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Alexandre Dumas (der Ältere): Akte - Kapitel 7
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleAkte
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
printrun26. Auflage
year1921
translatorClara Laufer
illustratorFritz Bergen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170123
projectide175c084
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VII.

Auch inmitten der berauschenden Siegesfeier hatte der Kaiser die junge Griechin nicht vergessen. Noch stand sie ganz betroffen von der furchtbaren Überraschung, in die sie der Name und Stand ihres Geliebten versetzt hatten, da kamen zwei liburnische Sklaven auf sie zu und luden sie im Namen Neros ehrfurchtsvoll ein, ihnen zu folgen. Akte gehorchte mechanisch; sie dachte nicht einmal daran zu fragen, wohin sie geführt werde, so sehr war sie von dem entsetzlichen Gedanken erfüllt, daß sie die Geliebte dieses Mannes sei, dessen Namen sie nie ohne Schrecken hatte aussprechen hören. Am Fuße des Kapitols, zwischen dem Tabularium und dem Tempel der Konkordia, traf sie eine prachtvolle Sänfte an, die von sechs stattlichen ägyptischen Sklaven getragen wurde, auf deren Brust halbmondförmige Silberschilde glänzten, und deren Arme und Beine mit Ringen aus demselben Metall geschmückt waren. Neben der Sänfte bemerkte sie Sabina, die sie bei der Siegesfeier einen Augenblick aus dem Gesicht verloren hatte. Akte stieg in die Sänfte und ließ sich auf den seidenen Kissen nieder; so näherte sie sich dem Palatin, während Sabina zu Fuß neben ihr herging und der Herrin Schatten spendete durch einen großen Pfauenfederfächer, der am Ende eines indischen Rohrs befestigt war. Etwa dreihundert Schritte weit verfolgten die Träger der Sänfte auf der heiligen Straße denselben Weg, den Akte im Gefolge des Kaisers zurückgelegt hatte; dann wandten sie sich rechts zwischen dem Tempel der Diana und dem des Jupiter-Stator hindurch und erstiegen einige Stufen, die auf den Palatin führten. Nachdem sie noch eine kleine Strecke auf dem herrlichen Plateau, das den Hügel krönt, zurückgelegt hatten, hielten sie vor der Schwelle eines kleinen, alleinstehenden Hauses an. Sogleich brachten die beiden Liburnier mit Purpurteppichen bedeckte Fußtritte an jede Seite der Sänfte, damit diejenige, die der Kaiser ihnen zur Herrin gesetzt hatte, sich nicht einmal die Mühe zu geben brauchte, zu bezeichnen, auf welcher Seite sie auszusteigen wünsche.

Akte wurde erwartet, denn als sie sich der Türe näherte, öffnete sich diese und schloß sich wieder, nachdem sie eingetreten war, ohne daß sie jedoch jemand bemerkte, der das Amt des Türhüters erfüllte.

Sabina allein folgte ihr, und da sie glaubte, daß nach dem weiten, ermüdenden Weg der erste Wunsch ihrer Herrin ein erfrischendes Bad sein werde, führte sie diese in das Apodyterium, das Zimmer, in dem man sich zum Bade auszukleiden pflegte. Akte war noch zu sehr erschüttert von dem verhängnisvollen Geschick, das sie fortgerissen hatte, dem Herrn der Welt zu folgen; sie setzte sich auf die Bank, die an den Wänden des Gemaches entlang lief, und bedeutete Sabina, daß sie warten möge. Und wie wenn der unsichtbare, mächtige Gebieter, dem sie sich ergeben, geahnt hätte, daß sie wieder in ihre schwermütigen Träumereien versinken könnte, ertönte auf einmal süße, wundersame Musik, ohne daß man unterscheiden konnte, woher sie eigentlich kam. Die Musiker waren so verteilt, daß das ganze Gemach von ihren Harmonien erfüllt wurde. Ohne Zweifel hatte Nero während der Überfahrt Gelegenheit gehabt, den wohltuenden Einfluß zu bemerken, den diese geheimnisvollen Töne auf das Gemüt der jungen Griechin ausübten, und hatte alles so angeordnet, um die Erinnerungen zu zerstreuen, deren Macht er zu vernichten strebte. Wenn das seine Absicht gewesen war, so wurde seine Erwartung keineswegs getäuscht. Denn kaum hatte das Mädchen die ersten Akkorde erklingen hören, so hob sie das traurige Köpfchen sacht in die Höhe; die Tränen waren gestillt, die eben noch über ihre Wangen rieselten, nur eine letzte zitterte noch am Rande der langen Wimpern, wie eine Tauperle an den Staubfäden einer Blüte, und wie der Tau an den Sonnenstrahlen, schien sie rasch zu trocknen an dem Feuer des Blickes, den sie verschleiert hatte. Zugleich kehrte eine lebhafte Röte in die erblaßten Lippen zurück, die wie zum Lächeln oder Küssen halbgeöffnet blieben.

Jetzt näherte sich Sabina ihrer Herrin, die nicht länger widerstrebte, und selbst mithalf, die Kleidungsstücke zu lösen, von denen eines nach dem andern zu Boden sank, bis sie nur noch in ihrem kurzen Untergewande vor der Sklavin stand. Nun zog Sabina ihr die goldenen Nadeln aus den weichen Haaren, löste mit geschickten Fingern den schweren Knoten, und ließ die weiche Flut in langen Wellen den Rücken hinabgleiten. Von den weißen Armen streifte sie die kostbaren mit Edelsteinen reich besetzten Spangen, ein Geschenk Neros, und öffnete die feinziselierte Goldkette, die den schlanken Hals schmückte. Dann kniete die Sklavin vor Akte nieder und band die goldenen Bänder auf, welche die feinen ledernen Sandalen an den zarten Knöcheln festhielten. Zitternd und das holde Köpfchen in schamhafter Verwirrung gesenkt legte Akte selbst Hand an und ließ nun auch die letzte Hülle fallen, so daß sie schamhaft errötend dastand wie die keusche Venus. Es ist vielleicht hier der Platz, einige Worte über die Kleidung der vornehmen Römerinnen der Kaiserzeit zu sagen. Als Untergewand trugen sie die Tunica, ein ärmelloses, bis auf die Kniee reichendes, vorne und hinten geschlossenes Hemd, welches um die Hüften durch einen Gürtel festgehalten wurde, über den man gewöhnlich die Falten herunterzog. Die Tunika war gewöhnlich meist aus dickerem Wollstoffe gefertigt, selten aus Seide. Darüber kam dann die aus feinster, zart gefärbter Wolle gewobene Stola, das eigentliche Gewand der römischen Matrone, welches bis auf die Füße reichte und halblange, aufgeschlitzte, durch Knöpfe oder Spangen zusammengehaltene Aermel hatte; unten hatte die Stola einen Besatz oder eine Falbel und um die Taille war sie gegürtet, während sie auf der Schulter durch eine meist kostbare goldene oder silberne mit Edelsteinen besetzte Fibula gehalten wurde. Außerdem trugen die Frauen die Palla, ein mantelähnliches Kleidungsstück, das hauptsächlich für die Straße bestimmt war.

Es war eine so vollkommene, jungfräuliche Schönheit, die sich hier entschleierte, daß selbst die Sklavin in Entzücken geriet, und als Akte, um in den zweiten Raum zu gelangen, die Hand auf ihre entblößte Schulter stützte, sah sie Sabinas blasse Wangen erröten und fühlte ihren Körper erbeben, wie wenn eine Flamme ihn berührt hätte. Überrascht blieb Akte stehen, sie fürchtete, ihrer Dienerin weh getan zu haben; diese erriet den Grund ihrer Zögerung, ergriff die Hand, die herabgeglitten war, und legte sie von neuem auf ihre Schulter, so betrat sie mit ihrer Herrin das Tepidarium.

Das war ein weiter, viereckiger Raum, in dessen Mitte sich ein seeartiges Bassin mit lauem Wasser befand. Junge Sklavinnen, mit Narzissen und Seerosen bekränzt, spielten wie Nymphen und Najaden an der Oberfläche. Kaum hatten sie Akte bemerkt, so schoben sie eine elfenbeinerne, mit Korallen und Perlmutter eingelegte Muschelschale in ihre Nähe an den Rand. All diese wundersamen Erscheinungen folgten so rasch aufeinander, daß Akte sich ihnen wie im Traume hingab. Sie setzte sich in das zauberleichte Fahrzeug und befand sich im nächsten Augenblick in der Mitte des Sees, wie Venus umgeben von ihrem schwimmenden Hofstaat. Da ertönte wieder die liebliche Musik, die sie zuvor entzückt hatte, und bald mischten sich die Stimmen der Nymphen und Najaden in ihre weichen Klänge. Sie erzählten die Fabel von Hylas, der am troischen Gestade Wasser schöpfen ging; und wie die Nymphen des Flusses Askanius den Liebling des Herkules mit Worten und Gebärden umschmeichelten, so breiteten sie die Arme aus und luden Akte singend ein, in ihre Mitte herabzusteigen. Diese Spiele in den Wellen waren der jungen Griechin vertraut, wohl tausendmal war sie mit ihren Gespielinnen über den Golf von Korinth hinüber geschwommen, deshalb schwang sie sich ohne Bedenken hinab in das laue, duftende Meer, wo ihre Sklavinnen sie wie eine Königin empfingen.

Diese jungen Mädchen waren unter den Schönsten aller Länder ausgewählt worden, die einen in Kaukasien, die andern in Gallien; diese kamen aus Indien, jene aus Spanien, dennoch erschien Akte inmitten dieser einem verwöhnten Geschmack entsprechenden Gruppe wie eine Göttin. Nachdem sie kurze Zeit auf der Oberfläche des Wassers hingeschwommen war wie eine Sirene, und mit der Geschmeidigkeit und Grazie einer Schlange getaucht und sich getummelt hatte, bemerkte sie, daß Sabina ihrem schwimmenden Hofstaat fehle. Sie blickte umher und sah sie in einer Ecke sitzen, den Kopf in die Falten ihres Gewandes verbergend. Vertraulich und scherzend wie ein Kind rief sie ihr zu. Sabina erzitterte und ließ den Mantel fallen, der ihr Gesicht verhüllte. Nun fingen all die schwimmenden Mädchen an zu lachen; mit sonderbar spöttischem Ausdruck, den Akte nicht verstehen konnte, riefen sie ihr zu und tauchten mit dem Oberkörper aus dem Wasser empor, um sie durch ihre Bewegungen einzuladen zu ihnen herabzukommen. Einen Augenblick schien die junge Sklavin ihrem Ruf folgen zu wollen; etwas Sonderbares mußte in ihrer Seele vorgehen, ihre Augen brannten, ihr Gesicht glühte, Tränen strömten von ihren Lidern herab und trockneten auf ihren heißen Wangen. Aber anstatt dem nachzugeben, was offenbar ihr Wunsch war, stürzte sie zur Türe, wie um sich vor einem Zauber zu retten. Doch war ihre Bewegung nicht so behend gewesen, daß Akte nicht Zeit gefunden hätte, sich aus dem Wasser zu schwingen und ihr unter lautem Gelächter der Sklavinnen den Ausgang zu vertreten. Da schien Sabina ohnmächtig zu werden, ihre Kniee zitterten, kalter Schweiß rann von ihrer Stirn, sie erbleichte sichtbar, und Akte, die fürchtete, daß sie fallen könnte, breitete die Arme nach ihr aus und hielt sie an ihrer Brust. Aber gleich darauf stieß sie die Dienerin zurück, und ein leichter Schmerzensschrei entrang sich ihren Lippen. In der seltsamen Verwirrung, in der sich die Sklavin befand, als ihr Mund die Schulter der Herrin berührte, hatte sie dort eine brennende Bißwunde hinterlassen. Dann war sie, erschrocken über das, was sie getan hatte, aus dem Saal gestürzt.

Auf Aktes Schrei waren alle Sklavinnen herbeigeeilt und hatten ihre Herrin umringt; aber diese bemühte sich, in der Furcht, Sabina könnte sonst bestraft werden, ihren Schmerz unter einem Lächeln zu verbergen, indem sie zwei oder drei Blutstropfen abwischte, die wie flüssige Korallen auf ihre Brust herabrieselten.

Der Zwischenfall war übrigens zu geringfügig, als daß er bei Akte einen anderen Eindruck hervorgebracht hätte, als den der Verwunderung. Sie näherte sich jetzt dem anstoßenden Gemach, dem sogenannten Kaldarium, um hier ihr Bad zu vollenden.

Es war dies ein kleiner, kreisrunder Saal, an dessen Wänden ringsum Stufen hinliefen; diese führten zu engen Nischen empor, in deren jeder ein Sessel stand. Die Mitte nahm ein Behälter mit kochendem Wasser ein, das einen dichten Nebel bildete, wie er morgens über einem See lagert. Nun war diese Dampfwolke noch erhitzt durch einen äußeren Ofen, dessen Flammen in Röhren umherliefen, welche das ganze Kaldarium in ihre glühenden Arme schlossen und sich auch an den Außenwänden entlang zogen wie der Efeu an der Mauer.

Akte kannte diese Art von Bädern noch nicht, die nur in Rom gebräuchlich war. Als sie in den heißen Raum trat, fühlte sie sich so sehr beengt von der Dampfwolke, die ihr entgegenquoll, daß sie nach Atem rang und ihr die Stimme versagte. Sie breitete die Arme aus und wollte um Hilfe rufen, aber sie konnte nur unartikulierte Laute hervorbringen und in Schluchzen ausbrechen. Sie versuchte den Ausgang zu erreichen, wurde jedoch von den Armen der Sklavinnen zurückgehalten; da sank sie um und machte nur noch ein Zeichen, daß sie ersticke. Sogleich zog eine der Frauen an einer Kette, und ein goldener Schild, der die Decke abschloß, öffnete sich wie eine Klappe und ließ einen frischen Luftzug von außen einströmen in die nahezu unerträgliche Atmosphäre. Akte fühlte sich neu belebt, ihre Brust weitete sich, eine angenehme Mattigkeit bemächtigte sich ihrer, sie ließ sich zu einem jener Sessel geleiten und fing schon an, mit mehr Widerstandsfähigkeit die glühende Temperatur zu ertragen, bei welcher das Blut wie flüssige Flammen durch die Adern wallte. Bald wurde der Dampf von neuem so dicht und brennend, daß man zum zweiten Male seine Zuflucht zu dem goldenen Schilde nehmen mußte, und mit der frischen Luft von außen durchdrang ein solches Wohlgefühl die Badenden, daß die junge Griechin die Begeisterung der römischen Damen für diese Bäder zu begreifen anfing, die sie bis jetzt nicht gekannt und anfangs für eine Qual gehalten hatte. Gleich darauf war der Dampf wieder ganz dicht geworden, aber dieses Mal gestattete man ihm keinen Ausweg, sondern ließ ihn sich bis zu einem Grade zusammenballen, daß Akte von neuem in Ohnmacht zu fallen drohte. Da näherten sich zwei ihrer Frauen, hüllten ihren ganzen Körper in einen scharlachroten Mantel und trugen sie auf ihren Armen in ein Zimmer mit gewöhnlicher Temperatur, wo sie sie auf einem Ruhebett niederlegten.

Hier mußte sich Akte einer neuen Behandlung unterziehen, die zwar seltsam genug, doch minder überraschend und schmerzhaft war als diejenige im Kaldarium. Es war das Massieren, jene üppige Gewohnheit, welche die Römer von den Orientalen übernommen hatten, und die neuester Zeit wieder in Aufschwung gekommen ist. Zwei neue Sklavinnen, die mit diesen Übungen vertraut waren, fingen an, sie zu streichen und zu kneten, bis alle ihre Glieder geschmeidig und biegsam waren. Hierauf brachten sie weitbauchige Salbengefäße aus Rhinozeroshorn herbei und rieben den ganzen Körper mit duftenden Salben und wohlriechenden Essenzen ein, die sie zuerst mit feiner Wolle, dann mit zartestem ägyptischem Nesseltuch und zuletzt mit weichem Schwanenflaum abtrockneten.

Während der ganzen Zeit dieser letzten Stadien des Bades lag Akte mit halbgeschlossenen Augen, ohne Worte und ohne Gedanken in seltsam wonnige Schlaftrunkenheit versunken, die ihr nur die Kraft übrig ließ, eine bisher nie gekannte Lebensfülle zu empfinden. Ihre Brust weitete sich, und mit jedem Atemzug schien das Leben durch alle Poren in sie einzuströmen. Dieser rein körperliche Eindruck war so stark, daß er nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit auslöschte, sondern auch alle Schmerzen der Gegenwart besiegte. In solchem Zustand war es unmöglich, an Unglück zu glauben. Das Leben stellte sich dem Geiste des jungen Mädchens als eine Reihe süßer und reizender Erscheinungen dar, die, ohne greifbare Gestalt anzunehmen, an einem weiten, wundervollen Horizont hinschwebten.

Mitten in diesem magnetischen Halbschlummer, in dieser gedankenlosen Träumerei hörte Akte, wie sich die Türe im Hintergrund des Zimmers, in dem sie lag, öffnete; aber da sie jede Bewegung ermüdete, drehte sie sich nicht um und dachte, eine Sklavin sei eingetreten. So blieb sie mit halbgeschlossenen Augen liegen und hörte auf ihr Lager langsam abgemessene Schritte zukommen, von denen jeder sonderbarerweise, je näher er kam, in sich selbst zu verhallen schien. Jetzt wandte sie mit Anstrengung den Kopf nach der Seite, von der das Geräusch herkam, und sah majestätisch langsam eine Frau in dem vornehmen Schleppgewande der römischen Matronen auf sich zuschreiten. An ihrem Lager blieb die Erscheinung stehen, das junge Mädchen fühlte ihren tiefen, durchdringenden Blick auf sich haften, vor dem es, wie vor den Augen einer Seherin, unmöglich schien, etwas zu verbergen. Die Unbekannte betrachtete sie einige Augenblicke stillschweigend, dann begann sie mit leiser, wohlklingender Stimme, während jedes ihrer Worte wie die eisige Schneide eines Dolches dem jungen Mädchen durch die Seele drang: Du bist die junge Korintherin, die ihre Heimat und ihren Vater verlassen hat, um dem Kaiser zu folgen, nicht wahr?

Ihr ganzes bisheriges Leben, Glück und Jammer, Vergangenheit und Zukunft waren in diesen wenigen Worte eingeschlossen, so daß eine Flut von Erinnerungen auf Akte einstürmte. Ihre Mädchenzeit, wo sie an der Quelle der Pyrene Blumen pflückte, der Kummer ihres alten Vaters, als er am Tage nach den Spielen vergebens nach ihr rief, ihre Ankunft in Rom, bei der sich ihr das schreckliche Geheimnis enthüllte, das bis dahin ihren kaiserlichen Geliebten umgeben hatte, alles schien lebendig hinter dem Zauberschleier, welchen diese Frau mit eisiger Hand aufhob. Akte stieß einen Schrei aus und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. O ja, rief sie schluchzend, ich bin diese Unglückliche!

Ein augenblickliches Stillschweigen folgte dieser Frage und Antwort, während dessen Akte nicht die Augen zu öffnen wagte, weil sie den beherrschenden Blick jener Frau auf sich ruhen fühlte. Endlich ergriff die Unbekannte ihre Hand, mit der sie das Gesicht bedeckte, und da sie aus diesem Händedruck, so kalt und unbestimmt er auch gewesen war, mehr Mitleid als Drohung herauszufühlen meinte, getraute sie sich, die von Tränen benetzten Augenlider aufzuschlagen. Die Frau betrachtete sie noch immer.

Höre, sagte sie dann mit derselben wohlklingenden Stimme, doch weicher wie zuvor, das Schicksal hat wunderbare Geheimnisse; zuweilen legt es das Glück und Unglück eines Kaiserreichs in die Hand eines Kindes; anstatt vom Zorn der Götter bist du vielleicht von ihrer Gnade auserlesen.

Oh, rief Akte, ich bin schuldig, aber nur aus Liebe, ich fühle nichts Schlimmes in meinem Herzen, und da ich nicht mehr glücklich sein kann, möchte ich wenigstens alle Menschen glücklich machen. Aber ich bin allein, schwach und unvermögend. Sage mir, was ich tun soll, und ich will dir gehorchen.

Vor allem, kennst du denjenigen, dem du dein Schicksal anvertraut hast?

Erst seit heute morgen weiß ich, daß Lucius und Nero dieselbe Person sind, und daß mein Geliebter der Kaiser ist. Als Tochter des alten Griechenland hat mich seine Schönheit, seine Geschicklichkeit, sein Gesang betört, ich bin dem Sieger gefolgt und wußte nicht, daß es der Herr der Welt war.

Und jetzt, versetzte die Fremde mit starrem Blick und bebender Stimme, jetzt weißt du, daß es Nero ist, aber weißt du auch, was Nero bedeutet?

Ich bin gewöhnt worden, ihn für einen Gott zu halten, antwortete Akte.

Nun wohl, fuhr die Unbekannte fort, indem sie sich niedersetzte, ich will es dir sagen, denn die Geliebte soll zum mindesten den Geliebten kennen und die Sklavin ihren Herrn.

Was werde ich hören! seufzte das junge Mädchen.

Lucius ist fern vom Throne geboren, er näherte sich ihm durch eine Heirat, er bestieg ihn durch ein Verbrechen.

Nicht er hat es begangen, rief Akte aus.

Er trug den Nutzen davon, antwortete kalt die Unbekannte; übrigens hatte der Sturm, der den Baum fällte, den Sprößling verschont, doch sollte der Sohn bald seinem Vater folgen. Britannikus schlief bei Klaudius, in diesem Fall war Nero gewiß der Mörder.

Oh! wer kann das sagen, rief Akte; wer kann eine so schreckliche Anklage gegen ihn schleudern?

Du zweifelst, Mädchen? fuhr die Unbekannte fort, ohne daß der Ton ihrer Stimme im Ausdruck wechselte. Willst du wissen, wie sich die Sache zutrug? Ich werde es dir sagen. Eines Tages, als neben dem Zimmer, in welchem sich Agrippina mit ihrem Hofstaat aufhielt, Nero mit Kindern spielte, unter denen sich auch sein Bruder Britannikus befand, befahl er diesem, in den Speisesaal zu gehen und den Gästen Verse vorzusingen, weil er glaubte, der Knabe werde schüchtern sein und sich das Lachen und Spotten der Höflinge zuziehen. Britannikus gehorchte dem Befehl; in weißem Kleide trat er blaß und traurig in die Speisehalle und sang inmitten der Festesfreude mit bewegter Stimme und mit Tränen in den Augen die Verse, die unser alter Dichter Ennius dem Astyanax in den Mund legt: O mein Vater! o mein Heimatland! o Haus des Priamus, herrlicher Palast! Tempel mit hallenden Gängen! mit Wänden, leuchtend von Gold und von Elfenbein! ... ich habe euch fallen sehen unter barbarischer Hand, ihr seid ein Raub der Flammen geworden! Plötzlich verstummte das Lachen der Gäste, und Tränen traten an seine Stelle; so ausgelassen die Festesstimmung gewesen, verstummte sie doch vor der Unschuld und vor dem Schmerz. Damit war das Schicksal des Britannikus entschieden. In den Gefängnissen von Rom war eine Giftmischerin, die um ihrer Verbrechen willen berühmt war. Nero ließ den Tribunen Pollio kommen, der mit ihrer Bewachung beauftragt war, denn der Kaiser trug noch Bedenken, selbst mit dieser Frau zu sprechen. Des andern Morgens brachte Pollio Julius das Gift, das von den Erziehern selbst in den Becher des Knaben gegossen wurde. Aber, war es Furcht oder Mitleid, die Mörder scheuten vor dem Verbrechen zurück; das Getränk war nicht tödlich. Da ließ Nero, der Kaiser, hörst du, der Gott, wie du ihn eben nanntest, die Giftmischerin in seinen Palast kommen, in sein Zimmer, vor den Altar der Götter, die den häuslichen Herd beschützen, und dort, dort ließ er sie das Gift brauen. Man versuchte es an einem Bock, der noch fünf Stunden lebte, dann ließ man das Gift noch länger kochen und gab es einem Eber, bei dem der Tod sofort eintrat. Darauf nahm Nero ein Bad, salbte sich mit Wohlgerüchen und setzte sich mit einem Lächeln auf den Lippen in die Nähe des Tisches, an dem Britannikus aß.

Aber, unterbrach Akte mit zitternder Stimme, wenn Britannikus wirklich vergiftet wurde, wie kommt es, daß der Sklave, der die Speisen kostete, das Gift nicht bemerkte? Britannikus habe von Kindheit auf an Epilepsie gelitten, sagt man, und während eines solchen Anfalls ...

Ja ja, das sagt Nero, und darin kommt seine höllische Bosheit zum Vorschein. Ja, alle Speisen und Getränke, die Britannikus berührte, wurden vorher gekostet, aber man brachte ihm ein so heißes Getränke, daß es der Sklave wohl kosten, doch der Knabe nicht trinken konnte, dann goß man ihm frisches Wasser dazu, und in diesem Wasser war das Gift enthalten, ein Gift, das so plötzlich wirkte, daß Britannikus ohne Schrei, ohne Klage die Augen schloß und zu Boden stürzte, – Einige Unkluge entflohen, die Gescheiten blieben, blaß und zitternd, und errieten die Wahrheit. Nero, der unterdessen gesungen hatte, neigte sich über das Lager des Britannikus, sah ihn an und sagte:

Es ist nichts, Britannikus wird gleich wieder zum Bewußtsein kommen. – Dann fuhr er fort zu singen. Doch hatte er die Bestattung schon vorbereitet; auf dem Marsfelde war ein Scheiterhaufen errichtet, und in der Nacht noch wurde der Leichnam, der ganz von blauen Flecken entstellt war, dahin verbracht. Und wie wenn die Götter sich weigerten, an dem Brudermord teilzunehmen, fiel der Regen in Strömen herab und löschte dreimal den brennenden Holzstoß aus. Da ließ Nero den Leichnam mit Pech und Harz bedecken, ein vierter Versuch wurde gemacht, und dieses Mal verzehrte das Feuer den Leichnam und schien den zürnenden Geist des Britannikus auf einer lohenden Flammensäule zum Himmel emporzutragen.

Aber Burrus, aber Seneka! ... rief Akte.

Burrus und Seneka! versetzte die unbekannte Frau mit Bitterkeit; denen füllte man die Hände mit Silber und den Mund mit Gold, darum schweigen sie!

Ach, ach! jammerte Akte!

Von diesem Tage an, fuhr die Frau fort, der alle diese Geheimnisse vertraut schienen, von diesem Tage an war Nero der echte Sohn des Aenobarbus, der würdige Nachkomme jener Rasse mit dem kupfernen Bart, dem ehernen Gesicht und dem bleiernen Herzen: Von diesem Tage an verstieß er Oktavia, der er die Herrschaft verdankte; er verbannte sie aufs Land, wo er sie bewachen ließ, und hatte nur noch Sinn für Wagenrennen, Komödiespielen und Kurtisanen; er begann jenes Leben, dessen wilde Ausschweifungen Rom seit zwei Jahren erschrecken. – Denn der, den du liebst, Mädchen, dein schöner olympischer Sieger, der, den jedermann seinen Kaiser nennt, den die Kurtisanen wie einen Gott anbeten, der verläßt nachts seinen Palast als Sklave verkleidet oder mit der Mütze des Freigelassenen auf seinem Haupt; er läuft entweder zur Milviusbrücke oder in eine berüchtigte Schenke, wo der göttliche Kaiser inmitten von Wüstlingen und Prostituierten, von Packträgern und Gauklern zum Klange des Zimbals eines Priesters der Cybele oder zur Flöte einer Kurtisane seine kriegerischen Heldentaten oder Liebesabenteuer singt. Dann zieht er, erhitzt von Wein und Wollust, an der Spitze dieses Haufens durch die Straßen, beleidigt die Frauen, schlägt die Vorübergehenden, beraubt die Häuser, bis er endlich in den goldenen Palast zurückkehrt und zuweilen auf seinem Gesicht die schmachvollen Spuren heimbringt, die der Stock irgend eines unbekannten Rächers darauf zurückgelassen hat.

Das ist unmöglich, unmöglich, rief Akte aus, du verleumdest ihn!

Du irrst dich, Mädchen, ich sage noch nicht einmal die volle Wahrheit.

Aber warum bestraft er dich nicht dafür, daß du solche Geheimnisse aufdeckst?

Das könnte mir leicht eines Tages geschehen, und ich bin darauf gefaßt.

Warum setzest du dich dann seiner Rache aus?

Weil ich vielleicht die einzige bin, die ihr nicht entfliehen kann.

Aber wer bist du denn?

Seine Mutter.

Agrippina! rief Akte, indem sie von dem Bett aufsprang und ihr zu Füßen fiel, Agrippina! ... Die Tochter des Germanikus, die Schwester, Witwe und Mutter eines Kaisers steht vor mir armen Tochter Griechenlands! ... Oh, was willst du von mir? Sprich, befiehl, ich will dir gehorchen. Nur verlange nicht, daß ich ihn nicht mehr lieben soll! Denn, trotz allem, was du mir gesagt hast, liebe ich ihn noch immer. Aber ich werde wenigstens sterben können.

Im Gegenteil, mein Kind, fahre fort, den Cäsar mit derselben grenzenlosen Ergebenheit zu lieben, die du dem Lucius gewidmet hast. In dieser Liebe allein ruht meine Hoffnung, denn die Reinheit der einen soll die Verdorbenheit der andern bekämpfen.

Der andern, rief das junge Mädchen entsetzt, liebt der Cäsar noch eine andere?

Das weißt du nicht, Kind?

Ach! was wußte ich denn? Als ich Lucius folgte, habe ich mich da nach dem Cäsar erkundigt? Was ging mich der Kaiser an? Ich liebte einfach den Künstler, dem ich mein Leben darbot, weil ich glaubte, daß er mir seines dafür biete: Aber wer ist denn diese Frau? ...

Eine Tochter, die ihren Vater verleugnet, eine Gattin, die ihren Gatten verraten hat. Eine Frau, die verhängnisvoll schön ist, und der die Götter alles geschenkt haben – nur kein Herz: – Sabina Poppäa.

Oh! ja, ich kenne diesen Namen. Ich habe von dieser Frau gehört, ohne zu ahnen, daß sie für mich bedeutungsvoll werden könnte. Mein Vater, der nicht wußte, daß ich in der Nähe war, erzählte einem andern Greise von dem, was dieses Weib getan, und sie erröteten beide darüber. Hat sie nicht ihren Gatten Crispinus verlassen, um ihrem Geliebten Otho zu folgen? Und hat dieser sie nicht nach einem Festmahl dem Kaiser verkauft für das Prokonsulat von Lusitanien?

Ja, ja, so ist es! rief Agrippina aus.

Und er liebt sie! liebt sie noch immer! seufzte Akte schmerzlich.

Ja, erwiderte Agrippina mit dem Ausdruck des Hasses, ja, er liebt sie noch, liebt sie immer, denn es steckt ein Geheimnis dahinter, ein Liebestrank, wie Cäsonia ihn dem Kaligula gegeben hat!

Gerechte Götter! stöhnte Akte, bin ich genug bestraft? bin ich jetzt unglücklich genug?

Weniger unglücklich und weniger bestraft als ich, erwiderte Agrippina, denn dir stand es frei, ihm als Geliebte zu folgen, mir aber haben ihn die Götter zum Sohne gegeben. Verstehst du jetzt, was dir zu tun übrig bleibt?

Ihn zu fliehen, ihn niemals wiederzusehen.

Davor hüte dich wohl, mein Kind. Man sagt, daß er dich liebe.

Sagt man das? Ist es wahr? – Glaubst du es?

Ja.

Oh! sei dafür gesegnet!

Wohlan denn! lege dieser Liebe einen Willen unter, setze ihr ein Ziel; strebe, ihn von dem Höllengeist zu befreien, der ihn zu Grunde richtet, so wirst du Rom retten, den Kaiser, vielleicht mich selbst.

Dich selbst? Glaubst du denn, daß er es wagen würde? ...

Nero wagt alles.

Aber ich bin zu schwach, um einen solchen Plan durchzuführen.

Du bist vielleicht das einzige Weib, das rein genug ist, diese Aufgabe zu erfüllen.

Oh! nein, nein! es ist besser, ich reise ab und sehe ihn niemals wieder!

Der göttliche Kaiser läßt Akte zu sich bitten, sagte mit sanfter Stimme ein junger Sklave, der die Türe geöffnet hatte.

Sporus! rief Akte erstaunt.

Sporus! murmelte Agrippina und verhüllte ihr Haupt mit dem Schleier.

Der Cäsar wartet, versetzte der Sklave nach kurzem Stillschweigen.

So geh' denn, sagte Agrippina.

Ich folge dir, antwortete das Mädchen.

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