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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090225
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1

John Rutland warf die Serviette auf den Tisch, der Butler zog den Stuhl unter ihm fort. Das Diner hatte wieder genau 9½ Minuten gedauert. Es war die hastige lieblose Mahlzeit eines einsamen Mannes.

Rutland ging zur Tür der Bibliothek. Wisdom, der Butler, öffnete sie, der Herr nickte ihm kurz zu, Wisdom flüsterte: »Gute Nacht, Sir«, und damit war sein Dienst für heute erledigt.

Abend für Abend, wenn den leitenden ersten Direktor von Killick & Ewarts, der größten Waffenfabrik und mächtigsten Schiffsbauwerft Englands, nicht gesellschaftliche Pflichten riefen, schloß sich um halb neun hinter ihm die Tür der Bibliothek seines stillen Hauses in Egerton Terrace im Viertel Brompton zu London.

Unten im Souterrain saß geruhsam die Dienerschaft und plauderte. Dem weiblichen Teil des Personals spendete der geheimnisvolle Herr des Hauses einen unerschöpflichen Gesprächsstoff.

»Ich bin überzeugt«, sagte Amy, das sehr hübsche Stubenmädchen, das erst kurze Zeit hier in Stellung war und sich bisher vergeblich bemüht hatte, einen bewußt aufmerkenden Blick Rutlands zu erhaschen, »ich bin überzeugt, er haßt die Frauen.«

Die Köchin Jane, die seit fünf Jahren hier unten das Regiment führte, schüttelte gelassen ihr üppiges Doppelkinn.

»Unsinn, Kind«, wehrte sie, »Männer mit solch guten traurigen Augen hassen uns Frauen nicht. Ich sage, was ich immer gesagt habe, dem hat ein Weib mal sehr böse mitgespielt. Ich kenne das. In meiner vorigen Stellung –«

Und sie berichtete zum fünfhundertdreiundsechzigsten Male die Geschichte ihrer verflossenen Stellung. Keiner wagte, sie zu unterbrechen. Denn Jane neigte dazu, sehr ungehalten zu werden und darauf hinzuweisen, daß diese behagliche Küche ihr Reich sei, aus dem sie rechtmäßig unliebsame Persönlichkeiten ausweisen könne. Und darum getraute sich niemand, ihren Redefluß zu dämmen.

Amy spielte nervös mit den Spitzen ihrer Tändelschürze. Der Chauffeur tat, als ob er gespannt dem Märchen aus fünfhundertzweiundsechzig und einer Nacht lausche. Er trug Heiratsgedanken im Busen, bei denen das hochziffrige Sparkassenbuch der Köchin eine gewisse Rolle spielte. Der Butler Wisdom paffte dicke Wolken der Teilnahmslosigkeit aus seiner kurzen Shagpfeife. Er war viel zu erhaben, sich an »Dienstbotentratsch« aktiv zu beteiligen.

Als Jane ihre Memoiren der früheren Stellung beendet hatte, rief Amy erlöst: »Aber, das war doch ein ganz alter Mann. Den Fall kann man doch nicht mit unserem hier vergleichen! Das Sonderbare ist doch gerade, daß unser Herr trotz seiner Jugend niemals ausgeht, wenn er nicht bei offiziellen Festlichkeiten das Werk vertreten muß.«

Killick & Ewarts hießen sie im Hause »das Werk«.

»Nun, so jung ist er grade nicht«, fiel der Chauffeur ein wenig eifersüchtig ein. Das hübsche Mädel gefiel ihm nicht übel. Leider war bei ihr von einem geladenen Sparkassenbuch nichts bekannt. »Seine Vierzig hat er auf dem Buckel. Die Schläfen sind ja ganz weiß.«

»Das kommt von der vielen Arbeit«, belehrte die Köchin autoritativ. »Ich gebe ihm höchstens fünfunddreißig.«

»Auch die kaum«, stimmte Amy eifrig bei. »Diese schlanke Gestalt und der jugendliche Gang und die helle junge Stimme! Und überhaupt.«

Sie machte eine umfassende verliebte Bewegung mit der kleinen, wohlgepflegten manikürten Hand, die keine allzu schwere Hausarbeit verriet.

Der Butler rauchte stumm in unnahbarer Würde. Der Chauffeur begründete, durch Amys offene Neigung aufgestachelt, seine Ansicht, daß der Herr mindestens Vierzig sei.

Er hatte Unrecht. Rutland war vierunddreißig. Aber auch die Köchin irrte, wenn sie das Weiß seiner Schläfen auf seine Arbeit zurückführte. Sein Haar war vor sechs Jahren ergraut in drei furchtbaren Tagen und Nächten, die er auf einer Planke im Stillen Ozean getrieben war. Doch davon wußten nur er und drei kleine zierliche japanische Perlenfischerinnen, die den Bewußtlosen an die Felsenküste der Insel Kyushu geborgen hatten. – – –

Die Dienerschaft täuschte sich auch in dem Glauben, daß ihr Herr von halb neun bis zwölf in der Bibliothek arbeitete.

Abend für Abend kam die Zeit, da Rutland aus den Akten und Papieren, über die er gebeugt saß, aufschreckte und gehetzte scheue Blicke in die dunklen Ecken des großen matterleuchteten Raumes schleuderte. Dann standen dort böse Erinnerungen und stumme, mahnende Gespenster.

Da sank er in sich zusammen, und das Gedenken finsterer Vergangenheit sauste über ihn hin. Lange kauerte er so, gekrümmt und gebeugt unter der erbarmungslosen Faust der Geister aus verklungenen Tagen. Bis er sich jählings aufraffte, emporsprang, mutig und entschlossen in die düsteren unheimlichen Winkel des Zimmers vordrang, den Spuk zu zertreten. Dann schritt er stundenlang auf und nieder und zwang seine Gedanken mit aller zähen Energie und Verbissenheit seines Charakters in andere Richtung, die zermürbende Erinnerung zu betäuben.

Diese nächtlichen Wanderungen in die brütenden schwarzen Ecken der Bibliothek waren seine furchtbarsten Augenblicke.

In dieser krampfhaften Niederzwingung der Vergangenheit gebar er die titanischen Pläne und Ideen, da keimten die Entschlüsse von weltumspannender Weite, die ihn in fünf Jahren zum gebietenden Leiter dieses englischen Riesenwerkes erhoben hatten. Alles, was er ersonnen hatte, war ein Narkotikum gegen die folternde Rückschau seines Hirns. Freilich hatte er es kühl und berechnend im hellen Lichte des folgenden Tages in klug erwogene Tat umgesetzt. Doch erstanden waren diese kühnen, über alle Kontinente greifenden Projekte aus dem Nachtmar der gespenstisch raunenden Vergangenheit.

Und aus einer leidenschaftlichen, fressenden Sehnsucht!

Es war gegen neun Uhr. Da schlug der Klopfer der Haustür gegen den metallenen Buckel. Betroffen horchte Rutland auf. Wer klopfte zu dieser Stunde an seine Tür? Eine böse Ahnung umspülte ihm eiskalt das Herz. Er starrte auf die Tür der Bibliothek.

Dort stand Wisdom, der Butler. Er suchte seine pflichtmäßige Gemessenheit und Hoheit zu wahren. Doch in den Augen flackerte eine Erregung, die er nicht zu meistern vermochte.

»Eine Dame, Sir, wünscht Sie zu sprechen«, meldete er beherrscht. Aber es schien Rutland, als vibriere seine Stimme.

Es war das erstemal, daß eine Frauenhand an diese Pforte pochte.

»Eine Dame?« fragte er bezwungen ruhig und fühlte, wie ihm das Herz in der Brust flatterte.

»Ja, Sir. Sie will ihren Namen nicht nennen. Ich soll nur melden: eine Lady. Der Herr würde schon wissen.«

Eine kurze, belastete Pause.

Dann befahl Rutland mit bemühter Gleichgültigkeit:

»Führen Sie die Dame herein.«

»Sehr wohl, Sir.« Wisdom verneigte sich und ging.

Rutland blickte auf die Tür. Seine Hände zitterten, trotz aller Anstrengungen, sich in der Gewalt zu halten.

Eine hochgewachsene Frau trat ein, schlank, trotz des dichten Persianerpelzes, der sie umschloß. Der helle Chinchilla-Kragen war hochgeschlagen und verhüllte Kinn und Mund. Der kleine, tief in die Stirn gedrückte Hut verbarg den oberen Teil des Gesichts. Nur die großen dunklen Augen waren sichtbar und leuchteten.

Sie blieb an der Schwelle stehen, Rutland schwankte sacht. Wisdom schloß die Tür. Die Frau stand. Ihre Augen glühten in Erwartung.

Da stieß Rutland einen Schrei aus, unbeherrscht und wild, wie ein Jauchzen. Im nächsten Augenblicke war er an der Tür. Die Frau lag stöhnend vor Glück an seiner Brust. –

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