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Gutenberg > Aischylos >

Agamemnon

Aischylos: Agamemnon - Kapitel 2
Quellenangabe
typetragedy
booktitleGriechische Tragiker Aischylos, Sophokles, Euripides
authorAischylos
translatorJ. G. Droysen (Berlin 1832)
year1961
publisherDeutscher Bücherbund
addressStuttgart, Hamburg
titleAgamemnon
pages111-161
senderahipler@mainz-online.de
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(Königspalast zu Argos. Auf dem flachen Dach der Wächter)

Wächter:
Die Götter bitt ich um Erlösung dieser Mühn
Der langen Jahreswache, die ich, lagernd hier
Im Dach des Atreushauses wie ein Wächterhund,
Der stillen Sterne Nachtverkehr mit angesehn,
Und die den Menschen Winter bringen und Sommerzeit,
Die hellen Führer, funkelnd durch des Äthers Raum.
Und wieder späh ich nach des Flammenzeichens Schein,
Dem Strahl des Feuers, das von Troja Kunde bringt
Und Siegesnachricht; also, denk ich, hat es mir
Geboten meiner Herrin männlich ratend Herz.
Und halt ich so hier meine nachtgestörte Ruh,
Vom Tau durchnäßt, nie mehr von Träumen aufgesucht,
So steht ja statt des Schlafes neben mir die Furcht,
Zufallen könnte gar im Schlaf mein Augenlid.
Und wenn ich ein Lied mir singen oder pfeifen will,
Den besten Schlaftrunk für den Wachestörer Schlaf,
So wein ich seufzend über dieses Hauses Los,
Das nicht, wie sonst wohl, allem Wetter glücklich trotzt.
So käm erwünscht mir meiner Müh Erlösung jetzt,
Erschien' des nächtgen, botenfrohen Feuers Schein.
(Auf den Bergen steigt eine Flamme auf)
O sei gegrüßt mir, Licht der Nacht! Taghelle Lust
Weckst du in mir, erweckst in Argos weit und breit
Festchorgesänge, diesem Glück zum Dank geweiht!
Hoiho, hoiho!
Agamemnons Gattin will ich es laut verkündigen,
Daß schnell ihr Lager sie verlasse, im Palast
Den freudenhellsten Jubel diesem Feuerschein
Entgegenjauchze, da die Troerfeste ja
Gefallen ist, wie dort der Schein es hell erzählt!
Dann will ich selbst beim Fest den Vortanz halten; mir
Auch klecken soll's, daß meiner Herrschaft Würfel jetzt
Gut fiel; die achtzehn Augen bringt mein Spähen mir.
Nun aber will ich meines Fürsten liebe Hand,
Des Heimgekehrten, schütteln hier mit dieser Hand;
Vom andern schweig ich; mir verschließt ein golden Schloß
Den Mund; das Haus selbst, wenn es sprechen könnte, würd
Am besten ihm erzählen; denn der's weiß, mit dem
Besprech ich gern; für den, der's nicht weiß, schweig ich gern.
(Wächter ab)

(Der Chor der Greise tritt auf)

Chorführer:
Zehn Jahre nun sind's,
Seit Priamos' mächtiger Richter, der Fürst
Menelaos, mit ihm Agamemnon zugleich,
Das erhabene Paar der Atriden, in Zeus'
Zweithroniger Macht, Zweizeptergewalt,
Der Argiver tausendschiffigen Zug
Von jenem Gestad
Fortführten, Genossen des Krieges.

Voll Zornmut schrien sie gewaltigen Kampf,
Wie der Weih des Gebirgs im verwilderten Schmerz
Um die Brut hoch hin sein einsam Nest
Unermüdlich umkreist,
In der Fittiche ruhendem Ruder gewiegt;
Der ins Nest bannenden,
Für die Küchlein der Sorge verwaiset!

Doch droben ein Gott, ist's Pan, ist's Zeus,
Ist es Apollon, er vernimmt des Geschreis
Weithallenden Schmerz um die fehlende Brut;
Die Vergelterin schickt,
Die Erinnys, er dem Verruchten!

Also zum Gericht Alexanders hat Zeus,
So des Gastrechts Hort, die Atriden gesandt;
So läßt um das männerumbuhlete Weib
Unablässigen, gliederzerschmetternden Kampf,
Das ermattende Knie an den Boden gestemmt,
In des Vorkampfs Tosen die Lanze zerschellt –
So läßt er die Danaer kämpfen,

Und die Troer zugleich! Mag's immer denn sein,
Wie es sei; es erfüllt das Verhängte sich doch,
Nicht Spend und Gebet, nicht Zauber beschwört,
Nicht Tränen vertilgen den lauernden Zorn
Der sühnevergessenen Gottheit!

Doch wir, kraftlos mit gealtertem Leib,
Die vom Zuge zurück man damals ließ,
Wir weilen daheim,
Die kindische Kraft mit dem Stabe gestützt,
Denn das jugendlich rüstige Mark in der Brust,
Das zur Tat anfacht, alt ist's; hier wohnt
Nicht Kampflust mehr.
Wer dem Alter erliegt, wem herbstlich die Stirn
Sich entlaubet, er wankt dreifüßigen Gang,
Nicht kräftiger mehr denn ein kraftlos Kind,
Ein tagumwandelndes Traumbild!

(Aus der königlichen Pforte ist ein festlicher Zug Dienerinnen getreten. Dann erscheint die Königin Klytaimestra)

Chorführer:
Doch, Königin, sprich,
Du des Tyndaros Kind, Klytaimestra, was ist?
Was Neues geschah?
Auf welches Gerücht, auf wessen Bericht
Ist's, daß du die Opfer verteilest?

Und den Göttern zumal, den Beschirmern der Stadt,
Himmlischen, Unteren,
Den Behütern des Markts, den Olympiern flammt's
Von Geschenken auf jeglichem Altar!

Und hüben und drüben zum Himmel empor
Steigt flackernde Glut,
Mit des heiligen Öls duftsüßem Getröpf,
Wie mit arglos schmeichelndem Zauber getränkt,
Mit dem Weihöl fürstlicher Habe!

So sage davon, was kund mir zu tun
Du vermagst und du willst!
So werde du mir der Besorgnis Arzt!
Was mich bang jetzt läßt in die Zukunft sehn,
Jetzt heiter im Schein sich der Opfer erhellt,
Dies Hoffen, die weitere Sorge verbeut's,
Den geheim herznagenden Kummer!

(Das Opfer beginnt)

Opfergesang

Erste Strophe

Chor:
Ich darf singen der herrlichen, zeichenbegünstigten Fürsten
Glückliche Fahrt – denn es haucht mir Vertraun zu den Göttern
Dies Festlied ein,
Kraft inwohnendes Alter –,
Wie einst die zwiethronige Kraft der Achaier, der griechischen Jugend
Einige Feldherrn,
Fort mit Speer und mit rächendem Arme der Vogel des Mutes
Sandte gen Troja,
Der Luftkönig die Könge der See:
Der im schwarzen Gefieder voran, der im schneeweißen Fittich
Ihm nach zum Palast an der Lanzenseite;
Auf weitschauendem Horste
Saßen sie, weideten dort vom Geweide der tragenden Häsin,
Im letzten Lauf zum Tod erhascht.
Ailinon, Ailinon rufet! Das Gute siege!

Erste Gegenstrophe

Und der erfahrene Seher, die zwei einmütigen, kühnen
Fürsten erkennend, erkannte die Hasenverschlinger,
Des Zugs Führer;
Also sprach er die Deutung:
"Wohl wird dereinst Priamos' Feste die Beute der Heerfahrt;
Alle des Schlosses,
Alle des Volkes gesammelte Schätze, sie wird mit Gewalt einst
Rauben die Moira;
So hat nimmer der Ewigen Neid
Die gefährdeten Wälle mit Heeresgewalt so nie umnachtet!
Die lautere Artemis zürnt dem Hause,
Den Flugdienern des Vaters,
Weil mit der Frucht sie die tragende, zagende Mutter geopfert;
Sie haßt der Adler arges Mahl!"
Ailinon, Ailinon rufet! Das Gute siege!

Epode

"So treuen Sinns schirmt die Holde
Des zürnenden Leun ungeborne Brut,
Sorgt für alle des heidedurchfliehnden Wildes saugende Jungen!
Enden wird sie, was Gunstreiches der Aare
Zeichen zugleich so erfreuend, so dräuend verkündet!
Dem Helfer will ich, dem Paian rufen,
Daß sie den Danaern nimmer ermüdender, widriger Winde Fahrthemmung zusend,
Lüstern nach anderem Opfer, geweiht mit Verstummen und Blutschuld,
Heimlichen, keimenden Hasses Geburt, mannscheulos Freveln, da furchtbar
Sein die empörte, mißehrte,
Tückische Herrin im Haus,
Schlaflos kindrächende Wut harrt!"
Also geweissagt wurde von Kalchas zu freudigstem Glücke
Böses aus fahrtvordeutendem Aar dem Hause der Fürsten.
Diesem ein gleiches
Ailinon, Ailinon rufet! Das Gute siege!

Zweite Strophe

Zeus, wer Zeus auch immer möge sein, ist er dieses Namens froh,
Will ich gern ihn nennen so;
Ihm vergleichen kann ich nichts, wenn ich alles auch erwäg,
Außer ihm selbst – wenn des Denkens vergebliche Qualen
Ich in Wahrheit bannen will!

Zweite Gegenstrophe

So, wer ehedem gewaltig war, allbewerten Trotzes hehr,
Was er war, nicht gilt es mehr;
Der darauf erstand, dem Allsieger unterlag auch der.
Aber den Zeus im Gesange des Sieges zu preisen,
Alles Denkens Frieden ist's!

Dritte Strophe

Ihn, der uns zum ernsten Nachsinnen leitet, uns in Leid
Lernen läßt zu seiner Zeit;
Drum weint auch im Traum im Herzen noch
Kummer leideingedenk, und es keimt
Wider Willen weiser Sinn.
Wohl heißt streng und schonungslos der ewgen hochgethronten Götter Gunst!

Dritte Gegenstrophe

Gleiches hat des Griechenzugs ältrer Führer kummervoll,
Seinem Seher sonder Groll,
Ringsandräundem Kummer ernst bereit,
Als in ruhmloser Rast fahrtgehemmt
Schwierig schon das Griechenheer,
An dem Aulisstrand gelagert, rückwärts Chalkis' Brandung strömen sah –

Vierte Strophe

Vom Strymon her wehten da die Winde
Rastloser Rast, hafenlosen Treibens,
Des Zugs Verzug,
Für Tau und Kiel immer neu Gefährde;
In trostlos langer Säumnis welkend,
Schwand auch des Heers blühnde Jugend schon dahin;
Und als ein Mittel nun,
Ärger den Fürsten selbst als ärgster Verzug, der Seher,
Artemis' Zorn deutend, erfand, und sie den Stab tief in den Sand
Stießen und selbst Tränen sie nicht hemmten, des Atreus Söhne –

Vierte Gegenstrophe

Da also sprach dieses Wort der Ältre:
"Ein hartes Los ist es, nicht zu folgen,
Und hart, daß ich
Soll schlachten mein Kind, des Hauses Kleinod,
Am Altar tauchen meine Hand soll,
Die Vaterhand, in der Tochter Opferblut!
Was ist von Schmerzen frei?
Soll ich das Heer verraten? Täuschen die Kampfgenossen?
Daß sie das windstillende Sühnopfer, das jungfräuliche Blut
Wilden Geschreis fordern, gerecht ist es; es stünde gut dann!"

Fünfte Strophe

Als er dem Joch so der Not sich beugte,
Als er der unselgen Sinneswandlung
Nachdachte, der arg unheilgen, da
Ergriff er kühn allzukühnen Vorsatz!
Denn so emporstachelt den Menschen ein erster Irrtum, den er begeht
Sinnverstört. Sinnbetört trug er's nun,
Sein Kind schlachten zu sehn für jenen weibstrafenden Krieg, der Meerfahrt
Bräutliche Totenweihe!

Fünfte Gegenstrophe

Ihr Bitten nicht, nicht ihr "Vater" Rufen,
Nicht ihre jungfräulich süße Jugend
Erbarmte der Feldherrn wilden Mut;
Der Vater sprach sein Gebet; er hieß sie
Den Diener hoch auf dem heilgen Herd niederhalten, in das Gewand
Tiefverhüllt, vorgebeugt, ziegengleich,
Befahl streng zu bewachen ihren schönrosigen Mund, daß nicht sie
Jammernd ihr Haus verfluche.

Sechste Strophe

Sie schwieg dem Machtwort in lautlosem Zwang;
Ihr Safrankleid ließ sie niederfließen,
Und sah mit wehmütgem Blick bang zu jedem bittend ihrer Opfrer,
Als ob sie so mahnen wie ein stummes Bild
Ihn jetztan sonst wollte, wo
Im goldnen mahlreichen Vätersaal sie
Jungfräulich blöd sang ihr Lied, in des Gesangs kindlich frommer Lust
Des vielteuren Vaters dreimal seliges Los zu preisen.

Sechste Gegenstrophe

Was drauf geschah, sah ich nicht, sag ich nicht;
Doch unerfüllt bleibet Kalchas' Wort nicht!
Denn Dike wägt je für Leid auch Belehrung zu. Die Zukunft –
Wer beugt ihr aus? – mag voraus ich nimmer schaun;
Dem wär voraustrauern gleich;
Denn klar dem Ausspruch entsprechend kommt sie!
Was muß geschehn, wenden mag sich es zum Heil, falls es gönnen will,
Der hier nächster Hort uns weilt, des apischen Landes Schirmherr!

Chorführer:
Ich nah in Ehrfurcht, Klytaimestra, deiner Macht;
Das ist gerecht, zu ehren seines Königes
Gemahlin, wenn verwaist ist seines Herrn der Thron.
Doch ob du nun Glaubwürdges hörtest oder nicht,
Daß du in botschaftsfroher Hoffnung opfertest,
Das gern erführ ich; aber schweigst du, kränkt's mich nicht.

Klytaimestra:
Ein Evangelium, wie's im Sprichwort heißet, ward
Das Morgenrot uns von der Mutter Nacht gesandt.
Ja, Freude höret über alle Hoffnung groß:
Die Achaier nahmen ein die Stadt des Priamos!

Chor:
Was ist? Das Wort entging mir aus Unglaublichkeit!

Klytaimestra:
In der Griechen Hand ist Troja! Sprach ich nun es klar?

Chor:
Es ergreift mich Freude, Tränen ruft sie mir hervor!

Klytaimestra:
Daß du es wohl meinst, zeigt dein Aug mir unverstellt.

Chor:
Sprich, hast du Zeugnis dessen, sicher und gewiß?

Klytaimestra:
Gewiß, was sonst denn? Wenn ein Gott mich nicht betrog.

Chor:
Du ehrst vielleicht ein überredend Traumgesicht?

Klytaimestra:
Nie würd ich Glauben schlafestrunkenem Sinne leihn.

Chor:
So macht ein schnellbeschwingt Gerücht dich wohl so froh?

Klytaimestra:
Als wär ich ein kindisch Mädchen, so verhöhnst du mich.

Chor:
Zu welcher Zeit war's, daß die Stadt vernichtet ward?

Klytaimestra:
In dieser Nacht war's, welche diesen Tag gebar.

Chor:
Doch welcher Bote mochte sich so schleunig nahn?

Klytaimestra:
Hephaistos, der vom Ida hellen Strahl gesandt!
Denn hergeschickt hat in der Feuer Wechselpost
Ein Brand den andern. Ida selbst zum Hermesfels,
In Lemnos; von der Insel her zum dritten nahm
Den breiten Lichtstrahl auf des Zeus Athosgebirg.
Hochleuchtend, daß der Wanderin Flamme mächtger Schein
Weithin der Meerflut Rücken überflog, ein Brand
Der Freude, ward goldstrahlend, einer Sonne gleich,
Zur Warte von Makistos dann das Licht gesandt.
Die schürte weiter, säumig nicht noch unbedacht
Vom Schlaf bewältigt, ihren Botenteil hinaus.
Und wieder fernhin eilend gen Euripos' Flut
Rief auf der Strahl die Wächter auf Messapios.
Die dann entbrannten und entsandten neuen Schein,
Der Graias Haufen Heidekraut anzündete.
Die rüstge Flamme, nicht ermüdet noch geschwächt,
Sie eilte weithin über Asopos' Ebene,
Gleich hellem Mondlicht, gen Kithairons Felsenstirn
Und weckte schnell der Feuerboten Wechsel auf.
Fernhin erkennbar neue Flamme schürte dort
Die Wache; hoch schlug dann das hellste Feuer auf
Und warf den Glanz weit über den Gorgopis-See.
Auf Aigiplanktos' Scheitel treffend trieb es an,
Des Fanales Lichtbahn nicht zu stören; schnell geschah's;
Sie sandten glutanschürend zu wolkenglühndem Schein
Den mächtgen Schweif der Flamme, daß er fernhinaus
Die weite Spiegelfläche des saronischen
Meerbusens leuchtend überstrahlte, bis er kam
Zu Arachnaions Gipfel nah bei unsrer Stadt.
Von dort ergoß dies Feuer sich in dieses Schloß
Der Atriden, echter Enkel der idäischen Glut.
So war die Ordnung dieses Fackellaufs bestimmt
Und, so mit Flamme Flamme wechselnd, schnell erfüllt;
Im Flammenlauf die erst und letzte hat den Preis.
Ein solches Zeugnis, solches Zeichen nenn ich dir,
Aus Troja mir voraus von meinem Mann gesandt.

Chor:
Die Götter, Herrin, preisen will ich sie demnächst;
Doch anzuhören, zu bewundern jenes Wort
Von neuem, möcht ich, daß von neuem du es sprächst.

Klytaimestra:
's ist Ilion der Griechen Beute diesen Tag!
Ich glaub, ein unvermischt Geschrei durchhallt die Stadt;
Gießt Öl und Essig du in einen Krug, so siehst
Du sie geschieden fort und fort und nicht vereint;
So wird der Sieger, so der Besiegten Rufen dort
Geschieden, so zwiefachen Loses Zeichen sein.
Die einen tiefgebeuget bei den Leichen der
Erschlagnen Männer, der Geschwister, und das Kind
Beim greisen Vater, sie beklagen nimmermehr
Mit freier Kehle dies Geschick der Teuersten.
Die andern, nachtdurchirrend, hungermatte Gier
Hat sie zum Imbiß, wie und wo die Stadt ihn beut,
Verwildert, reihlos Reih und Glied, umherzerstreut;
Wie jeder je das Los des Glückes sich gewann,
So hausen sie in Trojas speererrungenen
Palästen, für des freien Feldes Lagerplatz
Und kalten Tau ein guter Tausch – die Glücklichen!
Die ganze Nacht durch schlafen sie nun unbewacht.
Und ehren jetzt sie jenes Landes, jener Stadt,
Der Besiegten Götter und der Götter Tempel, dann
Vielleicht erliegt der Sieger nicht dem eignen Sieg.
Doch reize nicht Begier zu früh das Heer, besiegt
Von schnöder Habsucht mehr zu wollen, als es darf;
Es braucht zur Heimkehr noch zurück die zweite Fahrt,
Bevor des Seezugs Doppelbahn vollendet ist.
Und käme schuldlos auch den Göttern heim das Heer,
Wach könnte dennoch werden der Erschlagnen Blut,
Geschäh hinfort auch keine neue Freveltat. –
Von mir, von einem Weibe, habe das gehört!
Das Gute siege, jedem Blick unzweifelhaft!
Mit teuren Opfern hab ich solchen Wunsch erkauft.

Chor:
Du sprachst, o Herrin, würdig eines würdgen Manns;
Ich aber will den Göttern, da mich überzeugt
Dein früher Zeugnis, singen meinen frohen Dank;
Denn fromm erkannt sei's, wenn sich Mühe so belohnt.

Chorführer:
Allherrschender Zeus und du, freundliche Nacht,
Du Spenderin leuchtenden Schmuckes,
Die du fest anzogst um Ilions Burg
Dein fangendes Garn,
Und keiner entkam, nicht klein noch groß,
Dem gewaltigen Netze der Dienstbarkeit,
Dem alles erfassenden Unheil!
Dich, gastlicher Zeus, hoch ehr ich auch dich,
Der du das zu erfüllen an Priamos' Sohn
Längst hieltest den Bogen der Rache gespannt,
Daß weder zu früh noch ins Dunkel der Nacht
Ein eitel Geschoß hinschwirrte!

Erste Strophe

Chor:
Wie Zeus traf, wissen sie zu sagen;
Auch das vermag man aufzuspüren:
Er hat's vollbracht, zu enden!
Meinet nicht, daß die Götter den
Ihrer Sorg würdigen,
Der unverletzbares Recht
Zertrat – und der scheute's nicht!
Beweis ward sein Geschlecht,
Das tollkühn Kampf gewagt,
Im Kriegsmut wilder denn gerecht war,
Im Hochmut überstolzen Glückes,
Im Übermaß schuldig!
Sei mein Geschick niedrig, sei der Armut
Reines Gewissen gnug mir!
Schutz nicht bietet der Reichtum
Dem, der, Glückes gesättigt,
Frech zertrat der Gerechtigkeit Altar, gegen Vernichtung!

Erste Gegenstrophe

Gewaltsam treibt die arge Peitho,
Betörend emsig Kind des Unheils;
's ist Rettung allvergeblich!
Nie verglimmt, hell, ein lodernd Feuer,
Grausig hell zeugt die Schuld!
Gleich schlechter Goldmünze nützt
Gebrauch und Zeit prüfend ab
Den Goldschein, falsch gemünzt!
Denn nachlief, knabenhaft
Betört, der schnellbeschwingtem Vogel,
Der Heimat bittrer Prüfung Anfang!
Ihr Jammern hört keiner
Der Götter an, sondern zürnend trifft er
Jenen, des Frevels Anfang!
Also Paris, der damals
Gast im Haus der Atriden
Frech den gastlichen Tisch entweiht, der die Gattin entführt hat.

Zweite Strophe

Dem Volk daheim ließ sie kriegsrüstgen Lärm
Und Schildesklang, Speergedräng, Schiffsgeschrei am Strande,
Nahm Ilions Verderben mit als Brautgeschenk;
So floh sie durch die Pforte dahin,
Verwegnes wagend. Und es schrien laut,
Wehklagten laut ihres Hauses Seher:
"O Haus! O Haus! Wehe, weh dir, Fürstenstamm!
Weh, bräutlich Bett! Spuren toter Liebe, weh euch!"
Dort er, beschimpft schweigend, sonder Zorn und Groll,
Süßträumend, die er verlor, zu schauen,
Er wähnt voll Sehnsucht, die Meerentflohne
Walt' im Geist noch daheim im Hause;
Alles heiligen Bildes
Anmut ist ihm zuwider,
Ihres Auges verlorne Lust aller Liebe Verlust ihm!

Zweite Gegenstrophe

Und traumverwebt, trauerreich umschweben
Gestalten ihn, seines Grams wunderholdes Trugspiel.
So trughaft, wenn du Liebstes wähnst zu schaun,
So flüchtig deinen Händen entflohn
Verfliegt, verschwindet dir mit leisem Flügel
Dein Traumgesicht weit in Schlafes Weiten.
Also der Gram an des Fürstenhauses Herd;
Schon der so groß – und ein andrer größer noch!
Denn wer aus griechischem Lande mitgezogen ist,
Endloses Grämen weilt daheim
In seinem Haus Tag und Nacht;
Vieles nagt tief am tiefsten Herzen:
Denn wen jeder dahingab,
Weiß er; aber zurückkehrt
Statt des Mannes in jeglich Haus sein Gewaffen und Asche.

Dritte Strophe

Ares, der Leichname Goldwechsler ist's,
Im Kampf des Speers blutger Todeswäger,
Von Troja heimsendet er den Lieben
Ein kleines, trübselges Überbleibsel,
An Mannes Statt mit Staub gefüllt schönverzierten Aschenkrug!
Drum jammern sie, sie preisen ihn aller Schlachten Tapfersten,
Sie rühmen, daß er herrlich fiel, kämpfend um fremden Mannes Weib!
So in der Stille wird gemurrt,
Und es beschleicht des Kampfes Urheber des Hasses Unheil.
Aber wer in der Schlacht fiel,
Ruht dort unter den Mauern,
Ruht im troischen Grabe; fern deckt ihn feindlicher Boden!

Dritte Gegenstrophe

Gefährlich wächst Volkes Murren, grollgemischt,
Zahlt zurück volkentpreßter Flüche Schuld;
Zu hören bangt meine Sorg ein Ende
Endloser Nacht! Unerspäht den Göttern
Bleibt nimmermehr, wer Blut vergoß, und der Erinnyen schwarze Schar
Quält den, der glücklich wider Recht ist, einst mit unglückselger Fristung
Des Lebens tot; geknechtet, so späht er umsonst nach Schutz umher;
Selbst in des Ruhmes Übermaß
Brütet Gefahr; denn seinen Blitz schleudert des Donnrers Neidblick!
Mein mag mäßiges Glück sein,
Nicht als Städtezertrümmrer
Möcht ich, aber in Feindes Hand auch mich nimmer erblicken!

Epode

Ein botenfroh Feuer ließ
Durch unsere Stadt schnell Gerücht
Eilen; aber ob es wahr, wer weiß es?
Wahrheit wahrlich ist der Götter nur!
Wer wird so kindergläubig, so verblendet sein,
An dieses Scheins neuer Kunde sein Gemüt erst zu wärmen, dann, getäuscht, bittren Tausches Bild zu sein?
Für Weibes Witz paßt es, eh sie offenbar, schon zu preisen Glückes Gunst!
Leichtgläubig zu leicht verbreitet sich Frauengeschwätz,
Wie Windeswehn; doch windverweht
Versinkt zu Nichts weiberausposaunt Gerücht! –

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