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Alexander der Große und das Weltgriechentum

Theodor Birt: Alexander der Große und das Weltgriechentum - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleAlexander der Große und das Weltgriechentum
authorTheodor Birt
yearca. 1930
firstpub1924
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleAlexander der Große und das Weltgriechentum
pages504
created20120611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Alexander König Persiens

Aber die Handlung drängte. Alexander verließ Babylon nach etwa 30 Tagen. Die romantische Sehnsucht trieb ihn nach Osten weiter, zugleich sein großer Zweck. Denn Babylon war noch nicht Persien, und Darius lebte noch immer. Das Land der weiten Flächen, der Ströme und Palmenwälder ließ er hinter sich und rückte nach leichten Kämpfen über die Randgebirge in Iran ein. Landkarten standen ihm zur VerfügungHerodot erzählt III 136, daß für Darius I. vor dem Beginn der Perserkriege kartographische Aufnahmen der griechischen Küsten gemacht wurden. Um so mehr wird er Karten seines eigenen Reichs besessen haben. Dazu zwang schon die Anlage der Heerstraßen mit ihrer Meilenmessung oder Messung nach Parasangen. Es ist notwendig, daß sie aufgezeichnet waren. Aber auch der Milesier Aristogoras besaß nach Herodot V 49 eine Weltkarte auf Metall, während die Spartaner solche Karte noch nicht kannten., und heimatkundige Führer brauchte er nur, wo er die große Straße verließ. Ohne weiteren Schwertstreich besetzte er die berühmten Residenzen des Xerxes, Susa und Persepolis, zu denen die Griechen einst, Dienst oder Hilfe suchend, mit Scheu und Andacht gewallfahrtet waren.

Die persischen Satrapen zeigten sich hier zumeist völlig unterwürfig, und er ließ sie vertrauensvoll in ihren Stellungen, freilich so, daß er ihnen kein Militär in die Hand gab. Woher diese Unterwürfigkeit, ja, aufrichtige Ergebenheit? Offenbar hielten diese Großen die persische Dynastie, die sich von Kyros herleitete und die man die Achämeniden nannte, nunmehr für endgültig verloren; des Darius schmähliche Flucht hatte diese umstürzende Wirkung. Das Griechentum aber und seine geistige Überlegenheit war den Persern längst vertraut. So wie Darius ganz wacker griechisch sprachCurtius V 11, 4., so taten es gewiß auch viele seiner Staatsmänner, und schon das ist bezeichnend. Jetzt kam ein König ins Land, in dem das Griechentum ganz neu sich darstellte, nicht mehr servil, sondern in der Person des unüberwindlichen Schlachtenmeisters, der obendarein auf das 159 großherzigste sich als Freund der Perser gab. Alexander hatte gegen Darius, nicht gegen Persien gefochten. So vollzog sich zunächst alles auffallend friedlich. Er konnte jetzt seine Heermassen verteilen und zog selbst, nachdem er in Persepolis den Winter des Jahres 331 auf 330 verbracht, nordwärts nach Medien weiter, besetzte dort Ekbatana, die dritte der Residenzen, und stand damit schon in der Nähe des Elburs und des Kaspischen Meeres. Er war damit schon auf der Spur des Darius; denn dorthin hatte sich Darius geflüchtet, und es begann die Verfolgung.

Es verlautete anfangs, Darius wolle noch einmal kämpfen. Aber die Nachricht täuschte. Alexander hatte ihm Zeit gelassen; denn die Besetzung Babylons und der andern Herrschersitze war unendlich wichtiger als des Darius Person, den seine eigenen Satrapen für erledigt hielten. Jetzt aber wollte er ihn fangen. Mit leichten Truppen setzte er ihm ins Gebirge nach. Auch sonst liebte er solche sog. Expeditionen, d. h. Streifzüge ohne hemmenden TroßVgl. Aus dem Leben der Antike, 4. Aufl. S. 241.. In solcher Weise hatte er gleich, als er in Persien einzog, das Gebirgsvolk der Uxier bezwungen.

Was hoffte Darius noch? Er hatte, so heißt es, in erster Verzweiflung daran gedacht, mit dem zweischneidigen Perserschwert, dem Akinakes, sich selbst zu entleiben. Aber das Eisen entfiel ihm. Ein blasser Schimmer von Hoffnung war noch immer in ihm. Denn auch er rechnete, wie so viele, damit, daß ein günstiger Zufall endlich doch noch alles wenden könne, daß es eines Tages hieße, dieser Alexander, der sich selbst stets unbesonnen in Gefahr stürzte, sei umgekommen und lebe nicht mehr. Denn in allen Gefechten wurde auf diesen Alexander gezielt. Wer weiß? dann konnte Darius doch noch einmal neu zu herrschen beginnenHierauf geht bei Arrian III 19, 1 das εἰ δή τι νεωτερισϑείη γῶν ἀμφ᾽ Ἀλέξανδρον..

Bessus, der gewalttätige Satrap Baktriens, der zur Verwandtschaft des Königs gehörte, und zwei andere Große des ReichsNabarzanes und Bersaërtes waren dies, des Bessus Mitverschworene. Nur Artabazos und die Griechen blieben dem Darius ergeben. geleiteten ihn auf der Flucht mit einer Bedeckung von 4000 Mann; auch noch 2000 griechische Söldner waren dabei. Bessus aber faßte heimtückisch den Plan, den König zu fesseln und gegen Belohnung dem Alexander auszuliefern oder aber an des 160 Darius Statt sich selbst zum König von Iran zu machenArrian III 21, 5.. Alexander erfuhr es. Um so eiliger setzte er ihm nach. Es ging in den hyrkanischen Landstrich, in von Heeren selten betretene Gegenden, durch den Paß des Kaspischen Tors über die hohen Waldberge des Elburs, wo nur einsame Bergdörfer Rast gewährten. Den beschwerlichen Proviant ließ er hinter sich und nahm nur die ausdauerndsten Leute mit. Er war schon auf der Spur des Bessus. Eine Nacht durch ging das Reiten und weiter bis zum Mittag, bis zum Hochstand der Sonne, dann noch eine Nacht. Da erst wurde die Lagerstelle erreicht, wo der Feind tags zuvor gerastet hatte, und Alexander erfährt dort, Darius werde von Bessus tatsächlich im verschlossenen Wagen gefesselt als Gefangener mitgeschleppt (es war ein armseliger Bauernwagen). Um so hastiger jagt Alexander weiter. Ein Richtweg, durch wasserlose Öde, wird ihm gewiesen. 500 Reiter läßt er absitzen, und Fußsoldaten, die zum Kampf in den Bergen geeigneter sind, werden statt dessen auf deren Pferde gesetzt. Wieder folgt ein nächtlicher Ritt von zehn Meilen400 Stadien.. Da taucht in der Morgenfrühe unter Staubwolken unkenntlich der Zug des Bessus vor ihm auf, in Unordnung und fast alle ohne Waffen; sie hatten die Waffen beim Marschieren abgelegt. Gleich lief alles auseinander. Alexanders Leute waren völlig atemlos und in diesem Augenblick kaum fähig zum Kampfe; hätte Bessus mit seinen baktrischen Leuten widerstanden, wäre der Ausgang fraglich gewesen.

Der Wagen, darin Darius gefesselt sitzt, rollt weiter. Bessus führt ihn. Alexander sprengt heran. Da erdolchen die beiden Mitverschworenen des Bessus den wehrlosen Darius und retten sich selbst durch Flucht; ebenso flieht Bessus mit 600 Reitern. Bessus entkam; es sollte den Alexander zwei Jahre mühseligster Kämpfe kosten, den Verräter zu fassen.

Nach einer ausführlicheren Version wurde der verwundete Darius von Alexanders Vortruppe noch lebend angetroffen. Bessus hatte – gemein genug – die Kutscher des Wagens töten, auch die Zugtiere verwunden lassen. So war der Wagen 161 allein gelassen und führerlos mit dem Sterbenden in einer Talfurche stehen geblieben. Darius soll zu den Mazedonen, die ihn fanden, noch Worte gesprochen haben, die voll Dank den Alexander als seinen Nachfolger anerkannten. Dies alsbald im Publikum zu verbreiten, ob es wahr oder nicht, war allerdings für Alexander wichtig: Darius selbst habe ihn sterbend zum Nachfolger gewollt und die Götter Persiens angerufen, sein Regiment zu segnen! Jedenfalls fand Alexander selbst ihn schon entseelt, und das war wiederum günstig. So brauchte er selbst jene Worte nicht zu bestätigen!

Des Darius Leichnam ließ er mit allen königlichen Ehren im Erbbegräbnis der Achämeniden zu Persepolis beisetzen.

Und hier beginnt nun die zweite Epoche in Alexanders Leben. Der Rachekrieg für Hellas ist zu Ende. Jetzt ist er der Perserkönig, und er zieht alle Folgerungen aus dieser neuen Stellung.

Nicht ohne Mitleid aber blickt man auf des Darius Ende zurück. Welch ein Ausgang! Er war schuldlos unter das Rad des Schicksals gekommen. Denn es war nicht seine Schuld, daß sein Beruf einen andern Mann verlangte. Weltreiche wollen Übermenschen zu Herrschern haben, oder des Königs Geltung und Ansehen muß durch alte Tradition in seinen Völkern so fest verankert sein, daß er die Besten für sich denken und handeln lassen kann, ohne sie zu fürchten. Keines von beiden traf zu. Der Sturm kam über ihn, noch ehe Darius recht Wurzel gefaßt, und die Niedertracht lauerte ihm auf im eigenen Lande.

Die zweite Epoche in Alexanders Kriegsleben begann, wie ich sagte. Jetzt war er der Nachfolger der Perserkönige, ein zweiter Kyros und nichts anderes, und das Riesengewicht der asiatischen Überlieferungen fiel auf ihn. Der letzte Akt des Rachekriegs, den er als Grieche für Griechenland geführt, war, daß er in den wundervollen Herrschersitz Persepolis Feuerbrand werfen ließ, zur Vergeltung dafür, daß Xerxes einst Athen zerstört, auf Athens Burgfelsen die Heiligtümer in Asche gelegt hatteDie Geschichte von der athenischen Hetäre Thaïs, die beim Gelage im Rausch hierzu antrieb, gehört zu den durchsichtigen Tendenzerfindungen, mit denen die Alexandergeschichte interessant gemacht wurde. Von Frauenzimmern hat Alexander sich nie leiten lassen.. In Persien gab es keine Tempel, aber Paläste, und so stand denn vor seinen Augen der Wunderbau des Darius 162 und Xerxes in Rauch und Flammen. Im fernen Athen wurde die Gewalttat gewiß mit Freude begrüßt. Jedoch zeigen die Ruinen, die heute noch leer in der Öde stehen, mit Treppenwerk, Wänden und plastischem Bildschmuck in edler Bildung, daß nur das Holzwerk damals ausgebrannt ist. Es genügte, den Königsbau unbewohnbar zu machen. Jenes Holzwerk aber war kostbares ZedernholzXerxes hatte dereinst die Statuen der Tyrannenmörder Harmodius und Aristogiton aus Athen entführt; damals wird es geschehen sein, daß Alexander das denkwürdige Kunstwerk nach Athen zurückschickte: Plinius 34, 70..

Königspalast in Persepolis

Königspalast in Persepolis

Ruinen des persischen Königspalastes in Persepolis. Blick auf die große Freitreppe und die noch aufrechten Reste, Portal und zwei Säulen, des von Xerxes (485–465 v. Chr.) errichteten Torbaues. Nach Sarre und Herzfeld, Iranische Felsreliefs, Tafel 15.

Die Perser selbst erkannten Alexander als Großkönig rückhaltlos, ja, freudig an, vor allem Sisygambis, des Darius Mutter, und das war von günstigster, ja, entscheidender Wirkung; denn der Einfluß der Königinnen war in Persien groß. In aller Pracht ließ Alexander die Sisygambis mit ihren EnkelinnenWas aus des Darius Sohn geworden ist, weiß ich nicht. in Susa Hof halten, und es wurde das Verhältnis von Mutter und Sohn dauernd hergestellt. Die hohen Frauen ließen sich herbei, auf seinen Wunsch jetzt Unterricht im Griechischen zu nehmenDiodor 17, 67.. Auch des Darius Bruder Oxathres grollte nicht, sondern bewährte sich als Alexanders zuverlässiger Freund, den er sogar unter die Zahl seiner sog. »Leibwächter« aufnahmCurtius 7, 5, 40.: Leibwächter hießen diese Männer; in Wirklichkeit waren es königliche Adjutanten.

Viele Perser und Perserinnen waren noch von Damaskus her in Alexanders Troß als Gefangene geblieben. Hephästion, der Freund, wurde beauftragt, ihre Personalien festzustellen, die Vornehmen auszusondern. Da fand sich darunter auch eine Enkelin des Ochus, des früheren Großkönigs; sie hatte, als wäre sie Sklavin, Befehl erhalten beim Fest zu singen, persische Nationallieder vorzutragen, aber sie blieb stumm und scheu mit gesenkten Augen und barg ihr Gesicht im Schleier. Dann nannte sie sich auf Befragen. Alexander gab ihr ihr Vermögen heraus und sorgte für ihre ebenbürtige VerheiratungCurtius 6, 2, 7..

In Susa und in Pasargadä hatte Alexander den Haus- und Reichsschatz der Perserkönige von unermeßlicher Geldkraft erbeutet; seit des Kyros Zeit war er dort aufgestapelt. Er ließ ihn in die Festung Ekbatana schaffen. Auf 3000 Kamelen, dazu Maultieren und Lastkarren wurde der Schatz transportiertDiodor 17, 71, 2., 163 eine wertvolle Karawane. Ekbatana wurde also der Sitz der Reichsfinanz; Harpalus sollte ihn dort verwalten. Eben dorthin wurde hernach Parmenio, der Alte, mit den besten Truppen als Militärgouverneur versetzt; denn es galt, den Schatz zu sichern. Es war der höchste Vertrauensposten.

Im übrigen ist schon gesagt, daß Alexander die persischen Satrapen in ihren Provinzen vielfach als Landpfleger bestehen ließ. Aber auch seine Hofhaltung wurde jetzt persisch; das schuldete er seinen neuen Untertanen, auf deren Boden er seßhaft und heimisch werden wollte. Seine Herrschaft sollte keine Fremdherrschaft sein. Er hatte Größe genug, aber ihm fehlte noch die Hoheit. Die Größe bedarf keiner künstlichen Hebung; die Hoheit dagegen muß künstlich gestützt werden, je höher, je weiter der Umkreis ist, in dem sie gelten soll. So hatten einst Kyros und dessen Erben gedacht; so dachte auch er.

Darum setzte er sich getrost auf den hohen Königsthron, der im Prachtsaal in Susa stand, und legte, wo immer er sich von Persern umgeben sah, persische Kleidung an, nicht Scharlach und Purpur, aber den weißen langen Chiton mit GurtDiodor 17, 77, 5 f. und dazu den in Susa üblichen Turban in Weiß und Rot, jedoch ohne Perlen und BrillantenDenn diese werden nicht erwähnt.. Asiatische Rabduchen oder Stockträger mußten jetzt Wache stehen. Auch den Harem von 360 Frauen behielt er bei; das gehörte zum persischen Königtum wie das Radschlagen zum Pfau. Das weibliche Personal wurde darin immer neu aufgefrischt; denn die Frauenblumen welkten schon früh, mit dem 18. Jahre. Ein Page mußte ihm angeblich allabendlich eine solche zuführenCurtius VIII 6, 3.. Gleichwohl heißt es, daß Alexander von ihnen wenig Gebrauch machteσπανίως sagt Diodor.. Apelles, der Maler der dem Meeresschaum entsteigenden Aphrodite, war auch hier im Perserland zugegen; er wurde vom König beauftragt, eine der Schönen, deren Gestalt besonders bezauberte, sie hieß Pankapse, nackt zu malen. Als Apelles sich in sie verliebte, überließ Alexander sie ihmPlinius 35, 86; Aelian, Var. hist. 12, 34.; er war nicht allzu erpicht auf sie.

Dies sultanische Gebaren mußten nun aber Mazedonen und Griechen mit ansehen. Auch sie blieben natürlich in allen Ehren, 164 und Alexander bevorzugte sie immer noch, wo es zu schenken galt. Aber er hatte sein Programm aufgedeckt: er war Kosmopolit geworden; er stand über dem Nationalen, und so wurde er den Seinen zum Ärgernis. Der Mißmut, die Opposition regte sich sogleich, nicht so sehr in der Masse des Heeres als unter den hochstehenden Offizieren, denen jetzt die persischen Herren gleichstanden, hochgewachsene Männer von feiner Sitte, die in der Erscheinung gewiß die Mazedonen oftmals ausstachen. Alexander siegelte doch jetzt auch mit dem Siegelring des Darius; in seinen Briefen schrieb er nicht mehr familiär das »Laß dir's gut gehen«χαῖρε. Nur an Phokion richtete er es noch; s. Aelian, Var. hist. 1, 25. an den Rand der TafelPlutarch, Phokion 17.. Es fehlte nur, daß er sich jetzt auch »König der Könige« nannte. Aber das unterbliebPlutarch, Demetrius Pol. 25..

Alexander war ja sterblich. Wie oft hatte man wohl schon in müßigen Stunden an den Wachtfeuern oder beim Abendtrunk, wo das Herz und das Mundwerk sich lösen, davon gesprochen, was geschehen solle, wenn der König fiele! Ein Erbe fehlte. Die Möglichkeit seines Todes war allen natürlich bei jedem Gefecht, das bevorstand, gegenwärtig, und nur allzu leicht sprang der Gedanke dazu über, wie leicht es sei, den Tod selbst herbeizuführen. Man brauchte nur etwas Bandit zu sein. Königsmord war in Persien, war auch in Mazedonien ganz gewöhnlich. Auch Alexanders Vater war ja so umgekommen. Warum nicht auch er? Jede Bevorzugung eines Persers schien den Mazedonen schon wie ein Fußtritt, jeder Perserrock wie die rote Fahne, die den Stier in Wut bringt.

Die Kriegszüge hatten schon wieder neu begonnen; denn es galt jetzt, des Bessus habhaft zu werden, der sich in Buchara als König und Nachfolger des Darius unter dem Namen Artaxerxes aufgetan hatte. Alexander stand schon weit im Osten Irans im Gebiet der Dranger, in Indiens Nähe; die Stadt Artakaona (oder Chortakana) im Gebiet der Arier war schon gefallen, als in seinem Kriegslager die Verschworenen zusammentraten; Dimnos hieß einer derselbenDymnus bei Curtius; so schrieb man fälschlich vyrgo und Ähnl. mehr; der Name ist überdies an Hymnus angeglichen.. Es waren hervorragende mazedonische MännerFortissimi et illustres, sagt Curtius VI 7, 6.. Dimnos soll sich persönlich 165 gekränkt gefühlt haben; mit den andern stand es wohl nicht anders.

Aber die Beteiligung vieler gefährdet den Erfolg. Die Sache wird ausgeplaudert. Zwei junge Leute, die ihren König verehren, hören zufällig davon, mit allen Einzelheiten, und der eine ist trotz seiner Schüchternheit sofort entschlossen, den königlichen Herrn zu warnen oder warnen zu lassen. Alexander war ahnungslos und vertraute seiner Umgebung wie immer. Der Jüngling wagt nicht selbst bis zum König vorzudringen; die Neugier der vielen Kammerherren und diensttuenden Offiziere schreckt ihn. Da trifft er im Vorraum den Philotas, den Chef der Reiterei, den jeder kannte, und bittet diesen, der zum König täglich intimen Zutritt hat, ihm das gefährliche Geheimnis mitzuteilen. Philotas aber schweigt, ja, auch am folgenden Tag, als der junge Mensch ihn nochmals dringend mahnt, er müsse es melden, verschweigt Philotas dem König die Sache hartnäckig. Wieder war es ein Zufall, daß Alexander das Ganze trotzdem durch einen Pagen, der ihn beim Baden bediente, erfuhr.

Warum schwieg Philotas? Alexander ließ ihn festnehmen und verklagte ihn sofort auf Hochverrat. War er geradezu der Anstifter des Attentats? Man kann es nicht beweisen. Sicher war er der Hehler. Binnen drei Tagen sollte der Mord geschehen sein; Philotas wollte den Dingen freien Lauf lassen. Das lag auf der Hand. Dimnos aber tötete sich selbst.

Alexander waren die Augen aufgegangen. Jetzt wurde ihm des Philotas früheres Verhalten verständlich; er sah ein, was er versäumt hatte: man muß die Hecken rechtzeitig schneiden, sonst verwildern sie. Aber auch auf Parmenio fiel der Verdacht, und alles dies muß den König im tiefsten erregt haben. Denn es handelte sich hier um seine nächsten Freunde, die eigentlichsten Stützen seiner Macht. Was war er ohne sie, er, der keine Brüder, in weiter Welt keinen Blutsverwandten hatte, auf den er sich stützen konnte? Von Tücke und Heimlichkeit sah er sich umgeben, die er haßte wie den Dolchstoß im Rücken.

166 Was hatten die Verschworenen gewollt? Die Frage lag nur zu nahe. Nichts weiter, als sein Blut vergießen? oder wußten sie auch schon, was weiter geschehen sollte, wenn der Mord gelang? Wer sollte von der Gewalttat den Nutzen haben? Gewiß, sie hatten schon ihre bestimmten Pläne; denn sie waren ausgewachsene Männer, die nichts zwecklos tun. Sollte aber einer Alexanders Nachfolger sein, so kamen in allererster Linie Philotas und sein Vater in FrageVgl. oben S. 116 u. 136 f..

Alexander spielte nicht selbst den Richter; nach mazedonischem Volksbrauch hatte vielmehr das Heer zu urteilen. In der Heerversammlung verklagte Alexander seinen Freund. Philotas wurde verurteilt und hingerichtet. Wie Alexander dies trug, erfahren wir nicht. Der gemeine Mann blickte längst mit Wut auf diesen Philotas, der pomphaft wie ein Fürst auftrat und mit den braven Mazedonen nicht einmal mehr mazedonisch sprach. Er sprach nur salongriechisch und trug die Nase hoch, wie einer, der nicht seinesgleichen hat.

Dem König aber stand noch Schlimmeres bevor. Denn auch Parmenio mußte fallen. Schon das frühere Verhalten dieses Mannes konnte zu schwerem Verdacht Anlaß geben, und jetzt: ob er Mitwisser des Komplottes war, ließ sich nicht feststellen. Denn Parmenio stand fern in Medien, in Ekbatana, und zwar an der Spitze der besten Truppen und obendarein im Besitz des ganzen Reichsschatzes, mächtig wie ein König, ja, durch jene Gelder machtvoller als Alexander selbst. Der alte Mann hatte im Heer zwei Söhne, Nikanor und Philotas. Nikanor, Führer einer Elitetruppe zu Fuß, die mit versilberten Schilden gingDiodor 17, 57, 2., war vor kurzem an Krankheit gestorben. Jetzt sollte Parmenio vom Tod des Philotas nichts erfahren. Denn wer weiß, ob er sich sonst nicht in offener Empörung zum Rächer des Sohnes aufgeworfen hätte? Es durfte nicht zum Waffengang zwischen ihm und Alexander kommen; das wäre der Ruin des Ganzen gewesen.

Noch vor des Philotas Ende also sandte Alexander auf geschwinden Dromedaren Offiziere nach Ekbatana, den Parmenio 167 zu erstechen. Sie ritten als arabische Beduinen, um nicht aufzufallen; der Ritt währte elf Tage. Und der Befehl wurde vollführt. Als Parmenio, der Siebzigjährige, ahnungslos in den Gärten lustwandelte und man ihm Briefe zum lesen gab, traf ihn das Dolchmesser. Für Alexander war dies Notwehr. So hatte er ja einst auch, als sein Vater gestorben war, den Attalus umbringen lassen, der gegen ihn aufstand und ihm sein Thronrecht streitig machte. Damals verlor man nicht viel Worte darüber; von der Tötung Parmenios dagegen tönte die Welt wieder; sie wurde in der Sensationsliteratur der Griechen erschütternd dargestellt, ebenso der Prozeß des Philotas zum Martyrium ausgedichtet. Man tadelt eben immer nur den Solospieler; Chor und Mitspieler kommen zumeist ungerupft davon. In Alexander war der blutige Tyrann erwacht, so hieß es nun. Und in der Tat war, was er erlebte, ein erster Tropfen Gift in seinem Blut. Er fühlte es selbst. Ein grauer Schatten war in sein Wesen gefallen. Der Verdacht glimmt in der verdunkelten Seele wie Schwefel, und ist das Mißtrauen einmal erwacht, hat es den Schlaf verlernt. Um so bewundernswerter, wer trotzdem den Menschenhaß nicht lernt und die Menschenverachtung. Hephästion lebte noch und Alexanders anderer Freund Kraterus. Die zwei bewährten sich bis ans Ende; ein echter Treubund verband sie mit ihm, und wenn er nicht zum Tyrannen ausartete, so wird er es ihrem Einfluß, dem Gleichmaß ihres Wesens zu danken haben.

Ich lese, daß die weissagenden Priester im babylonischen Altertum aus den Eingeweiden des Opfertiers unter anderem auch erkannten, wenn gegen Könige Verschwörungen bevorstanden. Es handelte sich um den Teil der Leber, den man den Finger der Leber nannte. »Sieht dieser Finger«, heißt es, »ähnlich wie die Zunge eines Rindes aus, so werden die Generäle des Fürsten sich gegen ihn empörenVgl. A. Ungnad, Die Deutung der Zukunft bei den Babyloniern und Assyrern (Der alte Orient X 3) S. 12..« Auch in Alexanders Diensten wurde die Eingeweideschau regelmäßig betrieben. Aber kein Leberfinger scheint ihn je gewarnt zu haben. 168

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