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Alexandre Dumas (der Ältere): Akte - Kapitel 17
Quellenangabe
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleAkte
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
printrun26. Auflage
year1921
translatorClara Laufer
illustratorFritz Bergen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170123
projectide175c084
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XVII.

Drei Monate nach den Ereignissen, welche wir soeben erzählt haben, verließen fünf Männer am Abend eines regnerischen Tages und beim Anbruch einer stürmischen Nacht das Nomentanische Tor und ritten auf der Straße nach Nomentum weiter. Derjenige, welcher an der Spitze ritt und den man folglich für den Führer der Truppe halten konnte, hatte bloße Füße, er trug eine blaue Tunika und einen großen, dunkelfarbigen Mantel darüber; sein Gesicht war dicht mit einem Schleier verhüllt, entweder um es vor dem Regen zu schützen oder um es den Blicken der Neugierigen zu entziehen, denn obwohl die Nacht fürchterlich war, die Blitze fortwährend die Dunkelheit durchzuckten und der Donner unaufhörlich grollte, waren die Erdbewohner doch so sehr mit ihren eigenen Revolutionen beschäftigt, daß sie die des Himmels darüber vergaßen. In der Tat erhob sich ein großes Volksgeschrei in der kaiserlichen Stadt, das dem Tosen des stürmischen Ozeans glich, und auf der Straße begegnete man alle hundert Schritt weit einzelnen Wanderern oder kleinen Gruppen wie die, welche wir beschrieben haben. Zu beiden Seiten der Straßen von Alaria und Nomentum erhoben sich zahlreiche Zelte der Prätorianer, welche ihre innerhalb Roms gelegenen Kasernen verlassen und außerhalb der Stadtmauern ein freieres und nicht so leicht zu überraschendes Lager aufgeschlagen hatten.

Es war, wie gesagt, eine jener schrecklichen Nächte, wo alle Dinge in der Natur eine klagende oder schreckende Stimme annehmen, und der Mensch allein seine Stimme braucht, um zu lästern. Bei dem plötzlichen Anblick des erwähnten Reiterführers hätte man übrigens glauben können, er sei das Ziel, das der Zorn der Menschen und der Götter verfolgte. In dem Augenblick, wo er Rom verließ, ging ein seltsames Wehen durch die Luft, so daß die Bäume darunter zitterten, die Erde erbebte, die Pferde sich wiehernd niederbeugten und die in der Landschaft zerstreuten Häuser sichtbar auf ihren Grundflächen schwankten. Diese Erschütterung hatte nur wenige Sekunden gedauert, aber sie hatte den ganzen Apennin von Rhegium bis zu den Alpen durchlaufen, so daß ganz Italien gebebt hatte. Als die Reiter gleich nachher die Brücke überschritten, die über die Tiber geschlagen war, machte einer seiner Gefährten darauf aufmerksam, daß das Wasser, statt abwärts zum Meere zu fließen, schäumend zur Quelle zurückdrängte, eine Erscheinung, die man seit dem Tage, wo Julius Cäsar ermordet worden war, nicht mehr beobachtet hatte. Endlich erreichten sie einen Hügel, von wo aus sie ganz Rom überblicken konnten und auf dessen Spitze sich eine ehrwürdige Cypresse erhob, die so alt war wie die Stadt. Da schien sich der Himmel zu öffnen, der Blitz hüllte die Reiter in eine Schwefelwolke ein, ein furchtbarer Donnerschlag erkrachte, und der Jahrhunderte alte Baum, der allen Stürmen und Revolutionen bisher getrotzt hatte, war zerschmettert.

Bei jedem dieser unheilvollen Vorzeichen hatte der verschleierte Mann ein dumpfes Stöhnen ausgestoßen und sein Pferd, trotz der Vorstellungen eines seiner Begleiter, zu einer lebhafteren Gangart aufgemuntert, so daß die Reiter im Trab auf der Landstraße hinritten. Ungefähr eine halbe Meile von der Stadt entfernt begegnete ihnen ein Trupp Bauern, die trotz des fürchterlichen Wetters fröhlich nach Rom zogen. Sie waren mit Festkleidern geschmückt und trugen auf dem Kopfe die Mütze der Freigelassenen zum Zeichen, daß von diesem Tage an das Volk frei sei. Der verschleierte Mann wollte das Pflaster verlassen und abseits in das Feld reiten, aber einer seiner Begleiter ergriff sein Pferd am Zügel und zwang ihn, seinen Weg fortzusetzen. Als sie bei den Bauern vorüberkamen, erhob einer seinen Stock, um anzuzeigen, daß sie halten sollten. Die Reiter gehorchten.

Ihr kommt aus Rom? sagte der Bauer.

Ja, antwortete der Gefährte des verschleierten Mannes.

Was sagt man von Oenobarbus? Neros Spitzname Oenobarbus bedeutet Weinbart, das Wort ist verderbt aus Aënobarbus.

Der verschleierte Mann zitterte.

Daß er sich gerettet habe, antwortete einer der Reiter.

Nach welcher Seite?

Auf dem Wege nach Neapel sei er gesehen worden, sagt man, auf der Appischen Straße.

Danke, sagten die Bauern und zogen weiter nach Rom mit dem Ruf: Es lebe Galba! Tod dem Nero!

Diese Rufe erweckten andere; in der Ebene und in den Lagern zu beiden Seiten der Straße ließen sich die Stimmen der Prätorianer vernehmen, die den Cäsar mit furchtbaren Verwünschungen überschütteten.

Die Reiter setzten ihren Weg fort; eine Viertelmeile weiter begegneten sie einem Haufen Soldaten.

Wer seid ihr? fragte einer derselben, indem er ihnen den Weg mit seiner Lanze versperrte.

Anhänger des Galba, die Nero suchen, antwortete einer der Reiter.

Dann wünsche ich euch mehr Glück als wir hatten, sagte der Anführer, denn wir haben ihn verfehlt.

Wieso das?

Ja, man hatte uns gesagt, daß wir ihn auf dieser Straße treffen würden, und da wir einen Reiter im Galopp dahersprengen sahen, glaubten wir, er sei es.

Und? ... sagte der verschleierte Mann mit zitternder Stimme.

Wir haben ihn getötet; antwortete der Anführer; erst als wir den Leichnam betrachteten, merkten wir, daß wir uns getäuscht hatten. Seid glücklicher als wir, und Jupiter beschütze euch!

Der verschleierte Mann wollte wiederum sein Pferd in Galopp setzen, aber seine Gefährten hielten ihn zurück. Er ritt daher in mäßigem Tempo auf der Straße weiter, aber kaum hatte er fünfhundert Schritte zurückgelegt, so stieß sein Pferd an einen Leichnam und machte einen so heftigen Seitensprung, daß der Schleier, der sein Gesicht verhüllte, herabfiel. In diesem Augenblick ging ein prätorianischer Soldat vorüber, der aus dem Urlaub zurückkehrte. Heil dem Cäsar! sagte der Soldat. Er hatte Nero beim Aufleuchten eines Blitzstrahls erkannt. In der Tat war es Nero selbst, der an den Leichnam dessen gestoßen war, den man für ihn gehalten hatte. Um diese Stunde war alles für ihn eine Ursache des Schreckens, sogar das Zeichen der Ehrerbietung, das ihm ein alter Soldat entbot. Nero war vom Gipfel seiner Macht herabgestürzt durch eine jener unerhörten Wendungen, von denen die Geschichte jener Zeit mehrere Beispiele aufweist; er fand sich flüchtig und geächtet auf der Landstraße und floh vor dem Tod, den er weder sich selbst zu geben noch zu erwarten den Mut hatte. Welche Folge von Ereignissen hatte es aber vermocht, den Herrn der Welt in das Elend zu stürzen?

Als der Kaiser den Zirkus betrat, war er von den Rufen begrüßt worden: Es lebe Nero, der Olympische! Es lebe Nero, der Herkulische! Es lebe Nero, der Apollinische! Es lebe der erlauchte Sieger über alle seine Nebenbuhler! Ruhm seiner göttlichen Stimme! Glücklich sind alle, denen vergönnt war, ihre himmlischen Laute zu hören! Zur selben Zeit sprengte ein Bote aus Gallien auf schweißbedecktem Roß durch das Flaminische Tor, ritt über das Marsfeld, unter dem Triumphbogen des Claudius durch, am Kapitol entlang, trat in den Zirkus und übergab dem Hüter vor der Loge des Kaisers die Briefe, die er in großer Eile so weit hergebracht hatte. Es waren jene Briefe, die den Cäsar veranlaßten, den Zirkus zu verlassen; sie waren in der Tat von solcher Bedeutung, daß sie das plötzliche Verschwinden des Kaisers leicht erklärten. Sie kündigten den Aufstand der Gallier an.

Es gibt Epochen in der Weltgeschichte, wo man ein Reich, das im Todesschlaf zu liegen schien, plötzlich erbeben sieht, wie wenn der Genius der Freiheit zum erstenmal vom Himmel herniederstiege, um seine Träume zu erhellen. Wie groß und weit auch dieses Reich sein mag, die elektrische Erschütterung durchdringt es von Norden nach Süden und von Osten nach Westen und durchläuft unerhörte Entfernungen, um in Völkern, die gar keine Verbindung untereinander haben, aber alle in demselben Knechtschaftsverhältnis stehen, dasselbe Verlangen nach Freiheit zu entzünden. Dann hört man dieselben Rufe auf zwanzig verschiedenen Seiten zugleich erschallen, wie wenn der Blitz ihnen die Losung zum Sturm zugetragen hätte.

Alle verlangen in verschiedenen Sprachen dasselbe, nämlich: daß das, was ist, nicht mehr sein soll. Ob die Zukunft besser sein wird als die Gegenwart? Das weiß niemand, und es hat auch nicht viel zu bedeuten, denn die Gegenwart drückt so schwer, daß man sich vor allen Dingen davon befreien muß, dann läßt sich erst über die Zukunft verhandeln.

Für das römische Reich in seinem ganzen ungeheuren Umfange war dieser Zeitpunkt angebrochen. In Norddeutschland bildeten Fonteius Capiton, in Gallien Vindex, in Spanien Galba, in Lusitanien Otho, in Afrika Claudius Macer und in Syrien Vespasian mit ihren Legionen einen drohenden Halbkreis, der nur auf ein Zeichen wartete, um die Hauptstadt einzuschließen. Nur Virginius allein in Oberdeutschland war entschlossen, was auch kommen möge, nicht Nero, aber dem Vaterlande treu zu bleiben. Es fehlte also nur der zündende Funke, um den Brand anzustecken, und Vindex war es, der diesen Brand entfachte.

Dieser Prätor aquitanischer Abkunft stammte aus königlichem Geschlecht, er war ein Mann von Geist und Gemüt und erkannte, daß die Stunde gekommen sei, wo die herrschende Cäsarenfamilie erlöschen müsse. Ohne ehrgeizige Wünsche für sich selbst zu hegen, blickte er um sich nach dem rechten Manne, der die allgemeine Sympathie finden könnte. Zu seiner Rechten auf der anderen Seite der Pyrenäen stand Sulpicius Galba, den seine Siege in Afrika und Germanien bei dem Volke und dem Heere zugleich beliebt gemacht hatten. Sulpicius Galba haßte den Kaiser, dessen Furcht ihn aus seiner Villa in Fondi herausgerissen und ihn nach Spanien gesandt hatte, mehr wegen seiner Verbannung von Rom als wegen der Würde des Prätors. Sulpicius Galba war seit lange von der Volksstimme wie durch göttliche Orakel zum Alleinherrscher vorherbestimmt. Er war in jeder Hinsicht der geeignete Mann, um an die Spitze der Empörung zu treten. Vindex sandte ihm geheime Briefe, in denen er ihm den ganzen Plan des Unternehmens enthüllte; er versprach, ihm zur Unterstützung hunderttausend Gallier zu senden, und bat ihn, wenn er nicht zu dem Sturze Neros beitragen wolle, wenigstens die höchste Würde nicht zurückzuweisen, die er nicht gesucht, sondern die sich ihm von selbst dargeboten habe.

Was Galba betrifft, so verleugnete sich sein düsterer und unentschlossener Charakter nicht bei dieser Gelegenheit. Er empfing die Briefe und verbrannte sie, um auch die letzte Spur davon zu zerstören, aber ihren Inhalt behielt er sorgfältig im Gedächtnis.

Vindex fühlte, daß Galba gedrängt sein wollte; er hatte die Verbindung nicht angenommen, aber er hatte den, der sie ihm anbot, auch nicht verraten; durch dieses Stillschweigen bekundete er sein Einverständnis.

Der Augenblick war günstig. Zweimal im Jahre vereinigten sich die Gallier auf einer Nationalversammlung, die in Clermont stattfand. Hier enthüllte Vindex seine Pläne.

Mitten im Luxus und in der Verderbnis der römischen Kultur war Vindex der echte Gallier der alten Zeit geblieben. Er einte in sich die kühle und feste Entschlossenheit des Nordländers mit der kühnen, hinreißenden Beredsamkeit des Südens.

Ihr beratet hier über die Angelegenheiten Galliens, sagte er, ihr sucht die Ursache unseres Unglücks in eurer Mitte; ihr irrt, diese Ursache liegt in Rom, Oenobarbus ist der Schuldige, der eines um das andere von unsern alten Rechten vernichtet, unsere blühendsten Provinzen ins Elend gestürzt und Trauer in unsere edelsten Familien gebracht hat. Er ist jetzt der letzte seines Geschlechts, und eben weil er der letzte Sproß der Cäsarenfamilie ist, fürchtet er weder Rivalen noch Rächer und läßt seiner Wut die Zügel schießen wie seinen Rennern. Er läßt sich von seinen Leidenschaften fortreißen und zermalmt das Haupt Roms und die Glieder seiner Provinzen unter den Rädern seines Wagens. Ich habe den kaiserlichen, gekrönten Athleten und Sänger gesehen; ja, ich hab' ihn gesehen, wie er betrunken und selbst der Ehre eines Fechters und Komödianten unwürdig war. Warum wollen wir ihn mit dem Titel des Cäsars, des Fürsten, des Erlauchten schmücken? Diese Titel hatte der göttliche Augustus durch seine Tugend, der göttliche Tiberius durch seinen Geist, der göttliche Claudius durch seine Wohltaten verdient. Aber dieser schändliche Oenobarbus gleicht dem Oedipus, dem Orestes; nach diesen müßte man ihn nennen, weil er sich die Namen des Ruchlosen, des Muttermörders zur Ehre anrechnet. Früher haben unsere Vorfahren Rom im Sturm erobert, einzig von dem Wunsche nach Veränderung und der Sucht nach Gewinn geleitet. Jetzt ist es ein edlerer und würdigerer Beweggrund, der uns auf die Spur unserer Vorfahren zurückführt. Statt dem Schwerte des alten Brennus werfen wir jetzt die Freiheit der Völker in die Wagschale und bringen den Besiegten nicht Unheil, sondern Glückseligkeit!

Vindex war tapfer, und man wußte, daß die Worte, die aus seinem Munde gingen, keine eitlen Worte waren. Seine Rede wurde mit lebhaftem Beifall und geräuschvollen Kundgebungen ausgenommen. Jeder gallische Hauptmann zog sein Schwert und schwur darauf, daß er in einem Monat zurückkehren werde mit einem seinem Range und Vermögen angemessenen Gefolge und zog sich hierauf in seine Stadt zurück. Jetzt war die Maske vom Gesicht gerissen und das Schwert entblößt. Vindex schrieb zum zweitenmale an Galba.

Seit Galba in Spanien angekommen war, hatte er alles getan, sich bei der Bevölkerung beliebt zu machen. Nie gab er sich zu den Gewalttätigkeiten her, wie sie die Prätoren gewöhnlich ausübten; wenn er Erpressungen nicht verhindern konnte, beklagte er deren Opfer. Niemals sagte er etwas Schlimmes über Nero, aber er ließ satyrische Verse und beleidigende Epigramme gegen den Kaiser frei umgehen. Seine Umgebung erriet daraus seine Pläne, ohne daß er sie jemanden anvertraut hätte. An dem Tage, wo er Vindex' Botschaft empfing, gab er seinen Freunden ein großes Festmahl, und nachdem er sie von dem Aufstand der Gallier benachrichtigt hatte, teilte er ihnen am Abend die Eilbotschaft des Galliers mit, ohne etwas hinzuzufügen; so stellte er es ihnen durch sein Schweigen frei, selbständig ihre Billigung oder Mißbilligung auszudrücken. Seine Freunde blieben stumm und unentschlossen, als sie das Blatt lasen; nur einer von ihnen, namens Benius, trat bestimmter auf als die andern. Er wandte sich zu Galba, blickte ihm ins Angesicht und sagte:

Galba, wozu sollen wir noch beraten, ob wir Nero treu bleiben wollen, das ist schon so gut, als wären wir von ihm abgefallen. Entweder mußt du Vindex' Freundschaft annehmen, wie wenn Nero schon unser Feind wäre, oder du mußt ihn auf der Stelle verklagen, oder ihm den Krieg erklären, und warum? Weil er will, daß die Römer lieber dich zum Kaiser als Nero zum Tyrannen haben sollen.

Wenn es euch recht ist, wollen wir uns am fünften des nächsten Monats in Neu-Karthago wieder versammeln, um einige Sklaven in Freiheit zu setzen, antwortete Galba, als ob er die Frage nicht gehört hätte.

Die Freunde Galbas erklärten sich bereit zu kommen und verbreiteten das Gerücht, daß bei dieser Zusammenkunft über die Geschicke des Kaiserreichs entschieden werden solle.

An dem bestimmten Tage strömten alle hervorragenden Einheimischen und die eben in Spanien weilenden angesehenen Fremden an dem genannten Orte zusammen. Jeder kam in derselben Absicht, von demselben Wunsche beseelt und vom selben Haß durchglüht. Galba bestieg die Rednertribüne, und von einmütiger Begeisterung ergriffen, riefen ihn sogleich alle zum Kaiser aus.

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