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Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hellenistische Kunst

Doch uns ruft der Apoll von Belvedere, uns ruft der Laokoon, uns rufen die Hirten des Theokrit, der völlig neue Kunstbetrieb, der da anhob, als Alexander die Welt aufschloß.

International war die Wissenschaft geworden, aber wir sahen dabei doch nur Männer echt griechischen Blutes am Werke. So wurde jetzt auch die Kunst Trägerin des Weltgriechentums; auch sie kam immer noch aus griechischen Händen; aber sie griff naturgemäß viel tiefer ins Volksleben ein als die Arbeit der Gelehrten. Sollte die Menschheit in ihr Genüge, in ihr Rast und Frieden finden?

Nicht die babylonische, nicht die ägyptische Kunst, nur die griechische erwies sich damals als entwicklungsfähig und ihrer Zeit gewachsen; wie in ewiger Jugend wurde sie immer neu befruchtet, und eine große Ernte stand auch jetzt noch bevor.

Die Bildkunst hatte schon bisher im Dienst der kleinen Republiken die Tempelräume fleißig mit Weihegaben und Siegesdenkmälern geschmückt; jetzt überbot sie sich an Produktivität ins Erstaunliche, ein großartiges Vorwärts, ein Ausgreifen im Sinne Alexanders: es gibt nichts Unmögliches! ein Trieb in das Hochmoderne. Dabei saßen die Bildmeister selbst noch immer an den alten Stellen, in Sikyon, Athen, Rhodos, und waren doch fähig, in ihrer stillen Klause dem Zeitgeist seine Ideale zu schaffen, mit virtuos gesteigerter Technik.

Aber es gab seit Lysipp und Apelles auch wandernde Ateliers, und durch sie wurde die Griechenkunst weithin nach dem Osten getragen. Sie siedelten sich selbst unter dem Himalaja an. Denn jenseits Persiens, das jetzt in Händen der Parther war, hatten sich inzwischen in Iran, in Baktrien und am Indus, vom Riesenreich des Seleukus abgesplittert, neue Königreiche mit tapferen griechischen Dynastien gebildet: Soldatenkönige, Abkömmlinge aus Alexanders Heerlager, die dort durch drei Jahrhunderte bis zur Zeit Christi gleichsam als Vorposten standen, bis sie dem Ansturm barbarischer Reitervölker aus Turkestan erlagen. An 344 griechisches Theater, griechische Münzprägung, griechische Bauten, griechische Plastik gewöhnte sich der Ostasiate; der griechische Meißel übte sich jetzt darin, auch persische gottesdienstliche Bräuche in Marmor darzustellenSiehe Bulletin de corresp. hellénique Bd. 17 (1913) p. 340 f. u. Tafel 6–9: z. B. Frauen zu Pferde in Prozession sowie eine persische Opferhandlung, zu erklären nach Strabo p. 732 f., gefunden in der Umgegend von Daskylion in Kleinasien.. Im Land des Ganges war durch den frommen Hindukönig AsokaAsoka kam i. J. 272 v. Chr. zur Herrschaft. die Buddhareligion zur Staatsreligion geworden; jetzt baute man dort endlich Steinbauten, die Stupas, unter Einfluß des junggriechischen korinthischen StilsVgl. The Cambridge history of India Vol. I (1921) S. 646 f. Auch auf geschnittenen Steinen sieht man den griechischen Einfluß; ibid. Tafel 32 Nr. 88. Besonders lehrreich die Gandhara-Skulpturen (Journal of Indian art and industry, vol. VIII, 1898, Nr. 62, 63 und 69). Dazu A. von Le Coq, »Die buddhistische Spätantike in Mittelasien« (1922; Bd. I Die Plastik). Die Gandharas saßen in der Nähe von Kaschmir, wo heut die Afridis wohnen., und in Reliefbildern erzählte man Buddhas Leben in griechischer Aufmachung, den fremdartig frauenhaft weichen indischen Heiland und Erlöser zwischen jonischen Säulen und Arkaden. Wer weiß, ob da nicht auch die Iphigenie und Phädra auf die Bühne trat? Es war ein Vollklang der Musen vom Parnaß und Helikon, der vernehmlich bis zum Dach Asiens klang und noch lange nachhallte, bis er sich scheinbar ins Nichts verlor. Die Seele des Inders ist langsam; erst 400 Jahre hernach entstand das indische Drama, das uns die Sakuntala gegebenSiehe Vincent Smith in »The imperial Gezetteer of India, the Indian empire«, vol. II (1909) S. 144. Zurückhaltend äußert sich Sten Konow »Das indische Drama« (im Grundriß der indo-arischen Philologie, Bd. II).. Aber hundert Jahre sind dort wie ein Tag und das Gestern wie das Morgen. Der Inder zählt die Jahre so wenig wie die Ähren im Saatfeld.

Diese griechische Kunst aber ist jetzt Königskunst, und sie wurde nun auch ihrerseits in ihrer Großartigkeit von orientalischem Geist getragen. Der Palastbau der Perser drang vor; die Könige brauchten ihnSo in Alexandrien; auffallend ist, daß vom Königspalast in Pergamum die Ausgrabungsberichte nichts melden. Die Regia des Attalus wird aber bei Horaz, Ode II 18, 5, erwähnt. Sie lag auf dem obersten Plateau des Stadtberges, fast 300 m über der Ebene.; aber auch die Gotteshäuser der Könige wachsen in ungewohnte Dimensionen aus und die Gottesaltäre zu riesenhaft weiten Feuerstätten für den Feuerbrand unter freiem Himmel dem Zeus zu Ehren, wobei aber ein Zeusbild, auch ein Zeustempel fehlt, ganz nach Art des Feuerdienstes PersiensIch denke an den Zeusaltar Pergamums.. Raumverschwendung: ohne das ging es nicht; Olympia war glänzend übertrumpft. Schon Alexander freute sich am Enormen, am Übermaß und am Barock: Übermaß in der Weite und Höhe. Die Säule treibt, als würde sie auf dem Dungbeet hochgezüchtet, und sie multipliziert sich und tritt in Regimentern an, um stolz und voll Eigenleben und mit reich geschmücktem Haupt, das voll Marmorblüten hängt, die Felderdecken der Hallen zu tragen. Die Stockwerke steigen aufeinander, 345 und die Schönheit wiederholt sich; weicher Schatten flutet hindurchEs sei hier an die Tempelbaureste von Didyma erinnert..

Strotzender Reichtum überall; davon hat hernach Rom gelernt. Der pompöse Schmuckbau ist das Ornat des Königtums. So nun auch die Neuschöpfungen der Plastik, ob dekorativ im Dienst des Bauwerks oder selbständig und isoliert in Rundplastik. Auch in ihnen bäumt sich jetzt das Gewaltige auf. Die Welt schäumte noch vom Alexandersturm, und alles ist jetzt Erregung, auch im Bilde. Und greller Realismus. Die Aufträge gingen in die Ateliers, und die Künstler verstanden, was die Herren brauchten; ihre Kunst steigerte sich zum Virtuosentum. Es ist so, wie des Rubens üppige Kunst sich in den Dienst der ruhmsüchtigen Bourbonen stellte.

Und es war damals ein Stolz, Künstler zu sein; denn die hohen Herren huldigten den Meistern, wie schon Alexander, man möchte sagen, mit Inbrunst. Als Demetrius, der phantastische Königssohn, die Inselstadt Rhodos mit schwerem Geschütz und Feuerbrand belagerte, erfuhr er, daß dadurch die Werkstatt des berühmten Malers Protogenes, die in der Vorstadt lag, in Gefahr kam; sofort ließ er die Geschütze anders aufstellen, und die Stadt ging ihm darum verloren. Aber es reute ihn nicht, er betrat vielmehr die Werkstatt und bewunderte die neueste wunderbare Schilderei des MannesSo Plinius 35, 104; andere Berichte s. bei J. Overbeck, Die antiken Schriftquellen usf. S. 357.. Die Kunst schien eben international; und so tönt uns aus dieser Zeit und aus Malers Mund das Wort herüber: »der Kunst allein zu leben ist das wahre Glück; mag alles andere in Krieg und Umsturz untergehn; sie bleibt bestehn«Hipparchos Frg. 2 (III S. 273 Kock)..

Das Wort »Barock« ist gefallen; ich meine den brillanten Stil, der, aus der Erregung geboren, Erregung wirkt; ein Prahlen des Könnens. Wohin war die stille Größe, die erhabene Ruhe der Götter, wie Phidias, wie Praxiteles sie schaute? wohin die Seligkeit, der Himmelsfriede? in ihrer strengen Würde unnahbar, in ihrer überirdisch leidenschaftslos verträumten Schönheit Andacht weckend und allem Irdischen so fremd? Der Apollino selbst, der, schlaff an den Baum gelehnt, auf die 346 Eidechse starrt, wie in Einsamkeiten eingehüllt, voll Seelenstille wie die Blumen, in unverwelklicher Huld; jede Furche der Sorge weggeglättet vom Kuß des sonnigen Äthers!

Das ist zu Ende. Jetzt, da Menschen, die sich Könige nennen, Götter geworden sind, wird auch der Gott wieder ins Menschliche hinabgerissen, und er blickt wieder wach, ja leidenschaftlich, er greift wieder derb in das Erdenleben wie bei Homer. Durch Alexander ist homerisches Denken neu auferstanden; der Abstand schwindet wieder zwischen Gott und MenschVgl. hierzu, was ich »Von Homer bis Sokrates« S. 43 f. u. 404 ausgeführt..

Im Apoll von Belvedere verkündet sich zuerst das Neue. Er ist in Alexanders Jugendzeit zu Athen entstanden, und er ist allerdings noch so idealistisch überirdisch gedacht wie die knidische Venus, im Sinn der voraufgehenden Generation, eine Vision und lichtumflossene Offenbarung der Gottgestalt, die blendend wie aus Wolken tritt, von Schönheit triefend, jede Härte der Muskeln weggenommen, da es so sein soll, als ob man ihn aus der Ferne sähe; aber dieser Apoll träumt nicht mehr und ist nicht mehr lässig erdenfremd. Er ist schon Drama, im Pathos hochgereckt, der energische Gott der Ilias, der, durchschauert vom Gefühl der eigenen Herrlichkeit, aber erhaben, unnahbar, den Sündern mit Vernichtung droht, Heilung verspricht den FrommenAuf Heilung weist der Lorbeer in der Linken, auf Strafe Pfeil und Bogen..

Von hier an beginnt das Theatralische, die Sucht nach Effekt in der Plastik; es beginnt zugleich die Kunst, in einem Einzelbildnis einen ganzen Hergang auszudrücken; denn die Gestalt wirft ihre Seele nach außen, und wir sind gezwungen, uns das Ziel, das der Gott mit seiner Gebärde bedroht und ohne das seine Haltung sinnlos wäre, hinzuzudenkenSo ist auch der sog. borghesische Fechter (im Louvre) Einzelstatue, setzt aber einen Gegner, der mutmaßlich Reiter sein muß, aber nicht mit dargestellt wurde, voraus. Weitere Beispiele s. Rhein. Mus. 50 S. 166 u. 170 f.. Wann sonst aber kann Leochares, der Künstler, diesen Apoll ersonnen haben, als da Alexander – wie Agamemnon – Asiens Grund betrat, um Troja zu nehmen, um dort gar Achill, den Apollo tötete, zu feiern? Die Pest bedroht den Unfrommen; das sagte dies sprechende Bildwerk dem Alexander Es ist bekannt, daß Alexander damals Troja, das der Gott begünstigte, nicht nur nahm, sondern wirklich auch ehrte und verschönte, so wie er sich auch hernach als frommer Apolloverehrer zeigteMit andern Worten: mir scheint, der Apoll von Belvedere ist eine Illustration zum ersten Gesang der Ilias; er ist also vor Troja gedacht, so wie auch desselben Leochares Meisterwerk, der Ganymed, der trojanischen Sage angehört. Was Alexander betrifft, so denke ich nicht nur an die Erzählung von der Bestrafung der Branchiden durch ihn, von der schon Kallisthenes weiß (Frg. 36; vgl. Strabo u. Curtius Rufus); denn da handelt es sich speziell um den milesischen Apoll von Didyma. Aber auch als Alexander den Philotasprozeß hinter sich hatte und dann dem Volk der sog. Euergeten Gutes erwies, entschloß er sich zu einer sakralen Handlung und brachte dem Apoll ein Opfer (Arrian III 27, 5). Die Wahl des Gottes muß mit den voraufgehenden Ereignissen in Zusammenhang stehen..

347 Fortan schwindet aber aus der Plastik, die da Neues geben, die modern sein wollte, das Idealische, der sog. klassische Stil. Hingegen was bleibt, ist die Aktion, und sie steigert sich gelegentlich bis zur Wildheit. Alles tritt jetzt ins schärfere Licht der Wirklichkeit; auch das göttlich Erhabene wird uns nahegerückt bis zum Intimen; das ehrfürchtige Fremdgefühl setzt aus. Auch der Gott wird jetzt gleichsam photographisch auf die Platte gebrachtDies macht z. B. der Poseidon auf dem Mosaik von Palermo (Baumeister Denkmäler S. 1391), den man auf ein Original der hellenistischen Zeit zurückführt, besonders anschaulich.. Man wollte nicht mehr das Formschöne an sich, sondern das Wahre, das optisch Richtige, das Charakteristische, das nach zufälligem Detail greift, um zu frappieren: strotzende Kraftfülle, rasendes Ungestüm, den Hauch auf der Lippe des Sterbenden, den Angstschrei der Not. Das zeigt sich vor allem in der Reliefkunst; überraschend die Wirkung des sog. Alexandersarkophags, des wundervollen, der aus Sidon stammt (für die Phönizierstadt war das Werk gemeißelt); da sehen wir in farbig getöntem Marmor eine Löwenjagd, aber auch Perser und Griechen im Kampfe als Schmuck des Sarges. Berühmter noch der Gigantenfries von Pergamum. Aber auch die statuarischen Meisterwerke atmen ganz denselben Geist, der sterbende Fechter, der Gallier und sein Weib: pathologisch wahr und ergreifend. Dazu die Nike von Samothrake, eine Viktoria der Seeschlacht, die begeistert in die Posaune stößt, vom Gewand stürmisch umflattert, indem sie hoch auf dem schwanken Bug der Galeere steht.

Alexander-Sarkophag

Alexander-Sarkophag

Alexandersarkophag. Schmalseite des kostbarsten Marmorsarkophags aus der Königsnekropole von Sidon in Phönizien. Auf der einen Langseite ist eine Schlacht Alexanders gegen die Perser dargestellt, daher die übliche Bezeichnung »Alexandersarkophag«. Auf unserer Schmalseite im Giebelfeld: Kampf zwischen Griechen und Persern, unten: Perser auf der Jagd. Griechisches Marmorwerk der Zeit um 300 v. Chr. jetzt im Ottomanischen Museum zu Konstantinopel. Nach Hamdy Bey-Reinach, Nécropole royale de Sidon, Tafel 26.

Pergamum, in Trojas Nähe, war der Königssitz der Attaliden; auch diese Attaliden waren wie die Ptolemäer mazedonische Leute, Parvenüs, die sich dort in den üppigsten Strecken Kleinasiens geschickt ein kleines Königreich schufen. Da Alexandrien uns keine antiken Baureste hinterlassen hat, sind wir froh, durch die Ausgrabung Pergamums, die deutschen Forschern verdankt wird, Anschauung gewonnen zu haben von der Pracht einer Residenz jener Zeiten. Erst nach dem Ablauf der Diadochenkämpfe, von denen ich früher berichtete, ist das pergamenische Königreich im Jahre 281 v. Chr. (richtiger erst 241) entstanden; bestanden hat es nur etwas über 100 Jahre; seine Herrscher nannten sich abwechselnd Eumenes und Attalus, und auch sie 348 ließen nun ihren Staatsschatz nicht verrosten, sondern förderten als echte Mäcene Kunst und Gelehrsamkeit in großartiger Weise, beides in Konkurrenz mit den Ptolemäern. Dabei suchten sie enge Fühlung mit Athen, als wäre Pergamum Athens Filiale. Hier wie dort war die Göttin Athene Stadtpatronin, und auch auf Pergamums Akropolis stand ihr Parthenon; der Aufbau dieser Akropolis mit vorgebautem Theaterrund und kolossaler Terrasse – in der Höhe der Säulenwald des Tempelvorhofs und daneben wie eine Riesenbastion der Unterbau des Zeusaltars – wirkt in der Rekonstruktion wahrhaft fürstlich und grandios.

Gruppe vom pergamenischen Zeusaltar

Gruppe vom pergamenischen Zeusaltar

Stück aus dem Nordfries des großen Zeusaltars von Pergamon im Museum zu Berlin. Kampf der Götter mit den Giganten, die Götter unserer Platten sind Personifikationen von Gestirnen. Nach Altertümer von Pergamon III 2, Tafel 17.

Auch Kriege haben die Attaliden geführt; ihre Großtat war die Besiegung der Gallier oder Galater, die von fernher, von Rhein und Rhone auswandernd, in barbarischem Völkersturm daherkamen, erst Rom, dann Hellas auszuplündern versuchten und schließlich besiegt in Kleinasien in der Provinz Galatien zur Ruhe kamen. Es sind dieselben Galater, an die Paulus, der Apostel, seinen Brief im Dienst der christlichen Propaganda schrieb. Zur Feier ihrer Siege aber ließen die Könige jene Gallierstatuen schaffen und auf dem Berge aufstellen, die nicht nur kunstgeschichtlich ein Novum, sondern auch ethnographisch so interessant sind: pathetisch, heroisch, rassig. Welch prachtvoller Vorwurf für die Künstler: ein Barbar im Sterben! ein anderer, der, um der Knechtung zu entgehen, erst sein Weib und dann sich selber tötet! Nicht der Hohn, vielmehr das Mitleid des Siegers spricht sich in solchen Werken aus.

Der Terrassenbau des Zeusaltars aber – der »Thron des Satans«, wie die Johannesapokalypse ihn nenntOffenbarung Johannis II 13 f.; XIII 1 f. – wurde mit jenem Gigantenkampf im wuchtigsten Hochrelief geschmückt, dessen kolossalische Reste man heut' in Berlin sieht; sie stehen da zu ebener Erde, bequem für die archäologische Untersuchung und auch da ist der Effekt groß. Ganz anders aber, mit einer Überzeugungskraft ohnegleichen mußte die Riesengötterschlacht hoch am Felsenhang in freier Landschaft wirken, und sie war Symbol: sie bedeutete den Sieg des guten Prinzips über das böse, 349 der Kultur über die Barbarei, die Bezwingung der Elementarmächte durch die Weltwalter der Ordnung, ein Hymnus auf Zeus, im Fortissimo, fast zu stark instrumentiert. Die Fläche ist überfüllt. Aber das Stöhnen, der Angstblick der Vernichteten dringt uns wahrhaft ans Herz. Das Sentimentale feiert hier seine Siege; der Zeitgeist, für alle Erregungen offen, begünstigte auch solche Stimmungen. Der Affekt, der von jenen Sterbenden ausströmt, ist derselbe, den wir auch vor dem Laokoon, dem vielbesprochenen, erleben; nach Motiven jener Gigantomachie ist der Laokoon, der schlangenumwundene, in der Tat um das Jahr 50 v. Chr. in Rhodos gearbeitet worden, auch er ein Frevler, den des Apoll Strafe ereilt, und auch er ist, beiläufig, wie das Relief nur auf Vorderansicht berechnet. Aber auch an den schönen Büstenkopf des sog. sterbenden Alexander sei hier noch erinnert: es ist, als stammte auch er aus dem reichen Atelier der Pergamener.

Das Elegische wurde also Mode, wie ich sagte, die Freude am Ausdruck des Leidens, an der Passion; ein Künstler übertrug das auf den andern; die Motive gingen in Skizzenbüchern durch die Länder bis zum Indus, und auch dort erscheinen nun auch wirklich verwandte Typen in den Gandharaskulpturen, deren Abbildungen leider noch wenig verbreitet sind; frappierend ist da der Ausdruck der vier Telamonartig gesimstragenden, knieenden männlichen Gestalten, die fast in Vollplastik sich gebenVgl. James Burgeß, Gandharaskulpturen (in The Journal of Indian art and industry vol. VIII, 1898 Nr. 63) Tafel 26, besonders Abb. 1 u. 3: erstere Figur bartlos, die andere bärtig, vollkräftig wie der Herkules Farnese.; sie sind geflügelt, aber die mächtigen Schwingen wirken nur hintergrundbildend. Der Effektstil des Gigantenfrieses aber kehrt auch hier wieder; die Augen ausdrucksvoll durch starke Unterhöhlung; die Körper en face, die Köpfe in halber oder viertel Seitendrehung; die Wirkung kraftvoll und doch sentimentalisch; die Gebärden sprechen; die Männer leiden unter der Last, die sie tragen.

Daß endlich auch die Maler mitgingen und naturalistisch im selben Geiste wirkten – denn auch ihre Palette war viel reicher geworden –, ist begreiflich, und man beschreibt uns solche Bilder wie den gefesselten Prometheus, den ein gewisser Euanthes als 350 Schmuck eines Zeustempels malte; da sah man den Adler, der die Fänge in den Schenkel des Leidenden schlägt und seine Leber frißt; der Bauch ist dem Prometheus aufgerissen; der Schnabel wühlt in der Wunde. Der Körper des Riesen ist vor Schmerz zusammengezogen, die Brauen krümmen sich, die Zähne blecken. »Wer es sieht, muß Mitleid empfinden«. Die Augen aber waren belebt, und der Gequälte spähte in halber Hoffnung schon nach dem Erlöser Herakles aus, den Zeus ihm sendetAchilles Tatios Erot. III 8..

Alles das war Königskunst; die Potentaten hatten das Gold; sie winkten, die Künstler kamen mit dem Trieb, sich zu überbieten, indem sie Hallen und Tempelhöfe schmückten.

Mochten denn die Götter sich daran freuen; denn die Götter lieben das Vollkommene, und ihnen ist all das Herrliche dargebracht. Wie das aber auf das Publikum wirkte? Wir werden uns nicht täuschen; es war gewiß nur ein hohles Staunen und Bewundern mit Ah! und Oh!, weiter nichtsLehrreich ist hierfür, was man bei Tacitus im Dialog c. 10 liest: transit et contentus est ut si picturam aliquam vel statuam vidisset!. Die Seelen wurden nicht satt, und der gemeine Mann konnte mit dieser Phantastik nichts machen. Sie war und sie ist für die Luxusmenschen, die da Zeit haben dem Schauen zu leben und andere für sich arbeiten zu lassen.

Uns wird einmal geschildert, wie ein paar Weiber mit ihren Dienerinnen in einen reichgeschmückten Tempelhof treten. Es ist ein Heiligtum des Genesungsgottes Äskulap; auch eine Höhlung ist da, in der die Schlange liegt, die dem Gott heilig ist. Die Frauen rufen, da sie eintreten, mit frommem Ton den guten Gott erst huldigend an und sagen geziemend Dank dafür, daß die Krankheit in ihrer Familie vorüber ist. »Wir bringen dir einen Hahn; wären wir reicher, es sollte wahrlich ein gut gemästetes Schwein oder Rind sein.« Gleich aber werfen sie ihre Augen herum, und es geht das Schwatzen los: »sieh nur, was für Bildwerke! aus Marmorstein! Wer hat's gemacht? des Praxiteles Söhne? Der Gott sei solchen Meistern gnädig! Da sitzt ein Mädchen und guckt in die Höh', nach einem Apfel; ich glaube, sie stirbt, wenn sie ihn nicht greift. Und dort der 351 Bub, der mit der Gans kämpft: er will ja losschreien. Man wird noch dahin kommen, daß die Steine beseelt herumlaufen. Auch da wieder der andere Knabe: wenn ich ihn steche, ich wette, es kommt Blut heraus! und der Stier, und die Leute, die ihn führen, der eine mit der Habichtsnase! Die Haare stehen ihm steil. Wie natürlich!« Das Geschwätz wird plötzlich durch Schimpfen unterbrochen; denn auch die Dienerin steht untätig da und gafft und sollte doch den Sakristan oder Tempelhüter holen. Aber da kommt er schon, und der priesterliche Mann spricht über die Weiber den Segen Gottes aus, weil sie den Hahn darbrachten, und die ordnen nun an: »wir zerlegen den Vogel jetzt gleich; das eine Bein bekommt der fromme Mann da. Der heiligen Schlange geben wir einen Opferkuchen, aber leise, leise, wie es sich ziemt. Den Rest essen wir, wenn wir zu Hause sind. Und nun Allheil! Der Heilsruf ist noch wertvoller als was wir opfernFrei nach Herondas c. IV.

Die Frömmigkeit, die wir da sehen, ist echt. Wer im Süden gewesen ist, weiß, daß es auch in den Kirchen Süditaliens, Siziliens nicht anders hergeht, nur daß man da statt des Hahnes eine Wachskerze bringt. Aber die Wirkung der Kunst? Ein helles Staunen, naiv und unverfälscht; man wünscht dem, der das so hübsch gemacht hat, alles Gute und steigt wieder in die Tretmühle des Alltags zurück, um für Haus und Hof und für die Kinder zu sorgen, die nicht krank sein dürfen und bestimmt sind, die gleiche Alltäglichkeit fortzusetzen.

So ist das Leben. So war es auch damals. Sehen wir uns denn endlich auch nach der Dichtkunst um.

Eine Hofpoesie, die es der Königskunst, von der ich sprach, gleichgetan hätte, gab es nichtDenn von den wenigen Enkomien auf Fürstlichkeiten in Versen, von denen wir wissen, läßt sich das nicht sagen., und einen Hochgesang, der etwa den Galliersieg der Attaliden gefeiert hätte, hat niemand angestimmt. Um so mehr wurde damals von den Rednern Weihrauch gestreut. Schon Alexander hat das erlebt, so schlicht und nüchtern er auch sich selbst in seinen Briefen auszudrücken liebte. Kein Demosthenes warf mehr blitzende Parlamentsreden in die Welt; statt dessen trieben jetzt die Festredner ihr 352 Handwerk im Tamtamstil. Eine schwülstige Prosa kam auf, eine hastig erregte Redeweise mit dicken Akzenten, für die gröberen Sinne und das heißere Blut der Asiaten, und davon wurde dann auch die Geschichtsschreibung mit ergriffen. Aber neue geistige Werte brachte das nicht zum Vorschein. Es war nur immer ein Lobpreisen des Erfolgs und ein blindes Staunen über die überraschende Macht des Zufalls, der in der Politik, der in der Geschichte waltet. Nichts aufdringlicher, aber auch nichts hohler als dies Reden von der Tyche, vom Glück, das im Leben alles umwirft. Aber diese Literatur ist mit den Königreichen, denen sie diente, fast völlig untergegangen, und unser Herz hat damit nicht viel verloren. Wenn wirklich ein Gelehrter heute darum trauert, ist es Halbtrauer.

Achten wir denn auf das Menschentum außerhalb der großen gekrönten Welt und der politischen Dinge, wie es in den altmodischen Kleinstaaten und Landstädten weiterging. Das Volk lebt in den Tag hinein in Gutmütigkeit und Verschlagenheit, platt und doch voll reger Triebe in Zagen und Hoffen; etwas Frivolität wird zur Aufmunterung der Existenz beigemischt. Die Bürgerschaft, Krämer, Höker und Matrosen, Gevatter Schuster und Schneider, auch der Bauer, das ganze buntscheckige Volk, das im Theater zusammenläuft, will sein Vergnügen, und das Dichten hört zum Glück nicht auf. In der Kunst aber wollen diese Leute nur hübsch sich selber sehen, und dafür war das Theater gut. Man dichtete Komödien, eine ganz neue Spielart des Dramas; immerhin ein literarisches Ereignis.

Für das Bühnenwesen war Athen längst nicht mehr der Mittelpunkt. Eine Schauspielerinnung, die ihren Sitz draußen auf einer der Inseln hatte, bediente die weite Welt auf Bestellung vom Euphrat bis zum Tiberstrom. Das Aufführungsprogramm allemal buntscheckig: Musik, Solisten und Chor, und Theaterzauber mit Schauspielern erster und zweiter Güte; die Personalien dieser Mimen waren aller Welt so bekannt wie heute bei uns; nur die Photographien fehlten bei der Reklame. Athen aber war trotzdem immer noch der schöpferische Sitz dieser neuen 353 Dichtung, für deren Technik im Aufbau der Szenen vorzüglich des Euripides Schauspiele das Modell waren. Die Sprache attischFreilich kein ganz reines Attisch; denn etliche der Dichter waren in Athen nur zugewandert.. Menander, der Athener, Hauptname; aber er war nur einer unter vielen, die jetzt Komödien auf den Markt warfen. Hunderte, ja, Tausende solcher Stücke entstandenWir wissen von etwa 64 Komödiendichtern dieser Art. Wenn jeder, wie Menander, etwa 100 Stücke schrieb, so gingen an 6400 Stücke um. Wir kennen davon nur etwa 30., alle ungefähr nach dem gleichen Schema; die Verfasser bestahlen sich gegenseitig weidlich in den Motiven, und die Anklagen darüber hörten nicht aufÜber solche Plagiate im Altertum habe ich im Pädagogischen Archiv Bd. 50 (1908) S. 169 ff. gehandelt; dazu Kritik u. Hermeneutik S. 223..

Von der derb zufahrenden Lustigkeit des großen Aristophanes waren diese »neuen Komödien« ganz verschieden. Nichts mehr von seiner kühnen Phantastik und grotesken Satire. Es war zahme Bürgerkunst, oft geradezu Spießbürgerkunst, mit der man sich jetzt begnügte, und der Horizont der Interessen so philisterhaft eng wie möglich. Die Windstille, der Quietismus siegte, den Alexanders Erfolge in die Welt der griechischen Kleinstaaten brachten, ein Grauen vor aller Politik und jedem Anklang an vaterländische Wünsche. Man hielt sich die Ohren zu, wenn draußen der Ozean der Weltgeschichte in hohen Wellen ging; diese Dichtungen sind wie das Plätschern im Karpfenteich. Familientratsch; das Publikum sah nur sich selber auf der Bühne: brave oder liederliche Haussöhne, die sich verlieben und heiraten sollen oder wollen; ausgesetzte Kinder; geizige Väter, schlaue Bedienten, dreiste Hetären; das Ächzen der verführten jungen Mädchen, die hinter der Szene in Wehen liegen. Nach jedem Konflikt nette Versöhnung. Von Milieu kann man insofern nicht sprechen, als alles auf der Straße spielt vor den üblichen zwei oder drei Hausfronten, durch deren Türen alle Personen ein- und auslaufen. Dabei gab es nie Ortswechsel in der Handlung. Diese äußerlichen Nachteile mußte der fein und lebhaft geführte Dialog und der spannende Gang der Handlung aufzuwiegen versuchen.

Wer heute den Inhalt der Lustspiele eines Moser und Schönthan oder anderer Theaterfirmen nacherzählen wollte, hätte es schwer. Der allzu alltägliche Inhalt behält sich nicht. Sie sind wie ein Glas Wasser: hat man es leer getrunken, laßt man es stehen. Das gilt auch von jenen Komödien.

354 Eigentliche Lustspiele waren sie nur zum Teil; der Inhalt ist vielmehr oft rührsam, und nur Nebenfiguren wie Köche und Parasiten brachten den nötigen Spaß hinein oder der Kuppler, der gehörig verprügelt wird. Werfen wir gleichwohl einen Blick in einige der Stücke, deren dramaturgischer Aufbau oft sehr geschickt istDie verschiedenen Gattungen des antiken Lustspiels habe ich in meiner Römischen Literaturgeschichte² S. 29 f. gesondert..

Charakterstücke wie Molières »Avare« sind selten; auch das Satirische ist, wo es auftritt, immer nur Beiwerk, nie, wie bei Molière, der bittere Zweck des Ganzen. Häufiger sind schon die Intrigenstücke, und zumeist ist dann der Bediente der IntrigantDramaturgisch am feinsten gearbeitet sind die Stücke, wo zwei Intrigen gegeneinander arbeiten wie in der Casina.. Sonst waltet der Zufall, der alle Überraschungen bringt; und es geht lebhaft zu; denn die Stücke sind kurz, und es passiert viel. Dabei sind manche gut bürgerlich brav im Ton und von praktischer Lebensweisheit getragen wie die »Adelphen«, das Stück von den zwei Vätern, die über das Erziehungsproblem sich streiten; andere gehen sogar ins Ideale, wie das Drama von den zwei kriegsgefangenen Freunden (lateinisch Captivi benannt), von denen einer mannhaft sich für den andern opfern will; die Wirkung ist ergreifend, umsomehr, da die Sprache ganz schlicht bleibt und nicht auf tragischen Stelzen geht.

Die Mehrzahl ist jedoch leichterer Art.

Der Jünglinge Herz entzündet sich leicht, und Sehen und Lieben ist eins. Der junge Mann hat eine Stiefmutter; diese Stiefmutter hat ein Töchterchen, ein Fallkind, das sie liebt, aber verbergen muß. Im Nachbarhaus ist es untergebracht. Um ihr Kind zu sehen, hat die würdige Dame die Lehmwand zum Nachbarhaus durchbrochen und im Übergangsraum eine Kapelle errichtet mit Altar und Blumenschmuck und hält dort täglich Hausgottesdienst, und das hübsche Mädchen tritt dann von drüben herzu, der Mutter zur Freude. Dabei überrascht sie der Stiefsohn; er hält das Mädchen anfangs, da sie im Heiligtum steht, für eine Geistererscheinung (so mystisch erregbar und göttergläubig war jene Zeit); dann aber ist die glühende Liebe da; die Vorgeschichte wird aufgedeckt, und der Vater gibt den Segen zur Ehe.

355 Ohne solche Kinder, die verfrüht zur Welt kommen, oder sonst irgendwie verschleppte Mädchen geht es so leicht nicht ab. Ein blutjunges Ehepaar lebt in Athen. Das Frauchen bekommt ihr Kind leider schon im fünften Monat, und sie setzt es aus, aus Angst vor dem Gatten. Dabei weiß sie gar nicht, von wem sie es hat; der junge Ehemann aber grollt und rächt sich durch Untreue und vertut das Geld der Frau im Verkehr mit anderer Weiblichkeit. Da taucht das Findelkind selbst auf, und durch lauter wunderbare Entdeckungen, die der Zufall herbeiführen muß, stellt sich heraus, daß er selbst der Vater des Kindes ist und seiner kleinen Frau schon vor der Ehe beim Götterfest der Artemis im Rausch zu nahe gekommen ist. Die Selbstvorwürfe des jungen Menschen, der sich bisher als Tugendprinz aufgespielt hat, hören sich rührend an; sein Herr Schwiegervater aber, der mit Grund nach dem Rechten sieht und schilt und wettert, wird trotzdem als der Alberne hingestellt.

Kecker noch die Geschichte von dem jungen Kerlchen, dem Chärea, der schon 16jährig den Don Juan spielt und sich dabei als Eunuch verkleidet. Der Rollentausch war leicht; denn ein Eunuch sieht immer weibisch aus, und auch der Chärea ist noch so mädchenhaft. Es handelt sich um ein durch Räuber und Mädchenhändler verschlepptes Bürgerkind aus gutem Haus, das ihm in den Weg läuft; er sieht die Schöne und ist entbrannt. Thaïs, die vornehme Hetäre, die ein eigenes Haus führt, will das Mädchen vor Mißbrauch hüten und sich selbst in der Stadt dadurch Ansehen und Achtung verschaffen, daß sie es ihren Verwandten wieder zuführt. Ein rechter Eunuch wird darum in Aussicht genommen, der es hüten soll; aber der Chärea verkleidet sich als solcher in abenteuerlich orientalisch bunter Tracht, schleicht sich ein, genießt eine Freudenstunde, kommt jubelnd wieder zum Vorschein, kann dann aber die schmähliche Eunuchentracht nicht loswerden; er rennt so durch alle Gassen, und die Angst ist groß. Da wird entdeckt, daß das Mädchen die Schwester eines seiner guten Freunde ist, und eine legitime Ehe steht in Aussicht. Die Angst ist immer groß, bevor der Zufall die endliche 356 Lösung bringt, und die Göttin Tyche wird dann gepriesenTerenz Eunuch 1046: Fortuna gubernatrix.. Aber auch frechere Sujets fehlten nicht, und man suchte das wiehernde Lachen zu erzeugen, das die Gemeinheit begleitet: ein schmähliches Foppen verliebter Greise; Skandal und Ehebruch; die hübscheste Sklavin im Haus unter den Lüstlingen, die ihr nachstellen, ausgelost. Schweigen wir davon. Es gibt Besseres zu reden.

Die Nachahmung der lässigen Sprache des Alltags mit allen Nuancen, abgerissenen Sätzen, Fragen, Seufzern, Selbstanreden und Gepolter ist ausgezeichnet, obwohl alles in Versen geht. Es liest sich fast schon wie ProsaDaher waren auch Kommentare der Grammatiker unnötig; Ausnahme Oxyr. Papyri III 20 f.; aber die Überzeugung, daß die Muse nur in Versen redet, saß noch zu fest, um sie aufzugeben. »Menander oder das Leben, wer von beiden ist der Nachahmer, wer das Vorbild?« so urteilte man damalsAristophanes von Byzanz: ὦ Μένανδρε καὶ βίε, πότερος ἄῤ ὑμῶν πότερον ἀπεμιμήσατο; ähnlich betreffs eines Gemäldes Martial I, 109, 20 ff.. Der Naturalismus also war es auch hier, der durchschlug, wennschon er nur die Charakterzeichnung und die Sprache, keineswegs aber die Handlung selbst betraf, in der der tolle Zufall nur zu oft in einer Weise die Lösung bringt, wie sie im wirklichen Leben wohl selten vorkam. Welcher Ton herrscht, mag uns etwa der Sklave zeigen, der da zum jungen Taugenichts sprichtTerenz Eunuch 59 ff.:

Viel Übles bringt das Lieben mit sich, als da sind
Mißtrau'n und Rechtsbruch, Feindschaft, Aussöhnungsversuch,
Bald Krieg, bald Frieden, alles Unbestand. Wenn du
Den Unbestand beständig machen wolltest, wär's,
Als sollte die Verrücktheit selbst vernünftig sein.
Und wenn du in der Wut so zu dir sprichst: »ich lieb'
Sie, und sie den? Was tut sie mir nicht an
Ohn' Maß! Eh'r tot sein! Doch ich zeig ihr, wer ich bin!«
All solche Worte löscht ein falsches Tränlein aus,
Das sie durch Reiben mühsam aus den Augen preßt,
Glaub mir's, und du bist dann der Angeklagte, du
Mußt Buße tun.
                          Unwürdig! ach, was soll geschehn?

ruft dann der Jüngling:

Lebendig, sehenden Aug's soll ich zugrunde gehn? usf.

Die Sprache der Erotik ist in diesen Komödien Athens auf das mannigfaltigste entwickelt, und sie beherrscht seitdem den 357 Sprachton aller FolgezeitVgl. hierzu meine Schrift: »Die Cynthia des Properz« S. 9 f. u. 102.. Die Liebesworte schillern in diesen Stücken wie die Fischschuppen im Licht, und man ergeht sich im Sentimentalen.

Schnell wachsen unsrer Liebe Flügel, wenn sie hofft,
Und schnell entfiedert sie, wenn ihr die Hoffnung schwand,

so sagt MenanderMenander Fr. 172; vgl. »Aus dem Leben der Antike« S. 136., und so findet sich auch sonst manches schöne und denkwürdige Wort; denn das Altertum liebt das Sentenziöse.

Berühmt vor allem das »homo sum«: »Mensch bin ich Mensch; nichts sei mir fremd, was menschlich ist,« ein Satz, der als Motto über der Front dieser ganzen Komödiendichtung stehen könnte. Ein herzgewinnender Freimut liegt darin; der ganze Adel des attischen Geistes, aber auch seine ganze Schwäche ist darin eingeschlossen. Dabei ist merkwürdig, daß gerade immer die Hausdiener Weisheit predigen, an Bildung ihre jungen und alten Herren oft überragen und geradezu Epikur und andere Philosophen zitierenVgl. Fr. Ranke, »Periplekomenos«, Marburg 1900 S. 6 ff.: »Was rufst du in der Not die Götter an? Glaubst du, die haben Zeit in all den tausend Städten sich um den Kleinkram jedes Sterblichen zu kümmern? Jedem von uns ward seine Eigenart eingegeben; deine Eigenart, nach der du lebst, sie ist der Gott in dir, der dein Schicksal wirktMenander in den Epitrepontes gegen Ende; das Wort τρόπος habe ich mit »Eigenart« wiedergegeben.

Von Menander ist auch das melancholische Wort: »jung stirbt, wen die Götter liebenMenander Frg. 125..« Es klingt, als stammte es aus einer Tragödie, aber es ist bestimmt, die arme Frau zu trösten, die sich gezwungen sieht, ihre Leibesfrucht zu töten, weil sie das Kind nicht ernähren kann. Sonst wird in Sentenzen gegen das Geld, den Zorn, das Neidischtun, die Käuflichkeit der Freunde losgefahren, vor allem aber die Weiber und die Ehe gescholtenDer Dichter Philippides Frg. 6 beruft sich dabei auf Plato. – das gehörte zu den beliebtesten Paradoxien –, während doch all diese Lustspiele Ehestiftungen sind und die jungen Gattinnen darin oft so brav und so schätzenswert erscheinenIch erinnere nur an den Stichus des Plautus.. Menander selbst, der reiche Hagestolz, hauste vergnügt mit seiner Maitresse, der Glykera, die früher mit dem berüchtigten Harpalus gelebt hatte, und konnte sich solche 358 Ausfälle gestatten; denn er sprach über die Ehe nicht aus Erfahrung. Glykera aber stand, wenn man ein Stück von ihm gab, zitternd hinter den Kulissen und umhalste den Dichter voll Ehrgeiz, wenn wirklich einmal der Beifall scholl, was keineswegs immer der Fall war.

Soll ich noch mehr von solchen Weisheiten zitieren? daß es das Seltene ist, was Verlangen erwecktAdespota τῆς νέας bei Kock Frg. 193.? oder gegen die Ärzte: »Die vielen Ärztebesuche haben mich krank gemachtMenander Frg. 1112..« »Worte steigern den Wert der Kunst nicht, sondern das Werk selbst ist ihr LobMenander 1095..« Wie sein! Oder endlich:

Willst du die Könige preisen
Und die Weisen?
Ob klug, ob reich:
Sieh ihre Gräber.
Im Tode sind sie alle gleich.Menander Fr. 538.

Das war die Bühne Athens zu jenen Zeiten, eine Selbstdarstellung des Bürgertums im engsten Rahmen, eine Ironisierung der eigenen Existenz, mit ängstlicher Vermeidung jeder Größe. Athen war eben kleinlaut, es war damals fast schon die eintönig stille Stadt geworden, wie die späteren Römer sie kannten.

Und die sonstigen griechischen Poeten? Gewiß, es gab deren immer noch in allen Ecken. Sie saßen still in ihren Hütten und Lauben und sangen allerlei kleine Sachen vor sich hin, zartsinnig, aber geräuschlos. Es fehlte jede erregende Mystik, die vulkanische Leidenschaft, und kein gewaltiger Ton scholl mehr durch die Welt aus Dichtermund. Es war, als könnte man nur noch Gemmen schnitzeln.

Einsamkeit, Naturandacht, Stilleben, Versonnenheit! Die Landschaft lebt auf, und hinter den Bergen sind die Stadtmauern versunken. Man lauscht; da glaubt man das Treiben der Waldgeister zu hören:

Rausche nicht, hoch auf der Klippe du Eichwald! rauscht nicht, vom Felsen
    Stürzende Quell'n! Still sei, still auch das Herdengeblök.
Horch, Pan selber, der Gott, spielt tönend ein Lied auf der Syrinx
    Heimlich, indem er den Mund feucht an die Rohre gelegt.
Aber die Nymphen im Kreis, Hydriaden und Hamadryaden,
    Schweben auf jungfrischem Fuß um ihn den seligen Reihn.Anthol. Pal. IX 823 unter Platos Namen. Hydriaden sind Wassernymphen, Hamadryaden Waldnymphen.

359 Eine Kapelle steht am Meer mit dem Venusbild; auf einen Stein schreibt da andächtig die Dichterin:

Dies ist der Kypris Stätte; die Göttliche liebt es, vom Land aus
    Weithin das strahlende Meer stets sich zu Füßen zu sehn.
Draußen den Schiffern bereitet sie günstige Fahrt; denn in Furcht rings
    Senkt sich die Flut, die ihr Bild über dem Strande gewahrt.

Die wackere Dichterin heißt Anyte, die dies in schlichtestem Ton geschrieben; dieselbe weist den Feldarbeiter, der müde von der Ernte kommt, auf eine Ruhebank hin:

Setz' dich hier in den Schatten des reich aufsprießenden Lorbeers.
    Jung ist der Quell, und aus ihm schöpfe dir labenden Trunk,
Daß du die keuchenden Glieder, die lieben, vom Sommergeschäft hier
    Ausruhst, wo dir die Stirn kühlender Zephyr umhaucht.

Der Ziegenbock soll dem Bacchus geopfert werden; Anyte sieht das Tier und schreibt:

Sieh mir den Bock, den gehörnten, bacchantischen, wie er in Hochmut
    Mit frech glotzendem Aug' schielt auf den eigenen Bart,
Stolz; denn es strich im Gebirg' die Najade mit rosigen Händen
    Oft ihm kraulend den Kopf oder das zottige FellAnyte's Epigramme Anthol. Pal. IX 144; 313; 745..

Das ist Idyll. Durch den Obstgarten streicht der Wind. Die Erlen am Bach wiegen sich. Die Grille zirpt. Man will nichts weiter. Auch in der Bildkunst, die den bürgerlichen Kreisen diente, kamen damals diese bescheidenen Motive auf. Man hing eine Votivtafel in die Kapelle, wo im Relief ein Weib bei ihren Schafen kauert oder ein Landmann seine Kuh vor sich hertreibtLandmann mit Kuh, Marmorrelief in München; kauernde Alte im Museo naz. in Neapel., und das waren zugleich die Anfänge der Landschaftsmalerei, die wir aus Pompeji kennenÜber diese Landschaftsmalerei vgl. »Das Kulturleben der Griechen und Römer« S. 372.. Vor uns aber taucht noch des Theokrit Name auf, des vielgeliebten, und seine Hirten greifen zur Flöte.

Theokrit war SizilianerWenn nicht durch Geburt, so doch durch Zuwanderung. Die Herkunft des Dichters kann hier nicht erörtert werden., ein Mann, erfüllt von der Bildung seiner Zeit, der auch an den Höfen der Könige verkehrte. Bei den nicht griechischen Ureinwohnern Siziliens war das Wettflöten und Wettsingen der Kuhhirten und Ziegenhirten üblichFür die Hirten Attikas, Böotiens, Arkadiens ist uns diese sog. bukolische Volksdichtung nicht bezeugt; sie gehörte also ursprünglich nicht den Griechen. Daß die Bukolik auf Sizilien entstand, zeigt schon Stesichorus. Sie wurde aufgenommen von der priesterlichen Genossenschaft der sog. βουκόλοι, die der Tier- und Jagdgöttin Artemis dienten (vgl. R. Reitzenstein, Epigramm u. Skolion, S. 193 ff.). Diese Artemisdiener, die sich als Hirten darstellten, müssen aber an Vorbilder aus dem wirklichen Hirtenleben Siziliens angeknüpft haben.. Zwei Knaben singen; ein dritter und älterer verteilt den Preis, sei es eine mehrstimmige Syrinx oder ein geschnitzter Becher oder ein Ziegenlamm. Das griff Theokrit auf und führt uns so in 360 das naive Leben dieser Menschen, auf die Weiden und in die Bergesstille hinaus.

Hebet, geliebteste Musen, so hebet den Hirtengesang an!

Nur in der Mittagsstunde, wo das große Schweigen herrscht, da darf man nicht flöten; sonst erbost sich der gespenstische Gott Pan, der zu dieser Zeit im Wald ausruht, »und in der Nase sitzt ihm alsdann stets heftige Galle«. Gern singen die Knaben dann aber vom Daphnis, dem schönsten Sänger, der einst in unglücklicher Liebe sich verzehrend hinsiechte: o Liebesschmachten! Oder sie sonnen sich in der Naturfreude, und der eine, Menalkas, hebt an:

Ringsum Lenz und Triften ringsum; rings dehnt sich der Kühe
    Euter von schwellender Milch. Schön wird das Junge genährt
Da, wo das liebliche Mädchen herannaht. Aber entweicht sie,
    Schmachten die Rinder nicht nur, schmachtet der Hirt, der sie treibt.

Daphnis selbst aber bringt wettsingend das Echo:

Schafe gedeih'n dort, Ziegen mit Zwillingen, reicher an Honig
    Dort sind die Bienen, es stehn höher die Eichen an Wuchs
Dort, wo er hintritt, Milon, der liebliche. Aber entweicht er,
    Dorren die Gräser zugleich, dorret der Hirte dahin.

Aber auch Männer der höheren Bildung machen mit; sie maskieren sich geradezu als Hirten, schlendern so in der Natur, singen sich in pastoralem Ton ihre neuesten Verse vor und ruhen endlich im Genuß des Erntefestes, der »Thalysien«, aus, die zu Ehren der Göttin Demeter gefeiert werden und wobei auch der Wein fließt. Theokrit erzählt dies und schließt:

Segen des Sommers, der rings uns umduftete, Segen des Herbstes!
Birne auf Birn' fiel rollend zu Füßen uns, Äpfel auf Äpfel
Rollten zur Rechten, zur Linken verschwenderisch. Nieder zur Erde
Hingen die Äste, mit Pflaumen beschwert, und entluden sich selber.
Oben vom Weinfaß löste man nun vierjähr'ge Verkittung.
Oh, die ihr weilt auf den Höh'n des Parnaß, kastalische Nymphen,
Hat denn auch Chiron dereinst, der alte, dem Herakles jemals
Solch ein Getränke gemischt in der steinigen Grotte des Gastfreunds?
Hat auch ihn einstmals, den Hirten vom Flusse Anapo,
Hat Polyphem, den gewalt'gen, der Felsen zu schleudern vermochte,
Solch ein Nektar begeistert, bis daß in den Hürden er tanzte, 361
Wie der Trunk war, welchen uns jetzo ihr Nymphen gemischt habt,
An der Demeter Altar, der erntenden? Dürft ich die Schaufel
Stoßen aufs Neue doch bald ins gedroschene Korn, und sie lächle
Wieder, wie heut, in den Händen ein Bund Mohnblumen und Ähren.

So hebt sich die Naturfreude zum Hymnus. Wer das liest, sieht die Statue der lächelnden Göttin Demeter mit Augen. Es sind wohl die schönsten Worte, die die Dichtkunst des Hellenismus gefunden hat.

Wir nennen das alexandrinische Dichtung. Großes hat sie nicht gegeben; sie hielt auf kleine Formate, hat aber ganz neue Gattungen oder Darstellungsarten in die Welt eingeführt, Unerfreuliches und Erfreuliches: für praktische Zwecke das Lehrgedicht, das banausische.

Die Art der Didaktik, die da entstand, die bare Memorialdichtung, ist bei uns mit Recht völlig in Verruf gekommen. Zum Beispiel die Sternbilder am Himmel: sie behalten sich besser, wenn man sie in klangvolle Verse bringt; so tat es Arat, und alle Welt griff nach seinem Opus, weil ja auf Kenntnis des Sternhimmels nahezu das halbe Leben, die Zeitmessung, der Reiseverkehr bei Nacht beruhte. Eigentlich kann man Arats Sternbüchlein nur lesen, wenn man eine astronomische Himmelskarte daneben hat. Ebenso brachte man aber auch die Chronologie des Eratosthenes in VerseDies tat Apollodor von Athen., den Fischfang, die Kochkunst, die Medikamente.

Erfreulicher dagegen das Gelegenheitsgedicht und vor allem die Novelle.

Einer vornehmen Hausfrau wird vom Dichter eine Spindel aus Elfenbein mit einem bescheidenen Billet in Versen übersandt, und in den hübschen Worten entsteht nun vor uns das liebenswürdige Bild der Empfängerin, das sie verewigtTheokrit c. 28.. Wie modern! Das ist Gelegenheitsdichtung. Ebenso modern nun aber auch die Novelle, die kurz und bildmäßig bald von Heldentum erzählt und bald von Liebe. Viele Talente übten sich darin: es war ein großes Geschenk für die Folgezeiten.

Die Helden und Göttergeschichten werden jetzt gern in das 362 Genrehafte hinabgezogen, und das wirkt intim. So wurde eben damals auch in der bildenden Kunst der stürmischstarke Eros, der Liebesgott, zur Amorette, zum Flügelkind verkleinert, der nun genrehaft im Kinderschwarm spielt, aber vertraulich sich einnistet in das Herz der LiebendenVgl. Aus dem Leben der Antike4 S. 150 ff.. Spezialität des Malers Pausias war es, Putten zu malen. Hören wir, wie da einmal von einem Alexandriner die strenge Göttin Artemis besungen wird, die Tochter des Zeus. Als Artemis noch klein und ein Kindlein war, nahm Zeus sie auf den Schoß. Da saß sie und sprach zum Vater: »Gib mir ewige Jungfräulichkeit, Papachen, und viele ehrende Beinamen, damit mein Bruder Phöbus nichts vor mir voraus hat. Pfeile und Bogen sollen mir gleich die Zyklopen machen. Auch Dienerinnen will ich haben, die für mein Schuhzeug und für meine Hunde sorgen, wenn ich auf die Jagd gehe« und so fort. Also sprach sie und versuchte oft den Bart des Zeus zu fassen, streckte aber die Händchen umsonst. Da lächelte dann der Vater und sprach gute Worte der BejahungAus des Kallimachus Artemishymnus..

Die Liebesgeschichten aber sind fast immer tragisch und rührsam, ja, herzzerreißend, ein Verächzen in Leid.

Kallimachus, der Philologe, war der Programmacher dieser neuen Art zu dichten, mit dem Bannspruch gegen alles, was weitschweifig in das Breite ging. Es ist aber immer nachteilig, wenn die Kunst nach Programmen arbeitet; die sind das Spalier, das jeden freien Wuchs hemmt, und das Schema soll nicht vor dem Thema da sein. Aber schon vor Kallimachus war die Sucht nach dem Winzigen aufgekommen. Die Poeten pflanzten nur noch Spalierobst und Zwergobst. Man stand eben im Zeitalter der Philologie, und sie brachte das mit sich. Wer gegen sein Programm sich stemmte, den überfiel Kallimachus mit einem Schimpfgedicht, in dem er dem Abtrünnigen alle erdenklichen Todesarten anwünschte, in registerhafter Aufzählung, wobei sich obendrein jede Todesart aus der Literatur und Weltgeschichte belegen ließApollonius, der Rhodier, ist der Dichter, den Kallimachus verwarf und befehdete. Sein gegen ihn gerichtetes Streitgedicht war »Ibis« betitelt; es muß von nicht geringer Ausdehnung gewesen sein; denn es bildete ein besonderes Buch, und so können wir uns von ihm nach Ovids Gedicht gleichen Titels eine Vorstellung machen.. In seinem Programm aber stand erstlich: nur keine Vollständigkeit! ich hasse sieDer Satz lautet: ἐχϑαίρω τὸ ποίημα, τὸ κύκλικον.. Ein Epos wie das Homerische ist wie der Euphrat, der in seinen Wellenmassen auch allerlei Schmutz 363 und Unrat mitführt; der reine Quell der Poesie fließt zwischen schmalen Ufern. Ebenso haßt er aber auch das Volkstümliche; »mir ekelt davor«, sagt er. Dies aber bezieht sich lediglich auf den Sprachausdruck, der möglichst kostbar und gewählt sein muß. Die Stoffe dagegen – und das war des gelehrten und grundfleißigen Mannes Verdienst –, sie nahm er im Gegenteil gerade aus dem Volk, das noch immer reich an unbenutzten Legenden war, die es nur zu sammeln galt. Denn dies war des Kallimachus dritter Grundsatz: ich singe nichts, wofür ich keinen Beleg habeDie Worte sind: ἀμάρτυρον οὐδὲν ἀείδω..

Denen, die sich noch am Epos versuchen, geht es also jetzt schlecht. Zerstückelung der Größe ist Vorschrift, und so wird das Epos vielmehr durch den erzählenden Hymnus, vor allem durch das sog. Epyllion ersetzt. Dies Epyllion gibt sich wie ein isolierter kurzer Einzelgesang aus dem Homer, wie eine Episode, z. B. die Geschichte, wie Herakles als Kind nachts in der Wiege liegend die bösen Schlangen tötet, die Hera im Zorn wider ihn ausgesandt hat. Großes Geschrei in der Kinderstube, das die Eltern hören; die kommen erschreckt mit dem Lichtspan, den sie aus dem Herd reißen. Siehe da, die Vipern sind schon stranguliert, und das siegreiche Bübchen lacht aus seiner Windel hervor und tut, als wäre nichts geschehenTheokrit c. 24..

Dabei ist aber die Art zu erzählen oft unruhig und lenkt absichtlich von der Hauptsache ab: Schachtelsystem. Eine zweite Geschichte ist in den Rahmen der ersten eingelegt. Held Herakles soll z. B. den Augiasstall reinigen, ein übler Auftrag. Er kommt zum Gehöft des Königs Augias. Da sieht er die Herden des Königs, und der Dichter (es ist diesmal der edle Theokrit) verliert sich in ihrer Schilderung; an tausend schwerwandelnde Kühe ziehen wie ein schwarzes Wolkengetriebe von der Weide zu den Stallungen; da werden sie angebunden, sie werden gemolken, die Kälber an die Euter gelegt, usf. Von der berühmten Reinigung der Stallungen aber hören wir dann nichts, sondern Herakles erzählt statt dessen auf Anforderung sein Abenteuer, wie er den nemeïschen Löwen getötetTheokrit c. 25.. Das sind Aphorismen. Der Eindruck des Planlosen ist gewolltVor allen gehört des Kallimachus Epyllion »Hekale« hierher, das zwar verloren ist, von dem wir doch aber durch Zitate und neuere Papyrusfunde eine genauere Vorstellung gewonnen haben. Übrigens kann man sich die hier von mir besprochene Methode durch Catulls 64. Gedicht veranschaulichen..

364 Kallimachus war eine Gottschednatur, ein Literaturtyrann. Wie soll man ihn als Dichter werten? Wirksam zeigte sich seine Sprache, wo er sich ganz kurz faßte, geizend mit Worten, aber mit spitzer Zunge, im Epigramm. Kleombrotos, ein Mann aus Ambrakia, ging mit Selbstmord aus dem Leben; warum? Kallimachus erzählt kurzweg:

»Sonne, ade!« Kleombrotos rief's, der Ambrakiote,
    Sprang von der Mauer alsdann tief in den Orkus hinab.
Hatte nichts Übles erlebt, nichts Sterbenswertes; er hatte
    Eben nur Platos Buch »Über die Seele« studiert.

Im Buch Platos war nämlich die Unsterblichkeit der Seele bewiesen und das Elysium ausgemalt. Da lohnte es sich zu sterben. Alexander der Große hatte seinem Roß Bukephalus ein Grabmal geweiht, ja, eine Stadt nach ihm benannt; das Tier war also heroisiert. Kallimachus höhnt, indem er den Geist eines Verstorbenen, des Charidas, aus der Unterwelt beschwört:

Charidas, was gibt's drunten? »Nur Finsternis.« Und Auferstehung?
    »Lüge.« Und Pluto, der Gott? »Fabel.« Vernichtendes Wort!
»Dieser Bericht den ich gab, ist die Wahrheit. Doch willst du was Schön'res?
    König der Toten ist jetzt des Mazedoniers RoßSiehe Kallimachus in der Anthologia Pal. VII 524. Im Schlußvers ist jedenfalls der Artikel ausgefallen, und wir müssen lesen: ὁ Πελλαίου βοῦς μέγας εἰν Ἀίδῃ. Für den Namen Bukephalos ist hier in volkstümlicher Kurzform βοῦς eingesetzt; das Tier hieß Ochsenkopf; der Satiriker sagt einfach »der Ochs« dafür. Um das verständlich zu machen, ist es kaum nötig, an solche Kurzformen wie Ὀλύμπας f. Ὀλυμπιόδωρος, Ἐπαφρᾶς f. Ἐπαφρόδιτος u. ä. zu erinnern. Und dieser gestorbene Ochse ist nun größer im Hades als der Apisstier, den die Ägypter vergöttern; um das zu verstehen, sei daran erinnert, daß in der Stadt Bukephaleia der tumulus des berühmten Pferdes den Mittelpunkt bildete; das Pferd war also der κτίστης der Stadt und als solcher heroisiert (Plin. n. hist. 8, 154).

Schlimmer, wenn der Philologe sich an etwas Größeres wagt; denn Größe läßt sich noch nicht aus einer Häufung von Kleinheiten gestalten. Als Beispiel dient mir seine Elegie von der blonden Haarlocke der Berenike, die da als Sternbild an den Himmel versetzt wird, sich aber nach dem Scheitel der Königin kläglich zurücksehnt und auch jetzt noch nach Salbe und Pomade, die man ihr wie einer Gottheit im Tempel darbringen soll, verlangt: bizarr in der Erfindung; das geht noch hin; störender ist die Mühseligkeit in Wortwahl und Satzbau. Das fließt nicht wie ein Quell; das ist Wasserleitung mit langsamem PumpwerkWir kennen dies etwa 90 Zeilen umfassende Kallimachusgedicht durch die Übersetzung Catulls, c. 66, die augenscheinlich möglichst getreu sein sollte. Ein neuerer Catullherausgeber nennt dies eine zierliche Elegie und findet den Ton mehr gutmütig als feierlich. In Wirklichkeit ist das Gedicht denn doch geschmacklos, weil krampfhaft gefühlvoll, der Ton aber wirkt geradezu albern. Das liegt z. T. am Gegenstand, der zu behandeln war; aber durch diesen Umstand wird das Gedicht nicht besser. Es wäre noch günstig, wenn wir das Ganze für humoristisch und einen gröblichen Scherz halten dürften. Aber das beträfe nur gewisse Abschnitte, und das Ganze fiele alsdann auseinander. Offenbar ist das Gedicht auf Bestellung gemacht, und der Höfling lieferte es so schmeichelhaft wie möglich. Wir wissen jetzt, wieviel Pomaden oder flüssiges Fett die Haare der ägyptischen Frauen brauchten; daher die vom Hof selbst angeordnete Salbenweihe für das vergöttlichte Haar der Königin. Kallimachus war gezwungen dies ernst zu nehmen und zum Gegenstand seiner Poesie zu machen. Auch die Gespreiztheit in der Wortwahl schien Pflicht, und es war auf Erhabenheit abgesehen; dahin gehört z. B. im v. 44 die Antonomasie, wenn wir unter dem Sohn der Thia den Sonnengott Helios verstehen sollen. Im v. 52 aber heißt gar der Vogel Strauß der einzige Sohn des Negers Memnon (er ist also Enkel der Morgenröte), und statt des Wortes Strauß (στρουϑός) lesen wir nur ales equos (c. 53); das soll heißen: der Vogel, auf dem man reiten kann; daß dieser dann sogar durch die nächtlichen Lüfte fliegen soll, ist eine Sache für sich. Zur Ausdrucksweise aber sei hier der οἶνος ἵππος (Anthol. Pal. X 20, 5; XI 23, 5) verglichen; das ist der Wein, der unsere Seele dahinträgt, ein Tropus, den auch Kratinos kennt (Frg. 358) und der merkwürdigerweise im Französischen wiederkehrt; in dem Gedicht »Le vin des amants« von Baudelaire heißt es: partons a cheval sur le vin pour un ciel féerique et divin. Aber schon Homer nennt in ähnlicher Weise das Schiff ἁλὸς ἵππος (Plautus: equus ligneus), und auch bei Lucian Ver. hist. 1, 11–13 sind die Hippogypoi nur Reitgeier ohne Pferdegestalt, und ebenso steht es dort mit den Hippomyrmetes und Hippogeranoi. – Besonders bizarr ist im v. 39 ff. die Klage über die Schere, wo (frei wiedergegeben), die Locke spricht: »Gar nicht gern verlasse ich deinen Scheitel, o Königin, ich beschwöre es. Aber wer ist dem schneidenden Eisen gewachsen? Selbst der Berg Athos ist ja von Xerxes durchschnitten worden. Ein Haar ist nichts dagegen; wie also sollte ich mich wehren? Ein Fluch über die, die das Eisen schmieden lehrten.« Die affektierte Erhabenheit fällt so unrettbar ins Lächerliche. Wenn übrigens Kallimachus die Haarlocke scheinbar selbstredend einführt, so redet doch in Wirklichkeit nicht sie, sondern vielmehr das Sternbild, in das sie übergegangen ist (anders Kroll). – Der hier in Betracht kommende Catulltext ist leider mehrfach verderbt; im v. 9 ist multis deorum, wo die Sprache multis deabus verlangte, nicht haltbar; ich lese: quam cultrix illa dearum, und Catull hat das πᾶσιν ἔϑηκε ϑεοῖς, das hier Kallimachus schrieb, in seiner Übersetzung nicht genau wiedergegeben. Im v. 42 f. muß es heißen: Sed qui me ferro postulet esse parem Illi quo (ille q-, der cod. Ox.) eversus mons est. Ein iverat dürfen wir im v. 12, mag auch Vergil einmal obivit geschrieben haben, gegen die Überlieferung nicht einsetzen (über diese Verbalformen orientiert L. Scheffer, De perfecti in "vi" exeuntis formis, Marburg 1890; s. dort S. 5), und ich lese darum: vastatum finis Assyrios ierat. Jenes obivit bei Vergil rechtfertigt sich durch den Hexameterschluß; auffallende Formen sind speziell dort zugelassen; darüber richtig Radford in honor of M. Bloomfield, Yale university 1921, S. 268. Im v. 91 des Catullgedichtes ist, um fortzufahren, das non siris wiederum gar nicht überliefert, auch zu schwächlich neben folgendem Imperativ; non vestris geben die Handschriften; Catull schrieb: unguinis expertem non verbis esse tuam me, sed potius largis effice muneribus, d. h. »mich, die ich jetzt der Salbe entbehre, mache zu der deinen nicht mit bloßen Worten, sondern mit reichen Darbietungen«. Auch das hier überlieferte non ist bei dieser Fassung ganz unanstößig. Am schwersten entstellt aber ist der v. 59; ich glaube, daß hier das sonderbare dii uen aus quidem hervorging, und lese: Haec quidem ibi vario ne solum in lumine caeli eqs.; das haec wird hernach im v. 64 mit diva wieder aufgenommen.. Man sieht den armen Poeten dabei an der Feder kauen, und wir begreifen, daß ein anderer hochbegabter Dichter des Altertums, ein wirklicher Könner wie Ovid, der wußte, was Genialität und was bloße Technik ist, im Hinblick auf Kallimachus sagte: »kein Genie, nur Routine«. Ein anderer, der ihn haßte, nannte ihn gar den verholzten Verstandξυλικὸς νοῦς, so nannte Apollonius von Rhodos den Kallimachus. Ovids Worte sind: ingenio non valet, arte valet. Es gilt eben, was die klugen Alten uns sagen: »eine Dichternatur kann wohl auch gut Prosa schreiben, dem Prosaiker aber fehlt das Gelingen, wenn er dichten will, woraus erhellt, daß das eine Naturanlage, das andere nur Routine erfordert«: ποιηταὶ μὲν γὰρ ἐπιβαλλόμενοι πεζογραφεῖν ἐπιτυγχάνουσι. πεζογράφοι δὲ ἐπιτιϑέμενοι ποιτικῇ πταίουσι. τῷ δῆλον τὸ μὲν φύσεως εἶναι, τὸ δὲ τέχνης ἔργον. (Diogenes Laert. IV 15)..

365 Aber nun die Liebesnovellen selbst. Dem Kallimachus und den andern alexandrinischen Dichtern bleibt das Verdienst, die Stoffe gesammelt zu haben, die uns zum Teil noch heute entzücken und ergreifen und Kabinettstücke in der Weltliteratur geblieben sind. In Elegienkränzen stellten sie sie zumeist zusammen. Die Wirkung aber ist oft balladenhaft. Ich brauche nur Hero und Leander zu nennen: die harrende Hero, Leander der Schwimmer; der Meeresarm, der die Liebenden trennt; das Licht vom Turm als Signal der Sehnsucht; der Sturm in der Nacht, der den tapferen Schwimmer verschlingt. Das Licht war erloschen. Grausam das Schicksal, aber ewig rührend die Hingebung der entzündeten jungen Seelen, die in sich verloren sind, bis in den Tod! Auch die Geschichte von Sappho und Phaon war in diesen Kreisen gestaltet: Sappho, die Dichterin, vom schönen Phaon verschmäht; sie springt in den Abgrund, die Leier in den HändenDaß diese Geschichte damals von einem der Alexandriner behandelt wurde, zeigt Ovids Sapphobrief; vielleicht war dies Kallimachus; s. Rhein. Museum 32 S. 430 f. Die Aitia des Kallimachus umfaßten in 4 Büchern etwa 40–60 solche Erzählungen (Kritik u. Hermeneutik S. 210); ob auch Hero und Leander?. Weiter Pyramus und Thisbe, die Tragödie der Irrungen, oder auch Akontius, der Jüngling, der die schöne Kydippe liebt.

Auf der Insel Delos war Festfeier zu Ehren der Artemis, welche Göttin dort einst unter der Palme geboren wurde. Da war Kydippe mit unter den Pilgern, die von Athen zu Schiff kamen; aber auch Akontius kam und sah sie, und Amor tat in seinem Herzen sein Werk. Als Kydippe im Tempel unter dem Bild der Artemis sitzt, wirft Akontius ihr einen Apfel hinein, der ihr zu Füßen rollt; in dessen Schale hatte er geschrieben: »ich schwöre, ich werde dem Akontius mich vermählen«. In jenen Zeiten las man laut. Kydippe liest das Schwurwort laut ab im Angesicht der Göttin und ist gebunden. Die Zeit vergeht. Ihre Eltern wollen sie einem andern Manne in die Ehe geben; aber jedesmal erkrankt sie, wenn die Hochzeit naht. Da gibt eine Orakelstimme die Lösung, und Kydippe genest als Weib des Akontius. Seitdem aber ist es Sitte, daß junge Bräute der Artemis auf Delos einen Apfel weihen.

Beliebt waren auch die Verwandlungsgeschichten, die man Metamorphosen nennt; so die von der Bergnymphe Echo und 366 dem Narziß. Echo liebt den schönen Narziß übermäßig, findet aber keine Gegenliebe und vergeht so in der Waldeseinsamkeit vor Liebespein, daß ihr Körper ganz dahinschwindet und nur ihre Stimme noch übrig bleibt, die da märchenhaft sich regt, wenn wir in den Wald rufen. Narziß selbst aber ahnt nicht, wie schön er ist; da steht er über dem Wasser, sieht sein Spiegelbild, und in vergeblichem Begehren nach der eigenen Schönheit versiecht er und stirbt hin, und die Gräser des Ufers schmiegen sich über ihn. Als die Freunde ihn suchen, finden sie nur die Blume, die man Narzisse nenntOvid Metam. III 339 ff..

Das Sterben vor Liebe ist im Märchen selbstverständlich. Aber auch Motive der Knabenliebe wurden gern verwendet, so wie man vom Tod des Orpheus, des frommen, weihevollen Sängers erzählte, der nach Eurydikes Tod kein Weib mehr berührte. Sein Liebling war Kalaïs, der Knabe. Da erbosten sich wider ihn die wilden Weiber Thraziens und überfielen und zerrissen den Sänger. Sein Haupt, dessen Lippen noch tönten, und seine Leier, die noch klang, schwammen, von Wellen getragen, über das Meer zur Dichterinsel Lesbos. Seitdem aber war es im barbarischen Thrazien Sitte, die Frauen zu tätowieren zum Schaden ihrer Schönheit. Ihre Missetat wurde als Erbsünde gerechnet; denn sie hatten den heiligsten der Männer umgebrachtOvid Metam. XI 1 ff. nach Phanokles..

Die Werke der alexandrinischen Dichter, die diese Sachen erzählten, sind alle untergegangen; ihre Darstellung war nicht überzeugend genug, und in der Spätzeit, als man den Gehalt der antiken Literatur sichtete und siebte, wurden sie sämtlich beiseite geworfen. Aber die schönen Stoffe bewahrte man uns durch Nacherzählung auf, und sie haben auch noch moderne Dichter begeistertHier darf ich erwähnen, daß ich in meinem Buch »Von Haß und Liebe« die Geschichte der Polymele, die Philitas in seinem Epyllion »Hermes« behandelt hatte, in aller geziemenden Freiheit wiederherzustellen versucht habe..

Das Bezauberndste, Lebensfähigste und Volkstümlichste endlich aber ist auch heute noch das Märchen von Amor und Psyche, das nicht nur Rafael, das auch unseren Max Klinger zu einem Meisterwerk seiner Illustrationskunst hinriß. Auch in ihm atmet die weich gestimmte Erotik, die dem alexandrinischen Zeitalter 367 eigen ist. Das Märchen war jedoch in Prosa geschrieben, und wir ahnen nicht, wer es zuerst gestaltet hatReitzensteins Auslegung des Märchens von Amor und Psyche ist verfehlt. Dies habe ich in meiner Kritik u. Hermeneutik in dem Abschnitt über Höhere Hermeneutik S. 201 f. dargelegt, was in den Referaten, die seitdem über diese Frage erschienen sind, nicht Erwähnung gefunden hat. In dem Orakel bei Apulejus Met. 4, 33 ist Amor nicht etwa eine Schlange, wie Reitzenstein meint, sondern er wird mit ihr nur verglichen; andernfalls wäre auch König Darius in dem Orakel bei Herodot I 55 ein Maultier; auch dieser wird da lediglich mit dem Maultier verglichen. Die Orakel bezwecken eben Doppeldeutigkeit und sollen mißverstanden werden können. Der Vergleich Amors mit einer Schlange aber ist auch sonst belegbar, nicht nur bei Plautus, Persa v. 3, sondern auch bei Plutarch, De amore (Bd. VII S. 135 ed. Bern.), wo Eros einfach das ϑηρίον heißt, dessen Bisse giftig sind. So heißen darum auch die Hetären Schlangen, wie ich a. a. O. zeigte; vgl. auch das περιέχουσα πανταχόϑεν, von der Buhlerin gesagt, die den Jüngling erwürgt, bei Lucian im Toxaris 14. Bei Xenophon Mem. I 3, 12 heißt der Kuß der giftige Biß der φαλάγγια, und der Geliebte ist das ϑηρίον. Wer kann hiernach noch glauben, daß Amor in dem Orakel bei Apulejus als schlangenförmiges Wesen gedacht war? Auch daß Psyche bei Apulejus gar nicht zur Göttin wird, habe ich a. a. O. gezeigt, und die »Göttin Psyche«, von der Reitzenstein in d. Heidelberger Sitzungsberichten von 1917 handelte, stand also dem Erfinder des Märchens fern..

Kehren wir indes noch einmal nach Alexandrien zurück, das, wie wir nicht vergessen, für viele jener alexandrinischen Dichter tatsächlich das Geisteszentrum war. Wir atmen noch einmal Großstadtluft und treten das Pflaster der Residenz, um uns im wirbelnden Getriebe der Volkshaufen dem Palasthof der Könige, der Ptolemäer, selbst zu nähern.

Theokrit hilft uns wieder; denn er hat denn doch nicht nur Hirtentöne, sondern verstand sich auch auf den eigentlichen Mimas, in dem sich auch das Leben der Stadtleute spiegelt, aber anders spiegelt als in der Komödie Athens.

Man versteht unter dem antiken »Mimus« zweierlei: erstlich Volksstücke, die, das Leben grell nachäffend, von Clowns, Gauklern, aber auch von wandernden Artisten erlesener Kunst auf dem Jahrmarkt gespielt wurden, ohne Masken und mit dem buntesten Programm: rührsame Königsgeschichten, Parodien auf Göttersagen, Ulk und Schwänke. Es waren vielfach Stücke ganz ohne aufgeschriebenen Text, und die Mimen sprachen die Worte zum lebhaften oder ausgelassenen Spiel frischweg aus dem Stegreif, natürlich in ungebundener RedeOxyrh. Papyri III 413 gibt den Rest eines Textbuches eines solchen Mimus; es handelt sich da um ein Mädchen, das durch Schiffbruch verschlagen, in die Hand eines indischen Königs kommt. Darüber referiert B. Warnecke in der Philol. Wochenschrift 1924, S. 499; aber es erschreckt, wenn derselbe dabei den Titel Aries Laberi mit dem Ariolus Naevi vergleicht. Der arme ariolus!. Etwas anderes ist das, was Theokrit uns gibtAuch Herondas ist als Verfasser solcher Mimen zu nennen. Es sei noch erwähnt, daß für die des Theokrit ältere Vorbilder vorhanden waren.: mimische Gedichte in Versen, die gleichfalls frisch ins niedere Volksleben greifen, aber, zur Lektüre bestimmt, buchmäßig verbreitet und so zum Schatz der Literatur wurden; auch diese Gedichte mit Rollenverteilung. Und da sehen wir z. B. das junge Weib, das mit nächtlichem Spuk Zauberwerk treibt, um das Herz ihres Geliebten wieder zu bekehren, der nun schon zwölf Tage sich ihr nicht zeigte. »Morgen such' ich ihn auf, auf dem Turnplatz; jetzt sing ich das Zauberlied zur Hekate.« Ein armes Vögelchen Wendehals (eine Bachstelze) wurde auf ein Rad gebunden, das Rad mit ihm wie ein Kreisel umgedreht und das Lied abgesungen mit dem Refrain; »Drehhals, dreh dich und ziehe den Mann, den bewußten, ins Haus mir.« In die offene Flamme wird dabei Lorbeer geworfen, daß es kracht und knistert, ebenso ein Männerbild aus 368 Wachs: denn so wie das Wachs schmilzt, soll er selbst, der elende, zerschmelzen, der nach einer Nacht der Wonne sie verlassen usf. In einem andern Stück tritt ein Mensch auf, der, von seinem Mädchen übel getäuscht, auswandern will und so heimatlos nach Alexandrien zu gehen beschließt, um als Soldat beim Ptolemäus, dem Herrn Ägyptens, den man ihm anpreist, in Stellung zu gehen. Endlich aber sehen wir auch das Adonisfest und wie es in Alexandrien gefeiert wird: ein Erlebnis mit wandelnden Figuren, wie im Lichtspiel.

Arsinoë, Berenikes Tochter, die Königin, hat das Fest bereitet; denn es ist ein Frauenfest. Adonis ist der göttliche Jüngling, der das blühende Jahr bedeutet und in jedem Herbst neu stirbt, um im Frühling aus dem Hades wiederzukehren; die Frauen trauern um den Toten; sie jauchzen, wenn er aufersteht. Die Göttin Aphrodite ist es, die den Adonis liebt, und im Schloßhof sind nun unter Baldachinen von Teppichen und Blumen die Statuen beider herrlich aufgebaut. Denn der Herbst naht; die Trauerfeier soll begangen werden und eine Berufssängerin dazu das melancholische Festlied singen; dann werden die Frauen der Stadt am andern Morgen das Adonisbild in klagender Prozession zum Meeresstrand hinaus tragen und es mit dem Gebetsruf: »kehre wieder« in der Flut versenken. Theokrit aber zeigt uns nun zwei zungenfertige Frauenzimmer, die nicht etwa mit im Zug gehen, denn sie sind zugewandert, sondern die hübsche Sache nur einmal mit ansehen wollen. Das darf man sich nicht entgehen lassen! Und da sehen wir nun, wie dazu die eine die andere aus dem Haus abholt, wie die sich noch erst umständlich wäscht und putzt; dabei schimpfen sie beide weidlich auf ihre Männer, die strohdummen Kerle, bis sie endlich mit ihren Mägden auf der Straße sind. Der kleine Sohn muß zu Hause bleiben. Und so geht es weiter unter ständigem Schwatzen. Die Straßen so breit; aber die schiebende Menge stopft sich, staut sich; solches Gewühl ist, und die Angst befällt die Frauen. Kavalleristen reiten hindurch. Das Pferd bäumt sich. Gottlob, es ging noch gut. Aber auf den Fuß werden sie getreten. Der 369 neue Mantel reißt. Sie fassen sich an den Händen, um sich nicht zu verlieren. Ein fremder Mann nimmt sich ihrer gütig an, und sie bedanken sich schön. Ein anderer aber schimpft: »was schwatzt ihr Weiber? Elstern ihr! Schweigt endlich still, mit eurem erbärmlichen Dialekt.« Die Frauen aber begehren auf; sie sprechen in dorischer Mundart; denn sie sind vom Peloponnes her eingewandert; eine anständige Gegend! »Was sollen wir nicht peloponnesisch reden dürfen?«

Endlich sind sie am Schloßtor. Großes Schweigen. Die Sängerin erscheint. Horch, sie beginnt, und plötzlich ändert sich die Tonart des Gedichtes, und statt des höchst realistisch wiedergegebenen Geplappers hören wir in edlem Klang den Text des Festgesangs zum Lob der Königin Arsinoë, die den Trauergottesdienst so schön bereitete, dazu das Gebet an die hohe Göttin Aphrodite und den Scheidegruß an Adonis, der nun gestorben:

Holder Adonis, du gehst von uns, und zum Acheron gehst du?
Freundlich, Adonis, so wie du gekommen, so kehre uns wieder.

Die Sängerin ist verstummt, und das Gedicht bricht schroff ab. Wir hören nur noch, wie das eine der beiden Weiber die Zunge rührt; die beiden heißen Gorgo und Praxinoa, und Gorgo muß noch ihrer Seele Luft machen:

Sag, wie geschickt das Ding ist, Praxinoa! Wahrlich, das Weib ist
Glücklich. Was hat sie gelernt! Glückselig. Wie süß ihr Gesang tönt!
Doch es ist Zeit nun nach Haus. Noch hat ja mein Mann nicht sein Frühstück.
Puh! Der ist sauer wie Essig, und hungert er, komm ihm nicht nahe.
Teurer Adonis, leb wohl und finde uns wohl, wenn du kehrest.

Sprudelndes Leben im derben Holzschnitt! Das ist Kunst; allerdings; völlig modern mutet sie uns an, mag uns auch Adonis und sein Kult noch so fremd sein. Der Verismus, dessen wir heut uns rühmen, bewegt sich in ihren inzwischen tief ausgefahrenen Gleisen. Der Erdenmensch ist sich gleich in allen Jahrtausenden.

Hiermit genug der Proben aus der Kunst des Hellenismus. Ich breche ab. Königskunst, Volkskunst, Gelehrtenkunst, wir haben alle drei gesondert am Werk gesehen. Reichte es aus, 370 so fragen wir endlich, all dies Bilden und Dichten, um der seit Alexander neugestalteten Welt, dem Weltgriechentum, einen neuen Zeitgeist zu geben? Die Antwort ist meiner Darstellung selbst zu entnehmen.

Die Großtaten der Bildnerkunst weckten wohl Staunen bis zur Berauschung, und man pries die Künstler selig; aber der Stein wandert nicht und predigt nicht in seiner Stummheit und Schwere, und man wollte hören, hören und nochmals hören. Auch halfen die Bilder der Götter, die man immer mehr vermenschlichte, nur dazu, sie aus ihrer Höhe zu erniedrigen. Die Volksseele aber braucht irgendein Erhabenes, unermeßlich Hohes, das nicht ist wie wir. In der Weltgeschichte, die man erlebte, waltete, wie die klügsten Männer sagten, nichts als der blinde Zufall, die Tyche, dies froschkalte Gespenst. Wer konnte zu ihr ein Herz fassen? Auf der Bühne florierte die muntere Theaterdichtung Athens; aber ihr allzu menschliches Motto war der Ausspruch: ich bin nur Mensch, und nichts Menschliches soll mir fremd sein, der zu eben der Zeit gesprochen wurde, als man durch Alexander an das Übermenschliche gewöhnt war. Alexander war tot, aber der Zeitgeist hungerte weiter nach dem Übermenschlichen, nach dem wahrhaft Göttlichen in Menschengestalt, nach dem Wunder bis zur Betäubung. Und endlich das Bagatell, die alexandrinische Kleinkunst, zum Teil nur Gelehrtenpoesie – mochte darin auch manches wahrhaft Tiefe und Edle sich bergen: die Lektüre dieser Dichtungen war absichtlich erschwert durch hochgelehrte Anspielungen und preziösen Sprachausdruck; denn »mir ekelt vor dem Vulgären« war ja das Programm. Überdies aber waren die Gedichte in Dialekten (nicht nur Episch, sondern auch Dorisch, sogar Äolisch) abgefaßt, die die Klangschönheit steigern sollten, aber nur noch lokale Bedeutung hatten; das gilt auch vom Theokrit; keine deutsche Übersetzung kann das wiedergeben. Die Gedichte lockten nicht; denn sie waren wie gewisse Früchte in Stachelschale gepanzert. Alles überbot hierin das tolle Gedicht des Lykophron, das einzige Dichtwerk hochpolitischen Charakters, in dem einmal die 371 ganze Weltgeschichte von Troja bis Rom aufgerollt wurdeWas die Abfassungszeit der Alexandra Lykophrons betrifft, so hat mich Sudhaus (Rhein. Mus. 63 S. 481 ff.) nicht überzeugt, und ich glaube, daß wir Holzinger folgen müssen. Der Dichter steht ganz unter dem Eindruck des Heldenlebens des Pyrrhus von Epirus, und keinesfalls kann »der Sproß des Äakos und Dardanos« (v. 1440) auf Alexander den Großen gedeutet werden, der Heraklide war. Äacide war eben Pyrrhus. Auch das Adjektiv αἴϑων will dort offenbar auf den πυρρός hindeuten. Die Ausführungen, die ein Gelehrter in Pauly-Wissowas R. E. VI S. 1184 ff. in Hinblick auf die Anklänge Euphorions an Lykophron gegeben, sind so haltlos wie seine Ciris-Hypothese, die auf ähnlichen Argumentationen beruhte. Lykophrons Dichtung war, wie gesagt, die einzige hochpolitische jener Zeit, läßt sich also mit dem Buch Daniel vergleichen und ist darum sofort hochbedeutsam erschienen; jeder mußte sie damals beachten, auch Euphorion, und sein nachahmendes Verhalten erklärt sich hinlänglich daraus. Im v. 1229 bezieht sich Roms μοναρχία γῆς καὶ ϑαλάσσης, wie der Zusammenhang dort ergibt, lediglich auf das Land Italien und das zugehörige Meer. Die Tarentiner hatten den Römern die freie Seefahrt um Italiens Südküste verbieten wollen; das war der Anlaß des Kriegs gewesen; Tarents Fall gab nun den Römern ebendort auch die μοναρχία ϑαλάσσης. Die Trojanerin Kassandra steht notwendig auf Roms Seite; so endet und gipfelt ihre ganze Rede darin, daß zu ihrer Genugtuung zwischen Rom und dem Griechentum durch Vertrag jetzt ein Gleichgewicht hergestellt ist (v. 1448). Über dies Gleichgewicht ging also damals der Machteinfluß Roms keinesfalls hinaus. Im v. 1449 scheint mir das ἐν φίλοισιν müßig und zu wenig bedeutsam, auch das ἐν befremdlich; ich denke, Lykophron sagte hier vom römischen Sieger: πρέσβιστος ἐμφύλοισιν ὑμνηϑήσεται. Dies ist kaum eine Änderung zu nennen. Nicht bloß die Freunde, vielmehr alle Stammesgenossen werden ihn lobpreisen. Die vorstehenden Ausführungen habe ich neuerdings in dem Buch »Das Kulturleben der Griechen u. Römer« S. 448 f. wieder aufgenommen und fortgesetzt. Von Interesse ist noch, daß der Dichter zu Anfang, v. 2, den großen Umfang seines Gedichts entschuldigt; die Alexandriner hatten es durchgesetzt, daß ein Gedichtbuch nicht mehr als 1000 Zeilen halten dürfe; dem Lykophron war dies Gesetz bewußt und er fühlt, daß er es übertreten hat. Somit ist es aber nicht ratsam, sein Buch durch Annahme umfangreicherer Interpolationen zu verkürzen., das aber von Zeile zu Zeile mit so seltenen Vokabeln gespickt ist, daß auch der Dichter selbst dazu ohne Frage ein Lexikon brauchte.

Das überwältigend Große und Neue, worauf die Welt harrte, mußte nicht nur in die tiefsten Tiefen der Seele greifen, sondern es mußte auch im gemeinverständlichen Griechisch geschrieben sein. Die Philosophen waren noch da, und sie hatten den Begriff der Menschheit voll erfaßt. Würden sie das erlösende Wort finden? oder sollte es aus den Tiefen des Volks, vor dem es den Kallimachus ekelte, erstehen?

Unter der absoluten Monarchie hatten die politischen Diskussionen aufgehört. Die Denkenden und die Träumenden fragten nur noch nach Gott und Weltregierung, nach Weltentstehung und nach Unsterblichkeit. Unsterblichkeit ist Rettung des Ichs. Adonis, der Gottjüngling, von dessen Feier wir soeben hörten, mag uns zeigen, worauf es ankam, der in die Hölle fahrende und wieder auferstehende Gott: »freundlich, Adonis, o wie du gekommen, so kehre uns wieder«. Dieser Adoniskult war nur eine der vielen Gestaltungen der vorchristlichen Religionen und hat in der Griechenwelt die so mannigfaltigen sonstigen Kulte nicht entfernt zu überwuchern vermocht. Die Idee aber, die ihm zugrunde liegt, ist ewig, und die Natur selbst predigt sie. Sie sollte in ganz anderer Gestalt die Menschheit erfassen, wenn in Galiläa der Gottessohn erstand, der sich den Menschensohn nannte, dem die Macht des schlichten Wortes zu Gebote stand und der zu denen, die sein Werk fortsetzten, das »gehet hin in alle Völker« sprach. Es handelte sich um Gotteskindschaft; es handelte sich um die Frage nach dem Ursprung des Bösen und seiner Überwindung. Ein Gebet für alle Völker sollte es geben, die hinfort gemeinsam das »Erlöse uns von dem Übel« sprachen. 372

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