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Alamontade

Heinrich Zschokke: Alamontade - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHeinrich Zschokke's Novellen. Vierter Band
authorHeinrich Zschokke
yearca. 1900
publisherTh. Knaur Nachf.
addressBerlin-Leipzig
titleAlamontade
pages65-135
created20030616
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1803
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Erstes Buch.

1.

Abbé Dillon setzte sich auf ein grünes Rasenstück am Seeufer, beschattet vom verworrenen Baumschlag, der über uns an der schroffen Felswand hing.

»Hier sind noch Plätze zur Rechten und Linken!« sagte er, und sein Auge lud uns lächelnd ein, neben ihm zu ruhen. Roderich setzte sich, und ich folgte. Wir waren alle Drei noch in der Stille beschäftigt, den Gedankengang unseres abgebrochenen Gesprächs zu verfolgen.

Jenseits des Sees glühte der Abendhimmel über den Gebirgen. Die höchsten Felsen und die stillen Hütten der Alpen strahlten rosenrot. Goldstreifen zitterten zwischen bläulichen Schatten über die Schneefläche der Gletscher. In der Ferne sah man veilchenfarben die Berghöhen am Horizont zwischen Gewölken verschwinden.

Der ehrwürdige Mann lehnte seinen Arm an ein Felsstück; sein Haupt war auf die Brust niedergesunken. Ein wehmütiger Ernst durchfloß seine Mienen, die sonst nur der Ausdruck der heitersten Ruhe zu sein pflegten. Auch seinen Freunden blieb die Verstimmung des Abbé nicht gleichgültig.

»Sie werden uns traurig!« sagte ich und drückte ihm mit herzlicher Freundlichkeit die Hand. »Aufgeschaut, liebster Dillon, der Abend ist zu schön; wollen wir ihn uns mutwilliger Weise verderben?«

»Es ist wahr!« sagte Dillon und lächelte wieder. »Aber ich bin nicht traurig. Unser Gespräch berührte die schönsten Geheimnisse und Wünsche des Menschengeschlechtes. Da klangen tausend Nebenvorstellungen und Erinnerungen in mir an, und ich sah im Geiste wieder jene heilige Gestalt, welche mir in den Tagen der Jugend erschienen, und meiner irrenden Seele wie ein Genius den bessern Pfad gewiesen hatte . . . Guter Alamontade, stiller, liebenswürdiger Dulder! . . . Nicht so, Ihr Lieben, Ihr kennet diesen teuren Namen schon?«

»Er ist mir ganz fremd,« sagte ich, »doch glaube ich ihn schon einmal aus Ihrem Munde gehört zu haben.«

»Alamontade?« rief Roderich. »Wie? Der Galeerensklave, von welchem Sie mir die erhabne Stelle aus dem Bündel von Zetteln vorlasen? Wahrlich, es thut mir leid um den Kerl, daß er sich mit seinem Genie auf die Galeere brachte. Aus dem Menschen hätte etwas werden können. Aber Sie scheinen ihn noch von einer anderen Seite zu schätzen, da Sie ihm ein lobendes Beiwort geben.«

»Von diesem kann ich ohne Ehrfurcht nicht reden!« sagte der Greis. »Er ist mir in meinem Lebenslaufe die merkwürdigste Erscheinung gewesen. Durch ihn bin ich mir und der Welt zurückgegeben worden. Ach, er hat mir unsägliches Gutes gethan, und . . . nicht einmal einen Dank empfangen.«

Dillon war tief bewegt. Unter den grauen Wimpern seines Auges zerschmolz eine Thräne. Seine Lippen bebten, als flüsterten sie leise Töne. Die Wehmut des Edlen schien auf uns überzugehen. Jeder gab sich dem Strom durch einander wogender Empfindungen hin; niemand störte des andern Betrachtungen.

Ich vergesse diesen schönen Augenblick nie. Selbst die Natur umher schien empfindend in unsere Träume einzutreten. Wir saßen im Schatten der Felsen, aber vor uns schwamm im halbdurchsichtigen, glänzenden Duft die Gebirgslinie, mit ihrer stillen Alpenwelt, in der Höhe von der Herrlichkeit des goldroten Himmels umgrenzt. Und der See dehnte sich dunkel unter unseren Füßen aus, zwischen dort und hier. So scheidet das unergründliche Grab von den Paradiesen des Jenseits, welche wir zuweilen in Ahnungen sehen. Ein sanfter Hauch der Abendluft zog durch die Wellen des Sees von drüben her, floß kühlend um unsere Schläfe, und verlor sich säuselnd in den Gesträuchen über uns, wie ein Seufzer.

Dillon erwachte. Er ergriff unsere Hände, zog uns an sich und sprach:

»Der Abend ist schön. Wir mögen seiner nicht froher werden als im traulichen Gespräch, in welchem sich die Seelen zu den Heiligtümern der Menschheit erheben. Als ich vorhin den Namen Alamontade aussprach, wollte ich Ihnen erzählen, wer jener Edle gewesen sei, und wie ich ihn kennen lernte, und wie er von mir schied. Die Erinnerungen an ihn sind mir noch jetzt wohlthätig und eine wahre Erbauung.«

»Erzählen Sie!« rief Roderich. »Ein Mann, ein Galeerensklave, den Dillon mit so vieler Innigkeit verehrt, muß ein außerordentlicher Mann sein.«

Abbé Dillon hatte schon längst unsere Erwartung auf den Punkt hingespannt. Das ganze weite Land umher verehrte den Greis, aber niemand kannte ihn genauer als die Unglücklichen und die Kinder, denn bei beiden war er immer am liebsten. Er hatte die seltene Gabe, das Weh dessen auszuspüren, den er kennen lernte; sein Blick, der über das Gesicht des Fremdlings streifte, war hinreichend, den Mann zu erraten, und in einem kurzen, dem Scheine nach bedeutungslosen Wortwechsel drang er in dessen Inneres. Jeder Leidende fand in dem außerordentlichen Mann nicht einen Tröster, einen mitleidigen Freund, sondern den wirklichen Gefährten seines eigenen Unglücks wieder. Man ward mit ihm eher vertraut, als bekannt, und wenn er lehrte, glaubten wir nicht seine, sondern unsere eigenen Gedanken und heimlichen Wünsche bestimmter geordnet und deutlicher entfaltet von seinen Lippen zu hören.

Er begann demnach seine Erzählung und. sprach: Ich war in meiner Jugend ein Wildfang und wäre gern Soldat geworden. Man fühlt da strotzende Kraft und brüstet sich gegen die Welt unseres Herrgottes, und glaubt, man könne es mit den über- und unterirdischen Mächten zugleich aufnehmen. Aber meine Eltern glaubten nicht so. Sie haßten den irdischen Krieg, liebten aber den geistigen gegen die Mächte der Finsternis desto mehr. Sie weihten mich also zum Streiter Christi auf Erden und ich, mit kindlicher Hingebung in ihren Willen, erfüllte den Wunsch des grauen Paares und ergab mich dem geistlichen Stande. Ich ergab mich ihm, das heißt, all mein Wesen gehörte ihm bald an. Ein junger Mensch mit glühender Phantasie ist in seiner Art nichts zur Hälfte. Mein Ehrgeiz, ohne Hoffnung, die Welt durch Waffen zu erschüttern, träumte nun, alle Kirchen der Christenheit mit dem Glanze der Heiligkeit zu erfüllen. Ich ward ein frommer Schwärmer. Die Einsamkeit und die stille Pracht des Klosters, in welchem ich lebte, das Lesen der Kirchengeschichte, der christlichen Verfolgungen, der Leiden unserer Heiligen und Märtyrer begeisterten mich. Ich sah die Welt für eine große Kirche an, in welcher Gott selbst der Hohepriester sei. Die Liebe vollendete meine fromme Thorheit. Ich ward mit einem jungen Frauenzimmer bekannt, dessen Schönheit mich entzückte, dessen Freundschaft für mich meine Einsamkeit in ein Paradies verwandelte. Ich brachte die Liebe und mein verwundetes Herz zum Opfer dar. So wähnte ich den ersten Schritt zur Brüderschaft mit allen Heiligen gethan zu haben. Indem ich den Himmel mich anlächeln sah, schmeichelten die Thränen eines unglücklich liebenden Mädchens meiner Eitelkeit. Wie groß, wie geläutert von dem groben Stoff des Irdischen, wie heilig erschien ich mir selbst! Ich wollte jetzt in einen Mönchsorden treten. Aber meine Eltern hielten mich zurück. Ich wurde Weltpriester und empfing durch den Einfluß meiner Verwandten bald eine schöne Pfründe. Kaum lebte ich außerhalb der hohen Ringmauern des Klosters, so verflog der Rausch meiner Frömmigkeit, ich fand das Getümmel einer großen Seestadt reizender als das schwermütige Einerlei innerhalb der geweihten Mauern. Mein Ehrgeiz aber blieb derselbe; er wechselte nur das Ziel. Es war bald in mir beschlossen, einer der ersten Gelehrten und Schriftsteller unsers und aller Jahrhunderte zu werden. Mein Tummelplatz sollten die weitläufigen Gefilde der Theologie und Philosophie sein. Mein erstes Werk sollte die unzerbrechliche Schutzwehr der geoffenbarten Religion gegen alle Anfälle des Zweifels und des Spottes werden. Ich las und dachte und schrieb, und ehe ich's selbst gewahr wurde, stand ich mit den Waffen gegen das Heiligtum gekehrt, welches ich mit ihnen zu verteidigen gewagt hatte. Die eingeschlichenen Mißbräuche der Kirche machten mir die Kirche, und die Kirche endlich die Religion verdächtig. – So ward ich ein verlorener Sohn derselben. Ich wollte endlich zu meiner eigenen Beruhigung ein neues Gebäude aus den Trümmern des zusammengestürzten aufführen. Vergebliches Bemühen! Diese Trümmer, was waren sie? Graue Vorurteile aus der Kindheit des menschlichen Geschlechts; zerrissene Täuschungen, versunkene Hoffnungen. Meine Ruhe, mein Glück war dahin. Ich beklagte den Frieden einer harmlosen Jugend, wühlte umsonst in dem Schutte meiner Träume, verfluchte umsonst mein vermessenes Beginnen, in die Geheimnisse der Geisterwelt zu dringen. Da lag ich elend und zerschmettert, wie die Riesen unter ihren Felsen, die unzufrieden mit der Erde sich Bahnen in das Reich der Götter eröffnen wollten. Nach Licht hatte ich gestrebt, und fand mich nun in unendlicher Finsternis. Ich wollte Gott näher schauen, und er war aus dem verworrenen Weltall verschwunden. Wo ich ehemals mit süßem Schauer seine Gegenwart ahnte, sah ich tote Reste der sich selbst verzehrenden Natur. Ich wollte den Schleier von der Ewigkeit ziehen, und starrte in ein unermeßliches Grab, worin das Schweigen der Vernichtung und alles umdunkelnde Vergessenheit lag.

Und sehet, meine Lieben, fuhr Dillon fort, ich war sehr unglücklich! Aber ich suchte mich zu erheben und ein Schicksal mit männlichem Mute zu ertragen, welches ich nicht ändern zu können glaubte. Ohne zu wissen, ob ein Gott herrsche und Unsterblichkeit mein Los sei, ehrte ich die Gesetze der Tugend und fühlte in ihrer Erfüllung zuweilen einigen Trost. In dieser Gemütsstimmung war es, daß ich mich zu Toulon befand; und hier war es, wo ich den Mann kennen lernte, der mir den verlornen Frieden wiedergab.

2.

Eines Tages, so erzählte unser Abbé, empfing ich den Auftrag, mich in das Spital der Galeerensträflinge zu begeben, um dort einen alten kranken Galeerensklaven zum Tode vorzubereiten. Die Ärzte hatten die Hoffnung aufgegeben, ihn zu retten, ebenso die beim Spital angestellten Geistlichen. Diese fanden in dem grauen Sünder einen Ketzer, welcher sich durchaus nicht bekehren lassen wollte. Man hielt mich damals für einen Gelehrten. Der Kapitän der Galeere, Herr Delaubin, schien den Sklaven zu schätzen, und da er mich persönlich kannte, drang er ebenfalls in mich, für das Seelenheil des verstockten Sünders zu sorgen. So wenig Neigung auch in mir war, einen Abtrünnigen in den Schoß der Kirche zurückzuführen, ich gab den Bitten nach. Man hatte meine Neugier rege gemacht, indem man allgemein behauptete, der Ketzer sei vollkommen vom Teufel besessen; sei ärger als Calvin und bringe die geschicktesten Heidenbekehrer aus dem Text. Man führte mich in das Zimmer des kranken Galeerensklaven. Da saß er in einen alten Mantel gewickelt, mit dem Gesicht gegen das offene Fenster gekehrt, dem vollen Sonnenschein ausgesetzt, als wollte er sich an ihm erwärmen und zugleich die heitere Aussicht ins Freie genießen. Er drehte den Kopf nach mir um. Ich vergesse dieses blasse Heiligengesicht, so lange ich leben werde, nicht. Hier war nicht der düstere, stiere Blick des gewöhnlichen Verbrechers, oder die schamlose Frechheit des verhärteten Lasters und die Reue und Niedergeschlagenheit der gezüchtigten, aber nicht gebesserten Bosheit; nein, es war die stille Unbefangenheit einer reinen Seele, die Güte der Unschuld, welche aus den großen schönen Augen sprach.

Ich näherte mich ihm. »Verzeihen Sie,« sprach er, »ich kann Ihnen meine Ehrerbietung nicht bezeugen! Sie sehen meine Beine da auf das Strohkissen hingestreckt. Sie sind schon bis zum Knie angeschwollen.« – Ich trat vor ihn hin und fragte ihn nach seinem Namen. Er nannte sich Alamontade, gab mir seinen Geburtsort an und zugleich, daß er, in der Blüte seiner Jahre zu den Galeeren verurteilt, die Strafe bis auf ein halbes Jahr überstanden habe. Er war nun seit neunundzwanzig Jahren Galeerensklave gewesen.

»Wohl Dir,« sagte ich zu ihm, »so wirst Du bald erlöset sein – Du wirst Deine Heimat wiedersehen und den Rest Deiner Tage als ein redlicher Mann leben können!«

»Ich werde meine Heimat nicht wiedersehen!« sagte er mit einer bebenden Stimme. »Ich habe keine Heimat in der Welt – man hat sie mir geraubt. Ich sehne mich ins stille Land der Gräber. Ich weiß es ja, der Tod ist freundlicher gegen mich als das Leben. Er wird so lange nicht mehr zögern als er schon gezögert hat.

»Glaubst Du also,« nahm ich wieder das Wort, »daß Du Deine Freilassung nicht erleben werdest?«

»Ich hoffe es wenigstens,« gab er zur Antwort, »daß der Tod mich eher von der Bürde meiner Tage, als das Gesetz von den Fesseln erlösen werde.«

»Und Du kannst wirklich mit so großer Ruhe an den Tod denken? Hast Du Deine Strafzeit auch so angewandt, daß Du hoffen darfst, vollkommen mit dem ewigen Richter ausgesöhnt zu sein? Siehe, Alamontade, der Herr Kapitän Delaubin erweiset Dir viel Gnade. Er glaubt selbst, Du werdest nur noch wenige Tage zählen . . . ich komme auf sein Verlangen zu Dir, um . . .«

Alamontade unterbrach mich: »Die Gnade unseres Herrn Kapitäns rührt mich tief; auch Ihre Menschenliebe, mein Herr, ehre ich, aber ich bitte Sie demütigst, meinen Herrn zu ersuchen, keinen Geistlichen weiter zu senden, sondern meinen letzten Stunden den Trost der Einsamkeit zu gönnen! Soll und muß ich denn auch dieses Trostes entbehren?« –

Er sagte dies mit so herzlich bittender Stimme, daß ich ohne weiteres mein Wort gab, mich für ihn zu verwenden. Unter anderem ließ ich dabei den Gedanken ganz unwillkürlich fallen: es sei eine Pflicht, das Begehren der Sterbenden zu ehren; und wenn er ein Gottesläugner wäre, solle man ihn nicht wider seinen Willen in den Himmel bringen.

»Sie sind ein Geistlicher?« sagte er. »Ihre Milde thut mir wohl, mehr denn alle Ermahnungen Ihrer Vorgänger. Sie geben mir Ruhe, und machen mich zum Herrn meiner kostbarsten Stunden, der letzten. Einem Mann wie Ihnen, voller Duldung, Erbarmen und Einsicht, kann auch die Dankbarkeit eines Sträflings nicht unangenehm sein. Sie sind ein außerordentlicher Mann!«

»Außerordentlich?« sagte ich. »Ich finde nichts Außerordentliches in Erfüllung der ersten Pflichten jedes Menschen.«

»Eben darin liegt das Außerordentliche!« rief er.

Ich verlangte von ihm, sich näher zu erklären. Er schien Anstand zu nehmen, und fragte mit Schüchternheit, ob ich nicht zürnen würde, wenn er sich frei ausspräche? Ich versicherte ihm, daß es mir sehr lieb sein werde. Darauf sprach er: Mein Herr, wenn der gewöhnliche Mensch seine Pflichten thut, verdient er wahrlich kein Lob! Aber der Mensch, den Stand und Würde über seine Mitbrüder erheben, sein Herz verhärten und sein Urteil lähmen, verdient Bewunderung, wenn er unbefangen und der menschlichen Natur getreu bleibt. Darum soll man an gebornen Königen jede Tugend, an Soldaten das Zartgefühl für Leidende, an Advokaten die Gerechtigkeit, an Priestern die Ehrfurcht vor fremder Meinung rühmen.«

Einem alten Galeerensklaven glaubte ich das Urteil nicht anrechnen zu müssen. Aber doch wurde der Mensch mir durch dies und alles, was er sprach, bedeutender. Ich drang weiter in ihn. Ich war glücklich genug, sein Vertrauen zu erwecken. Meine Unterhaltung schien ihm angenehm gewesen zu sein. Er bat demutsvoll um Wiederholung der Besuche. Ich erfüllte sein Verlangen, ich besuchte ihn täglich. Unser Gespräch wandte sich bald zu den erhabensten Gegenständen der Menschheit. O Ihr Lieben, dieser Verachtete erhob sich in meinen Augen bald zu einem der ehrwürdigen Sterblichen. Er, den ich von seinen Irrtümern bekehren sollte, er bekehrte mich. Seine Weisheit wurde in den Nächten des Lebens mein Leitstern. Seine Tugend heiligte mich wieder. Kommet, ich teile Euch Alamontades Unterhaltungen mit! So ehre ich sein Andenken am schönsten. Was Ihr bis jetzt von mir vernommen, betrachtet als Einleitung zu allem. Euer Seelenzustand ist derselbe, welchen ich zu dem sterbenden Sklaven mitbrachte. Was er damals zu mir sprach, nehmet, als sei es auch zu Euch gesprochen.

Mit diesen Worten erhob sich der Abbé Dillon. Wir gingen schweigend am Ufer des Sees entlang.

Als wir auf des Abbés Zimmer kamen, und die Kerzen angezündet waren, zog er unter seinen Papieren ein Heft hervor. Wir setzten uns, und Dillon las.

3.

Obgleich ich den Sklaven nicht mit Untersuchungen über religiöse Dinge behelligen wollte, weil ich ihn zu kränken fürchtete, leitete er doch selbst die Rede darauf. Er sprach mit Wärme über die Religion.

»Wie,« sagte ich, »Du hast also doch eine Religion, Alamontade?« – »Glauben Sie,« antwortete er, »daß irgend ein Mensch ohne Religion sei? Nur die frühste Kindheit und der Wahnsinn mögen ohne solche sein.« – »Und welche ist die Deinige? Denn man hält Dich für einen Gottesläugner.«

Er versank in ein wehmütiges Schweigen. Dann erhob sich sein Blick wieder zu mir, und er sprach: »Sie fragen nach meiner Religion? Wie soll ich sie Ihnen beschreiben? Es ist die, welche der Schöpfer selber in meinem Innersten offenbarte. Die Vorurteile des großen Haufens, die Sittenlosigkeit der Priester und Mönche, die Widersprüche des kirchlichen Lehrbegriffs mit den unerschütterlichen Wahrheiten der Natur erweckten in früheren Zeiten mein Nachdenken. Und dieses leitete mich aus dem Schoß der Kirche in den Arm Gottes. Meine Religion, mein Herr, kennt ein jeder! Sie finden sie in allen Weltgegenden wieder. Alle Völker haben sie; nur mit mancherlei Schmuck und Zusatz, dessen sie für mich nicht bedarf. Mir ists leichter als allen, sie zu haben. Ich bin ein Elender, der zwar keinem Volke, aber doch der Menschheit angehört. Darum habe ich nicht die Religion eines Volkes, sondern die Religion der Menschheit, und niemand verfolgt mich darum. Auch haben sich die Nationen nie um die Religion, sondern um deren Schmuck und menschlichen Zusatz gestritten . . . Aber sei's doch; wohl denen, die für ihn starben! Beide waren in ihm selig.«

»Wenn Du aber Deinen Glauben für den wahren hältst, und nicht mehr zweifelst; wenn Du also überzeugt bist, daß die Religion anderer etwa Wahn und Irrtum sei, wie kannst Du sie doch selig preisen?«

»Weil sie es waren. Ach, wäre ich ein Mensch wie andere, und wie ich's einst war, und hätte der Welt Vertrauen und Liebe gewonnen . . . dennoch hätte ich mich vor der Sünde gefürchtet, fremden Glauben anzutasten. Die Bewohner der Erde leben ja in ewiger Unmündigkeit. Sie sind Kinder allesamt, und bedürfen des Gängelbandes und des Vormundes. Ihre Vernunft liegt allezeit in der weichen Wiege der Phantasie; und die Empfindungen stehen umher, sie zu wiegen. Zwar schwebt vor ihnen die gewaltige Natur und zeugt mit lauter Stimme: Es ist ein Gott! Zwar wohnt im Innern ihres Herzens ein heiliger Bürge für die Ewigkeit – doch ist ihr Vertrauen zu sich selbst zu gering. Sie zittern vor Selbsttäuschung. Sie glauben dem Fremden mehr als dem Heimischen. Sie bedürfen der Offenbarung. Wohlan denn! Jedes Volk hat seinen Gottgesandten und Propheten; und jedes Kind glaubt seinem Vater mehr, als sich selbst. – Nur wenige einzelne ergeben sich aus der Masse der Millionen; sie verstehen das Zeugnis der Natur und den Bürgen in ihrer Brust, und das Licht ihres Geistes, als Leitstern der Menschheit. Dies sind die Mündigen, die Gottgesandten.«

»Kann aber,« sagte ich, »kann dereinst nicht eine Zeit erscheinen, wo das Menschengeschlecht aus dem Stande der Unmündigkeit hervortritt?«

»Ich zweifle daran,« antwortete Alamontade. »Bei dieser Welteinrichtung, wo wir unser Brot im Schweiße unsers Angesichts genießen sollen, verfliegt der schönste Teil des Lebens überall am Pfluge, am Webstuhl, in der Scheune und am Schiffsruder, im Dienst irdischer Bedürfnisse. Nur wenigen ward es vergönnt, ihre Tage den Wissenschaften zu weihen. Es kann ein Jahrhundert erscheinen, wo endlich das Volk die Ergebnisse der Weltweisheit und Naturkunde, die Früchte mühsamer Untersuchungen auf allen Gebieten der menschlichen Erkenntnis als Eigentum besitzt; es kann ein Jahrhundert erscheinen, wo selbst die Religion in ihrer stillen Einfalt und frei von sinnlichem Gepränge Religion des Volkes ist – aber nie wird das Volk selbst untersuchen und prüfen können. Es wird die großen einfachen Grundsätze und Lehren nicht aus ersten Quellen unmittelbar schöpfen, sondern sie im Vertrauen auf des Lehrers Weisheit empfangen. Und so wie dann, so steht es jetzt. Das Volk hängt mit Glauben an dem, der ihm ein Geweihter höherer Erkenntnis ist; mit dem Glauben, welchen das Kind zu seinen Eltern, der Kranke zu seinem Arzt bringt. Alte Vorurteile werden untergehen, aber neue emporsteigen und die Welt beherrschen. Die Menschen werden kunstvoller, gebildeter, menschlicher werden. Sie werden einst schaudern vor den Zeiten der Barbarei, in welcher wir heute leben – und dennoch aus dem Stande der Unmündigkeit nie ganz hervorschreiten können.«

»Ich zweifle,« sprach ich, »daß die Menschheit, indem sie sich ausbildet, und eines höhern Grades der Einsicht, des Zartgefühls sich freut, zugleich des Elends weniger sehen sollte.«

»Warum nicht? O wahrlich, mein Herr, unter einem veredelten Volk würde ich nie die schönere Hälfte meiner Tage im Kerker und in Fesseln verschmachtet haben! Können Sie nicht glauben, daß mit der Gesittung der Völker die öffentliche Glückseligkeit steigt und das Elend sinkt – so vergleichen Sie einen Augenblick lang die gebildeten Nationen unserer Zeit mit den rohen Horden, die noch auf der untersten Stufe der Kultur stehen; teilen Sie einen Augenblick mit diesen die Angst des Aberglaubens. die Ungezähmtheit brünstiger Leidenschaften, die Unmenschlichkeit ihrer Kriege, die Grausamkeit ihrer unbeholfenen Rechtspflege, die bittern Früchte der Unwissenheit in jeglicher Lebenslage . . . vergleichen Sie den wohlhabenden Europäer unsers Jahrhunderts mit dem wohlhabenden Mann des wilden Mittelalters! . . . Die Entwickelung der mannigfaltigen Anlagen der menschlichen Natur vergrößert den Genuß und die Freuden des Lebens; die Zerstörung schädlicher Vorurteile, die fortdauernden Eroberungen im Gebiet der Wissenschaft vermindern die Zahl der Übel, und geben der Seele allmählich eine Größe und Kraft, mit welcher sie sich über die unabänderlichen Übel emporhebt.«

So redete Alamontade. Ich hörte ihn mit Vergnügen an; meine Gedanken wirkten nur dahin, ihm neue Gedanken zu entlocken.

4.

Als ich eines Nachmittags zu Alamontade kam, fand ich ihn im Bette. Eine ungewöhnliche Heiterkeit überstrahlte sein Antlitz; er lächelte mich an, nie hatte ich ihn lächelnd gesehen.

»Du scheinst Dich heute wohl zu befinden?« sagte ich zu ihm. – »O sehr wohl! Schon erstreckt sich die Geschwulst meiner Füße gegen die Hüften, und der Arzt schüttelte bedenklich sein Haupt. Er kann also doch dem Feinde nicht länger widerstehen, welchen er Tod nennt, und den ich Leben heiße.«

»Stirbst Du denn gern, Alamontade?«

Er sah mich bei dieser Frage mit einer unbeschreiblichen Heiterkeit an; in seinen Blicken spiegelte sich das verschlossene Feuer seines Herzens. »Wie?« sprach er. »Wenn der freundliche Augenblick erscheint, welcher mir die schweren Eisenketten von den müden Beinen nimmt und mich aus der dumpfen Kerkerkammer und traurigen Fremde in die geliebte Heimat zurückführt, soll ich da zittern? Wer liebt auf Erden noch den vergessenen Alamontade? Kein Auge wird mitleidig über seinem Leichnam Thränen vergießen. Ich hinterlasse nichts Geliebtes, welches mir die Rückkehr zum väterlichen Hause erschweren könnte.«

»Und Dein väterliches Haus? Wo ist das, Alamontade?«

»Es ist da, wo ich wieder bei den Meinigen sein werde; wo ich wieder in der großen Familie des Allvaters als Kind auftrete, nicht als Stiefkind, und wo ich allen gleichgeschaffenen Wesen gleich gelte. Der Erdball gehört auch zum Gebiete des Ewigen; aber ich ward hier ins Elend hinabgeschleudert, und keiner kannte mich, keine Seele begrüßte mich als Bruderseele.«

»Weißt Du es denn, Alamontade, weißt Du es gewiß, daß Dich nach der Todesstunde noch Stunden des Lebens erwarten? Kannst Du mit unerschütterter Überzeugung Dein Auge schließen? Du bist es gewesen, der mir selbst bekannte, daß keine geoffenbarte Religion Dich erquicke, wie kannst Du, ohne höhere Offenbarung, Dein Loos nach dem Tode wissen? . . . Doch ich will Deine innere Ruhe nicht mit Zweifeln unterbrechen.«

»Wahrlich,« antwortete Alamontade, »diese Ruhe stört kein Zweifel. Ich selbst stehe da, wo diejenigen standen, welche dem kindlichen Menschengeschlecht Offenbarung gaben, ohne sie empfangen zu haben. Der Mensch in seiner Vollendung bedarf keiner übernatürlichen Erscheinung, um sich im heimatlichen Weltall heimatlich zu fühlen. Nur der Blinde muß durch fremde Hand geleitet werden; ihm bleibt die Straße dunkel, auch wenn ihm tausend Sonnen leuchten.«

»Wann aber ist der Mensch in seiner Vollendung?« frug ich.

»Sobald er seine gesamten Anlagen ebenmäßig ausgebildet hat, recht sie zu würdigen und zu verwenden weiß,« erwarte Alamontade; »wer mit den Händen wandern, mit den Füßen handeln will, wird ein Thor gescholten, und mit Recht. So ist auch der ein Thor, welcher mit der Einbildungskraft die Ewigkeit umfassen will; oder wer die Gefühle zu Sittengesetzen macht; oder wer das Gewesene läugnet, was seinem Gedächtnisse entronnen ist; oder an keine Zukunft glaubt, weil sie noch nicht gewesen ist; oder einen Gott bezweifelt, für dessen Dasein so viel, oder so wenig Beweise sind, als für das Dasein unseres Ich . . . Stark ist der Mensch und groß und einem Gott gleich in seinem Lebenskreise. Aber die falsche Richtung, die irrige Anwendung seiner Kraft macht ihn gebrechlich. Er will mit den Augen zuweilen hören, mit den Ohren sehen. Das kann er nicht. Dann weint er über das Elend des menschlichen Wesens, und klagt die Welt und ihren Urheber an; ihm mangelt überall Wahrheit, und doch ist er selber daran Schuld.«

Ich fühlte mich von dieser Rede getroffen. Ich entdeckte mich dem weisen Manne ohne Hinterhalt, verriet ihm meine Krankheit, diese fürchterliche Zweifelsucht, welche all meinen Frieden zerstörte.

»An allem zweifeln Sie,« sprach er lächelnd, »also auch daran, daß Sie zweifeln? Sie finden nirgends in der Welt Gewißheit, also auch darin nicht, daß Sie es sind, der keine Gewißheit findet?«

»Nein,« rief ich, »daß ich da bin, kann ich nicht läugnen, ohne Wahnsinn; daß ohne mich noch andere Dinge sind, ist auch gewiß. Aber was diese sind, warum ich bin – das weiß ich nicht.«

»Woher wissen Sie, daß Sie sind? Wer hat es Ihnen geoffenbart?«

»Ich empfinde, ich denke, und daraus schließe ich, daß etwas empfindet und denkt, und dies Etwas ist mein Ich. Es wirket etwas auf mich ein, unabhängig von der Willkür meiner Vorstellungen; ich habe demnach keinen Grund, am Vorhandensein anderer Dinge zu zweifeln. Aber die Dinge kenne ich nicht, sondern nur ihre Wirkungen auf meine Sinne. Ich ergründe nun aber wieder den Zusammenhang meiner Seele mit der Außenwelt nicht. Ich finde, je länger ich die Natur studiere, daß die von den Außendingen in mir erzeugten Wirkungen mich gar nicht berechtigen dürfen, auf ihre Beschaffenheit zu schließen, sondern daß die Beschaffenheit der Wirkungen eine Folge meiner unbegreiflichen Einrichtung sei.«

»Ach, mein Herr,« sagte Alamontade, »wenn es dem Menschen nicht um höhere und schönere Geheimnisse zu thun wäre: die Kenntnis der ihn umgebenden Dinge würde ihn sehr wenig beschäftigen. Aber mit Vergnügen will ich Ihren Gedanken folgen. Das, was durch das ganze Leben meinen einsamen Stunden Unterhaltung gewährte, soll mir auch die letzten Wochen, Tage oder Stunden meines Hierseins versüßen. Ich gestehe mit Ihnen, daß auch mir die Ursachen der Dinge, die ich Welt nenne, ein geheimnisvolles Dunkel verhüllt; daß ich eigentlich nur in einer Vorstellungswelt lebe, die alles nach den Gesetzen meines Geistes gestaltet. Aber auch in dieser muß ich, nach eben den Gesetzen, das wirkende Etwas von der Wirkung unterscheiden. Ich sehe also das Weltall in zwei Teile zerfallen: eine Welt voller Erscheinungen, oder der Wirkungen auf mich, und diese ist's, die ich allein kenne – eine andere Welt voll wirkender, an sich unbekannter Ursachen, die ich aus den Wirkungen erkenne; zu diesen gehört mein Ich, oder, wenn Sie wollen, meine Seele, die selbst Erscheinungen hervorbringt. So erblicke ich freilich von dem ungeheuren Uhrwerk des Weltalls nur die Außenseite, nur das Zifferblatt; aber finster und rätselhaft bleibt mir das innere Getriebe und der erhabene Künstler.«

»Du sprichst,« sagte ich, »Du sprichst von Ursachen und Wirkungen; aber weißt du auch, ob dem wirklich im Weltall also sei? Wer bürgt dafür, daß nicht alles anders sei, als Du Dir es vorzustellen gezwungen bist? Wie, wenn Dein ganzes Weltall nichts mehr und nichts weniger als eine notwendige Folge Deiner geistigen Einrichtung wäre, so wie die Rose das notwendige Ergebnis der innern Einrichtung des Rosenstockes ist?«

»Darauf,« erwiderte mein Philosoph, »läßt sich nur eins antworten: entweder will ich Gebrauch von meinem Kenntnisvermögen machen, und dann muß ich infolge seiner Gesetze denken; oder ich will nicht nach den Vorschriften meiner Vernunft urteilen, will dem Vernunftgemäßen auch etwas Vernunftwidriges, als gleichgeltend, an die Spitze setzen: und dann hört alles Forschen auf, und der Wahnsinn nimmt dessen Platz ein. Die Sprache des letztern versteh' ich nicht, so wenig er sich selbst versteht. So lange ich also Mensch, das heißt vernünftig bin, rede ich nach der Vernunft, und der Zweifel des Wahnsinns kann mich nicht anfechten. Ich spreche nur von der Welt, wie ich sie habe, nicht von dem, wovon mir kein Beweis, keine Spur, keine Ahnung zugekommen, und was nirgends für mich, als in einem Seitensprung der Phantasie ist. Genug! Ich weiß, daß ich bin, wiewohl der Wahnsinn auch sich selbst bezweifeln möchte; ich weiß, daß andere von mir unabhängige Dinge auf mich wirken. Ich bin, und bin nicht einsam. Ich teile den Genuß des Daseins mit Millionen anderer Wesen. Ich kenne, unter diesen Millionen, mir gleichgeschaffene Wesen, und nenne sie und mich, weil sie eine freie Selbstthätigkeit haben, zu wirken, Geister. Ich kenne sie, wie mich, nur aus ihren Erscheinungen in Worten und Handlungen . . . Doch ihre Natur ist mir unbekannt. Sie gehören zu den ersten Ursachen, zu jenen Kräften, welche die Welt mit ihren Wirkungen füllen, wiewohl sie an sich selbst Geheimnis bleiben.«

»Und warum müssen sie an sich ein Geheimnis bleiben?« frug ich.

Auf dieses warum antwortete er: »Die Frage streift an die Grenze unseres Wissens. Ich könnte wohl antworten: Wie die ganze Natur um uns her lebt und wirkt, und dabei keine Anschauung von ihrem eigenen Innern hat; oder wie der einzelne Gedanke aus dem menschlichen Geiste hervorgeht, ohne daß der Gedanke sich in seiner eigenen Wesenheit erkennen kann, weil er nicht Quell seiner selbst, sondern ein Ausfluß oder gleichsam ein Teil unseres Ich ist: so hat auch der Geist zwar Bewußtsein, aber ebenfalls keine Anschauung und Erkenntnis von der eigentlichen Beschaffenheit seiner Natur, weil auch er nicht unabhängiger Quell seines Vorhandenseins, sondern Teil und Ausfluß eines höheren Lebens, ein Gedanke ist aus diesem Höhern, welchen die menschlichen Zungen Urgrund alles Seins oder Gott heißen. Ich könnte sagen: Das unendliche All der Geister, Wesen, Kräfte und Dinge ist nur ein Einziges, ein getrenntes Ganze, das zwar den Sinnen oder dem menschlichen Vorstellungsvermögen teilbar vorkommt, aber es in sich selbst nicht ist. Das Einzige, dies All, außer welchem nichts mehr möglich gedacht werden kann, weil es selbst alles ist, hat, weil es alles ist, allein im höchsten Bewußtsein die Anschauung seiner selbst. Wir andern Geister, Wesen, Kräfte und Dinge sind Gottesausflüsse, ohne Anschauung unserer innern Wesenheit, weil wir sonst das Wesen Gottes durchschauen und erkennen müßten, der unser Urwesen ist. Ich könnte Ihnen mehr sagen. Aber würden Sie mich verstehen? Auch ich habe einst vorwitzig oder neugierig den Kreis überschreiten wollen, welchen die Natur mir für meine Wirksamkeit vorgezeichnet hat; aber bald fühlte ich die Eitelkeit meines Bemühens. Der erste Schritt zur Weisheit und Beruhigung ist, das Unmögliche anzuerkennen; der zweite, nicht das Unmögliche zu wollen. Da es nun thöricht ist, das Unmögliche zu wollen, so muß uns das Opfer leicht werden, für immer und gänzlich mit unsern Gedanken von ihm abzulassen, und uns mit dem zu begnügen, was wir haben. Und das, was wir im Reiche des Wissens haben, ist genug für unsere Beruhigung. Während mein Geist in den Wundern der unendlichen Natur schwelgt, fühlt er sich selbst, als einen der edlern Teile, in ihr. Die Natur bleibt, nur die Formen, die Farben, die Zusammensetzungen der Dinge ändern sich; aber was hinter diesen Farben und Formen liegt, und was diese wechselnden Erscheinungen hervorbringt, hört nicht auf. Ich kann durch die Gewalt des Feuers einen Palast in unsichtbare Sonnenstäubchen auflösen; aber damit habe ich nur ein Verhältnis der kleinen Teile zu einander aufgehoben, welches ehemals Palast hieß; die Teile selbst habe ich nicht aus dem Weltall ausgerottet. Die wirkenden, unbekannten Kräfte, die Dinge an sich bleiben; nur andere Erscheinungen erzeugen sich selbst, das heißt, sie machen auf meine Sinne einen andern Eindruck, da sie in andern Verhältnissen mit mir stehen. Weiter dringe ich nicht. Teils erblicke ich überall den Grenzstein meines Wissens; teils bedarf ich zu meiner Beruhigung nicht mehr, als mir zu wissen vergönnt ist.«

»Ich gestehe Dir,« sagte ich zu Alamontade, »Deine Philosophie ist sehr genügsam. Die meinige fordert leider mehr. Sie sucht feste, unbedingte Wahrheit, und findet sie nirgends. Sie sucht Gewißheiten über die wichtigsten Angelegenheiten der menschlichen Natur, und entdeckt nur Zweifel weit umher.«

Alamontade lächelte sanft, streckte seine Arme empor, und seine Augen glänzten von einem freudigen Strahl. »Auf meinem Eden,« rief er, liegt keine trostlose Nacht! Ich bin . . . und bin im unendlichen, unerforschten All; aus ihm, aus Gott verliert sich nichts. Mein Sein ist mit dem Sein des Weltalls eins. Es ist eine Urkraft; aus ihr bin ich; ihr Name ist auf aller vernünftigen Wesen Zungen; von ihr weht jedem Herzen Ahnung zu; und jeder Vernunft ist's gegeben, sie zu denken, sie zu ehren . . . Und das ist Gott! Und der Gedanke an Gott ist die dunkle Anschauung unseres eigenen geheimnisvollen Wesens; und die Selbstachtung des tugendhaften Geistes für sich ist eine Verehrung des Urgrundes von allem, was ist.«

Alamontade hatte meine Frage nicht verloren. Er nahm sie nach einiger Zeit wieder auf.

»Nichts scheint mir natürlicher,« sagte er, »als daß der Mensch tiefer in Zweifeln versinkt, je weiter er den Spuren einer aus der Ferne leuchtenden Wahrheit nacheilt! Die träge Ungewißheit nur allein glaubt alles, sie bezweifelt nichts. Wer sich ihr entreißt, entdeckt unter zehn verehrten Wahrheiten gewiß neun Irrtümer. Beschämt von mannigfachem Selbstbetrug, wird er voll Mißtrauen. Ihm genügt nichts mehr als feste, unumstößliche Gewißheit: er findet sie nirgends, denn überall kann er hinzusetzen: unter andern Verhältnissen könnte doch auch alles anders sein . . . Darum fließen Aberglaube und Unglaube unmittelbar aus derselben Quelle. Der Stuhl Petri zu Rom trug die ersten Gottesläugner der Christenheit . . . Zwischen der Nacht und dem Tage ruht Dämmerung: zwischen Irrtum und Wahrheit das quälende Helldunkel des Zweifels.«

»Aber warum verschmachtet so mancher in diesen Nebeln, und findet sich nicht hinaus zum Licht?« fragte ich dazwischen.

»Vielleicht fehlt's manchem,« sagte er, »an Mut, er bleibt stehen, statt in gerader Bahn vorwärts zu schreiten; ein anderer, der die Träume seiner Kindheit liebt, schaudert vor der ungewöhnlichen Gestalt der Wahrheit, und kehrt im Alter dahin zurück, von wannen er kam. Ich kannte in meiner Jugend manchen bußfertigen Gottesläugner. Noch andere suchen das Licht auf falschen Wegen, das heißt, statt fortzuschreiten, drehen sie sich in ihrem Zweifelkreise herum. Sie wollen Überzeugung vom Dasein Gottes und von der Unsterblichkeit der Seele. Um diese Entdeckung zu machen, fangen sie vergebliche Untersuchungen über die Natur der Dinge an, der Kräfte, von denen wir nur die Wirkung, nicht sie selbst wahrnehmen, Sie wollen erfahren, was Gott an sich, und was die Seele an sich sei, während sie ihrer Natur nach doch nur Erscheinungen von beiden erblicken können. Nach fruchtlosen Bemühungen stehen sie in ihrem Halbdunkel wieder auf der alten Stelle, und verzweifeln daran, aus den Irrgängen zu entkommen. Aber bei den meisten entspringt wahrscheinlich die Zweifelskrankheit aus der falschen Anwendung ihrer Geisteskräfte bei Behandlung des großen Gegenstandes. Sie wollen mit der Phantasie erwirken, was nur die Vernunft allein vermag. Sie wollen sich unter Bildern vorstellen, was sich nur denken läßt, wie auch mathematische Punkte und Linien sich denken lassen. Während die Vernunft arbeitet, schiebt die Phantasie unvermerkt den reinen Begriffen Bilder unter, und der getäuschte Philosoph nimmt diese für jene, und verzagt zuletzt am Gelingen seiner Sache. Daher ist jene Krankheit meistens jungen Männern Ihres Alters eigen, mein lieber Herr Abbé, wo man vom Spielplatz der Einbildungskraft in die Werkstatt des Verstandes tritt, beide liebt und beide wirken läßt, und wo dann die ersten Werke unserer Selbstthätigkeit seltsame, wenngleich zuweilen schöne Mißgestalten werden!«

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