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Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 17
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Alexanders Nachleben

Alexander ging, als er starb, zu den Göttern ein. Das war sein Glaube. Eine Auferstehung des Fleisches gab es nicht; nur die Seele, so dachte man, die selbst luftartig feinster Körper ist, lebt nach dem Tode weiter. Denn sie ist ewig und der Tod ihr fremd; sie ist nach dem Tode die nackte Seele, wie die Griechen sich ausdrücktenγυμνὴ ἡ ψυχή, Lucian, Vera Historia II 12.. Die Legende erzählte, daß, als er sterben sollte, eine Feuerschlange vom Himmel zum Meer niederfuhr und mit ihr ein Adler; dann erhob sich die Schlange wieder, der Adler flog mit ihr auf und trug dabei einen leuchtenden Stern in seinen Fängen. Wie der Stern im Himmel verschwindet, schließt Alexander die Augen. So ist er zu den Sternen eingegangenPseudo-Kallisthenes gegen Ende.. Er setzte sich aber droben nicht stolz neben seinen Vater Zeus, sondern gesellte sich nur zu Herakles und Athene, den Zeuskindern, die ihm am nächsten standenPseudo-Kallisthenes gegen Ende.. Eine goldne Stube war ihm eingeräumt, und er trug dort oben die Mitra der PerserkönigeVgl. Theokrit 17, 18. Der betr. Bericht des Pseudo-Kallisthenes geht, da er mit dem, was Theokrit sagt, auffällig übereinstimmt, sicher auf die ältere Ptolemäerzeit zurück..

So galt er nun auch als Gott in der Griechenwelt.

Es gab so viele Götter wie Staaten. Die Vielstaaterei hatte die Vielgötterei mit sich gebracht. Hier war nun ein Gott mehr, der als Wohltäter und Schutzpatron für viele Städte Bedeutung behielt. Bei Lebzeiten hatte Alexander das nicht gefordert. Jetzt kam es dahin, daß auch die Könige, seine Nachfolger, bei Lebzeiten schon als Götter galten, ihre Bilder auf das Geld prägten, Götter, die auf Erden (um theologisch zu reden) nur ihre Epiphanie haben und zeitweilig auf Erden in Menschengestalt erscheinen, um im Tod zu ihrer göttlichen Natur zurückzukehrenVgl. Horaz Oden I 2 fin.. So der König Seleukus und seine Nachkommen, so die Ptolemäer, so hernach auch die Kaiser Roms. Ein guter Regent muß göttliche Natur haben, hatte schon Aristoteles gelehrtSiehe oben S. 142.. Das wird jetzt der Glaubenssatz der Diadochen und Epigonen, der bis zu Konstantin dem Großen reichtVgl. Charakterbilder Spätroms³ S. 206..

In vielen Stadtgemeinden wurden also jetzt Stätten der Verehrung für Alexander eingerichtet, wo ein Priester oder Verwalter des Kultus die Gedächtnisfeiern leitete. Ich erwähne nur den ihm geheiligten Hain an Kleinasiens Küste in der Nähe Smyrnas, wo eine Vereinigung der dortigen Griechen noch 265 zur Zeit um Christi Geburt ihm »alexandrische« Festspiele gabÜber diesen ἀγών s. Strabo p. 644.. Bestattet wurde er schließlich in Alexandrien. Aber auch das Volk der Mazedonen muß später geglaubt haben, daß er bei ihnen in der alten Fürstengruft beigesetzt ruhe. Denn noch nach 500 Jahren ging Alexanders Geist in Mazedonien um; man sah ihn; er war auferstanden, und man hörte das Rasseln der Waffen seiner KriegerVgl. Charakterbilder S. 79.. Auch noch andere Völker glaubten sein Grab zu habenSiehe S. 265 u. 282..

Der Leichnam Alexanders war in Babylon mumisiert worden wie der der Pharaonen. Aber er hatte dort volle zwei Jahre zu warten, ehe die Erde ihn aufnahm. Welche Erde? Er war heimatlos, und niemand wußte es. Die Verzögerung aber hatte ihren Grund. Denn es galt für den großen Toten den Reisewagen zu bauen, und alle Verehrung seiner überlebenden Marschälle zeigte sich hier in dem durchdachten Prunk, der darauf verwendet wurde. Das noch nicht Dagewesene sollte geschehen, aber man hielt sich doch maßvoller als Alexander, als er den Aufbau des Scheiterhaufens Hephästions entwarf. Schließlich ging der Transport nach Memphis, der alten ägyptischen Königsstadt. Ptolemäus setzte das durch.

Der Sarkophag war in Gold geschmiedet, getriebene Arbeit, angefüllt mit Aromen, die dauernd der Verwesung wehrten. Das Volk aber glaubte, der Körper liege in HonigPseudo-Kallisthenes III 34. Nach Demokrit sollte man Tote stets in Honig beisetzen; s. Varro, Menipp. 81.. Über dem Sarg eine golddurchsponnene Purpurdecke und dazu seine Wehr und Waffen, die er in all den Schlachten getragen. Der Wagen war ein Gebäude auf Rädern nach Art unserer Möbeltransportwagen von annähernd 4 Meter Breite, 5½ Meter Länge. Sein Schutzdach golden, der Plafond Mosaik. Im Wagen stand der Sarg auf einem goldnen Götterthron; dieser Thron war ein weit ausgedehnter, viereckiger Aufbau und mit asiatischen Bockhirschköpfen verziert, die zwei Hände breite Ringe hielten, aus denen ein Kranzgewinde hing, prachtvoll in bunten Farben gearbeitet. Oben am Thron aber war ein Geläute von Glocken angebracht, so daß man das Nahen des Wagens schon von weitem hören konnte. Dies war dem Geläute der Karawanenzüge 266 nachgeahmt, das man auch heute noch dort in den Wüsten vernimmt. In den Ecken Siegesgöttinnen; übrigens das Dach von einem Peristyl goldener Säulen jonischen Stils getragen; die Säulen an allen vier Seiten durch goldenes Netzwerk verbunden, an dem weiter vier Tafelgemälde angebracht waren: da war Alexander thronend gemalt, umgeben von Trabanten; sodann Kriegselefanten; die Flotte, zur Ausfahrt gerüstet; die Reiterei, in Schwadronen aufgestellt. Die Wagentür war mit zwei goldenen Löwen flankiert. Hoch oben auf dem Dach aber stand noch eine Viktoria, den goldenen Olivenkranz vorstreckend, in dessen Golde die Sonne des Südens spielte und prachtvolle Reflexe warf, so daß man schon aus der Ferne den blitzenden Glanz wahrnahmVgl. Diodor 18, 26; eine Rekonstruktion des Wagens gab Bulle im Arch. Jahrbuch 21, 52 ff. Ich kann ihm nur z. T. folgen. Das ὑπὸ τὴν ὑπωροφίαν, »unter dem Dache«, kann nur auf den Innenraum des Wagens gehen; in demselben kann sich aber weder ein Gesims, wie man annahm, noch ein Dach tragendes Gebälk, wie Bulle es sich denkt, als Hauptinhalt befinden. Durchaus passend dagegen die überlieferte Lesung ϑρόνος. Götterthrone waren nicht bloß Sessel, es waren oft ganze Aufbauten, podiumartig, wie der Apollothron von Amyklä. Auf einem solchen stand hier der Sarg im Wageninnern; denn ein König lag im Sarg, und er durfte nicht flach stehen. Um den König im Sarg zu tragen, mußte der Thron umfangreich und τετράγωνος sein. Auf dem Wagendach aber kann nur eine Nike mit Kranz gestanden haben, und ich glaube da weder an eine φοινικίς noch gar an eine armselige χοινικίς.. All die Gegenstände mußten solide befestigt sein, damit sie, wenn der Wagen stieß, nicht umfielen.

Von 64 prachtvoll aufgezäumten Maultieren an vier Deichseln gezogen, so machte der Wagen mit seiner Last unter starker militärischer Bedeckung langsam die gewaltige Reise vom Euphrat durch die syrische Wüste über Damaskus, an Judäa vorüber, auf der Küstenstraße bis Pelusium und über den Nil weiter nach Memphis. Schaulustige von allen Orten kamen dem Zug entgegen und pilgerten mit und konnten sich nicht satt sehen. Aber auch Wegebauer und Ingenieure begleiteten ihn, um bei schwierigem Terrain jedes Hindernis zu beseitigen. An der ägyptischen Landesgrenze holte Ptolemäus, die Eskorte ablösend, den Zug mit seinen eigenen Truppen ein. In Memphis fand die erste Beisetzung statt; aber auch da kam der Tote nicht zur Ruhe. Nach Alexandrien wurde er weiter überführtDies geschah erst durch den zweiten Ptolemäer, genannt Philadelphos. in seinem goldenen Sarge, dort ihm ein würdiges Heiligtum mit Grabstätte errichtet und glänzende Gedenkfeiern gottesdienstlicher Art begangen. Die Götter, heißt es, dankten das den Ptolemäern: denn das Glück war fortan mit ihnen; aber auch die Menschen: denn viele der Besten zog es nach Alexandrien, und sie traten gern und freudig in den Dienst dieser Könige.

Das Größte oder doch das Wertvollste war, daß jener 267 Ptolemäus, der unter Alexander mitgefochten und dem sogar Alexander selbst das Leben gerettet haben sollte, sich entschloß, nach bestem WissenDaß Ptolemäus die königlichen Ephemeriden Alexanders für sein Werk benutzte, ist ausgeschlossen; denn diese waren notwendigerweise in den Händen des Reichsverwesers Perdikkas, resp. des ἀρχιγραμματεύς Eumenes, und es ist nicht abzusehen, wie Ptolemäus sich ihrer soll bemächtigt haben. Er muß also als literarisch interessierter und veranlagter Mann selbst Tagebuch geführt haben. Zur Abfassung seines Werkes aber kann er erst ziemlich spät, nachdem er seiner ägyptischen Position völlig sicher war, gelangt sein. Daher waren gelegentlich auch sachliche Irrtümer bei ihm nicht ausgeschlossen. ein Buch über Alexander zu schreiben, das Werk eines Nächstbeteiligten und das Zuverlässigste, was es über des Gestorbenen Regiment und Kriegsführung im Altertum gab. Ohne Frage legte er dem Vergöttlichten das Werk als Totenspende in das GrabÜber die Sitte, dem Toten das Buch ins Grab zu legen, s. Kritik u. Hermeneutik S. 334 f. So wurde auch dem König Lysander die βίβλος, die seinen Verfassungsentwurf für Sparta enthielt, vollständig mit ins Grab gelegt; s. Plutarch Lysander 30.; außerdem aber gingen Abschriften ins Publikum, und das Werk wurde grundlegend.

Etwa gleichzeitig erschienen – auch das unendlich wertvoll – Alexanders persönliche Korrespondenzen, seine gesammelten Briefe in Buchausgabe. Sie waren schlicht und kurz geschäftlich und ohne die schöne Wortmacherei abgefaßt, wie die Griechen sonst sie lieben. Wir sind glücklich, noch einige Zitate daraus zu besitzenSiehe oben 123, 188, 198 f. Wenn Plutarch Alex. 60 mit dem Artikel ἐν ταῖς ἐπιστολαῖς zitiert, so beweist das, daß es ein in sich abgeschlossenes Buch der Briefe Alexanders gab, das als solches benutzt wurde. Ebenso gab es z. B. eine Sammlung der Briefe des Eumenes (Plut. Eum. 11). Ob der unbekannte Herausgeber die Briefe Alexanders von den Empfängern sich ausliefern ließ oder sie nach den im königlichen Archiv befindlichen Konzepten herausgab, steht dahin.. Wie kläglich ist die Wahrnehmung, daß das Altertum uns sonst eine Fülle von Briefsammlungen voll von seichtem Geschwätz, vielfach noch gar unter gefälschten Verfassernamen, aufbewahrt hat, dagegen jene wichtigsten Dokumente hat untergehen lassen. Je später die Zeiten, je beliebter wurde die bombastische Phrase und die Redeübung über das mehr oder weniger Selbstverständliche.

Besagter Ptolemäus war unter den Paladinen Alexanders der einzige Mazedone von tiefgehender literarischer Bildung und schon darum sein würdigster Nachfolger. Glänzend seine Verwaltung Ägyptens, die Alexanders Grundsätze durchführte. Vieltausend Papyrusblätter sind aus dem heißen Sand jenes Landes als Zeugen aufgestanden, durch die unsere Gelehrten heute über die Landesverwaltung, über Grundbücher, Miete, Pachten, Steuern, Monopole und Bureauwesen, wie sie dort unter den Ptolemäern bestanden, weit genauer unterrichtet sind als wohl mancher von uns über die betreffenden Dinge in der eigenen Heimat. Hier geht uns an, daß er es war, der die erste öffentliche Bibliothek gründete oder zu ihrer Gründung doch die erste Anregung gabVgl. Dziatzko in Pauly-Wissowas R. E. III S. 410., ein riesiges Bücherlager, mit königlicher Opulenz durch Aufkaufen von Büchermassen aus allen Städten zusammengebracht, das, von besoldeten Bibliothekaren 268 verwaltet, dem Gelehrtentum nicht nur Alexandriens, sondern der Welt zu dienen bestimmt war.

Doch wir reden von Alexander. Begreiflich, daß man zu jenen Zeiten nicht nur in allen Buchläden nach neuen Büchern griff, die von ihm erzählten, sondern auch in allen Künstlerateliers Alexanderbilder forderte als Büsten, Plaketten oder auf geschnittenen Steinen.Alexandergemmen in Smaragd verzeichnet Plinius n. hist. 37, 8. Hier sei vielmehr noch der großartigen Prozession gedacht, die Ptolemäus Philadelphus, des vorigen Ptolemäus Sohn, in Alexandrien in Szene setzte.

Der Winter geht zu Ende, im dortigen Klima, wie man weiß, die mildeste Zeit des Jahres, und die ganze Stadt ist auf den Beinen. Dem Gott Bacchus gilt das FestOder der Teil des Prozessionszuges, der uns beschrieben wird; über anderweitige Vermutungen s. B. Niese II S. 108. und die Prozession; aber auch da darf Alexander nicht fehlen. Ein Augenzeuge schildert uns den Zauber auf fünfzehn engen SeitenSiehe Athenäus p. 197 ff.. In unserm Gedächtnis aber bleiben davon nur einige Eindrücke haften.

Wir stehen auf der Straße und machen große Augen. Ein Prahlen in Reichtum! Das Unermeßliche, die Abundantia herrscht hier im Nilland wie nirgendwo. Alles so vergänglich nur für den flüchtigen Augenblick hergestellt, aber ein Kulturbild, das die Jahrhunderte nicht vergaßen. Von einem Prunkzelt aus von fabelhafter Ausstattung beobachtet die königliche Familie den Zug. Der Mittelbau dieses Zeltes ruht auf 500 Ellen hohen Säulen in der Form von Palmen und Thyrsosstäben; das Ganze mit Statuen, Gemälden und bunten persischen Teppichen verschönt; der weite Boden mit frischen Blumen bestreut. Da braust schon der Beckenschall und die Flöten; denn der Zug naht schier unabsehbar. Silene als Platzmacher voran und ein Schwarm von Satyrn; junge Frauen als Viktorien mit goldnen Schwingen; ein von vergoldetem Epheu umrankter Altar; die geleitenden Satyrn nicht etwa nackt, sondern in Purpurstoffen. So auch weiterhin eine Vergeudung von Purpur und Gold. Zunächst folgt »das Jahr«; es ist ein Mann und wandelnder Riese, der ein goldnes Fruchthorn trägt und den die vier Jahreszeiten oder Horen umgeben. Dann auf einem Wagen Gott 269 Dionys selbst, ein zehn Ellen hohes Bildwerk, im Purpurrock, der Wagen mit Thyrsusstäben, Schallbecken und Theatermasken behangen. Hinterher Bacchantinnen mit lebenden Schlangen in den aufgelösten Haaren. Dann wieder auf einem Wagen eine Sitzfigur, Nysa, die Amme des Dionys, die, durch Mechanik bewegt, aufstehen kann, als Spende aus goldner Schale Milch ausgießt und dann sich wieder niedersetzt. Der nächste Wagen wird von 600 Mann gezogen; ein ungeheurer Weinschlauch aus Leopardenfellen liegt darauf, der 3000 Metreten, das sind etwa 12 000 Liter, faßt und aus dem immerfort unterwegs Wein abfließt; die folgenden Satyrn fangen den Wein auf. Weiterhin noch einmal Gott Dionys, diesmal auf einem Elefanten; denn der Gott hatte einst, wie Alexander, das Inderland erobert; dazu Jäger aus Indien mit indischen Jagdhunden. Hinterher Wagen ziehende Strauße, ebenso Büffel und Elefanten; dann in Käfigen Papageien, Pfauen, Perlhühner usf. eine wandelnde Zoologie. Dann schließen sich gleichsam als Festgäste auch andere Götter dem Zuge an: Alexanders Statue erscheint als Landesgottheit neben der Statue des Ptolemäus, beide bacchisch in goldenen Epheukränzen; im weiteren Zug endlich Gott Zeus selbst und mit ihm noch einmal Alexander, diesmal ganz golden; vor seinen Wagen sind Elefanten gespannt; rechts und links neben ihm stehen Athene und Nike. Übrigens marschiert fast die ganze Stadt mit im Zug, alle bacchisch verkleidet; auch Tausende von lieblichen Kindern in den schönsten Kleidern; alles strotzend in Gold; so auch die zahllosen Schalen und Mischkrüge aus dem Tempelschatz, die man einhertrug.

Aber genug des Allzuvergänglichen; wir schauen uns endlich nach Büchern um. Denn inzwischen hatten sich die griechischen Literaten gehörig gerührt: Alexander ihr Thema. Konkurrenzwerke zu dem, was Ptolemäus geschrieben, entstanden in wachsender Anzahl, die dessen Inhalt ergänzten durch geographische Einlagen, vor allem durch Mitteilungen von mehr persönlicher Note. Man versuchte sich an dem Charakterbild 270 – in der Weltliteratur der früheste Versuch eines literarischen Porträts großen Stils –, indem man in den leeren Umriß der Gestalt allerlei feine Züge eintrug; zunächst gut Verbürgtes; denn Unzählige hatten Alexander persönlich gekannt und kolportierten seine Aussprüche. Sehr bald aber mischte sich auch allerlei nett Erfundenes hinein; so seine Erlebnisse mit der Amazonenkönigin; er sollte ihr begegnet sein. Natürlich; denn irgendwo in der Nähe des Kaspischen Meeres lag das Amazonenreich, das stand fest; es schien also unglaublich, daß Alexander damit nicht sollte in Berührung gekommen sein. So focht ja auch noch Pompejus angeblich gegen die AmazonenPlutarch Pompejus 35.. Sogar Mitkämpfer Alexanders erlaubten sich den tollsten Schwindel vorzutragen; sie rechneten darauf, daß der Südländer gerne staunt und alles für wahr nimmt, was im Buch steht. Dann aber wurde das Alexanderleben auch schon in die allgemeine Weltgeschichte eingereiht; denn auch an einer allgemeinen Völkergeschichte und Menschheitsgeschichte haben sich damals schon die weitschauenden Griechen versuchtIch habe meiner Darstellung der Alexandergeschichte folgende Überlegungen zugrunde gelegt. Als vornehmste Quelle haben die Reste aus Alexanders Briefen zu gelten, über die S. 267 Anm. "Siehe oben 123, 188, 198 f..." gesprochen ist; gleichwertig waren die Ephemeriden, für die ich auf S. 236 ff. und S. 238 Anm. "Diodor sagt 18, 3, 2,..." verweise. Ihre Beschaffenheit ersieht man aus Plutarch c. 76. Es war darin das Vorgefallene wirklich täglich aufnotiert worden, auch Bad und Opfer, auch die Aussprüche Alexanders. Kein Wunder, daß so mancher dieser Aussprüche uns erhalten ist. Denn daß die Ephemeriden in der Historiographie nicht unbenutzt blieben, zeigt eben Plutarch. Waren sie vollständig veröffentlicht oder hat man nur zum Teil darin Einblick gehabt? Die Frage läßt sich nicht beantworten. Ob sie dem Klitarch zur Verfügung standen? Auch dies läßt sich nicht beweisen.

Daß unsere Darstellung, wo immer dies ausreicht, den Arrian, soweit er dem Ptolemäus und Aristobul folgt, zu benutzen hat, bedarf keiner Erörterung. Nicht nur Ptolemäus, sondern auch Aristobul verdient Vertrauen. Es ist wichtig zu wissen, daß dieser, wie auch Onesikritus, Alexander persönlich kannte; Alexander beauftragte ihn z. B. mit der Wiederherstellung des Grabes des Kyros (Arrian VI 29, 10). Was Lucian, Quomodo hist. sit conscribenda 12, über ihn erzählt, ist offenbar dreiste Erfindung; es handelt sich da um den unhistorischen Zweikampf des Alexander mit Poros, der aus dem Alexanderroman (III 4; oben S. 277) stammt. Falsch aber ist es, die Werke des Ptolemäus und Aristobul als »offizielle« Darstellungen zu bezeichnen (so W. Hoffmann, Das literarische Porträt Alexanders des Großen, Leipzig 1907). Denn diese Werke wurden nicht in Alexanders Auftrag, sondern erst lange nach seinem Tode geschrieben; »offiziell« könnte doch aber nur »im königlichen Auftrag« heißen. Daß Ptolemäus die vorhin erwähnten Ephemeriden nicht zugrunde gelegt hat, ist schon S. 267 Anm. "Daß Ptolemäus die königlichen Ephemeriden..." gesagt. Ebenso wenig trifft die Behauptung zu, daß bei Ptolemäus und Aristobul beschönigende Tendenz waltete. Sie schrieben überhaupt tendenzlos und ihr Zweck war auch, wie die Reste zeigen, noch gar kein eigentlich biographischer. Man darf nicht vergessen, daß die Kunst der Biographie ja damals noch kaum existierte. Sondern Ptolemäus verfolgte nur den Zweck, das Politische und Strategische zu geben und festzuhalten und von dem Persönlichen nur das, woran sich wichtigere Entscheidungen knüpften. Aristobul tat vor allem Geographisches hinzu.

Nicht leicht aber läßt sich entscheiden, in wie weit wir außer Arrian auch Diodor, Curtius Rufus und Plutarch ausnützen dürfen. Auch bei ihnen steckt reiches Material, das echt ist und den Arrian ergänzt. Daran läßt sich gar nicht zweifeln. Aber der verfälschende novellistische Erzählungstrieb hat früh eingesetzt, der zunächst noch tendenzlos war. Dazu kam dann aber ein Autor von Alexanderfeindlicher Tendenz, die als solche mit den Händen zu greifen ist. Von wem stammen diese unechten Zutaten?

Nicht von Kallisthenes. Er hat Alexander, solange dieser als Grieche auftrat, gefeiert, in den Himmel erhoben; daß er aber Dinge erzählte, die nicht geschehen waren, läßt sich durch nichts beweisen. Daß er schwülstig oder hochtrabend (μετέωρα Ps. Longin III 2), d. h. für das große Publikum wirksam schrieb (was man ziemlich unpassend rhetorisch schreiben nennt), betrifft nur die Redeform, nicht den Geschichtsstoff. Sein Werk enthielt zahlreiche antiquarische u. a. Exkurse, die von den Späteren vor allem noch benutzt wurden; daß er aber auch die Kriegsdinge, die er erlebte, ausführlich vortrug, zeigt besonders Fr. 33 M., wo er nicht nur über die Truppenverschiebungen in der Schlacht, sondern auch über die Terrainhindernisse genaue Angaben bringt, wennschon nach Art des Laien. Kallisthenes sagt an dieser Stelle übrigens nicht, daß Alexander den Darius in der Schlacht bei Issus sah und sich auf ihn stürzte, sondern nur, daß er nach einem Zweikampf mit ihm eifrig strebte (σπουδάζειν). Von freien Erfindungen keine Spur. Daher nehme ich alles Szenische, das sich mit einiger Wahrscheinlichkeit auf ihn zurückführen läßt, mit hohem Interesse an. Kallisthenes war oft Augenzeuge und schrieb aus dem Moment heraus. Das betrifft auch Alexanders Dicta. Es wäre ja erstaunlich, wenn Alexander nie bemerkenswerte Äußerungen getan hätte und Kallisthenes sie im Hauptquartier nicht aufgefangen und aufgeschrieben hätte. Als Stilkünstler mag er sie immerhin zugespitzt haben. Das müssen wir hinnehmen. Neben Kallisthenes nenne ich noch des Anaximenes Werk Τὰ περὶ Ἀλέξανδρον von ungewisser Buchzahl (s. Hermes 58 S. 457), das im Didymuspapyrus zitiert wird. Über Dicta in der Historiographie des Altertums und den Grad ihrer Zuverlässigkeit habe ich in einem Aufsatz, der demnächst in der Jubiläumsschrift des Hamburger Johanneums erscheinen wird, gehandelt.

Aber die Genannten genügen nicht. Um weiter zu kommen, gilt es zuerst die tendenziösen Erfindungen, wie sie besonders bei Curtius und Justin vorliegen, auf ihren Urheber zurückzuführen. Man hat gesagt, sie seien von einem Mitglied der den Alexander hassenden altmazedonischen Partei, also aus dem Kreis Kassanders ausgegangen. Jedenfalls aber war dies kein Mazedone. Denn außer vom Ptolemäus und vom Marsyas, Alexanders Jugendgespielen, wüßte ich von keinem Mazedonen, der geschriftstellert oder gar Geschichte geschrieben hätte. Es gilt vielmehr auf das Hauptmerkmal dieser Tendenzerfindungen zu achten, die auf einer Linie mit dem bösartigen Klatsch stehen, den schon Theopomp seinen Figuren anzuhängen liebte. Vieles derart haben sogleich die Schriftsteller der peripatetischen Schule wie Theophrast dem Alexander nachgesagt; ihr Haß gegen den König erklärt sich aus dem Schicksal, das Kallisthenes durch Alexander gefunden hatte. Wie schon Aristoteles selbst in seiner Ethik Alexander diskreditierte, habe ich oben S. 57 gezeigt. So fabelten nun gar Dikäarch und Hieronymus über dessen angebliche Liebeleien, auch Knabenliebe, Agatharchides über den unerhörten Luxus und die Begünstigung der Schmeichler (s. Hoffmann a. a. O. S. 7; vgl. auch oben S. 150, Anm. "Die einzige Ausnahme..."). Aber dies waren doch nur gelegentliche ausfällige Äußerungen an verstreuten Stellen, keine zusammenfassende Darstellung des Alexanderlebens. In die Biographie müssen diese verunglimpfenden Züge von anderer Seite eingefügt worden sein, und dies geschah allem Anschein nach durch einen Stoiker, den wir freilich nicht namhaft machen können; denn die Stoiker haben sich jener Bezichtigungen stets mit Freude bemächtigt; sie waren wie für sie geschaffen. Der Autor, den wir supponieren, nahm denselben strengen Standpunkt ein, den wir aus Sallust kennen und der bei Sallust auf Posidonius zurückweist (s. Wachsmuth, Einleitung in das Studium der alten Geschichte S. 662; 115 u. 209). Auch Timagenes ist gewiß von dieser Behandlungsweise, die den König zum haltlosen Tyrannen machte, beeinflußt worden. Und aus jenem Autor entnahmen nun also auch Cicero und Seneca die Alexanderschilderungen, die ihn zum warnenden Beispiel, ja, Schreckbild in der Tugendlehre machen; vgl. schon bei Cicero Ep. ad Atticum 13, 28, 3; Tusc. III 21; De rep. III 20; offic. I 90; besonders dann Seneca De ira III 7; De benef. 2, 16 u. 7, 2, 5; Epist. 53, 10; 83, 19; 113, 29 und sonst (vgl. oben S. 196 Anm. "Vgl. Seneca De benef. I 13, 4..."). Dahin gehören solche Geschichten wie von Lysimachus, den Alexander angeblich dem Löwen vorwarf (so auch Seneca; fehlt bei Diodor), von der grausamen Tötung des Batis in Gaza (ebenso), von den Branchiden (Curtius 7, 23), vom Verkehr mit Liebesknaben, vor allem von der Trunksucht. Wie es hiermit in Wirklichkeit stand, ist schon S. 183 u. 236 Anm. "Zuerst hat der Mediziner Littré..." ausgeführt. Dazu die gehässige Ausmalung der Klitusaffäre und des Prozesses des Philotas und Parmenio; die so gefärbte Darstellung des letzteren Prozesses kann nicht alt sein; denn sie war wie dem Plutarch so dem von Diodor benutzten Autor noch nicht bekannt (vgl. Diodor 17, 79 u. 80); sie kann demnach schwerlich schon von einem Anhänger des Kassander herrühren.

Offenbar hat alles dies auch schon dem Livius, der im 9. Buch über Alexander herfällt, vorgelegen; Livius setzt dies ungünstig gefärbte Charakterbild schon als allbekannt voraus.

Ganz abzusehen aber ist hier von der »Rhetorenschule« als Quelle (!) für die Späteren, von der Hoffmann S. 48 redete. Den Rhetorikunterricht erhielt man als etwa 17jähriger Mensch. In den schriftlichen Ausarbeitungen wurde da allerdings auch Alexander behandelt; der Tyrann war das gern gescholtene Objekt; die Stoffe und Situationen aber wurden da doch nicht etwa frei erfunden, sondern vielmehr der Geschichtstradition entnommen; sie setzen also Geschichtsbücher voraus. Absurd wäre es, anzunehmen, Seneca, der betagte, habe aus diesem Jugendschulbetrieb, der für ihn 40 Jahre zurücklag, seine Angaben über Alexander geschöpft; vielmehr stehen diese Angaben bei ihm auf einer Linie mit denen über Cäsar, Pompejus u. a. historische Figuren, die ihm als Beispiele dienen. Dabei kann er freilich irren, wie wenn er einmal Korinth mit Megara verwechselt (oben S. 155 Anm. "Plutarch, Περὶ μοναρχίας κτλ...").

Das Charakterbild Alexanders, das uns Curtius gibt, ist infolge all dieser Zusätze ganz uneinheitlich und voll Widersprüche (vgl. S. 273). Daß derselbe jedoch, davon abgesehen, doch noch manches Brauchbare aufgelesen hat, das wir bei Arrian und Diodor nicht finden, ist zuzugestehen; wie oft sich z. B. seine topographischen Schilderungen als zutreffend erweisen, hat Fr. von Schwarz a. a. O. S. 32; 40 und sonst gezeigt. Es gilt von Curtius, was er selbst IX, 1, 34 in bezug auf Indien sagt: equidem plura transcribo quam credo.

Als eigentliche Fundgrube für den Alexandererzähler hat nun im Altertum lange Zeit Klitarch gedient, der noch gegen Ende des 4. Jahrhunderts geschrieben zu haben scheint. Man brauchte nach Alexanders Tod dringend ein wirklich lesbares und umfassendes Buch über ihn, und er hat es geliefert; er lieferte die erste eigentliche Biographie, die zugleich ein Charakterbild sein wollte. Dabei benutzte er, wie er mußte, den Kallisthenes; aber auch seine weiteren Bezugsquellen brauchen nicht nur Wachtfeuergespräche und Kolportage der heimkehrenden Söldner gewesen zu sein; er konnte gewiß auch die mündlichen Mitteilungen führender Personen sowie eine Fülle von Briefen benutzen, die aus dem Heerlager Alexanders von Offizieren u. a. geschrieben waren, die bündelweise mit der Post einliefen und eine Menge des Interessanten enthalten haben können oder müssen. Vielleicht auch die Ephemeriden? Aber er ging damit, um den Stoff interessanter zu machen, sehr leichtfertig um, und man hat seine Unzuverlässigkeit schon früh erkannt. Er ist es gewiß auch gewesen, der die Idee aufnahm und durchführte, Alexander zu einem zweiten Dionys zu machen. Das betrifft vor allem die bacchischen Orgien der Mazedonen bei Nysa und die in Carmanien. Diese Orgien sind in die Zeit verlegt, die Kallisthenes nicht mehr behandelt hatte; ebenso die durchgehende Vergleichung des Königs mit Herakles, welcher Heros gleichfalls bis nach Indien vorgedrungen sein sollte (vgl. z. B. Diodor 17, 85 u. 96). Dafür, daß diese Fabeleien, die auch Arrian V 3, 1, aber mit Zweifeln vorträgt, schon bei Alexanders Lebzeiten aufkamen, spricht der Umstand, daß damals der König sogar in Athen als Gott Dionys aufgefaßt und anerkannt wurde (s. Diog. Laert. VI 63; vgl. übrigens Athenäus p. 537 D ff. über solche göttliche Verkleidungen Alexanders). Aber weder auf den Dichter Agis oder seinesgleichen noch auf Onesikritus wird man sie zurückführen wollen; also auf Klitarch.

Das Bild, das Klitarch gezeichnet hatte – gewiß bot er auch schon die Geschichte von der Thaïs –, ist dann von dem Autor, der dem Diodor zugrunde liegt, noch weiter dramatisch belebt und auf den tragischen Effekt hin zugestutzt worden. Mutmaßlich war dies nicht Duris, sondern Diyllos (vgl. Wachsmuth a. a. O.). Gegen Duris spricht folgendes. Klitarch brachte auch schon, und zwar neben Polyklet und Onesikritus als erster die Geschichte der Begegnung Alexanders mit der Amazone, die auch Arrian VII 13, 2 berührt, aber ablehnt. Das Gesagte bezeugt Plutarch Alex. 46; zugleich sagt uns Plutarch aber, daß Duris die Geschichte für Erdichtung erklärte. Da Diodor sie seinerseits ohne alle Skepsis vorträgt, kann er hier nicht den Duris abgeschrieben haben. Also vielleicht den Diyllos. Jedenfalls kann aber nach alledem, wenn man von der dramatischen Behandlungsweise des Stoffes absieht, neben Arrian auch Diodor für den modernen Erzähler immer noch eine sehr brauchbare Quelle sein.

Plutarch endlich verfuhr in seinem Alexanderleben eklektisch, wie er es gewohnt ist, indem er bald wertvollstes Material, bald unzuverlässig Anekdotenhaftes mosaikartig zusammensetzte. Bei Strabo konnte er mutmaßlich sowohl dieses wie jenes gesammelt finden.

Es ist nun Sache der Divination, das Glaubhafte aus Curtius und Diodor auszulesen und dem Geschichtsbild einzufügen, und ein gewisser Sinn für das Wahrscheinliche muß dazu helfen, der freilich leicht täuschen kann. In den Anmerkungen habe ich hie und da mein Verhältnis zu den Quellen ausführlicher begründet. Daß insbesondere der Bericht von den letzten Worten des sterbenden Darius schon bei Alexanders Lebzeiten, ja, sofort nach des Darius Tod und zu Alexanders Vorteil verbreitet worden ist, habe ich S. 160 f. gezeigt.

Übrigens verraten uns neuere Papyrusfunde, um auch das noch zu erwähnen, daß die Alexanderliteratur noch reicher war, als wir vorher wußten. Jedoch ist mit den dürftigen Resten, die da vorliegen, vorläufig nichts anzufangen; vgl. Archiv für Papyrusforschung III S. 491 über Oxyrh. Pap. 679 (Alexander und Kilikien genannt) und VII S. 66 über Oxyrh. Pap. 1798: dem hungernden König wird ein Stück Brot gereicht, die persönliche Verfeindung des Parmenio mit dem Arzt Philippus (διάφορος ὢν τῷ Φιλίππῳ) auch hier vorausgesetzt.

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Nur Auszüge späterer Skribenten sind uns aus all den Büchern erhalten. Klassische Musterwerke waren es augenscheinlich nicht; aber sie wurden mit Eifer gelesen und immer wieder umgearbeitet. Dabei mischte sich bald auch die Tendenz ein, die Tendenz der kleinbürgerlichen Moralisten und Pazifisten im Lande, die das überkommene Charakterbild unbedenklich und planvoll verzerrten und Alexander zum Sklaven der Leidenschaften und wüsten Trunkenbold machten. Der Stoiker steht gegen das Schicksal nur in der Defensive; er hüllt sich in seinen Mantel, wenn man ihn anspeit, in sein gutes Gewissen, wenn der Blitz ihn trifft. Für die Stoiker ist Alexander ein Popanz und Schreckbild, ein erhabenes Ungeheuer geworden.

Nun hatten also alle für lange Zeit etwas Erregsames zu lesen, die nörgelnden Kleinhändler der Tugendlehre so gut wie die Enthusiasten und alle die ganz Gewöhnlichen, die da zu solchen Menschenphänomenen mit offnem Mund emporsehen wie die Kinder zum Seiltänzer. Aber auf all diese Leser kam 271 es nicht an, wohl aber auf die großen Machthaber, Politiker und Feldherren der Folgezeit, die Genies der Tat, die weiterhin die Weltgeschichte machten und sich durch die Jahrhunderte die Hände reichen. An der Alexandergeschichte lernten sie Strategie und mehr als dasSo schon Philopömen, nach Plutarch Philopömen 4..

Von Hannibal, der da wie Alexander stets nur mit Minderheiten siegte, wissen wir, daß er ihn als den größten seinesgleichen bewundert hat; denn obschon angeblich Barbar, las Hannibal doch ohne Schwierigkeit griechische BücherSo schon Plautus Mostell. 775.. Hannibals glücklicherer Besieger war Scipio Africanus, der erste große Römer, der da mit starker Individualität aus der Masse sich abhob. Die geistige Vergriechung der Römer hatte damals schon begonnen, und das Alexanderkopieren, das schon Demetrius einst versucht hatte, wurde jetzt Mode bei den Größen der Tiberstadt. Scipio ging mit Alexanderfrisur, zeigte sich großmütig gegen gefangen genommene vornehme Frauen, immer mit dem Seitenblick, als wollte er sagen: seht, ich bin wie er! Merkwürdig genug, daß es die Römer gewesen sind, die die Bezeichnung Alexander der Große, Alexander magnus, einführten. In den griechischen Geschichtsbüchern fehlt diese Bezeichnung durchaus.

Dann kamen Cäsar und Pompejus, und das Kaisertum Roms, die absolute Monarchie bereitete sich für die Welt, die Rom beherrschte, vor; denn ihre republikanische Verwaltung erwies sich als unhaltbar. Julius Cäsar, dem es endlich gelang, die Republik zu knebeln und die intelligente Despotie mit dem Programm einer pflegsamen Völkerfürsorge durchzusetzen, der Ehrgeizige hatte sich als junger Mensch ganz in Alexander eingelesenPlutarch Cäsar 11.. Als er in Spanien stand, hatte er dort in einem Herkulestempel ein jugendliches Alexanderbildnis gesehen und voll Ekel über sich selbst geseufzt: »der war so jung, als er die Welt unter den Fuß trat, und ich in meiner Trägheit habe noch nichts vollbracht!« Das gab ihm den Anstoß zu seiner großen staatsmännischen LaufbahnSueton, Cäsar 7.. Cäsars Vorarbeiter aber war der große Sieger Pompejus, der zuerst das asiatische Erbe Alexanders, die annektierten weiten Länder Vorderasiens mit Weisheit 272 ordnete und einer humanen Verwaltung zuführte. Diesmal waren es die Soldaten selbst, die in diesem Pompejus, so lange er jung war, einen zweiten Alexander zu sehen glaubten, und er nahm schon früh unverlegen die Benennung Magnus an, die man seinem Vorbild gegebenAntipater in der Anthol. Palat. IX 552 vergleicht gar den Piso, den Adressaten des Horaz, mit Alexander (über diesen s. Cichorius, Römische Studien S. 326)..

Octavian, Julius Cäsars Erbe, mußte um die Alleinherrschaft noch einmal kämpfen. Als er nach dem Sieg bei Actium nach Ägypten kam, ließ er sich das Alexandergrab öffnen, die Mumie herausheben. Alexander lag im Glassarg; denn der goldene Sarg war inzwischen geraubt wordenStrabo p. 794.. Aber Octavian sah Alexander ohne Frage da noch ganz unversehrt, schmückte ihn mit einem goldnen Kranze und frischen Blumen, aber verging sich so weit, ihn zu betasten, wobei er ihm die Nase etwas verletzt haben sollCassius Dio 51, 66; Sueton Augustus 18.. Auch er war sich bewußt, daß Rom jetzt nur das fortsetzte, was der große Tote begonnen.

Damals dichtete wohl auch Vergil sein merkwürdiges Epigramm, das vom Exil Alexanders redet, da dieser sein Grab nicht in Mazedonien gefundenSiehe Vergils Catalepton IIIb. Ich habe S. 60 ff. meiner Catalepton-Ausgabe dargelegt, daß das Epigramm doch nur auf Alexander Bezug haben kann. Unmöglich ist es, an Pompejus zu denken; denn der von Vergil besprochene Mann ist valido regno subnixus (v. 1). Eher ließe sich noch auf Mark Anton raten, der sich ja wirklich auf das Königreich Kleopatras stützte; aber daß das ein validum regnum war, konnte Vergil wiederum nicht sagen. Auch das Asiae populos fregerat v. 4 paßt, auf Mark Anton gedeutet, sehr schlecht. Von dem Gestorbenen braucht Vergil v. 8 das Verbum corruit; dieses braucht nicht (wie etwa carm. epigr. 1059 u. sonst) auf gewaltsamen Tod zu gehen; sondern man vergleiche Cicero ad Att. X, 8, 8 und das a. a. O. S. 63 von mir Angeführte. In Anthol. lat.² 934, 23 heißt es gerade auch vom Alexander: sibi victus ipsi corruit (daß dies sapphische Gedicht nicht antik sei, ist nicht bewiesen; Caspar Barth überliefert es, über dessen Autorität Richard Bünte, Patricii Epithalamium Auspici et Aellae, Marburg 1891, zu vergleichen ist). Auch daß Vergil v. 6 die Lanze (cuspis) als Waffe erwähnt, paßt einzig gut auf Alexander (s. Curt. Ruf. IV 16 u. sonst, auch Anthol. Pal. VI 97, wo Alexander selbst seine δοῦρας der Artemis dezidiert). Es sei unmöglich, Alexander ohne λόγχη zu denken, sagte Lysipp (Plutarch De Is. et Osir. 24). Ich mache auch noch darauf aufmerksam, daß der v. 2 bei Vergil lautet:

ALtius et caeli sedibus EXtulerat

wo die vier hervorgehobenen Buchstaben auffallenderweise Alexanders Namen entnommen sind. Der v. 8

Corruit et patria pulsus in exilium.

weist darauf hin, daß Alexander nicht in der mazedonischen Königsgruft zu Aigai beigesetzt war; also war er als Toter im Exil, und seine Heimatsehnsucht war vergeblich gewesen. Das ist im Sinn des Perdikkas und der Mutter Olympias gesagt und gibt eine antialexandrinische Auffassung wieder, die auch dem Römer sehr wohl ansteht. Alexander war eben ὀϑνιότυμβος, wie Manetho IV 281 es nennt. (Spätabgefaßt ist offenbar Anthol. lat. 437, wo Alexander gar in der putris harena begraben liegt. Man nahm es später mit solchen Angaben nicht genau; vgl. den Vers des Kaisers Hadrian auf den toten Pompejus, Anthol. Pal. IX 402.) Durch das Gesagte erledigen sich die Ausführungen, die W. Bährens in der Berliner philol. Wochenschrift 1921 S. 500 gegeben. Vgl. noch Kaibel, Epigrammata graeca 1088.

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Kaiser Octavian, den wir Augustus nennen, verwarf übrigens die absolute Monarchie, für die Alexander Cäsars Vorbild gewesen war, und suchte die republikanische Staatsform noch halbwegs zu retten; aber er siegelte doch mit einer AlexandergemmeSueton a. a. O.; Plinius 37, 10., und so schleppte man denn auch sonst mit Gier die besten Alexanderbilder nach Rom; denn, wie Napoleon, der auch in dieser Hinsicht das Cäsarentum nachahmte, plünderten die italienischen Herren die Kunstsammlungen der unterjochten Länder rücksichtslos aus. Im Pompejusportikus war Alexanders Porträt, das einst Nikias gemalt hatte, zu sehen, Alexander als Sieger, von Apelles gemalt, auf dem von Augustus erbautem ForumPlin. 35, 132 u. 94.; das große Werk Lysipps, das den König umgeben von seinen Reitern zeigte, sah man in Rom schon längstPlin. 34, 64.. Das Knabenbildnis, das derselbe Lysipp von Alexander gemacht hatte, kam in Kaiser Neros Hände; Nero ließ es vergolden; darunter litt es aber, und das Gold wurde wieder abgekratztPlin. 34, 63.. Respektloser verfuhr noch Kaiser Claudius, der dumme, der aus zwei Alexanderporträts des 273 großen Koloristen Apelles den Kopf wegschneiden ließ, um den Kopf des Augustus dafür einzusetzenPlin. 35, 93.. Die reichen Quiriten, die damals, um die Zeit totzuschlagen, wie unsere Globetrotter in der Welt herumreisten und tiefsinnig alles Merkwürdige wie die Venus von Knidos, den Koloß von Rhodos besichtigten, setzten sich in Andacht unter die Eiche, unter der der junge Alexander einst während der Schlacht bei Chäronea sein Zelt aufgeschlagen hatteVgl. Aus dem Leben der Antike S. 62.. Nero, dieser Theaterprinz, wollte dann gar am Kaspischen Meer einen echten Alexanderkrieg führen und ließ dazu aus den längsten Kerlen Italiens eine »Alexanderlegion« zusammenstellen. Natürlich wurde nichts darausSueton Nero 19..

Aufregend aber war die Frage, was geschehen wäre, wenn Alexander länger gelebt hätte. Er hätte dann gewiß auch gegen Rom ausgeholt. Würde er es auch bezwungen haben? Mit Entrüstung lehnten sich die chauvinistischen römischen Historiker hiergegen auf und holten alle Schwächen und bösen Eigenschaften, die man dem Mazedonen angedichtet hatte, seine Trunksucht, seinen sinnlosen Jähzorn hervor, um das zu widerlegen. So lesen wir es heute in des Livius neuntem BucheLivius kämpft da anscheinend gegen Timagenes. Bei den Griechen und Orientalen blieb die gegenteilige Überzeugung bestehen; das zeigt außer Pseudo-Kallisthenes auch Memnon von Heraklea, der geradezu erzählte, Rom habe sich dem Alexander unterworfen und ihm dess' zum Zeichen einen Goldkranz im Gewicht von 100 Talenten geschickt (FHG III S. 538). Das ging dann in den Alexanderroman über., und so entschloß sich nun endlich ein Römer, Curtius Rufus, dazu, ein Alexanderleben für seine Landsleute zu schreiben. Es ist das erste uns erhaltene Werk dieses Gegenstandes, etwa aus dem Jahr 50 n. Chr. Der Verfasser war Liviusverehrer; er wollte interessant schreiben, aber zugleich die Tendenz des Livius wahrenDaher läßt sich ungefähr alles, was Livius mit kurzen Worten dem Alexander vorwirft, aus Curtius belegen, der das Ausführliche gibt. und trug in das heroische Bild seines Helden mit grellen Farben und breitem Strich all das ein, was zu seinen Ungunsten sprach. Das Werk liest sich gut und ist doch völlig mißraten; denn ein glaubliches Charakterbild kommt dabei nicht zu Stande.

Die reine Bewunderung setzt erst wieder ein, als der blöde römische Chauvinismus aufhört und nicht mehr Stadtrömer oder Italiener, sondern Ausländer, erst Spanier, dann Afrikaner und Syrer das römische Kaiserschwert führen. Ich meine die Zeit Trajans und der Severe im 2. Jhd. unserer Zeitrechnung. Dazu kam, daß die Offensive gegen Persien im 274 Stil Alexanders jetzt endlich wieder aufgenommen wurde.

Persien, das verschlossene Land, hatte sich schon bald nach Alexanders Tod, wie wir sahen, unter der Führung des streitbaren Volksstammes der Parther von Westasien gelöst. Sein Herrschergeschlecht, die Arsaciden, streckte erobernd die Hände sogar oft über Tigris und Euphrat bis nach Armenien aus, die römischen Kaiser aber hatten sich gegen sie bisher nur abwehrend verhalten. Trajan machte zum erstenmal wieder den Vorstoß gegen Zentralasien: Alexander sein Wegweiser, und darum wurde nun auch das Alexanderstudium neu und wesentlich ernsthafter wieder aufgenommen. So haben die Kaiser auch immer noch für die Aufrechterhaltung des Grabeskultes Alexanders in Alexandrien gesorgtNur zeitweilig ließ Septimius Severus das Grab schließen (s. Charakterbilder Spätroms³ S. 52). Aber erst im 4. Jahrhundert n. Chr. ging dieser Kultus ein; s. G. Plaumann im Archiv f. Papyrusforschung VI S. 77 ff.. Es kommt hinzu, daß auch die Platoverehrung im Occident in diesen Zeiten neu einsetzte und der bisher fast allein herrschenden Weltanschauung der Stoiker mehr und mehr Boden abgewann; d. h. man lernte im Publikum wieder mehr staatsmännisch denken und das ausschließliche Wertlegen auf die eigene sittliche Person trat zurück vor dem Pflichtgedanken des sich Einordnens in ein System des Lebens, das ganze Menschengruppen und Völker umfaßt. Aber auch die Erkenntnis setzte jetzt endlich sich durch, daß nur die absolute Monarchie, wie Alexander sie ausgeübt, für ein Weltreich möglich, ja, notwendig ist, aber im platonischen Sinne, d. h. so, daß der Monarch philosophisch erzogen, eine sittliche Größe und erfüllt sei von der Idee der Gerechtigkeit. Was Alexander getanSiehe oben S. 214., hat nun auch Kaiser Hadrian im römischen Weltreich zu verwirklichen versuchtVgl. Römische Charakterköpfe6 S. 288 u. 297., und das Militärkaisertum näherte sich hernach seinem Vorbild immer mehrSiehe Charakterbilder Spätroms³ S. 56 u. 454 über den Einfluß des platonischen Staats in jenen Zeiten..

So erklärt sich, daß erst so spät um das Jahr 150 n. Chr. das beste Geschichtswerk entstand, das wir über Alexander besitzen. Arrian schrieb es in griechischer Sprache. Derselbe fügte noch ein Buch über Indien hinzu. Das Werk ist tendenzlos, streng sachlich und ohne den Bombast der früheren Autoren abgefaßt, und es ist daher zuverlässig und auch von mir vornehmlich meiner Darstellung zugrunde gelegt; denn Arrian griff für seine 275 Arbeit zum Glück auf die ältesten und zuverlässigsten Zeugen, auf König Ptolemäus und dessen Zeitgenossen Aristobul zurück.

Die Alexanderliebe aber steigerte sich dann rasch zum Fanatismus. Eine Sehnsucht nach ihm brach aus, als müßte er auferstehen. Aus Asien flutete es herüber. Kaiser Septimius Severus, der wie Alexander einen Schlachtensieg bei Issus gewann, war Afrikaner, seine Kaiserin aber Syrerin; sie war es, die diese Stimmungen mit nach Rom brachte (man sprach damals am Hof in Rom nur noch griechisch), und ihr Sohn, der junge Kaiser Caracalla, mimte nun wieder den Alexander, indem er den Kopf hübsch schräg nach links trug, steckte seine Soldaten in altmazedonische Waffen und taufte seine Offiziere um; sie mußten wie die Offiziere Alexanders Perdikkas und Hephästion heißenSiehe Cass. Dio 79, 18; Herodian IV 8, 2.. Einer der nächsten Kaiser aus derselben Sippe hieß dann endlich auch selbst »Alexander«; es ist der junge Alexander Severus, dem man sogar eine Amme mit dem Namen Olympias gegeben hatteVita des Alexander Severus 13, 2. Dieser Kaiser war in der Stadt Arcena in einem Alexandertempel geboren (ebenda c. 1 u. 5). Arka oder Arcena urbs ist die Stadt Caesarea in Phönizien; auch da gab es also einen Alexandertempel.. Leider wurde er trotzdem kein Held. Jener Caracalla aber verfolgte überdies rabiat alle Gelehrten, die für die Philosophie des Aristoteles eintraten, deshalb, weil Aristoteles angeblich an der Vergiftung Alexanders des Großen mitschuldig gewesen sein sollte.

Dies alles gipfelt endlich in Kaiser Julian, dem Apostaten, dem Neffen Konstantins des Großen. Dieser kaiserliche Jüngling aber war seinem Vorbild wirklich kongenial, ein treffsicherer Stratege und Held zugleich, tollkühn im wildesten Getümmel, und auch er zog über den Tigris siegesfroh gegen Persien. Aber er kam um und war im Tod so jung wie der Mazedonenkönig, der unvergeßliche, dessen Beispiel ihn zu Taten hinriß. Es ist ergreifend zu sehen. Denn wir besitzen Julians Schriften, in denen seine Begeisterung schwungvoll sich auslebt.

Auch die jüdische Phantasie hat sich damals mit Alexander liebreich beschäftigt, aber geschichtsfälschend. Die Christen nahmen das gern auf und erzählten, in Jerusalem sei der große König dem jüdischen Hohenpriester begegnet und zu dessen Begrüßung ehrfurchtsvoll vom Roß gestiegen; denn im Traum 276 sei ihm dereinst schon, als er Mazedonien verließ, derselbe Hohepriester erschienen, der zu ihm sprach: »zieh aus und du wirst siegen«; und daher habe es sich Alexander dann auch in Jerusalem nicht nehmen lassen, dem Gott des auserwählten Volkes fromm zu opfern und ihm Weihegaben zu stiftenVgl. Cosmas Indigopleustes (ein Alexandriner aus Justinians Zeit): »The Christians topography« ed. Winstedt, Cambridge 1909, p. 460 A..

Begreiflich, daß nun endlich auch das Märchen begann; oder vielmehr, das Märchen hatte schon begonnen und kam jetzt im Volk zum Siege. Es entstand der sogenannte Alexanderroman; ein Werk absoluter Bewunderung. Die Tatsachen begnügten nicht, das Wunder kommt nun hinzu. Das Wunder hebt den Bewunderten ins Märchenhafte.

Wer war der Verfasser? Wir wissen es nicht; auch ist offenbar, daß die Geschichte mehrfach umgestaltet wurde. Für die Leute im griechischen Orient ist sie geschrieben worden, fand dann aber auch bald lateinische Bearbeitungen, und zwar in Prosa und im Volkston.

Ein politischer Roman fürs Volk! Es lohnt noch einen Blick hineinzuwerfen; denn es gibt wenig der Art. Und das Buch ist hernach fast allein noch gelesen worden, das ganze Mittelalter hat es beherrscht, und Arrian und Curtius Rufus, die ich nannte, wurden darüber fast vergessen.

Der Erzähler betrachtet die Dinge von Ägypten aus, ist offenbar in Alexandrien zu Hause und wahrt den Typus des Geschichtswerks, der Heldenbiographie; ja, er hat uns tatsächlich manche wertvolle Nachrichten erhalten, übrigens aber den Hergang auf das Dreistete phantastisch umgedichtet. Warum soll man die Weltgeschichte nicht korrigieren?

Alexander unterwirft also erst Rom (seine erste Tat), dann Karthago, dann gründet er die Stadt Alexandrien und dann erst kommt der Kampf mit Darius. Sein Reitpferd Bukephalos frißt Menschenfleisch, wird wie eine Bestie im Käfig gehütet; abgefressene Menschenknochen liegen im Käfig, als Alexander es zähmt. Alexander erkrankt, nachdem er im Fluß Kydnos gebadet; der Feldherr Parmenio verleumdet den Arzt Philippus, der den König retten will; da läßt der König den Parmenio sofort hinrichtenPseudo-Kallisthenes II 18.. Der Dichter korrigiert hier die 277 Geschichte, und er tut es mit Recht! – Wozu übrigens die vielen Schlachten? Zweikämpfe sind viel wirksamer. Im Zweikampf erledigt Alexander hier also den Inderkönig PorusPseudo-Kallisthenes III 4.. Auch Täuschungen sind beliebt. In Verkleidung kommt Alexander zu Darius als sein eigner Gesandter, wird so von Darius bewirtet und steckt bei Tisch alle goldnen Becher ein, die er leer getrunken hat. »Das ist so Mazedonensitte«, sagt er. Dann jagt er zu Roß davon und setzt über einen zugefrorenen Fluß; es ist ein Wunderfluß mit Namen Stranga; sofort, nachdem Alexander hinüber ist, schmilzt das Eis, als wäre es nie dagewesen, und die Perser, die ihn verfolgen, müssen bestürzt wieder umkehren. Verkleidet kommt er dann auch zur Mohrenkönigin Kandake, aber nicht etwa als Liebhaber; denn opernhafte Verliebungen fehlen hier noch ganz. Diese Mohrin ist die Urenkelin der Semiramis; ihr Palast ein Wunderbau, dessen Gemächer zum Teil durchsichtig wie Glas sind; denn sie sind aus Luftsteinen gebautDies erinnert merkwürdig an Immermanns Münchhausen.. Kandake aber erkennt den Verkleideten nach einem Porträt, das sie von ihm besitzt, und huldigt ihm sogleich unterwürfig und voll Dankbarkeit, weil Alexander edelmütig für Kandakes Sohn mit dem Schwert gefochten, dessen Geliebte aus Räuberhänden befreit hatte. Dann kommt er in die Höhlen der Götter; ein neues Abenteuer; denn die Götter hausen, wie wir hier erfahren, märchenhaft unterirdisch in Zaubergrotten. Gleichwohl sieht er, als er eintritt – wie in den Mithrasgrotten – funkelnden Sternenschein über sich, und auch die Augen der Götter selbst strahlen wie Glanzlichter aus dem Dunkeln. Da stellt Alexander seine Schicksalsfragen, und die Götter erheben ihre Stimme und reden zu ihm. Am abenteuerlichsten aber die Geschichte von Alexanders Geburt: wie der ägyptische Zauberer Nektánebos im Namen des Gottes Ammon der Olympias beiwohnt; allerlei Trug und Schlangenwunder müssen helfen. Alexander selbst aber ist in diesem Roman durchgängig nur der grundedle Mensch und Held; er berauscht sich nicht im Wein. Die Tötung des Klitus, der Prozeß des Philotas sind weggelassen. Auch tadelt er voll Gottesfurcht den Darius, 278 der sich für Gott hält, und betont, ihm selbst stehe solcher Wahn fern. Aber etwas Neues, ein tückischer Zug ist ihm angedichtet; ganz unverlegen belügt und überlistet er ab und an seine Gegner; das ist echt ägyptisch und sollte offenbar zu seiner weiteren Verherrlichung dienen.

Am tollsten aber sind die dem Roman eingefügten unechten Alexanderbriefe. Die echten Alexanderbriefe ließ man untergehen, um ihm das Albernste unterzuschieben. Es ist die wahnsinnig gewordene Zoologie jener Spätzeit, die für das Einhorn schwärmt und für den Vogel Greif. Da erzählt Alexander brieflich dem Aristoteles oder seiner Mutter Olympias, wie er in Medien Riesen begegnet, die 24 Ellen hoch sind, und sie haben Sägen statt der Nägel an Händen und Füßen. Wilde Esel sieht er, die sind 20 Ellen lang und haben sechs Augen. In der Höhle eines Riesen hüpfen Flöhe herum, so groß wie Frösche usf. usf. Man sieht eine Insel und will auf ihr landen; aber die Insel versinkt; sie ist ein Riesenwalfisch, und die da gelandet sind, gehen kläglich unter. Interessanter, daß er in einem Zauberpalast eine Leier gewahrt, die wie unsere Maschinenklaviere von selber spieltIII 28.. An der Meerenge von Gibraltar stehen bekanntlich die beiden Säulen des Herkules; die eine, hören wir, ist von Gold, die andere von Silber. Alexander will sehen, ob sie massiv sind und läßt die goldene durchbohren. Dadurch entsteht ein Loch, das er mit 1500 Goldstücken wieder ausfüllen muß.

Ich habe hierbei länger verweilt, weil dieser zum Teil so kindliche Roman durch tausend Jahre das Lieblingswerk des Mittelalters geblieben ist, im Occident wie Orient; ins Syrische, Armenische, Arabische, man kann sagen, in alle Sprachen der Welt ist er übersetzt worden. Die Päpste in Rom forderten in jenen Zeiten, da das Christentum noch mit den Waffen focht, die Befreiung des heiligen Grabes; die Kreuzritter zogen aus, und das Auge der Christenheit Europas war ständig auf jenes Wunderland Asien gerichtet, wo einst Alexander gefochten hatte. Daher die Beliebtheit des Romans auch bei uns. Auch in Verse wurde er gebracht, und daher hat das bei den Franzosen 279 herrschende Versmaß, der Alexandriner, seine eigentümliche Benennung erhalten. Wir Deutschen besitzen aus jener Zeit das feine Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht, wo Alexander schließlich das Paradies, das ewig verlorene, stürmen will, aber gezwungen wird umzukehren. Lehrreich ist auch, was wir in der Dichtung »Erek« unseres Hartmann von der Aue lesen, daß Erek, der Held, vier Tugenden besaß, daß er weise wie Salomo, schön wie Absalon, stark wie Simson und milde wie Alexander war. Da haben wir die Idealfiguren, drei Bibelhelden und Alexander.

Traumstimmung, Spuk und Wunder, der Ritt ins Unbekannte, die treibende Sehnsucht in die unermessenen Fernen! Man sieht, daß die Romantik eigentlich schon in der Antike erblüht war; im Mittelalter aber wucherte sie in Wäldern auf. Und die Liebe, der Frauendienst kam jetzt hinzu, der sich erging in schmelzenden Tönen. Jetzt mochte das Zauberhorn Oberons ertönen und Hüon seine Geliebte, im Gefecht wider die blinkenden Säbel der Heiden, aus Babylon oder Bagdad retten. Paladine und Barone schweifen auf ihrem Streitroß durch Einsamkeiten und treffen schöne Frauen. Im Parzival die Mohrenkönigin Belakane. In weißer Rüstung, mit flatterndem weißem Helmbusch, reitet Bradamante daher; ihr Bruder ist Rinaldo, der Haimonssohn. In die unheimlich dunkle Grotte des Zauberers Merlin verirrt sich Bradamante; die Grotte aber wird wunderbar durch den steinernen Sarg, der da steht, erhellt; denn der Stein selbst leuchtet magisch wie die Sonne. Mit Indern und Medern sogar kämpft Roland, der rasende, der die Angelika liebt, bei Ariost. Ariosts Horizont ist so weit wie der Alexanders. Aber Ariost ist schon einer der Spätlinge der Romantik, und sie verklang.

Die Romantik war verklungen. Die Kreuzzüge hatten längst aufgehört, das heilige Grab war längst verloren. Aus Ostasien aber, von Turkestan her, war Tamerlan, der gräßliche, erschienen, der mit seinen Horden die Kultur und das Städteleben des ganzen Orients niederbrannte, in Mesopotamien, Syrien, Kleinasien. Das Türkenregiment verstand sich nicht 280 auf den Wiederaufbau. Die Öde blieb; die weiten Bezirke, die einst Alexander beherrscht, waren wie ausradiert aus dem Weltverkehr, und das Auge Europas wandte sich ab.

Unsere Seefahrer fanden bald nach Ostindien andere Wege; sie fanden ein zweites Indien in Amerika. Neue Welten erschlossen sich; man hatte jetzt andere Ziele, andere Helden. Die Spuren Alexanders verwehten; seine Popularität war dahin. Er mochte so groß sein, wie er wollte; aber er hatte keine Bedeutung mehr. Neue Krisen, neue Namen: Peter der Große, Prinz Eugen, dann Friedrich der Große, Napoleon.

Was nützte Racines Drama »Alexandre«? Es war ein schwächliches Jugendwerk und blieb ohne Nachwirkung, und kein großer DichterAuch Gobineau kann dafür schwerlich gelten, der gleichfalls einen »Alexander« schrieb. hat sonst den Vergessenen neu auf den Kothurn gestellt. Wir werden sagen: zum Glück. Denn ein Mann des ständigen Erfolges kann nicht der Held einer Tragödie sein. Shakespeare erkannte Alexanders einzige Bedeutung sehr wohl. In der Totengräberszene greift Hamlet einen Schädel auf, versinkt in Grübeln über die Vergänglichkeit der Menschengröße, und Alexander ist es, an den er dabei denkt: Alexander! »Sein edler Staub, wo blieb er? verweht oder gar zu Lehm geworden, mit dem man irgendwo ein Spundloch zustopftAuch im Schlußakt der Komödie »Liebes Leid und Lust« gedenkt Shakespeare Alexanders; in einer tollen Maskerade wird er da, der Weltregent, zusammen mit Pompejus dem Großen vorgeführt. Diese Zusammenstellung ist nicht zufällig; sie geschah, wie wir sahen, schon im Altertum. Ich erwähne hier beiläufig noch die Dichtung »Alexanders Fest« in Ramlers poetischen Werken, Bd. II, S. 50, eine Cantate aus dem Englischen des Dryden, die in bacchantischer Stimmung den Brand von Persepolis schildert. Doch liegt mir die Absicht fern, über die Alexanderliteratur hier einen Überblick zu geben.?« Ganz ähnlich hatte einst schon der tiefsinnige Kaiser Mark Aurel geredet: »Was ist der Ruhm? Vergessenheit im Auge des Ewigen. Alexander ist ein Häufchen Asche, und sein Maultiertreiber ist es auchVgl. Mark Aurel 2, 16 und 6, 24..« Shakespeare hat den Seufzer des Kaisers nach seiner Art ins Drastische gewendet.

Achtsamer waren die Historienmaler; ich denke an Lebrun; aber wieviele sehen dessen Gemälde im Louvre: »Alexanders Triumph in Babylon«, »Alexander nach der Besiegung des Poros«? Ebenso Thorwaldsen: auf wen wirkt noch Thorwaldsens Alexanderfries? um nicht von Max Klinger zu reden, der im Festsaal der Leipziger Universität sich einfallen ließ inmitten der Pracht des Griechentums den jungen Heldenkönig sonderbar knirpshaft und wie einen dämlichen Unterprimaner darzustellen.

Es bleiben die gelehrten Bücher: aber auch sie machen es nicht. 281 Soll die Vergessenheit aufhören, d. h. Alexanders Bedeutung der Masse bei uns wieder zum Bewußtsein kommen, so müssen Dichter helfen (aber Shakespeare und Schiller schwiegen, und auch der moderne historische Roman hat nicht geholfen), oder aber es muß ein schlichtes Volksbuch sein, was man uns gibt. Ein Alexandervolksbuch. Wir brauchen es. Wir haben genug Dekadenz, genug Quietismus, genug Einfühlung in Armseligkeit und Schwäche gehabt und lechzen nach Aufblick, nach Kraftgefühl, nach Beispielen für das Höchste, was Menschennatur hergibt. Die Beispiele sind rar in der politischen Welt. Alles Romanhafte hinweg; man zeige uns nur den Mann der kolossalen Wirklichkeit.

Wäre das nichts als die Ausgrabung einer Mumie? Es wäre mehr, es wäre aktuell. Denn wer weiß, was die nahe oder ferne Zukunft den so eng unter sich verwachsenen Kontinenten noch bringt? Die Gestaltung des Völkerlebens ist ein ewig bewegtes Problem, und die großen Könner auf diesem Gebiet sind selten. Hier ist ein Mensch von hinreißender Genialität; die Sympathie schlägt die Brücke zu ihm über den Abgrund der Jahrtausende, und die umstürzenden Politiker der Zukunft mögen immer wieder auf Alexander blicken, um zu lernen, wie das schrankenloseste Machtstreben und der eisernste Herrenwille mit humanem Geist und sittlichem Adel sich verbindet. So war er ja nach seinem Tode für alle Männer, Kaiser und Könige, die am Steuer der großartigen Staatengebilde des Altertums standen, durch volle sieben Jahrhunderte das Ideal und der Leitstern geblieben.

All das Gesagte gilt für Europa. Anders steht es nun aber doch im Orient. Da reden Städtenamen wie Alexandrien im Nilland, Alexandrette bei Zypern noch immer täglich vernehmlich von dem, der sie gegründet hat. In Persien trägt Alexanders Namen heute noch eines der großen Sandfelder, »Alexanders Sandwüste«, Rig-i-IskenderiVgl. Sven Hedin, Zu Land nach Indien II S. 121.. Und auch ein persisches Gedicht redet von ihm, das Rückert unter dem Titel »Alexanders Vermächtnis« wiedergegeben hat und das etwa so anhebt: 282

Als Alexander starb, verordnet' er,
Daß man die Hand ihm aus dem Sarg ließ hangen,
Damit wir sähen, daß mit Händen leer
Er sei des allgemeinen Wegs gegangen, usf.

Es ist der Gedanke der Cyniker und der Brahmanen von der Nichtigkeit alles Machterwerbs, der dem Alexander angeblich schon bei Lebzeiten vorgehalten wurde und der im Orient und bei den Persern also dauernd mit seinem Andenken verknüpft blieb.

Aber auch im weiteren Inneren Asiens erinnern die Städte Herat und Kandahar an ihn; denn auch diese beiden hießen ursprünglich Alexandria, und der sie gründete, hatte für sie den rechten Platz ausersehen: Herat im Lande Arien, heut afghanisch, mit seinen 20 000 Einwohnern am Schlüsselpunkt zu der einzigen Straße gelegen, die von Persien nach Indien führt; Kandahar gleichfalls afghanisch, jetzt Bahnstation und Zentrale für Industrie und Handel, oft zerstört und immer wieder aufgebaut. Ja, in den Gebirgen Zentralasiens, im Umland von Samarkand, ist sogar das Andenken an Alexanders Person noch ganz lebhaft, als wäre er erst vor hundert Jahren gestorben Es gibt daIn den Landschaften Darwa, Karategin und Badachschan östlich von Turkestan. Familien von Häuptlingen, die direkt von ihm abzustammen behaupten; sie selbst sind Alexanders Enkelsöhne, die übrigen Bewohner im Land sind die Nachkommen seiner mazedonischen SoldatenDiese Häuptlinge sind seit einiger Zeit durch die Afghanen ihrer Selbständigkeit beraubt worden.. Man zeigt da sogar sein angebliches Grab und trägt bei festlichem Anlaß eine rotseidene Fahne herum, die er auf seinen Feldzügen gebraucht haben soll. Welch überwältigende Erscheinung muß Alexander doch einst gewesen sein, wenn, während es nur mündliche Überlieferung gab, in einer Zeit von mehr als zwei Jahrtausenden kein Dschingiskhan und Tamerlan sein Andenken dort auszulöschen vermochten!

Ein Reisender erzählt uns, daß er eben dort einen jener leiblichen Nachkommen Alexanders persönlich kennen lernte. Es war ein Jüngling von 15 Jahren, Sohn eines afghanischen Gouverneurs, der seine Umgebung durch seine Schönheit, sein lebhaftes Temperament und die Intelligenz, mit der er an 283 diplomatischen Gesprächen sich beteiligte, in Erstaunen setzteSiehe Franz v. Schwarz »Alexander des Großen Feldzüge in Turkestan«, München 1893 S. 95 ff. sowie A. von le Coq »Auf Hellas Spuren in Ostturkestan« (1926), der S. 138 von Fürstenfamilien des Himalaja berichtet, die heute noch ihren Ursprung auf Alexander den Großen zurückführen.. Das echte Blut Alexanders? Welch stolzer Wahn! Uradel, vor dem man sich tief verneigen möchte. Ohne diesen Wahnglauben wäre Alexanders Name in jenen Bergen gewiß vergessen. Der naiven Phantasie ist auch das Zeitenfernste zum Greifen nah, und der Asiat hüllt sich in die Vergangenheit wie in einen Mantel, den er unverbraucht weitergibt und vererbt an Kind und Kindeskind. 284

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