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Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 22
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Intermezzo

Zur Veranschaulichung sei hier noch das mimisch dramatische Gedicht des Theokrit von den am Adonisfest teilnehmenden Frauen, »die Adoniazusen«, in Übersetzung vollständig vorgelegt. Schon im Voraufgehenden habe ich es eingehend besprochen. Trotzdem oder gerade deshalb wird vielleicht mancher es gerne selbst lesen wollen. Wer ungeduldig nach dem Ende meines Buches strebt, wird über dies Intermezzo ohne Schaden hinwegblättern können.

Voraufgeschickt sei ein Namenregister der redenden und der sonst zum Verständnis in Betracht kommenden Personen.

*

Personen:

Gorgo.
Praxinoa.
Diokleides, Gorgos Gatte.
Zopyrion, Kind der Praxinoa.
Phrygia und Eunoa, Mägde der Praxinoa.
Eutychis, Magd des Gorgo.
Erster Fremdling.
Zweiter Fremdling.
Alte Frau.
Die Festsängerin.

*

Gorgo erscheint vor Praxinoas Haustür.

Gorgo Ist noch Praxinoa drinnen?

Eunoa O Gorgo, wie spät! Ja, das ist sie.

Gorgo tritt ins Haus.

Praxinoa Daß du noch kamst, das erstaunt mich. Du, Eunoa, stell' ihr den Sessel.
Drauf auch ein Kissen fürs Haupt.

Gorgo 'S geht ohne das, danke!

Praxinoa Nun setz' dich.

Gorgo Das galt eisernen Mut! Kaum, daß ich, Praxinoa, lebend
Zu euch drang. So viel ist des Volks. So viel sind der Wagen.
Ringsum nichts als Stiefel und nichts als Männer im Kriegsrock,
Mühsam der Weg. Und du wohnst noch dazu mir so schrecklich entlegen. 373

Praxinoa Freilich, drum eben hat Er, der Verrückte, am Ende der Welt hier
Uns den Winkel gekauft – denn kein Haus ist's –, damit nur wir beide
Ja nicht benachbart wohnten, zum Tort mir, der ewige Neidhart.

Gorgo Sprich vom Gemahl doch, Beste, von deinem, nicht solcherlei Dinge
Hier, wo der Kleine dabei ist. Sieh, sieh, Frau, wie er dich anblickt.

Praxinoa Lustig, Zopyrion, süßer! mein Jüngelchen. Pappa nicht meint' ich.

Gorgo Ja, er versteht dich, der Wurm, bei der Göttlichen! (zum Knaben gewandt) Nett ist Papachen!

Praxinoa Neulich war dieser Papa – denn von Neulich ist stets, was ich rede –
Für mich Schmink' und Salpeter zu kaufen gegangen im Laden
Und kam wieder mit Salz, kein Mensch, ein Goliath ist er!

Gorgo Ganz so wie Diokleides, mein Mann! Ruinierer des Geldes.
Kauft' er da Zotteln vom schlechtesten Schaf, fünf Felle für sieben
Drachmen, mir gestern; nur Hundshaar, Dreck. Ja, Plage auf Plage!
Doch schnell, leg' nun den Mantel dir an und das Kleid mit den Spangen.
Wollen zum Schlosse des Königs, der mächtig und reich, Ptolemäus,
Gehn, den Adonis zu schau'n. Ich vernahm, ein prächtiges Schauspiel
Ordnet' die Königin an.

Praxinoa Wer reich, macht alles mit Reichtum.
Fein ist's, von dem, was man sah, zu erzählen den Leuten, die nichts sah'n.

Gorgo Zeit wohl wär' es zu gehn.

Praxinoa Fest feiert der Müßige täglich.
Eunoa, nimm hier das Becken und stell' mir's mitten ins Zimmer.
Du Fahrlässige! Pah! Weich liegen wohl möchte das Kätzchen?
Spute dich, schneller das Wasser gebracht! Erst Wasser bedarf ich!
Wie an dem Becken sie schleppt! Gib dennoch! Doch gieß' nicht so maßlos
Wasser hinein. Heillose, wie kannst du das Kleid mir beschütten?
Halt. Nun genug. – Wie's den Göttern gefiel, nun bin ich gewaschen.
Wo ist der Schlüssel zur Lade, zur größeren? Bring' ihn sogleich her.

Gorgo Prächtig, Praxinoa, steht dir dies faltige Kleid mit den Spangen, Welches du trägst. Verrat' mir, wie teuer bekamst du's vom Webstuhl?

Praxinoa Mahne mich, Gorgo, nicht dran. Mehr als zwei Minen des puren
Silbers betrug's. Und ich hab' mein Leben gesetzt an die Arbeit! 374

Gorgo Nun! und es ist dir nach Wunsche geglückt.

Praxinoa Das glaub' ich, ei freilich.
Bring' mir den Mantel nunmehr und den Hut. Und kleide mich sorgsam
        Zu Zopyrion.
Dich, Kind, nehm' ich nicht mit! Der Bumann ist draußen. Das Pferd beißt.
Weine, solange du willst; doch du sollst dir die Glieder nicht brechen.
Geh'n wir. Du, Phrygia, nimm den Kleinen und spielet zusammen.
Ruf' auch den Hund in das Haus und schließe die Türe des Hofes.
        Sie gelangen auf die Straße.
Gott, Gott, welch' ein Gewühl! Wie soll'n wir, wann soll'n wir hindurch nur
Durch den Tumult? Ameisengewimmel, unzählbar, unendlich.
Wahr ist's, du hast, Ptolemäus, gar prächtige Dinge vollendet.
Seit dein Erzeuger vereint ist Unsterblichen, schädigt kein Strolch mehr
Je die Wandernden, der anschleicht nach der Art der Ägypter,
Wie sie ihr Spiel einst trieben, aus Trug nur bestehende Menschen,
Unter sich gleich durch die Ränke, die bösesten, Schufte sie alle.
Gorgo, mein Engel, was nun? Was machen wir? Rosse des Königs
Kommen, die Ritter darauf. (Mein Freund, so tritt mich nicht immer!)
Aufrecht bäumt sich der Fuchs! wild, fürchterlich! – Eunoa, freche,
Stehst du und läufst nicht davon? – Unglücklich noch macht der den Reiter.
Wahrlich, es ist doch gut, daß der Kleine zu Hause geblieben.

Gorgo Mutig, Praxinoa, mutig. Wir sind ja schon hinten und sicher.
Jene sind weg, auf den Posten.

Praxinoa Ich selbst schon sammle mich wieder.
Pferde und Schlangen, die kalten, die fürcht' ich doch über die Maßen,
Schon als Kind. – Doch geschwind! Welch Haufen, der gegen uns herströmt!

Gorgo Mutter, vom Hofe zurück?

Die alte Frau kommt.

Alte Frau Ja, Kindchen.

Gorgo Und ist noch der Eintritt
Tunlich?

Alte Frau Es nahmen die Griechen auch Ilion ohne Versuch nicht!
Sicherlich, holdestes Kind, wer versucht, wird alles erlangen! (ab)

Gorgo Wie ein Orakel klang, womit uns die Alte verlassen. 375

Praxinoa Was weiß nicht solch' Weib! Auch wie Zeus hofiert mit der Hera.

Gorgo Sieh nur, Praxinoa, hier an den Toren die Masse der Menschen!

Praxinoa Gräßlich. Ach, Gorgo, so gib mir die Hand. Du Eunoa aber
Fasse die Eutychis an. Hab' Acht auf sie, daß du nicht abirrst.
Treten wir alle zugleich so hinein. Dicht, Eunoa, an uns!
        (Ein Fremder kommt zu nah.)
Ach, ich Ärmste, o weh! Nun reißt gar das zarte Gewand mir,
Gorgo, mitten entzwei. Beim Jupiter, mög' es dir allzeit
Gut gehn, Mensch! Nur nimm doch, bitte, den Mantel in acht mir.

Erster Fremdling Zwar, ich kann nicht dafür. Doch versuch' ich es.

Praxinoa Dick ist der Haufen.
Stoßen sie nicht, wie die Schweine?

Erster Fremdling Nur Mut, Frau. Wir sind geborgen.

Praxinoa Mögest du, stets, Freund, jetzt und in Zukunft sein ein Geborgner,
Da du so für uns sorgst. – Wie trefflich der Mann! und wie höflich.
Eunoa steckt in der Klemme. So zwinge, du Ärmste, den Durchgang.
Brav! Drin sind wir nun alle! So sagt zur Maid, wer sie einschloß.

Die Frauen sind in den Schloßhof gelangt.

Gorgo Komm nun, Praxinoa! hier! und betrachte zuerst dir die Decken,
Teppiche, bunt, zart, reizend. Gewirkt wie von Göttinnen scheint es.

Praxinoa Herrin Athene, was waren für Frau'n dies, welche so wirkten?
Welch' ein Maler vermöchte so täuschende Bilder zu malen?
Wie sie so richtig gestellt sind und wie sie sich richtig bewegen!
Leben! kein bloßes Gewebe. Jawohl, der Mensch ist ein klug Ding,
Aber er selbst, wie herrlich zu schau'n auf dem silberen Lager
Liegt er. Des Barthaars Flaum färbt kaum ihm Schläfen und Wange,
Der noch im Orkus geliebt wird, der dreimal geliebte Adonis!

Ein anderer Fremder tritt heran.

Zweiter Fremdling Laßt, Unausstehliche, jetzo das ganz nutzlose Geschwätze,
Elstern ihr! Alles verderben sie uns mit der quetschenden Mundart.

Gorgo Pah! von wannen der Mensch? Wenn wir schwatzen, was kümmert denn dich das?
Suche dir, wem du befiehlst. Du willst Syrakusern befehlen?
Und damit du's nur weißt: wir sind von korinthischem Stamme 376
Gleich wie Bellerophon war! Drum reden wir peloponnesisch.
Dorischen Frau'n, wird, denk' ich, doch dorisch zu reden erlaubt sein.

Praxinoa Komme kein Herr mir, o süße Persephone, außer dem EinenDer »Eine« ist der König Ptolemäus, den Praxinoa als Herrn dulden will.,
Nie! Mich verlangt nicht danach. Streich' nicht mir den ledigen ScheffelD. h. tu' nicht, als ob ich deine Sklavin wäre, die du mißhandeln kannst, in dem du ihr einen leeren Scheffel Korn gibst und ihn abstreichst, als ob er voll wäre.!

Die Sängerin tritt auf.

Gorgo Schweige, Praxinoa, nun. Denn sie will den Adonis besingen,
Jene, die Sängerin dort, der Argiverin kundige Tochter;
Der auch das Lied vom Sperchis, das traurige, trefflich gelang jüngstSperchis ein Spartaner, der für sein Vaterland starb..
Sicher, sie singt auch jetzt sehr schön; und da steht sie gerüstet.

Sängerin Hohe Gebieterin, du, die sich Golgos erkor und den Eryx
Oder Idaliums Hain, die mit Golde du spielst, Aphrodite!Aphrodite wurde besonders auf Cypern verehrt, weshalb sie die Kypris heißt; auf Cypern lagen das hier erwähnte Golgi und Idalium. Ein andrer berühmter Kultort war der Eryxberg auf Sizilien.
Sieh den Adonis, den treu von des Acheron ewigem Wasser
Nach zwölf Monden zurück dir geführt sanftschreitende Horen!Die Horen bedeuten nicht die Stunden, sondern die Jahreszeiten.
Langsam nur schreiten die Horen, die lieblichen! Aber sie kommen
Allen ersehnt, und sie bringen den Sterblichen etwas für jeden.
Kypris, Dionas Tochter, du hobst, wie die Sage verkündet,
Zu der Unsterblichen Reih'n Bereniken, die sterbliche, aufwärts,
Und Ambrosia hast du geträuft in die Seele des Weibes.
Dir, du Namenreiche, du Tempelreiche, zum Danke
Will Berenikes Tochter, Arsinoë, Helenas Abbild,
Ehren mit mancherlei Gaben am heutigen Tag den Adonis.
Neben ihm liegen die hoch aus den Wipfeln gebrochenen Früchte,
Neben ihm zierliche Gärtchen, die sorglich umhegt sind in Körben
Puren Silbers. Auch syrische Myrrhen in goldenen Krüglein.
Kuchen sodann, derlei in der Pfanne die Frauen bereiten,
Wenn sie von Blumen ins schimmernde Mehl einmischen die Würze,
Und was da sonst ist, aus Süße des Honigs und lauteren Ölen,
Alles ist dorten: Geflügel sowohl wie wandelnde Tiere.Das heißt: Backwerk in Gestalt von allerlei Tieren.
Grünende Laubungen sind, dicht schattend aus weichem Anis-Kraut 377
Hier ihm erbaut! und Amoren, die Knäblein, flattern darüber
Leicht wie ein Nachtigallvölkchen, und setzen sich hoch in die Bäume,
Fliegen umher, von Aste zu Ast, und erproben die Flügel.
Ach, und das Ebenholz! ach! und das Gold! Und aus Elefantbein
Weiß sind die Adler; sie tragen zum Zeus den Knaben, den Mundschenk!Also auch Ganymed war da zu sehen, und zwar, wie er von zwei Adlern emporgetragen wird.
Oben sind leuchtend in Purpur die Teppiche (weicher als Schlummer
Pflegt sie wohl rühmend zu nennen Milet und wer Samos bewohnet)
Zwei sind der Lager, das zweite gedeckt für den schönen Adonis.
Eins drückt Kypris, das andre Adonis mit rosigem Leibe,
Er, ihr junger Gemahl, kaum achtzehn, neunzehnjährig.
Noch nicht sticht sein Kuß, und noch schimmert ihm rötlich die Lippe.
Nun hat Kypris den Mann, den sie liebt. Sie freue sich seiner.
Doch wir werden am Morgen uns sammeln zur Stunde des Frühtaus,
Werden hinaus ans Gestad zu den schäumenden Wellen ihn tragen
Alle gelöseten Haars, tiefhängend die Schöße des Kleides,
Offen die Brüste. So heben wir dann den hellen Gesang an:
»Holder Adonis, du gehst von uns und zum Acheron gehst du,
Von Halbgöttern, so sagt man, der einzige! Nicht Agamemnon
Traf dies Los, nicht den Ajax, den großen, den zornigen Helden,
Auch nicht den Hekabesohn, aus zwanzig den trefflichsten, Hektor,
Nicht den Patroklos noch Pyrrhus, der siegreich kehrte von Troja,Pyrrhus oder Neoptolemos, der Sohn des Achill.
Noch die Lapithen aus ältester Zeit und die Deukalionen
Oder des Kekrops Geschlecht und die ersten Pelasger in Argos.Den Namen des Kekrops habe ich hier versuchsweise eingesetzt; statt des unerträglichen »Pelopeïadai« möchte ich »Kekropeïadai« im griechischen Text lesen. Zum Verständnis der aufgezählten Heldennamen aber sei Lucians Wahre Geschichte 2, 17 verglichen.
Holder Adonis, sei gnädig anjetzt und aufs Neujahr hoffe!
Freundlich, Adonis, so wie du gekommen, so kehre uns wieder!«

Gorgo Sieh, wie geschickt das Ding ist, Praxinoa! Wahrlich, das Weib ist
Glücklich; was hat sie gelernt! Glückselig; wie süß ihr Gesang tönt!
Doch es ist Zeit nun nach Haus. Diokleides hat noch kein Frühstück.
Ach! der ist sauer wie Essig, und hungert er, komm' ihm nicht nahe.
Teurer Adonis, leb' wohl und finde uns wohl, wenn du kehrest! 378

*

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