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Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hellenistische Naturforschung

Der Allumfasser menschlichen Wissens und Begreifens war mitten aus seiner Arbeit gerissen. Aber seine Methode wirkte in den Peripatetikern weiter, die ihn überlebten und die Lücken ausfüllten, die er gelassen; denn so geschlossen und abgerundet wie das All sollte auch unser Wissen sein. Echte Wissenschaftler und Enzyklopädisten waren auch diese seine Fortsetzer, zum Teil gar nicht viel jünger als er, und sie arbeiteten zunächst so rückschauend, retrospektiv, wie ihr Vorbild, indem sie aus den Vorarbeiten anderer die Summe zogen. Aber der erweiterte Horizont brachte ungeahnt neue Probleme, und die Zeit der erstaunlichen Entdeckungen begann, die ein ganz neues Weltbild schufen. Wohl durch fünfzig Jahre wurde das geistige Leben der weit aufgeschlossenen Kulturwelt durch die Männer, die wir jetzt zu nennen haben, beherrscht. Es war das Zeitalter der siegreichen Wissenschaft und Gelehrtenliteratur, die bienenfleißig vom Speziellen ins Große geht und sich dabei in ganz neue Disziplinen verzweigt. Obenan Kosmologie und Erdkunde; die Empirie die Grundlage aller Untersuchungen; aber die kühne Hypothese tritt hinzu. Zwerghaft war dagegen die Dichtkunst jener Zeiten, und man hört ihre Stimme kaum.

Das ergab eine Fachliteratur größten Umfangs, aber sie war vielfach nur für die geringe Zahl der Mitarbeiter verständlich; denn es herrschte darin die knappe und an Fachausdrücken reiche Sprache der Wissenschaft. Von den kostbaren Werken konnten deshalb immer nur wenige Abschriften zum Weitergeben hergestellt werden – so wie sich nötigenfalls auch bei uns heute Lesezirkel auftun –Solches Herumschicken eines Buchexemplars im Lesezirkel kennen wir aus Apollinaris Sidonius; s. dessen carm. 24; Kritik u. Hermeneutik S. 320., bis ein großes kapitalkräftiges Verlagsinstitut sich auftat, das auch so unpopuläre Werke vervielfältigte.

So schrieb nun zunächst rückschauend Theophrast seine Geschichte der philosophischen Systeme, Eudem eine Geschichte der Rechenkunst, Aristoxenos eine unschätzbare Lehre der Musik, der Takt- und Harmonielehre (er schrieb sie freilich umsonst; denn die Verwahrlosung der Musik war damals wie heute nicht 300 aufzuhalten). So schrieb – doch was nützen die vielen Namen? Ich greife nur noch weniges heraus, und die Botanik Theophrasts stehe voran.

Auch von ihm, von Theophrast, wird uns wieder mit Neid gesagt, daß er, elegant bis in die Fingerspitzen, ein Junggesell, stets nur prachtvoll gekleidet in die wissenschaftlichen Sitzungen des Peripatos kam. Wenn er vortrug, saß er beim Sprechen steif und regungslos wie ein Wachsbild und leckte sich nur bisweilen die LippenSiehe Athenäus p. 21 A. Theophrast trug also ohne Manuskript vor; sonst hätte er sich beim Sprechen bewegen müssen. Bemerkenswert auch, daß er dabei saß.. Reich oder begütert (um dies ein für allemal zu sagen) waren fast alle diese Gelehrten, die neue Bahnen suchten; sie widmeten sich ihren Zwecken so sorgenlos wie die englischen Barone, die uns in Prachteinbänden über Shakespeare oder Homer aufklären oder mit großem Personal die Pharaonengräber öffnen, ganz anders als die deutschen Professoren, die da knapp von ihren Gehältern zehren und doch mit Erfolg in großem Zug unter die Entdecker gehen.

So hat Theophrast selbst in Athen einen botanischen Garten angelegt, allerdings nicht ohne StaatshilfeDemetrius Phalereus gab ihm die Hilfe; s. Diog. Laert. V 53.; er ist es, der die Botanik als Wissenschaft für die Folgezeiten begründet hatDie Vorarbeiten, die er benutzen konnte, liegen im Dunkeln., und ihm half dabei nun auch schon in bedeutsamer Weise die Erschließung Ostasiens. Eine nützliche Sache; denn vom staatswirtschaftlichen Standpunkt betrachtet war die Förderung der Pflanzenkunde viel wichtiger als die Zoologie. Was nützte dem Volksleben die Kenntnis der Fledermäuse Indiens? der Wildesel Irans? Ganz anders die fremden Nutzpflanzen, die da Gegenstand des Importes und schließlich unentbehrlich werden. So hat sich denn die Botanik auch später über Theophrast hinaus in ausgezeichneten Büchern fortgesetzt; kostbare Handschriften mit eingelegten Pflanzenbildern sind uns davon erhalten. Ja, man stellte Bilderbücher her, die lediglich die Pflanzen in Farben zeigten mit einer kurzen Notiz darunter. Die Sorgfalt konnte sich nicht genug tunEs handelte sich da speziell um Medizinalpflanzen; s. Die Buchrolle in der Kunst S. 299. Über Krateuas s. auch Wellmann, Die Schrift des Dioskurides περὶ ἁπλῶν φαρμάκων S. 65..

Von Alexander dem Großen hören wir, daß die Gelehrten, die er mit sich führte, Pflanzenkunde treiben mußten und daß er ihre Aufzeichnungen sogar persönlich kontrollierte, die dann 301 im Staatsarchiv zu Babylon aufbewahrt wurden. Wenige konnten sie benutzen; Auszüge daraus aber gingen ohne Frage von dort in die gelehrte Welt hinausStrabo p. 69.. Das kam auch dem Theophrast zugute.

»Fast alle krautartigen Pflanzen, die in den Stengel schießen, vollenden, wenn sie ihre Frucht zur Reife bringen, dadurch ihre Gestalt, daß sie Sprossen aus den Zweigen treiben, mit Ausnahme derjenigen, die nur einen Stiel haben wie Lauch, Steckzwiebeln und Knoblauch. Der Kohl vermehrt sich durch Ausläufer der Zweige; man muß aber etwas Wurzelartiges mit dazu nehmen; anders wieder die Raute«Hist. plant. VII 1 u. 2. usf. Wie brav klingt es, wenn so Theophrast, der feine Mann, seine Leser belehrt, ob er nun von Dill oder Gurken spricht! Und es geht in diesem Stil durch dreihundert Seiten.

Wollen wir noch mehr hören? Wer selbst einmal durch Feld und Wald mit der Botanisiertrommel herumgestrichen ist, wird es bejahen. Geduld ist nötig, und nur die Liebe zur Sache kann sie geben.

Die moderne Botanik frägt nach Gestalt und innerem Bau der Pflanzen (Morphologie und Histologie), nach ihrem Wachstum und Ernährung (Physiologie), nach ihrer örtlichen Verbreitung (Floristik), um schließlich zusammenfassend ein System aufzubauen. Dieselben Aufgaben hat sich vor gut 2000 Jahren schon Theophrast gestelltAuch Theophrast gibt schon ein System. Übrigens heißt es hist. pl. I 4: ἡ δὲ ἱστορία τῶν φυτῶν ἐστιν ὡς ἁπλῶς εἰπεῖν ἢ κατὰ τὰ ἒξω μόρια καὶ τὴν ὅλην μορφὴν (Morphologie) ἣ κατὰ τὰ ἐντὸς ὥσπερ ἐπὶ τῶν ζῴων τὰ ἐκ τῶν ἀνατομῶν (Histologie). Die Physiologie und die Floristik fehlt in diesem vorangestellten Satz; beide aber werden später reichlich nachgeholt.; aber die Ausführung ist zum Teil noch primitiv; denn er besaß kein Mikroskop, und von Zellen im inneren Bau weiß er noch nichts. Er redet statt dessen nur von Saft, Fasern, Geäder und Fleisch in Stamm und Stengel.

Eingeteilt aber werden die Millionen Gewächse nach den offenkundigsten Merkmalen in hochstämmige, in Gesträuch, Stauden und Kräuter; dazu Getreide und Hülsenfrüchte. Für die wurzellosen Pilze und Trüffeln bleibt daneben wenig Raum. Jede Gruppe zerfällt wieder in wilde und veredelte GewächseGriechisch ἥμερα δένδρα; sie sind gleichsam gezähmt wie die Haustiere.; die veredelten sind minder langlebig als der Wildwuchs (IV 13). Der wilde Baum aber läßt sich veredeln, der Strauch läßt sich einstämmig ziehen wie die Malve, die dann wie eine Lanze, 302 die Blüten trägt, in die Höhe schießt (I 3). Übrigens variiert die Stammbildung, ebenso variiert die Rinde, die Blattform, und auch das sind grundlegende Merkmale. Endlich weiß der Verfasser auch schon von männlichen und weiblichen Bäumen, ob Tannen, ob Palmen; nur die weibliche Linde blüht und trägt Früchte (III 9, 6 u. 10, 4). Auch die Blütenblätter werden gezählt; berühmt der Rosenflor in Philippi im Land Mazedonien; da soll es Rosen zu hundert Blättern, Zentifolien, geben (VI 6, 4). Von der Weinrebe hören wir, daß sie den Lorbeer haßt und sich wegdreht, wenn man sie in seine Nähe pflanzt (IV 16, 6). Wichtig ist endlich auch der Ort selbst und das Klima, und dies betrifft die Pflanzengeographie: Kreta liebt die Zypresse, Cilicien die Zeder usf. (III 2). Alpenkräuter verkümmern in den Tiefenlagen (III 3–4). Interessant auch die Frage nach dem Alter der Bäume. Dies festzustellen war damals schwieriger als heute. Berühmt war die einsame Palme auf der heiligen Insel Delos, unter der einst die Götter Apoll und Artemis sollten geboren sein. Wer aber konnte ermessen, wie lange das her war?

Seine Beobachtungen entnahm Theophrast nicht etwa nur aus älteren Büchern. Vielfach liegen Erkundigungen bei den Landbewohnern selbst, den Mazedonen, den Arkadiern, den Anwohnern des Ida, für die Küchengewächse bei den Gärtnern zugrunde. Gelegentlich macht er sich's bequemer; um zu wissen, wie weit die Wurzeln der Bäume reichen, untersucht er die Platane in seinem Institutsgarten beim Lyzeum, deren Wurzeltriebe bis auf 33 Ellen gingen. Aber Theophrasts Horizont reicht erstaunlich weit; nicht nur für Sizilien, auch für Latium, das Umland Roms, auch für Syrien und Ägypten, aber noch weiter, auch für Iran und Indien hat er genaue Nachrichten; diese letzteren flossen ihm also schon aus dem Archiv in Babylon zu, und so sagt er uns, daß in Baktrien der Nachttau den Regen ersetzen muß (VIII 6, 6), wie lange in Iran das aufgeschüttete Getreide sich aufbewahren läßt (VIII 11, 6), daß der Lotos nicht nur in Ägypten, sondern auch auf dem Euphrat blüht. Dazu die gesegneten Weizenernten in Babylonien, der 303 berühmte Baumgarten, den dort Harpalus auf Befehl Alexanders pflanzte. So wird endlich auch Indiens Vegetation beschrieben (IV 4, 5). Für die Tangarten des Indischen Ozeans ist Nearch ihm Zeuge (IV 7, 3).

Dabei aber nahm er nicht etwa alles gutgläubig hin, was man ihm auftischte. Die Zimtstauden wachsen in Arabien, im Land der Königin von Saba, in unheimlichen Schluchten, wo viel giftige Schlangen sind. Man muß sich vorsehen beim Sammeln der Rinde. Ein Drittel davon weihen deshalb die Sammler gleich am Ort voll Dank dem Helios, der dort Landesgott ist; jedesmal aber, wenn sie dann fortgehen und sich noch einmal umwenden, brennt schon der Zimt, den sie geweiht haben; er hat sich dem Gott zu Ehren selbst entzündet. Mit solchen Geschichten gingen die Handelsleute hausieren; Theophrast aber setzt sein Fragezeichen dahinterIX 5, 2.. Wie kann auch ein rechter Philosoph an Wunder glauben?

Alles das war gut wissenschaftlich gedacht und aufgebaut; aber es genügte nicht; auch die Nutzbarkeit ist eine Eigenschaft vieler Gewächse, und auch dies galt es zu erwähnenZumeist nicht als Ratschlag. Der Nutzen der Pflanzen wird nur konstatiert. Eine Anrede an den Leser, wie z. B. Nikander sie zeigt, fehlt darum hier gänzlich.. Das betrifft nicht die Nährpflanzen – da wußte es jeder –, wohl aber die Medikamente, ihren Gebrauch und Mißbrauch (IX 8–15). Sodann das Feuermachen, ein tägliches Bedürfnis! Wie sollte man damals eine Kerze, wie das Herdfeuer entzünden? Unsere Zündhölzer waren noch nicht erfunden. Theophrast sagt uns, daß man Holz vom Efeu nahm und es an Lorbeerholz rieb, bis es Funken und Flamme gab. Sodann das Bauholz; beim Schiffsbau dient ein anderes Holz für den Kiel des Schiffs, ein anderes für die Planken usf. Bettstellen macht man aus Ahorn, Wagensitze aus Buchen.

Auch wann die Holzfäller ihre Arbeit tun, erfahren wir genau (V 1). Leider aber fehlte die eigentliche Forstwirtschaft vollständig; niemand dachte an Wiederaufforsten. Das zeigt uns auch Theophrast. Griechenlands Wälder waren schon damals arg gelichtet, woraus sich erklärt, daß man eben zu Alexanders Zeit zu Athen und sonst die hölzernen Theater durch Steinbauten zu ersetzen begannHierüber Genaueres in meinen »Griechische Erinnerungen eines Reisenden«² S. 233. Schon Plato redet im Kritias p. 109–110 von der Entwaldung Attikas..

304 Mit der wirklichen Ausnutzung der neuen Entdeckungen auf dem Gebiet der Botanik aber ging es langsam, so wie sich bei uns die Kartoffel aus Amerika nur sehr langsam eingebürgert hat. Allerdings kam es schließlich dahin, daß nach Indien große Flotten unter Segel gingen, um die Produkte zu holen, die dann in den Speichern Alexandriens lagerten. Das hören wir aber erst für die Zeit um Christi Geburt. Es dauerte lange, bis man in Rom wirklich seinen Reisbrei essen konnteStrabo p. 798; Horaz Satiren II 3, 155.. Ebenso stand es mit dem Pfirsich, dem persischen Apfel. Die köstlichen Orangen hatte zwar schon Theophrast im Haus; aber man fand daran sonderbarerweise durchaus keinen Geschmack und legte sie nur in den Kleiderschrank gegen die MottenGleichwohl pflanzte man in des Plinius Zeit den Zitronenbaum; Plinius 17, 64 schreibt vor, daß er besonders warmen Standort braucht.. Besonders beliebt wurden die fertigen indischen Stoffe aus BaumwolleVgl. H. Blümner, Terminologie u. Technologie der Gewerbe u. Künste I² S. 201.; ja, eine Leidenschaft brach in der Männerwelt für exotische Salben und Parfümerien aus (das letztere ist verzeihlich, wenn man bedenkt, daß man noch den Tabak nicht kannte; wir rauchen heute Zigaretten oder schwere Manila, um unsere Nerven anzuregen, und die Nase will schließlich auch ihr Recht haben). Alexander hatte einen ganzen Kasten voll solcher Parfümerien in des Darius Zelt erbeutet; dadurch soll dieses wohltuende Laster zu den Luxusmenschen des Okzidents gedrungen seinPlinius 13, 3. Das Parfümieren der Perserkönige (s. oben S. 90), wie es auch Darius nötig fand, hatte religiöse Bedeutung und begründete sich durch die göttliche Stellung, die ihm zukam; die guten Götter verkünden sich selbst durch Wohlgeruch; vgl. C. Lohmeyer »Vom göttlichen Wohlgeruch«, Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie 1919, Abt. 9. Daher auch die Χριστοῦ εὐωδία und die ὀσμὴ τῆς γνώσεως bei Paulus 2. Corinth. 2, 14 f. Vielleicht erklärt sich hieraus auch, daß man an Alexander dem Großen den Duft seines Körpers als auffällig bemerkte, wie Plutarch erzählt (oben S. 66).. Wir gönnen es ihnen, bedauern aber um so mehr, daß man am indischen Zuckerrohr völlig verständnislos vorüberging. Nur die griechischen Ärzte nutzten den fremdartig kostbaren Zucker gelegentlich als Medikament, das sie ihren Patienten verschriebenSiehe Dioskurides II 10, 4; Plinius 12, 32. Schon Nearch erwähnte das Zuckerrohr, »ein Schilfrohr, das ohne Bienen Honig erzeuge«, nach Strabo p. 693. Auch der indische Pfeffer fehlt noch bei Theophrast.. Vom Rübenzucker wußte man noch weniger. Was würden dazu unsere Hausfrauen sagen? Die Biene, die Imkerei spielte im Wirtschaftsleben eine ganz andere Rolle als heute, und man süßte nach wie vor seine Speisen und Getränke ausschließlich nur mit Honig.

Anders wieder die Palme. Denkwürdig ist, daß, seit Alexander gestorben, ihre Bedeutung wuchs. Theophrast gibt uns die Mitteilung, daß man die Götterbilder jetzt anfange aus Palmenholz zu schnitzenTheophrast V 3, 6.. Das scheint mir symbolisch; der Orient drang vor; er will jetzt auch das griechische Religionsleben durchdringen.

305 Aber Theophrasts Blick schaute noch weiter; die Pflanzengeographie lenkte ihn auf das große Problem hin, das die Geographie überhaupt, das die Weltkarte betraf: es war die Frage nach der Grenze zwischen Europa und Asien. Eine Frage der Klimatologie: Europa schien das düstere, Asien schien das Sonnenland, die Balkanhalbinsel aber das Mittelland, in dem sich die Düsternis zum Licht durchrang. Als Merkmal galt dem Forscher die Bergtanne. Sie war am Nil so fremd wie im inneren Kleinasien und in Syrien und Iran; seine These ging also dahin, die Tanne sei spezifisch europäisch und wo immer sie wachse, sei Europa; Harpalus habe sie in seinem neuen Pflanzgarten zu Babylon zu akklimatisieren versucht; der Versuch sei vollständig mißlungenVgl. H. Bretzl, »Botanische Forschungen des Alexanderzuges«, Straßburg 1902, der von Theophrast IV 4, 1 und Strabo p. 510 ausgeht.. Nun aber stellte Alexanders Inderzug dieselbe Konifere auch auf dem Himalaja fest. Sollte das Merkmal täuschen? oder ist die Weltkarte vielmehr so zu zeichnen, daß Europa sich durch die Steppen im Norden von Turkestan bis zu den Kirgisen erstreckt? Es gab Leute, die das nunmehr ernstlich fordertenVgl. auch Theophrast De causis plant. II 3, 3..

Und damit stehen wir plötzlich mitten in den Problemen der Erdkunde. Das ganze Weltbild kam damals ins Wanken. Aristoteles war schon überholt, die tellerförmigen Landkarten, die er besaßDiog. Laert. V 2, 14. Diese kreisrunden Karten erklärte übrigens Aristoteles selbst schon als unbrauchbar und lächerlich: Meteorol. II 5., unbrauchbar. Man mußte die nebeneinander lagernden drei Kontinente, die der unendliche Ozean umspülte, ganz anders aufs Papier bringen.

Denn auch noch eine andere Erkenntnis hatte sich dem Alexander und den Männern, die ihn umgaben, erschlossen; sie betraf die Geologie: daß nämlich alle alpinen Hochgebirge Asiens in einem mächtigen Strich unter sich zusammenhängen vom Taurus über den Elbrus bis zum Himalaja, die riesige Wirbelsäule des Kontinents. Diese Gebirgslinie wurde nunmehr zur Scheidelinie der bekannten Welt: südlich von ihr lagern die Länder der subtropischen Flora und der heißen Wüsten, nördlich von ihr die Steppengebiete und die Länder des Klimas, in dem die Tanne gedieh. Der Geograph Eratosthenes aber zog sie vom Westen her noch weiter durch, so daß 306 sie von der Meerenge von Gibraltar aus bis zu den Indusquellen die ganze Weltkarte durchschnitt und in ein Süden und Norden zerlegte.

Ich habe jedoch den Eratosthenes zu früh genannt. Zuvor gilt es vom Dikäarch zu reden.

Wie wenige wissen heute noch von Dikäarch? und doch sollte auch er zu den Unvergeßlichen gehören. Aber es geht mit ihm wie mit den meisten geistigen Arbeitern, von denen ich hier zu reden habe: der Arbeiter ist vergessen; nur die Arbeit bleibt im Gedächtnis, bis auch sie überholt ist.

Dikäarch war Sizilianer, dorisches Griechenblut; daher ließ er sich, nachdem er sich für kurze Zeit den Einflüssen des Aristoteles ausgesetzt hatte, fernab in Sparta nieder und stand als selbständiger Forscher zu seinen Kollegen in Athen in erklärtem Gegensatz. Wir wissen: es geht nicht immer glatt und glimpflich her unter den Gelehrten. Vielseitig wie viele seinesgleichen, beherrschte der ausgezeichnete Mann die Geisteswissenschaften so gut wie die Physik; dabei warf er ganz neue Probleme auf und reiste viel, um ihnen nachzugehen. Von seinen zahlreichen literarischen Unternehmungen erwähne ich nur das Schönste; er schrieb als erster unter den Sterblichen eine Kulturgeschichte; das erste Werk seiner Art. Welcher Verlust, daß wir es nicht mehr besitzen, während wir so manches Entbehrliche lesen müssen! Es war eine Entwicklungsgeschichte, wobei er die Linie vom unentwickelten Urmenschen erst zu den Hochkulturen Babyloniens und Ägyptens und dann erst zum Griechentum zog; d. h. ein sog. goldnes Menschenalter hatte es in der Urzeit nie gegeben, und die stolzen Griechen waren wohlgemerkt anfangs als Lehrlinge beim Ausland in die Schule gegangen. Zu dieser Auffassung stimmte der originell gewählte Titel des Werkes; er nannte es »die Biographie Griechenlands«Βίος Ἑλλάδος. Danach schrieb hernach Darro seine »Vita populi Romani«; βίος und »vita« heißt »Biographie«.; denn zur Biographie gehört vor allem die Beobachtung der Jugendzeit und der ErziehungsjahreEs war im Altertum beliebt, die Menschenalter Kindheit, Jugend, Männlichkeit und Greisentum auch auf die Völker zu übertragen. Mutmaßlich hat schon Dikäarch dasselbe getan. Das griechische Wesen stand zu seiner Zeit schon im Übergang zum Greisentum..

Aber Dikäarch war auch Physiker, und auch als solcher trieb er Heimatskunde. Die viel besungenen Berge Olymp und 307 Pelion, Helikon und Parnaß waren dem Wissenschaftler keine Märchenberge mehr. Er reiste durchs Land und maß vielmehr die Berghöhen. Dikäarch ist der erste gewesen, der solche Messungen stereometrisch und mit Hilfe des Visierinstrumentes (der Dioptra) ausführte; die Diadochenkönige unterstützten ihn hierbei mit GeldernPlinius 2 162. Der Titel des Werks lautete nach Suidas Καταμετρήσεις τῶν ἐν πελοποννήσῳ ὀρῶν. Der Titel ist zu eng, und man hat ihn darum überflüssigerweise abändern wollen (s. Martini in Pauly-Wissowas R. E. V S. 561), als ob uns die Gewohnheiten der Titelgebung bei Griechen und Römern unbekannt wären. Ich habe das anderen Orts ausgeführt (Rhein. Mus. 69 S. 381 f.); nochmals aber sei daran erinnert, daß man den Titel oft nach dem, was auf den ersten Seiten des Buchs zu lesen war, gab; das geht von Äschylus' Choephoren und Xenophons Anabasis (oder will man auch diesen Titel ändern?) bis zur »Genesis«, Cato's »Origines« und der »Apostelgeschichte« des Neuen Testaments. Der Titel Πράξεις ἀποστόλων bedeutet »Erlebnisse von Aposteln« (der Artikel τῶν vor ἀποστόλων scheint schlecht verbürgt); in der Tat beginnt die Schrift des Lukas mit solchen, um sich erst hernach auf Paulus zu beschränken. Man sieht wie vergeblich die Folgerungen sind, die A. Harnack u. a. aus dem Titel gezogen haben. Aber wozu Worte? Es gibt Theologen, denen das auch jetzt noch nicht eingeht. So hatte nun also auch des Dikäarch Werk mit dem Peloponnes begonnen; denn sein Standort war Sparta..

Dazu kam sein Lehrbuch der Geographie, das er den Spaziergang über die Erde (oder den Globetrot) nannteπερίοδος γῆς. Den Ausdruck brauchten schon andere; Aristophanes »Wolken« 207 sogar für Landkarten., und dazu weiter seine WeltkarteDaß die Karte selbständig umlief und nicht etwa einen Teil des Buchs περίοδος γῆς bildete (was unvorstellbar), habe ich gegen Kubitschek im Rhein. Museum 73 S. 311 f. ausgeführt.. Er konnte dieser Karte schon die umfassenden Landmessungen, die Alexander in Asien hatte ausführen lassen, zugrunde legen und führte damit ohne Frage das aus, was der weltbeherrschende König gewollt hatte: eine Generalstabskarte und Seekarte zugleich.

Es hat auch heute noch Reiz für jeden, die Gestalt seines Heimatlandes in die weiten Bereiche des Umlands und der Meere eingeordnet zu sehen – ein Blick, vertikal nach unten wie aus dem Luftschiff. Wichtiger aber ist noch der Nutzen; denn das so entworfene Bild dient dem Reisenden und dem Militär, da es ihm seine Ziele und das Maß der zu überwindenden Entfernungen zeigt.

Heute zeigen grell bunte Farben auf den Atlanten die politischen Landesgrenzen an, deren Verschiebung man mit Haß und Liebe verfolgt. Das fehlte damals durchaus. Die Karte Dikäarchs war so international wie ihr ZeitalterDaher der bekannte Tadel, den der Geograph Eratosthenes gegen Aristoteles wegen seiner national begrenzten Auffassung des Völkerlebens richtete.. Politische Grenzen gab es nicht. Der Grieche und der Römer sah sich auf ihr nur als ein Teil der Menschheit. Es war nur physikalische Geographie, die man betrieb. Auch noch die Römer benutzten dies Zeichenwerk, das so gut wie sonstige Bilderbücher, da man von mechanischer Reproduktion nichts wußte, durch Zeichner vervielfältigt wurde. Gleichwohl hatte diese Kartographie mit Kunstmalerei doch nichts zu tun; es kam nur auf Deutlichkeit des Hauptsächlichen an. Die Namen der Städte und Flüsse wurden möglichst deutlich hingeschrieben; die Plastik der Hochgebirge (die Orographie) kam so gut wie gar nicht zum Ausdruck. Vor allem wurde von der Kugelform der Erde 308 abgesehen; Dikäarch gab auf einem Bogen, der sich einrollen ließ, nur ein Streifenbild, nur den flachgelegten Erdgürtel derjenigen Breitengrade, zwischen denen die antike Weltgeschichte sich abgespielt hat. Dabei teilte er das Bild schon durch die vorhin von mir erwähnte, von Gibraltar durchs Mittelmeer bis zum Himalaja sich erstreckende klimatologische Scheidelinie in eine Welt des Südens und des Nordens. Vorschrift war dabei, daß solche Karte nicht weniger als sieben Fuß Länge haben mußte; wurde ein Erdglobus hergestellt, so sollte sein Durchmesser 10 Fuß betragenStrabo p. 116 f..

Aber wozu ein Globus? Auf ihm mußten weite Strecken der terra incognita, vor allem die ganze Rückseite leer bleiben; denn der Grieche kannte ja seine Antipoden so wenig wie die Hinterseite des Mondes. Es gab Männer, die solchen Globus wirklich aufstellten und ihn phantastisch ausfülltenKrates von Mallos, der Stoiker.. Die Einsichtigen aber lehnten es ab.

Aber ein Gradnetz fehlte noch. Das war es, was Eratosthenes, der große Rechner, hinzuzufügen begann. Durch ihn kamen wenigstens die Meridiane in das Bild, die die Lage sicherten und die wie die Rippen im Körper sind, die unscheinbar das Ganze zusammenhalten.

Und es geschah noch mehr. Ein Buch kam aus Marseille in den Osten. In Marseille – Massilia –, der griechischen Handelsstadt, war es geschrieben; darin stand der Reisebericht des Pytheas, und es war ein Ereignis wie der Inderfeldzug Alexanders. Durch Pytheas, den Seefahrer, war wieder eine Wand, die das Altertum einengte, niedergerissen, und die Aussicht über den Erdball wuchs.

Ein Vorgänger des Genuesen Christoph Columbus, war Pytheas aus Massilia in den offenen Atlantischen Ozean ausgefahren, aber nicht um Indien zu suchen. Pytheas bog vielmehr nach Norden ab, denn er hatte keinen Kompaß, und tastete sich, wir wissen nicht mit wie vielen Schiffen, nordwärts an der Küste Spaniens entlang durch die Brandung, weiter 309 durch das Sturmmeer von Biscaya bis zur Normandie und weiter nach Irland, ja, bis zu den Shetlandinseln und noch über den 60. Breitengrad hinauf, als zöge ihn ein Magnet. So wurde damals unser Nordland, so wurde Nordwesteuropa vom Mittelmeer aus entdeckt. Hier war kein Nearch im Königssold, sondern ein schlichter Bürger der Entdecker. Man darf sein Unternehmen den Nordpolexpeditionen unserer Gegenwart vergleichen, die da im Dienst der Erdkunde geschehen. Freilich verknüpften sich damals zugleich damit die Handelsinteressen Massilias.

Der Mann stand auf der Höhe der Wissenschaft, er war Seeheld und Forscher zugleich; denn er machte kartographische Aufnahmen der fremden Küsten, bestimmte geometrisch und mit Hilfe des Visierens die Entfernungen und Horizontabstände, bestimmte die sog. Kulminationen der Zirkumpolarsterne, führte Ebbe und Flut, den Pulsschlag des großen Ozeans, schon auf die Einwirkungen des Mondes zurück, zog endlich durch sein Kartenbild vielleicht auch schon den nördlichen Polarkreis. Und er entdeckte Thule; durch ihn wurde die »ultima Thule« (mutmaßlich die Shetlandinseln oder gar Island) in die Literatur, in den Phantasiekreis der Dichter eingeführt, die den Namen fortan in ihre Verse stellten, wenn ihre Gedanken mit Grausen über die Schrecken Germaniens hinweg in den fernsten Norden schweiften. Es war so, wie wenn wir von Patagonien, Labrador oder Kamtschatka reden, und von einem König von Thule, dem gar die Augen übergingen, wenn er seinen Wein aus goldenem Becher trank, wußte das Altertum noch nichts.

Viele nahmen damals den ganzen Reisebericht des Pytheas für Schwindel; mochten die Dichter sich damit befassen. Eratosthenes, der ihn in Alexandrien las, nahm ihn jedoch ernst. Er stellte auch Thule in seine Karte ein, die nun also ein wesentlich vervollständigtes Europa zeigte. Sodann aber stützte er sein Kartenbild, wie schon gesagt ist, durch Meridiane.

Meridian bedeutet den Mittagskreis, und eine Linie auf dem Globus zeigt ihn an. Damals wurde das Wort aufgebrachtμεσημβρινὸς (κύκλος)..

310 Es besagt, daß alle Plätze, die auf derselben Linie liegen, dieselbe Mittagsstunde, daß sie gleiche Zeiten haben. Eratosthenes führte durch seine Karte nur sieben solche Hilfslinien, den Hauptmeridian über Alexandria und die Dardanellen bis nach Thule, das er nach Gutdünken fixierte. Dieser bedeutsame Versuch, die Landkarte mathematisch zu regulieren, erwies sich freilich bald als unvollkommen. Aber er wurde berichtigt und man schuf schließlich unter dem Einfluß der Astronomie ein vollständiges Gradnetz, in dem sich die Meridiane mit den Breitenkreisen kreuzenMarinos von Tyrus; s. Ptolemäus, Geogr. I 20, 3; H. Berger, Geschichte der wissenschaftlichen Geographie der Griechen III S. 148., die dem Äquator parallel laufen.

Die große Himmelskugel, die der Erdenmensch nur von innen sieht, war das Vorbild. Diese war längst von den Astronomen mathematisch eingeteilt. Es lag nahe, die Einteilung von ihr auf die kleine Erdkugel, die angeblich genau in ihrer Mitte hing, zu übertragen, als wäre diese von Glas und spiegelte die Linien, die man am Himmel gezogen. Dem Nordpol am Himmel entsprach also der Nordpol auf Erden; so auch der Äquator, d. h. »der Gleicher«ὁ ἰσημερινὸς (κύκλος)., den man so nannte, weil, wenn die Sonne im Himmelsäquator steht, Tag und Nacht gleich lang sind; nicht anders endlich die Wendekreise des Krebses und des Steinbocks. Durch diese Kreise wurden dann Streifen der Erdoberfläche eingefaßt, die Bändern gleichen und die man Zonen nannte; »Zone« heißt Gürtel. Damals ist unsere Erde mit den Zonen gegürtet worden, die sie geduldig noch heute trägt.

So griff damals alles fördernd ineinander: Erdbeschreibung, Botanik, Mathematik, Astronomie, und man begnügte sich nicht mehr mit den Lehren des Aristoteles. Er hatte das Wissen seiner Zeit gesammelt und so die Welt notdürftig unter Dach gebracht. Aber ein Geist der Neuerung, des Fortschritts, der Entdeckung war erwacht: weiter, weiter! Es war der Heißtrieb Alexanders des Großen nach Eroberung, zwar ohne Jugendlichkeit, aber voll zäher Geisteskraft.

Wie hatte sich schon in den letzten zwanzig Jahren alles verändert! Schon der Begriff Mensch, in jeder Erdzone war er 311 nun ein anderer. Freiere Winde wehten durch die Welt, von Island bis zum Ganges, und das All selbst wuchs und wuchs und atmete tiefer. Die Zahlensysteme reichten kaum noch aus, die Raummaße auszudrücken, als sollte man mit dem Unendlichen rechnen, und alles, wohin man sah und horchte, im Himmel und auf Erden war Schwingung und Bewegung, das Weltall der wundervolle Automat, der sich scheinbar seit Ewigkeit von selbst bewegt; nur der Mensch stand als der Zuschauer auf unbewegtem Grunde, als wäre das Ganze ein Schauspiel, für ihn hergerichtet. Die Erde stand reglos fest, sie allein im All. Es fehlte nur, daß auch sie sich zu drehen begann, daß auch sie wanderte!

Es war schon viel, daß Eratosthenes damals den Umfang des Erdgürtels auf zirka 6300 Meilen berechnete (in Wirklichkeit beträgt er 5400), daß Eudemos den Winkel, mit dem die schiefe Sonnenbahn oder Ekliptik auf dem Äquator steht, auf den fünfzehnten Teil des betr. Meridians bestimmteVgl. H. Berger Geschichte der wissenschaftlichen Geographie der Griechen III S. 44.. Lassen wir die Einzelheiten. Es ist nötig, noch einmal weiter zurückzuschauen, um die Triumphe zu würdigen, die die Astronomie damals feierte. Astronomie: die Griechen schufen dies Wort als Lehre von der Verteilung der GestirneZu ἀστρονόμος ist σιτονόμος (bei Sophokles Phil. 1091) »der Kornverteiler« zu vergleichen. »Astrologie« ist dagegen die Untersuchung über die Sterne; vgl. φυσιολογία u. a.. Sie hatte den Schlüssel zum unerschlossenen Weltall in Händen, und sie brauchte ihn. Der Schlüssel aber war die Rechenkunst und die Hypothese.

Der Südländer ist in die Himmelswelt ganz anders eingelebt als wir, in inniger Vertrautheit. Die dunstige Atmosphäre in unserm Nordland verwischt den Sternenglanz im Sommer nur allzusehr; im Winter aber frieren wir und verkriechen uns nachts in unsere Hütten. Am Euphrat ist die Atmosphäre dagegen wandellos klar wie Glas. Mag man sich dort während der Tagesglut im tiefen Schatten bergen, die Nächte verbringt der Babylonier auf den Dächern, wach und rege, über sich das Himmelszelt, das unermeßlich weit aufgeschlagen über dem Tiefland steht, gleichsam ein offnes Buch mit Sternenschrift von Gottes Hand, mit Millionen hingeschriebenen Sonnen. Sie scheinen so nah und scheinen zu sprechen, zu winken, die Seele 312 hochzuziehen. Die Weisen des Landes aber, die Chaldäer, stehen auf der Plattform des Stufentempels, ihrem Observatorium, und wissen jeden Planetenlauf und Ort und Zeit für jede Konstellation, ohne Galileis Fernrohr, jenes Teleskop, das die Weltkörper völlig herabzog, aber entzauberte und ihres Strahlenkranzes beraubte. Sie wandeln und leuchten, die Sterne, jeder mit anderm Licht, mit anderem Schrittmaß, mit anderer Kraftwirkung, und sie sind Götter und von Göttern beseelt.

So wie in Babel, so gedieh die Himmelsforschung auch am Nil, und die Vorstellungen waren auch dort keine anderen, hier wie dort die Freude am geheimnisvollen Zauber und Wunder, an der Göttlichkeit im Kreislauf der himmlischen Phänomene, die von obenher unsere Erdenzeit und gar auch unser Schicksal regeln und lenken.

Bei diesen altersgrauen Völkern ging das junge Griechentum früh in die Schule. Daß der Rücken des Meeres gewölbt, daß die Erde also eine Kugel, mochten die Griechen freilich schon selber finden, wenn sie, vom Ufer spähend, am Horizont zunächst nur die Mastspitzen der Schiffe auftauchen sahen. Dann holte sich Thales allerlei Weisheit aus Ägypten. Anaxagoras, der Freund des Perikles, hatte schon die Fixsterne als Sonnen erkannt, etwa gleichzeitig Meton in Athen den ersten Kalender aufgestellt, der das Mondjahr mit dem Sonnenjahr auszugleichen versuchte, d. h. die nach den Phasen des Mondes abgemessenen zwölf Monate dem 365tägigen Sonnenjahr anzupassen suchte. Dann aber schuf Eudoxus, Platos genialer Mitarbeiter, seinen Kalender; es ist der Kalender, dem Julius Cäsar hernach für das römische Reich dauernde Gültigkeit verschafft und der noch das Mittelalter, noch Galileis Zeit überdauert hat, bis der Gregorianische ihn ablöste.

Eudoxus hatte sich in Ägypten zu einem Astronomen gebildet, wie Griechenland noch keinen gesehen; zugleich aber stand er auch schon unter dem Einfluß der Chaldäer BabylonsVgl. F. Boll, Sphära S. 312 ff. u. 476.. So schuf er schon vor des Aristoteles Zeit den Himmelsglobus, der auf seinem Rund mit Äquator und Meridianen den ganzen 313 Fixsternhimmel zeigte mit den griechischen Namen und den Figuren der Sternbilder, Kassiopeia, Orion usf., die uns immer noch geläufig sindZu dem Globus mit den Bildern der Fixsterne, den Eudoxus schuf, sei der Globus am Grab des Isokrates verglichen, der bei Ps.-Plutarch, Vit. X orat. p. 838 erwähnt wird: καὶ Γοργίαν εἰς σφαῖραν ἀστρολογικὴν βλέποντα κτλ. (hierzu »Die Buchrolle in der Kunst« S. 299, 4).. Man kann sagen: durch Eudoxus wurde so beiläufig der Himmel hellenisiert, schon bevor durch Alexander mit der Erde dasselbe geschah. Aber auch die genaue Kenntnis des Planetensystems dankte man endlich dem Eudoxus, und nun erst wurde in Athen durch Plato und AristotelesPlato im Timäus; Aristoteles in De coelo. der Aufbau des gesamten Kosmos versucht, eine Riesenkonstruktion, die die Himmelssphären wie Hohlkugeln kühn um die Erde legte.

Die geozentrische Welt, da stand sie! ein Bau, scheinbar so brüchig und doch so solide, daß erst ein Kopernikus kommen mußte, um uns für immer aus ihm zu befreien. Des Aristoteles Name deckte ihn. Von der kompliziertesten Maschinerie wird da die stille Erde umgeben, wonach ein paar Dutzend sich drehender Hohlkugeln (es sind schließlich gar 55) ineinander steckten.

Die Kugel, ob hohl oder nicht, heißt griechisch Sphära. An der äußersten der Sphären hingen sämtliche Fixsterne befestigt, die in rasendem Tempo ihre Umdrehung täglich in 24 Stunden vollziehen. Dabei umfaßte sie die in anderer Richtung rotierenden Sphären des Saturn, Jupiter, Mars, der Sonne, des Mondes, der Venus und des Merkur: dies sind die Planeten. Durch Sonne und Mond wurde die bedeutsame Siebenzahl der Planeten hergestellt. Jeder von ihnen beanspruchte seine eigene Sphäre für sich. Dabei sollten nicht etwa sie selbst sich bewegen, sondern die Sphären tun es, an denen sie haften.

In allem waltet das heilige Gesetz und die göttliche Regel, ja, göttlicher Wille und Beseelung. Aber welch schwirrender Wirbel der ungeheuren Massen! Der Gedanke taumelt, der durch die sieben Himmel fährt, um dort Himmelsfrieden zu finden. Er hört nur das Sausen wie von tausend schwingenden Rädern in der ungeheuren Arbeitsstätte Gottes. Damit nicht störende Reibungen entstünden, legte Aristoteles als Puffer noch eine Anzahl weiterer Sphären dazwischen. Auch sollten die Sphären aus feinster Substanz, aus Himmelsäther 314 (vielleicht auch zum Teil aus FeuerSiehe Jürgen Bona Meyer, Aristoteles' Tierkunde S. 392 f.) bestehen. Der Äther ist damals als fünftes Element neben Erde, Wasser, Luft und Feuer extra für den Himmel erfunden worden. Keiner der fünf Sinne des Menschen hat ihn je wahrgenommen, aber unsere Gelehrten brauchen ihn heute noch, um das All jenseits unserer Luftregion damit anzufüllen. Der horror vacui, die Angst vor dem leeren Raum, ist sein Erzeuger.

Endlich aber bleibt die Erde, um die sich das Universum dreht, von dem allen doch nicht unbeeinflußt, und das Kosmische wirkt auf das Tellurische ein. Aus dem Umschwung jener Sphären sollen sich die Windesströmungen, die die Erde periodisch umbrausen, die Gewitter und sonstiges, was man zu den »Meteoren« rechnete, erklären.

Ungelöste Rätsel blieben genug. Warum wandeln die Fixsterne in anderer Richtung über den Horizont als die Planeten? woher die Ungleichheiten in der Bahn dieser Wandersterne, die Langsamkeit des Saturn, die Schnelle des Merkur? usf. Aber es frommte nicht zu fragen. Man war schon mit dem Gegebenen zufrieden; es war das sinnfällig Gegebene. Der Augenschein konnte nicht trügen.

Hiernach taucht der Name des Chaldäers Berossus auf. Denn seit Alexander Asien erschloß, hatten auch die Leute in Babylon Griechisch gelernt, und durch sie wurde das Weltbild, das Aristoteles gegeben, jetzt noch weiter gesichert. Berossus schrieb um das Jahr 280 v. Chr. ein griechisches Buch, in dem er den altbabylonischen Sternenglauben vortrug. Kein Zweifel, daß durch ihn zuerst unsere siebentägige Woche aus Babylon zu den Griechen getragen worden ist, die Woche, deren Tage sich heute noch nach den sieben Planeten benennen. Aber Berossus brachte mehr; er brachte auch die Sterndeutung, die Astrologie, ein ungeheures Ereignis. Es war wie Offenbarung.

Sternkunde und Sterndeutung war für jene Orientalen eins und untrennbar. Es ging um das Schicksal der Menschen. Der Chaldäer lehrt, daß jedes Menschen Schicksal an dem Horoskop seiner Geburtsstunde hängt. Ein wundervoll mystischer 315 Zusammenhang zwischen Himmel und Erde. Sonne, Mond und Planeten sind dazu da, die heiteren und die dunklen Erdenlose zu verkünden. Die Erde steht darum unbedingt fest im Mittelpunkt des Ganzen: das war für die Astrologie die notwendige Voraussetzung, und so wurde diese Lehre für den geozentrischen Weltenbau sogleich zu einer neuen Stütze.

Und auch der große Archimedes – obgleich die Astrologie ihn nicht berührte – hielt an demselben fest; aber auch er soll und darf hier in unserer Betrachtung nicht fehlen. Archimedes, eine der Prachtgestalten unter den Spätlingen des Griechentums! Mir ist, als finge meine Hand zu leuchten an, da sie den Namen niederschreibt. Er war als Zeitgenosse des Berossus und des Eratosthenes ein Mann der neuen Bahnen wie kein anderer, aber er griff nach andern Zielen, denen er seinen unvergänglichen Ruhm verdankt.

Unter den Forschern, von denen ich handle, ist er der einzige, der auch als Mensch uns persönlich etwas näher tritt, und wer, der von ihm hört, muß ihn nicht lieben und verehren? Weltbürger und doch glühender Patriot; ein Sizilianer, der kernhaft seinen dorischen Dialekt sprach und diesen Dialekt aller Welt zum Trotz auch als Schriftsteller beibehielt. Er ist es, der da in heller Freude das »Heureka« rief (es klingt wie das Jauchzen eines Jünglings: »gefunden!«), als er im Bade einen Reifen aus Gold und Silber ins Wasser tauchte und dabei den Lehrsatz vom spezifischen Gewicht fand, der die Grundlage zur Hydrostatik wurde. Der Satz lautet: »jeder in eine Flüssigkeit eingetauchte Körper verliert von seinem Gewicht soviel, wie das Flüssigkeitsquantum wiegt, das er verdrängt hat«Ich habe das Wort Flüssigkeit für Wasser eingesetzt, weil dabei schließlich auch an die Luft und Luftverdrängung zu denken ist..

Wohlhabend und frei dastehend, an keinen Beruf festgeschnallt, konnte er seine Arbeit nach jeder Richtung werfen, wohin der Genius ihn rief. Denn der Kosmos strotzte immer noch von ungelösten Fragen. Welche Größe hat der Durchmesser der Sonne und des Mondes? Aber auch praktisch griff er zu, in einer Person Astronom, Mechaniker, Physiker und Arithmetiker. Er erfand die Wasserschraube zum Ausschöpfen des 316 Wassers aus den Bergwerken, schuf Automaten, Apparate, die sich selbst bewegten (wie vieles, was uns modern dünkt, hat das Altertum schon vorweg genommen!) und feierte durch originellen Maschinenbau großen Stils, wie ihn noch kein Auge gesehen hatte, seine höchsten Triumphe, und zwar nicht nur als Techniker, sondern auch als Patriot. Denn er stellte sich schließlich als Greis in den Dienst seiner Vaterstadt Syrakus, die gegen den Raubstaat Rom sich wehrte.

Die Zeit drängte; der Römer belagerte Syrakus im Jahre 214 v. Chr. zu Lande und zu Wasser; es galt die Abwehr schnell zu schaffen. Da baute Archimedes in Hast jene mächtigen Geschütze, die die feindlichen Belagerungsbauten zerschmetterten; da machte er zugleich die feindliche Flotte kampfunfähig, indem er mit beweglichen Balken und Kranen, die er durch Druckschrauben, Rollen und Flaschenzüge in Bewegung setzte, die ganzen Schiffe, die drohend vor der Hafenmauer lagen, aus dem Wasser in die Luft hob und umwarf. So stand der Heldengreis auf der Mauer, ein Vorkämpfer des Hellenismus. Die Römer aber töteten ihn; er sollte den Sturz seiner Heimatstadt nicht überleben.

Wir aber sind noch nicht am Ende. Archimedes, der Zahlenrechner, ist noch übrig, und auch als solcher war er ein Kämpfer; es ist der Kampf mit dem Begriff des Unendlichen. Es gibt freilich ein Unermeßliches; das ist die Vaterlandsliebe und die Hingabe an jedes Ideal. Aber in der Physik sollte es nicht gelten. Er wollte auch das räumlich Unendliche in Zahlen fassen. Daher schrieb er sein merkwürdiges Buch von der Sandrechnung. Es gibt nichts, was die Zahl nicht ausdrückt. Er kannte den Sand der Wüste sehr wohl; denn seine Reisen führten ihn nach Ägypten; aber die Sahara genügte ihm nicht. Den Inhalt des ganzen Erdballs, nein, den Rauminhalt des ganzen von Plato und Aristoteles aufgebauten Kosmos will er in Zahlen fassen mit der stolzen Versicherung, mehr Land, als das Weltall zu füllen, könne es nicht geben. Die übliche Zahlenschrift genügt nicht; er gibt der Zahl 1 Millionenwerte und steigert sie immer weiter, so weit das Bedürfnis reicht, zu unendlichen Ziffernreihen.

317 In der Tat war das Weltall des Plato und Aristoteles endlich, nicht unendlich; denn es war durch die äußerste Fixsternsphäre von Grenzen umschlossen. In dieser Vorstellung blieb auch noch des Archimedes Phantasie befangenNach Archimedes im Arenarius betrug der Durchmesser der Weltkugel nur 10 000 Millionen Stadien, das sind 250 Millionen geogr. Meilen.. Er hatte schon in seiner Jugend in diesem Sinne das vielbewunderte Planetarium gebaut, den Automaten der die sieben Planeten in ihrer Bewegung um die Erde zeigteCicero De republ. I 22.. Durch Wasserkraft wurde die Bewegung hergestellt: das wirbelnde Karussell des Universum im Selbstbetrieb.

Aber derselbe Archimedes sprach später das berühmte Wort: »gib mir, wo ich stehen kann, und ich setze den Erdball in Bewegung« (dós moi pou stô kaì kinô tèn gên). Da regt sich der Mechanikus grandios, der auf sein Hebelwerk vertraut. Irgendeine astronomische Debatte muß diese Äußerung veranlaßt haben. Die Erde steht still, aber sie sollte sich bewegen, wenn er es nur machen könnte. Es galt, wie Galilei sich ausdrückt, die Erde an den Himmel zu verlegenG. Galilei, Der Dialog, ed. Strauß S. 336..

Archimedes ließ gleichwohl die Erde in Ruh'; aber ein anderer sprach: und sie bewegt sich doch! Auch dahin kam es: ein Mann derselben Zeit; Archimedes kannte ihn gut, es war Aristarch, dessen Gestalt auf demselben Sockel mit Kopernikus zu stehen verdiente. Aristarch, der Astronom aus Samos, hat damals den Weltbau des Aristoteles wirklich umgeworfenDer Gedanke selbst war damals nicht neu. Aristarch aber gab ihm die erste Aufsehen erregende wissenschaftliche Begründung. Es war schon einst der Gedanke seines Landmanns, des Samiers Pythagoras gewesen, daß die Erde wandere; aber er ließ sie um ein Zentralfeuer wandern. Den heliozentrischen Gedanken hat sodann Plato in seinem Alter vorgetragen (Leges p. 898); auch Heraklides Ponticus spielte mit ihm; vgl. Staigmüller, Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften S. 27. Nach Const. Ritter (Sitzungsber. der Heidelberger Ak. 1919, Abhdl. 19) hätte Plato das heliozentrische System sogar schon ganz vorweggenommen. und die Erde zum Planeten gemacht wie Venus und Saturn. Sie war nicht besser als diese, ein Wanderstern, der zufällig von uns Menschen bewohnt ist. Sie ist wie ein unwesentliches Nichts, wie ein Punkt im All. Das Zentrum des Alls war damit verlegt. Die Sonne kam endlich zur Ruhe, mit ihr der im unerhörten Presto die Welt umsausende Fixsternhimmel. Die heliozentrische Welt, in der wir heute leben, war da.

Durch Hypothese war sie gewonnen. Ob diese nicht etwa damals durch ihre Evidenz alle Denkenden ebenso mit sich riß, wie es anderthalb Jahrtausende später mit des Kopernikus Aufstellung geschah? Wir wissen es nicht. Aber so wie das Papsttum, das für den kirchlichen Glauben die alte zentrale Position der Erde brauchte, den Galilei mit dem Scheiterhaufen 318 bedroht hat, auf dem Giordano Bruno verbrannte (und Galilei gab nach und widerrief unter Qualen) –, so erging auch damals das Anathema gegen Aristarch. Das Haupt der frommen und damals schon einflußreichen stoischen Sekte, Kleanthes, schleuderte ein Pamphlet gegen Aristarch: Gotteslästerung sei, was er lehre. Religionsfrevel! So dachte man schon damals. Es war wie ein BannspruchSiehe Plutarch, De facie lunae 6; Diog. Laert. VII 174.. Zum Glück hatte Kleanthes keine Macht, um den Scheiterhaufen zu schüren. Aber der ganzen Gottes- und Heilslehre der stoischen Religion schien die neue Weltkonstruktion wie später dem Christentum freventlich ins Gesicht zu schlagen. Das Entscheidende indes war, daß auch der letzte große Astronom jener an Entdeckern so reichen Epoche, daß auch Hipparch sie ablehnte. Hipparch war der Meister der Beobachtung und Rechenkunst, aber ein Mann der Vorsicht und Feind aller scheinbar verfrühten Hypothesen. Zugleich aber war Hipparch, wie auch die Stoa, ein gläubiger Anhänger der babylonischen Astrologie, wie Berossus sie ins Land getragen, und das hat ihn ohne Frage mit beeinflußt.

Alle Himmelskörper sind beseelt; und sie alle, so geht die Lehre, der Tierkreis, Sonne, Mond, Jupiter, Venus und Mars dienen dazu, das Schicksal der Menschen, ja, auch die Natur der Menschen auf Erden unausgesetzt zu beeinflussen und ihr Los den Kundigen vorauszuverkünden. Sie wollen nur gedeutet sein; dann enthüllen sie uns unsere Zukunft. Das sind »die Geschenke des Himmels«, die wir gläubig empfangen sollenManilius IV 876: Perspicimus caelum; cur non et munera caeli?; die Wirkung des Kosmischen auf das Tellurische. Das alles aber wäre nun sinnlos, wäre diese Erde nichts als ein Punkt im All und liefe maschinenhaft mit der Herde der andern Planeten um jene Sonne, die ihr doch dient. Mit dem unerhörten Vollsieg dieser Astrologie, die alsbald alle Machthaber Roms und alle Führer des herrschenden stoischen Glaubenslebens erfüllte, war die Niederlage des Aristarch entschieden. Die Mystik siegte über das Wissen, ja, sie gerierte sich selbst als höchste der Wissenschaften. Das Übernatürliche erstickte die Naturforschung für mehr als ein Jahrtausend.

319 Die Astrologie gewann die Herrschaft zugleich mit dem Sternenkultus und zugleich mit dem Sieg der Woche, die nach den sieben Planeten ihre sieben Tage ordnet; auch bei der Benennung der Wochentage steht ja die Sonne mit Mond und Saturn auf einem Boden; der Sonnabend steht als der Saturntag (englisch Saturday) neben dem Sonntag und dem Mondtag.

In Unsicherheit ging der antike Mensch durchs Leben. Die mancherlei Garantien, die uns die heutige Gesellschaft und die moderne Technik bietet, fehlten dem Altertum; es gab kein Versicherungswesen weder für das Diesseits noch für das Jenseits. Feuersbrunst und Pestilenz, Krieg, Schiffsuntergang auf See und tausend Fährnisse drohten ihm, auch die eigene vulkanische Leidenschaft, die eigene Sünde mit ihren Folgen. Er will die Zukunft wissen, mit Angst den dicken Vorhang zerreißen, der ihm sein Erdenlos verbirgt. Auf die Nativität, auf die Konstellation oder die Gruppierung der Himmelskörper zur Zeit der Geburtsstunde des Fragenden kam es an. Der Chaldäer muß kommen, die Nativität zu bestimmen, und Kaiser Domitian erfährt seine Sterbestunde, Kaiser Severus sein zukünftiges Herrscherglück, der gemeine Sterbliche die Stunde, wann er zur Seefahrt das Schiff besteigen darf usf. Schon Kaiser Augustus dachte so; er ließ auf das Geld, das er münzte, den Steinbock, das Gestirn seiner Geburt, prägen. Das führte aber auch zur Wahl der Berufsarten: Schiffer wird, wer unter dem Sternzeichen des Wassermanns, Richter, wer unter der Wage geboren.

Auch noch durch andere Hilfen, durch die Beobachtung des Vogelflugs, auch durch Eingeweideschau suchte man fatalistisch die Zukunft, die Vorbestimmung der Götter zu ergründen. Die christliche Kirche unterdrückte, als sie zur Herrschaft kam, dieses beides als heidnisches Gebaren; die Astrologie dagegen hat sie geduldet, wie auch der Islam sie duldete. Ja, die Päpste selbst ließen sich in der Zeit der Renaissance abergläubisch durch das Horoskop, das ist durch die »Stundenschau« die günstige Stunde ermitteln, wann sie sich krönen lassen, wann sie ihr Konsistorium berufen solltenVgl. F. Boll, Sternenglaube u. Sterndeutung S. 44.: ein zäher Glaube – zäh wie 320 aller Fatalismus –, der auch nach dem endgültigen Sieg der Kopernikanischen Lehre nur langsam geschwunden ist. Die Macht dieses Glaubens empfand noch Schiller, als er den Wallenstein dichtete; sie verleiht seinem Helden die eigenartig mystische Größe, die uns fesselt; er sucht mit Seni, seinem Astrologen, die himmlischen Aspekte, und die Tragik wächst, da dem Sternengläubigen seine Sterne trügen. Wohl liegt der Wahn selbst als abgetan längst hinter uns, die wir Schillers Drama schauen; aber die Wirkung ist tief und wahr: der Sehende blind, der Wille des großen Mannes verstrickt in den Fatalismus, in den unbedingten Glauben an überirdische Führung! Jahrtausende haben schon zuvor dasselbe erlebt und werden es in der einen oder anderen Form immer wieder erlebenIch erinnere daran, daß die Neigung zum Okkultismus, der Glaube an okkulte Sinnesfähigkeiten, heut wieder um sich greift und so auch zur Astrologie zurücklenkt; vgl. A. Kniepf, Die psychischen Wirkungen der Gestirne, 1898 u. a. Schriften, die ich freilich nicht lesen möchte..

Freiheit der Wissenschaft das köstlichste Gut! Gepriesen seien darum die Ptolemäer und die andern Monarchien, die in den Zeiten jenes Weltgriechentums die freie Forschung schützten, sicherten und förderten. Aber wir haben gesehen, wie sie nur zu bald und schon mitten in der blühenden Antike eingeengt und gefesselt wurde, bis sie in ihren Fesseln starb. Es sollte lange, lange währen, bis sie zum Leben und Wirken neu erwachte.

Die Probleme, die der Hellenismus stellte, erst die Arbeit der Neuzeit hat sie wieder aufgenommen. Mit ungleich reicheren Hilfsmitteln bauen wir weiter am ewig unfertigen Weltenbau der Wissenschaft. Wie oft ist das Gefundene schon das Überwundene, und was Wahrheit schien, war nur eine Vorstufe der Erkenntnis! Aber der moderne Forscher denkt, wie auch schon jene Männer, ein Aristarch und Archimedes, dachten:

Das ist, was wir hoffen, daß ein Schluß
Einst endlich den Bau doch krönen muß,
Ein All-umfassender Schluß, der leicht
Bis in das Wesen der Gottheit reicht.
Darum hinweg mit allen Schranken,
Herbei mit jedem kühnsten Gedanken,
Und komme er auch grundstürzend neu
Und ob die Pfosten im Gebäu, 321
Ob alle Fundamente wanken.
So lange Menschen atmen und Geist
Durch Millionen Hirne kreist,
So lang' übt sich Geduld und Kraft
Im Weltenbau der Wissenschaft.

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