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Alexandre Dumas (der Ältere): Akte - Kapitel 2
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleAkte
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
printrun26. Auflage
year1921
translatorClara Laufer
illustratorFritz Bergen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170123
projectide175c084
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II.

Am folgenden Tage, nachdem sich dem jungen Römer die Pforte von Amykles' Hause geöffnet hatte, saßen Lucius, Akte und ihr Vater im Triklinium, wo das Mahl bereitet war, um einen Tisch und wollten eben durch die Würfel entscheiden, wer der König des Festes sein sollte. Der Greis und das Mädchen hatten dem Gaste die Ehre angeboten, aber der Fremde wies den Kranz zurück, sei es, daß ihn eine Regung von Aberglauben oder von Ehrerbietung dazu bestimmte. Die Würfel wurden herbeigebracht und der Becher zuerst dem Amykles gereicht, der den Wurf des Herkules tat. Dann kam die Reihe an Akte, sie traf den Wurf des Wagens. Endlich ging der Becher in die Hände des jungen Mannes über, er ergriff ihn mit sichtbarer Ungeduld, schüttelte ihn lange, warf dann, zitternd vor Erregung, die Würfel auf den Tisch und stieß einen Freudeschrei aus, als er das Ergebnis sah. Ihm war der Wurf der Venus gelungen, der alle anderen übertraf.

Sieh her, Sporus, rief er in lateinischer Sprache, die Götter sind wirklich mit uns, Jupiter vergißt nicht, daß er das Haupt meines Hauses ist. Der Wurf des Herkules, des Wagens und der Venus! Kann man sich eine glücklichere Zusammenstellung denken für einen Mann, der um den Preis im Wettkampf, beim Wagenrennen und im Gesang ringen will; am Ende ist mir für den letzteren ein doppelter Sieg verheißen!

Du bist an einem glücklichen Tage geboren, antwortete der Jüngling, und die Sonne hat dich berührt, ehe du die Erde berührtest. Dieses Mal wie immer wirst du deine Gegner besiegen.

Ach, antwortete seufzend der Greis, indem er sich der Sprache des Fremden bediente, es gab eine Zeit, wo Griechenland dir ebenbürtige Gegner zum Kampf gestellt hätte. Aber es ist lange her, seit Milon von Kroton sechsmal bei den pythischen Spielen gekrönt wurde und der Athener Alkibiades sieben Wagen zu den olympischen Spielen sandte und viermal den Preis davontrug. Mit seiner Freiheit hat Griechenland auch seine Kunst und seine Kraft verloren, und seit Cicero schickt Rom seine Söhne, um uns die Siegespalmen zu entreißen. Möge Jupiter dich beschützen, dessen Stammes du dich rühmst, junger Mann! Nach der Ehre, einen meiner Mitbürger den Sieg davontragen zu sehen, kenne ich keine größere Freude, als wenn das Schicksal meinen Gast begünstigt. So trage denn die Blütenkrone, bis der Lorbeer dich schmückt!

Akte ging hinaus und kam sogleich mit den Kränzen zurück. Myrte und Safran bot sie dem Lucius, ihrem Vater einen Efeukranz, sich selbst setzte sie Lilien und Rosen aufs Haupt. Ein junger Sklave brachte noch größere Kränze, die sich die Tafelnden um den Hals legten. Dann ließ sich Akte auf der rechten Seite nieder, während Lucius den Ehrenplatz einnahm. Der Greis stand zwischen beiden, brachte den Göttern ein Dankopfer dar und sprach ein Gebet. Nun legte er sich ebenfalls nieder und sagte zu dem jungen Römer: Du siehst, mein Sohn, daß wir der Vorschrift der Dichter folgen: sie sagen, die Zahl der Gäste soll nie kleiner sein als die der Grazien und nie größer als die der Musen. Sklaven, bringet das erste Gericht!

Eine reichverzierte Schüssel wurde aufgetragen. Die Diener standen bereit, dem leisesten Wink zu gehorchen. Sporus legte sich seinem Herrn zu Füßen und bot ihm seine langen, weichen Haare zum Abwischen der Hände. Der Aufschneider begann seines Amtes zu walten. Als der zweite Gang aufgetragen wurde und der Appetit der Gäste einigermaßen befriedigt war, richtete der Greis seine Blicke auf Lucius und betrachtete mit dem Ausdruck des Wohlwollens das schöne Gesicht, dem das blonde Haar und der goldfarbene Bart ein fremdartiges Aussehen verliehen.

Du kommst von Rom? begann er dann.

Ja, mein Vater, antwortete der junge Mann.

Geradesweges?

Ich habe mich in Ostia eingeschifft.

Wachten die Götter immer gnädig über dem göttlichen Kaiser und seiner Mutter?

Immer.

Bereitet der Kaiser einen Kriegszug vor?

Kein Volk hat sich augenblicklich wider ihn erhoben. Der Kaiser ist der Herr der Welt und hat ihr den Frieden gegeben, der die Künste erblühen läßt. Er hat den Tempel des Janus geschlossen und zur Leier gegriffen, um die Götter zu Preisen.

Und fürchtet er nicht, daß andere regieren, während er singt?

O! rief Lucius mit zusammengezogenen Brauen, sagt man in Griechenland auch, daß der Cäsar noch ein Kind sei?

Nein, aber man fürchtet, daß er lange Zeit braucht, ein Mann zu werden.

Ich glaubte, daß er beim Begräbnis des Britannikus die Mannestoga angelegt habe?

Britannikus war schon lange vorher von Agrippina zum Tode verurteilt.

Ja, aber der Cäsar hat ihn getötet, dafür stehe ich euch; nicht wahr, Sporus?

Der Jüngling erhob das Haupt und lächelte.

Wie, er hat seinen Bruder ermordet? rief Akte angstvoll.

Er hat vollbracht, was seine Mutter wollte. Wenn du es nicht weißt, Mädchen, so frage deinen Vater, der in diesen Dingen so bewandert scheint, und vernimm, daß Messalina einen Soldaten absandte, der Nero in seiner Wiege umbringen sollte. Als er eben zu dem tödlichen Streich ausholte, fuhren zwei Schlangen aus dem Bett des Knaben empor und schreckten den Centurio in die Flucht. Nein, mein Vater, Nero ist keine Bestie wie Claudius, oder ein Narr wie Kaligula, oder ein Feigling wie Tiberius oder ein Komödiant wie Augustus.

Mein Sohn, sagte der Greis erschreckt, Hab' acht, daß du die Götter nicht beleidigst.

Reizende Götter, beim Herkules! rief Lucius aus, die sich von den anderen Menschen nur dadurch unterscheiden, daß sie ihre Laster und Jämmerlichkeiten in hervorragendem Maße besitzen.

Einige Augenblicke herrschte tiefe Stille nach diesen gotteslästerlichen Worten. Amykles und Akte sahen ihren Gast verwundert an. Noch war die unterbrochene Unterhaltung nicht wieder in Gang gekommen, als ein Sklave eintrat, der meldete, ein Bote des Prokonsuls Cnejus Lentulus harre draußen. Der Greis fragte, ob der Bote an ihn oder an seinen Gast gesandt sei. Der Sklave wußte darüber keinen Bescheid und führte den Liktor herein.

Er kam des Fremden wegen. Der Prokonsul hatte von der Ankunft eines Schiffes im Hafen gehört und erfahren, daß der Herr desselben sich um die Preise bewerben wolle. Nun ließ er ihm sagen, er möge in den Regierungspalast kommen, seinen Namen in die Liste der Teilnehmer einzeichnen und erklären, nach welchem der drei Preise er strebe. Der Greis und Akte hatten sich erhoben, um den Befehl des Prokonsuls zu vernehmen, Lucius hörte ihn an, ohne seine bequeme Lage zu verändern. Als der Liktor geendet hatte, zog Lucius aus seiner Brusttasche mit Wachs überzogene Elfenbeintäfelchen, schrieb auf eines derselben einige Zeilen mit einem Stift, drückte den Stein seines Ringes darauf und übergab die Antwort dem Liktor mit dem Befehl, sie Lentulus zu bringen. Dieser war darüber erstaunt und zögerte einen Augenblick. Da entließ ihn Lucius mit einer gebieterischen Handbewegung; der Soldat verbeugte sich und ging. Dann klatschte Lucius in die Hände, um seinen Sklaven herbeizurufen, reichte ihm seinen Becher, den der Mundschenk füllte, trank auf das Wohl des Wirtes und seiner Tochter und überließ Sporus den Rest.

Junger Mann, unterbrach der Greis die Stille, du nennst dich Römer, doch kann ich kaum daran glauben. Wenn du in der Kaiserstadt gelebt hättest, würdest du besser gelernt haben, den Befehlen der kaiserlichen Stellvertreter zu gehorchen. Der Prokonsul ist hier unumschränkter Herr und steht in demselben Ansehen wie Claudius Nero in Rom.

Hast du vergessen, daß die Götter mich zu Beginn des Festes für den Augenblick dem Kaiser gleichgestellt haben, indem sie mich zum König erwählten? Hast du je gesehen, daß ein König von seinem Thron herabstieg, um den Befehlen eines Prokonsuls nachzukommen?

So hast du dich geweigert? fragte Akte erschreckt.

Nein, aber ich habe Lentulus geschrieben, daß er sich herbemühen möge, wenn es ihn gelüste, meinen Namen zu erfahren und die Absicht, welche mich nach Korinth geführt hat.

Und glaubst du, daß er kommen wird? rief der Greis.

Ohne Zweifel, antwortete Lucius.

Hierher in mein Haus?

Hörst du? sagte Lucius.

Was denn?

Er ist hier und klopft an die Türe. Ich kenne das Geräusch der Liktorenbündel. Öffne, mein Vater, und laß uns allein!

Der Greis und seine Tochter standen verwundert auf und gingen selbst zur Türe; Lucius rührte sich nicht von seinem Lager.

Er hatte sich nicht getäuscht. Lentulus war es selbst, und seine schweißtriefende Stirn bezeugte, mit welchem Eifer er der Einladung des Fremden gefolgt war. Er fragte in erregtem Ton, wo der edle Lucius zu finden sei; als man ihm den Raum wies, wo er sich aufhalte, legte er seine Toga ab und trat in das Triklinium, das sich hinter ihm schloß, und dessen Türe die Viktoren bewachten. Niemand erfuhr, was sich bei dieser Begegnung ereignete. Erst nach Verlauf einer Viertelstunde verließ der Konsul das Haus, und Lucius gesellte sich mit ruhig lächelndem Antlitz zu Amykles und Akte, die in der Säulenhalle auf und ab wandelten.

Mein Vater, sagte er, der Abend ist schön, möchtest du deinen Gast nicht bis zur Burg geleiten, von der man eine wundervolle Aussicht haben soll? Auch bin ich neugierig zu sehen, ob die Befehle des Kaisers ausgeführt worden sind. Als er hörte, daß die Spiele in Korinth gefeiert werden sollten, schickte er die berühmte Statue der Venus zurück, damit die Göttin den Römern gnädig sei, die gekommen sind, mit euch um die Kränze zu ringen.

Ach! mein Sohn, antwortete Amykles, ich bin zu schwach und kann dir nicht mehr als Führer auf den Berg dienen. Aber hier ist Akte, leichtfüßig wie eine Nymphe, sie wird dich begleiten.

Ich danke dir, mein Vater; darum wagte ich nicht zu bitten, weil ich fürchtete, Venus möchte auf die Schönheit deiner Tochter eifersüchtig werden, und könnte sich dafür an mir rächen. Nun du selbst mir diese Gunst anbietest, habe ich den Mut, sie anzunehmen. Akte lächelte errötend; auf ein Zeichen ihres Vaters holte sie ihren Schleier und kam so schamhaft verhüllt zurück wie eine römische Matrone.

Hat meine Schwester ein Gelübde getan, sagte Lucius, oder ist sie, ohne daß ich es wußte, Priesterin der Minerva, Diana oder Vesta?

Nein, mein Sohn, sagte der Greis, indem er seinen Arm ergriff und ihn beiseite führte, aber, wie du weißt, ist Korinth die Stadt der Kurtisanen. Zum Andenken daran, daß ihre Fürsprache die Stadt bei der Eroberung durch Xerxes gerettet hat, haben wir sie in einem Gemälde verewigen lassen, wie die Athener ihre Helden nach der Schlacht bei Marathon. Seitdem sind wir immer dafür besorgt, daß es uns daran nicht fehle, und wir kaufen sie in Byzanz, auf den griechischen Inseln, selbst in Sizilien. Sie sind leicht zu erkennen an ihrem unverhüllten Gesicht und an dem entblößten Busen. Beruhige dich, Akte ist weder eine Priesterin der Minerva noch der Diana oder Vesta, aber sie fürchtet, daß man sie für eine Jüngerin der Venus halten könnte. Dann fuhr er mit erhobener Stimme fort: Geht, meine Kinder, und du, meine Tochter, zeige unserm Gast von der Höhe des Hügels alle die Orte, welche die großen Erinnerungen Griechenlands bewahren. Das einzige Gut, das dem Sklaven bleibt und welches ihm seine Herren nicht rauben können, ist die Erinnerung an die Zeit seiner Freiheit.

Lucius und Akte machten sich auf den Weg; nach wenigen Schritten hatten sie das nördliche Stadttor erreicht und bogen in die Straße ein, die nach der Burg führte. Obwohl sie aus der Ferne kaum fünfhundert Schritt von der Stadt entfernt schien, machte der Weg doch so viele Windungen, daß sie beinahe eine Stunde brauchten, um dahin zu gelangen. Zweimal hielt Akte unterwegs an, das eine Mal um ihrem Begleiter das Grab von Medeas Kindern zu zeigen, das andre Mal führte sie ihn an die Stelle, wo Bellerophon von Minerva den Pegasus empfing. Endlich kamen sie auf der Burg an und bemerkten am Eingang eines Tempels die Statue der Venus in glänzendem Schmuck; an ihrer rechten Seite war das Symbol der Liebe angebracht, links das des Sonnengottes, der zuerst in Korinth verehrt wurde. Lucius verneigte sich und verrichtete sein Gebet.

Nachdem sie so ihrer religiösen Pflicht genügt hatten, schlugen die jungen Leute einen Fußpfad ein, der quer durch den heiligen Hain auf die Spitze des Berges führte. Die Korintherin schritt voran wie Venus, als sie Aeneas auf den Weg nach Karthago leitete, Lucius folgte dicht hinter ihr und atmete den Duft, der ihren Haaren entströmte. Beim Verlassen der Stadt hatte sie den Schleier zurückgeschlagen und achtlos auf die Schultern herabgleiten lassen. Von Zeit zu Zeit wandte sie sich um, dann verschlang er mit leuchtenden Blicken das reizende Gesicht, das vom Gehen angenehm belebt war, und den jugendlichen Busen, der sich beim Atmen unter der leicht verhüllenden Tunika hob und senkte. Je höher sie stiegen, um so mehr gewann das Panorama an Ausdehnung. Endlich, als sie die Höhe des Hügels erreicht hatten, blieb Akte unter einem Maulbeerbaum stehen, an dessen Stamm sie sich lehnte, um Atem zu schöpfen. Hier sind wir am Ziele, sagte sie zu Lucius. Was denkst du von dieser Aussicht? Kommt sie nicht der von Neapel gleich?

Der Römer näherte sich ihr, ohne zu antworten, schlang seinen Arm um einen Zweig des Baumes, um sich zu stützen, und anstatt in die Landschaft hinauszusehen, betrachtete er Akte mit so liebeglühenden Blicken, daß das Mädchen sich lebhaft erröten fühlte und, um ihre Verwirrung zu verbergen, rasch zu sprechen fortfuhr:

Sieh nach Osten! sagte sie; obwohl die Dämmerung schon niederzusinken beginnt, ist dort als weißer Punkt die Burg von Athen sichtbar, und das Vorgebirge Sunium zeichnet sich wie eine eherne Lanzenspitze von dem Azurblau der Wogen ab; näher bei uns erhebt sich in der Mitte des Saronischen Meeres eine hufeisenförmige Insel, das ist Salamis, wo Äschylos kämpfte und Xerxes geschlagen wurde; mehr im Süden, in der Richtung auf Korinth zu, etwa zweihundert Stadien von hier entfernt, ist Nemea, wo Herkules den Löwen tötete, dessen Haut er als Siegeszeichen immer bei sich trug; dort in der Ferne, am Fuße der Gebirgskette, die den Horizont begrenzt, liegt Epidaurus, das dem Äskulap teuer war, und dahinter Argos, die Heimat des Königs der Könige. Im Westen, ganz in den Goldglanz der untergehenden Sonne getaucht, bemerkst du Samos und Ithaka am Ende der reichen Ebene von Sicyon und jenseits der blauen Linie, welche das Meer bildet, das dort wie ein Wolkenstreif erscheint.

Wenn du dann Korinth den Rücken wendest und nach Norden blickst, hast du rechts den Cytheron, wo Ödipus ausgesetzt wurde, links Leuktra, wo Epaminondas die Lacedämonier schlug, und uns gegenüber Platää, wo Aristides und Pausanias die Perser besiegten. Mehr gegen die Mitte zu, am Ende jener Gebirgskette, die von Attika nach Ätolien läuft, ist der Helikon mit seinen Zedern, Myrten und Lorbeerhainen und der Parnaß mit seinen zwei schneebedeckten Gipfeln, zwischen denen die kastalische Quelle fließt, welche von den Musen die Wunderkraft empfing, denen, die daraus trinken, Dichtergaben zu verleihen.

Ja, sagte Lucius, dein Vaterland ist das Land der großen Erinnerungen, und es ist zu bedauern, daß nicht alle seine Kinder sie mit solcher Treue bewahren wie du, junges Mädchen; aber tröste dich, wenn Griechenland auch nicht mehr Herrscherin ist durch seine Macht, so wird es doch immer herrschen durch die Schönheit, und es gibt keine Herrschaft, die sanfter und zugleich unwiderstehlicher wäre.

Akte griff nach ihrem Schleier, aber Lucius hielt ihre Hand zurück. Die Korintherin erbebte, hatte jedoch nicht den Mut, sie zurückzuziehen. Sie fühlte, wie eine leichte Wolke sich vor ihre Augen legte, ihre Kniee wankten, und sie lehnte sich an den Stamm des Maulbeerbaumes, um sich zu stützen.

Es war jene liebliche Abendstunde, wo die Herrschaft des Tages gebrochen ist, aber die Nacht noch nicht völlig gesiegt hat. Die Dämmerung, die über dem östlichen Horizont lag, hüllte den Archipel und Attika in Schatten, während auf der entgegengesetzten Seite das Jonische Meer mit seinen feuerfarbenen Wogen und der goldglänzende Himmel ineinanderflossen und nur durch die Sonne getrennt schienen, die jetzt wie ein großer, in der Esse erglühter Schild aussah, dessen unteres Ende im Wasser zu verlöschen begann. Von fernher drang gedämpft der Lärm der Stadt, wie das Summen eines Bienenschwarms. Jedes Geräusch verstummte nach und nach in Berg und Tal. Nur hier und da ertönte noch der eintönige Gesang eines Hirten vom Cytheron oder der Ruf eines Schiffers, der im Saronischen Meer oder im Golf von Crissa seine Barke ans Land zog. Die Insekten begannen leise im Grase zu summen, und Tausende von Leuchtkäfern schwärmten wie glitzernde Funken durch die weiche Abendluft. Man fühlte, daß die Natur, von ihrem Tagewerk erschöpft, nach und nach in Schlummer sank, und daß in wenigen Augenblicken alles still sein werde, um ihre wohlige Ruhe nicht zu stören.

Auch die jungen Leute überließen sich dieser ihren eigenen Gefühlen entsprechenden Stimmung und waren in Stillschweigen versunken, als plötzlich vom Hafen von Lesche her ein so eigentümlicher Schrei die Luft durchdrang, daß Akte erzitterte. Der Römer wandte rasch den Kopf und blickte zum Strande hinab, wo sein Schiff wie eine goldene Nußschale auf den Wellen schaukelte. Von Angstgefühl ergriffen, raffte sich das junge Mädchen auf und wollte zur Stadt zurückfliehen. Aber Lucius hielt sie auf. Wortlos fügte sie sich und wie von einer höheren Macht besiegt, stützte sie sich wieder auf den Baum oder vielmehr auf seinen Arm, den er, ohne daß sie es bemerkt, um ihre Taille gelegt hatte, ließ den Kopf nach rückwärts sinken und starrte unter den halbgeschlossenen Lidern zum Himmel empor, während ihre Lippen leicht geöffnet blieben.

Lucius betrachtete entzückt die reizende Gestalt, die in seinem Arm ruhte, und obwohl sie fühlte, wie die Augen des Römers sie mit versengenden Strahlen umfingen, hatte sie doch nicht die Kraft, sich ihnen zu entziehen, bis ein zweiter Schrei, viel näher und schrecklicher als vorher, die süße Abendstille durchschnitt und Akte zum Bewußtsein zurückrief.

Laß uns fliehen, Lucius! rief sie entsetzt, irgend ein wildes Tier irrt in den Bergen umher. Laß uns fliehen, wir brauchen nur den heiligen Hain zu durchschreiten, dann sind wir im Tempel der Venus oder in der Burg. Komm, Lucius, komm!

Lucius lächelte.

Fürchtet sich Akte, wenn ich bei ihr bin? Ich fühle nur, daß ich für Akte mit all den Ungeheuern ringen möchte, die Theseus und Herkules und Kadmus bekämpft haben.

So weißt du, was für ein Geräusch das ist? fragte das junge Mädchen zitternd.

Ja, antwortete Lucius lächelnd, es ist das Brüllen eines Tigers.

Jupiter! schrie Akte und flüchtete in die Arme des Römers. Jupiter, beschütze uns!

In der Tat erschütterte ein noch schrecklicherer dritter Schrei ganz aus der Nähe die Luft. Lucius antwortete mit einem ähnlichen Ruf, gleich darauf brach eine Tigerin aus dem Gehölz hervor, hielt einen Augenblick an, indem sie sich auf den Hinterpfoten aufrichtete wie unschlüssig, welchen Weg sie nehmen sollte; Lucius ließ ein leises Pfeifen hören. Das mächtige Tier zerteilte das Myrten- und Oleandergebüsch wie ein Hund den Nebel und stürzte mit einem Freudengeheul auf ihn zu. In demselben Augenblick fühlte der Römer die Last der jungen Korintherin auf seinem Arm, sie war, ohnmächtig und halb tot vor Schrecken, umgesunken.

Als Akte wieder zur Besinnung kam, befand sie sich in Lucius' Armen; die Tigerin ruhte zu ihren Füßen und schmiegte ihren schrecklichen Kopf, dessen Augen wie Karfunkelsteine blitzten, schmeichelnd an die Kniee ihres Herrn. Bei diesem Anblick verbarg das Mädchen ihr Gesicht an der Schulter ihres Geliebten, halb aus Schreck, halb aus Scham, und streckte die Hand nach dem entfallenen Gürtel aus, der wenige Schritte entfernt am Boden lag. Lucius verstand diese Regung der Keuschheit, löste den schweren Goldreif vom Halse der Tigerin, woran sich noch ein Glied der Kette befand, die sie zerrissen hatte, und legte ihn um die zarte, biegsame Gestalt seiner jungen Freundin.

Dann hob er den Gürtel auf, befestigte das eine Ende des Bandes um den Hals des Tieres und gab das andere dem Mädchen in die zitternde Hand. Darauf erhoben sich beide und gingen schweigend in die Stadt zurück. Akte stützte sich mit der einen Hand auf Lucius' Schulter, mit der anderen führte sie die sanfte, gelehrige Tigerin, die ihr so große Furcht eingeflößt hatte.

Beim Eingang in die Stadt begegneten sie dem nubischen Sklaven, dem befohlen war, über die Tigerin zu wachen; er war ihr an das Land gefolgt, hatte sie aber in dem Augenblick aus dem Gesicht verloren, wo das Tier die Fährte seines Herrn wiederfand und in der Richtung nach der Burg davonrannte. Als er Lucius erblickte, warf er sich vor ihm auf die Kniee und neigte sein Haupt, um die Strafe zu empfangen, die er verdient zu haben glaubte. Aber Lucius war in diesem Augenblicke zu glücklich, um grausam zu sein; auch blickte Akte mit flehend erhobenen Händen zu ihm auf.

Erhebe dich, Lybikus, sagte der Römer, für dieses Mal sei dir verziehen, doch wache in Zukunft besser über Phoebe. Du bist schuld, daß diese schöne Nymphe sich so sehr geängstigt hat, daß sie zu sterben meinte. Nun, meine Ariadne, übergib deine Tigerin ihrem Wächter. Ich werde dir ein Paar vor einen Wagen aus Gold und Elfenbein spannen, und so will ich dich durch das Land führen, und man soll dich wie eine Göttin verehren.

Geh, Phoebe, geh, es ist gut.

Aber die Tigerin wollte durchaus nicht fort, sie blieb vor Lucius stehen, richtete sich an ihm empor, legte ihre Tatzen auf die Schultern und leckte ihn mit der Zunge, indem sie dabei leise zärtliche Laute hervorbrachte.

Ja, ja, sagte Lucius halblaut, du bist ein edles Tier. Wenn wir wieder in Rom sind, will ich dir eine schöne Christensklavin mit ihren Kindern zu verzehren geben. Geh, Phoebe, geh!

Die Tigerin gehorchte, wie wenn sie das blutige Versprechen verstanden hätte, und folgte Lybikus, doch nicht ohne noch zwanzigmal den Kopf nach ihrem Herrn umzuwenden. Erst als dieser mit der bleichen, zitternden Akte hinter dem Stadttore verschwunden war, entschloß sie sich ohne Widerstand, den goldenen Käfig aufzusuchen, den sie an Bord des Schiffes bewohnte.

In der Vorhalle seines Wirtes traf Lucius den Haussklaven, der ihn erwartete, um ihn in sein Gemach zu führen. Der junge Römer drückte Akte die Hand und folgte dem Sklaven, der mit der Lampe voranleuchtete. Die schöne Korintherin ging, nach ihrer Gewohnheit ihrem Vater »Gute Nacht« zu sagen. Als dieser sie so blaß und erregt sah, fragte er, welche Angst sie quäle.

Da erzählte sie, welchen Schrecken ihr Phoebe verursacht habe, und wie gehorsam dieses furchtbare Tier dem leisesten Winke des Lucius gewesen sei. Der Greis war einen Augenblick nachdenklich, dann wurde er unruhig und sagte:

Was ist das für ein Mensch, der mit Tigern spielt, Prokonsuln Befehle vorschreibt und die Götter lästert?

Akte neigte ihre kühlen, blassen Lippen auf die Stirn ihres Vaters, sie wagte kaum die weißen Haare des Greises zu berühren; dann zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Ganz hingerissen von dem Erlebnis des Tages, wußte sie nicht mehr, ob es Wahrheit oder Traum gewesen, und griff mit ihren Händen nach ihrem Körper, um sich zu überzeugen, daß sie ganz wach sei. Da fühlte sie unter ihren Fingern den goldenen Reif, der ihren jungfräulichen Gürtel ersetzte. Als sie ihn der Lampe näherte, las sie darauf die Worte, die ihr ganzes Denken erfüllten:

Ich gehöre dem Lucius.

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