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Alexandre Dumas (der Ältere): Akte - Kapitel 3
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleAkte
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
printrun26. Auflage
year1921
translatorClara Laufer
illustratorFritz Bergen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170123
projectide175c084
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III.

Während der folgenden Nacht wurden Opfer dargebracht; die Tempel waren mit Blumenguirlanden reich geschmückt wie zu den großen vaterländischen Festen. Sobald die heiligen Zeremonien beendet waren, stürzte das Volk nach dem Gymnasium, obwohl es erst ein Uhr morgens war; so heftig war der Wunsch, die Spiele wiederzusehen, welche die Zeit der Kraft und Größe Griechenlands in das Gedächtnis zurückriefen.

Amykles gehörte zu den acht erwählten Schiedsrichtern; in dieser Eigenschaft war ihm ein Platz vorbehalten gegenüber dem des römischen Prokonsuls. Er kam erst im letzten Augenblick, ehe die Spiele ihren Anfang nahmen. Am Eingang traf er Sporus, der seinen Herrn aufsuchen wollte, und den die Wachen nicht einließen, weil sie ihn wegen seines weißen Gesichts, seiner zarten Hände und des lässigen Ganges für eine Frau hielten, und ein altes Gesetz, das wieder in Kraft getreten war, jede Frau zum Tode verurteilte, die es wagen sollte, den Spielen anzuwohnen, bei denen die Athleten nackt kämpften. Der Greis verbürgte sich für den Jüngling, und dieser konnte seinen Herrn einholen, nachdem er einige Augenblicke zurückgehalten worden war.

Das Gymnasium glich einem Bienenkorb. Von oben bis unten saßen die Besucher dicht gedrängt in den Reihen; die Zugänge schienen durch eine lebendige Mauer verschlossen, und die ganze Bekrönung des Gebäudes war von einer Reihe stehender Zuschauer überragt, die einander festhielten und deren einzige Stützpunkte die vergoldeten Balken waren, die je zehn Fuß voneinander entfernt standen und das Velarium trugen. Viele schwärmten noch wie Bienen um die Eingänge dieses ungeheuren Schiffes, darin nicht nur die Bevölkerung von Korinth verschwunden war, sondern auch die Abgesandten aus aller Welt, die zu diesen Festen herbeikamen. Nur die Frauen hielten sich fern und warteten an den Toren oder auf den Mauern der Stadt, bis der Name des Siegers ausgerufen würde.

Sobald Amykles Platz genommen hatte, war die Zahl der Preisrichter voll; da erhob sich der Prokonsul und erklärte im Namen des Cäsar Nero, des römischen Kaisers und Herrn der Welt, die Spiele für eröffnet. Diese Worte wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen, und alle Augen wandten sich der Pforte zu, an welcher die sieben Kämpfer warteten. Nur zwei von ihnen waren aus Korinth; unter den fünf anderen waren ein Thebaner, ein Syrakusaner, ein Sybarite und zwei Römer.

Die zwei Korinther waren Zwillingsbrüder, sie traten mit verschlungenen Armen vor, trugen dieselbe Tunika und waren sich an Wuchs, Haltung und Gesicht so ähnlich, daß bei ihrem Anblick alles in die Hände klatschte. Der Thebaner war ein junger Hirte, der einst auf dem Cytheron seine Herde weidete, da sah er plötzlich einen Bären kommen, dem er sich ohne Waffen entgegenstellte, und Schulter an Schulter rang er so kraftvoll mit dem fürchterlichen Gegner, bis er ihn erstickt hatte. Zur Erinnerung an diesen Sieg trug er die Haut des Tieres um seine Schultern, während ihm der Kopf als Kapuze diente und mit den blanken Zähnen sein sonnengebräuntes Antlitz umrahmte. Der Syrakusaner hatte von seiner Kraft einen nicht minder erstaunlichen Beweis gegeben. Eines Tages, da seine Mitbürger dem Jupiter ein Opfer darbrachten, ward der dazu erlesene Stier schlecht getroffen und stürzte sich, mit Blumen gekränzt und mit den heiligen Binden geschmückt, wütend unter die Menge. Schon hatte er mehrere Menschen unter seine Füße getreten, da faßte ihn der Syrakusaner bei den Hörnern, die er mächtig auseinanderbog, zwang das Tier auf die Seite nieder und hielt es so lange unter sich, bis ein Söldner ihm das Messer in die Kehle gestoßen hatte. Auch der junge Sybarite, der sich seiner Kraft lange nicht bewußt gewesen, hatte sie bei einer ebenso abenteuerlichen Gelegenheit schätzen gelernt. Auf Purpurkissen schwelgte er einst mit seinen Freunden an einer üppigen Tafel, als plötzlich von der Straße her erschütterndes Geschrei erscholl. Zwei feurige Pferde waren scheu geworden und rannten mit einem Wagen davon, der an der nächsten Straßenecke zerschellen mußte. In diesem Wagen saß seine Geliebte. Ohne sich zu besinnen, sprang er aus dem Fenster und hielt den Wagen hinten mit solcher Gewalt fest, daß die Pferde sogleich stillstanden, sich bäumten und eines stürzte. Beglückt schloß der junge Mann seine Geliebte in die Arme, die vor Schreck ohnmächtig geworden, im übrigen aber unverletzt geblieben war. Von den beiden Römern war der eine ein Ringkämpfer von Beruf, der bereits mehrfach ehrenvolle Triumphe errungen hatte, der andere war Lucius.

Die Richter legten sieben Zettel in eine Urne; zwei waren mit A, zwei mit B, zwei mit C und der letzte mit D bezeichnet. So sollte das Schicksal drei Paare bilden und der letzte übrig bleiben, damit er die Sieger bekämpfe. Der Prokonsul mischte selbst die Zettel, dann traten die sieben Fechter herzu, jeder griff in die Urne, zog einen Zettel und übergab ihn dem Vorsitzenden der Spiele, der ihn öffnete und von seinem Inhalt Kenntnis nahm. Der Zufall wollte, daß die Korinther beide A, der Thebaner und der Syrakusaner B, der Sybarite und der Athlet C und Lucius D zogen. Die Athleten, die noch nicht wußten, in welcher Reihenfolge sie kämpfen sollten, entkleideten sich, nur Lucius blieb in seinen Mantel gehüllt. Der Prokonsul rief die beiden A aus, sogleich sprangen die beiden Brüder vom Eingang her in die Mitte der Arena. Als sie sich gegenüberstanden, entriß ihnen die Überraschung einen Schrei, dem die Versammlung mit einem erstaunten Murmeln antwortete. Nur einen kurzen Augenblick standen sie unbeweglich und zögerten, dann schlossen sie einander in die Arme. Das ganze Theater hallte wieder von einstimmigem Beifall, und unter dieser geräuschvollen Huldigung, die der brüderlichen Liebe dargebracht wurde, zogen sich die beiden schönen jungen Männer zurück, um ihren Rivalen das Feld zu überlassen; Arm im Arm wie Kastor und Pollux schauten sie hierauf dem Kampfe zu, an dem sie hätten teilnehmen sollen.

Das zweite Paar kam nun zuerst an die Reihe. Der Thebaner und der Syrakusaner näherten sich, der Bärenbezwinger maß den Stierbändiger mit den Augen, dann stürzten sie plötzlich aufeinander los. In einem Augenblick waren ihre Körper so fest ineinander verschlungen, daß sie am Boden rollten wie ein knorriger, unförmiger Baumstamm, den die Natur in einem launischen Moment gebildet und ein Blitzstrahl entwurzelt hatte. Während einer Sekunde konnte man inmitten der dichten Staubwolke nichts unterscheiden, so gleich kamen sich die Aussichten der beiden Ringer, die ebenso rasch das eine Mal oben, das andre Mal unten waren. Endlich gewann der Thebaner die Oberhand, stemmte sein Knie auf die Brust des Syrakusaners und umklammerte dessen Hals wie mit einem ehernen Ring; so heftig würgte er ihn, daß dieser seine Hand erheben mußte zum Zeichen, daß er sich für besiegt erkläre. Der einstimmige Beifall, den die Entscheidung des ersten Kampfes entfesselte, bewies, mit welcher Begeisterung die Griechen dem Schauspiel folgten. Unter den dreimal wiederholten Jubelrufen nahm der Sieger unter der Loge des Prokonsuls Platz, während sein Gegner niedergeschlagen zur Eingangshalle zurückkehrte, die das dritte Paar der Kämpfer eben verließ.

Ein prächtiger Anblick bot sich den Zuschauern, als sie ihre Kleider ablegten und von den Sklaven mit Öl gesalbt wurden. Diese beiden von der Natur so verschieden gebildeten Männer stellten die zwei schönsten Typen des Altertums dar, der Athlet mit seinen kurzen Haaren und braunen muskulösen Gliedern den des Herkules, der Sybarite mit dem weichen Lockengeringel und den weißen, rundlichen Körperformen den des Antinous. Die Griechen, die für körperliche Vorzüge so empfänglich waren und die vollendete Schönheit der Form schwärmerisch verehrten, ließen ein Murmeln der Bewunderung hören, das die beiden Gegner zu gleicher Zeit aufschauen ließ. Ihre hochmütigen Blicke trafen sich wie Blitze, und ohne zu warten, bis die Vorbereitungen beendet waren, entrissen sie sich den Händen ihrer Sklaven und gingen einander entgegen. Aus einer Entfernung von drei bis vier Schritt betrachteten sie sich von neuem mit Aufmerksamkeit, und jeder erkannte in seinem Gegner einen würdigen Rivalen, denn die Augen des einen nahmen einen Ausdruck von Mißtrauen, die des andern den Ausdruck der List an. Dann ergriffen sie sich plötzlich bei den Armen und preßten die Stirnen gegeneinander wie kämpfende Stiere; so versuchten sie zunächst ihre Kraft, indem sie einander zum Weichen zwingen wollten. Aber beide blieben unbeweglich auf ihrem Platze wie zwei Statuen, die nur Leben verrieten durch das fortgesetzte Schwellen ihrer Muskeln, die zu zerreißen drohten. Nach einer Minute wandten sich beide zurück, schüttelten die schweißüberströmten Köpfe und atmeten geräuschvoll wie Taucher, die an die Oberfläche des Wassers zurückkehren.

Eine kurze Pause folgte, dann gerieten die Gegner von neuem aneinander. Dieses Mal faßten sie mit den Armen nach dem Körper. Sei es nun, daß der Sybarite diese Kampfesweise nicht kannte, oder geschah es im Gefühl der Überlegenheit, er überließ den Vorteil seinem Gegner, indem er sich unter dem Arm ergreifen ließ. Augenblicklich hob ihn der Athlet in die Höhe, aber gebeugt unter dieser Last machte er schwankend drei Schritte nach rückwärts, und bei dieser Bewegung erreichte der Sybarite wieder den Boden mit den Füßen, er nahm alle Kraft zusammen und brachte den Athleten, welcher vorher schon wankte, zu Fall. Doch kaum hatte man Zeit gehabt zu bemerken, daß dieser den Boden berührte, so war er schon mit übernatürlicher Kraft und Leichtigkeit wieder emporgeschnellt, so daß der Sybarite sich erst nach ihm erhob.

Auch diesmal blieb der Sieg unentschieden. Da gingen die beiden Gegner mit erneuter Hartnäckigkeit aufeinander los, während rings tiefe Stille herrschte. Man hätte glauben können, die dreißigtausend Zuschauer seien aus Stein wie die Stufen, auf denen sie saßen. Nur von Zeit zu Zeit, wenn das Glück den einen oder den andern Ringer begünstigte, entrang sich den Lippen ein flüchtiges, dumpfes Gemurmel, und eine leichte Bewegung ward in der Menge bemerkbar, wie wenn ein Windhauch über ein Ährenfeld gleitet. Endlich verloren die Gegner zum zweiten Male das Gleichgewicht und lagen am Boden der Arena. Aber dieses Mal hatte der Athlet die Oberhand, doch wäre das nur ein geringer Vorteil gewesen, wenn er nicht außer seiner erstaunlichen Kraft auch alle Kunstgriffe völlig beherrscht hätte. So gelang es ihm, den Sybariten in der Lage zu erhalten, aus der er selbst sich vorher so rasch befreit hatte. Wie eine Schlange ihre Beute erstickt und zermalmt, bevor sie sie verzehrt, schlang er seine Arme und Beine mit solcher Geschicklichkeit um die seines Gegners, daß er dessen Bewegungen vollständig lähmte, und Stirn gegen Stirn gepreßt zwang er ihn mit dem Hinterkopf die Erde zu berühren, was für die Richter das entscheidende Merkmal der Niederlage war. Jetzt brach ein unbeschreiblicher Beifallsturm los. und obwohl der Sybarite besiegt war, durfte er doch seinen reichen Anteil daran nehmen. Seine Niederlage hatte so nahe an den Sieg gestreift, daß es niemand in den Sinn kam, sie ihm zur Schande zu rechnen. Langsam ging er zum Eingang zurück ohne Scham oder Verlegenheit; er hatte die Siegeskrone verloren, weiter nichts.

So blieben also zwei Sieger, mit denen Lucius kämpfen sollte. Alle Augen richteten sich auf den Römer, der, an eine Säule gelehnt und in seinen Mantel gehüllt, kühl und unbewegt den vorhergehenden Kämpfen zugeschaut hatte. Erst jetzt beachtete man seine weichen, weiblichen Züge, die langen, blonden Haare und den leichten, goldfarbenen Bart, der die untere Gesichtshälfte kaum bedeckte. Jeder lächelte über den schwachen Gegner, der so unklug sein wollte, mit dem starken Thebaner und dem geschickten Athleten um die Siegespalme zu streiten. Lucius erkannte die allgemeine Stimmung aus dem Murmeln, das sich in der ganzen Versammlung erhob. Ohne sich darum zu bekümmern, trat er einige Schritte vor und ließ seinen Mantel fallen. Jetzt bemerkte man, daß dieser Apollokopf auf einem kräftigen Nacken und mächtigen Schultern saß, und, was noch seltsamer war, dieser weiße Körper, dessen Haut eine Circassierin beschämen konnte, war mit braunen Flecken gesprenkelt, wie das Fell eines Panthers. Sorglos schaute der Thebaner auf seinen neuen Feind, aber der Athlet wich verblüfft einige Schritte zurück. Jetzt kam Sporus herzu, goß aus einer Flasche wohlriechendes Öl über die Schultern seines Herrn und rieb mittelst eines Purpurlappens den ganzen Körper damit ein.

Der Thebaner sollte zuerst kämpfen; voll Ungeduld, daß diese Vorbereitungen so lange dauerten, ging er Lucius einen Schritt entgegen, aber dieser streckte mit einer befehlenden Gebärde die Hand nach ihm aus, zum Zeichen, daß er noch nicht bereit sei, und im selben Moment ließ sich die Stimme des Prokonsuls vernehmen: Warte! Der junge Römer war jetzt gesalbt, es blieb ihm nur noch übrig, sich im Staube des Zirkus zu wälzen, wie es die Gewohnheit war. Statt dessen ließ er sich auf ein Knie nieder, und Sporus schüttete einen Sack Sand auf seine Schultern, der an den Ufern des Flusses Chrysorrhoas gesammelt und mit Goldstaub untermengt war. Nachdem diese letzte Vorbereitung vollendet war, erhob sich Lucius und öffnete die Arme zum Zeichen seiner Kampfbereitschaft.

Der Thebaner näherte sich voll Vertrauen, Lucius ließ ihn ruhig an sich herankommen; aber in dem Augenblick, wo die rauhen Hände des Gegners seine Schultern faßten, ging ein furchtbares Blitzen durch seine Augen, und er stieß einen Schrei aus, der an das Gebrüll eines Raubtieres erinnerte. Zugleich ließ er sich auf ein Knie nieder, umschlang mit seinen starken Armen die Flanken des Hirten unterhalb der Rippen und oberhalb der Hüften, dann verschränkte er seine Hände über dem Rücken des Gegners, preßte dessen Leib gegen seine Brust und erhob sich plötzlich, den Koloß in seinen Armen frei emporhaltend. Diese Bewegung war so rasch und geschickt ausgeführt worden, daß der Thebaner weder Zeit noch Kraft zum Widerstand fand und unversehens über dem Kopf seines Gegners schwebte, wo er mit den Händen in die Luft griff, aber nichts mehr erreichen konnte. Jetzt sahen die Griechen den Kampf des Herkules mit dem Antäus sich erneuern. Der Thebaner stützte seine Arme auf Lucius' Schultern, und indem er sie zur äußersten Straffheit anspannte, suchte er die Kette zu durchbrechen, die ihn erstickte. Aber alle seine Bemühungen waren umsonst. Vergebens umwand er die Lenden seines Gegners mit seinen Beinen, wie mit zwei Schlangen; der neue Laokoon blieb Sieger. Je mehr sich der Thebaner anstrengte, um so mehr schien Lucius die Schlinge zusammenzuziehen, mit der er ihn gefesselt hielt. Unbeweglich stand er auf dem selben Platz, ohne jede sichtbare Regung, die Brust des Feindes gegen seinen Kopf pressend, als wolle er auf den verlöschenden Atem horchen, umspannte er ihn immer fester, und seine Kraft schien in beständigem Wachsen einen übernatürlichen Grad zu erreichen. So verharrte er einige Minuten, während deren man bei dem Thebaner nacheinander die Zeichen des Todeskampfes eintreten sah. Zuerst floß der Todesschweiß von seiner Stirn auf den Körper herab und wusch den Staub ab, der ihn bedeckte, dann wurde sein Gesicht purpurrot, die Brust röchelte, seine Beine lösten sich vom Körper des Gegners, die Arme und der Kopf sanken nach rückwärts herab, und ein starker Blutstrom quoll aus Mund und Nase. Endlich öffnete Lucius seine Arme, und der Thebaner fiel ohnmächtig wie eine leblose Masse zu seinen Füßen.

Kein Jubelruf und kein Beifallsturm begleitete diesen Sieg. Die Menge war bedrückt und blieb still und stumm. Nicht, daß etwas daran auszusetzen gewesen wäre; nein, alles war nach den Regeln des Kampfes vor sich gegangen, kein Schlag war geführt worden, Lucius hatte seinen Gegner offen und ehrlich besiegt. Wenn sich auch der Beifall nicht laut äußerte, so war darum das Interesse der Zuschauer an diesem Schauspiel nicht geringer gewesen. Nachdem der Besiegte von den Sklaven hinausgetragen worden, wandten sich alle Blicke dem Athleten zu, der durch die Kraft und Geschicklichkeit, die er im vorhergehenden Kampfe bewiesen hatte, für Lucius ein gefährlicher Gegner zu werden versprach. Aber die allgemeine Erwartung wurde sonderbar getäuscht. In dem Augenblick, wo Lucius sich zum zweiten Kampfe bereitete, nahte der Athlet mit ehrfurchtsvoller Miene, ließ sich vor ihm auf ein Knie nieder und erhob die Hand zum Zeichen, daß er sich für besiegt erkläre. Lucius schien diese Handlungsweise und die ihm dargebrachte Huldigung ohne Überraschung hinzunehmen. Ohne dem Athleten die Hand zu reichen, ohne ihn aufstehen zu heißen, blickte er im Kreise umher, gleichsam die erstaunte Menge fragend, ob in ihren Reihen sich ein Mensch befinde, der es wagen könnte, ihm den Sieg streitig zu machen. Aber niemand rührte sich, niemand sprach ein Wort. Unter dem tiefsten Stillschweigen trat Lucius zur Estrade, vor den Prokonsul, der ihm den Kranz reichte. Erst in diesem Augenblicke wurden einzelne Beifallsrufe laut, aber es war leicht zu erkennen, daß sie nur von der Mannschaft des Schiffes ausgingen, das Lucius hergebracht hatte.

Doch war das Gefühl, welches die Menge beherrschte, dem jungen Römer keineswegs ungünstig. Diese übernatürliche Stärke, gepaart mit solcher Jugend, erinnerte an die Wunder der Heroenzeit. Die Namen Theseus, Pirithous schwebten auf allen Lippen, und obwohl niemand den Gedanken aussprach, war jedermann geneigt, an die Gegenwart eines Halbgottes zu glauben. Endlich trugen die allgemeine Huldigung und die voreilige Unterwerfung des Gladiators dazu bei, diesem Gedanken Gestalt zu verleihen. Als der Sieger, mit einem Arm sich auf Amykles stützend, während der andere auf Sporus' Schulter ruhte, den Zirkus verließ, da folgte ihm die neugierige Menge dicht gedrängt bis zum Hause seines Wirtes, aber sie blieb still und furchtsam, so daß man den Zug eher für ein Leichenbegängnis als für ein Triumphgepränge halten konnte. An dem Stadttor erwarteten die Frauen und Mädchen, die dem Wettkampf nicht hatten beiwohnen dürfen, den Sieger mit Lorbeerzweigen in den Händen.

Lucius suchte mit den Blicken Akte in den Reihen ihrer Genossinnen. Aber war es Furcht, war es Scham, was sie zurückhielt, Akte war nicht unter ihnen, er suchte vergebens. Da verdoppelte er seine Schritte in der Hoffnung, daß die junge Korintherin ihn an der Schwelle des Tores erwarten würde, das sie ihm am Tage vorher eröffnet hatte. Rasch ging er über den Platz, den er an ihrer Seite überschritten, und durch die Straße, die sie ihn geleitet, aber kein Kranz und keine Blumengewinde schmückten die gastliche Pforte. Ungestüm sprang Lucius über die Schwelle und stürzte in die Vorhalle, nachdem er den Greis längst hinter sich gelassen. Die Halle war leer, aber durch eine Tür, die zum Erdgeschoß führte, sah er das junge Mädchen vor einer Statue der Diana auf den Knieen liegen, so bleich und unbeweglich wie das Marmorbild, das sie umschlang. Leise trat Lucius hinter sie und setzte ihr die Siegeskrone aufs Haupt, die er soeben errungen hatte. Akte stieß einen Schrei aus und wandte sich um. Da sagten ihr die stolzen, leuchtenden Augen des Römers mehr als der Kranz, der zu seinen Füßen rollte, daß er die erste der drei Siegespalmen davongetragen habe, um die zu ringen er nach Griechenland gekommen war.

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