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Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Neugestaltung der Welt

Genug der Politik, so denkt mein Leser, genug der Schlachten und des großen Weltgetümmels. Wir sehnen uns, einmal in die stille Gelehrtenstube des Aristoteles einzutreten. Aristoteles, der große Mann: war er inzwischen untätig gewesen? und was hat er geschafft? Seine Gestalt erhebt sich mühsam und undeutlich im Halblicht aus dem Wust der Bücherrollen, die ihn umgeben, und hinter ihm tauchen andere Gestalten auf, unzählige, die Geist und Hände rühren, Männer der menschheitlichen und der rein menschlichen Friedensarbeit; sie alle wissen nichts von Politik, die ruhmreichen Astronomen und Physiker wie Hipparch und Archimedes, und die Philologen, die, selbst unfruchtbar, den literarischen Ertrag der großen Vergangenheit buchen; dazwischen neue Poeten, leichtherzig oder sentimental, die sich nur noch im Kleinen versuchen, Menander, der mit seinen Lustspielen wie mit Konfetti beim Karneval um sich wirft, und die Hirten Theokrits mit ihren süßen Flötentönen, und dann die Philosophen, die damals zu Predigern sich erhoben, Epikur, der gottverlassene, aber seelenruhige Verkünder der Atomenlehre und der mechanischen Welterklärung, und Kleanthes und Chrysipp, die Stoiker und frommen Pantheisten, die vielmehr das All selbst zu Gott machten, Verkünder einer neuen Weltreligion, die sich an die Denkenden, die Gebildeten wandte, einer Religion, die die Tapferkeit im Unglück, die Verachtung aller blendenden Erdengüter lehrte und die Seele ruhen lassen wollte in Gott.

Für alle diese Männer war nicht die eine oder andere Nation, sondern die Menschheit die Adresse, aber wir hören nur ihre Stimme, wir sehen ihre Gestalten nicht, bis die Evangelien zu reden beginnen und aus der Tiefe des Volkes, vom Jordan her, der Wundertraum unserer Kinderstuben ersteht, die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem. Die Religion der Seligpreisungen ist da, die erste Kampfreligion. Auch für sie aber hatte Alexander der Große den Weg bereitet.

Aber Geduld! Die politischen Dinge geben uns noch nicht frei. Denn der tote Alexander ist noch nicht bestattet, ja, der 243 Waffenlärm erneut sich noch, alles andere übertönend, und wir müssen sehen, wie sich durch Alexanders Nachfolger die Weltlage gestaltete, die Gruppierung der Völker, die Jesus vorfand. Diese Nachfolger nennt man die Diadochen. Eine Fülle des Erlebens durch 50 Jahre in unablässigen Kämpfen zu Schiff, zu Roß. Ich kann und will hier nur das Hauptsächlichste geben.

Sollte Alexander einen Nachfolger eignen Blutes haben und die mazedonische Dynastie, deren letzter Sprößling er war, sich erhalten? Der Versuch sie zu retten mißlang völlig, und seine Generäle rissen sich um sein Erbe und zerrissen das Weltreich. Es gab schließlich ein Bukett von Königreichen – ich nenne nur Syrien, Ägypten, Mazedonien und Pergamum –; das aber waren nicht etwa Nationalstaaten, sondern nur fürstliche Domänen oder Herrenländer, die daher kläglich zusammenbrachen, als der große Nationalstaat Roms sich reckte und mit seiner gierigen Faust nach Osten griff. 300 Jahre nach Alexanders Tod war Ägypten wie Asien römisch bis zum Euphrat.

Ein Nationalkrieg brach nur im armen Griechenland los. Kaum hörte man dort vom Tod des Allgewaltigen, so war der Aufstand schon im Gange. Los von Mazedonien! Viele entlassene Söldner waren zur Hand, die in den Städten herumlungerten, und Demosthenes lebte noch. Athen rief den großen Redner jetzt aus der Verbannung zurück, und den alten Haß brachte er mit heim. Er war noch derselbe, der einst die Philippischen Reden gehalten. Der junge Alexander hatte ihn greifen lassen wollen, doch aber gnädig verschont. Seitdem beugte sich Demosthenes vor der Übermacht; auch konnte er die überlegene Größe des Verhaßten nicht verkennen. Als in Athen die mazedonische Partei für Alexander göttliche Ehren forderte, hat Demosthenes das befürwortetS. oben S. 108, Anm. "Etwas ganz anderes ist die Gottessohnschaft...".. Gleichwohl nahm er von Harpalus, als dieser Milliardendieb mit seinen Schätzen nach Athen kam, große Geldsummen an, sicher nicht, um sie im Interesse Alexanders zu verwenden. Jetzt scholl wieder sein peitschendes Wort über Hellas. Aristoteles, der Mazedonenfreund, der in Athen sein wissenschaftliches Institut 244 aufgeschlagen hatte, mußte Hals über Kopf aus der Stadt. Wirklich drang das griechische Bundesheer im Kampf gegen Mazedonien siegreich nach Norden; aber nach kurzen Erfolgen lief es wieder auseinander. Kassander, der despotische Sohn des Statthalters Antipater, legte sogleich mazedonische Besatzung in Athens Hafen – das war noch nie geschehen –, und über die Hetzer wurde unerbittlich der Tod verhängt. Demosthenes floh. Er floh in einen Tempel auf einer der nahen kleinen Inseln. Die Häscher kamen, ihn vom Altar zu zerren. Da nahm er Gift. Das war sein Ende. Seine Tragödie war die Tragödie Athens.

Freitod beim Untergang der Freiheit! Wer denkt dabei nicht an Cato, den Römer, der dasselbe tat und in sein Schwert fiel, um nicht die Tyrannei des Cäsarentums zu erleben? Aber man merkt alsbald den Unterschied. Denn Demosthenes nahm nicht etwa damals Gift, als Athens Freiheit unterging; er tat es erst, als ihm persönlich der Henker drohte; er verabscheute also nur die gemeine Todesart. Cato hatte solche persönliche Vergewaltigung gewiß nicht zu fürchten; nur Cato starb wirklich für die Idee.

Aber unsere Gedanken fliegen nach Babylon zurück, zu jenen Terrassen, über denen der Königspalast Nebukadnezars ragte. Dort oben lag Alexanders Leiche, einbalsamiert. Er war erst vor zwei Tagen gestorben. Auf den Terrassen sammelten sich Generäle und Truppen, und man beriet, was werden sollte; nur Mazedonen; kein Perser war zur Beratung zugelassen. Schon das war gewiß nicht im Sinn des Toten.

Wären nun die Mazedonen Römer gewesen, so hätte sich rasch ein Senat der Vornehmen gebildet, wie er in der Tiberstadt nun schon einige Jahrhunderte lang bestand, ein Senat der Geschäftskundigen, deren Staatssinn ausgebildet genug war, um Majoritätsbeschlüssen wirklich zu gehorchen und in Einmut eine Reichsverwaltung anzuordnen und auszuüben, die dauernd selbst ein Weltreich zu umfassen vermochte. Die Mazedonen aber waren, trotz aller griechischen Kultureinflüsse, doch nichts als Haudegen und wundervolle Banditen; sie waren keine 245 Gruppenmenschen, sondern jeder stand spreizbeinig für sich als starkknochiges Individuum mit überernährtem Selbstgefühl. Alexander der Große, das große Ich, spaltete sich jetzt in ein Dutzend machthungriger Naturen. Sie alle waren zwölf Jahre durch Alexanders Kriegsschule gegangen und hatten unter ihm wie die Fürsten gelebt. Staunenswert, daß der junge König all die Recken, die jetzt erst ihr Wesen enthüllten, bezwungen, sie zu willigen Dienern gemacht hat.

Mazedonien hat keine Dichter und Philosophen (dafür mochte Griechenland sorgen)Die Epigrammendichter Parmenio und Antipater gehörten erst dem Anfang der römischen Kaiserzeit an; s. C. Cichorius, Römische Studien S. 361., es hat damals nur geniale Strategen, und die in erstaunlicher Fülle, hervorgebracht: Herrenmenschen sie alle.

So kam es nun gleich vor dem Palast in Babel zur erregten Debatte, ja, zum Krawall. Sogar die Truppen selbst standen gereizt gegeneinander, die königliche Reiterei gegen das Fußvolk. Es floß schon Blut, indes Alexanders stumme Leiche noch unbeigesetzt in der Halle lag.

Perdikkas wurde schließlich als Reichsverweser anerkannt, das Heer, der Reichsschatz ihm überwiesen. Ja, auch ein provisorischer König fand sich; nicht etwa Herakles, Alexanders einziger Sohn, der damals erst etwa elf Jahre zählte und unbeachtet in Pergamum aufwuchs; denn er war Bastard und nicht erbberechtigt. König des Weltreichs wurde vielmehr Alexanders Stiefbruder, der sich jetzt nach seinem Vater Philippus nannte; freilich auch er ein Bastard, aber er war wenigstens erwachsen, dazu aber schwachsinnig und eine bequeme Puppe in des Perdikkas Hand. Dann wurden die 30 oder 40 Provinzen von diesem unter die Generäle verteilt; sie sollten sie für diesen neuen, schwachsinnigen König Philipp verwalten. Die Verteilung wiederholte sich hernach noch öfter. Sogleich aber kam damals Ptolemäus, der feinsinnigste unter ihnen, nach Ägypten, das dauernd in seinen Händen blieb; Alexandrien seine Residenz.

All das sah Olympias, Alexanders grollende Mutter, in fiebernder Spannung. Sie war nach Epirus geflüchtet; denn sie fürchtete sich vor dem alten Antipater, dem Statthalter des 246 mazedonischen Stammlandes, der sich da völlig als Herr zu benehmen begann. Sie haßte ihn und Antipaters Sohn, den Kassander, erst recht. Kassander, der verruchte, hatte Alexander in Babylon beim Trunk ermorden lassen; Gift in den Wein! Das war gar nicht der Fall; aber sie glaubte es fest und brütete Rache. Zu ihrer Freude war Perdikkas königstreu; zu ihrem Ärger war der erbärmliche Philippus König. Aber Geduld! Bald mußte Roxane gebären.

Perdikkas spreizte sich nun aber unklug in seiner Würde. Ein Konflikt entstand um Alexanders Leiche. Perdikkas wollte sie nach Mazedonien schaffen; aber dem Ptolemäus gelang es, ihren Transport nach Ägypten durchzusetzen; es war kein Transport, es war wie die Prozession, die ein Gottesbild mit sich führt. Also war Ptolemäus Rebell; er gehorchte der Zentralgewalt nicht. Perdikkas wollte ihn strafen und führte seine Truppen gegen Ägypten. Da erschlug ihn sein eignes Heer im Aufruhr, nicht nur ihn, sondern auch seine Schwester Atalante. Olympias erschrak. Nun stand wieder alles in Frage.

In Ptolemäus aber wirkten Pietät und Ehrgeiz zusammen. Denn er wußte, Alexanders letzter Wille war es, in Alexandrien, seiner stolzesten Gründung, zu ruhen, und er glaubte fest, der göttliche Geist des Toten werde in alle Zukunft mit dem sein, dem es zufiel, sein Grab zu hüten und zu ehren.

Der Mord des Perdikkas aber wirkte wie ein Signal. Wem sollte man nun gehorchen? Bald danach starb auch der alte Antipater, und der Kampf aller gegen alle begann. Die Männer, die noch eben kameradschaftlich in Drangsal oder in wüster Fröhlichkeit zusammen marschiert, gefochten, getafelt und gezecht, schlugen jetzt, um sich die Provinzen abzujagen, gegeneinander große Schlachten und trauerten dann ehrlich, wenn der Gegner fiel, der einst der beste Freund gewesenSo starben Leonnatus und Kraterus.. Rasch versöhnte man sich dann auch wieder, und dazu mußten die Frauen dienen. Heiraten halfen, Verschwägerungen. Die Töchter wurden hin und her geschickt. So bot damals auch Alexanders Schwester Kleopatra, die schon Witwe war, 247 wiederholt ihre Hand aus; ja, etliche verlangten nach ihr; denn Alexanders Schwager zu werden schien etwas Großes. Aber sie selbst verschob die Entscheidung.

In Thrazien saß als Landesverwalter der stolze Lysimachus, in Babylonien Seleukus. Seleukus war der Mann der Zukunft. Aber vorläufig brauchte Olympias diese beiden nicht zu fürchten. Der entschlossenste Rebell dagegen war Antigonus mit seinem Sohn Demetrius: Antigonus, der grimme Recke, einäugig wie der grimme HagenApelles malte den Antigonus darum im Profil, damit man die Einäugigkeit nicht merkte: Plinius 35, 90., eine der imposantesten Figuren, damals schon fast Greis, 60jährig und also 30 Jahre älter als Alexander. Auffallenderweise sind wir seinem Namen noch nie begegnet; Alexander hatte ihn in seinen Feldzügen nie verwandtEr machte ihn gleich anfangs zum Satrapen Phrygiens; da mußte Antigonus stillsitzen.; gewiß hatten die beiden Charaktere sich abgestoßen; Eisenstirn gegen Eisenstirn, Despotennaturen sie beide. Jetzt aber – was kümmerte den Antigonus Alexanders Erbe, jener schwachsinnige Philippus? oder gar der Säugling, den Roxane inzwischen geboren hatte? Der Mann war entschlossen: keine Teilung! Das Weltreich sollte bestehen bleiben, wie es war; aber er selbst wollte sich dies Gesamtreich erkämpfen, das Werk Alexanders geradezu wiederholen. Nur eine Kraftnatur erster Größe konnte das unternehmen. Einen Kollegen nach dem andern warf er schon aus ihren Satrapien, und seinen Sohn erzog er sich zum Helfer. In Antigonus und seinem Sohn Demetrius lebten also gleichsam Parmenio und Philotas wieder auf, die, wie wir uns erinnern, einst bei Alexanders Lebzeiten heimlich schon dasselbe geplant hatten: Rebellion, aber Fortsetzung des Werkes Alexanders. Es fehlte nur noch, daß dieser Antigonus dreist sich König nannte.

Auf wen sollte Olympias jetzt noch hoffen? Jawohl, da war noch einer, auf den sie baute, kein Mazedone; es war nur ein Grieche. Eumenes hieß der Mann. Ein kluges Kerlchen. Als Schreiber und reiner Bureaumensch war er hochgekommen. Alexander machte ihn zum Chef seines Archivs und der königlichen Kanzlei. Als solcher entwickelte Eumenes sich in der Stille zum Strategen; denn er hatte im Hofjournal die täglichen 248 Kriegsereignisse, also auch den Verlauf der Gefechte selbst aufzuschreiben oder doch darüber die Aufsicht zu führen, und dabei lernte er allerlei. Tatsächlich betraute ihn dann Alexander auch schon mit der Leitung militärischer Expeditionen in Indien. Jetzt bewährte er sich als Stratege und dazu als königstreu wie kein anderer. Er wollte der Dynastie seine Treue bis in den Tod bewähren. Denn zwischen all den mazedonischen Großen hatte er, der subalterne Mensch, für sich selbst doch nichts zu hoffen. Der herrschsüchtige Antigonus warb um seine Freundschaft umsonst. Vielmehr behauptete Eumenes im Kampf mit ihm das Feld, in glänzenden Operationen, die hin und her bis nach Iran gingen. Der zierliche Mann (er fiel auf durch Zierlichkeit und Anmut des Wesens) bewährte sich sogar auch im Zweikampf. Einer der mazedonischen Herren war ihm persönlich verhaßt; der Haß war gegenseitig. Es kommt zur Schlacht. In der Schlacht sich sehen und aufeinander losstürzen war eins. Beide zu Roß; beide lassen den Zügel fahren, um sich zu packen; die Pferde gehen durch; beide fallen zu Boden übereinander, und das Ringen und Stechen beginnt. Eumenes strotzte von Wunden, aber der andere mußte daran glauben.

So wurde das Griechenmenschlein groß wider Willen, er tat aber so, als ob er in Wirklichkeit nichts bedeute; denn er fühlte den Neid seiner mazedonischen Offiziere. Ein Königszelt baute er in seinem Feldlager auf, als lebte Alexander der Große noch und könne sich auf seinen Thron setzen; auf den leeren Thron legte er Szepter und Diadem, als ob Alexander selbst den Vorsitz führe, so oft er mit seinen Offizieren Kriegsrat hielt. Aber die verbissenen Leute traten schließlich doch zum Komplott gegen ihn zusammen; es war wieder eine große Schlacht; die Schlacht war unentschieden geblieben; da zerrten sie den Eumenes aus seinem Zelt und lieferten ihn dem Antigonus aus. Der sah wohl ein: es war schade um den Menschen; aber er ließ ihn töten und war nun auf einmal Herr der Lage. Sein Sohn Demetrius war inzwischen erwachsen, ein zweiter Alkibiades an Keckheit, Eleganz und Schönheit, der, wohin er kam, die Herzen der 249 Soldaten und der Frauen im Sturm nahm. So sah sich Antigonus fast schon am Ziel; den Seleukus warf er aus Babylon; Ptolemäus verkroch sich in Ägypten.

Alexanders Mutter Olympias traf das wie mit Keulenschlägen. Alle Hoffnung auf Asien war, seit Eumenes umgekommen, dahin, und ihre Erbitterung wuchs. Sie hatte Roxane mit dem Knäblein, das nach seinem Vater »Alexander« hieß, zu sich nach Epirus bringen lassen und plante nur noch das eine, wenn auch nicht Asien, so doch das Stammland Mazedonien, dessen Gebiet übrigens damals durch den Verlust von Thrazien und Epirus erheblich geschmälert war, für den geliebten Enkel zu retten.

In Mazedonien war der verhaßte Kassander immer noch allmächtig. Aber Olympias hielt sich nicht; sie wollte endlich etwas wagen, und Rache war ihr Gewerbe. Als Kassander in auswärtigen Kämpfen abwesend, rückte sie wie ein Feldhauptmann aus Epirus vor, besetzte mit ihren Soldaten Mazedoniens Hauptstadt und hatte, was sie wollte. Ein Bruder Kassanders fiel ihr in die Hände und weiter hundert seiner Parteigänger, die sie sämtlich massakrieren ließ. Nicht nur das; auch jener Philippus sollte nicht mehr leben, der schwachsinnige König, den Perdikkas zu Alexanders Nachfolger gemacht hatte. Auch ihn ließ sie sterben. Raum für Roxanes Sohn, Alexanders echtes Blut! Die alte Frau ward zur Megäre. Es fehlte nur, daß sie selbst das blutige Messer schwang. Solches geschah im Jahre 317.

Aber sie ward ihres Triumphs nicht froh. Der böse Kassander kam aus dem Peloponnes zurück, und sie mußte kämpfen. Ihr Militär verließ sie. Sie wurde in eine der Städte eingeschlossen, belagert, ausgehungert, gefangen; sie floh umsonst und zischte noch Wut als Gefangene, bis man sie niederstach (i. J. 316). Das war das Ende der Frau, die den Alexander geboren.

Ihr sechsjähriger Enkel überlebte sie wehrlos. Aber Kassander ließ ihn am Leben, und es folgte jetzt zunächst eine königslose Zeit, bis der wertvolle Knabe im Jahre 311, da er zwölfjährig geworden, wirklich von etlichen der Machthaber als König des Weltreichs anerkannt wurde. Alexander der Große hatte also 250 doch einen Erben eigenen Blutes. Aber nur für wenig Tage. Kassander hielt es denn doch für besser, ihn samt der Roxane umzubringen.

So dankte Mazedonien seinem glorreichen Fürstenhaus! Es war wie der grause Prinzenmord in Shakespeares Tragödien: »ach arme Prinzen, zarte Knaben! unaufgeblühte Knospen!« Aber wir hören den Angstschrei des Gemordeten nicht, wissen auch nicht, ob er begabt, ob er in den Zügen seinem Vater glich. Es war kaum jemand, der ihm die Totenklage hielt.

War es damit nicht genug? Erst jetzt erinnerte man sich, daß ja auch jener Herakles noch lebe, der Bastardsohn, den Alexander mit der Barsine gezeugt und der jetzt volle 17 Jahre zählte. Es scheint, sein Vater hat sich um diesen Sohn nie sonderlich gekümmert. Jetzt fand sich ein Widersacher Kassanders, der den Herakles nach Griechenland brachte, um ihn als Trumpf gegen Kassander auszuspielen. Aber auch er fand rasch dasselbe Ende. Man lud den Jüngling zum Festgelage. Er lehnte ab, denn er ahnte Böses. Man zwang ihn zu erscheinen. Da wurde er, nachdem er noch einmal fürstlich gespeist, niedergemacht. Es war auch hier dasselbe; sein Verbrechen war, Alexanders Sohn zu sein.

Und jetzt erst konnte die Weltlage sich klären. Der Herr Großasiens, Antigonus, zog rücksichtslos die Folgerung. Kleopatra, Alexanders hochangesehene Schwester, residierte noch immer in Sardes, und Ptolemäus warb um ihre Hand. Es war das Jahr 308, da wurde sie von ihren dienenden Frauen durch Gift beseitigt. Antigonus hatte das angestiftet. Man kann nicht gründlich genug sein. Dann nahm Antigonus endlich, im Jahre 306, den Königstitel an. Das Heer selbst war es, das ihn zum König ausrief, nachdem er eben wieder gegen Ptolemäus, den Ägypter, eine Schlacht gewonnen. Darin lag der Anspruch, sich zum Herrn über alle zu erheben; das anspruchsvolle Programm war damit aufgedeckt. Auch Demetrius, sein Sohn, unterzeichnete sich seitdem als König Demetrius.

Der Protest aber blieb nicht aus. Ptolemäus und die anderen 251 Machthaber, die als Satrapen sich dem König Antigonus keineswegs unterstellen wollten, nahmen sofort sämtlich denselben Königstitel an. Es wimmelte im Orient auf einmal von Königen. Aber freilich, was nützte der bloße Titel?

Antigonus wußte, was er wollte; mit Asien begnügte er sich nicht; er ließ durch den Demetrius schon Athen besetzen. Auch die Balkanhalbinsel sollte Teil seines Reiches werden. Je sicherer indes da sein Erfolg, je mehr wuchs die Sorge bei den andern. Man sah ein: wir sind alle bedroht! und beschloß, sich zum Kampf zu verbünden. Das Bündnis geschah, und in der großen Schlacht bei Ipsus im Jahre 301 verlor Antigonus Macht und Leben, im Lande Phrygien. Ein 80jähriger Kämpe, aber hart wie Granit: so stand er befehlend im Getümmel und trug noch die schweren Waffen, bis man ihn niederschlug.

Erst damit war das uralte Weltreich Salmanassars, Nebukadnezars und des Darius, das Alexander so hoffnungsvoll verjüngt hatte, endgültig beseitigt. Es fiel auseinander. Die Diadochenreiche entstanden. Je mehr ihrer waren, je unfähiger zum Widerstand wurde der Orient.

Tote über Tote! Zwanzig Kriegsjahre waren nun vergangen; sie nahmen viele der Besten weg. Das Schicksal streute die Leichen vor sich her. Die Zeit der sagenhaften Drachenmänner schien wiedergekommen, die im Rauftrieb sich selber umbrachten. Aber auch auffallend viele Frauen treten dabei auf den Plan. Nicht nur Olympias und jene Atalante, die die Soldaten in Ägypten erschlugen; auch die Perserin Amastris, die als Königinwitwe in der Stadt Heraklea am Schwarzen Meer sich erfolgreich in die große Politik der Diadochen mischteDiodor 20, 109; Niese I S. 354., oder die Kratesipolis, auch sie Witfrau, die um Sikyon im Peloponnes siegreiche Gefechte focht und, um sich Respekt zu verschaffen, kaltblütig einige dreißig ihrer Gegner kreuzigen ließDiodor 19, 67..

Den Ländern selbst aber brachten diese Kriege wenig Verwüstungen; es genügte, daß die Haufen der Berufssoldaten ihre Kräfte maßen, und man ließ die Leute sonst möglichst in Ruhe; denn ausgeplünderte Provinzen konnte man nicht brauchen. 252 Gewaltige Steigerung aber erfuhren die Kampfmittel, die Technik des Krieges, der Belagerungspark, der Aufbau der Kriegsschiffe. Und dazu die Elefanten. Indien war ja erschlossen, und jeder der Potentaten hatte große Stallungen für sie. Seleukus, der wieder in Babylonien herrschte und das syrische Königtum gründete, führte allein 480 davon in die Schlacht bei Ipsus. Sogar vor Athen tauchten eines Tages 56 dieser trompetenden Bestien auf und stampften die Wiesen um Eleusis, rieben sich an der Stadtmauer, als wollten sie sie durchbrechen und der Göttin Pallas heilige Burg ersteigen. Der genialste Förderer der Kampfmittel im Krieg war ohne Frage Demetrius, der schöne, des Antigonus Sohn; aber er war ein Blender, der, anfangs abgöttisch bewundert, sich und die Welt schwer enttäuschte. Er zertrümmerte selbst seinen Ruhm und sein Glück, und, um den Wandel jener Zeiten zu verstehen, muß man ihn kennen. Es gilt noch kurz auf Demetrius achtzugeben. Er war das Gegenbild Alexanders.

Im Feldlager war er erzogen und von seinem herben Vater streng gehalten. Des Antigonus Heer war immer in Bewegung. Fragte der Junge: »wann brechen wir auf?« so antwortete Antigonus nur: »Das Signal wird geblasen; hast du Angst, daß du es nicht hörst?« Das heißt: du mußt dich gedulden wie der gemeinste Soldat. Aber ihre Herzen waren fest verbunden. Kam Demetrius von der Jagd zurück, so setzte er sich, so wie er war, mit dem Jagdspeer in der Hand, neben den Vater und küßte ihn. Alles verwunderte sich; denn es war eine Zeit, die immer gleich Mord witterte und in der selbst der Vater die Waffe des Sohnes fürchten mußte. Antigonus aber sagte stolz: »Seht her und verkündet den Leuten draußen, wie Vater und Sohn sich lieben.«

Zweiundzwanzigjährig begann der junge Mann schon selbständig Schlachten zu lenken. Die Veteranen unter den Söldnern zählten dagegen oft 50, 60 Jahre. Welch ein Gegensatz! Der Krieg ging zumeist gegen Ptolemäus, den Ägypter. Die erste Schlacht verlor Demetrius; dann aber gab es Sieg auf 253 Sieg, zur See, zu Lande; er selbst fröhlich vorfechtend (vorne auf dem Schiffsschnabel stand er, kraftvoll und elegant), so daß die Gegner fielen unter seinem Hieb. Er schien ein zweiter Alexander, ja, mehr als das; denn Alexander hatte nur Perser und Baktrer besiegt; hier focht der Mazedone gegen den Mazedonen.

Als er Athen nahm, war es das reine Götterleben. Er brachte der Stadt angeblich die Freiheit; das heißt, er warf die Mazedonen des Kassander aus der Stadt, um selbst darin zu herrschen, und Athen knierutschte vor ihm; ein unerhörter Vorgang, aber schmachvoll; er wurde voll Jubel zum Gott erklärt, er und sein VaterAuch als Könige sind Antigonus und Demetrius schon damals von den Athenern ausgerufen worden, noch bevor sie wirklich den Titel annahmen., ein Altar an der Stelle aufgebaut, wo er zuerst athenischen Boden mit der Fußsohle berührt hatte, sein Bild in das Festgewand der Göttin Athene eingewebt. Dabei spielte er den Don Juan, jovial und königlich munter. Man verglich ihn mit Dionys: er berauschte sich nicht nur; er wirkte berauschend. Dann stürzte er sich wieder in die Schlacht und gewann den großartigsten Sieg, bei Cypern, im Jahre 306, den Sieg, dessen Folge war, daß sein Vater den Königstitel annahm.

Berühmt ist seine Belagerung der Inselstadt Rhodus. Alexander hatte Tyrus, die Inselstadt, genommen; Demetrius wollte ihn übertrumpfen. Ein Jahr lang lag er zu Schiff ausdauernd vor der stolzen Festung, die weit gespannt wie ein Theaterbau über dem Meer am Felsen hing. Es mißlang ihm; er mußte abziehen; aber alles sah trotzdem bewundernd auf ihn. Denn am Gestade arbeiteten und hämmerten seine Techniker; Maschinenbau; 3000 Arbeiter, von den ersten Ingenieuren, die man kannte, geleitet. Demetrius selbst aber stellte ihnen die Aufgaben; er entwarf und hetzte die Phantasie seiner Ingenieure: Geschütze, Sturmböcke, Schilddächer: es galt alles ins noch nicht Dagewesene zu vergrößern. Besonders wird uns der bewegliche Turmbau geschildert, den man den Festungsbrecher nannteGriechisch Helepolis., ein viereckiger Holzbau in neun Etagen, über 41 Meter hoch; mit Treppen; jede Seite 20 Meter breit; drei Seiten geschlossen, die vierte offen, aber mit verschließbaren Fenstern. 254 In jeder Etage standen Geschütze, unten das schwerste Kaliber, oben die leichteren. Dazu die nötigen Artilleristen, eine Fülle von Personal. Der Bau stand auf Rädern, jedes Rad annähernd zwei Meter hoch. Sollte dieser Festungsbrecher freilich weitere Strecken über Land transportiert werden, so dauerte es eine Ewigkeit; in zwei Monaten kam er auf seinen Rädern nur ein Drittel Kilometer (zwei Stadien) voran.

Als Demetrius von Rhodus abzog, schien er gar nicht sonderlich enttäuscht, ja, bester Laune. Das Ganze war ihm nur ein großartiger Sport gewesen, und als die Rhodier beim Abschied ihn zum Andenken um ein paar von den Maschinen baten, gab er sie ihnen auf das freundlichste.

Es mußte immer das non plus ultra sein; so auch sein Prunk; die Leute liefen hinterher, wenn der schöne Mann des Weges kam. So auch seine Liebeleien. Ein maßloses Sichgehenlassen. Sein zweiter Aufenthalt in Athen wurde zum Skandal, wie ihn die Religionsgeschichte der Antike nicht noch einmal erlebt hat. Da ein Königsschloß in Athen fehlte, so wohnte er droben als Gott in dem Jungfrauenhaus der Göttin Athene selbst, im Parthenon, nannte Athene seine Schwester und empfing in den geweihten Räumen die Blüte der reizenden Halbwelt der Stadt.

Die Gesellschaft war unendlich nachsichtig; seine Gattin Phile, die ausgezeichnete Frau, die er in Kleinasien zurückgelassen, hing in hingebender Treue an ihm, und ihm wurde überdies eine Prinzessin nach der andern zur Ehe angeboten, die er bereitwillig neben- oder nacheinander geheiratet hat. Aber solche Frauen still häuslichen Charakters waren kein Erlebnis. Anders die Fürstin Kratesipolis, die ich schon nannte und die da in Sikyon herrschte. Er eilte dorthin, ließ in der Nähe des Städtchens ein schönes Zelt aufschlagen, und da fanden sich die beiden, Kratesipolis und er, zur Nacht. Aber das Zelt wurde in der Morgenfrühe von dreisten Leuten überfallen, und beide huschten im Halbdunkel eilends davon in verschiedener Richtung. Ganz beherrscht aber wurde der üppige Mensch von der Hetäre Lamia, 255 die aus Ägypten stammte. Die Spötter nannten sie eine alte Schachtel und meinten, sie sei nur noch das Gestell für ihre künstliche Schönheit. Aber die Kunst Helden zu bezähmen, ist reiferen Kurtisanen eigen, und sie beherrschte ihn ganz. Sonst ließ er sich nur lieben; hier liebte er selbst. Wer denkt dabei nicht an Kleopatra, ich meine die ägyptische Königin, die alt geworden noch den Mark Anton in Fesseln schlug? Der Stadt Athen hatte Demetrius einen Tribut auferlegt, und die Bürger zahlten untertänigst; die Lamia lachte belustigt auf, als die Zahlung einlief, es war ihr köstliches Lachen, und das ganze Geld rollte in ihren Geldkasten. Der Vater Antigonus lebte damals noch, hochbetagt; Demetrius war also damals noch der große Mann, der demnächst als Großkönig über ganz Asien gebieten würde, und alles, was er tat, war darum wohlgetan.

Dann aber eilte er in die Entscheidungsschlacht bei Ipsus und ritt den großartigen Reiterangriff, in dem er den Seleukus warf; er warf ihn; aber er hatte dabei sich zu weit vorgewagt; sein Vater fiel, die Schlacht ging verloren und er wurde flüchtig.

Es war der große Glücksumschlag. Was nun? Den Königstitel hatte er, aber kein Königreich. Lysimachus und Seleukus teilten jetzt unter sich Asien auf. Er aber war guter Dinge, warf sich wieder auf Griechenland, um wenigstens auf der Balkanhalbinsel sich ein Reich zu schaffen, und fiel zunächst von Athen aus mit seinen Kampfmaschinen über die kleinen Griechenstädte her. Daher hieß er allgemein »der Städtebedränger«, Poliorketes. Er faßte die Städte, wie man mit der Zange Nüsse bricht. Ein hastig unstetes Treiben. Alles in Angst vor ihm. Das große Ergebnis aber fehlte. Auch seine Kriegsschiffe sah man noch auf See, und auch sie waren ein Schrecken: Kolosse zu 15 oder 16 Ruderreihen, Galeeren, die da mit tausend Rudern das Wasser schlugen, aber im Kampf sich glänzend bewährt haben sollen. Freilich ließ sich über diesen Schiffstyp nicht hinausgehen. Später wurde einmal in Ägypten eine Galeere mit 40 Ruderreihen hergestellt; 100 Meter Länge hatte der Monsterbau und brauchte 4000 Ruderknechte und 256 400 Matrosen. Aber er erwies sich als bloßes Schaustück und unverwendbarPlutarch, Demetrius 43..

Schließlich gewann Demetrius doch Mazedonien, Alexanders Kronland; denn Kassander war gestorben, und sechs Jahre lang ist Demetrius da König gewesen. Aber er mißfiel; er regierte nicht; er war kein Staatsmann; er trieb nur seinen Kriegssport weiter, wurde dabei aber von dem jungen König Pyrrhus ausgestochen; denn jener Pyrrhus, der hernach gegen Rom focht und die ersten Elefanten nach Italien brachte, trat eben damals als König von Epirus in die Weltgeschichte ein. Das wirkte ungünstig auf den Charakter des verwöhnten Menschen. Demetrius posierte jetzt und drapierte sich als der große Mann, der er bisher wirklich gewesen. »Er mimt Alexander den Großen, aber schlecht«, so sagten die Leute. Unzugänglich für die gemeine Welt, stolzierte er nur noch im golddurchwirkten Purpur einher; sein Schuhwerk mit hohen Hacken war aus demselben Stoff, auch der mazedonische Hut mit Krempe, den er trug, purpurn, und darüber stand noch eine Mütze aus Goldstoff hoch, deren Ende ihm hinten auf den Rücken fielAthenäus p. 535 F.. Der Fürstenmantel jedoch, den er sich weben ließ, dunkelviolett, mit eingewebter Sonne und Gestirnen, ein Abbild des Himmels, wurde nicht fertig; denn er mußte aus Mazedonien flüchten, und seine edle Gattin Phile vergiftete sich vor Trauer.

Er selbst aber verlor die Laune auch jetzt nicht, und seine elastische Natur gab nicht nach. Irgendwo, glaubte er, wartete noch das Glück auf ihn. Er brachte trotz allem noch Mannschaften zusammen und warf sich als Glücksritter damit wieder nach Asien, auf Armenien zu. Da kam die Not, der Proviant ging ihm aus, die Mannschaften verliefen sich, und er wußte nicht weiter.

Seine Rettung wurde seine Tochter, die märchenhaft schöne Stratonike, die Phile ihm geboren hatte. Die nahm der mächtigste Herr in Asien, der Syrerkönig Seleukus zur Ehe. Ein rührend sentimentaler Liebesroman hat sich an diese Ehe geknüpft, den ich hier übergehe. Seleukus aber war durch sie des 257 Demetrius Schwiegersohn. Als sich Demetrius in den Landschaften Kleinasiens wie ein Abenteurer und Wegelagerer umtrieb, bis er sich mit wenig Leuten endlich in die südlichen Gebirge warf – er glaubte anfangs auch da noch als Herr auftreten zu können, dann aber faßte ihn die Verzweiflung –, geriet er schließlich in des Seleukus Gewalt. Der aber dachte nicht an Verwandtenmord; denn Seleukus zählte nicht zu den Tyrannen, die aus Angst den Henker spielen. Mit echt sultanischer Großmut schuf er dem Gefangenen ein enges, aber fürstliches Heim, stellte ihm prächtige Gärten und einen Jagdpark zur Verfügung, und Demetrius vergnügte sich da, bis er vor Langerweile dem Trunk verfiel und starb.

Die Langeweile war tödlich gewesen und der Rastlose nun tot; seine Kriegsmaschinen ruhten. Die ganze Welt war beruhigt, aber der Eindruck nicht erhebend. Denn es wirkt niederschlagend, eine der glänzendsten Naturen sich vergeuden und in Verfall enden zu sehen. Uns aber ist dies Demetriusleben obendarein ein Symbol, und darum mußten wir bei ihm verweilen. Denn wie ihm, dem Einzelmenschen, so erging es dem ganzen Königtum, das sich jetzt im Orient aufgetan hatte; es waren die Dynastien in Syrien, Ägypten, Mazedonien, Epirus, demnächst auch in Pergamum. Sie alle fingen wie Demetrius glänzend an, aber trugen den Keim des Verfalls in sich; denn sie entarteten nur allzubald, und ihr Wesen war unecht und hohl; das gilt vor allem von Syrien, Ägypten und Pergamum.

Man irrt, wenn man meint, Alexanders Weltreich sei jetzt unter den Ptolemäern, Seleuciden und Attaliden durch Nationalstaaten abgelöst worden. Nationalstaaten sehen anders aus. Diese Königshäuser waren ja nicht national, sie waren ihren Völkern nur aufgepfropft und aus Mazedonien zugewandert. Was hatten diese Herren mit den Syrern und Ägyptern selbst gemein, die sie regierten? Mochten sie bauen und sonst allerlei Gutes stiften und ihre Geldstücke, auf die sie ihr Bild prägten, durch alle Hände gehen: sie waren doch nur Fremdherren und äußere Zutat, wie unzugehörige Deckel auf den Töpfen und 258 kamen für das wirkliche Volksleben, das auf Blutsgemeinschaft beruht, nicht in Betracht. Vielmehr geschah ihnen zum Trotz in den drei Jahrhunderten, die dem römischen Kaisertum voraufliegen, das, was Alexander gewollt hatte: das Volksleben des Orients verwuchs in friedlichem Austausch mehr und mehr, nicht physisch, aber seelisch und kulturell zu einer Einheit.

Denn es siegte allerorts erstaunlich rasch der Hellenismus – keine Gebirge, Ströme und Meeresbreiten konnten es hemmen –, der Hellenismus, das ist die Vergriechung der nichtgriechischen Völker oder der Sieg des nichtgriechischen Bluts im Griechentum. Er brachte eine wechselseitige Durchdringung der Denkungsart und Lebensart der Völker, eine Nivellierung der Welt; griechisch aber wurde die Weltsprache, griechisch die Formen des Weltverkehrs, für den die Grenzen der neugeschaffenen Königreiche so gut wie nichts bedeuteten. So konnten die Römer sich in der Tat als Alexanders Erben ansehen, als für sie die Zeit gekommen war, ihre nivellierende Kraft zu zeigen. Weltreich folgte auf Weltreich, in dem aller Sonderbesitz Gemeingut wurde: griechische Kunst und Forschung, babylonische Astrologie, ägyptischer Aberglaube, semitische Apokalyptik, persische Religion, endlich gar römisches Recht und Verwaltungskunst.

Anders stand es mit Indien. Freilich reichte auch dorthin der Hellenismus, und unverkennbare Einflüsse des griechischen Wesens sind auch im Indusgebiet festgestellt worden. Aber der große Seleukus konnte die indische Satrapie nicht halten, und das ganze Hochasien, das Alexander so mühsam gewonnen hatte, brach vom Seleucidenreich ab. Denn in Persien erhob sich unter der Führung heimischer Könige, der Arsaciden, der Volksstamm der Parther zur Herrschaft; in Baktrien, Sogdiana und am Indus aber setzten sich kleine griechisch-mazedonische Könige selbständig fest, die mit dem Reich des Seleukus den Zusammenhang preisgeben mußten, doch aber so lange wacker sich hielten, bis sie von übermächtigen kirgisischen Horden, die aus Turkestan vorbrachen, weggeschwemmt und überrannt wurden. Seitdem führte Hochasien, Iran wie Indien und China, sein dem Westen entfremdetes, abgetrenntes Völkerleben, und nur noch der Handel, der nie rastet, brachte die fremdartig schönen Waren von dort an das MittelmeerWir wissen von einer Gesandtschaft des Kaisers Mark Aurel nach China vom Jahre 166 n. Chr.; s. Speck, Handelsgeschichte II S. 307..

Aber ich sprach auch schon von den Römern und dem römischen Recht. In der Tat verfielen in eben denselben Jahrhunderten auch die Römer, obschon die Sieger, allmählich, aber völlig dem Hellenismus; der griechische Geist war unüberwindlicher als Rom; nur seine lateinische Sprache gab der Sieger nicht preis.

Kein Nebukadnezar oder Alexander kam von Westen, sondern ein staatenbildendes Volk stand auf. Marsmänner waren die Römer mit dem Wolfshunger, der unersättlich nach Beute und Ausraubung fremden Besitzes giert. Kein Sommer verging ohne Krieg und Kriegsgewinn, so lange Rom bestand. Das Heer ein Volksheer, ein Bürgerheer. Der Machtwille, der Staatswille riß alles, was da atmete, zusammen; er stieg aus den breiten Wählerversammlungen zum Senat, den Prätoren, Konsuln und Prokonsuln auf. Im Felde galt das Kommando der vom Volk Erwählten, und das Römertum war gegürtet in Disziplin.

Noch war nicht einmal die ganze italienische Halbinsel unterjocht, als Rom schon auf Spanien, Afrika, die Balkanhalbinsel übergriff; es knebelte nicht nur Karthago im Sinn Alexanders, sondern ging weiter; Karthago wurde – wie Korinth in Hellas – sogar dem Erdboden gleichgemacht. So ballte sich in Roms Hand der Okzident zusammen und warf sich massiv und schwer auf den brüchigen Osten. Dabei lernten die Römer als Schüler des Hellenismus den Griechen den Seekrieg ab, ebenso das Festungsbrechen, die Technik der Belagerungen. So machte Rom nacheinander unwiderstehlich Mazedonien, Epirus, als Beigabe das kleine freiheitssüchtige Hellas zu römischen Provinzen. Im Jahre 133 fiel Pergamum, der erste Fetzen Asiens, an Rom, und der Orient zersplitterte. Kein Bündnis kam zustande, das seine Kräfte zum Widerstand gesammelt hätte. Nirgends erhoben sich die Bevölkerungen in FreiheitsdrangEinen Aufstand der Bevölkerung gab es erst infolge der grausamen Mißwirtschaft der römischen Provinzialverwalter. Mithridates, der Halbbarbar, der König von Pontus, wurde ihr Führer.. Nur mit den Königen und ihren Söldnern hatten die Scipionen 260 zu kämpfen. Dann drangen Sulla, Lukull, Pompejus, die großmächtigen Feldherren, aus Westen nacheinander in Asien vor, und die morschen Throne zerbrachen; die hohlen Königreiche sanken zusammen.

Mark Anton, der Römer, der erste Erbe des ermordeten Julius Cäsar, wollte den Orient, alle Länder der Nachfolger Alexanders, als ein in sich geschlossenes Reich noch einmal retten; Alexandrien machte er zu seiner Hauptstadt, und die ägyptische Königin, die letzte Ptolemäerin, Kleopatra, inspirierte ihnDaß Antonius das römische Reich teilen und den Orient dauernd für sich behalten wollte, so daß das Reich in zwei Reiche unter zwei Dynastien zerfiel, ist klar; vgl. Römische Charakterköpfe8 S. 182. Auch daß Antonius in Alexandrien ohne Senat regierte, geschah in Nachahmung der hellenistischen Despoten, also Alexanders. Über die Alexanderverehrung des Antonius haben wir Zeugnisse genug; s. Plutarch Antonius 36; Gardthausen, »Augustus« I S. 428; Mommsen, Röm. Geschichte V S. 360 f.. Aber Oktavian zerschlug den Plan.

So war Oktavian der Schöpfer des römischen Weltkaisertums geworden, und Rom übernahm endlich den weiten Orient Vorderasiens bis zum Euphrat, so wie er durch Alexander geworden war; die Königreiche wurden wieder zu Provinzen oder Satrapien; die Dynastien waren verschwunden, sie hatten längst abgewirtschaftet, und niemand vermißte sie.

Gleichwohl nennen wir einen Seleukus, Ptolemäus Lagi und Eumenes, den Pergamener, mit hoher Achtung, und ihr Name wird uns noch öfter begegnen. Denn diese illegitimen Könige haben im Sinn Alexanders für die Modernisierung der uralten Kulturländer des Ostens, für die Verbreitung der griechischen Hochkultur und die Steigerung ihrer Leistungen mit persönlichster Teilnahme unendlich viel getan; so auch die Thronfolger, ihre nächsten Nachkommen. Der Aufschwung nicht zwar der Poesie (denn sie erlebte keinen Aufschwung), wohl aber der bildenden Künste, sodann der Technik im Dienst der Großbetriebe, endlich der wissenschaftlichen Studien, vor allem der Naturforschung und Medizin, von dem ich zu reden haben werde, wird in vielen Hinsichten der Gunst und Fürsorge dieser üppigen Könige verdankt. Dazu kam der Städtebau und die Steigerung des Reichtums in Handel und Wandel. Ich nenne nur die Großstadt Seleukia am fernen Tigris, die dort zum Stützpunkt des Hellenismus bestimmt war, um das Babylon der Chaldäer totzumachen, sowie Antiochia am Fluß Orontes, die neue Residenz Syriens, landeinwärts gelegen in der Nähe 261 Alexandrettes, da wo Cypern der syrisch-phönizischen Küste vorgelagert ist.

Je weiter diese kulturellen Bestrebungen gingen, je kläglicher schrumpfte das kleine Hellas, die erste, vielgepriesene Heimat all des Guten, in sich zusammen. Es hat noch wieder und wieder auf seinem engen Boden für die alte Freiheit gegen Mazedonen und Römer gekämpft. Aber das war für den großen Gang der Dinge bedeutungslos. Das Griechentum war mit seinem geistigen Reichtum im kleinen Hellenenland vermauert gewesen und wie eingekorkt; der Korken flog auf, und der Geist floß aus in unendlicher Ausdehnungsfähigkeit wie das Sonnenlicht; das heißt: die auswärtigen reichen Königshöfe lockten, und die Besten trieb es aus Griechenland zur Auswanderung. Sogar Athen wurde still; denn der Welthandel fand jetzt andere Wege; immerhin war die Stadt der Eulen für die Philosophen, die die Halbdämmerung brauchen, noch immer der rechte Ort.

Den Welthandel rissen indes die asiatischen Plätze an sich. Dort draußen pulsierte ein ganz anderes Leben. Das Griechentum fand da frisches Erdreich und den üppigsten Boden, um aufzuwuchern; und ob es dabei den alten schlichten Adel verlor und in geilen Trieben entartete, es war doch immer ein Gewinn; denn alles wuchs jetzt ins Große und Mächtige, ein strotzendes Blühen und Gedeihen. Ich nenne Städte wie Byzanz, Sinope, Trapezunt, Ephesus, Milet, Tarsus in Cilicien, Laodicea in Syrien, vor allem die Königsstädte Antiochia und Alexandrien. Sie alle und die andern, die ich nicht genannt, sie lagen prangend in Reihen an den weiten Gestaden wie schimmernde Wunderblumen, die mit weit offenem Kelch sich sonnen, und wie die geflügelten Insekten und Honigsauger flogen die Handelsschiffe mit schwellenden Segeln in Schwärmen heran und von einer zur andern, um zu nehmen und zu geben, ein schwelgendes Treiben und Blühen und Befruchten: ein Wohlleben in Arbeit, vergänglich zwar wie alles, was irdisch ist, aber täglich sich erneuernd wie die 262 Stunden, die die Jahre füllen. Man denke sich das Mittelmeer nicht so spärlich befahren wie heute. Die halbe Menschheit lag auf dem WasserIch bediene mich hier einer Juvenalischen Hyperbel, aber es wird kaum eine Hyperbel sein..

Der Mensch will sich nähren und sich vermehren, und Hunger und Liebe treibt alles durcheinander. Aber war das alles? Das Bürgertum will denn doch mehr, wenn es sich in den Städten sammelt. Denn es gibt, Dank den Göttern, auch noch idealere Instinkte, die hinausgreifen über das Alltägliche: und wäre es nur der Sinn für den Ruhm der Stadt, in der man geboren ist, der Sinn für Ordnung und Gesetzlichkeit, für Sitte und Anstand, aber auch für Reichtum und Fülle und Abundanz, die den Hochstand des Lebens steigert; dazu der Trieb nach dem Schönen und Prangenden, der unermüdlich nicht nur den Tempelbau und Gottesdienst, sondern auch den Griff des Dolches, das Siegel, die Lampe und die kleinste Nadel veredelt und schmückt; endlich die Sehnsucht über das Sichtbare hinaus und über alles Vergängliche in das, was zeitlos beharrt und ohne Nichtsein und ewig ist; ich meine die Sehnsucht nach Wahrheit, die Gott ist und unwandelbar ist wie die Sterne.

Das alles war es, was jene Zeit mit Macht bewegte und dem Hellenismus bis auf den heutigen Tag seine Bedeutung gibt. Es war überall das Gleiche, und Landesgrenzen galten nicht. Trotzdem aber wurde die eine Stadt Alexandria unter den Ptolemäern, wie sich uns zeigen wird, der Hauptsitz dieser Bestrebungen, Alexandria, die Stadt, wo Alexander der Große sein spätes Grab gefunden. Halten wir also noch einmal still und hören zuvor, wie man den Toten, der der Mitwelt als Gott erschien, zu Grabe trug und wie es mit seinem Nachruhm stand: der Nachruhm eines Regimentes von nur zwölf Jahren. Wir nennen ihn Unsterblichkeit. 263

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