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Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mazedonien

Suchen wir Alexanders Heimat auf. Man beachtet einen Fluß erst, wenn er schiffbar wird, eine Nation erst, wenn sie anfängt Träger der Geschichte zu sein, sagt Friedrich der Große. Wir haben also allen Grund, auf Mazedonien achtzugeben.

Mazedonien liegt unter dem Balkan; seine Front aber weist nach Osten. Die ganze Balkanhalbinsel ist Asien offen zugewandt; sie stößt unmittelbar an Kleinasien an, auch dies Kleinasien eine Halbinsel, die gierig sich vorstreckt. Das ist bedeutsam. So wie 7 Rußland und die Ukraine, war und ist auch die Balkanhalbinsel bestimmt, den Einfluß des übermächtigen asiatischen Riesen, gegen den Westeuropa sich wehrt, abzufangen. Daher kehrt sie Italien und Westeuropa gleichgültig den Rücken zu, und wer vom adriatischen Meer herkommt, sieht nur den klotzigen Schildkrötenrücken des durch unwohnliche, kalkige Gebirgsmassen verschlossenen Landes.

Nach Kleinasien zu dagegen tut die Halbinsel ihr Inneres weit auf mit offenen Buchten und Hafenplätzen und wohnlichen Tiefebenen, zu denen die Hochgebirge sich freundlich niedersenken, und so drang allezeit hierher über den schmalen Wasserstrang der Dardanellen der lastende Hauch des Orients und der Machtanspruch seiner Despoten, Sultane und Tschingiskane. Der Mazedone war, wie der Grieche in Byzanz, des persisch-babylonischen Weltreichs nächster Nachbar und seine Geschichte damals mit der Persiens so eng verflochten wie heute mit der Geschichte der asiatischen Türkei.

Im Norden ist die Halbinsel durch die breit flutende Donau, die zur Mündung strebt, von Europa abgesperrt, und unter der Donau her streicht nun der breite Kamm des Balkan als Ausläufer der österreichischen Alpen bis zum Schwarzen Meer hin, wie ein starker Balken, an dem die Halbinsel wie ein großer steinerner Handschuh hängt: ein massiver Stulphandschuh, wie die Fechter ihn tragen. Hellas selbst, das im Süden mit dem Peloponnes ins blaue Mittelmeer greift, das klassische Land der Städte Sparta, Athen und Theben, ist die fein fingernde Hand des Handschuhs, der im Norden weitauseinandergestreckte Teil der breite Stulpen; die Hand arbeitet, der Stulpen scheint wertlos, reglos und seelenlos. Aber ein starker Arm, voll strotzender Kraft, steckte darin. Es kam die Zeit, daß der Arm sich regte und die schwache Hand zu lenken begann.

Nehmen wir die Landkarte. Wer sie betastet, glaubt die Rauhheit der Gebirge zu fühlen, die sie dicht erfüllen. Am adriatischen Meer entlang – kaum ein Vergnügungsreisender setzt dorthin den Fuß – hausen in den Felsenwildnissen heute 8 Albanesen, Montenegriner und Dalmatier, damals die griechischen Ätoler und Akarnanen, weiterhin auch Epiroten und Illyrier: rauflustige Bergvölker so damals wie heut'; die Epiroten unter Königen, die bald genug auch in Griechenlands Geschichte eingriffen.

Das Unbehagen vertreibt uns, und wir steigen ostwärts über den Pindus; da liegt in fruchtreicher Tiefebene das waldreiche Thessalien, das glückliche, nach dem griechischen Inselmeer offen, ein schönes Stück echtesten Griechenlands, das Vorland Mazedoniens. Wer von Athen durch die Thermopylen nordwärts ritt, kam dorthin. Über dem Land aber ragt wie ein Eck- und Grenzpfeiler der Olymp, der riesige Götterberg und Hochsitz des Zeus, der Thessalien von Mazedonien trennt.

Mazedonien war unlängst noch europäische Türkei. Unsere deutschen Soldaten kennen es; sie haben dort jüngst im Weltkrieg im Bund mit den Bulgaren bei Saloniki gekämpft. Kein Laut aber, kein Stein erinnerte sie da mehr an Alexander.

Für die Griechen war Mazedonien Fremdland, barbarisch. In der ganzen Ilias erscheint kein mazedonischer Held, wohl aber Achill, der Thessalier. Und so blieb es. Kein Mazedone durfte an den olympischen Nationalspielen teilnehmen. Auch noch Alexander selbst galt nur als Mazedone, nicht als Hellene, und auch ich werde mich darum diesem Sprachgebrauch fügen, so unberechtigt er ist. Die Ethnographie belehrt uns eines anderen. Der Grenzpfeiler des Olymp trug die Schuld; durch ihn war das Land wie abgeriegelt. Unter den nördlichen Abhängen des Olymp liegt freilich das Musenland Pïerien, wo man das Grab des Sängers Orpheus zeigte und dessen Rosen Sappho besang; Pïerien gehörte schon zu Mazedonien, und die Musen, die da sangen, sprachen sicher griechisch. Aber das nützte nichts.

Grabstein

Grabstein

Makedonische Familie. Grabstein aus Marmor, gefunden in Aiane, jetzt im Louvre zu Paris. Um 300 v. Chr. Nach Photographie.

Wirkliche Barbaren, die Triballer und Geten, wohnten an der Donau; Barbaren auch im unwegsamen Balkan, die Päonen und Dardaner, und so waren auch die Thrazier und Odrysen an der Maritza und in der Gegend Adrianopels Barbaren. Das 9 Geblüt der Mazedonen war dagegen so echt griechisch wie das AchillsVgl. O. Hoffmann, Die Makedonen, Göttingen 1906.. Aber schon in vorgeschichtlicher Zeit hatten sie sich von den Thessaliern, ihren nächsten Blutsverwandten, getrennt, waren in die lockende, vom Meer bespülte Ebene jenseits des Olymp ausgerückt und dort bald dem Griechentum durch Isolierung völlig entfremdet. Ihr Götterglaube blieb zwar derselbe, ihr Dialekt aber differenzierte sich stark. Die Trennung hatte aber weiter die Folge, daß die früh entwickelte Hochkultur der Griechen die Mazedonen lange Zeit nicht erreichte, und so blieben sie rückständig, lebten, in Dörfer verstreut, als Bauern oder Banditen der Jagd und dem Ackerbau oder dem Krieg, in häufiger Grenzfehde mit den Barbaren, die ich nannte; ohne Marine, ohne Handel, sogar ohne Schrift. Kein Stein mit Inschrift im mazedonischen Dialekt ist dort bisher aus dem Boden gehoben worden.

Heute fährt, wer nach Saloniki will, mit dem Orientexpreßzug Paris-Konstantinopel bequem und rasch über Wien und Pest, durch Serbien und Bulgarien zum Ziel. Moltke hatte es dereinst, im Jahre 1835, nicht so bequem. Mit dampfenden Pferden, die im Schnee versanken, so erzählt er, ging es im Herbst über die schlechten Wege, die den Balkan allmählich bis zur Paßhöhe bei Grabowa ersteigen. Nach Süden dagegen fällt der Balkan mit kahlen Steinwänden schroff ab, und der Reisende sieht dann in berauschendem Weitblick unter sich die Niederlande Thraziens und Mazedoniens hinausgedehnt bis ins glitzernde Meer. Im wilden Zug rauschen die Ströme im Frühling nach der Schneeschmelze vom Gebirge daher, so wild wie die jungen Thrazier und Mazedonen einst selber waren.

Ober-Mazedonien erstreckt sich noch weiter ins Gebirge hinauf, und die Üppigkeit der Vegetation steigert sich dort. Weinberge über Weinberge, Rosenfelder mit Millionen Blüten, die Heimat des Rosenöls. Der Wein ein schwerer Rotwein. Dazu Obsthaine und Maulbeerpflanzungen, Ölmühlen, Wasser- und Windmühlen stets im Betrieb. Kirschen, Nüsse, Feigen, Quitten, Granatäpfel in dichten Anlagen. Saftige Wiesen; große Herden 10 von Pferden. In Wald und Unterholz aber hausen noch Bären, Schakale und Eber, und die Jagd ist noch Kampf. Das Klima gesund; am Tage Sonnenglut, die Nächte kalt. Im Winter gefrieren die Ströme; man bewahrt das Eis in Eisgruben für den Sommer. Thrazien und die Maritza waren das Sibirien der Antike, und man sprach von ihm, wenn man sich alle Schauer des Winters ausmalen wollte.

Begreiflich, daß da dereinst ein starker Menschenschlag wohnte, ein gesundes kernfestes Bauerntum; die Adligen flotte Reiter und hochgemut und wohlverpflegt auf ihren Höfen. An die heutige Bevölkerung Mazedoniens darf man nicht denken, eine Mischbevölkerung, vielfach zigeunerhaft; nur ab und an tauchen noch stattliche Männer dort auf, echt griechischer Prägung, bisweilen auffallend schön. Tagelöhner aber arbeiten auf den Gütern, deren Besitzer in den Städten das Wohlleben genießen; sie pflügen mit dem erbärmlichen Holzpflug, den sie mit Ochsen bespannen. In ihren elenden Lehmhütten nicht Tisch und nicht Stuhl; nur Bänke aus gestampfter Erde gibt's, auf denen man unausgekleidet schläft. Auch die besseren Landhäuser nur Fachwerkbau; auf dem Dach fehlt das Storchennest nicht. Man speist Schafskäse und hartgesottene Eier und Pilaw, der mit ranziger Butter zubereitet ist.

So klagt der Tourist, der heute dort reitet. Er reitet suchend durch Ebene und Höhen: wo war einst die Residenz Alexanders? und findet in der Fläche zunächst die Stadt Beröa, heute Karaferia; aber sie war es nicht. Wohl aber Ägä; wundervoll liegt Ägä mit steilen Gassen hoch am Gebirgsrand (heute Wodena); es war die ältere Residenz Mazedoniens mit den Königsgräbern. Da hat Alexander also seinen Vater begraben. Die Gräber sind indes schon im Altertum ausgeraubt worden. Reste des antiken Theaters aber sieht man dort wirklich noch; und da also hat Alexander einst des Euripides Dramen spielen sehen. Die eigentliche Residenz dagegen war Pella, das im Flachen hart an der Küste lagZum Voraufgehenden vgl. Ad. Struck, Makedonische Fahrten, Wien 1907 und 1908.. Da wurde Alexander geboren. Heute ist da nur noch ein armseliges Dorf von 150 Häusern. Aber wir wissen: Pella zerfiel einst in zwei Teile; die Stadt selbst, die von 11 Sümpfen umgeben war, und die königliche Burg, Phakos genannt, von der man nur auf einer Brücke zur Stadt gelangte. Auf der Burg war die Schatzkammer der KönigeJetzt ist es vom Meer abgerückt, ein breiter Küstenstrich als Alluvialboden angeschwemmt..

Prachtbauten fehlten ohne Zweifel. Die Schlichtheit herrschte. Aller Prunk wäre auch verblaßt vor der beispiellos großartigen Landschaft, die den armseligen Tagelöhner dort noch heute umgibt wie damals die Könige und Königssöhne. Eine abenteuerlich hochpathetische Landschaft: Stromschnellen und Meeresbrandung, und die wogenden Gebirgszüge ringsum wie erfrorene Leidenschaft. Gleich vorn aber das Riesenhafte, die Bergriesen Olymp und Athos, alles überschattend.

Die Marmorpyramide des Athos, 1935 Meter hoch, wurzelt mit ihren schweren Füßen unmittelbar im Meer. Heut hört man von den Athosklöstern, die auf der Höhe nisten, die Glocken hallen; im Altertum gab es keine Glocken und keinen Uhrenschlag, und die Himmelshöhe hüllte sich zeitlos in ein großes Schweigen und Feierstille. Ebenso nahe, aber noch riesiger der Olymp; er steht gegen Abend, auf massige Vorberge sich aufstützend, überschwänglich erhaben, ewiger Schnee sein Mantel; der glitzert und glüht in allen Farbenspielen, ein tägliches Schauspiel, und funkelt in purpurner Lohe unter dem Abendstrahl.

Die Giganten wollten den Olymp einst stürmen, um den Gottvater von seinem Thron zu werfen, so geht die Sage, und stülpten darum den Berg Ossa auf den Pelion; aber es war vergeblich; und auch Pelion und Ossa sieht man noch in der Ferne über dem Strand. Sie sind seit Urzeiten da stehen geblieben.

Die Abenteuerlust, der Wunderglaube, die Sehnsucht nach dem Übergroßen, hier, gerade hier konnte sie sich in Alexanders leidenschaftlicher Seele entzünden. Damals wohnten dort noch keine Türken und Muselmanen, deren Glaube die Seele stumpf macht und in Apathie einlullt und Schwunglosigkeit.

Auf den Berg Athos aber blickten die älteren mazedonischen Könige mit Grimm und Neid; denn er stand auf der Halbinsel Chalkidike, die, reich an Handelshäfen, dicht vor ihrer Küste lag, 12 und die Halbinsel war in griechischen Händen. Die Könige waren nicht Herren ihrer eigenen Küste. So war ihr bescheidenes Reich eingeengt, blockiert von Barbaren und von Griechen. Nur am Strand entlang fuhren die mazedonischen Fischer auf ihren Booten, um das Netz zu werfen.

In der Tat, die Griechen: fast an allen Rändern des Mittelmeeres bis Marseille und weiter hatten sie ihre Kolonien, Kolonialstädte, größtenteils alte Gründungen, die fest in ihren Mauern steckten; so auch an den Rändern des Schwarzen Meeres bis nach Trapezunt und zur Krim, erst recht an den Küsten Thraziens und Mazedoniens. Am denkwürdigsten Byzanz, das noch heut die Dardanellen beherrscht.

Dies wunderbar betriebsame Kulturvolk, die Griechen, es war von Natur ein Wasservolk, das auf seiner kleinen Erdscholle nicht stillsitzen mochte. Sie waren wie die Möwen, die am Land nur ihre Brutplätze haben. Richtiger: ein betriebsames Kaufmannsvolk, das sich sagte: daheim haben wir nur Industrie, nur fleißige Hände, aber kein Rohmaterial. Holen wir es von draußen, von allen Küsten: Import und Export, Umsatz, Bewegung, mit fliegenden Segeln. Es lohnt sich. Die Barbaren, diese Landratten, sind dankbar, auch wenn wir sie übervorteilen. Erz und Getreide, Leder und Bauholz. Die Geldstücke kamen in den Truhen nicht zur Ruhe, und an den Wechslertischen rechnete man nach Zehntausenden.

Sollten die Barbaren dem wehrlos zusehen? Sie lernten vielmehr allmählich von den Griechen. Das Griechentum, das an den Küsten saß, färbte ab ins Innere des Landes und drang sachte durch alle Poren, wie der Purpur die Wolle durchdringt oder die Lippe sich färbt von der Frucht, an der sie naschte.Schon zu des Darius I. Zeit nennt sich der Mazedone selbst »Hellene«; s. Herodot V 20 u. 21; VIII 137. Griechische Ware, griechisches Silbergeld, griechische Sprache drang in täglichem Austausch zu ihnen, und sie sahen das Treiben der klugen Leute aus nächster Nähe. So ging es überall, so auch den Thraziern, erst recht den Mazedonen. Auf der Halbinsel des Athos, von der ich sprach, lagen dicht beieinander die Griechenstädte Potidäa, Methone, Stagira, Olynth; hart daneben und 13 weiterhin Amphipolis, Saloniki (damals Therma genannt) u. a. Stark befestigt wie Stachelmuscheln lagen sie da, für den Mazedonen lockend, aber unantastbar; auch hielt Athen, solange es das Meer beherrschte, seine Hand schützend über diese Städte.

Da an Eroberung nicht zu denken war, faßten die Könige Mazedoniens den Plan, die Gräzisierung ihres Volkes energisch durchzuführen, bis die Zeit kam, wo man die Griechen mit ihren eigenen Waffen schlagen konnte. Dabei wirkte der Instinkt der Rasse mit ein; denn im Grunde waren sie ja ihresgleichen. Lernen, hieß es. Es ist dies einer der rühmlichen Fälle, wo wir sehen, wie ein intelligentes Königtum sein Volk erzieht.So haben es die Hohenzollern getan in Brandenburg und Preußen; vgl. Wi. Alexis »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht« S. 662: »Es ist ein Experiment, wie es in der Weltgeschichte nicht noch einmal vorgekommen, daß eine Dynastie, ein Fürstengeschlecht ein Volk machte« usf.

So konstruierten die Könige sich denn auch früh einen Stammbaum, der ihr Haus auf Herkules zurückleitete. Das war offizieller Schwindel, aber nützlich und bedeutete ein Programm, das man den griechischen Staaten vor die Augen hielt. Es besagte: ihr schließt uns aus? Wartet nur, bis wir unser Hausrecht in Griechenland geltend machen.

Athen war anerkanntermaßen die Hochschule aller Bildung. Eine Anlehnung an Athen war also notwendig; und auch die Pietät wirkte darauf mit ein. Denn Xerxes, der Perser, hatte, als er zum Angriff gegen die Thermopylen zog, unterwegs Mazedonien besetzt und ausgeraubt, und nur den Siegen Athens verdankte das Land damals seine Befreiung. So blieb, obschon unterbrochen durch Schwankungen während des peloponnesischen Kriegs, ein nahes Verhältnis bestehenAthen half im J. 410 dem Archelaos die Hafenstadt Pydna zu nehmen: Diodor 13, 49.. Auch als Athens Macht zerbrochen war, wagten die Mazedonen sich nicht daran, Olynth, Potidäa, Amphipolis für sich zu erobern. Das wäre verfrüht gewesenDiese Städte taten sich zeitweilig zum chalkidischen Hansabund zusammen, der kräftig genug dastand; er wurde durch Sparta i. J. 379 aufgelöst (Beloch S. 106).

Intelligent vor allem der König Archelaos, des Alkibiades Zeitgenosse, der nicht nur aus seinen Landbauern sich eine Infanterie schuf, Heerstraßen baute und aggressiv schon einen Vorstoß gegen Hellas, gegen Thessalien wagte, sondern der, was mehr, seine Hauptstadt schon damals zu einem Hauptsitz griechischer Bildung zu erheben unternahm. Geistige Eroberung! So trat er in Beziehung zu Hippokrates, dem berühmtesten 14 aller griechischen Ärzte, dem Schöpfer der medizinischen Wissenschaft, Abkömmling einer thessalischen Adelsfamilie, den auch die heutige Medizin immer noch mit aller Ehrfurcht nennt. Grundlegende Schriften schrieb Hippokrates wie auch sein Sohn Thessalos, und dieser Thessalos wurde des Königs Archelaos Leibarzt, hernach ein Enkel desselben der Leibarzt der Roxane, der Gattin Alexanders des Großen. Aber auch die modernsten Theaterdichter, Tragöden, zog Archelaos nach Pella. Theaterspiele waren stets mit Gottesdienst verbunden, und sie hatten durchaus ethisch-religiös erziehenden ZweckSiehe »Von Homer bis Sokrates« S. 190 und 192.. So kamen aus Athen Agathon, vor allem aber Euripides dorthin; Euripides gab dort sein Bestes; denkwürdig genug: er starb als Hofdichter in Pella. Aber auch die modernste Musik zog der König heran; Timotheos mußte sie ihm liefern, der sensationellste Komponist für Vokalmusik in jenen Tagen. Das setzt viel voraus, Hingebung an die Schicksalsprobleme der tragischen Dichtkunst, Musikverständnis für eine raffinierte Melodik und Harmonik: schon damals ein Hochstand der Bildung in den Kreisen des mazedonischen Adels und Hofes. Der Theaterbau in Pella wird ein Publikum von mindestens Zehntausend vorausgesetzt haben. Man sprach dort jetzt auch schon attisches Griechisch; das Mazedonisch war gut genug für die Rekruten. Daß man sich schönklingende griechische Eigennamen gab, wie Alexander und Archelaos, war ohnehin selbstverständlich.

Die Athener selbst blickten natürlich hochnäsig auf diese Bestrebungen herab. Vom Maler Zeuxis ließ sich Archelaos in Pella seine Saalwände mit Fresken schmücken; da hieß es in Athen: um des Zeuxis Bilder zu sehen reist wohl jeder gern auf eigene Kosten nach Mazedonien, um den König selbst zu sehen niemand, es sei denn, daß der König seine Gäste mit Geld locktAelian, Var. hist. 14, 17; dort führt Sokrates das Wort, der den Ruf nach Pella ablehnte. Auch auf die Bühne wurde des Archelaos Name gebracht in des Strattis Komödie »Die Mazedonier« (I S. 718 Kock).. Das Land schien immer noch halbwegs ein Grönland oder Kamtschatka.

Gleichwohl erschien in der Tagesliteratur Athens damals doch auch eine Schrift, die sich nach Archelaos selbst betitelte und in seinem Interesse über die Prinzipien der monarchischen 15 Staatsform gehandelt zu haben scheintAntisthenes' »Archelaos« περὶ βασιλείας.. Denn die staatlichen Einrichtungen waren in Mazedonien, etwa wie bei den Germanen des Tacitus, noch sehr unentwickelt, vor allem im Gerichtswesen. Die Mazedonen waren eben ein Land- und Reitervolk und keine Städter.

Der Verfasser jener Schrift hieß Antisthenes. In diesem Mann und seiner Schule keimte aber ein neuer Zeitgeist, und wir werden von seinen Gesinnungsgenossen noch mehr zu erwähnen haben. Man nannte diese Schule die kynische oder cynische; vom Hund (kyon) nahm sie ihre Bezeichnung. Der Hund, der immer international ist, war gleichsam ihr Wappentier. Es sollte dahin kommen, daß ein König Mazedoniens die übervölkischen Ideen dieser Schule in die weite Welt hinaustrug.

Auf des Archelaos gewaltsamen Tod folgten Thronwirren, die weitere Erfolge der mazedonischen Politik zunächst verhinderten. Dann kam die Zeit, wo Plato, der Athener, sein berühmtes Lehrbuch vom besten Staate schrieb. Da war es der König Perdikkas, der sich unmittelbar an Plato, den Meister der Staatstheorie, um Rat und Hilfe wandte, und wir sehen, wie Plato ihm rät, an der Erbmonarchie unbeirrt festzuhalten; nur müsse natürlich philosophisch gerecht, d. h. unter Schonung des Rechtsgefühls regiert werden, und Plato schickt dem König einen seiner rechtskundigen Schüler als Ratgeber zu. Das ist nur wieder ein Symptom, aber ein bedeutsames, für das Hochstreben der Vorgänger Alexanders.

Dann kam Philipp, Alexanders Vater (der Name Philipp war in Mazedonien beliebt, denn er bedeutet den Pferdefreund). Philipp wurde der Unterjocher Griechenlands. Der greise Plato erlebte das nicht mehr; er hätte sonst ratlos staunend mit seinen alten Augen um sich geblickt. Seine gutherzige Staatslehre rechnete nicht mit so großen Verhältnissen, wie sie jetzt plötzlich sich einstellten. Das staatsmännische Genie war völlig überraschend in Mazedonien erwacht, das sich ins Große reckte, da es nach hohen Zielen griff. Ich rede nur von Philipp, noch nicht von seinem Sohne. Mit diesem Menschen konnte kein 16 Themistokles, kein Alkibiades sich vergleichen. Denn Themistokles war als Retter Griechenlands nur Defensivpolitiker gewesen; hier dagegen setzte die entschlossenste Offensive ein, und ihre Erfolge waren verblüffend. Was Xerxes nicht erreicht hatte, erreichte Philipp. Noch weniger verträgt Alkibiades den Vergleich; denn er war zwar Offensivpolitiker gleich großen Stils, aber er konnte sich die Mittel nicht sichern, seine Pläne durchzuführen. Es ist günstiger, König zu sein als Beamter einer launisch wetterwendischen Demokratie der sog. klugen Leute. Der Athener pflegte seine besten Führer im Stich zu lassen. Wie anders stand der Mazedone da! Da galt noch Vasallentreue, Gefolgschaftsdienst. Das Volk war in der Hand seines Königs.

So vollzog sich jetzt der Sieg des schlichten Soldatentums über die disziplinlose Masse der Hochgebildeten. 17

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