alkibiades, der Athener, war der letzte, kühnste und befähigtste Vertreter dieser vaterländisch ausgreifenden Politik gewesen. Diese Politik war erledigt durch den 27jährigen Peloponnesischen Krieg und die Niederwerfung Athens im Jahre 404. Schon dieser Ausgang bedeutete eine Knickung der Volkskraft, eine Vorstufe des Untergangs. Was jetzt folgte und die nächsten 50–70 Jahre erfüllte, war nichts als Steigerung des Ruins, die Fortsetzung des traurigen Bruderkriegs von Griechen gegen Griechen. Aus dem dreißigjährigen Krieg wurde der hundertjährige. Es lohnt nicht, diese Dinge im einzelnen zu erzählen; schon die Abneigung gegen alles Vergebliche lähmt mir die Feder; denn es war ein vergebliches Kämpfen und Ringen.

Im Schoß der Zeiten schlummerte noch das Schicksal, ungeboren. Was würde es sein? Man ahnte das Verhängnis, und die Nervosität der Volksseele war groß; sie wirkte zerrüttend. Neid, Haß und Hader, eine Balgerei der Staaten ohne Aufhören, jener Kleinstaaten, die nun seit Jahrhunderten, auf sich angewiesen, eng nebeneinander lagen. Die Pest hört einmal auf zu wüten, nicht aber die Seuche der Zanksucht, wenn sie einmal ausgebrochen. Auch wir Deutschen wissen davon. Es gibt nur ein Heilserum, das hilft: die Knechtschaft. Knechtschaft bis zur Entwaffnung. Im großen römischen Reich ist dies wirklich späterhin zur Durchführung gekommen.

19 Und es war nicht nur Grenzhader; der Parteihaß in den Städten selbst kam hinzu; ewiger Umsturz; sahen sich die Demokraten in der Übermacht, so schlugen sie die Optimaten, die sog. besseren Leute, in der Gasse mit Knüppeln totSo geschehen in Argos. oder jagten sie doch aus der Stadt, und umgekehrt. Die Verbannten verschworen sich dann zur Rache, zur gewaltsamen Rückkehr; und so fühlte sich keine Stadt vor Putschen und Krawallen, vor blutigen Überfällen sicher.

Unter den Staaten waren Sparta, Athen und Theben jetzt die drei konkurrierenden größeren Gemeinwesen, die ehrgeizig nach der Vorherrschaft strebten; denn auch Athen hatte sich von seinem schweren Fall wieder aufgerichtet; aber sobald eines von ihnen zu mächtig wurde, fielen die übrigen Kleinstaaten, die sie als sog. Bundesgenossen um sich sammelten und auf die sie sich stützten, von ihnen ab. Es war nicht nur Angst vor der Ohnmacht, sondern auch Angst vor der Macht.

Das Hellenenland war zu klein; der Raum fehlte, sich auszudehnen. Man saß wie in einer engen Schachtel und trat sich ständig auf die Füße. Es war just so wie heut mit der Wohnungsnot, wo im Haus zu viel Zwangsmieter sitzen, die sich gegenseitig die Türen einrennen. Die Moral gewinnt dabei nicht; vielmehr gedeiht die Verrohung und wuchert wie scheußliches Unkraut mit geilen Trieben: Zersetzung und Niedergang, damals ohne Frage noch ärger als nach dem unseligen Dreißigjährigen Krieg, der unser Deutschland vor nun 300 Jahren physisch und moralisch verwüstet hat. Man lasse sich durch die edlen Töne nicht täuschen, die uns aus der griechischen Literatur der Zeiten, da ein Plato lebte, umrauschen. Gewiß, der Idealismus der Auserlesenen steigerte sich damals noch; aber die von Idealen getragene Sittlichkeit schloß sich jetzt ab und zog sich in die Schulen, in die Klubs der Weisheitsfreunde zurück. Das städtische Leben draußen sank ins Gemeine, die politische Moral erst recht. Auch die Satire des Aristophanes war verstummt, und kein gesundes Lachen scholl mehr herzbefreiend in die verbissene, verhetzte Stimmung der Massen. Glaubte man, man wäre allein auf der Welt?

20 Der Mazedone freilich sah noch dem allen gelassen zu; der Perser aber rieb sich die Hände, denn er hatte davon zunächst den Vorteil. Die persischen Statthalter oder Satrapen im nahen Kleinasien waren seine Diplomaten; sie gaben acht; ja, sie hatten seit langem schon ihre Hände im Spiel, und das Spiel schien zu gelingen: auro, non ferro; es zeigte sich jetzt, daß das persische Gold siegreicher war als die persischen Waffen.

Freiheit, das Recht der Selbstbestimmung fordert die Ehre der Nation. Sie zu wahren und zu hüten, ist ihr Stolz. Unauslöschlich glorreich war der Sieg der Griechen über Xerxes, den Perser, gewesen; er ist in der Weltgeschichte das vielgepriesene Muster aller Freiheitskämpfe geblieben wie hernach der Sieg der Schweizer über Burgund, der Niederlande über Philipp, den Spanier. Nun aber waren seit der Schlacht bei Salamis hundert Jahre vergangen, und das Ehrgefühl war völlig dahin. Persien war Trumpf. Gold, Gold! Man kämpfte jetzt blindlings mit persischen Hilfsgeldern für persische Zwecke. Schon der Ausgang des peloponnesischen Kriegs war ja in Wirklichkeit ein Sieg Persiens gewesen; denn ohne das persische Gold hätte der Spartaner Lysander sich die Flotten nie bauen können, die Athen schließlich bezwangen; es waren somit persische Flotten und die Rache, die einst Darius den Athenern geschworen, war also damit endlich vollzogen. Als danach Sparta zu mächtig zu werden drohte (denn spartanische Truppen wagten sich zum Kampf gegen Persiens Satrapen nach Kleinasien), wurde Athen alsbald mit Hilfe von persischem Gold neu befestigt; vor allem mußte ein athenischer Admiral daher, Konon hieß er, um die Spartaner mit persischen Galeeren von der See zu vertreibenKonons Seeschlacht bei Knidos, i. J. 394. Es gelang. Vor allem aber wurde Theben gegen Sparta gehetzt, und Theben gehorchte gern; es hatte ja landesverräterisch einst schon zu des Leonidas Zeit auf des Xerxes Seite gegen Hellas gefochten. Inzwischen stellte sich Athen wieder, wie in seinen besseren Zeiten, an die Spitze eines »Seebundes«, kam aber immer nur zu halber Kraft, und Persien sorgte nun dafür, daß die drei genannten Mächte andauernd sich möglichst 21 balancierten, ein ewiger Kampf von zweien gegen einen, bei wechselndem Bündnis. Die drei Mächte waren wie die drei Personen im Lustspiel, wo immer zwei Personen sich lieben und die dritte Person dann voll Eifersucht dazwischen fährt. Für den Perser ein Lustspiel, für den Beteiligten eine Handlung von erbärmlicher Tragik.

Trat in diesen Kämpfen, die schließlich 70 Jahre andauern sollten, Erschlaffung ein, so gab es wiederholt Friedensschlüsse, aber sie waren wie ein halber Takt Pause im wilden Presto; Bestand hatten sie nie. Der Perserkönig in Susa aber – er hieß jetzt Artaxerxes – mußte diese Friedensschlüsse jedesmal genehmigen und zu garantieren versprechen, als wäre er oberste Instanz, aller Griechen Souverän und der eigentliche Beherrscher der Weltlage; denn kein Grieche traute dem Jawort und Eidschwur des andern Griechen mehr. Begreiflich genug, daß der König nun auch sogleich seine Bedingungen stellte; d. h. alle kleinasiatischen Griechenstädte, wie Milet und Ephesus, ließ er zunächst sich wieder ausliefern. Die alte Macht des Darius war damit glücklich wiedergestellt, die Großtaten des Themistokles und Kimon annulliert, und breit aufgestützt kauerte der asiatische Riese nun wieder dort am Küstenrand und starrte selbstzufrieden und drohend über das Inselmeer zu den kleinen Griechen hinüber, die nicht begriffen, wo ihr Feind war.

Aber auch sein eignes Militärwesen, das Soldatentum, wurde dem Griechen zur Plage. In der Art, wie sich ein Volk bewaffnet, verrät sich sein Charakter, sein Kulturstand. Die Geschichte aber lehrt, daß die allgemeine Wehrpflicht erziehend, das Söldnertum nur zu leicht demoralisierend wirkt. Damals aber hatte sich das Söldnerwesen, das wir in den Landsknechtshaufen Karls V., das wir bei Wallenstein und noch in der Armee Friedrichs des Großen wiederfinden, zum erstenmal ausgebildet, und es wurde alsbald zum Unwesen. Zu des Leonidas Zeit war es noch anders; da fochten nur die Bürgermilizen, und Hausväter und -söhne griffen, wenn der böse Feind anrückte, rasch zu Helm und Harnisch, der über dem Herd hing, und 22 traten brav zum Gefecht an. Aber solche Miliz hält die großen Dauerkriege nicht aus; der Bauer muß endlich wieder zu seinem Pflug, der Schuster zu seinem Pfriemen zurück; der Bürger zahlt also jetzt vielmehr Kriegssteuer, um nicht selber zu fechtenVgl. z. B. des Lysias Rede über den Stratioten, wo es sich um einen Bürger handelt, der wütend ist, nach beendetem Feldzug vom Strategen gleich wieder zum Felddienst gezwungen zu werden. In des Isäus 5. Rede wird § 46 einem Athener, Dikaiogenes, vorgeworfen, daß er trotz der Kriegsnot nie Soldat gewesen., und der Staat wirbt nun kampflustiges junges Volk, er wirbt Landsknechte für Geld an aus der Nähe und WeiteAuch athenische Bürger; vgl. des Isäus 2. Rede; der betreffende geht da mit Iphikrates als Söldner nach Thrazien. Ebenso in desselben 4. Rede über Nikostratos, der als Söldner i. J. 374 mit Iphikrates im Dienst Persiens gegen Ägypten zieht., die dauernd von dem Solde leben und für den sich schlagen, der am besten zahlt.

Eine folgenschwere Neuerung; der Waffendienst wurde hinfort zum Beruf; es gab jetzt einen Soldatenstand, der sich breitmachte und nichts wollte, als schlagen und verdienen; ein abenteuerlustig vaterlandsloses Vagantentum. Heermeister und Truppe verwachsen zur Gemeinde, zum Korps, bis morgen alles wieder auseinander läuft. Der Korpsgeist ersetzt den Vaterlandssinn. Besonders aus Arkadien, dem bärenhaft wilden Bergland, das der Moderne sich gern als Heimat des seligen Friedens und zärtlichen Schäferglücks denkt, strömten die Burschen, stämmige Kerle, massenhaft zu den Werbeplätzen, da die Heimaterde zu wenig bot. Arkadien war kaum ein »Staat« zu nennen. Aber auch in den Handelsstädten gab es, da die sog. Sklaven, die Unfreien die Fabrikarbeit taten, eine Menge untätigen Menschenmaterials. Früher schickte man die überschüssige junge Mannschaft zu Kolonialgründungen aus; aber das war vorbei; die Erde war längst verteilt. Und so lagen die rüden Gesellen jetzt zu Tausenden in den Städten herum. Ein Glück, wenn es Krieg gab; dann zogen sie ab, womöglich ins Ausland, nach Thrazien, Ägypten; denn die dortigen Könige zahlten gut. Schon im Jahre 401 führte Kyros, der aufständische persische Kronprätendent, 12 000 solcher Griechen mit sich zum Kampf nach Babylon. Wehe, wenn sie unbeschäftigt waren! Bis zum 40. Lebensjahr unter den Waffen, ohne Haus und Hof und unbeweibt: das gab das wüsteste Treiben, Radau, Säbelrasseln, Gassieren, Suff und Weiberschändung; »daß Gott erbarm«! Wir brauchen es uns nicht auszumalen. Man lese Wallensteins Lager, und man ist im Bilde.

23 Wenden wir uns hiernach zu den Soldatenführern. Da lassen sich allerlei glänzende Namen wie Agesilaos und Epaminondas nennen, die wir einst in der Schule lernten und die gesperrt gedruckt in den Geschichtstabellen stehen. Cornelius Nepos hat einst ihre Biographien geschrieben, freilich so dürftig, als ob er für unsern Brockhaus schriebe. Wozu indes ihre Siege aufzählen, die verpufften und wie die Schaumkrone auf der Welle in Nichts zergingen? Wichtiger als ihre Erfolge sind für uns die Fortschritte der Kriegskunst und KriegswissenschaftKriegswissenschaft; die Beschäftigung mit diesen Dingen heißt ἐπιστήμη bei Aeneas Taktikus c. 16., die man in der Tat ihnen verdankte und die auch den Mazedonen zugute kamen. Der Grieche war schon von vornherein ein viel besserer Soldat als der Orientale; denn schon seine Bewaffnung war besser, wie sie ein Industriestaat liefert; und dazu kam nun die sich immer weiter steigernde Fechtkunst. Die unseligen Zustände, die ich schilderte, waren denn doch die beste Kriegsschule. Die Kriegskunst ist die Schützerin aller andern Künste, und man muß sie verehren, vorausgesetzt, daß sie für die Freiheit der Völker und daß sie für den Frieden kämpft.

In König Agesilaos sehen wir einen der ehrwürdigsten oder doch achtbarsten Vertreter des Spartanertums. Xenophon, der Sokratesschüler, hat ihn verherrlicht; Agesilaos war also, obschon ganz nur Kriegsmann und allen philosophischen Phrasen abhold, doch ein rechter Mensch im Sinne des Sokrates; dabei bewußt altmodisch und unmodern; auch seine Erfolge verdankte er der altbewährten Tradition seiner Heimat; denn das Kriegswesen alten Stils gipfelte ja im Militarismus Spartas. Der aber wurde eben jetzt überholt.

Wie anders in der Tat die eleganten Strategen Konon und Iphikrates, Chabrias und Timotheos, die Athen damals aufstellte: Söhne der Weltstadt und moderne Weltkinder, Kondottieren flott, üppig, genial und durch keine Skrupel behindert. Athen selbst mit seinem feigen Bürgertum, dem Geschacher der Händler, dem Geschrei der Volksversammlungen, dies ewige Einerlei war ihnen zuwider, und sie entzogen sich nach Möglichkeit seiner Kontrolle. Sie liebten die Gefahr und kämpften natürlich 24 gemeinhin für Athen, doch aber auch für Persien, für Ägypten. Wenn nur gut gezahlt wurde! Blieb von Athen das Geld aus, so brandschatzten und räuberten sie, wo sie konnten. War Muße, so lebten die Herren draußen als Gast des Königs von Cypern oder auf Lesbos oder auf ihren thrazischen Besitzungen.

Iphikrates war der imposanteste unter ihnen von nahezu fürstlichem Gepräge, und es soll mir genügen, kurz nur von ihm zu reden. Der Thrazierkönig Kotys nahm ihn zum Schwiegersohn. Als in Mazedonien Thronwirren ausbrachen, ist er es, der die flüchtige Königin Eurydike mit ihren Söhnen in seinen persönlichen Schutz nimmt. Als der Perserkönig gegen Ägypten marschieren läßt, führt Iphikrates in Athens Auftrag ihm zur Hilfe 20 000 griechische Söldner dorthin; denn Athen suchte ängstlich die Fühlung mit Persien zu wahren. Persien aber mußte natürlich zahlen. Um so kecker erscheint der andere der athenischen Kondottieri, Chabrias, der umgekehrt nach eigenem Belieben mit seinen Schiffen und Söldnern in den Dienst des Ägypterkönigs Nektanebos trat, des Königs, der eben damals Ägyptens Freiheit gegen Persien verfocht. Athens Demagogen machten dem Chabrias darum den Prozeß. Aber er ließ sie schreien und war nicht zu fassen. Die thrazische Hochzeit des Iphikrates aber wurde in Athen mit Hohn auf die Bühne gebracht, jene Hochzeit, wo es Butter, wirkliche Butter von Kuhmilch zu essen gab (etwas durchaus barbarisch-ungriechisches) und wo der Schwiegervater, der König Kotys, angeblich selbst die Suppe im Gußgefäß auftrug, eine Küchenschürze vorgebunden. Dabei wurden dem athenischen General zu Ehren von griechischen Solisten Festlieder politischer Tendenz gesungen, aber, was unerhört, nicht etwa zum Lob Athens, sondern Spartas und ThebensSiehe Anaxandrides bei Athenäus S. 131..

Hätte Athen nur schon früher solch geniale Leute, und in solcher Anzahl gehabt! Konon war vor allem Meister des Seekriegs; aber auch im Landgefecht ordnete er eine originelle Kampfstellung an, die sich bewährte; man redete davon, und Konon selbst ließ sich sogar in dieser Stellung porträtieren; 25 natürlich als Statue; es fehlte nur, daß er sie auf dem Kasernenhof aufstellte. Iphikrates aber stellte das ganze Militärwesen auf einen neuen Boden, als er an Stelle der bisherigen schwerfälligen »Hopliten« die leichte Infanterie schufEs sind die Peltasten, die nach dem leichten Schild so hießen. Das Fußvolk der »Hopliten« schritt in erdrückender Eisenrüstung schwerfällig wie Schildkröten oder wie wandelnde Festungen einher; es stand vortrefflich, war aber manövrierunfähig. Jetzt mußten die Waffenfabriken kleine Rundschilde liefern, die leicht im Arm hingen; der schwere Eisenpanzer fiel ganz fortEin Linnenpanzer trat an die Stelle.; statt dessen wurden für den Nahkampf die Spieße erheblich verlängert, ebenso die Degenklingen. Damit entstanden fliegende Korps; auf Überraschung, schnellen Bewegungswechsel, Laufschritt bei der Verfolgung kam es an. Und so erlebte Sparta, das bisher, wie es sich rühmte, noch niemals eine Feldschlacht verloren, durch Iphikrates die erste empfindliche Schlappe bei Korinth (im Jahre 394). Das war ein Omen.

Agesilaos war schon zu alt geworden; Sparta, das stolze, lernte nicht um; es blieb bei seinem alten System, indes schon Epaminondas heranwuchs. Spartas Macht und Ansehen in Hellas zerbrach endgültig in der katastrophalen Schlacht bei Leuktra des Jahres 371, und sie war des Epaminondas Werk.

Dies führt uns nach Theben. Epaminondas war Thebaner; als Idealmensch wird er uns geschildert und ist eine der gern gefeierten Gestalten des Griechentums geblieben; denn er war, sein Ich vertiefend, auch den Musen zugewandt und als Musiker, Philosoph und Redner durchgebildet; erst 40jährig schwang er sich zum Staatsdienst, zur Führung Thebens auf. Unvermählt; die Vaterstadt nannte er seine Geliebte, den Ruhm der Schlachten seine Nachkommenschaft. So hat er in der Tat für zwanzig Jahre (371–351) Theben zur Großmacht erhoben; sein Genosse im Ruhm war Pelopidas. Bis in die Länder Thessalien und Mazedonien hinein griffen die thebanischen Waffen aus; dabei geschah das Bedeutsame, daß der nachmalige König Philipp, der noch Knabe war, aus Mazedonien nach Theben entführt wurde.

26 Was war es, wodurch Epaminondas in der Schlacht bei Leuktra Sparta niederwarf? Seine eigenartige Strategie, die wiederum Epoche machte. Denn er stellte seine Angriffsfront nicht, wie bisher üblich, gradlinig vor den Feind, sondern schief; den einen Flügel ließ er vorspringen, der dabei doppelte Tiefe der Aufstellung hatte. Er ballte also schon damals, wie später Napoleon es tat, die Masse auf einen Punkt zusammen, um den Durchbruch zu erzwingen. Von Pelopidas aber hören wir, daß er auch schon die seitliche Überflügelung des Feindes durch Kavallerie aufbrachte; das war die Form des Angriffs, die danach auch Alexander der Große befolgt hat. Thessalien lieferte seine Pferde. Die Bedeutung der Kavallerie wuchs; auch Xenophon schrieb darüber; die Reiterschlachten Alexanders bereiteten sich vor.

Aber auch der Fortschritte des Belagerungswesens sei endlich noch beiläufig gedacht. Achill war einst siebenmal vergeblich um Troja gerannt. Aber auch Athens berühmte lange Mauern, die Perikles gebaut hatte, schienen noch unersteiglich, und nur durch Aushungerung bezwang Lysander bekanntlich die Stadt. Jetzt arbeitete der erfinderische Grieche schon mit Sturmböcken, Minen und Gegenminen, mit Geschützen, die Steine oder Bleikugeln schleuderten. Die Historiker berichteten damals schon sorglich über diese Dinge, und eine militärische Fachliteratur entstand, von der uns wertvolle Reste erhalten sind. Als Verfasser erscheint ein Mann aus dem Söldnerlande ArkadienAeneas Taktikus; er widmete seine Werke augenscheinlich einem Strategen; denn wir lesen ständig die Anrede mit σύ, σοὶ und ὑμεῖς.. Jene Reste handeln von Kundschafterwesen, Fernmeldungen, Lichtsignalen, chiffrierten Geheimbriefen. Der Belagerte spannt Segeltücher gegen die anfliegenden Wurfgeschosse ausAeneas c. 32. und bestreicht alles Holzwerk gegen Feuerbrand mit Essig.

So bildete das kluge Griechenland damals die Kriegskunst für seine Gegner aus, die es hernach mit ihrer Hilfe knechteten (denn auch Rom waffnete sich mit dieser Kunst). Griechenland starrte in Waffen wie ein Igel, wie ein Nest von Igeln, und Persien hütete sich wohl, mit seiner großen Hand in das Nest zu greifen; es wartete, bis Griechenland an langsamem Selbstmord zugrunde ginge.

27 Sparta war, wie wir sahen, so gut wie erledigt. Als Epaminondas starb – er fiel schon i. J. 362 bei Mantinea –, schrumpfte sogleich auch Thebens Übermacht wieder zusammen. Daneben stand nur noch Athen, das sich zwar, um seinen Großhandel zu sichern, durch Erneuerung seines Seebundes zur Herrin des Inselmeers gemacht hatte, das aber doch die alte Vollkraft nie wieder gewann; es war kurzatmig wie ein Bergsteiger mit pfeifender Lunge geworden, und keinen seiner gelegentlichen Erfolge wußte es mit Nachdruck auszubeuten. Seine ausgezeichneten Feldherrn, die ich nannte, starben hinweg. Handels- und Industriestadt, dazu Metropole und Lieferungsstelle für Kunst und Philosophie und sonstige schöne Dinge, wollte es außerdem immer noch ein bißchen herrschen und siegen, steckte aber in ständiger Finanznot, die man begreift, wenn man hört, daß der Staat jedem Mann im Volk, damit er von seinem Handwerk abkommen und hübsch im Parlament mit abstimmen könne, seine Tagegelder zahlte. Wozu war man auch sonst demokratisch? Jeder Mann im Volk bekam seine Diäten. Das war mehr, als wenn wir den Volksvertretern Diäten zahlen. Die Kriegsgewinnler aber gediehen in Athen natürlich trotz allem. Die Stadt war stolz, wenn sie ihren Feldherren einmal Statuen errichteteKonon und sein Sohn Timotheus wurden damit geehrt.; sie errichtete gelegentlich auch ein Standbild des FriedensMutmaßlich fällt dies Werk früh und vor 371.; Kephisodot ersann das rühmenswert schöne Bildwerk, und wer in München war, kennt es: Eirene, die Friedensgöttin, einfach, schlicht und edel, als junge Mutter steht sie da, die ihren Knaben im Arm hält; der Knabe aber ist der Reichtum. Es ist dies einer der seltenen Fälle, wo das Motiv der Madonna mit dem Kinde im Altertum auftritt. Die Meinung aber ist, daß der Weltfriede den Nationalwohlstand gebiert und nährt. Der Sinn war gut. Aber es sollte keinen Frieden geben. Das Schicksal setzte ein.

Große Teile des Publikums gaben gar nicht acht, und die Gleichgültigkeit war groß. Von den Künstlern ist nicht erst zu reden. Nehmen wir nur Plato, den Großmeister der Staatslehre; in all seinen Schriften steht auch kein Wort, keine Silbe 28 der Furcht vor einer Katastrophe der Vaterstadt. Plato war gar nicht nationalpolitisch, er war bloß sozial orientiertÜbrigens verwirft Plato in seinem »Staat« den Kampf der Griechen gegen Griechen; nur der gegen Barbaren wird zugelassen.. Aber auch die vaterlandslos-internationale Gesinnung verbreitete sich schon, und das Militär, die vaterlandslosen Söldner, waren davon die ersten Urheber; eine regelrechte Arbeiterinternationale; es waren freilich nur Arbeiter des Krieges. Und die Sekte der Straßenphilosophen griff das auf; schon Antisthenes, Platos Nebenbuhler, predigte offen das Weltbürgertum: wir sind nicht besser als Perser und Mazedonen! Hundsphilosophen (Cyniker) nannten sich diese Leute, wie schon anfangs erwähnt ist; der Hund war ihr Ideal, der gleichfalls keine Landesgrenzen kennt. Dazu kam aber auch noch die Kaufmannschaft, und, wollen wir ein Bild jener Zeiten gewinnen, gilt es auch bei ihr noch kurz zu verweilen.

Der Piräus war zunächst immer noch der Hauptstapelplatz der weiten Griechenwelt: großer Geschäftsumsatz; dazu FreihandelDie Einfuhrzölle waren gering., der von Sizilien und Südfrankreich, von Ägypten und Cypern her anlief und vom Asowschen Meer durch die Straße der Dardanellen ging. Die Frachtschiffe drängten sich auf den Wasserstraßen mit hohen Segeln. Wer mitmachte, wurde reich, und was ist schöner als im Luxus zu leben? Das durfte nicht aufhören. Der Staat selbst mußte das wünschen; denn der Betrieb sicherte den Nationalreichtum. Persien und die Balkanländer, die seit langem die griechischen Industriewaren kauften, bezahlten, wie wir sahen, jetzt auch die Söldnerhaufen, und die trugen das Bargeld alljährlich in vollen Beuteln heim. So vermehrten die Umlaufsmittel sich stark, und auswärtiges Gold strömte als Zahlmünze schon damals reichlich an die griechischen Plätze, die sonst nicht mit Gold, sondern nur mit Silberkurant arbeiteten. Die persische Golddareike gewann schon über den athenischen Geldmarkt die Herrschaft.

Denn auch der Geldhandel war voll entwickelt, das Bank- und Wechselgeschäft. Wer Kapitalien vorschoß, nahm zum mindesten 12 Prozent Zinsen. Die Finanzmänner gründeten Kompaniegeschäfte, freilich ohne Haftpflicht, wie wir sie fordern. Eine Fülle von Prozeßreden sind uns aus Athen erhalten, die 29 uns in diese Dinge, Kreditwesen, Differenzen der Käufer und Verkäufer, Einblick gewähren.

Begreiflich nun aber, daß alle diese Geschäftsleute die ewigen Kriege verabscheuten wie der Landbauer den Hagelschlag; allein schon das Kapern der Handelsschiffe brachte, wenn es Seekrieg gab, ärgste Verluste und steigerte für den Transport ins Unberechenbare das Risiko. Wenn dagegen Persien herrschte und den Dauerfrieden unter den Griechen und auf dem Meer erzwang, war der Handel gesichert, alle Fahrstraßen frei, das Geschäft garantiert. Es wäre Erlösung; denn man wußte, daß die Regierung des Großkönigs dem Kaufmann überall freieste Hand ließ. Wozu noch viel von Nationalehre reden?

Man begreift die Trauergefühle der echten Patrioten, wenn sie den verhaßten Bruderkrieg, der nicht abriß, und wenn sie zugleich dies Publikum sahen mit seiner Gleichgültigkeit bis zum Pazifismus. Denn es gab immer noch Patrioten alten Stils, die mit heißem Herzen panhellenisch dachten und zu Themistokles und Kimon zurück wollten. Auch wir Deutschen kennen solche Stimmungen. Ihre Verzweiflungsrufe tönten in die Massen. Wenn zu den großen Festspielen Olympias aus allen Stämmen die Jugend zusammenströmte, traten jene Männer als Wanderredner auf, das Volksgewissen aufzurütteln mit dem Ruf: »Verwerflich die Trägheit, verwerflich aber auch der Bruderkrieg! Seid einig! Persien allein unser Feind! Wir brauchen ein neues Salamis.« Vor allem galt Theben seit alters als die sündhafte Stadt der Verräter; denn auch jetzt stand es, wie einst zu des Xerxes Zeit, mit Persien in besonders enger Fühlung; war doch Pelopidas persönlich als Thebens Gesandter auf der berühmten Königsstraße nach Susa gefahren, um seine Pläne durch persischen Druck zu sichern. Den Fußfall mußte man tun, wenn der Großkönig Audienz gewährte. Welche Schande!

Jene Reden gingen auch als Bücher um, aber wir hören leider nicht, daß sie wirkten; nur die Schönheit der Worte wußte man zu preisen, und nur die Ästheten lasen sie, nicht die Politiker. Die triviale Menge blieb, wie sie war; die Frivolität siegte.

30 Worte halfen nicht; es half nur der Zwang. Um das Jahr 372 tat sich im Land Thessalien, dem Vorland Mazedoniens, ein Zwingherr auf; die Geschichte nennt ihn Jason von Pherä; der geniale Mensch unterwarf sich als Tyrann das ganze thessalische Land; Pherä seine Residenz. Das Schwergewicht der Geschichte verschob sich für kurze Zeit nach Thessalien durch ihn, und er plante nun wirklich schon, wie wir hören, als Vorkämpfer aller Griechen einen Rachezug und Einbruch in das Perserreich. Aber ihn traf der Dolch, der jedem Tyrannen drohte: ein glänzendes Meteor, das früh erlosch.

So war denn ein anderer Zwingherr nötig. Mehr als zwanzig Jahre vergingen noch, da wandte ein Athener – der Mann war ein 90jähriger Greis und hieß Isokrates – seinen Blick auf Mazedonien. In einem öffentlichen Sendschreiben, das uns noch vorliegt, forderte er Philipp von Mazedonien auf, die Rolle Jasons zu übernehmen. Gütlich einigen sollte er die Griechen und sie so gegen Persien führen. Es war nur eine Einzelstimme, und 90 Jahre alt mußte man damals werden, um solchen Gedanken zu fassen. Würde Philipp auf den Ruf des Alten hören? und würde er wirklich die sammetweichen Hände haben, von denen der Schreiber träumte? Wir werden glauben, daß dem König sein gefährlicher Plan längst feststand, bevor er die musterhaft stilisierten Worte des Alten las. Denn er war weitsichtig und höchst unverlegen. Isokrates aber hatte das Unglück, 98 Jahre alt zu werden und die schmähliche Katastrophe noch zu erleben, den Untergang der griechischen Freiheit.

Wie der Schulmeister mit dem Stock unter die balgenden Schüler fährt, so schwang jetzt das Schicksal die Geißel über das heillos verzankte Hellenenvolk; Philipp war die Geißel. Das Selbstmorden sollte aufhören; jetzt kam der Scharfrichter von außen. 31

*

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.