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Alexandre Dumas (der Ältere): Akte - Kapitel 5
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleAkte
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
printrun26. Auflage
year1921
translatorClara Laufer
illustratorFritz Bergen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170123
projectide175c084
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V.

Die beiden aufeinanderfolgenden Siege des Lucius und die seltsamen Umstände, die sie begleiteten, hatten tiefen Eindruck auf die Gemüter der Zuschauer gemacht. Griechenland war früher das von den Göttern geliebte, von ihnen vor allen begünstigte Land gewesen, das sie am häufigsten zu besuchen pflegten. Alle sagenhaften Erinnerungen an Heldentaten und Abenteuer von Göttern, die vom Olymp herabgestiegen waren, lebten bei den beiden Siegen des Lucius in der dichterischen Phantasie des Volkes wieder auf, dem die Römer seine große Vergangenheit nicht hatten rauben können. Die Preisbewerber, die mit ihm im Gesang hätten wetteifern sollen, zogen sich zurück, als sie sahen, wie übel es denen erging, die sich im Ringkampf und im Wagenrennen mit ihm gemessen hatten. Sie dachten an das Schicksal des Marsyas, der einst wider Apollo gestritten, und mißtrauten den Musen. Lucius blieb allein übrig von fünf Mitbewerbern, die ihren Namen anfangs eingeschrieben hatten, doch bestand der Prokonsul darauf, daß das Fest zur bestimmten Stunde gefeiert werde.

Lucius fesselte die Korinther schon durch den Gegenstand, den er gewählt hatte. Es war ein Gedicht über Medea, das dem Cäsar Nero selbst zugeschrieben wurde. Diese Zauberin, die von Jason nach Korinth entführt, hatte, nachdem er sie verlassen, ihre Kinder am Fuße der Altäre niedergelegt und dem Schutze der Götter befohlen, worauf sie hinging, ihre Nebenbuhlerin durch ein verderbenbringendes Gewand zu vergiften. Die Korinther, empört über die Greueltat der Mutter, entrissen die Knaben dem Tempel und töteten sie durch Steinwürfe. Dieser Frevel blieb nicht unbestraft, die Götter rächten ihre beleidigte Majestät durch eine verheerende Krankheit, die alle Kinder in Korinth ergriff. Seither waren indessen fünfzehn Jahrhunderte verflossen, und die Nachkommen der Mörder leugneten die Schuld der Väter. Aber ein Fest, das jedes Jahr am Todestage der Knaben gefeiert wurde, und die Gewohnheit, den Kindern bis zum Alter von fünf Jahren als Zeichen der Sühne schwarze Kleider anzulegen und die Haare zu scheren, war ein deutlicher Beweis für die Wahrheit des schrecklichen Ereignisses. Es ist leicht zu verstehen, wieviel diese Umstände dazu beitragen mußten, die versammelten Korinther den Vortrag des Liedes mit Spannung erwarten zu lassen.

Zum Schutze gegen die Strahlen der Maisonne war das Theater, das, kleiner als Ringplatz und Hippodrom, zwanzigtausend Zuschauer faßte, von einem ungeheuren Velarium überschattet. Diese azurblaue Decke bestand aus einem seidenen, mit Goldsternen besäten Gewebe, in dessen Mitte man den Cäsar Nero im Gewande des Triumphators, auf einem vierspännigen Wagen stehend und von einem Strahlenkranz umgeben, erblickte. Trotz des Schattens, den das Zeltdach dem Theater gewährte, war die Hitze so drückend, daß viele junge Leute Pfauenfederfächer in der Hand bewegten, um damit den Frauen Kühlung zuzufächeln, welche auf Purpurkissen oder persischen Teppichen ruhten, die ihre Sklaven zuvor auf den für sie bestimmten Plätzen ausgebreitet hatten. Unter diesen Frauen bemerkte man Akte, aus deren dunkler Lockenfülle die zwei goldenen Blätter hervorleuchteten, die ihr die Taube zugetragen, weil sie nicht wagte, sich mit den Kränzen zu schmücken, die ihr der Sieger gewidmet hatte. Sie war nicht, wie die meisten der anwesenden Damen, von einem Gefolge junger Männer umschwärmt, sondern nur von ihrem Vater begleitet, um dessen schöne ernste Züge ein Lächeln spielte, das die rege Teilnahme an den Triumphen seines Gastes und zugleich den Stolz verriet, den er darüber empfand. Er war es, der, voll Vertrauen in das Glück des Lucius, seine Tochter bestimmt hatte, mitzukommen, weil er sicher war, daß sie auch dieses Mal einen Sieg erleben würden.

Die für das Schauspiel festgesetzte Stunde nahte heran, und die Versammlung befand sich in gespannter Erwartung, als ein donnerartiges Geräusch ertönte und gleich darauf ein feiner Sprühregen niederging, der die Luft erfrischte und mit Wohlgerüchen schwängerte. Alle Anwesenden klatschten in die Hände, denn der Donner rührte von zwei Männern her, die hinter der Scene Kieselsteine in einem Bronzebehälter umherrollten, was den Beginn des Schauspiels ankündigte, und der Regen war nichts anderes als ein wohlriechender Tau, der aus einer Essenz von cilicischem Safran bestand und von den Statuen aus verspritzt wurde, die den Umgang des Theaters krönten. Gleich darauf ging der Vorhang auf, und Lucius erschien mit einer Leier in der Hand auf der Scene; links von ihm stand der Schauspieler Paris, der während des Gesanges die begleitenden Bewegungen auszuführen hatte. Hinter ihm war der Chor aufgestellt mit dem Chorführer an der Spitze, der von einem Flötenspieler und einem Schauspieler unterstützt wurde.

Schon an den ersten Tönen des jungen Römers erkannte man den wohlgeübten Sänger, denn anstatt sein Thema gleich anzugreifen, ließ er einige präludierende Läufe vorhergehen, welche zwei Oktaven und eine Quinte umfaßten, was eine so große Ausdehnung der menschlichen Stimme bekundete, wie sie seit Timotheus nicht wieder gehört worden war. Nachdem er dieses Vorspiel mit überraschender Leichtigkeit und Sicherheit ausgeführt hatte, kam der Sänger zu dem Gegenstande selbst. Er behandelte, wie wir wissen, die Abenteuer der Medea, des berückend schönen zauberkundigen Weibes. Als geschickter Meister in der darstellenden Kunst hatte der Kaiser Claudius Nero die Erzählung in dem Augenblick aufgenommen, wo Jason mit seinem stolzen Schiffe Argo an der Küste von Kolchis landet und ihm Medea, die Tochter des Königs Aëtes, Blumen pflückend, entgegenkommt. Bei dem ersten Gesang erbebte Akte. So hatte sie Lucius ankommen sehen, auch sie hatte Blumen gepflückt, als das Schiff mit den goldenen Flanken den Strand von Korinth berührte; in den Fragen des Jason, in den Antworten der Medea erkannte sie die eigenen Worte wieder, die sie mit dem jungen Römer gewechselt hatte. Und wie wenn diese süßen Worte auch von einer weichen, schmelzenden Harmonie begleitet sein müßten, trat Sporus vor, während einer kurzen Unterbrechung durch den Chor und reichte dem Sänger eine elfsaitige Lyra, die auf die jonische Tonart gestimmt war. Dieses Instrument glich dem, welches Timotheus vor den Ohren der jungen Lacedämonier hatte erklingen lassen und dessen Töne die Ephoren für so gefährlich hielten, daß sie erklärten, der Sänger habe die Majestät der antiken Musik verletzt und versucht, die spartanische Jugend zu verführen. Vier Jahrhunderte waren seit dieser Verpönung der verführerischen, jonischen Leier verflossen.

Lucius erregte einen Beifallsturm, der an Wut grenzte. Akte lauschte in atemloser Spannung, ihr war, als ob der Geliebte ihr eigenes Erlebnis zu erzählen begonnen habe. Wie Jason war auch Lucius gekommen, einen wunderbaren Schatz zu holen im fremden Lande, und schon kündigten zwei mit Erfolg gekrönte Unternehmungen an, daß er wie Jason Sieger bleiben werde. Aber um den Sieg zu feiern, bedurfte er eines anderen Instrumentes als desjenigen, mit dem er die Liebe besungen hatte. Nachdem er in der Erzählung dahin gekommen war, wo Jason im Tempel der Hekate Medea begegnet und von ihr die Zaubermittel erhält, die ihm helfen sollen, die schrecklichen Hindernisse zu überwinden, die sich der Erlangung des goldenen Vließes entgegenstellten, da ergriff er eine lydische Leier, zu deren ernsten und durchdringenden Tönen er die übermenschlichen Taten zu besingen begann.

Akte zitterte am ganzen Körper, in ihrem Geist vermochte sie Jason nicht mehr von Lucius zu trennen. Sie folgt dem Helden, den Medeas Zaubersäfte unverletzlich gemacht haben, durch alle seine furchtbaren Kämpfe mit den feuerschnaubenden ehernen Stieren, der riesigen Schlange, den geharnischten Männern und dem ungeheuren Drachen, bis endlich seiner heroischen Standhaftigkeit der goldene Preis zu teil wird.

Jetzt griff Lucius wieder zu der jonischen Leier, denn Medea erwartet den zurückkehrenden Sieger, und Jason versucht, sie mit hinreißenden Liebesworten zu bestürmen, die Heimat und ihren Vater zu verlassen und ihm auf die Wellen zu folgen. Der Kampf ist lang und schmerzlich, aber endlich siegt seine Liebe. Zitternd und kaum bekleidet verläßt Medea während der Nacht den väterlichen Palast. An der Pforte angekommen, überwältigt sie das Verlangen, die teuren Züge des Vaters noch einmal zu sehen. Mit scheuen Tritten und verhaltenem Atem schleicht sie in das Gemach des Greises, nähert sich dem Lager und küßt zum letzten Male die weißen Haare, wobei ein schmerzliches Schluchzen sich ihrer gequälten Brust entringt, was der Greis für eine Stimme hält, die er im Traume zu hören glaubt. Dann eilt sie in die Arme ihres Geliebten, der sie am Hafen erwartet und die Ohnmächtige auf das wunderbare Schiff trägt, das Athene selbst auf Jolkos erbaut hat, und unter dessen Kiel die Wogen sich gehorsam beugen, so daß es in rascher Fahrt sich vom Ufer entfernt und Medea, als ihr das Bewußtsein wiederkehrt, schon die heimatliche Küste am Horizont verschwinden sieht. So vertauscht sie Asien für Europa, den Vater für den Gatten, die Vergangenheit für die Zukunft.

Dieser zweite Teil des Gedichts wurde von Lucius mit solchem Feuer und solcher Leidenschaft gesungen, daß alle Frauen tieferschüttert zuhörten. Besonders Akte war, wie Medea, von heißen Liebesschauern ergriffen; mit starren Augen, tonloser Stimme und atemloser Brust glaubte sie ihre eigene Geschichte zu hören, gleichsam in einen Zauberspiegel zu schauen, der ihr Vergangenheit und Zukunft zugleich vorhielt. In dem Augenblick, wo Medea zum letzten Male ihre Lippen auf die weißen Haare des Aëtes drückt und aus ihrem gebrochenen Herzen der letzte Seufzer erlöschender Kindesliebe dringt, schmiegte sich Akte an ihren Vater; erblassend, fühlte sie ihre Sinne schwinden und lehnte ihr Haupt auf die Schulter des Amykles. Der Triumph des Sängers hatte seinen Höhepunkt erreicht. War nach dem ersten Teil des Gedichts jubelnder Beifall losgebrochen, so konnte jetzt nur er selbst den Sturm der Begeisterung beschwichtigen, den seine Kunst entfesselt hatte, indem er sich anschickte, den dritten Teil des Gedichtes vorzutragen.

Noch einmal wechselte er die Leier, denn es war nicht mehr die jungfräuliche Liebe, die er zu schildern hatte, nicht der Triumph des Geliebten und des Helden, es war die Undankbarkeit des Mannes, die rasende Eifersucht der Frau, die rächende und mordende Liebe. Nur die dorische Tonart vermochte diese Wut und diese Leiden auszudrücken.

Medea schwimmt auf dem Wunderschiff, sie landet in Thracien und geht erst nach Jolkos, um eine Schuld der Kindesliebe an Jasons Vater zu entrichten, den sie verjüngt. Dann kommt sie nach Korinth, wo Jason sie verläßt, um Kreusa, die Tochter des Königs von Epirus, zu heiraten. Jetzt verwandelt sich die hingebende Geliebte in das eifersüchtige Weib. Sie taucht ein Gewand in verzehrendes Gift und sendet es der lieblichen Braut, die sich ahnungslos damit bekleidet. Während sie unter entsetzlichen Qualen vor den Augen des verzweifelnden Jason ihr Leben aushaucht, erwürgt die Mutter selbst ihre beiden Knaben, damit ihr keine Erinnerung an den ungetreuen Mann mehr bleibe, und fährt in einem von geflügelten Drachen gezogenen Wagen davon.

An dieser Stelle des Gedichts, die den Korinthern besonders zusagte, weil sie den Mord der Kinder, im Gegensatz zu der Überlieferung, der Mutter zur Last legte, wurde inmitten des tosenden Beifalls das Geräusch der Kastagnetten laut, die dazu dienten, im Theater den höchsten Grad der Begeisterung auszudrücken. Nicht nur der Olivenkranz, den der Prokonsul bereit hielt, wurde dem wunderbaren Sänger zu teil, sondern ein ganzer Regen von Blumen und Blumengewinden, welche die Frauen aus ihren Haaren lösten und entzückt auf die Bühne warfen. Einen Augenblick konnte man fürchten, Lucius möchte unter allen diesen Kränzen erstickt werden, wie Tarpeja unter den Schilden der Sabiner, um so mehr als er, unbeweglich und scheinbar gleichgültig gegen diesen unerhörten Triumph, mit den Augen in den Reihen der Frauen die eine suchte, um derentwillen er allein stolz war auf seinen Sieg. Endlich bemerkte er sie halbtot in den Armen des Greises; inmitten all der schönen Korintherinnen hatte sie allein noch ihren Blumenschmuck auf dem Haupt. Da sah er mit unendlicher Zärtlichkeit in den Blicken zu ihr empor und breitete so sehnsüchtig flehend die Arme aus, daß Akte die Hand erhob, um den Kranz von ihrer Stirn zu lösen; aber da sie nicht die Kraft hatte, ihn dem Geliebten zuzuwerfen, ließ sie ihn in die Orchestra fallen und sank weinend in die Arme ihres Vaters.

Als der nächste Morgen graute, schwamm die goldene Galeere leicht und zauberhaft auf den blauen Wogen des Golfes von Korinth wie das Schiff Argo. Gleich diesem trug sie eine andere Medea an Bord, die ihren Vater und ihre Heimat verlassen hatte. Es war Akte, die, gestützt auf Lucius, auf dem Deck des Schiffes stand und durch den Schleier, der sich allmählich vom Cytheron herabsenkte, nach Korinth zurückblickte, das sich an dessen Fuß anlehnt. Unbeweglich, mit starren Augen und halbgeöffneten Lippen verharrte sie, bis sie nichts mehr von der Stadt sehen konnte, die den Hügel krönt, und von der Burg, die sich darüber erhebt. Als dann zuerst die Stadt hinter den Wogen verschwand, und auch die Zitadelle, die wie ein im Raume verlorener weißer Punkt noch eine Zeit lang auf dem Gipfel der Wellen schaukelte, gleich einer tauchenden Seeschwalbe ins Meer versunken war, da entrang sich ein Seufzer ihrer Brust, ihre Kniee wankten, sie stürzte ohnmächtig zu Lucius' Füßen nieder.

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