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Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 2
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einführendes

Einleitung

Jedes Geschichtsbild ist ein Bruchstück; denn wo wäre eine Geschichte ohne Vorgeschichte? Soll der Historiker mit Adams Apfel oder dem Ei der Leda beginnen? Ein ins Endlose gedehnter Bilderfries ermüdet, und es ist gut, daß wir ihn in eng gerahmte Bilder zerlegen können, die mehr Rast und die der Versenkung den Raum, nach dem sie verlangt, gewähren. So ist auch, was ich jetzt hier gebe, nur ein dürftig behauener Block aus dem Steinbruch der Zeiten. Was dazu an Vorgeschichte zu wissen nötig ist, findet man in meinem Buch über die alten Griechen dargelegt, das den Leser von Homer bis Sokrates führt. Dort endete die Darstellung mit dem Zusammenbruch Athens, dem Scheitern der Einheitsbestrebungen, dem Sturz des Alkibiades, dem neuen Zerfall in die Kleinstaaterei, die das Griechentum nach außen hin wehrlos machte. Gleichzeitig aber wurde der Höhepunkt des griechischen Geisteslebens erreicht in Plato und Praxiteles und ihren Konkurrenten, in der philosophischen Durchdringung und Wertung des Ichs und des Alls, die sich bis zur Offenbarung hochschwang, und in den Offenbarungen absoluter Schönheit durch die Hand der Bildmeister, die spielend die Menschengestalt zum Gott verklärten. In den Schöpfungen des Denktriebes und Künstlertriebes war Vollkommenheit, Größe und Ewigkeitswert, im politischen Handeln Schwäche und kläglicher Unverstand, wie sie der kurzsichtigen Masse eignet, die da Staaten bildet und leitet.

Jetzt treten wir in die Zeiten, wo Menschen wirklich Götter werden, und in das rein Menschliche des älteren Hellenentums beginnt sich das Glaubenswunder des Orients zu mischen, in die Kriege der Könige und stillen Kämpfe der Buchgelehrten der Fanatismus der Gläubigen.

Alexander ist der entscheidende Name; er heißt der Große. In der Tat: das ganz Großartige setzt mit Vollakkord plötzlich ein. Man müßte ein Epos schreiben oder mit Beethovens Tönen reden, um es sich recht zu vergegenwärtigen. Der 3 monarchische Absolutismus beginnt durch Alexander das Bürgerleben zu bändigen und zu umfassen; alle Ländergrenzen fallen; das Kleinleben ist zu Ende; die Weltmonarchie Roms bereitet in ihm sich vor.

Die südländische Phantasie ist zur Vergöttlichung bereit, wo das Außerordentliche und Übergroße auf sie eindringt. Schon die Helden der Sage, Herkules, Achill, sollten einst Göttersöhne gewesen sein. Was aber hatten sie geleistet? Herkules erwürgte Löwen und holte die Äpfel der Hesperiden aus dem Märchenland; dem Achill gelang es nicht einmal, die Tore Trojas zu durchbrechen. Wie anders Alexander, der, Hunderte von Städten erobernd, als Sieger durch ganz Asien bis zum Himalaja ging, der, was mehr ist, das Antlitz der Weltgeschichte völlig veränderte, indem er das Nationalitätsprinzip zerbrach, den Menschheitsbegriff aufgriff und kühn verwirklichte, sein Reich zu einem Reich von Weltbürgern erweiterte, das alle Kulturgüter aller Länder zum Gemeingut aller machte. Das Weltreich Roms, in dem das ganze Altertum gipfelte und ausruhte, war nur das Nachbild dessen, was Alexander gewollt. Das kam aber auch der Religion zugute; für Christus wurde so der Weg gebahnt, ihm selbst wurde der Boden auf Erden bereitet.

Man fürchte also nicht, daß dies Buch nur von Schlachten erzählen wird. Kriegsberichte sind wir im Anfang unseres unseligen 20. Jahrhunderts bis zum Überdruß zu lesen gewohnt. Die militärischen Ereignisse machten in den Zeiten, von denen ich handeln will, nur den Boden frei für ein neues Geistesleben, das überraschend groß und reich und üppig aufwucherte in Wissenschaften, Künsten und Darbietungen der Frömmigkeit. Auf Alexanders Siege folgte das Weltgriechentum, der Hellenismus. Wir wollen auch sehen, was er der Welt gegeben hat. Astronomie und Christenlehre, sie allein schon zu nennen genügt. Beide erschlossen damals für alle Zeiten den Himmel, jede in anderer Weise. Und so umgrenzt sich meine Aufgabe, ein wunderbarer Aufstieg: Alexander der Anfang, Christus das Ende; von Gottessohn zu Gottessohn. Man wundere sich nicht 4 über diese Formel, die entheiligend klingt. Wer weiter liest, wird sie verstehen.

Alexander selbst lebte nur so kurz; er starb 32jährig, da er kaum ins Mannesalter eingetreten, nach einem Regiment von nur 13 Jahren. Blendend wie ein grelles Blitzlicht auf dunkler Strecke taucht er vor dem Wanderer auf, um zu verschwinden. Um so wunderbarer schien dieser Mensch allen, den Zeitgenossen und den nachlebenden Jahrhunderten, und nicht nur allerlei Fabeln und Wundermärchen hängten sich früh an ihn; auch die eigentliche Geschichtsschreibung wurde sofort pathetisch und begann in Superlativen aufzuschweben, wo sie von ihm redete. Wir dagegen wollen schlicht im Positiven verharren (es bleibt dies immer noch erstaunlich genug) und Alexander den Großen, mit dem wir zu beginnen haben, als Produkt seiner Zeit und seines Landes zu begreifen suchen.

Der Sohn eines Reitervolkes: er trägt den Typus des mazedonischen Landadels, den wir auch sonst kennen, aber schwer geladen mit Energien, ein Mensch, in dem Intelligenz und Wille gleich stark entwickelt und urwüchsig zu raschester Wirksamkeit ineinander hingen; sein Denken schon ein Handeln. Er war ein Genie der Tat. Die Namen der berühmten Griechen der Vorzeit, Perikles, Epaminondas, selbst Themistokles verblassen vor ihm; diese feinen Menschen sind neben ihm wie die Windspiele neben dem Panther, wie die Schwalben neben dem Falken. Woher der Unterschied? Alexander war eben kein Grieche wie jene; er war Mazedone, seine Mutter Epirotin; sein Blut war anders gemischt. Er stammte aus frischem Erdreich, von einer noch unverbrauchten Rasse, die in ihm ihr Höchstes gab.

So hat er im großen Stil Epoche gemacht, den großen Strich durch das Gewesene.

Dasselbe taten nach ihm auch andere; ich nenne nur Julius Cäsar, Konstantin und Karl den Großen, Alexanders Fortsetzer; so auch Napoleon, und ihn zu vergleichen liegt für uns am nächsten. Denn wir Deutschen spüren noch immer persönlich 5 dieses Korsen unheimliche Nähe, und wir können also an ihm am besten ermessen, was einst Alexander bedeutet hat: beide Heermeister ersten Grades, beide gleich ehrgeizig ohne Maß, gleich rastlos, unersättlich und unermüdlich und sieggewohnt bis zur Überhebung, aber voll Geist und so, daß sie sich tragen ließen von den Ideen ihrer Zeit, die sich durch sie erfüllten. Dabei beide fremdblütig und Außenseiter, der Korse und der Mazedone; im Mazedonen erfüllt sich die griechische Sendung, so wie der Korse italienischen Bluts die Ergebnisse der französischen Revolution nach Osten trug. Auch der Zug nach Osten ist beiden gemeinsam; beide haben unter den Pyramiden Ägyptens gestanden. Beide von ihrer Umgebung gefürchtet bis zur Angst, bitter ernst bis zum Jähzorn, als könnten sie nie lachen; Vollsoldaten und darum auf den Männerverkehr angewiesen, und sie wußten zu imponieren, angebetet von ihren Truppen, Offizieren und Gemeinen, aber auch unbedingte Herren der ausgezeichneten Generäle, die sie selbst erzogen. Zu den Frauen standen sie verschieden; aber beide blieben ohne Nachkommen ihres eignen Bluts, die, als sie von der Bühne abtraten, ihr Schwert und ihre Krone hätten fassen können. Sie ließen beide die Leere hinter sich.

Wer war der größere? Es scheint untunlich sie zu vergleichen. Denn Bonaparte kennen wir durch unzählige Memoiren, intime Briefschaften und Bildnisaufnahmen genau; er lebt vor uns, der kleine korpulente Mann mit dem Dreieckhut, den bleichen Wangen und brennenden Augen, und wir wissen, wie er blickte und sprach, schalt und tobte, die Schlachten persönlich führte, dabei schlecht zu Pferde saß usf. Dazu sein Verhältnis zu den Weibern. Hätten wir nur ähnliche Schilderungen, die wie Momentaufnahmen wirken, von Alexander. Er ist leider, wie die ganze Antike, unendlich weit von uns abgerückt und seine Züge, wenn nicht erloschen, so doch durch gewissenlose Skribenten stark übermalt; es gehört ein Studium dazu, sie freizulegen.

Trotzdem aber ist kein Zweifel: der größere Mann war Alexander. Das liegt schon in ihrem Wesen; Napoleon ein völlig 6 moderner Mensch, daher reflektiert und ganz unnaiv, Alexander ein echter Ritter im Stil Rolands von Kaiser Karls Tafelrunde; der eine stets nüchtern und in jedem Wort und Blick kühl berechnend; auch sein Jähzorn gemacht, wo er zweckdienlich schien; der andere enthusiastisch, warmblütig, unverstellt, oft weinestoll als Zecher und auf Leben und Tod in unverhüllter Leidenschaft sich auslebend.

Aber auch der größere Erfolg war bei dem Mazedonen. Weltmonarchien sind freilich allemal vergänglich, sie sind ein Provisorium, das die unterjochten Nationen wieder beseitigen, sobald ihre natürlichen Instinkte die nötige Kraft gewinnen. Die Weltmonarchie Napoleons zerfiel vor seinem Tod, die Alexanders durch seinen Tod. Alexanders Politik hat einen folgenschweren Fehler nie begangen; Napoleon rechnete falsch, als er nach Moskau zog, und die Sonne von Austerlitz erloschZur Charakteristik Napoleons als Menschen und Feldherrn scheint mir die Schrift von Carl Leyst »Hindenburg und Napoleon« (Berlin 1917) ein nützlicher Beitrag.. So überlebte Napoleon sein Werk als Privatmann und Gefangener Englands, Alexander als Gott. Napoleon hatte keine ErbenOder ist es jetzt die französische Republik unter Poincaré, die den Raubkrieg gegen Deutschland auch noch nach dem Friedensschluß weiterführt?; als Erben Alexanders fühlten sich mit Stolz der Senat Roms und die Cäsaren, die seine universale Idee, die Idee der Völkerversöhnung durch Zwang, mit Wucht aufgenommen und durch Jahrhunderte zum Segen der Welt verwirklicht haben.

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